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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Über Zerrissenheit und Entfremdung angesichts von Krisen

Luft nach unten von Tamara Stajner

Dieses Buch gehört zu denen, bei denen man etwas anderes erwartet, wenn man den Text auf der Rückseite des Buches und den Klappentext liest, als man dann tatsächlich bekommt. Angekündigt ist ein Familiengeheimnis im Zusammenhang mit dem verstorbenen ehemaligen Kindermädchen der Hauptfigur Iva, sowie das Mutter- und Tochter-Sein als zentrales Thema.

Beides kommt im Roman zwar vor, im Zentrum stehen aber ganz andere Geschichten.

Iva ist eine junge Frau mit Wurzeln aus dem ehemaligen Jugoslawien, sie spricht neben Deutsch auch Kroatisch und Slowenisch, ist in Slowenien aufgewachsen und besucht nun anlässlich des vermutlichen Suizides ihres ehemaligen Kindermädchens dessen Begräbnis am Ohrid-See in Nordmazedonien. So beginnt das Buch und die Handlung. Weitere bedeutende Orte für das Buch sind Wien, wo die Hauptfigur mit ihrem Mann lebt und sich in bisher erfolgloser Kinderwunschbehandlung befindet, sowie Slowenien, wo ihre Eltern leben und sie anlässlich einer akuten Erkrankung der Mutter hinreisen wird.

"Luft nach unten" ist ein vielschichtiges Buch, das verschiedenste Themen verhandelt: gut spürbar ist die Atmosphäre bei den Reisen in die verschiedenen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, bei denen auch viele einzelne Phrasen und Teile der Dialoge auf Kroatisch und Slowenisch wiedergegeben werden.

Da ich über Sprachkenntnisse verfüge, die mir ermöglicht haben, all diese Phrasen und Sätze zu verstehen, hat es für mich zur Authentizität der Lektüre beigetragen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Leserinnen und Leser ohne Kenntnisse südslawischer Sprachen davon ein bisschen genervt sein könnten - Fußnoten oder Übersetzungen gibt es nämlich keine dazu.

Das Buch liest sich insgesamt gut und unterhaltsam und die Situation in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und damit verbundene Themen - etwa die Emigration vieler gut ausgebildeter junger Menschen in die immer noch mehr Wohlstand versprechenden Länder Mittel-, West- und Nordeuropas, während die Großeltern sich um deren zurückgelassene Kinder kümmern - ist authentisch dargestellt, genauso wie die Zerrissenheit zwischen verschiedenen Kulturen und Zeiten, und damit verbundene familiäre Herausforderungen, sowie die Entfremdung, die eine über Jahre gehende erfolglose Kinderwunschbehandlung oft bei Paaren bewirkt.

Ganz schön viele Themen, die aber geschickt so miteinander verflochten sind, dass es auf mich nicht konstruiert wirkte und es insgesamt ein Buch ist, das zum Nachdenken anregt und das ich außerdem sehr gerne gelesen habe. Ein bisschen enttäuschend war für mich nur der Schluss, der die Handlung nach meinem Geschmack nicht ganz so über die Ziellinie gebracht hat, wie ich es mir erwünscht hätte, und einiges offen gelassen hat.

Empfehlen kann ich das Buch insbesondere allen, die sich für die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens und für das Thema Kinderwunschbehandlung - letzteres bekommt im Buch sehr viel Raum, mehr als alles andere - interessieren.

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Über Zerrissenheit und Entfremdung angesichts von Krisen
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Von all den leeren Stellen

Frieda von Geraldine Oetken

Im Falle des Buches der jungen, 1990 geborenen, Autorin Geraldine Oetken lohnt es sich, genau hinzuschauen, wie dieses Buch auf der Vorderseite angekündigt ist: "Frieda - Die Suche nach meiner vergessenen Urgroßtante", mit Betonung auf dem Wort "Suche". Genau darum geht es in diesem Buch nämlich: um eine Suche.

Nicht unbedingt um ein Finden. Und schon gar nicht um eine ausführlich erzählte Lebensgeschichte.

Wir begleiten die Autorin dabei, wie sie sich auf die mühsame und oft ergebnislose Suche nach näheren Informationen über das Leben und den Tod ihrer 1941 in einer Psychiatrie unter mysteriösen Umständen verstorbenen Urgroßtante Frieda macht. Geschichtlich Interessierten ist schon seit einiger Zeit bekannt, dass in dieser Zeit auch viele psychisch Erkrankte, Behinderte oder sonstwie von dem Regime als "unnütze Esser" eingestufte Menschen sterben gelassen bis aktiv ermordet wurden. Darüber gibt es auch schon einige andere Bücher, die solche Schicksale aufarbeiten, oft mit wesentlich mehr Informationen zur Biografie der Ermordeten, als es in diesem Buch der Fall ist.

Über Frieda erfahren wir tatsächlich nur sehr wenig, genauso wie die Autorin selbst. Viele ihrer Aktenanfragen und Recherchen führen zu keinen Ergebnissen, und das, was sie an einzelnen Informationen erhält, ist sehr spärlich. In der Familie selbst herrscht über vieles großes Schweigen, insbesondere, da es sich um eine Generationen zurück reichende, vermögende Unternehmerfamilie handelt, wovon die Autorin auch bis heute materiell profitiert und was sie auch kritisch reflektiert.

