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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Ein umfassender Blick auf das Neue

Monofuturis von Konstantin Schamber

Monofuturis, das Werk des Sozialwissenschaftlers, Universitätsdozenten und Experten für strategische Vorausschau Dr. phil. Konstantin Schamber beschäftigt sich mit technologischem Fortschritt, ja. Aber es beschäftigt sich mit noch so viel mehr, stellt das spannende aktuelle Thema in einen großen Rahmen.

Wir werden dazu eingeladen, darüber nachzudenken, was überhaupt die Natur des Neuen ist und wodurch sich Innovationen auszeichnen, etwa auch dadurch, dass sie sich immer auch ein Stück weit der vollständigen Planbarkeit und Kontrolle entziehen, Unsicherheit mit sich bringen und eine Anschlussfähigkeit an die bisherigen Strukturen und einen Rahmen brauchen, um nicht wieder zu verschwinden.

Schon diese Ausführungen am Anfang des Buches zeigen auf: die Zukunft ist ein Ort, der nie aus der Perspektive der Gegenwart vollständig vorhergesagt können wird, auch wenn die Menschheit das seit Jahrtausenden mit Hilfe von Orakeln, Religion und später auch unter Einbeziehung der Wissenschaft versucht. Auch diese anthropologische Perspektive und ein kurzer Einblick in die Menschheitsgeschichte und wie in der Vergangenheit Innovationen wie beispielsweise die Erfindung der Schrift und dann die Verbreitung des Buchdruckes die menschliche Kultur tiefgreifend transformiert haben, werden in diesem Buch dargestellt.

Weiter geht es mit den Akteuren und Akteurinnen rund um technischen Fortschritt: da sind die, die ihn erschaffen, die, die ihn im Detail entwickeln und bauen, die, die gesetzliche Rahmen dafür bereitstellen und die, die versuchen, daraus profitable Unternehmensstrukturen zu generieren, aber auch wir als mehr oder weniger informierte, kompetente und bewusste Nutzerinnen und Nutzer, die mit unserer Annahme oder Verweigerung und mit unserem Umgang mit neuen Techniken letztendlich entscheiden, was sich in welcher Weise dauerhaft etabliert und dabei uns selbst und unsere Gesellschaften stark mitverändert.

Dabei wird auch darauf eingegangen, ob und inwieweit es überhaupt möglich ist, neue Techniken dauerhaft gesetzlich zu regulieren oder einzuschränken, schließlich gibt es ja auch noch informale und illegale Märkte, auf denen das Neue sich Bahn brechen kann, solange die Nachfrage groß genug ist.

Ich mochte dieses intellektuell anspruchsvolle und vielperspektivische, dabei aber sehr interessant geschriebene, Werk sehr. Es gibt viele interessante Anstöße zum weiterführenden Nachdenken und Betrachten der eigenen Position rund um technische Neuerungen. Dabei gelingt es dem Autor ausgezeichnet, die Komplexität des Themas Innovation darzustellen, ohne sich darin zu verlieren. Schrittweise und von verschiedensten Seiten nähern wir uns dem Thema an.

Es ist ein Buch, das wohl dazu gedacht ist, nicht nur einmal schnell durchgelesen, sondern immer wieder mal konsultiert und auf aktuelle technische und gesellschaftliche Neuentwicklungen angewandt zu werden und das sich auch bestens als Ideengeber für soziologische oder philosophische Gesprächsrunden eignet. Wer gerne philosophiert, nachdenkt und die Dinge interdisziplinär und in einem größeren Zusammenhang betrachtet, wird mit diesem Buch seine Freude haben.

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Ein umfassender Blick auf das Neue
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Von der Freundschaft in dunklen Zeiten

Der Betrachter von Judith Fanto

Der Ich-Erzähler Hermann, genannt "Manno", muss als Kind nach dem Tod der Mutter plötzlich aus den Niederlanden nach Wien ziehen, wo seine Tante lebt, während der ihm kaum bekannte Vater im Ersten Weltkrieg kämpft. Zuerst ist es schwer für den Jungen, den Umzug zu verkraften und auch die Tante ist nicht sehr liebevoll zu ihm.

Doch dann kommt er mit Glück zu einem Sommerferienlager mit Schwerpunkt Musik südlich von Wien, wo er die Kinder Bertl, Lotte, Max, Franzi und Béla kennen lernt und die sechs Kinder schon bald eine verschworene Gruppe bilden. Es sind Kinder und erst einmal spielen Unterschiede in Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung keine Rolle.

Aus den Kindern werden Jugendliche und junge Erwachsene, die sich am Anfang des Studiums in Wien wieder über den Weg laufen. Béla ist aus einer vermögenden ungarischen Adelsfamilie und hat großzügige Räumlichkeiten in Wien zur Verfügung, die auch von den Freunden gerne für Treffen genützt werden. Zusätzlich fährt die Freundesgruppe einmal im Jahr gemeinsam auf Sommerfrische aufs Land, zu "Baumi", einer Bekannten, die die jungen Menschen herzlich bewirtet und wo sie auf den Berg Loser steigen und im Altausseer See schwimmen können. Idylle pur und ungetrübte Freundschaft, so schön, dass es fast schon unwirklich wirkt und man sich fragt, wann die Handlung ein an Fahrt aufnehmen wird.

Dieses Buch lässt sich ausgiebig Zeit, in seine Welt, die Figuren und ihre Freundschaft einzuführen, was manchen Leserinnen und Lesern, auch mir, am Anfang durchaus etwas Geduld abverlangen kann. Es dauert mal locker ein Drittel des Buches, bis die Handlung etwas spannender wird und sich erste größere Konfliktlinien zu zeigen beginnen. Rückblickend bin ich aber sehr froh, das Buch weiter- und ausgelesen zu haben, und es wird dann auch verständlich, warum das Buch diese ausführliche Basis gebraucht hat, denn es ist wichtig für die weitere Handlung, die Charaktere ausführlich kennen gelernt zu haben.

