Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Arnos Innenleben
Doras Licht von Friederike Köpf
Eine junge Frau soll sich an der französischen Atlantikküste das Leben genommen haben, ihre Leiche wurde auf einer Sandbank gefunden. Es handelt sich um die 26-jährige Österreicherin Dora und ein paar von ihr geschriebene Worte weisen auf eine Verbindung zu Arno Andrich hin, ihrem Dozenten und Mentor an einer Wiener Kunstuni, mit dem sie vor eineinhalb Jahren einen One-Night-Stand hatte.
So weit so gut, was Dora angeht.
Viel erfahren wir auch nicht über sie, zwar kommt sie immer wieder in ganz kurzen Passagen am Anfang eines Kapitels vor, doch im Mittelpunkt des Romans steht jemand anderer: der Kunstprofessor Arno Andrich. Ihm sind wir in diesem Roman ganz nahe, erleben sein Denken und Fühlen aus seinem Kopf heraus, die Erinnerungen an die schwierige Kindheit und das Verhältnis zu dem herabwürdigenden Vater, das berufliche Getrieben-Sein, die erotischen Reize, die verschiedene junge Frauen auf ihn ausüben, seine Beziehung zu Ildiko, ohne viel Commitment eingehen zu wollen, denn sie hat ein Kind und Ersatzvater werden will er nicht.
Es ist ein ruhig, in poetischer Sprache und feinsinnig erzähltes Buch und Psychogramm eines Mannes, der neben anderen Dingen auch von Doras Suizid in seinem Leben beeinflusst und berührt wurde und sich rückblickend - wir wissen nun, dass er einige Jahre später mehrere Kinder hat - fragt, was so kommen musste und was wozu geführt hat.
Ich kann das Buch insbesondere jenen empfehlen, die gerne tiefgehende psychologische Charakterstudien von einzelnen Personen und ihren zwischenmenschlichen Beziehungen lesen und die leisen Töne schätzen.
Auch wenn eine Person ums Leben gekommen ist, hat das Buch in Bezug auf seine Erzählweise nichts von der rasanten, handlungsgetriebenen Dynamik eines Kriminalromans, sondern nimmt sich viel Zeit für die kleinen Alltagsmomente, die dabei differenziert und detailliert geschildert sind und es damit ermöglichen, dem Mann im Zentrum dieses Romans sehr nahe zu kommen.
Aus feministischer Perspektive wiederum könnte man sich wünschen, dass tatsächlich die verstorbene junge Frau etwas mehr Raum bekommen hätte, mir persönlich war es etwas zu viel Arno und seine Befindlichkeiten und etwas zu wenig Dora.
Von den mutigen Freiheitskämpferinnen Irans
Auf den Straßen Teherans von Nila
"Auf den Straßen Teherans" von Nila ist ein kurzes Werk, nur 144 Seiten in der Printausgabe und eingeteilt in kurze Kapitel, die meist nicht mehr als ein bis höchstens zwei Seiten umfassen. Man hat es schnell durchgelesen. Doch das schwächt die Wirkung nicht ab, im Gegenteil, diese wird gerade durch diese Prägnanz verstärkt:
"Schreiben heißt, ein Zeugnis abzulegen; zu exhumieren, tiefe Gräben auszuheben.
" (S. 63)
Ich habe das Gefühl, dem Kern des Protestes der mutigen Iranerinnen und Iraner gegen dieses unterdrückerische Regime nahe gekommen zu sein und, auch nach Lektüre einiger anderer Bücher zum Thema, diesen noch einmal mehr verstehen und nachfühlen zu können.
Es geht immer wieder um die ganz jungen, oft noch nicht einmal volljährigen Menschen, die sich mutig dem Regime mit Protesten auf der Straße entgegen stellen und dafür angegriffen, inhaftiert und oft auch ermordet werden. Um eine Bewegung, die trotzdem weiterkämpft und sich nicht unterdrücken lässt. Immer mehr Frauen, die ohne Kopftuch auf die Straße gehen, Protestierende, die Mullahs, die als Symbol und Vertreter des Regimes gesehen werden, ihre Turbane von den Köpfen schleudern, trauernde Mütter und Väter, die nicht aufhören, ihre Stimmen zu erheben, bis sie hoffentlich irgendwann das Regime besiegt haben werden:
"In den sozialen Medien verbreiten Theatergruppen Videos von regimekritischen Aufführungen. Wir werfen Eimer mit Farbe auf offiziell genehmigte Wandmalereien, meist Bilder von Männern des Militärs. Wir hängen Plakate mit Namen geliebter Menschen, die vom Regime ermordet wurden, von Fußgängerbrücken. Wir färben das Wasser in öffentlichen Teichen und Brunnen blutrot. Wir möchten, dass jede:r aufwacht und sieht, was geschieht. Es ist, als würden wir versuchen, den Bewohner:innen der Erde telegrafische Botschaften von einem anderen Planeten zu senden." (S. 75)
Erwähnt werden jedoch auch jene Menschen aus der Generation der Eltern der jetzt Protestierenden, die nach über 46 Jahren Unterdrückung seit 1979 ihr Leben lang so eingeschüchtert waren, dass sie sich kaum mehr trauen, das Wort gegen das Regime zu erheben und mit Erstaunen auf die mutigen Proteste ihrer Kinder blicken.
