Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Durch innere Stärke zur Verbundenheit mit anderen Frauen
Das Tränenhaus. Roman von Gabriele Reuter
„Das Tränenhaus“ wurde von Gabriele Reuter, die auch schon für ihr in den letzten Jahren neu aufgelegtes Werk „Aus guter Familie“ bekannt ist und zu ihrer Zeit eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin war, im Jahr 1908 veröffentlicht. Das somit bald 120 Jahre alte Werk liest sich bis heute sehr unterhaltsam und interessant, gibt einen spannenden Einblick in historische Herausforderungen ungeplant schwangerer Frauen und regt zum Nachdenken über Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Klasse an.
Die Hebamme Frau Uffenbacher, „die Uffenbacherin“, betreibt in der schwäbischen Provinz, abgelegen am Land, das „Tränenhaus“, ein Haus für ungewollt schwangere Frauen. In dieses können sie einziehen, bevor die ledige Schwangerschaft und die damit zu dieser Zeit verbundene Schande für alle öffentlich sichtbar wird, später ihr Kind gebären, es zu Pflegeeltern geben und später in ihr bisheriges Leben zurückkehren und so tun, als sei nichts gewesen.
Die meisten Mädchen und Frauen, die in diesem Haus landen, sind jung, unsicher und oft auch wenig gebildet, wurden von ihrem Liebhaber im Stich gelassen oder gar von einem Fremden vergewaltigt, ihre Familien schämen sich für sie oder wissen nichts davon. Nun ist ihr Selbstwert am Boden, sie haben die urteilende Sichtweise der Gesellschaft auf sie internalisiert und das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Niedergeschlagen ordnen sie sich der hausführenden Hebamme und den dort geltenden Regeln komplett unter.
Nicht so Cornelie. Sie ist älter als die meisten anderen Bewohnerinnen, schon in ihren 30ern, intelligent, gebildet und selbstbewusst, hat als Schriftstellerin ihr eigenes Einkommen und ist zwar manchmal voll des Zornes auf den Kindesvater, und auch ihre Mutter soll nicht unbedingt zu früh von ihrer Schwangerschaft erfahren, aber insgesamt ist sie innerlich doch weit davon entfernt, sich zu schämen.
Sie freut sich auf ihr Kind und hofft, es werde ein Mädchen werden (wie ungewöhnlich für die damalige Zeit!) und sie will es behalten und selbst aufziehen. Zuerst einmal fühlt sie sich fremd im Haus der Uffenbacherin und auch den anderen Mädchen und Frauen, die so viel weniger gebildet und reflektiert wirken als sie selbst, kaum verbunden:
„Gewiss – das machte Cornelie zur Hauptbedingung, sie durfte in keinerlei Beziehung zu diesen anderen Damen gebracht werden, sie musste ganz einsam für sich leben können.“ (S. 25)
„Auch eine Welt – auch eine Welt – dachte Cornelie, als sie wachend auf ihrem Bette lag. Und sie hatte geglaubt, etwas vom Leben zu wissen – hatte sich vermessen, Urteile zu fällen, Rätsel zu lösen, Vergleiche zu ziehen. In die Einsamkeit hatte sie zu flüchten gemeint und war, wie in alten Märchen, gleichsam in Schlaf und Traum in ein anderes Leben hinabgesunken…“ (S. 28)
Warum sie sich irgendwelchen für sie unsinnigen Regeln unterordnen sollte, etwa, tagsüber nicht in der schönen Landschaft spazieren zu gehen, damit sie keiner sehe, das kann sie nicht verstehen. Und auch sonst bietet sie der Hebamme und auch den geltenden Sitten ihrer Zeit in vielen Bereichen die Stirn, steht mutig und selbstbewusst für sich und ihr Kind ein und ist damit auch den anderen Mädchen und Frauen ein Vorbild, denen sie sich Schritt für Schritt immer mehr annähert, Gemeinsamkeiten erkennt und sich mit ihnen solidarisiert.