Denn in den 1920er bis 1940er Jahren werden die Freundschaften der Freunde, nun junge bis ein bisschen gereiftere Erwachsene, auf viele harte Proben gestellt: erste Risse zeigen sich schon früh im Studium, als Bertl politisch den rechtsradikalen Burschenschaftern zugeneigt ist und stolz auf seinen "Schmiss" ist, Franzi sich leidenschaftlich für die Sozialisten engagiert und Béla seine Homosexualität erst sehr verborgen, dann aber immer offener erkundet und auslebt, wobei er ein großes Risiko eingeht, da das auch schon vor der NS-Machtübernahme zur damaligen Zeit illegal war und polizeilich verfolgt wurde.

Noch mehr spitzt sich die Lage in den 1930ern zu, als Bertl schon früh, als sie in Österreich noch verboten waren, der NSDAP beitritt, und Lotte bei erster Gelegenheit BDM-Führerin wird, während es für den schwulen Béla, aber auch für Franzi und Max, die jüdisch sind, immer schwieriger wird und die Diskriminierungen und Bedrohungen immer mehr zunehmen. Manno selbst positioniert sich kaum für die eine oder andere Seite, er wird von niemandem verfolgt, ist aber gleichzeitig lange auch der, der die Freundesgruppe zusammenhält... doch wie lange geht das noch? Wie positionieren sich die sechs Freunde angesichts von immer stärkerer Polarisierung und der damit einhergehenden drohenden Gefahr?

Judith Fanto ist insgesamt ein großartiges Werk gelungen, in dem zentrale Themen davon, was Freundschaft ausmacht, gezeigt und erlebbar gemacht werden: welche Geheimnisse müssen bewahrt werden und was macht das mit der Offenheit und dem Vertrauen in Freundschaften? Wie zeigt sich Loyalität und wo beginnt Verrat? Wie können Freundschaften überdauern, wenn die aktuellen Entwicklungen der Zeit so sehr gegen sie zu stehen scheinen? Aber auch: wo ist die Grenze zwischen Freundschaft, Romantik und Liebe, sowohl zwischen Frauen und Männern, als auch in der Beziehung zum eigenen Geschlecht, und was macht es mit der Freundschaft, wenn die romantische Anziehung - oder genau das Fehlen dieser - dazwischenfunkt bzw. die Anziehung einseitig bleibt?

Zeitlich wird die Spanne von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Nachkriegszeit abgedeckt. Es hat mir auch sehr gut gefallen, dass das Buch nicht direkt mit Kriegsende vorbei war, sondern es dann noch eine sehr interessante Szene danach gab.

Empfehlen kann ich das Buch allen, die sich insbesondere für tiefgründige zwischenmenschliche Beziehungen und das Thema Freundschaft in schwierigen Zeiten interessieren und die die Geduld aufbringen, auch über am Anfang etwas langatmiger scheinende Passagen bei der Lektüre zu bleiben: es lohnt sich, denn am Ende klappt man ein Buch zu, das tief emotional berührt hat und sicher für lange Zeit im Herzen bleiben wird.

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Von der Freundschaft in dunklen Zeiten
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Praxisnahe Einführung in Burnoutprävention

Nicht immer alles geben - Wie wir arbeiten ohne auszubrennen von Nese Oktay-Gür; Fee Kalter

Die Psychologinnen und Unternehmerinnen Fee Kalter und Dr. Nese Oktay-Gür analysieren in diesem Buch, wie die aktuelle Arbeitskultur dazu beiträgt, dass immer Menschen in verschiedenen Berufen ausbrennen. Dabei gehen sie auf gesellschaftliche Ursachen ein und zeigen individuelle Auswege aus dem Stress auf: es geht um die Beruhigung des Nervensystems, um klare Kommunikation und das Setzen von Grenzen.

Dass das nur eine Seite der Medaille ist und es auch wichtig wäre, wenn sich die Arbeitskultur in Unternehmen ändern würde, ist ihnen bewusst und auch da kommen positive Beispiele vor, etwa von Unternehmen, die die Normalarbeitszeit verkürzt haben und dabei die Produktivität noch steigern konnten. Das kapitalistische System an sich wird in diesem Buch kaum hinterfragt, das ist aber wohl auch nicht Absicht der Autorinnen.

Wer sich noch wenig mit Themen wie gesunder Abgrenzung, Stressreduktion, Burnoutprävention und psychologischen Erklärungsmodellen beschäftigt hat, der kann aus diesem Buch einiges Hilfreiches mitnehmen. Dabei wird die Theorie immer wieder durch praktische Fallbeispiele und Selbsttests aufgelockert.

Wer hingegen schon ein gutes Basiswissen in diesen Bereichen hat oder ähnliche Bücher zum Thema gelesen hat, für den wird wahrscheinlich nicht so viel grundlegend Neues dabei sein.

Damit ist es ein empfehlenswertes Buch für Menschen, die sich neu mit diesen Themen beschäftigen möchten und gerne ein paar erste Tools an die Hand bekommen möchten, um das eigene Stress- und Gesundheitsverhalten zu hinterfragen und an der einen oder anderen Stelle zu verbessern.