Außerdem gibt es immer wieder kurze Einblicke in die Geschichte des Irans, in ein Volk, das auch nach der Islamisierung die eigene Sprache und Kultur nicht aufgegeben hat. Es geht um mutige Vorkämpferinnen schon vor Jahrhunderten, die auch damals schon ihr Leben dafür lassen mussten, um Poeten und Dichter, um blutige Kämpfe um die religiöse und weltanschauliche Deutungshoheit, die seit Jahrhunderten das Land prägen, um die Hintergründe der Revolution im Jahr 1979, um die Einflüsse des Westens auf den Iran und den Glauben oder Unglauben daran, sich selbst befreien zu können, und um vieles mehr.
Es ist ein mutiges, kraftvolles Buch, das ich allen, die sich neu für die aktuellen Freiheitskämpfe im Iran interessieren, aber auch jenen, die schon viel darüber wissen, nur wärmstens empfehlen kann, auf dass sich die Botschaft der Autorin verbreiten möge:
"Leben kann passiv sein. Etwas zu bezeugen ist nicht passiv. Dies sind die Worte, die ich in die Zukunft senden möchte, nachdem ich durch Blut gegangen bin. Für diejenigen, die nach uns kommen und im Strudel unserer Geschichte nach uns suchen werden. Falls sie nach uns suchen werden." (S. 113)
Die Zerrissenheit einer jungen Frau zwischen Gegenwart und Vergangenheitsaufarbeitung
Heim holen von Katherina Braschel
Lina ist eine junge Frau Anfang 30, ist in Salzburg aufgewachsen und hat in Wien studiert, wo sie jetzt auch wohnt und gerne mit ihren vielfältigen Freundinnen und Freunden Partys feiert, aber auch auf Demonstrationen geht und sich generell für links-feministische Anliegen einsetzt. Außerdem hat sie schöne Familienerinnerungen an ihre Kindheit in der Gemeinschaft der nach dem 2.
Weltkrieg aus dem Balkan nach Österreich geflüchteten Donauschwaben, einer seit langem in und um Belgrad lebenden deutschsprachigen Gemeinschaft, die sich nach ihrer Vertreibung 1945 überwiegend in Salzburg und Oberösterreich ansiedelten und ihr Brauchtum weiter pflegten. Auch an die mittlerweile schon verstorbenen Großeltern, die zur NS-Zeit junge Erwachsene waren, hat Lina positive Erinnerungen, etwa an den Opa als freundlichen alten Mann, der gestorben ist, als sie ein Kind war.
Aber was war eigentlich die Rolle der Donauschwaben während der NS-Zeit? Offiziell wird in der Gemeinschaft hauptsächlich die Opferrolle kultiviert: man sei nach Kriegsende von den kommunistischen Jugoslawen böse verfolgt und vertrieben worden. Und was man selbst während dem Krieg gemacht habe? Ja, da wären die Männer halt im Krieg gewesen. Auf welcher Seite? Ja, auf deutscher natürlich, das sei ja auch verständlich, immerhin sei man davor als Minderheit unterdrückt worden.
Für Lina zerbricht ihre heile Welt, als sie erfährt, dass der Großvater nicht nur irgendeine unbedeutende Rolle im Krieg gehabt habe oder gar zwangsverpflichtet worden sei, sondern bei der SS gewesen sei. Dass die Donauschwaben als Gruppe sehr eifrige Anhänger der NS-Ideologie waren, bei der Durchführung diverser Kriegsverbrechen eine bedeutende Rolle gespielt haben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch von dem Konzentrationslager bei Belgrad, den Massenerschießungen und dem mörderischen Gaswagen, der durch Belgrad fuhr, auf jeden Fall gewusst und so einige von ihnen auch aktiv dazu beigetragen haben.
Aber was genau war die Rolle des Großvaters dabei? Lina beginnt, den noch lebenden Verwandten, insbesondere ihrer Mutter, Fragen zu stellen, auch auf die Gefahr hin, das Verhältnis zu dieser zu gefährden. Sie sucht in der Universitätsbibliothek nach wissenschaftlichen Werken zur Rolle der Donauschwaben während der NS-Zeit und findet nur sehr wenig, ebenso bei den Brauchtumsvereinen, die eher ein positives Bild ihrer Gemeinschaft pflegen wollen. Doch gelegentlich finden sich doch Hinweise, etwa hat der Großvater der Sozialversicherung gegenüber penibel genau all seine Tätigkeiten, inklusive der zu Kriegszeiten und bei der SS, angeführt, um diese als Pensionsjahre geltend machen zu können. Auch beim deutschen Militärarchiv stellt Lina einen Nachforschungsauftrag und schließlich entscheidet sich Lina auch noch für eine Reise nach Belgrad, in die alte Heimat der Großeltern, um ihre Suche zu vervollständigen.