Ich habe diesen wieder aufgelegten Klassiker sehr gerne gelesen. Das Buch ist unterhaltsam und humorvoll geschrieben und insbesondere Cornelie, aber auch einige andere porträtierte Mädchen und Frauen, waren mir sehr sympathisch. Es war interessant, einen so genauen Einblick in die schwierige Lage selbst finanziell einigermaßen gut gestellter ungeplant schwangerer Frauen in dieser Zeit zu bekommen.
Um die Sprechweise und soziale Klasse einiger aus ländlichen Regionen stammenden Bewohnerinnen sowie der Hebamme authentisch darzustellen, sind deren Äußerungen in einem Dialekt wiedergegeben, z.B. „I weiß auch nimmer recht, wie’s kumme is“ (S. 92) oder „Dem Annerle war meistens nit recht extra zumut.“ (S. 129). Ich als aus Österreich stammende Leserin hatte hier keinerlei Verständnisprobleme.
Gleichzeitig war vieles in diesem Buch erfrischend modern: Cornelie mit ihren Ansichten, an denen die anderen sich ein Beispiel nehmen. Aber auch die zunehmende Unterstützung, Verbundenheit und Solidarisierung unter den Frauen war ein schönes Beispiel, auch für die heutige Zeit.
Besonders spannend fand ich, dass auch das in der heutigen Zeit so aktuelle, aber damals ungewöhnliche Thema der Vereinbarkeit eines anspruchsvollen Berufs mit den körperlichen und psychischen Veränderungen, die mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett einhergehen, am Beispiel von Cornelie und ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, mit der sie sich und ihr Kind auch finanziell versorgen kann, schon in diesem Buch Raum bekommt. Hier spürt man auch, dass mit Gabriele Reuter eine Frau schreibt, die weiß, wovon sie spricht: auch sie hat im Alter von 38 Jahren ledig eine Tochter bekommen und diese als Alleinerzieherin groß gezogen.
Bemerkenswert auch, wie viel Kraft Cornelie letztendlich aus der transformativen Erfahrung des Mutter-Werdens auch für ihre schriftstellerisch-schöpferische Tätigkeit ziehen kann und mit welchem Selbstbewusstsein sie als Mutter und Autorin in die Welt geht:
„Ihr Denken war reicher, ihre Erfahrungen tiefer, ihr Empfinden voller und reiner geworden in diesen Monaten der Erwartung, sie empfand es mit dem tiefen Glück, mit dem jeder starke Mensch sich wachsen fühlt. Nun legte das Bewusstsein der gewonnenen Kraft ihr eine Verpflichtung auf, der sie sich nicht mehr zu entziehen dachte. Nicht in die Einsamkeit galt es zu fliehen. Nein – dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. Zeugnis musste sie ablegen für sich und für die anderen, denen sie sich durch unzerreißbare Bande verbunden fühlte. Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbsterwählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte.“ (S. 171)
Insgesamt kann ich das Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen: natürlich allen Frauen, insbesondere jenen, die sich für die Themen Schwangerschaft und Mutterschaft interessieren oder selbst davon betroffen sind.
Aber auch für Männer könnte diese spezifisch weibliche Thematik sehr interessant und vielleicht auch in manchen Bereichen augenöffnend sein, auch noch für die heutige Zeit, in der sich die Bedingungen ungeplant Schwangerer zwar in vielen Bereichen sehr verbessert haben und in unserer Weltengegend damit keine solche Schande mehr verbunden ist, aber dennoch nach wie vor Frauen die Hauptlast ungewollter Schwangerschaft tragen und viele Alleinerziehende (mehrheitlich Frauen) mit ihren Kindern unter der Armutsgrenze leben.
Danke, Gabriele Reuter, für dieses überzeugende Plädoyer für weibliche Kraft und Solidarität und für dieses Aufzeigen der unglaublichen Stärke, die eine selbstbestimmte Frau auch angesichts herausfordernder Umstände in sich tragen kann und sich von niemandem nehmen lassen muss. Danke an den Reclam Verlag dafür, dieses tolle Werk neu aufgelegt zu haben! Von dieser großartigen Autorin möchte und werde ich sicher noch mehr lesen.