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Praxisnahe Einführung in Burnoutprävention
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Mystische Annäherung an die Geschichte der wilden Frau

Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova

Die Schriftstellerin Elli Hajek, Hauptfigur dieses Romans, ist - interessanterweise ähnlich wie die Autorin des Buches - 1987, wenige Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, als Kind mit ihren Eltern aus der ehemaligen Tschechoslowakei in den Westen geflüchtet. Damals war sie noch Eliška Hájková, doch der Familie war es äußerst wichtig, sich in Deutschland bis zur totalen Assimilation und Aufgabe der eigenen kulturellen Identität anzupassen:

„Irgendwann begriff ich es.

Ich begriff, dass manchmal ein paar Worte reichten, um uns zu anderen zu machen, zu Ausländern. Meine Eltern achteten darauf, wie sie sich kleideten, sie übernahmen deutsche Gepflogenheiten, äußerlich waren sie bald unverdächtig, aber sobald sie den Mund aufmachten, waren sie enttarnt.“ (S. 54)

So war es eine logische Konsequenz daraus, dass bei der Einbürgerung aus Eliška Elli wurde und kaum mehr jemand weiß, dass die junge Frau nicht in Deutschland geboren wurde. In einer vergangenen Beziehung hat Elli auch nicht die besten Erfahrungen mit dem Versuch gemacht, ihre Migrationsgeschichte und die damit verbundenen Erlebnisse mit ihrem damaligen Partner zu teilen, dieser wirkte überfordert davon und die Beziehung endete kurz darauf. Seitdem lebt Elli also ihr Leben als angepasste Deutsche, doch in der Lebensmitte kommt sie in eine Krise, die Tochter ist erwachsen und braucht sie nicht mehr wirklich, und auch beruflich funktioniert es nicht mehr wie gewohnt, ihr Verlag hat ihren letzten Romanvorschlag abgelehnt.

Da macht sie sich auf nach Tschechien, in die alte Heimat, die sie seit der Flucht in der Kindheit nur wenige Male kurz besucht hatte. Denn sie fühlt sich angezogen von einem alten Volksmärchen, das die tschechische Geschichtensammlerin Božena Němcová erzählt hat. Darin geht es um eine Frau, der nachgesagt wurde, ihr Kind getötet zu haben, und die viele Jahrzehnte abgeschieden von den Menschen alleine im Wald gelebt haben soll, die wilde Viktorka. Bis heute pilgern Menschen in die Gegend, in der sie angeblich gelebt haben soll:

„Die wahnsinnige Viktorka. Diese Zuschreibung hatten sie aus der Babička ; sie war so sehr in den tschechischen Sprachgebrauch übergegangen, dass Viktorka vom Wehr ein Synonym für Wahrheit und Verrücktheit war – und gleichzeitig für eine spezielle Art von Wildheit.“ (S. 67)

Fasziniert von dieser Geschichte macht Elli sich auf, vor Ort zu recherchieren, um herauszufinden, ob Viktorka tatsächlich gelebt haben könnte und was an der Geschichte dran ist. Dabei ahnt sie noch nicht, in was für eine mystische Beziehung sie mit der Gegend und dem Wald eintreten wird und wie sie am Ende transformiert daraus hervorgehen wird.

Besonders gut hat mir an dem Buch die Verflechtung der drei Frauengeschichten, Elli, Viktorka, und auch über die Geschichtensammlerin Božena erfährt man so manches, gefallen. Die Erzählweise ist episodenhaft, und auch die Erzählperspektiven wechseln, doch gut ausgekannt habe ich mich immer.

Ich mag Geschichten, die nicht nur rein faktenorientiert sind, sondern auch eine mystische und symbolische Komponente haben. So hat auch Elli selbst eine transformative Erfahrung alleine im Wald und nähert sich damit nicht nur über den Intellekt, sondern auch über das Spüren der Verbundenheit mit der Natur der Figur der Viktorka tiefer gehend an:

„Ich musste an Viktorka denken, ich musste an all die anderen denken, über die ich erst kürzlich so viel gelernt hatte. An die Waldmenschen, an die Holzmänner und Moosweiblein. Ich wünschte mir Haut aus Flechten und Rinde gegen die Kälte. Ich wollte aus Nebel sein und davonschweben. Ich wünschte mir Viktorkas Willen, den Mut einer Wilden Frau. Ich wünschte mir das Durchhaltevermögen eines Baums, die Widerstandskraft eines Farns. Ich wünschte mir die hellsichtigen Augen eines Kauzes und die fein justierten Ohren eines Luchses. Ich wollte das alles, damit ich die Nacht überstand, denn ich verstand jetzt: Wer im Wald überleben wollte, der musste Wald werden.“ (S. 157/158)

Insgesamt behandelt das Buch viele wichtige und ganz unterschiedliche Themen: von der Flucht aus einem kommunistischen Land in den Westen und dem, was das mit Familienbeziehungen, Identität und Entfremdung macht, über die Bewahrung, Weitergabe und Erforschung alten Kulturguts in Märchen und Geschichten bis zur Frage, was für Geschichten wir über andere, aber auch über uns selbst erzählen, und was das mit unserer Weltsicht und Identität macht, steckt ein breiter Bogen darin.

Dabei gelingt es der Autorin, diese Themen auf unterhaltsame und interessante Weise miteinander zu verweben, sodass ein Buch entstanden ist, das sich einerseits angenehm und schnell liest, bei dem sich aber durchaus auch eine sorgfältige Lektüre lohnt, um die verschiedenen Bedeutungsebenen zu entdecken und zu entschlüsseln. Ich habe es sehr gerne gelesen und es wird sicher nicht das letzte Buch dieser Autorin für mich bleiben.

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Mystische Annäherung an die Geschichte der wilden Frau
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Ein Stück Zeitgeschichte erlebbar gemacht

Geteiltes Haus von Alice Horácková

Aus Erzählungen Vertriebener und ihrer Nachkommen kennen viele Menschen aus Deutschland und Österreich die Beneš-Dekrete, im Rahmen derer nach dem 2. Weltkrieg mehrere Millionen zur deutschen Volksgruppe gehörende Menschen in der damaligen Tschechoslowakei entschädigungslos enteignet und oft brutal vertrieben wurden, und die formal bis heute in Kraft sind.