Das Buch liest sich sehr authentisch und interessant. Im Zentrum steht mit Lina eine junge Frau, die einerseits voll und ganz in der heutigen Zeit verwurzelt ist und deren nahe Beziehungen zu Freundinnen und Freunden spürbar sind. Gut gefallen hat mir dabei, wie Lina ihren Forschungsprozess und auch das, was das alles emotional mit ihr macht, mit ihrem sozialen Umfeld zu teilen versucht und dabei auf Unterstützung, aber auch auf Grenzen und Herausforderungen stößt.
Sehr interessant waren auch die Informationen zu Lebensweise, Brauchtum und Rolle in der NS-Zeit der Donauschwaben, hier merkt man, dass die Autorin sorgfältig recherchiert hat und man dadurch aus diesem Roman einiges Neues zu diesem spannenden Thema lernen kann.
Psychologisch sehr glaubwürdig dargestellt finde ich auch die Zerrissenheit Linas zwischen einerseits der Liebe zu ihrer Familie und den positiven Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Gemeinschaft der Donauschwaben und andererseits ihr Entsetzen darüber, als sie immer mehr deren Rolle in der dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts realisieren muss.
Besonders gut gefällt mir auch die detaillierte Beschreibung von Linas Forschungsprozess, aus dem man bei Interesse eine Anleitung ableiten könnte, um selbst Nachforschungen zur Rolle der eigenen Vorfahren in dieser dunklen Zeit anzustellen.
Insgesamt handelt es sich um ein sehr gut geschriebenes, psychologisch und dramaturgisch glaubhaft und interessant geschriebenes, historisch bildendes und autobiografisch fundiertes Werk, das für einen Debütroman eine sehr hohe Qualität hat und dem ich verdiente 5 Sterne gebe.
Klassiker der Führung
The Charismatic Leader von John C. Maxwell
John C. Maxwell, geboren 1947, ist ein amerikanischer Autor und Experte für Führung. Der Vahlen Verlag hat nun einen seiner Klassiker, jenen zu charismatischer Führung, neu herausgebracht. Auch wenn das Buch im Original in der ersten Fassung wohl schon vor Jahrzehnten verfasst wurde und es dadurch natürlich nicht auf aktuelle Trends eingehen kann, finden sich viele zeitlose Wahrheiten zum Umgang mit Menschen darin.
In einfacher und zugänglicher Sprache und aufgeteilt in kurze, schnell zwischendurch lesbare Kapitel, zeigt der Autor auf, wie wichtig es für gute Führungskräfte ist, sich ehrlich für andere Menschen und deren Denkweisen und Anliegen zu interessieren, gut zuhören zu lernen und sie darauf basierend für eine gemeinsame Sache zu begeistern. Dabei geht er auch darauf ein, dass Charisma zwar zum Teil angeboren ist, aber auch viel damit zu tun hat, wie sehr man auf andere Menschen eingehen kann und dass es dabei durchaus viele Fähigkeiten gibt, die sich auch trainieren lassen.
Es ist ein sehr sympathisches Verständnis von Führung, das hier vermittelt wird, und das, wenn man sich danach orientiert, zu einem freundlicheren Umgang der Menschen miteinander, einem Gefühl von Wertgeschätzt-Werden in den Unternehmen und insgesamt zu einer besseren Welt beiträgt.
Ich kann diesen zeitlosen Führungskräfteklassiker also jedenfalls empfehlen.
Macht richtig Lust aufs Wiederverwerten
Das, was da ist von Konrad Staisch
Mit "Das, was da ist" hat der Künstler und Illustrator Konrad Staisch ein wunderbares, sehr niederschwelliges, persönliches Sachbuch geschrieben, um Menschen wie mir, die nicht viel Erfahrung mit Heimwerken haben, den Einstieg ins Recycling gebrauchter, aber wertvoller Rohmaterialien zu erleichtern.
Nach einer kurzen Einführung in das Thema Nachhaltigkeit und in die Arbeit mit verschiedenen Materialien wie Holz, Metall oder Glas finden sich viele hilfreich bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitungen etwa zum Bauen eines Bücherregals, eines Tisches oder eines Sofas aus Materialien, die man schon zu Hause hat oder von Bekannten oder am Schrottplatz finden kann.
Alles ist so einfach erklärt und so gut illustriert, dass es tatsächlich vorstellbar scheint, mit wenig bis gar keinen Vorkenntnissen direkt ins Heimwerken und Recyclen einzusteigen. Am Ende gibt es auch noch Ideen dazu, wie wir gemeinsam unsere Gesellschaft nachhaltiger gestalten können, zum Beispiel durch das Tauschen und Gemeinsam-Nutzen von Dingen, die man nicht jeden Tag braucht.
Ein unglaublich ermutigendes Buch, das einen wichtigen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leistet und dafür sensibilisiert, wie wertvoll all die Dinge sind, die wir schon haben und die sonst schnell ungenützt auf dem Schrottplatz landen.
Unzugänglich und einseitig
Babyelefant und Hausverstand von Ruth Wodak; Markus Rheindorf
Die Autoren möchten in ihrem Werk die Kommunikation, vor allem jene in verschiedenen österreichischen und zum Teil internationalen Medien, sowie durch die Politik, während der Corona-Zeit analysieren. Erhofft hätte ich mir dabei eine ausgewogene Perspektive, die Empathie für verschiedene Teile der Bevölkerung und ihre Betroffenheit durch die damals sehr zugespitzte, polarisierende Rhetorik zeigt.