Sehr empfehlenswert
Der Baum der Symptome von Emil Sabanovic
Dr. Emil Sabanovic arbeitet als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt psychosomatische und psychosoziale Medizin in der Schweiz. Mit diesem fachlichen Hintergrund hat er mit dem "Baum der Symptome" ein lehrreiches, unterhaltsam zu lesendes und sehr gut verständliches, ganzheitliches Werk verfasst, in dem er die Komplexität der Hintergründe psychiatrischer und psychosomatischer Symptome mit der Metapher des Baumes anschaulich erklärt.
Das Buch richtet sich an einschlägig vorgebildete Personen aus dem medizinischen, pflegerischen und psychotherapeutischen Bereich. Für diese ist es sprachlich sehr gut anschlussfähig und verständlich.
Ich selbst bin als Klinische Psychologin in Österreich beratend, therapeutisch und in der Lehre tätig und habe das Buch vor diesem Hintergrund gelesen. Besonders gut gefallen hat mir die ganzheitliche Perspektive, die biologische, psychologische und soziale Faktoren mit einbezieht und auch eine Offenheit gegenüber verschiedenen Therapieschulen und -ansätzen zeigt. Zuerst geht es um biologische Grundlagen und die Auswirkungen eines daueraktivierten Nervensystems, das nicht mehr gelernt hat, zur Ruhe zu kommen, und welche Auswirkungen das auf Psyche und Körper der Betroffenen haben kann. Darauf aufbauend stellt der Autor verschiedene interessante körperbezogene Ansätze zur Diagnostik (etwa zur objektiven Messung einer stärkeren Sensibilisierung im Bereich der Schmerzwahrnehmung) und Therapie in diesem Bereich dar. In weiteren Kapiteln geht es um die Kombination von Verhaltenstherapie mit Medikation, Schematherapie, die Stuhltechnik und vieles mehr. Sehr interessant sind auch die vielen Fallbeispiele, die das Gelesene anschaulich, interessant und praktisch anwendbar machen. Am Ende jedes Kapitels finden sich außerdem Anregungen, das Gelernte in Bezug auf die eigene Praxis zu reflektieren.
Insgesamt ist es ein außergewöhnlich zugänglich und gut geschriebenes, sehr interessantes Buch, das auch für in diesem Bereich tätige Menschen noch einige neue Impulse beinhaltet und das ich nicht nur Ärztinnen und Ärzten, sondern auch Therapeutinnen und Therapeuten, Pflegepersonal und anderen im Gesundheits- und Sozialbereich tätigen Menschen, die sich für ganzheitliche Behandlungsmethoden im psychiatrischen und psychosomatischen Bereich interessieren, sehr empfehlen kann.
Für Menschen, die schöne Bücher mögen
Eine Seite noch von Meike Winnemuth
Meike Winnemuth hat schon mehrere persönliche Bücher verfasst, zum Beispiel "Das große Los", in dem sie ihre Reisen beschrieb, nachdem sie bei Günther Jauch eine halbe Million Euro gewonnen hatte. Wer ihre bisherigen, im persönlichen Stil verfassten Bücher mag, und das Lesen liebt, der wird wahrscheinlich auch dieses Buch mögen.
Es handelt sich um ein äußerst hochwertig und schon in der Umschlaggestaltung wunderschön und ansprechend gestaltetes Buch mit dicken Seiten, das sich bestens als Geschenk für Menschen eignet, die Bücher lieben und immer auf der Suche nach neuer Inspiration sind.
Die Autorin nimmt uns mit auf ihre Lesereise zwischen Mai und Oktober eines Jahres. Dabei stellt sie uns nicht nur viele interessante Bücher vor, die sie selbst gelesen hat, sondern es geht auch um unseren Umgang mit Büchern, um verschiedene Leseorte, Arten, Bücher zu sortieren, Lesen in verschiedenen Phasen unseres Lebens, um Buchclubs und Buchbesprechungen, den Besuch einer Thomas-Mann-Tagung und vieles mehr.