Damit ging eine lange Zeit des oft friedlichen, gerade am Ende aber sehr konflikthaften Zusammenlebens von deutschsprachigen, tschechischsprachigen und weiteren Volksgruppen in dieser Region zu Ende.

Woher kam dieser enorme Hass auf die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe im eigenen Land, sodass ein gemeinsames, gemischtkulturelles Weiterleben nicht nur unmöglich erschien, sondern auch mit großer Härte selbst gegen Kinder und alte Menschen vorgegangen wurde (was im Buch nur ganz am Rande thematisiert wird)? Dieses Buch zeigt die Hintergründe davon auf und macht verständlich, wie es schließlich zu diesem Ende kam. Passend dazu beginnt das Buch mit einem Brief einer vertriebenen Deutschen aus dem Exil in Deutschland an ihre tschechische Freundin, das Ende wird also schon vorweggenommen.

Die 1980 in Prag geborene Autorin Alice Horáčková hat beim Erforschen ihrer eigenen Familiengeschichte entdeckt, dass sie selbst aus einer gemischt tschechisch-deutschen Familie stammt und Teile ihrer Vorfahren nach 1945 nach Deutschland vertrieben wurden, wo deren Nachkommen bis heute leben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur ihre Familiengeschichte, sondern auch die Lebensumstände der damaligen Zeit detailliert zu recherchieren, um daraus ein lebendiges, zwar grundsätzlich fiktives, aber doch auch auf realen Personen und historischen Geschehnissen basierendes autofiktionales Familienepos zu erschaffen.

Herausgekommen ist dabei ein opulentes Werk von fast 900 Seiten in der gebundenen Ausgabe, das zwar aufgrund seines Umfangs durchaus einiges an Lesezeit benötigt, sich aber durch die kurzen Kapitel und die lebendige, spannende Erzählweise sehr unterhaltsam und kurzweilig liest.

Wir begleiten den Ort Benecko im tschechischen Riesengebirge und seine Einwohnerinnen und Einwohner über die Zeitspanne der österreichischen-ungarischen K.u.k.-Monarchie, den darauffolgenden Ersten Weltkrieg, der das Ende dieser mit sich bringen würde, die Erste und Zweite Tschechoslowakische Republik bis durch den Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung und in die Zeit der Dritte Republik in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg hinein. Das bei weitem längste Kapitel widmet sich dabei der Zeit des Zweiten Weltkrieges, doch auch von den Epochen davor wird ein lebendiges Zeitporträt gezeichnet und es wird spürbar, wie selbstverständlich die Menschen zwischen den Sprachen wechselten, untereinander heirateten, Freundschaften pflegten und friedlich miteinander lebten.

Mir hat es besonders gut gefallen, dass der Roman aus so vielen Perspektiven geschrieben ist und so viele unterschiedliche Personen zu Wort kommen, wodurch er für mich so lebendig und einprägsam erzählt war, dass ich das angehängte Personenregister kaum konsultieren musste und rasch ein Gefühl für die vorkommenden Personen und sozialen Beziehungen vor Ort hatte.

Da gibt es die schöne, unabhängige, freigeistige Zdenka, eine Tschechin und die Urgroßmutter der Autorin, die sich mit mehreren Männern einlässt, mitten im Krieg alleine mit einem Kind dasteht und schließlich doch ihren bisherigen Verlobten Vinzenz aus deutschsprachiger Familie heiratet, dafür aber einen hohen Preis zahlt. Vinzenz wiederum schafft es durch List, Glück, NS-Anhängerschaft und Opportunismus, aus beiden Kriegen einigermaßen unverletzt und vor allem lebendig hervorzugehen. Sein Bruder Hans, ein erfolgreicher Unternehmer, kennt nur sein Geschäft und seinen Erfolg, keinerlei Prinzipien oder Moral, übernimmt bedenkenlos zusätzlich das Unternehmen enteigneter Juden und rechtfertigt das alles auch noch damit, er habe ihnen einen Gefallen getan.

Dann gibt es den Lehrer Tomek, dem seine Schülerinnen und Schüler, aber auch Gerechtigkeit und das Überleben der tschechischen Identität sehr am Herzen liegen, der eine Dorfchronik schreibt und für seine Widerstandstätigkeit lange Jahre im Gefängnis sitzt – der aber auch eine langjährige Liebesaffäre mit Anežka, auf Deutsch Agnes, der Ehefrau des Unternehmers Hans betreibt, wobei auch letztgenannter kein Kind von Traurigkeit ist und diverse Affären hat. Anežka wiederum ist ebenfalls Lehrerin und unterrichtet, obwohl selbst zur deutschsprachigen Volksgruppe gehörend, an der tschechischen Schule.

So sind diese und noch viele weitere Personen nicht nur durch Freundschaften und Ehen, sondern auch noch im Geheimen durch diverse Liebschaften miteinander weit über Volksgruppengrenzen hinaus verbunden.

Und wer ist eigentlich der Vater von Ernst/Arnošt, Zdenkas unehelichem Sohn, und was bedeutet das für dessen Schicksal in einer Zeit, in der es immer wichtiger wird, sich über die eigene Nationalität zu definieren?

Anežka, Tochter des ehemaligen deutschsprachigen Bürgermeisters, und die Tschechin Zdenka, sind schlussendlich durch ihre Heirat mit Brüdern Schwägerinnen, doch gibt es auch so einiges, was sie potentiell trennen kann… wie wird ihre Freundschaft all diese Widrigkeiten überstehen?