Stattdessen wird aber wieder mal, wie auch damals schon so häufig, deutlich, auf welcher Seite die Autoren stehen und dass auch sie nicht sehen möchten, wie sehr damals impfkritische Menschen diffamiert, massiv unter Druck gesetzt und durch 2G und die tatsächlich in Kraft getretene Impfpflicht in Österreich gesetzlich und gesellschaftlich ausgeschlossen und an den Rand gedrängt wurden.
Ich kann ein Buch nicht ernst nehmen, das einerseits nur so mit elitär-akademischer Sprache und einem Zitat nach dem anderen um sich wirft, sich dabei oberflächlich betrachtet wissenschaftlich geben will, aber damit nur für wenige Bevölkerungsgruppen zugänglich ist und alle anderen von der Lektüre ausschließt (Beispiele dafür sind etwa nativistisch, manichäisch etc., - Fachbegriffe, die ohne Erklärung auch viele sehr gut gebildete Akademikerinnen und Akademiker ohne weiteres Nachrecherchieren nicht unbedingt sofort verstehen) und andererseits so schlampig recherchiert, dass behauptet wird, die Impfpflicht in Österreich sei nie in Kraft getreten (wie jeder leicht nachrecherchieren kann, ist sie das sehr wohl; nur wurde sie ausgesetzt, bevor das rechtliche Konsequenzen haben hätte können; individuelle Konsequenzen auf Beruf und gesellschaftliche Position vieler Menschen hatte sie dennoch) und wiederum das oft medial wiederholte, aber empirisch wenig haltbare Narrativ bedient wird, das Problem sei die mangelnde Umsetzung der Impfpflicht und nicht die vorhergehende Polarisierung und überhaupt die Einführung dieser gegen den Widerstand großer Bevölkerungsteile gewesen.
Dazu kommt auch hier wieder der Versuch der Diskreditierung der erlebten Ausgrenzungserfahrung vieler Menschen in Österreich, indem behauptet wird, Menschen ohne Impfung seien während 2G nicht tatsächlich von weiten Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen gewesen, sondern das hätten nur die bösen Boulevardmedien behauptet (auch hier kann man nur von mangelhafter Recherche, gepaart mit wenig Verständnis und Empathie, sprechen).
Es ist also insgesamt ein Buch, das sich von außen her als wissenschaftlich und faktenbasiert darstellen möchte, dem aber eine klare politische Positionierung zugrunde liegt, die aber nicht offen gelegt wird, weil es sich scheinbar neutral geben will. Damit ist es ein weiterer Baustein, um gesellschaftliche Polarisierung zu verstärken und das bekannte Narrativ der bösen Rechten zu bedienen, statt zu versuchen, Menschen mit anderen Positionen zu verstehen und zur Versöhnung und Aufarbeitung beizutragen, was unsere Gesellschaft dringend nötig hätte. So gesehen ist es ein Glück, dass das Buch in weiten Teilen sprachlich so unzugänglich geschrieben ist, dass es vermutlich nicht viele Menschen erreichen wird. Empfehlen kann ich es keinem.
Interessante feministische Utopie/Dystopie
LAHEA von Lisa-Viktoria Niederberger
"Lahea" ist das Romandebüt der österreichischen Autorin Lisa-Viktoria Niederberger, die davor unter anderem schon ein persönliches Sachbuch zum Thema "Dunkelheit" verfasst hat. Es ist ein außergewöhnliches Buch, wie ich in dieser Form noch keines gelesen habe.
Die Autorin nimmt uns mit in eine ganz neue Welt, die Insel Ebria, in einer nahen Zukunft, in der mutige Pionierinnen versuchen, in einer plastikverseuchten und ausgebeuteten Welt eine ganz neue Gemeinschaft aufzubauen: eine ohne Konkurrenz und Hierarchien, mit einem friedlichen und freundlichen Miteinander, Verbrauch von möglichst wenig Ressourcen und menschliche Begegnungen auf Augenhöhe, ohne Statusunterschiede zwischen Berufen oder gesellschaftlichen Milieus.
Die Alten erinnern sich noch an die Zeit, bevor sie mit dem Schiff auf die Insel gezogen sind, während die Jüngeren schon dort geboren sind und kein anderes System mehr kennen.
Geld gibt es nicht, die Ressourcen, z.B. Mahlzeiten, werden von zentralen Stellen nach Bedarf verteilt, die Mitglieder arbeiten den größten Teil ihrer Zeit in selbst gewählten Berufen, dazu übernehmen aber auch alle im Wechsel die eher unbeliebten, aber für die Gemeinschaft wichtigen Aufgaben wie Abwaschen oder Reinigungstätigkeiten.