In der Familie wird so getan, als wäre zwischen 1933 und 1945 in Bezug auf die Familiengeschichte und das Unternehmen einfach nichts passiert, und auch hier versucht die junge Frau nachzuforschen und genauer hinzusehen. Für diesen Mut hat sie auf jeden Fall meinen großen Respekt, denn das ist sicher nicht leicht in so einer Familie, und es braucht auch innere Stärke, sich da öffentlich so zu exponieren.

Wer dieses Buch lesen möchte, dem rate ich, nicht mit falschen Erwartungen heranzugehen. Es zeigt authentisch auf, wie schwierig es sein kann, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und an nähere Informationen zu gelangen. Dramaturgisch ist es dadurch aber auch leider nicht sehr spannend: über weite Strecken recherchiert die Autorin und findet wenig bis nichts, dabei begleiten wir sie, wie sie in ihrem Kopf Vermutungen über die unbekannte Urgroßtante und die damalige Zeit anstellt, versucht, eine innere Verbindung zu ihr aufzubauen, ihr eigenes Entsetzen über die schrecklichen Zeiten damals äußert und mittendrin Details aus ihrem Beruf oder ihrem Leben erzählt.

Dazu finden sich einige allgemeine Informationen über die NS-Zeit und die damaligen Unrechtspraktiken, die aber vermutlich den meisten Menschen, die sich mit diesem Thema schon ein bisschen befasst haben, schon bekannt sind. Es ist eben nicht das erste Buch über diese Zeit, sondern eines, das sich in eine lange Reihe von Werken einreiht, und in dieser Hinsicht hat es für mich wenig Neues geboten. Wer sich wirklich detailliert informieren möchte, findet außerdem viele historisch wesentlich fundiertere Werke mit weniger Mutmaßungen und mehr tatsächlichen historischen Belegen.

Dieses hier ist eher eine persönliche Annäherung, die mich aber nicht wirklich packen konnte. Ich habe also das Leseerlebnis eher mühsam und über weite Strecken langatmig und eher uninteressant gefunden. Hängen geblieben ist bei mir hauptsächlich, wie mühsam Ahnenforschung sein kann, wie wenige erhaltene Akten es gibt, wie schwer zugänglich diese sind und wie viel davon wohl in den letzten Kriegsmonaten bewusst vernichtet wurde, um Verbrechen zu verschleiern und Spuren zu verwischen. In dieser Hinsicht ist das Buch also durchaus lehrreich und interessant. Wer aber eine tatsächliche Biografie einer ermordeten Person aus der damaligen Zeit sucht, die sich auch noch spannend lesen soll, der greife eher zu anderen Büchern zu dem Thema.

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Von all den leeren Stellen
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Anspruchsvoller Therapie- und Selbsterkenntnisbegleiter

Tiefenpsychologie auf der eigenen Couch von Jens Winkler

"Tiefenpsychologie auf der eigenen Couch" des Psychologen und Psychologischen Psychotherapeuten Jens Winkler trägt den Untertitel "Das Begleitbuch für Therapie und persönliche Entwicklung" und damit zeigt es schon gut auf, was es sein kann und was nicht: es ist ein großartiges Werk, um Therapieprozesse, allgemein und insbesondere solche der tiefenpsychologischen Schule, besser verstehen zu können und einschätzen zu lernen, was in einer Therapie passieren kann, um welche Themen es gehen kann, mit welchen Methoden gearbeitet wird und was man vernünftigerweise davon erwarten kann und was nicht.

Es ist aber nicht dazu da, bei schweren psychischen Erkrankungen eine Psychotherapie zu ersetzen.

Zuerst geht es viel um allgemeine Themen wie darum, was überhaupt Psychotherapie ist, was man unter psychisch krank oder psychisch gesund verstehen kann, wovon psychische Erkrankungen beeinflusst werden und vieles mehr. Besonders interessant fand ich dabei die Betrachtung einer Depression unter verschiedenen Blickwinkeln und Erklärungsmodellen: je nachdem, mit welcher Linse das Thema betrachtet wird, stehen beispielsweise kognitive Erklärungsansätze und verhaltenstherapeutische Modelle, neurophysiologische Erklärungen, der humanistische Blick auf ungelebtes Leben oder die traumatherapeutische Perspektive im Vordergrund - und jede dieser Perspektiven kann etwas Hilfreiches zum tiefergehenden Verständnis eines komplexen Phänomens beitragen. Auch die gesellschaftliche Dimension psychischer Erkrankungen wird diskutiert.

An diesem Beispiel zeigt sich schon, dass das Buch durchaus für Laien gut verständlich und zugänglich geschrieben ist, sich insgesamt aber schon eindeutig an eine Zielgruppe mit guter Vorbildung, hohem Sprachverständnis und entwickelter Selbstreflexionsfähigkeit widmet. Es ist kein ganz niederschwelliger Ratgeber für die Allgemeinbevölkerung insgesamt, sondern eher Menschen zu empfehlen, die regelmäßig auch anspruchsvollere Sachbücher lesen.

Für diese liest es sich aber mit großem Gewinn: immer wieder gibt es auch persönliche Beispiele und sehr ansprechende und interessante Selbstreflexionsübungen am Ende jedes Kapitels, die persönlich gestaltet sind und therapiebegleitend oder auch selbständig ausprobiert werden können, um sich selbst besser kennen zu lernen. Außerdem gibt es weiterführende Literaturtipps zu vielen Themen, sodass man diese bei Interesse noch weiter vertiefen kann.