Ich habe dieses Buch mit sehr viel Freude, Spannung und Interesse regelrecht verschlungen und habe mich die ganze Zeit sehr nah dran an den handelnden Personen und ihren Schicksalen gefühlt. Die sehr interessante Zeitepoche von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in der Gegend des Riesengebirges, ihre vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen und Zerwürfnisse und deren reale Konsequenzen für all die betroffenen Menschen sind dadurch noch einmal neu und anders für mich erlebbar geworden und ich habe den Eindruck, mir mit diesem Buch – auch wenn es eine fiktionalisierte Geschichte ist – ein Stück mitteleuropäischer Zeitgeschichte noch einmal neu erschlossen zu haben.

Deshalb kann ich dieses Buch allen, die sich für Zeitgeschichte interessieren, aber genauso auch jenen, die einfach gerne ein umfangreiches, aber kurzweiliges, spannend geschriebenes und vielperspektivisches Familienepos lesen, absolut empfehlen, und freue mich auf weitere Bücher dieser talentierten Autorin.

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Ein Stück Zeitgeschichte erlebbar gemacht
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Großartiges Inspirationsbuch für Kinder, Jugendliche und interessierte Erwachsene

Dieses Buch zeigt dir, wie’s geht : Kunst von Ruth Millington

Laut offizieller Empfehlung richtet sich dieses Buch an Kinder ab 8 Jahren. Ich habe eine fünfjährige Tochter und kann mit ihr durchaus schon einiges aus diesem Buch ausprobieren: in Begleitung Erwachsener ist es also auch schon für Kinder ab dem Vorschulalter oder spätestens ab Volksschulbeginn gut einsetzbar.

Sollen die Kinder sich alleine damit beschäftigen, braucht es natürlich Lesekenntnisse sowie die Fähigkeit, mit verschiedenen künstlerischen Materialien alleine umzugehen.

Das Buch ist wunderschön, bunt, ansprechend und inspirierend gestaltet: so, wie ich es liebe, und mir auch als Erwachsene das Herz aufgeht, sobald ich mich damit beschäftige!

Nach einer kurzen allgemeinen Einführung in künstlerisches Arbeiten, Materialien, die Farbpalette und die Gestaltung eines Ateliers werden jeweils auf einer Doppelseite 25 verschiedene Künstlerinnen und Künstler vorgestellt und gezeigt, für welche Methoden sie besonders bekannt sind und wie man diese spielerisch und einfach selbst ausprobieren kann. Es ist eine bunte Mischung aus sehr bekannten Kunstschaffenden wie Claude Monet, Salvador Dalí oder Frida Kahlo und bisher unbekannteren Künstlerinnen und Künstlern wie der Südafrikanerin Esther Mahlangu, der Japanerin Yayoi Kusama oder dem Chinesen Liu Bolin.

Diese Beispiele zeigen schon, dass es der Autorin offenbar wichtig war, einen internationalen und vielfältigen Blick auf die Welt der Kunst zu zeigen, sodass Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen darin vorkommen und auch viele Frauen vertreten sind (was leider bei manchen anderen Werken zu diesem Thema noch immer deutlich seltener der Fall ist). Das macht mir das Buch ganz besonders sympathisch für die Arbeit mit Kindern, denn es zeigt durch seine Vorbildwirkung, dass wirklich jede/r und ganz unterschiedliche Menschen kreative Werke schaffen können.

Auch die vorgestellten Techniken sind vielfältig: von Mosaiken über Selbstporträts und geschnitzte Skulpturen, Bilder aus kleinen Punkten (Pointillismus), Collagen und Stillleben bis zu Schnur-Skulpturen und Scherenschnitten zeigt sich eine breite Palette an Inspirationen zum Ausprobieren, manche leichter, manche ein bisschen fordernder, sodass für verschiedene Altersgruppen und Niveaus an künstlerischen Vorkenntnissen etwas dabei ist.

Es wird immer zuerst einmal gezeigt, wer der jeweilige Künstler oder die Künstlerin war, für welche Methode er oder sie besonders bekannt ist und wie die Person mit dieser Methode gearbeitet hat. Dann gibt es eine Anleitung, wie man die jeweilige Methode selbst ausprobieren kann, in einzelnen Schritten gut verständlich und nachvollziehbar erklärt, sodass das Nachmachen leicht fällt.

Dieses großartige Buch macht Kunst also wirklich zugänglich und schafft einen Zugang, nicht nur vorhandene Kunst besser verstehen zu lernen, sondern selbst kreativ zu werden und daran teilzuhaben.

Ich kann es als inspirierendes Geschenk für interessierte Kinder, aber durchaus auch für Jugendliche und Erwachsene, die gerne kreativ etwas Neues ausprobieren und sich künstlerisch besser kennen lernen möchten, genauso wie als Inspirations- und Arbeitsmaterial für alle, die mit Kindern und Jugendlichen oder auch mit Gruppen kreativ arbeiten möchten, wärmstens empfehlen.

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Großartiges Inspirationsbuch für Kinder, Jugendliche und interessierte Erwachsene
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"Haus, ich verkaufe dich"

Alleinruhelage von Eva Menasse

Es strahlt Idylle aus, das Cover des neuen Buches der österreichischen, in Deutschland lebenden, Autorin Eva Menasse. Ein See mitten im Wald, die tiefstehende Sonne, die rosa Schrift "Alleinruhelage". Damit stimmt das Buch schon darauf ein, mit welchen, vielleicht zum Teil naiven, Erwartungen, die Ich-Erzählerin und ihr Partner, gemeinsam mit den drei Kindern, ihrem, seinem und dem gemeinsamen, in einer Patchworkfamilie lebend, an den Kauf eines Hauses am See im ehemaligen Ostdeutschland herangegangen sind:

„Wir waren stolz auf den Preis, weil alle weiter weg lebenden Freunde uns gratuliert hatten.