Es ist ein sehr einfaches Leben mit geringer Mobilität: die Distanzen zwischen den verschiedenen Inselorten werden zu Fuß zurück gelegt, Autos gibt es nicht, nur Lastenträger für alte oder beeinträchtigte Menschen, die sich nicht mehr selbst weiterbewegen können. Für das tägliche Leben gibt es das, was auf der Insel angebaut werden kann und das, was das Meer anschwemmt sowie alle Rohstoffe, die aus dem Schiff ausgebaut werden konnten, mit dem ursprünglich vor einigen Jahrzehnten die Insel angesteuert wurde. Die Welt außerhalb Ebrias scheint es noch zu geben, davon zeugen immer wieder angeschwemmte Funde von Sportschuhen, Plastiktüten und vielem mehr, aber man weiß nicht viel über sie und es ist auch nicht erwünscht, die Insel zu verlassen, um den Rest der Welt zu erkunden.
Es gibt Frauen, Männer und Variani (Menschen, die sich keinem der beiden anderen Geschlechter eindeutig zuordnen oder sich anders identifizieren, als das ihnen ursprünglich zugeschriebene Geschlecht) und diese leben in frei gewählten Familienkonstrukten miteinander oder auch alleine. Die titelgebende Protagonistin Lahea, eine junge Frau und die Tochter der bisherigen Dorfvorsteherin ihres Heimatortes, lebt beispielsweise in einem Dreierkonstrukt mit zwei Männern, die außerdem miteinander eine homosexuelle Beziehung unterhalten, und das Dreiergespann hat auch eine kleine Tochter, um die sich alle drei kümmern.
Freie Sexualität, sowohl in den gewählten Beziehungen, als auch mit anderen Bekanntschaften oder im Rahmen des Besuches von Badehäusern, spielt eine große Rolle und wird detailreich beschrieben. Jugendliche wählen selbst einen neuen Namen und legen im Rahmen des Erwachsenwerdens ihren von den Eltern gewählten "Kindernamen" ab und in vielen Bereichen wird Rücksicht auf speziell weibliche Bedürfnisse genommen, beispielsweise gibt es unterschiedliche Zusätze zur allgemeinen Nahrung je nach individueller Zyklusphase.
Regiert wird die Insel von einem ausschließlich weiblichen Ältestenrat in der Hauptstadt, der sich aus ehemaligen Dorfvorsteherinnen zusammensetzt. Vor einiger Zeit soll es einen Aufstand gegeben haben, der niedergeschlagen wurde und über den man nicht wirklich viel weiß. Es wird versucht, allen Menschen zu vermitteln, dass diese Gesellschaftsform die beste, friedlichste und freundlichste von allen sei und keine Nachteile habe.
Und tatsächlich ist einiges von dem, was momentan in feministischen Kreisen als Utopie diskutiert wird, hier real umgesetzt, siehe zum Beispiel dieses Zitat:
"Außerdem mag Enian die Alten, liebt ihre Geschichten. Wenn sie von damals erzählen, kann er es fast nicht glauben. Dass früher alles selbst getan werden musste, putzen, kochen, auf die Kinder aufpassen, sie erziehen, lieben, ihnen Sicherheit geben. Jede Familie für sich allein. Dass es verpönt war, wenig zu arbeiten, und gleichzeitig alle erschöpft waren. Dass Arbeit wichtiger war als Gesundheit, Gemeinschaft, Kreativität. Vieles hat sich verändert, seit sie auf der Insel sind. Die größte Veränderung ist vielleicht ihre Einsicht, dass es für die Aufrechterhaltung der Versorgung und der zentralen Abläufe gar nicht notwendig ist, den ganzen Tag zu schuften. Dass das, was getan werden muss, in ein paar Stunden erledigt ist, und danach noch viel Zeit übrig bleibt für die Dinge, die wirklich wichtig sind." (S. 38/39)
Doch heißt das, dass wirklich alle glücklich und zufrieden sind? Was passiert mit den Bedürfnissen und Wünschen, etwa nach stärkerer individueller Unterscheidbarkeit, dem Wunsch nach einem Leistungsprinzip und damit verbunden nach Geld und sozialen Unterschieden, nach Abenteuern usw., die in dieser Gesellschaftsform kaum gelebt werden können? Was ist mit jenen, die meinen, in Ebria benachteiligt und zu wenig berücksichtigt zu werden? Die wiederum diese Utopie für eine Dystopie halten und von einer ganz neuen, oder auch alten, Utopie träumen? Werden die Männer es dauerhaft akzeptieren, politisch keine Macht mehr zu haben? Und was ist mit jenen Männern, mit denen niemand eine partnerschaftliche und/oder sexuelle Beziehung haben möchte? Und ist dieser Rat aus älteren Frauen die beste aller möglichen Regierungsformen? Wer findet das und wer nicht? Wissen die Menschen in Ebria alles, was es zu wissen gibt und was sie wissen sollten?
Die Autorin nimmt sich ausführlich Zeit dafür, ihre Welt vorzustellen. Das hier ist eben keine typische Dystopie, die stark handlungsgetrieben schnell viel Spannung aufbaut. Stattdessen lernen wir, durchaus gut passend zu so einer feministischen Welt, erst einmal Lahea und ihre Lebenswelt gut kennen und begleiten sie auf eine Reise durch die Insel. Die bestehenden sozialen Spannungen deuten sich erst einmal langsam an und es dauert lange, bis es zu einer Eskalation kommt, auch das ein durchaus realistisches Szenario.