Später geht es dann noch um weitere interessante Themen, die für ein gelingendes Leben wichtig sind: gute Beziehungen, die Fähigkeit zu Selbstregulation, eine gesunde Beziehung zum eigenen Körper, ein stabiles Selbstwertgefühl und vieles mehr. Auch Spiritualität und Achtsamkeit kommen in diesem vielseitigen und ganzheitlich orientierten Buch vor.

Reflektierte und reife, gebildete Menschen können also daraus begleitend zu einer Therapie oder - bei stabiler psychischer Gesundheit, hoher Motivation und guten Selbststeuerungsfähigkeiten auch alleine - auf vielfältigen Ebenen einiges aus diesem Buch mitnehmen und sowohl viele neue interessante psychologische und therapeutische Erklärungsmodelle und Studienergebnisse kennen lernen, als auch die Einladungen annehmen, die praktischen Übungen und Reflexionen auszuprobieren und dabei Neues über sich selbst zu erfahren.

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Anspruchsvoller Therapie- und Selbsterkenntnisbegleiter
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Interessant und horizonterweiternd

Ferne Heimat Altmontal von Michael Riepl

Michael Riepl ist Jurist und Schriftsteller und fühlt sich schon seit längerem zu Osteuropa hingezogen, hat Russisch gelernt und ist mit einer armenischen Frau verheiratet. Für das Internationale Rote Kreuz hat er immer wieder in der Ukraine und am Kaukasus gearbeitet.

Doch es gibt auch einen entfernten familiären Hintergrund, mit dem er sich lange nicht detailliert auseinandergesetzt hat, weil er zu wenig über die damit verbundenen Details wusste: seine Großmutter Hedwig, ihm bekannt als liebevolle, gerne kochende Omi und angesehende pensionierte deutsche Landärztin, war in der Ukraine bzw.

dann in der damaligen Sowjetunion geboren worden und aufgewachsen: im kleinen deutschsprachigen Dorf Altmontal als Tochter einer ukrainedeutschen Familie. Zehn Jahre hat die alte Frau damit verbracht, zwischen ihrem 75. und 85. Geburtstag mehrere hundert Seiten über ihre eigene und die Geschichte ihrer Familie zu verfassen, und diese ihrer Tochter und den beiden Enkeln, einer davon Michael Riepl, hinterlassen.

Dieses Material hat der Autor gelesen, sortiert und aufbereitet, und es mit detailliert recherchierten historischen Fakten sowie interessanten Erzählungen zu seinen eigenen Erfahrungen in der Ukraine in den 2010er Jahren und auch danach ab 2022 nach Ausbruch des aktuellen Krieges erweitert.

Herausgekommen ist ein sehr informatives und dabei gleichzeitig packend und interessant geschriebenes Werk, bei dem interessierte Leserinnen und Leser die Geschichte von Hedwig und ihrer Familie kennen lernen und dabei wie nebenbei viel über das Leben in der Ukraine und der Sowjetunion in den 1930ern und 1940ern erfahren können.

Hedwig war eine bemerkenswerte, sehr intelligente und ambitionierte Frau, die sich auch von den größten Widrigkeiten wie schlimmste Hungersnöte, Unterdrückung, Vertreibung und Diskriminierung und Verschleppung des Vaters in ein sibirisches Lager nicht aufhalten hat lassen, ihren Traum, Ärztin zu werden und also solche Menschen zu helfen, beharrlich zu verfolgen. Es ist also ein Porträt einer sehr besonderen Frau und eines sehr interessanten Lebens. Ergänzt wird das Buch durch Original-Zitate und Fotos und aus Hedwigs Nachlass.

Insgesamt ist es dem Autor gelungen, aus dem Nachlass seiner Großmutter ein packendes Werk zu schaffen, das ich allen, die sich für Familiengeschichten, Zeitgeschichte, Resilienz, aber auch für die aktuellen politischen Weltgeschehnisse und ihre Hintergründe interessieren, nur wärmstens empfehlen kann.

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Soziale Ungleichheit in Österreich

Ungesunde Verhältnisse von Betina Aumair; Brigitte Theißl

Die Autorinnen Betina Aumair und Brigitte Theißl setzen sich seit langem privat und beruflich mit sozialer Ungleichheit und Klassismus auseinander. Nach ihrem Vorgängerwerk "Klassenreise: Wie die soziale Herkunft unser Leben prägt" geht es auch in diesem Buch wieder um ähnliche Themen, diesmal mit einem Schwerpunkt auf das Thema Gesundheit.

Anschaulich zeigen die Autorinnen, wie neoliberales Denken in den letzten Jahrzehnten in immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft Einzug gehalten hat: Gesundheit wird nun oft als etwas propagiert, das man ausschließlich selbst in der Hand habe und für das nur die Individuen allein Verantwortung tragen würden, während gesellschaftliche und ökonomische Einflüsse darauf aufgeblendet werden. Dabei gibt es viele Bereiche, in denen Menschen aus sozioökonomisch schwächeren Milieus benachteiligt sind, was hier anhand des österreichischen Systems aufgezeigt wird: zwar sind die meisten Menschen gesetzlich krankenversichert, doch wer eine private Zusatzversicherung hat oder Wahlarztbesuche aus eigener Tasche zahlen will, bekommt oft schnellere und bessere Behandlungen, eine wichtige Zweitmeinung oder muss nicht monate- oder gar jahrelang krank auf eine notwendige Operation warten.