Für Menschen im Süden und Westen des Landes, auch für die südöstlichen Österreicher klang der Preis fast unglaublich, ein massives, unterkellertes Haus an einem See und mit einem großen Garten, dazu in Alleinruhelage – wie man in Österreich sagt, wo es auch sprachlich immer ein bisschen mehr sein darf.“ (S. 33)

Also nichts wie ran an das Wochenendhaus! Doch dieses ist renovierungsbedürftiger als gedacht, die Widmungssituation rechtlich ungeklärt, die Nachbarn näher und weniger unkompliziert als erhofft und auch mit dem so idyllisch wirkenden See gibt es so einige Probleme, etwa die "Unterwassertannenbäume", die entspanntes Schwimmen schwierig machen bis verunmöglichen oder die steigenden Temperaturen, die den See zum Veralgen und Kippen bringen.

Humorvoll, selbstreflektiert und mit einem Augenzwinkern erzählt die etablierte Autorin Eva Menasse also von ihren Freuden, Hoffnungen, Erlebnissen und Enttäuschungen rund um ihr Wochenendhaus am See über einen längeren Zeitraum. Dabei zeigt sie sich auch als feine Beobachterin gesellschaftlicher Verhältnisse, was immer wieder durchblitzt:

„Zehn Jahre nach der Wende schien diese Internetseite mit dem umständlichen Namen eine der Resterampen der DDR zu sein. Für den Osten war es eine finstere, gewalttätige Zeit, in der man zuließ, dass bergeweise Hoffnungen zertrümmert wurden, Weltvertrauen, Lebensläufe.“ (S. 26)

„Jeder Zeitgeist hat seine Scheuklappen, seine blinden Flecken und total verhärteten Ränder.“ (S. 50)

Sehr sympathisch fand ich auch, wie ihr Selbstironie und -kritik nicht fremd sind und sie offen zugibt, wo sie nicht näher hingeschaut hat oder nicht näher hinschauen wollte:

„Nun, da ich mein geliebtes Haus verkaufen und verlassen werde, muss ich mir eingestehen, dass ich mehr nie wissen wollte, niemals tiefer bohren. Ich war ein fauler Specht. Wir waren hierhergekommen auf der Suche nach einem ortlosen, überzeitlichen Paradies, einem, das sogar wir uns leisten konnten.“ (S. 86)

Was bleibt von diesem Buch? Ein gutes, warmes Gefühl im Bauch. Der Eindruck, sich nun besser vorstellen zu können, was alles dranhängen könnte, so ein Haus zu kaufen und dass es empfehlenswert ist, sich nicht zu sehr in allzu idyllische Illusionen zu verrennen, denn es steckt viel mehr Arbeit dahinter, als man am Anfang vermuten könnte. Und das Gefühl, Frau Menasse oder zumindest die Ich-Erzählerin, die ihr vielliecht in diesem vermutlich autofiktionalen Werk ein bisschen ähneln könnte, etwas näher kennen gelernt zu haben.

Neben dem Haus selbst geht es im Buch auch ein bisschen "um dies und das". Da gibt es einen Onkel Walter und eine Tante Hupfi, so eine Art kinderlose Paten und Freunde der Eltern aus der Kindheit der Ich-Erzählerin, und Schwänke, die um diese herum erzählt werden. Das trägt dazu bei, die Ich-Erzählerin noch ein bisschen besser kennen zu lernen, könnte aber für kritische Leserinnen und Leser ein bisschen vom Kern der Geschichte abweichen.

Ebenso wie so manche andere Randfiguren, etwa der Liebhaber "Habibi" (wir erfahren nicht, wie es zu diesem arabisch klingenden Spitznamen gekommen ist), der die Ich-Erzählerin in den letzten Jahren, nach der Trennung von ihrem Patchworkfamilienpartner und Vater des jüngsten gemeinsamen Kindes, am Rande ihres Lebens begleitet, als Figur sehr blass bleibt und nicht so wirklich viel zur Handlung beiträgt.

Es ist kein Buch mit einer sonderlich fokussierten Handlung, wobei wir uns schon immer im Rahmen des Hauses am See bewegen, das gekauft wird, mit dem viel erlebt und das am Ende wieder verkauft wird. Eva Menasse muss sich nichts mehr beweisen, das hat sie mit ihren vorigen Werken schon genug getan. Dieses ist für mich ein nettes Wohlfühlbuch, das ich gerne gelesen und mir ein angenehmes Gefühl dabei vermittelt hat. Auch das darf sein.

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Was für ein großartiger Lehrer! Was für ein Vorbild!

Der Stärkere hört zu von Herr Reff

Gerade habe ich das Hörbuch "Der Stärkere hört zu" von Herrn Reff, einem Lehrer an einer deutschen Brennpunktschule mit hunderttausenden Followern auf Instagram, beendet und ich bin tief bewegt von der Liebe zu seinen Schülerinnen und Schülern, die bei diesem außergewöhnlichen Lehrer in jedem Wort spürbar ist, von seiner Haltung, seinem tiefen Respekt den Menschen gegenüber und seinem Mut.

Was für ein besonderer Lehrer, der so viele Leben von Kindern, die von so vielen anderen unterschätzt, diskriminiert und aufgegeben wurden, positiv beeinflusst: in seinen Schulklassen und als Multiplikator auf Social Media.