Insgesamt ist es ein Buch, das in eine sehr interessante neue Welt entführt und klug und reflektiert deren Sonnen- und Schattenseiten aufzeigt. Dabei wird deutlich, wie wichtig es ist, Utopien nicht zu einseitig zu gestalten, sondern nach Möglichkeit die Interessen und Wünsche aller miteinzubeziehen und Mechanismen einzubauen, die es möglich machen, sich frühzeitig einzubringen und Änderungswünsche zu äußern, ohne dafür gleich eine Revolution starten zu müssen. Die hier gezeichnete Utopie/Dystopie ist eine feministisch-sozialistischer Prägung, zeigt dabei auch die verschiedenen damit verbundenen Vor- und Nachteile auf und regt insgesamt zum Reflektieren über verschiedene Gesellschaftsformen und die darunter liegenden Werte an.
Ich empfehle das Buch insbesondere jenen, die sich für Feminismus, Sozialismus vs. Kapitalismus und verschiedene Gesellschaftsformen interessieren. Unterhaltsam liest sich der Roman durchaus auch, wenn man bereit ist, tief in die vorgestellte neue Welt einzutauchen und sich kein schnelles Erzähltempo erhofft. Für mich ist es jedenfalls ein besonderes Buch, das sehr zum differenzierten Nachdenken anregt und noch lange nachwirken wirkt.
Trifft das Lebensgefühl vieler Frauen in den 30ern
Dabei waren wir uns immer so nah von Jette Kötschau
"Dabei wir uns immer so nah" ist das Romandebüt von Jette Kötschau und ein sehr berührendes Buch, das auch als Hörbuch, einfühlsam, unterhaltsam und authentisch gesprochen von Rebecca Veil, sehr überzeugt. Ich habe das Hörbuch gerade beendet und fühle mich emotional immer noch sehr verstanden in Bezug auf das, was auch ich in meinen 30ern erlebt habe und was so viele Frauen in der heutigen Zeit verbindet und aber gleichzeitig auseinanderbringt: die unzähligen Lebensthemen und Herausforderungen, die auf uns alle in dieser Zeit einströmen, aber oft eben nicht zugleich, sodass es sich anfühlt, als ob unsere Leben immer mehr auseinanderdriften würden und es so schwierig ist, an der ehemals so nahen Freundschaft und Verbundenheit festzuhalten.
So geht es auch Henri, Merle und Katharina, die in Schul- bzw. Studienzeit allerbeste Freundinnen waren, ständig voneinander gehört, viel miteinander unternommen und all ihre Sorgen und Probleme miteinander geteilt haben.
Doch ganz leise und subtil haben sie begonnen, sich voneinander zu entfremden: ausgerechnet Merle, von der die Freundinnen angenommen hätten, sie wolle mit ihrem Partner für immer ein DINKS-Leben ohne Kinder genießen, ist nun Mutter eines kleinen Sohnes.
Dass sie darüber aber nicht merklich jeden Tag nur überglücklich ist und strahlt, sondern mit Einsamkeit, Überforderung und kaum mehr Zeit für sich zu kämpfen hat, fällt wiederum Katharina sehr schwer zu sehen, denn diese hat seit Jahren einen heimlichen unerfüllten Kinderwunsch, von dem die Freundinnen gar nichts wissen. Schon seit Jahren möchte sie gerne mit ihrem Partner beginnen, ein Baby zu bekommen, doch dieser vertröstet sie immer weiter und es ist nicht klar, ob das überhaupt noch etwas wird mit ihm.
Henri hingegen hat kein Kind und will auch keine, doch auch sie kämpft mit ihren ganz eigenen Herausforderungen: einer schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter und der Begleitung der geliebten Großmutter, die im Sterben liegt. Dabei könnte sie die emotionale Unterstützung ihrer Freundinnen ebenfalls gut brauchen, die haben aber viel mit ihren eigenen Themen zu tun und weniger Zeit als früher.
Dem Roman gelingt es unglaublich gut, zu beschreiben und spürbar zu machen, wie die drei jungen Frauen alle mit ihren Herausforderungen zu kämpfen haben und sich eigentlich die alte Verbundenheit zurückwünschen, wie schwierig das aber für sie ist, obwohl alle drei eigentlich sympathische junge Frauen sind, die ihre Freundinnen aufrichtig schätzen. Doch die 30er bringen ihre ganz besonderen Schwierigkeiten mit sich und das noch einmal mehr in Zeiten, in denen Lebensentwürfe so stark auseinanderdriften wie kaum in einer Zeit zuvor.
Ich kann das Hörbuch allen, die selbst ungefähr in ihren 30ern sind und mit ähnlichen Themen zu tun haben, wärmstens empfehlen: man fühlt sich beim Hören einfach nur sowas von verstanden, die Autorin findet so passende Worte für all diese schwierigen Gefühle in dieser Zeit. Aber auch, wer sich in einem anderen Lebensalter befindet, aber Menschen in diesem Alter kennt und schätzt, kann von dem Hören dieses Hörbuches profitieren, denn nicht nur lernt man dabei viel über heutige Millenials, sondern es ist auch noch eine gute Unterhaltung.