Nach wie vor sind Bildungsniveau und sozialer Status die wichtigsten Faktoren, wenn es darum geht, welche Kinder in Mittelschule oder Gymnasium kommen, wer Lehre und wer Matura macht und wer studiert. Wer mehr Geld hat, wohnt außerdem in einer besseren Wohngegend, mit besserer Verkehrsanbindung, weniger Belastungen, mehr Möglichkeiten und lebt länger. Und vieles mehr. Dabei sind diese Tendenzen dabei, sich zu verschärfen, denn aus eigener Kraft alleine durch Erwerbseinkommen ist in Österreich sozialer Aufstieg kaum mehr möglich. Das hat sich noch einmal verstärkt, seit Erbschafts- und Schenkungssteuern abgeschafft wurden.

Besonders gut hat mir auch gefallen, dass die Autorinnen - von denen eine auch im Journalismus arbeitet - auch beschreiben, wie auch dieser Bereich zunehmend blinde Flecken entwickelt, weil immer mehr Journalisten und Journalistinnen studiert haben und eine Lehre nicht aus dem eigenen Umfeld kennen, sodass über diese und damit verbundene Themen auch weit weniger berichtet wird als über Themen, die Schülerinnen und Schüler bzw. Studierende betreffen.

Es wird also anhand verschiedener Bereiche von Medizin über Bildung bis zu Wohnen, Arbeit und dem Rechtssystem und anhand vieler auch persönlicher Beispiele realer Menschen, mit denen sich die Autorinnen zu Gesprächen getroffen haben, für soziale Ungleichheit sensibilisiert. Ein wichtiges Buch, dem ich wünsche, dass es von vielen Menschen gelesen wird, die in diesen Bereichen etwas verändern können.

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Soziale Ungleichheit in Österreich
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Von Mut, Sinnsuche und Selbstermächtigung

Statt aus dem Fenster zu schauen von Anna Katharina Scheidemantel

Manche Bücher mit einer Hauptperson, die Mitte 20 ist, sind auch fast nur für die gleiche Altersgruppe interessant zu lesen. Dieses gehört nicht dazu. Ich bin selbst schon Anfang 40, also klar nicht mehr Teil der Generation, die im Mittelpunkt dieses Buches steht, doch begeistert hat es mich ganz genauso mit seiner nachdenklichen, ruhigen Geschichte, die fundamentale Fragen zur Gestaltung des eigenen Lebens stellt, die nicht nur für diese Altersgruppe relevant sind.

Es passiert auf der Oberfläche gar nicht so viel in diesem Buch, doch gelingt es der Autorin dennoch, so zu schreiben, dass man sich keine Sekunde langweilt, emotional tief berührt und in die Geschichte hineingezogen wird und es auch danach nachhallt und zum Nachspüren und Nachdenken über das eigene Leben anregt.

Worum geht es? Sophie ist 25 Jahre alt, ist gemeinsam mit ihrem Bruder bei liebevollen, unterstützenden Eltern in Süddeutschland aufgewachsen, studiert und macht gerade ein unbezahltes Praktikum. Also alles gut, oder? Doch wirklich glücklich ist sie nicht, weder das Verfassen theoretischer Hausarbeiten im Studium noch Zahlen von einer Tabelle in die andere zu verschieben im Praktikum fühlen sich danach an, wirklich etwas Relevantes beizutragen oder zu erleben.

Und wozu soll das alles führen? Zu einem Job, in dem sie weiterhin theoretische und sich sinnlos anfühlende Arbeiten ausführt und sich immer mehr von ihrem Körper, der Natur und ihrem Inneren entfremdet?

So spürt Sophie in sich eine tiefe Sinnlosigkeit, fühlt sich entfremdet von realer Arbeit und von dem Kontakt mit ihrer Umgebung. Spürbar wird, wie die junge Frau dem gefolgt ist, was so vielen ihrer Generation geraten wurde: gut in der Schule sein, ein gutes Abi machen, studieren... und dieser Weg sie immer weiter von ihrem Inneren entfernt hat.

An Erspartem hat Sophie gerade ein bisschen über 3000 Euro, und so passiert es, dass sie aus einer Laune heraus im Internet danach sucht, ob es um dieses Geld Häuser zu kaufen geben könnte. Und tatsächlich, sie findet ein Angebot: in der Einöde im ehemaligen Ostdeutschland, 11 Kilometer vom nächsten kleinen Ort und mehrere Zugumstiege von Berlin entfernt, aber gar nicht so weit vom Meer, verkauft ein älterer Herr eine verfallene Bruchbude: anfangs funktionieren weder Wasseranschluss noch Elektrizität, über das Dach kommt Wasser hinein, Handyempfang gibt es kaum, Internet schon gar nicht, und auf der Hälfte des Hauses liegt ein umgestürzter Baum. Eine abbruchreife Bruchbude im Nirgendwo also, fernab jeglicher Zivilisation - doch erschwinglich für Sophie.

So kommt es, dass sie kurz entschlossen dieses Haus kauft und sich mit dem Zug und dann mit ihrem Rad, denn Auto hat sie auch keines, dorthin aufmacht. Als der ältere Herr die naiv und unerfahren wirkende junge Frau sieht, ist er erstmals skeptisch, doch er verkauft ihr das Haus, besiegelt mit einer auf einem Einkaufszettel handgeschriebenen Quittung für das in Raten empfangene Geld. Sophie bezieht das Haus und macht sich an die Renovierung, fährt mit dem Rad zum Baumarkt und kauft Farbe zum Ausmalen, Saatgut zum Anlegen eines Gemüsegartens und vieles mehr.