Kurzweilig und unterhaltsam werden wir angeregt, über so unterschiedliche Bücher wie Senecas "Von der Kürze des Lebens", Jane Austens "Stolz und Vorurteil" oder auch Rebecca Yarros' "Fourth Wing" nachzudenken. Am Ende jedes Kapitels/Lesemonats findet sich eine Liste der von der Autorin in diesem Monat gelesenen Bücher.
Auch viel beschäftigte Menschen werden mit diesem Buch ihre Freude haben: die kurzweilig geschriebenen, übersichtlichen Kapitel machen es leicht, immer wieder mal zwischendurch einen Blick hineinzuwerfen, ohne zu viel Lesezeit am Stück zu brauchen. So eignet es sich auch bestens als Büchlein, das man eingesteckt hat, um immer wieder mal eine kurze Wartezeit zu überbrücken. Ganz am Ende findet sich dann noch eine Liste weiterer Bücher über das Lesen, für alle, die diesen Themenbereich vertiefen möchten.
Eine Frau in den mittleren Jahren kreist in der Natur um sich selbst
Zugvögel wie wir von Julia Dibbern
Julia Dibbern ist eine Autorin der leisen Töne. Wie auch schon in ihrem letzten Buch "Unter Wasser ist es still" braucht es auch in ihrem aktuellen Werk "Zugvögel wie wir" nicht sehr viel Dramatik, um das Buch zu tragen. Stattdessen lebt es von viel Atmosphäre und kleinen, ruhigen Momenten, Begegnungen zwischen Menschen und in der Natur.
Im Zentrum des Buches steht Eva, eine Frau in den mittleren Jahren. Ihre Ehe ist vorbei, ihren Job ist sie los und die erwachsene Tochter hat sich seit langem von ihr entfremdet. Sehnsuchtsvoll und ein bisschen neidisch blickt Eva auf das zumindest nach außen hin so glücklich und erfüllt scheinende Leben ihrer Kindheitsfreundin Luise und wünscht sich so sehr, mit ihrem eigenen Leben glücklich sein zu können: "Eines Tages werde ich nicht mehr vergleichen. Ich werde mir nicht ein Leben wie Luises Leben wünschen, keinen Mann wie Peter und keine Familie, in der alle miteinander sprechen, singen und musizieren. Ich werde einfach mit meinem freundlichen kleinen Leben zufrieden sein." (S. 12)
Um diese Suche nach einer ruhigen Zufriedenheit mit ihrem "freundlichen kleinen Leben" geht es in dem Buch. Eva besucht Luise in Schweden, dabei bemerkt sie einen jungen Kranich, der verletzt ist, und holt Hilfe. Als das junge Kranichmädchen wieder gesund ist, mit einem Sender versehen zurück in die Freiheit entlassen wird und gemeinsam mit seinen Eltern von Schweden aus Richtung Süden bis nach Frankreich fliegt, beschließt Eva aus einer Laune heraus, dem Weg des Vogels auf einem geliehenen alten Fahrrad zu folgen.
Das ist ungewöhnlich für sie, die sonst gewohnt war, keine außergewöhnlichen Risiken einzugehen und die noch nie in der Natur übernachtet hatte. Sie wird sich auf dieser Reise einige neue Fähigkeiten aneignen müssen, Ängste und Einschränkungen überwinden und dabei viel Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken. Dabei kommt es auch zu einigen netten Begegnungen mit anderen Menschen, einige davon recht jung, im Alter ihrer Tochter.
Das Buch ist überwiegend aus der Sicht von Eva geschrieben. Eingestreut sind ab und zu kleine Kapitel aus der Sicht von Sophie, Evas Tochter. Sophie hat eine nahe Beziehung zu ihrer Oma, Evas Mutter, doch fühlt sich von ihrer eigenen Mutter seit langem unverstanden und ungesehen. Im Laufe des Buches erfährt man etwas mehr über den Auslöser der Entfremdung der beiden.
Damit komme ich auch schon zu den Stärken und Schwächen dieses Buches. Ich habe sehr gerne von Evas Reise mit dem Fahrrad auf den Spuren des Kranichmädchens gelesen. Diese Teile sind sehr atmosphärisch geschrieben, man begleitet Eva innerlich durch die Natur und auf ihrer Reise. Diese Stellen zu lesen hat etwas Entschleunigendes, Beruhigendes und Entspannendes.