Vielfältige Einblicke in modernes jüdisches Leben in Deutschland
In jedem Menschen begegnet uns eine Welt von Anna Lutz
In diesem Buch werden zehn jüdische Menschen porträtiert, die zumindest zeitweise in Deutschland leben und sich der Autorin geöffnet haben, ihr über ihre Geschichte, ihre Lebenseinstellungen und ihre Erfahrungen zu erzählen.
Alle zehn sind sehr sympathische Menschen, bei denen man spürt, wie wichtig es ihnen ist, in ihrer Umgebung etwas zu bewirken und etwas Positives zur Welt beizutragen: ob als Dirigentin, als Politiker und Buchautor, als Präsident eines Sportvereins oder als Gründerin eines Frauenmagazins für unter anderem auch jüdische Perspektiven.
Es geht in den Geschichten um das Leben dieser Menschen im heutigen Deutschland, um ihre Familiengeschichten, die leider oft von Verfolgung und Shoah geprägt sind, und auch darum, wie es ist, nach dem 7. Oktober als sichtbar jüdisch auftretende Person im heutigen Deutschland zu leben. Auch über den jüdischen Glauben und seine Prinzipien lernt man wie nebenbei so einiges, etwa über die lebendige Debattenkultur oder verschiedene Feiertage.
Für mit diesem Glauben noch nicht so vertraute Leserinnen und Leser findet sich am Ende ein Glossar.
Insgesamt ist es ein sehr interessant zu lesendes und positives Buch, das ich allen, die sich für heute in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden und ihre Erfahrungen interessieren, sehr empfehlen kann.
Genreübergreifendes Meisterwerk zu Krieg, Schnecken, Heiratsindustrie und Autorinnensein
Ein Königreich für eine Schnecke von Maria Reva
Die ukrainische-kanadische Autorin war gerade dabei, ein Buch über den Heiratstourismus hoffnungsvoller Junggesellen aus westlichen Ländern in die Ukraine zu schreiben, als im Februar 2022, nach einigen Vorboten im Jahrzehnt davor und dennoch unerwartet und schockierend, Russland die Ukraine überfiel und in einen seitdem bestehenden Krieg verwickelte.
Was macht man als Autorin in so einem Fall?
Einfach weiterschreiben, als ob nichts geschehen wäre? Unmöglich!
Das bestehende Romanvorhaben aufgeben? Das wäre doch schade gewesen.
Stattdessen ist der begabten und für die Longlist des Man Booker Prize 2025 nominierten Autorin ein ganz besonderes Kunststück gelungen: ihr bestehendes Romanfragment um die in die Gegenwart einbrechenden Ereignisse zu erweitern und daraus ein überzeugendes, genial konstruiertes, genreübergreifendes Meisterwerk aus beklemmender, tiefschwarzer Gesellschaftssatire mit naturwissenschaftlichen Einsprengseln zum Artensterben am Beispiel der Schnecke, kombiniert mit der Vermittlung von Wissen über die aktuelle Situation der Ukraine und als Sahnehäubchen einer intensiven Selbstreflexion des Schaffensprozesses als Autorin, zu erschaffen, das literarisch auf hohem Niveau und gleichzeitig äußerst unterhaltsam und damit zugänglich geschrieben ist.
Mit diesem Werk hat die Autorin etwas ganz Neues geschaffen, das ich auf diese Art noch nicht gelesen habe und meine Perspektiven auf die Ukraine, aber auch auf Schnecken, den internationalen kommerziellen Heiratsmarkt und auf die Art, wie eine Autorin in Kontakt mit ihren Themen und mit sich selbst geht, in vielfacher Weise erweitert hat.
Was lesen wir, wenn wir dieses Buch lesen?