Das Hörbuch ist vom Autor selbst eingesprochen, das macht es besonders sympathisch und authentisch, man bekommt dabei das Gefühl, diesem Menschen ganz nahe zu sein. Herr Reff erzählt uns von ganz vielen kleinen Alltagssituationen mit Schülerinnen und Schülern, die in äußerst schwierigen Situationen leben, deren Familien von Traumata und Fluchtgeschichten geprägt sind und manchmal nicht einmal genug Geld haben, ihnen ein normales Pausenbrot mitzugeben. Er zeigt auf, wie er es schafft, diesen jungen Menschen auf Augenhöhe und liebevoll zu begegnen, aber gleichzeitig und vielleicht auch genau dadurch und durch seine klare Haltung, zu der er immer steht, auch ihren Respekt zu behalten.

Dabei erzählt er auch offen von seiner eigenen Lebensgeschichte, mit Eltern, die selbst von schlimmen Traumata geprägt waren, früh verstarben und nicht an ihn glauben konnten, von vielfacher Diskriminierung als Junge mit Migrationshintergrund und von einzelnen positiven Momenten, die für ihn den Unterschied gemacht haben, sodass er heute selbst so ein inspirierender Lehrer sein kann.

Aus diesem Hörbuch können sich alle Menschen sehr viel mitnehmen. Es zeigt anhand vieler konkreter Situationen auf, wie wir anderen Menschen begegnen, sie tief berühren und ihre Leben positiv beeinflussen können, weit über den Lehrerberuf hinaus. Jede und jeder, der auf irgendeine Weise mit Menschen zu tun hat, privat oder beruflich - also im Grunde alle - kann sich daraus etwas mitnehmen. Vielen Dank, lieber Herr Reff, für diese authentische Vorbildwirkung! Mögen Sie noch viele Menschen damit erreichen, auf dass sich der gute Funke weitertrage!

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Für alle, die eine persönliche Beziehung zu ihrem Darm aufbauen wollen

Darm-Intelligenz von Gregor Hasler

Mit "Darm-Intelligenz" bringt der Schweizer Psychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Gregor Hasler nach "Die Darm-Hirn-Connection" schon das zweite Buch zu diesem Thema heraus. Ich habe sein voriges Buch zu diesem Thema nicht gelesen und das ist auch nicht nötig, um dieses humorvolle, praxisorientierte und persönliche Buch gut verstehen und damit arbeiten zu können.

In nahbaren, gut verständlichen Worten unterstützt uns der Autor dabei, eine persönliche Beziehung zu unserem Darm aufzubauen, um uns selbst ganzheitlicher zu erleben und unsere psychische und körperliche Gesundheit zu unterstützen. Besonders gut gefällt mir, wie zugänglich das Buch ist: es braucht kein medizinisches Fachwissen, um es gewinnbringend lesen zu können, es richtet sich an ein breites Publikum und ist gleichzeitig sehr interessant und informativ sowohl für Laien als auch für Menschen mit Vorwissen in den Bereichen Medizin, Psychologie, Psychiatrie oder Psychotherapie.

In kurzen, gut gegliederten Kapiteln geht es beispielsweise darum, wie der Darm uns bei unserer Körperwahrnehmung unterstützt, wie er auf verschiedene Nahrungsmittel reagiert, wie sich das Mikrobiom wiederum auf unsere Psyche und unseren Schlaf auswirkt, wie ein verändertes Milieu im Darm auch unsere Persönlichkeit beeinflussen kann und vieles mehr.

Am Ende jedes Kapitels gibt es Übungen, die zum Ausprobieren, Spüren und Reflektieren einladen: dazu, wie unser Darm auf verschiedene Situationen reagiert, wie wir uns mit unterschiedlicher Nahrung fühlen, welche Unterschiede bewusstes Atmen macht und vieles mehr. Auch auf die vielfältigen Verbindungen zwischen psychischen Themen und körperlichen Symptomen wird eingegangen. Sehr interessant ist auch, wie der Autor bekannte Märchen, z.B. Hänsel und Gretel oder Rotkäppchen und der Wolf tiefenpsychologisch analysiert und mit der Darmthematik verbindet.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr lehrreiches und gleichzeitig unterhaltsames Buch, das ich allen, die sich für die Verbindung zwischen Intuition, Körpergefühl und Medizin, zwischen Körper, Geist und Seele und für einen ganzheitlichen Blick sowie für persönliche Weiterentwicklung und bewusste Körperwahrnehmung interessieren, sehr empfehlen kann.

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Unglaublich packend erzählt, mit kleinen Schwächen in Bezug auf die historische Authentizität

Eine einfache Wahrheit von Corinna Krenzer

"Eine einfache Wahrheit" ist das Romandebüt der 1989 in Frankfurt am Main, also in der damaligen BRD, geborenen Autorin Corinna Krenzer. Von dieser Autorin werden wir hoffentlich noch viel hören, denn die Geschichte ist von einer außergewöhnlich starken, besonderen Stimme erzählt, die die Leserinnen und Leser von der ersten bis zur letzten Seite in den Bann zieht und in Atem hält.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen, einerseits um das Jahr 2019, als die 44-jährige Schriftstellerin Janna See nach vielen Jahren und lange nach dem Tod beider Eltern für kurze Zeit wieder in ihren alten Heimatort im mecklenburgischen Kohltal zurückkehrt. Sie ist auf der Flucht vor sich selbst, mitten in der Midlife-Crisis, entfremdet von ihrem Ehemann, der gleichzeitig ihr Literaturagent ist, außerdem in einer Beziehungskrise mit ihrer lesbischen Affäre Marie sowie enttäuscht von ihrem Verlag, der ihre letzte Romanidee zurückgewiesen hat. Gleichzeitig quält sie sich seit 30 Jahren damit, dass sie sich die Schuld am Suizid ihres Vaters gibt.