Was hingegen die psychologische Tiefe und insbesondere die Mutter-Tochter-Beziehung angeht, hätte ich mir von diesem Buch mehr erwartet. Eva erlebt zwar, auf körperlicher Ebene über sich hinauszugehen und sie hat viel Zeit zum Nachdenken, doch eine echte Persönlichkeitsentwicklung oder Reflexion eigener Anteile der Entfremdung der Tochter habe ich bei ihr kaum wahrgenommen.
Zwar hat sie Sehnsucht nach der Tochter, vermisst diese und überlegt immer wieder, wie sie die richtigen Worte finden könnte, um diese zu erreichen, doch insgesamt bleibt sie in meiner Wahrnehmung eine sehr selbstzentrierte, um sich kreisende und wenig empathische Persönlichkeit.
Das ist nicht unbedingt dem Buch anzulasten, denn solche Menschen gibt es und tatsächlich ist es gerade beim Phänomen der von ihren erwachsenen Kindern verlassenen Eltern oft so, dass es sich hierbei um wenig reflektierte Eltern handelt, die nicht in der Lage sind, eigene Anteile an der Situation einzugestehen. Insofern ist Eva in dieser Hinsicht sehr authentisch dargestellt, als Leserin hätte ich ein bisschen mehr Einsicht und Persönlichkeitsentwicklung ihrerseits dennoch schön gefunden.
Insgesamt ist es ein ruhiges und naturnahes Buch, das ich insbesondere jenen, die gerne Beschreibungen von Abenteuern in der Natur lesen und keine besonderen Erwartungen an Figurenentwicklung stellen, durchaus empfehlen kann.
Die Verflechtung von Psychoanalyse und Ideengeschichte
Die Couch kennt keine Tabus von Kamyar Nowidi
Der Psychiater und Psychoanalytiker gibt in diesem Buch einen spannenden Überblick über die Verflechtungen zwischen Psychotherapie, Psychoanalyse, Philosophie, Religion und Ideengeschichte. Er widmet sich der Frage, wofür Selbsterkenntnis überhaupt gut sein könne und worauf diese in der Menschheitsgeschichte zurückgehe, betrachtet Parallelen zwischen Psychotherapie und Schamanismus und vieles mehr.
Jedes Kapitel beginnt mit einer Falldarstellung, die dann mit verschiedenen Ideen aus dem Gedankenschatz verschiedenster Disziplinen verflochten wird: so geht es etwa um psychische Thematiken, die schon in der Bibel oder in den Mythen der alten Griechen ihre Spiegelungen finden, um Ideen zur Erziehung von Rousseau in der Neuzeit, um griechische Philosophen, Augustus, der für lange Zeit die Richtung der christlichen Religion definierte, andere, die vergessen worden sind, aber auch um Sigmund Freud, C.G.Jung, Breuer, Anna Freud und viele andere. Es ist interessant, wie sich aktuelle Fälle mit so viel humanistischem Wissen verbinden lassen.
Das Buch liest sich unterhaltsam und inspirierend und seine besondere Stärke liegt darin, die Verbindungen zwischen verschiedenen Disziplinen aufzuzeigen und damit deutlich zu machen, wie ein umfassendes, interdisziplinäres Wissen dabei helfen kann, grundlegende Fragen, die die Menschen seit Jahrtausenden beschäftigen, zu analysieren.
Wer sich aber von dem Buch eine konkrete, weiterführende Analyse der Fälle der behandelten Patienten und Patientinnen erwartet, dem würde ich eher andere Werke empfehlen, z.B. jene von Irvin Yalom. Denn hier werden viele der Fälle nur angerissen und den meisten Raum nehmen die ideengeschichtlichen Darstellungen ein, die aber nicht so intensiv mit den Fällen verflochten werden, dass man wirklich verstehen könnte, inwiefern diese nicht nur zu einem analysierenden Verständnis der Thematik, sondern tatsächlich zu einer praktischen Besserung der Symptomatik und zur Heilung der Beschwerden beitragen. Insofern ist es eher ein Buch, das bei der Selbsterkenntnis hilft und die eigene Bildung aufzeigen und erweitern kann, als ein praktisch anwendbares Werk, um die Wirkweisen von Psychotherapie besser zu verstehen.
