Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Bemerkenswerter autobiografischer Roman
Das achte Kind von Alem Grabovac
Erzählt wird die Geschichte von Alem, der in Deutschland als Sohn einer Kroatin und eines Bosniers geboren wird.
Am Anfang wird in starken Passagen geschildert, wie die Mutter Smilja aus einem armen Dorf nach Deutschland kommt und dort Emir kennenlernt, heiratet und ein Kind bekommt. Aber Emir ist ein Dieb und Säufer und schon bald kommt es zur Trennung.
Erst als Erwachsener erfährt Alem von seinem Vater, der bereits gestorben ist und besucht sein Grab in Serbien.
Dann schwenkt das Buch zurück in Alems Kindheit und Jugend. Er wächst bei Pflegeeltern auf. Alem ist hin und hergerissen zwischen seiner Mutter und deren
gewalttätigen Freund und seinen Pflegeeltern.
Viele Elemente dieser Zeit, der frühen Achtziger werden gezeigt, so dass man sich gut einfühlen konnte.
Ab und zu ist Alem auch in der ehemaligen Heimat seiner Mutter in Kroatien und besucht seine Verwandten, aber 1991 beginnt der Krieg in Jugoslawien und es kommt zu Vertreibungen.
Der Roman zeichnet sich durch einen eigenständigen Ton aus, der den Leser ans Buch fesselt. Der Ton ist nüchtern und klar, was ich sehr schätze. Und das Buch ist offensichtlich autobiografisch, was die Intensität noch verstärkt.
Harte Zeiten
Die Kannenbäckerin von Annette Spratte
Johannas ganze Familie. Bei Pest und 30jährigen Krieg ist das normal.
Als Junge verkleidet sucht sie ihren unbekannten Onkel auf und beginnt eine Lehre als Töpferin bei ihm. Sie brennen Töpfe und Teller, verzieren sie und fabrizieren so wertvolle Stücke, Johanna hat Fleiß und Talent, aber die verkehrte Geschlechterrolle, die aufrecht erhalten hat, belastet sie.
Dieses Handwerk könnte sie als Mädchen auch trotz ihrer Begabung nicht ausüben.
Der Autorin Annette Spratte gelingt es , ein Gefühl für Johanas emotionalen Zustand zu wecken. Man bekommt auch eine guten Einblick in die Zeit und den gesellschaftlichen Konventionen.
Realistischerweise kann Johanna ihre Rolle irgendwann nicht mehr halten.
Es sind weiterhin harte und gefährliche Zeiten und der nächste Schicksalsschlag wartet. Als Leser leidet man ordentlich mit. Aber Johanna ist stark und meistert ihr Leben. Es ist ein emotional berührendes Buch.
Meisterwerk
Krass von Martin Mosebach
An dem neuen Roman des Büchnerpreisträgers Martin Mosebach ist schon das Cover in Rot und dem gespiegelten Vogel auffällig.So wird man magisch vom Buch angezogen. Martin Mosebachs opulenter Schreibstil ist auch in „Krass“ voll und ganz da. Für genießerische Leser ist das ein Leckerbissen.
Der Roman handelt in verschiedenen Orten.
Zuerst Neapel, da ist der Ausflug nach Capri eine besondere Passage. Danach Frankreich. Später dann Kairo.
Mosebach war selbst in diesen Orten und seine Beschreibungen sind exquisit.
Auffällig sind die Charaktere der Figuren.Der titelgebende Geschäftsmann Ralph Krass ist undurchschaubar. Seine Geschäfte sind vielleicht zweifelhaft. Er hat einen Tross an Angestellten und Leute, die er aushält dabei.
Eine wichtige Figur ist sein Angestellter Matthias Jüngel.
Dann die Belgerin Lidewine, die einem Zauberkünstler namens Harry Reno assistierte und dann zu Krass stößt.
Überraschenderweise wechselt der Roman im zweiten Teil zum Erzählen in der ersten Person. Das gibt dem ganzen noch einmal eine andere Note.
Es folgt noch ein dritter Teil, über den ich hier aber noch nichts verraten möchte.
Krass ist ein Meisterwerk!
Die Persönlichkeit eines Schimpansen
Sprich mit mir von T. C. Boyle
Ein Forscherteam kümmert sich um den Schimpansen Sam, der die Gebärdensprache gut beherrscht. Sam wird hervorragend als Figur aufgebaut, in diesem Zeitabschnitt aber ausschließlich von außen durch die Perspektive der Menschen betrachtet.
Doch es kommt der Tag, als die Sprachforschung mit Primaten nicht mehr weiter gefördert wird.