Zuerst einmal einen scheinbar "normalen", schwarzhumoristisch geschriebenen und detailliert betrachteten, unterhaltsamen ersten Teil über Männer aus westlich geprägten Ländern, die in ihren Heimatländern nicht viel Erfolg mit der Suche nach einer Partnerin hatten und denen die angeblich so perfekten ukrainischen Frauen von den jeweiligen Agenturen in den schillerndsten Tönen gezeichnet wurden:
„Sehen Sie her! schrien die Internetseiten. Bestaunen Sie das Phänomen der ukrainischen Frau! Gut gepflegt, mit den Beinen einer Antilope und den Augen einer Katze. Das Haar der ukrainischen Frau ist lang und ihr Körper ist schlank, aber sie hat einen Masterabschluss und beherrscht mehrere Musikinstrumente! Ein ehemaliger US-Präsident und Eigner des Miss-Universe-Wettbewerbs bestätigte, die Ukraine sei unter den Teilnehmerinnen stets gut vertreten.“ (S. 77)
Dabei werden die Junggesellen durchaus differenziert dargestellt und es gibt auch den einen oder anderen Sympathieträger unter ihnen, etwa Pascha, in Kanada lebend und selbst mit ukrainischen Wurzeln und auf der Suche nach der großen Liebe:
„Auf seinem Bildschirm lockten die Sirenen mit ihrem wallenden Haar und ihren meerblauen Augen. Natürlich war er nicht dumm. Er wusste, dass nicht alle Frauen in seinem Heimatland so aussahen. Aber was konnte es schon schaden, sich die Website anzusehen?“ (S. 139)
Vor allem aber lernen wir die Frauen kennen, die dort eine Rolle vorspielen, aber gar nicht diesem Klischee entsprechen und bei denen es sich um sehr intelligente, unabhängige und selbstbewusste Frauen handelt, die teilweise sehr mit sich kämpfen müssen, um sich zu verstellen:
„Das Problematische war ihr Gesicht. Nicht sein Aussehen an sich – mit dem richtigen Make-up hatte Nastja nie Schwierigkeiten, bei den Touren angenommen zu werden -, sondern wozu es in der Lage war. Obwohl sie sich intensiv mit dem warmherzigen Gemüt der ukrainischen Frau auseinandergesetzt hatte, das diese Junggesellen erwarteten, fiel es ihr schwer, diese Erwartungen zu erfüllen.“ (S. 69)
Eine davon ist Schneckenforscherin Jewa. Eigentlich asexuell und nicht wirklich interessiert an einer Beziehung, verdient sie sich mit den Hoffnungen der Junggesellen das Geld, das ihre naturwissenschaftliche Berufung nicht abwirft. In Wirklichkeit schlägt ihr Herz nur für ein Thema: möglichst viele Schneckenarten vor dem Aussterben zu bewahren. Wenn das letzte Exemplar einer Spezies stirbt, dann wird das wie folgt vermerkt: „Ein Zeitstempel. Genauer gesagt, ein Todeszeitstempel. Der Moment, in dem eine Art für immer verschwand.“ (S. 31)
Dieses "Buch im Buch" endet mitten im Buch abrupt. Mit Abschluss und Danksagung. So, wie der bisherige Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer im Februar 2022 für immer endete, plötzlich und schockierend.
Dann ist auf einmal alles anders, außer erst einmal die Realität der Junggesellen in deren Köpfen, denn da kommt es zu Täuschungen und Verwirrspielen, auf die sich die wohlstandsverwöhnten Männer, die nicht mit einem plötzlichen Krieg rechnen, nur allzu bereit einlassen und lieber an "den Weihnachtsmann", also einen landesweit stattfindenden Pyrotechnikwettbewerb glauben wollen, der die plötzlichen Explosionen erkläre, als an einen tatsächlichen Krieg, weil nicht sein kann, was nicht sein darf:
„Heute sei ein besonderer Tag, hatte die sanfte Frauenstimme den Junggesellen über die Lautsprecheranlage des Wohnmobils mitgeteilt. Jedes Jahr finde in der Ukraine ein landesweiter Pyrotechnik-Wettbewerb statt. Das hätten die Männer drei Stunden nach Beginn ihrer Reise zu hören bekommen – die Feuerwerker versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen; landauf, landab verlobten sich Liebende unter dem funkelnden Firmament. Was könnte romantischer sein?“ (S. 220)
Ab da entwickelt sich die Handlung rasant weiter, doch Details verrate ich natürlich keine, um nicht zu spoilern. Sehr gefallen haben mir aber auch die eingeschobenen kurzen Zwischenkapitel der Autorin zu ihrem Schreibprozess und zur Beantragung von Förderungen dafür in ihrem kanadischen Heimatland, die oft die Absurdität des Autorinnendaseins in Verbindung mit einem Land, in dem Krieg herrscht, so deutlich aufzeigen, hierzu noch eine Stelle:
„Schildern Sie im Detail, wie Sie durch die Einhaltung der Covid-19-Sicherheitsvorschriften sichere Arbeitsbedingungen für sich selbst und andere gewährleisten werden:
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziehen sich die russischen Truppen aus Kyjiw zurück, um ihren Angriff auf die Donbass-Region im Osten zu konzentrieren, wodurch der Zugang zu Covid-19-Testkliniken, soweit es sie noch gibt, wieder möglich wird. (…) Sollte ich mich während eines Luftangriffs mit nicht meinem Haushalt angehörenden Personen zusammen in einem Schutzraum befinden, werde ich den angemessenen Abstand von anderhalb Metern einhalten und die Menschen in meiner Umgebung aktiv dabei unterstützen, dies ebenfalls zu tun; für ein wenig Aufklärung über öffentliche Gesundheit ist kein Moment unpassend.“ (S. 187/188)
Aus diesem Buch habe ich außergewöhnlich viel zitiert, weil es mir wichtig war, Interessierten einen Einblick in die Schreibweise und Themenvielfalt dieses ganz besonderen Werkes zu geben.
Insgesamt kann ich sagen, dass es definitiv eines meiner Jahreshighlights und ein ganz besonderes Buch war, das nicht nur mit seinen Themen, sondern mit der außergewöhnlichen Art und Weise, wie es sich diesen annähert, bei mir intellektuell und emotional noch lange nachhallen wird und das ich allen für neue Schreibweisen offen eingestellten Menschen, die sich für das aktuelle Weltgeschehen interessieren und gerne tolle Literatur dazu lesen, absolut empfehlen kann!