Unsere Träume als Verbindung zu Gott
Entdecke die Kraft deiner Träume von Stephanie Ike Okafor
Bücher über Träume und Traumdeutung gibt es so einige, oft mit psychologischem Hintergrund. Dieses Buch unterscheidet sich grundlegend von den anderen Werken zu diesem Thema, denn es ist von einer christlichen Pastorin aus Kalifornien geschrieben und es geht um die religiös-christliche Sicht auf Traumdeutung, um in Kontakt mit Gott zu kommen.
Insofern ist es ein empfehlenswerte Buch für christliche Menschen und auch für alle, die sich für diese Sichtweise interessieren und offen sind, ihre Perspektive diesbezüglich zu erweitern. Die Autorin selbst ist eine sehr sympathische Frau, die auch einiges aus ihrem Leben und davon, wie Gott sie auf ihrem eigenen spirituellen Weg geleitet und unterstützt hat, erzählt.
Träume werden hier als ein Weg angesehen, durch den Gott mit uns kommunizieren kann und auf symbolische Weise mit uns spricht: er kann uns Hinweise geben, die nächsten Schritte zeigen, uns unsere Berufung aufzeigen oder auf den richtigen Weg zurückführen, bei Entscheidungen unterstützen, uns trösten, aber auch uns oder andere vor Gefahren und Irrwegen warnen. Kern des Buches ist das Führen eines christlichen Lebens in Verbindung mit Gott; nicht nur in Träumen, sondern auch durch Praktiken wie Gebet, Fasten und Meditation.
Außerdem geht es auch darum, wie wir lernen können, zu unterscheiden, welche Träume und Hinweise von Gott, welche von unserer eigenen Seele und welche vielleicht von dunkleren Mächten kommen, indem wir uns mit der Bibel und dem Wesen Gottes auseinandersetzen. Es finden sich auch viele Beispiele aus der Bibel zum Thema Träume und Visionen. Eine besonders wichtige Botschaft für mich war auch, dass Gott sich wünscht, dass wir unsere Gaben, wie hier die der Traumdeutung, nicht nur selbst leben, sondern auch für andere nützen und weitergeben, im Sinne des Vermehrens.
Insgesamt ist es ein sehr interessantes und wertvolles Buch, das Gläubige in ihrem Glauben und in der Verbindung zu Gott unterstützen kann und neue Wege aufzeigt, bewusster die eigenen Träume wahrzunehmen und als wertvolles Kommunikationsmittel mit Gott zu nutzen.
Persönliche Erfahrungsgeschichte einer deutschen Journalistin in Israel
Manchmal würde ich gern schreien von Steffi Hentschke
Bei "Manchmal würde ich gern schreien" von Steffi Hentschke handelt es sich um ein sehr persönliches Buch. Die Autorin nimmt uns mit auf eine Reise durch ihre Erfahrungen als Journalistin in Israel, angefangen von ihren ersten Praktika in Israel Anfang der 2010er Jahre über die Eskalationen um 2020 bis hin zum traumatischen Überfall der Hamas auf Israel am 7.
Oktober 2023, des darauffolgenden Einmarsches Israels im Gaza-Streifen und der Bombardierung dieses, der Verhandlungen um die Freilassung der Geiseln bis hin zu den Anfängen des Kriegs mit dem Iran im Jahr 2025. Spürbar wird, wie die Autorin empathisch mit den unschuldigen Opfern beider Seiten mitfühlen kann.
Es ist ein sehr persönliches und nahbares Buch: wir lernen die Autorin als junge Frau kennen, erleben Israel und auch die palästinensischen Gebiete in der Westbank und zum Teil im Gaza-Streifen durch ihre Augen, erfahren, wie sie sich Mühe gibt, sich ein differenziertes Bild der Lage zu machen und beide Seiten zu verstehen. Zusätzlich zu ihrer persönlichen Geschichte beschreibt sie den Nahostkonflikt aus ihrer Sicht und macht dabei dessen Komplexität deutlich.