Ein schmerzlicher Abschied folgt. Die Studentin Aimee, die Sam besonders liebt, will sich damit nicht abfinden.
Mit Sam werden inzwischen Tierversuche absolviert. Für den Leser werden die Qualen dadurch, das sich Sam artikulieren kann, besonders deutlich.
Die Figurenkonstellationen sind gut gemacht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Roman jemand kalt lassen kann.
T.C.Boyle hat hier ein weiteres mal ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, das mich streckenweise wirklich gefesselt hat.
Ein großartiger Roman über eine fiktive Begegnung
Orangen für Dostojewskij von Michael Dangl
Die Hauptfiguren dieses Buches sind Dostojewskij und Rossini.
Fjodor M. Dostojewskijs Romane haben mich lange sehr beschäftigt. Es tut gut ihn hier als Romanfigur wiederzutreffen.
Orangen für Dostojewski ist nicht der einzige Roman mit Dostojewskij als handelnde Figur. Das gab es schon in Ein Sommer in Baden Baden.
Aber bei Michael Dangl wirkt er sympathischer und nachdenklicher. Natürlich ist er ein grüblerischer Mensch.
1862 ist er auf Auslandsreise in Venedig. Seine Begegnung mit dem Komponisten Rossini ist fiktiv, aber ein guter Einfall. So wird der Roman auch mehr auf eine Episode begrenzt. Dostojewskijs ganzes Leben würde mehrere Romane füllen.
Die Begegnung der ungleichen Männer ist herzlich. Gioachino Rossini ist ein empathischer Mensch und schafft es in ihren Gesprächen den Schriftsteller aus der Reserve zu locken. Was ist Rossini für eine großartige Figur! Diese Passagen sind pure Lesefreude.
Aber nicht nur die Dialoge, auch die Beschreibungen Venedigs dieser Zeit sind sehr interessant.
Faszinierend auch die Idee einer Möglichkeit der Zusammenarbeit dieser beiden Größen. Dostojewskij hätte ein Libretto für eine komische Oper Rossinis schreiben können.
Das ist nicht zustande gekommen, Michael Dangls schöner Roman aber schon. Ein Roman, der sowohl die Literatur als auch die Musik feiert.
Lockdown in Lagos
Das Baby ist meins von Oyinkan Braithwaite
Oyinkan Braithwaite erster Roman war so stark, dass ihr zweiter den nicht so einfach überflügeln kann. Dafür ist er noch kompakter, und vielleicht sogar etwas zu kurz.
Erzählt wird aus der Sicht von Bambi, ein junger, selbstbewusster und machohafter Mann in Lagos, Nigeria zur Zeit des harten Lockdowns.
Diese Erzählperspektive erzeugt eine gewisse Ironie und prägt das Buch.
Er gerät dann zwischen zwei Frauen und einem Baby. Es sind seine Tante und die Geliebte ihres Onkels, mit der er auch einmal etwas gehabt hat. Es ist zunächst unklar, wer die Mutter des Babys ist und eigentlich auch, wer der Vater. Vielleicht Bambi?
Die Frauen sind sich natürlich spinnefeind und wetteifern um das Kind.
Bambi entwickelt sich langsam, er schlägt sich auf die Seite des Babys.
Wegen dem Lockdown können die Figuren nicht aus dem Haus und es wird sehr kammerspielartig.
Mir imponiert an dem Roman, dass er so zeitgemäß ist und ein gesellschaftliches Bild zeigt, dabei kritisch wie illusionslos.
Die Geschichten anderer Leute
Die Geschichte eines Lügners von Boyne John
Romane über den Literaturbetrieb schätze ich sehr und Die Geschichte eines Lügners reiht sich gut ein. Die Handlung erstreckt sich über mehr als 25 Jahre.
Es ist zu Beginn des Romans 1988. Der preisgekrönte 66jährige Schriftsteller Erich Ackermann lernt einen jungen Engländer namens Maurice Swift kennen.
Er erzählt ihm einen Teil seiner Lebensgeschichte aus der Zeit des dritten Reichs. Das nutzt Maurice, um aus dieser Lebensbeichte einen reißerischen Roman zu machen.
Der Roman hat mehrere Teile, bei denen auch die Erzählperspektiven wechseln. Maurice wird aus Sicht der anderen gezeigt. Seine Perspektive wird erst ganz zum Schluß eingenommen.
Maurice wird durch die Außenperspektive als opportunistischer Schriftsteller stilisiert, der vor geistigen Diebstahl nicht scheut.
Schon komisch, schließlich ist John Boyne selbst nicht gerade zimperlich.