Sie schwimmt im kleinen Weiher, arbeitet fleißig im Haus und im Umfeld, eignet sich immer mehr Fähigkeiten an, hat dabei durchaus so einige Rückschläge, aber erwirbt vor allem Selbstbewusstsein und den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit: für fast alles lässt sich am Ende eine Lösung finden und es tut ihr gut, mit den eigenen Händen zu arbeiten und die Ergebnisse der eigenen Arbeit zu sehen, aber auch nahe der Natur zu sein und dabei schrittweise bei sich selbst anzukommen.

Als ihr das Geld auszugehen droht, nimmt sie einen Teilzeitjob als Kellnerin in einer Kneipe in einem Ort in der Nähe an. Doch geht natürlich auch so einiges schief, den Eltern traut sich Sophie lange nicht von ihrem neuen Leben zu erzählen, auch vielen Freunden und Freundinnen nicht, und die Frage ist, wie es langfristig weitergehen soll und wie sich ihr neues Aussteigerleben mit einer langfristig tragfähigen Vision einer guten Zukunft vereinbaren lassen kann?

Das ganze Buch ist aus der Innenperspektive Sophies geschrieben und so ist naturgemäß auch sie die Figur, die wir sehr gut von innen erleben und kennen lernen. Weitere Figuren aus dem früheren und neuen Leben Sophies kommen aber auch vor, auch diese sind durchaus liebevoll und authentisch gezeichnet.

Sehr interessant habe ich gefunden, dass über weite Strecken scheinbar nicht sehr viel passiert: wir erleben einfach detailliert Sophies Erfahrungen mit dem Bezug und der Renovierung des Hauses mit, und doch ist mir bei der Lektüre keine Sekunde fad geworden, so interessant und persönlich ist es alles geschildert. Dabei wird das Landleben auch nicht verklärt und diverse Schwierigkeiten werden auch realistisch beschrieben, am Ende kommt das Buch auch zu einem gut passenden Abschluss.

Bei mir hat das Buch emotional und auch gedanklich stark nachgewirkt und viele Fragen dazu angeregt, was es mit uns macht, wenn wir in einer immer mehr intellektualisierten Gesellschaft leben und fast alle Kinder und Jugendlichen stark ermutigt bis gedrängt werden, die höchstmögliche Schulbildung zu absolvieren und wenn möglich zu studieren, während handwerkliche Tätigkeiten leider nach wie vor oft gesellschaftlich abgewertet werden.

Dieses Buch zeigt sehr gut auf, zu welcher Entfremdung und damit verbundenen Sinnlosigkeitsgefühlen das bei manchen jungen Menschen führen kann, die vielleicht auf einem anderen Berufsweg, bei dem sie mit den Händen arbeiten können, wesentlich besser aufgehoben gewesen wären.

Gleichzeitig mochte ich die Selbstermächtigung sehr, die Sophie für sich durch ihr entschlossenes Handeln Stück für Stück zurück erobert, weil dabei sichtbar wird, wie viel wir Menschen doch in der Hand haben und wie glücklich es machen kann, das eigene Leben selbst zu gestalten und mutig Veränderungen zu wagen. Überhaupt mochte ich die Figur dieser tapferen, entschlossenen jungen Frau Sophie sehr gerne.

Hier noch ein paar besonders prägnante Zitate aus dem Buch:

"Vielleicht ist das ganze Leben mehr DIY und Learning-by-doing, als ich dachte. Niemand von uns kommt schließlich auf die Welt mit dem Wissen, wie man eine Grundsteuererklärung macht. "Und überhaupt, ich will mich von nichts im Leben abhalten lassen, nur weil es die Steuererklärung komplizierter macht", füge ich etwas leiser hinzu." (S. 111 im E-Book)

"Dabei ist das, was eigentlich wichtig ist, die Milchstraße über uns, die Distanz zum Boden unter uns und der Gesang der Nacht um uns herum. Aber all diese Dinge kann man nur wirklich wahrnehmen, wenn man allein ist. Sobald ein anderer Mensch anwesend ist, übertönt seine Präsenz alles andere, auch ganz ohne Worte." (S. 140 im E-Book)

"Selbst wenn ich mein Geld zurückbekomme, den Vertrag zerreiße und den nächsten Zug zurück nach München buche - jede Sekunde hier habe ich gelebt. Jede Sekunde hier hat mich verändert, hat mein Leben verändert. Was davor war und danach, kann ich nicht einfach miteinander verbinden, ohne dass ein Knoten in der Mitte entsteht." (S. 160 im E-Book)

"Aber ganz ehrlich, warum wird ständig nach dem Danach gefragt? Es wirkt fast, als würde das Jetzt im Leben gar nichts bedeuten, solange es ein Danach gibt. Es muss immer ein Ziel geben, ein Vorwärts, ein Besser, ein Höher, Weiter, Schneller. Das Jetzt ist bedeutungslos in dieser Art von Gespräch, man misst sich an dem, was man werden lassen will." (S. 179 im E-Book)

"Aber wie soll man denn Neues schaffen und etwas aufbauen in einer Welt, in der es eigentlich schon zu viel von allem gibt?"