Insgesamt ist es ein sehr interessantes, zugängliches und leicht zu lesendes Buch für alle, die sich für den Nahostkonflikt interessieren. Besonderes Vorwissen zu dem Thema ist nicht nötig, die Autorin erklärt alles so, dass es gut verständlich ist. Kein Buch wird es schaffen, diesen alten Konflikt abschließend zu erklären, aber für eine erste Annäherung an das Thema kann ich dieses Werk jedenfalls empfehlen. Für mich war es sehr interessant und ich habe es gerne gelesen.
Über die negativen Seiten von Social Media
Der Kampf in den Köpfen von Nina Kolleck
Dieses Buch entspricht inhaltlich genau dem, als was es angekündigt wird: es geht um die Schattenseiten des Internets und sozialer Medien, speziell für Kinder und Jugendliche. Dabei werden neue Medien genau unter dieser Linse betrachtet: als große Gefahr und als etwas, wovor unsere Kinder und Jugendlichen tendenziell eher geschützt werden müssen.
Das ist eine mögliche Betrachtungsweise, wenn auch eine etwas einseitige. Natürlich gibt es viele Belege für das, was die Autorin anführt, die würden sich aber für Vorteile neuer Medien auch finden lassen, es hängt immer davon ab, wo man wie hinschaut und was man wie auswählt aus der Vielfalt an Quellen und Studien.
Als Digital Native, die das Internet liebt und seit langem auch viele positive Aspekte davon erlebt, hätte ich der Autorin an manchen Stellen gerne widersprochen bzw. ihre Sichtweise um die vielen Bereicherungen ergänzt, die das Internet und Social Media bieten, auch für junge Menschen. Das hätte für mich ein vollständigeres Bild ergeben, auch wenn es dann insgesamt vielleicht ein weniger zugespitztes und polarisierendes Buch geworden wäre, dass sich nicht mit so einem Aufmerksamkeit erregenden Titel vermarkten lässt. Auch hat mich persönlich etwas gestört, dass die Autorin politisch eine klare Haltung hat, die im Buch immer wieder durchkommt und so wirkt, als ob sie die einzig wahre und gute sei, in die sich unbedingt die gesamte Gesellschaft entwickeln solle. Auch diese Themen kann man auch anders sehen.
Insgesamt ist es ein interessantes Buch zu einem aktuellen Thema, das dieses aber klar mit Fokus auf das Negative beleuchtet. Ich habe es als Hörbuch des Argon-Verlages gehört, dabei hatte ich den Eindruck, dass die Sprecherin gut zum Buch passt.
Sehr empfehlenswertes Praxisbuch mit vielen Übungen
The Artist's Toolkit von Käthe Wenzel; Nadja Driller
Der Haupt Verlag ist dafür bekannt, ganz besonders schön und ansprechend gestaltete Bücher herauszubringen. Da ist auch die neueste Erscheinung - The Artist's Toolkit - keine Ausnahme. Es handelt sich um ein Buch, das schon viel Freude macht, wenn man es nur anschaut und durchblättert, denn es ist wunderschön gestaltet und steckt voller Inspiration.
Es ist ein Mitmachbuch, das dazu einlädt, sich mit verschiedenen Themen, die für künstlerische Tätigkeiten relevant sind, experimentierend auseinanderzusetzen. Trockene Theorie gibt es hier nicht, die Einführung in die jeweiligen Schwerpunkte ist kurz und knapp gehalten, danach geht es immer sofort an die praktische Arbeit und ans Ausprobieren. Das Buch beginnt mit einer Einführung in die hilfreiche innere Haltung beim künstlerischen Arbeiten und betont dabei, wie wichtig Prozessorientierung, Üben und Offenheit für die künstlerische Arbeit sind. Passend dazu ist dem Thema "Fehler machen" ein ganzes Kapitel gewidmet.