Das hat er in vorangegangenen Romanen bewiesen und auch hier, wenn er z.B. im zweiten Abschnitt den Schriftsteller Gore Vidal als handelnde Figur auftreten lässt. Tatsächlich wird Gore eine eindrucksvolle und respektable Figur.
Im dritten Abschnitt ist Maurice verheiratet und es wird aus Sicht seiner Frau, die eine ebenfalls Schriftstellerin ist, geschildert. Man ahnt, was kommen wird.
Fazit: Es handelt sich um einen leicht überzogenen, aber unterhaltsamen Roman!
To tghe other side
Ich und der Andere von Jürgen Kaizik
Der amerikanische Sänger Jim Morrison von den Doors ist eine Legende, dessen Musik seine Generation in den späten sechziger Jahren beeinflusste. Es war die Atmosphäre und Stimmung der Songs, die eine große psychedelische Energie erzeugte und Faszination verursachte.
Es gab auch schon andere Bücher und Filme über die Doors.
Ich und der andere reiht sich da ein, wirkt aber europäischer. Das ist natürlich kein Wunder, denn der Autor Jürgen Kaizik ist in Wien geboren. Ganz kaufe ich den von ihm beschriebenen Jim Morrison nicht. Zwar sind seine Zweifel nachvollziehbar, aber er wirkt zu unsicher, zu wenig selbstbewusst und zu zögerlich . Jims Gedanken und Überlegungen kommen mir zu wenig gefühlvoll rüber.
Viele Passagen sind gleichwohl überzeugend. Schon die anfängliche im Musikclub und die am Venice Beach. Dann werden auch entscheidende Ereignisse für Morrison mit eingebaut, z.B. wie er als Kind einen Verkehrsunfall mit einem Toten beobachtete, was ihn verstörte.
Später als Rockstar dann der Konflikt mit dem konservativen Vater.
Meine Erwartungshaltung, die vielleicht auch ungerechtfertigt war, wurde nicht erfüllt. Mir fehlt am Buch streckenweise die Sinnlichkeit, die man aus den Songs der Doors kennt. Die Beschreibungen bleiben zu sachlich. Es ist halt nicht einfach, die Energie der Doors in einem Text zu erzeugen. Die Beschreibungen psychologische Momente in Jim Morrisons Leben wurden aber überzeugend gestaltet.
Der Winter des Missvergnügens
Ein englischer Winter von Thomas Reverdy
Der französische Schriftsteller Thomas Reverdy lässt seinen Roman in England ab 1978 handeln und erwähnt viele Merkmale und Ereignisse der Zeit. Der Übergang der siebziger in die achtziger Jahre ist mit ein Thema des Buches. Das Leben wurde härter und weniger sozial. Dieser Bruch einer Ära wirkte sich bis heute aus.
Ein echtes Gefühl dieser Zeit und ihrer Stimmung stellt sich jedoch anfangs relativ wenig ein, später wird das deutlich besser und immerhin werden die Kapitel mit Bands und wichtigen Songtiteln versehen. Das bildet den Soundtrack des Romans und trägt dann doch einer zeitlichen Assoziation bei.
Ein auktorialer Erzähler erzählt in lapidaren Ton, der mir nicht gerade behagt. Aber das ist auch Geschmackssache. Eine gute Prise Humor entschädigt ein wenig.
Aber an dieser Erzählhaltung leidet auch die Figurenzeichnung teilweise. Candice, eine Fahrradkurierin und Jones, ein arbeitsloser Musiker sind keine schlechte Figuren, aber es dauert zu lange, bis man ihnen nahekommt.
Candice Temperament, ihre Leidenschaft und Engagement bei dem was tut, z.B. die Schauspielerei, gefallen mir gut. Sie ist klar die führende Figur im Roman.
Die fast spürbare Körperlichkeit der Beschreibungen gehören zur Stärke des Romans.
Auch die sozialkritische Komponenten des Buches sollte man nicht unterschätzen
Am Ende war ich mit dem Roman zufrieden.
Das Gewicht des Universums
Ein englischer Winter von Thomas Reverdy
Der kroatisch-bosnische Dichter Sead Mahmutefendić verfügt über sprachliche Kraft. Seine Sätze haben aber auch Eleganz und erzeugen starke Bilder.
Düstere Stimmungen und Selbstbefragung kennzeichnen die Gedichte dieses Bandes, das mit Requiem ein Langgedicht mit 16 Kapiteln hat sowie weitere für sich stehende Texte.
Die Gedichte verbindet die Atmosphäre und Schwermut.
Vieles ist nicht so einfach verstehen. Leider bietet das durchaus auch komplexe Vorwort wenig Hilfestellung. Als Leser muss man versuchen, sich einzufühlen.