"Über mir erstreckt sich weiter der blaue Himmel. Absurd, dass beides gleichzeitig existieren kann, der Himmel über mir und der Abgrund unter mir, und alles, was dazwischen ist, bin ich." (S. 219 im E-Book)

"Das Leben ist kurz. Und ich muss gar nichts, außer zu leben." (S. 222 im E-Book)

Ja, es ist ein ganz besonderes Buch, das innerlich sicher noch lange in mir verweilen wird und das ich nicht nur Menschen in ihren 20ern, sondern auch jenen in späteren Lebensphasen und ganz besonders jenen, denen die heutigen jungen Menschen am Herzen liegen und die sich für ein Lebensgefühl und eine Sinnsuche interessieren, die sicherlich einige von ihnen mit der Figur Sophie teilen, absolut empfehlen kann!

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Von Mut, Sinnsuche und Selbstermächtigung
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Von Hoffnung, Kontrolle und Desillusionierung

Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler

Von allen Büchern, die ich bisher über die ehemalige DDR, die Wende und die Zeit danach gelesen habe, ist "Selbstregulierung des Herzens" jenes, das mir am deutlichsten und detailliertesten ein Gefühl für die verschiedenen Aspekte dieser bewegten Zeiten vermittelt hat. Im Nachwort erwähnt die Autorin, dass es sich zwar um eine fiktive Geschichte handelt, sie aber sehr sorgfältig recherchiert und mit vielen Menschen Gespräche geführt hat, um ein möglichst realistisches Bild dieser Zeit zu zeichnen.

Das ist auch bestens gelungen.

Im Zentrum stehen ein paar junge und dann älter werdende Menschen in der DDR und der Zeit danach, die wir über mehrere Jahrzehnte in ihrer Entwicklung und mit ihren Hoffnungen, Wünschen, Träumen, aber auch ihrer Desillusionierung, begleiten: der Computerexperte Georg, die Künstlerin Mona, die lange sehr systemtreue Marlies, der alte Fritzsch, der sich aus Eingangstüren ein eigenes kleines Ferienhäuslein am Bauersee gebaut hat und noch so einige weitere.

Wir erleben mit, wie in den 1960er Jahren das Klima in der neuen DDR von einer Aufbruchstimmung geprägt ist. Wie viele glauben, an etwas Gutem mitzuwirken und auf der richtigen Seite zu stehen, auf der der Gegner des Faschismus. Georg und seine Freunde studieren Ökonomie, zeitweise gibt es hier noch viel Raum zum Diskutieren, Denken und Hinterfragen über das richtige System und wie man es konkret gestalten könnte, bevor es immer enger wird im kommunistischen Staat und die Freiheiten zunehmend eingeschränkt werden.

Es ist sehr interessant, beim Lesen mitzuerleben, wie viel Hoffnung auf das gemeinsame Erschaffen eines besseren Systems es vielleicht auch gegeben haben kann, und wie diese über die Jahrzehnte durch das Miterleben von Repression, Bespitzelung, Ausgrenzung aller, die von der offiziellen Linie abweichen samt heftiger beruflicher und privater Nachteile auch für Verwandte, brutaler Niederschlagung von Freiheitsbewegungen (z.B. in Ungarn oder der damaligen Tschechoslowakei) durch die Sowjetunion und dem Erleben von Ineffizienz in den staatlichen Organisationen desillusioniert wird.

Dabei gehen die porträtierten Personen ganz unterschiedlich damit um: manche arrangieren sich im Stillen, andere bleiben lange idealistisch und möchten dazu beitragen, das System zu verbessern, andere werden zu Mitläufern und Profiteuren und wieder andere versuchen, die DDR in Richtung Westen zu verlassen.

Auch die herausfordernde Zeit nach der Wende, in der wiederum viele Träume zerplatzt sind, wird gezeigt: wie ehemals in der DDR sehr qualifizierte Menschen sich nun mit Hilfsarbeiterjobs durchschlagen müssen und oft arbeitslos sind, wie öffentliche Einrichtungen schließen und verfallen, wie viele Menschen den Ausverkauf ihrer geliebten Heimat durch kapitalstärkere Investoren aus dem Westen erleben, und vieles mehr.

Das Buch erzählt nah an den Figuren dran und aus wechselnden Perspektiven, sodass man gut mit ihnen mitfühlen kann. Gleichzeitig zieht sich - passend zum Titel - immer wieder die Frage durch das Buch, aufbauend auf Zitaten und Überlegungen aus der Kybernetik ("Zweifellos vollzieht jedes gesellschaftliche System, solange es durch die es bewegenden Widersprüche nicht gesprengt wird, eine ständige Reproduktion seiner selbst", aus einem Buch zur Gesellschaftsdialektik, S. 127 im E-Book), mit denen sich insbesondere Georg als Informatiker, aber auch seine Kommilitonen im Ökonomiestudium beschäftigen, ob und wie ein solches System wie die sozialistische DDR sich doch auch ein bisschen von innen durch die beteiligten Menschen selbst steuern könnte (natürlich ein Widerspruch zur staatlich verordneten Planwirtschaft), wenn die involvierten Menschen mit vollem Herzen dabei wären.

Das ist eine zusätzliche philosophische Dimension, die das Buch noch einmal auf einer anderen Ebene bereichert hat.