Ihr Vater Ulli See war ursprünglich als junger Mann mit hohen Idealen und verliebt in eine junge Frau aus der DDR, die er bei einem Besuch dort kennen gelernt hatte, aus der BRD in die DDR gezogen, aber schnell von der realen Umsetzung des Sozialismus desillusioniert worden, hatte zu viele kritische Gedanken geäußert, wurde in Folge degradiert und gedemütigt und schließlich hatte die Familie sehr plötzlich kurz vor der Wende aus der DDR fliehen müssen und in der BRD von ganz unten noch einmal anfangen müssen. Daran und an der Entfremdung in der Familie war er verzweifelt und hatte sich kurz nach der Flucht das Leben genommen.

Auf der zweiten Zeitebene erleben wir also die Familie See in der DDR. Hier gibt es durchaus idyllische Kindheitsmomente mit einer berührenden Kinderfreundschaft zwischen Janna und Oskar, dessen Mutter gestorben ist und der von seinem Vater, Arzt und eine mächtige Figur in der lokalen SED, nicht viel Liebe erfährt, und in Jannas Familie warmherzig aufgenommen wird und hier viele Nachmittage verbringt. Doch ist wirklich alles so gewesen, wie es damals schien?

Dramaturgisch ist die Geschichte sehr gut aufgebaut und äußerst packend und einfühlsam erzählt. Wichtige zwischenmenschliche Themen insbesondere zu Eltern-Kind-Beziehungen und was das Leben in einem unterdrückerischen Regime mit diesen machen kann, welche Distanz und welches Misstrauen auch aus einer ursprünglich guten familiären Verbindung entstehen können, werden in dem Buch nachdrücklich und einprägsam verhandelt.

Auch sprachlich finden sich viele sehr prägnante Stellen insbesondere zu den Themen Anpassung vs. Rebellion, Unterdrückung vs. Freiheit, Individualität vs. Kollektiv:

""Janna wusste es. Ihre Mutter sagte es ihr oft. Dass sie sich benehmen musste. Keinen Blödsinn machen. Tun, was die Erwachsenen ihr sagten, so wie Oskar, schneller noch als Oskar. Weil alles, was Janna tat, und alles, was Janna nicht tat, auf ihren Vater zurückfiel und ihr Vater schon genug daran zu tragen hatte, dass alles, was er selbst tat und nicht tat, auf ihn zurückfiel." (S. 59 im E-Book)

"Stattdessen Schweigen. Wirf die Tagebücher weg. Alles ins Feuer beim Hexenbrennen, worüber besser nie wieder zu sprechen war. Gut möglich, dass sie es immer so machten. Dass die Kohltaler es deshalb so viele Jahrzehnte miteinander aushielten, ohne dass sich je etwas zu ändern schien. Und ohne das Bedürfnis, davonzulaufen." (S. 147 im E-Book)

Somit handelt es sich insbesondere für ein Debüt um ein außergewöhnlich starkes Werk, das von einem besonderen schriftstellerischen Talent zeugt.

Nur einen kleinen Kritikpunkt habe ich und der betrifft die historische Authentizität. Klarerweise kann eine 1989 in der BRD geborene Autorin rein aus ihrer eigenen Lebens- und Familiengeschichte kein tiefgründiges Erfahrungswissen über die DDR oder die heutigen neuen Bundesländer Deutschlands haben.

Ein authentischer Roman aus dieser Perspektive braucht also eine umso tiefer gehende Recherche, die die Autorin zum Teil sicher auch gemacht hat. Dennoch sind mir ein paar kleine Unstimmigkeiten aufgefallen, wenn ich das Buch mit vielen anderen Werken von Menschen, die die DDR erlebt haben, vergleiche: beispielsweise ist es mehrmals Thema, dass Menschen in Kohltal der Familie auch nach 30 Jahren noch nachtragen würden, dass sie ohne Abschied gegangen wären. Das war aber meines Wissens damals üblich: wer wirklich aus der DDR flüchten musste und so einen Außenseiterstatus hatte, wie diese Familie zu diesem Zeitpunkt, der konnte sich nicht unbedingt noch von allen im Ort ausgiebig verabschieden und kaum jemand hätte mit dieser Familie öffentlich in Verbindung gebracht werden wollen.

Weiters wirken die ostdeutschen Figuren in der heutigen Zeitebene so, als ob seit 1989 keine Zeit vergangen wäre und es keine Entwicklung gegeben hätte: sie werden so dargestellt, als ob sie die direkten Nachfolger ihrer 30 Jahre jüngeren Ichs oder sogar ihrer Eltern aus der DDR-Zeit wären: ohne irgendeine Reue oder Reflexion. Da ist die damalige überzeugte Parteigenossin und Lehrerin auch als alte Frau 30 Jahre später noch genauso wie damals, und alle anderen eigentlich auch. Dass wir uns 30 Jahre nach der Wende befinden sollen, habe ich den Figuren also nicht wirklich angemerkt.

Ich glaube, dass der Roman damit den heute in den neuen Bundesländern lebenden Menschen nichts Gutes tut, weil dadurch eher verbreitete Klischees noch verstärkt werden (was vermutlich nicht die Absicht der Autorin war).

Ich rate also dazu, dieses wirklich sehr spannend und auch zum Nachdenken anregende Werk eher als sehr fiktive Geschichte in einer fiktiven DDR und einem fiktiven wiedervereinigten Deutschland zu lesen und nicht als eine zwar erfundene Geschichte, die aber stark in historischen Tatsachen wurzeln würde, denn in dieser Hinsicht gibt es noch Luft nach oben.

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Unglaublich packend erzählt, mit kleinen Schwächen in Bezug auf die historische Authentizität