Geübt wird zum Beispiel blind zu zeichnen, jeden Tag Notizen zu machen, bewusst die eigene Umgebung zu beobachten, dabei den Fokus auf ein bestimmtes Thema zu lenken, einen Gegenstand in immer neuer Umgebung zu betrachten und vieles mehr. Wer sich auf diese Übungen einlässt, schult nicht nur die eigene Kreativität, sondern auch die Wahrnehmung der Welt, das Durchhaltevermögen und vieles mehr. Dadurch erwirbt man viele wichtige Fähigkeiten, die im Kunstbereich, aber auch in vielen anderen Bereichen nützlich und hilfreich sind und bekommt damit, in den Worten der Autorinnen "eine gut bestückte Werkzeugkiste mit künstlerischen Überlebenstechniken" (S. 190).
Inhaltlich geht es außerdem um Themen wie Skizzieren, Inspiration finden, Durchhaltevermögen, Umgang mit verschiedenen Materialien, Mut zur Lücke, bewusste Raumwahrnehmung, Organisation und schließlich auch um das Veröffentlichen der eigenen Werke, damit auch andere Menschen davon inspiriert werden und sich darin spiegeln können. In den Kapiteln finden sich viele Übungen zum praktischen Ausprobieren und am Ende jedes Kapitels gibt es weiterführende Literaturtipps für eine tiefer gehende Beschäftigung mit dem jeweiligen Schwerpunktthema sowie Selbsttests und Reflexionsfragen.
Das Buch eignet sich mit seiner offenen, Mut machenden Gestaltungsweise gut für Menschen, die sich neu mit dem Thema Kunst und eigene Kreativität beschäftigen. Es kann problemlos im Selbststudium durchgearbeitet werden. Man merkt den Autorinnen an, dass sie viel Erfahrung in der praktischen Arbeit mit Studierenden und in der Vermittlung des künstlerischen Handwerks haben. Auch ich als Hobbykünstlerin ohne berufliche Ambitionen in diesem Bereich habe mir eine Menge aus diesem inspirierenden Buch mitnehmen können und viele der Übungen und Haltungen daraus werden mich noch weiterhin begleiten. Aber auch Menschen, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen, können sich bestimmt so einiges mitnehmen, denn durch die praktischen Übungen haben alle die Möglichkeit, sich von ihrem eigenen Niveau aus weiterzuentwickeln.
Wohin die USA sich gerade entwickeln
Der amerikanische Albtraum von Klaus Brinkbäumer
Der Journalist und langjährige USA-Kenner Klaus Brinkbäumer stellt uns in seinem neuen, ausgezeichnet recherchierten Sachbuch die USA der Gegenwart vor. Er reist durch das Land, besucht Wahlveranstaltungen, spricht mit verschiedensten Menschen, beobachtet und hört zu und zeichnet dabei ein Bild eines Landes, das sich in kürzester Zeit in erschreckendem Tempo verändert hat und sich immer weiter weg von der uns bekannten Demokratie entwickelt.
Analysiert wird, wie es zum Aufstieg des aktuellen Präsidenten kommen konnte und wie dieser die "Pause" zwischen seinen beiden Regierungsperioden nutzte, um bei Wiedererlangung der Macht umso schneller das ganze Land umbauen und seine Gegner verfolgen zu können.
Dabei wird klar, dass vieles noch um einiges radikaler ist, als es aufgrund dessen, was man in Europa im Zuge der Berichterstattung so mitbekommt, wirken könnte und dass Europa nun mehr denn je gefordert ist, seine eigene Position, Einigkeit und Stärke zu finden und zu behaupten. Ich kann es allen, die sich für das aktuelle Zeitgeschehen in der Welt interessieren, wärmstens empfehlen.
Auch die Hörbuchausgabe, herausgegeben im Argon Verlag und gesprochen vom Autor selbst, ist sehr empfehlenswert: unterhaltsam, kurzweilig und gut verständlich vorgetragen, habe ich mich keine Sekunde der über 11 Stunden dauernden Hörbuchdatei gelangweilt.