Auch sprachlich finden sich vieler sehr treffende Formulierungen darin, die nachdenklich machen:

"Kritik und Selbstkritik, so ein Verfahren war ja kein Pappenstiel, davon wusste Marlies ein Lied zu singen, wie ein Kind stand man in der Versammlung da und wurde über seine Verfehlungen aufgeklärt, und wer sich nicht reumütig zeigte, war für die Arbeit oder den Posten nicht mehr tragbar. Von einem Moment auf den anderen auf der falschen Seite. Dann doch lieber den Rückzug antreten, nicht in Erscheinung treten, unterm Radar bleiben, die eigene Meinung zurückhalten." (S. 95 im E-Book)

"Welchen Sinn machte es, über Regelgröße und Wechselbeziehungen in einem System nachzudenken, das sich selbst abriegelte, ja, jede Art Einwirkung von außen zu beschränken oder ganz auszuschließen versuchte, und dabei immer mehr eintrocknete, austrocknete und an Möglichkeiten, Informationen, Variationen verlor?" (S. 133 im E-Book)

"Er war mehr Rädchen als Sand im Getriebe gewesen." (S. 180 im E-Book)

Für mich war es kein Buch, das ich schnell lesen konnte, sondern eines zum langsamen Lesen, Verweilen und tiefgründigen Darüber-Nachdenken. Das spricht ebenfalls für seine Qualität. Ich kann es allen, die sich für die Zeit der ehemaligen DDR, von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende und darüber hinaus, und die betroffenen Menschen interessieren, und die gerne nicht nur persönlich, sondern auch theoretisch über Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle und ihre praktischen Konzepte für alle Betroffenen nachdenken, sehr ans Herz legen.

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Ermutigendes, persönliches und wissenschaftlich fundiertes Buch über Erziehung

Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen von Tillmann Prüfer

Ich habe eine kleine Tochter und schon etliche Bücher über Erziehung gelesen. Die meisten davon fand ich eher desillusionierend: oft wird ein bestimmter Weg als heilsversprechend propagiert und alles viel simpler dargestellt, als ich es in der Realität erlebe. Nach manchen dieser Bücher fühlen Eltern sich auch noch schlechter und unzulänglicher als davor, zusätzlich sind viele Ansätze nicht wissenschaftlich fundiert.

Was für eine Wohltat ist im Vergleich dazu dieses Buch! Ehrlich, persönlich und humorvoll erzählt der Zeit-Kolumnist und vierfache Vater Tillmann Prüfer nicht nur von seinen persönlichen Erfahrungen in der Begleitung der vier Töchter, gesteht eigene Irrtümer ein und zeigt die Verschiedenartigkeit der von den gleichen Eltern erzogenen Mädchen auf, sondern er ordnet seine eigenen Erfahrungen auch noch thematisch gegliedert in eine umfangreiche Aufarbeitung der aktuellsten wissenschaftlichen Studien zu verschiedenen Themenbereichen ein.

Dabei geht es um Themen wie verschiedene Erziehungsstile, die Bedeutung einer glücklichen Kindheit für das weitere Leben, Bindungsforschung und die methodische Kritik daran, Werte in der Erziehung, die Bedeutung von Freundschaften und von Spiel, Geschlechterunterschiede, Ernährung, den Umgang mit dem Smartphone und vieles mehr.

Jedes Kapitel beginnt mit einem persönlichen Einstieg zu den Erfahrungen des Autors in seiner Familie zu diesem Thema und geht dann auf die verschiedenen Studien und ihre Ergebnisse ein, um am Ende dann noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammenzufassen.

Dadurch eignet sich das Buch sowohl für Eltern, die sich die Zeit nehmen möchten, sich umfassend mit den jeweiligen Themengebieten und den Erkenntnissen aus der Forschung dazu zu befassen, als auch für Momente, in denen man nur schnell nachschlagen möchte, was die wichtigsten Kernaussagen dazu sind.

Damit ist es insgesamt nicht nur eine persönliche, unterhaltsame und informative Lektüre, sondern ein Werk, das man sich gerne ins Regal stellt, um immer wieder mal nachzuschauen.

Sehr angesprochen hat mich der Ton des Autors: nahbar, persönlich und fehlbar. Hier spricht jemand aus eigener Erfahrung und jemand, der nicht meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und den eigenen unfehlbaren Ansatz allen vermitteln zu wollen, sondern jemand, dem bewusst ist, wie viel wir nicht in der Hand haben und dass auch er nicht perfekt ist. Das macht ihn mir unglaublich sympathisch und gleichzeitig fühle ich mich verstanden und verbunden in meiner eigenen Unperfektheit als Mensch und Elternteil. Das Buch hinterlässt ein angenehmes Gefühl, schon einiges richtig zu machen und dazu noch so manches dazu lernen zu können, ohne Anspruch an Perfektion.

Ich kann das Buch also allen, die sich für Kinder, Jugendliche und ihre Begleitung interessieren, nur wärmstens empfehlen, es ist das beste Buch zum Thema Erziehung, das ich kenne!

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Für Gemeinschaft und Solidarität

Been there, felt that. Das Buch für alle Frauen, die denken, sie wären allein mit ihren Gefühlen von Vanessa Sielmann

Die Politikwissenschaftlerin und Influencerin Vanessa Sielmann, geboren 1996, hat mit "Been there, felt that", ein sehr mutiges, sympathisches und persönliches Buch geschrieben, das sie gleichzeitig auch selbst als Hörbuch eingesprochen hat, was dem Hörbuch noch einmal mehr Authentizität verleiht.

Darin erzählt sie von ihrer persönlichen Geschichten, gegliedert in verschiedene Themen und Episoden, berichtet etwa von ihrer Essstörung, extremen Kontrollsucht und Leistungsorientierung, ihrem psychischen Zusammenbruch, Suizidgedanken, ihrer Therapie und davon, wie sie ihre eigenen Probleme lange nicht wahrhaben wollte. Außerdem geht es um Sex und Beziehungen, Freundschaften, die Arbeitswelt und vieles mehr.

Besonders an dem Hörbuch ist nicht nur, wie offen und verletzlich sich die Autorin dabei zeigt, wenn sie von ihrem Leben erzählt, sondern dass sie dafür eintritt, uns als Frauen miteinander zu verbinden, uns gegenseitig in den Geschichten zu erkennen und zu verstehen, dass hinter dem, was viele als ihre persönlichen Probleme empfindet, systematische gesellschaftliche Muster stecken.

Schon ganz am Anfang des Buches geht es um weibliche Heldinnen und darum, wie gut es tut, sich als Mädchen und Frau mit einer anderen weiblichen Hauptfigur identifizieren zu können. Das ist also eines der großen Ziele der Autorin und insgesamt gelingt ihr das recht gut.

Dabei finde ich es aber wichtig, trotz allen möglichen Parallelen zum eigenen Leben auch die Unterschiede wahrzunehmen - ohne sich deshalb gleich über andere erheben zu müssen, wie es die Autorin kritisiert. Denn zwar viele, aber nicht alle jungen Frauen haben solche Ess-, Kontroll- und Leistungsdruckprobleme wie die Autorin, nicht alle trinken als Jugendliche viel zu viel Alkohol, nicht alle gehen gerne oder überhaupt aus usw. So ist es nicht leicht, den Spagat zu wagen zwischen Solidarisierung und zu großer Verallgemeinerung.

Ich zum Beispiel, ein paar Jahre älter als die Autorin, aber auch in meiner Jugendzeit schon eine eher untypische Vertreterin meiner Generation, habe mich nur in manchem gespiegelt gefühlt, in sehr vielem aber ganz andere Erfahrungen gemacht als die Autorin. Das ist ja auch legitim und in Ordnung.

Insgesamt ist es jedenfalls ein mutiges, ehrliches und persönliches Werk, das nicht dazu dienen muss, sich in jedem Detail wiederzufinden, aber zum Nachdenken darüber anregt, wie viele Parallelen es doch zwischen vielen Frauen (und auch Menschen insgesamt) geben kann und dadurch Verbundenheit zu erleben und darüber nachzudenken, was wir gesellschaftlich gemeinsam zum Besseren für alle bewirken könnten. Ich kann es insbesondere sehr jungen Frauen im Teenageralter und in den frühen 20ern empfehlen.

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Für Gemeinschaft und Solidarität
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Für einen neuen Blick auf die Nacht

Schlaflos von Annabel Abbs

Wer sind wir, wenn es dunkel wird? Wie verändert sich unser Denken, Fühlen und Handeln, aber auch die Art und Weise, wie wir mit uns selbst und anderen in Begegnung gehen? Was steckt hinter der Angst vor der Dunkelheit? Wie leben Menschen an Orten, an denen es im Winter monatelang kaum hell wird? Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen, wenn es um das nächtliche Verhalten geht?

Nach dem Tod ihres Vaters begibt sich Annabel Abbs auf eine Reise nach ihrem Nacht-Ich.

Dabei nähert sie sich dem Thema auf verschiedenste Weisen an: sie beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Studien zum Thema Nacht und Dunkelheit und ihrem Einfluss auf die menschliche Psyche und den Körper, sie liest Biografien von Autorinnen und Künstlerinnen, die aus Zeitgründen oder wegen Schlaflosigkeit nachts arbeiteten, die aber dann auch herausfanden, wie sie in dieser Zeit ganz besonders oder auf eine ganz spezielle Art und Weise kreativ werden konnten und dabei Kunstwerke entstanden, wie sie nur die Dunkelheit hervorbringen kann.

Sie experimentiert damit, nachts in den Wald oder schwimmen zu gehen und die damit verbundenen Ängste zu spüren und zu verstehen, sich davon aber nicht abhalten zu lassen. Sie reist im tiefsten Winter in die Gegend nördlich des Polarkreises und erlebt dort die Polarnacht. Und sie erzählt von ihren Erfahrungen damit, als eine der wenigen sichtbaren Frauen in den allerfrühesten dunklen Morgenstunden mit der Londoner U-Bahn zu fahren.

Dabei ist auch immer wieder Thema, warum sich die meisten Männer viel selbstverständlicher auch in der Nacht in der Öffentlichkeit zu bewegen trauen und die meisten Frauen, und was wir tun könnten, um das zu ändern. Auch geschichtliche Erkenntnisse fließen in das Buch mit ein, sodass der Autorin ein wirklich umfassender Blick auf das Thema gelungen ist und deutlich wird, wie ausführlich sie dafür recherchiert haben muss, sie es gleichzeitig aber schafft, ihr Wissen und ihre Erfahrungen dazu auf unterhaltsame und vergnügliche Art und Weise zu vermitteln.

Herausgekommen ist ein zutiefst inspirierendes und vielseitiges Hörbuch, das auch von der Sprecherin sehr lebendig vorgetragen wird und dazu anregt, sich mit dem eigenen Nacht-Ich zu beschäftigen und das eigene Verhältnis zur Nacht und zur Dunkelheit zu erweitern. Ich mochte schon die Qualitäten von Nacht und Dunkelheit sehr gerne, habe sie aber nun noch in einer ganz anderen Tiefe und Vielfalt kennen gelernt. Außerdem habe ich viel Spannendes und Neues über mir schon bekannte Künstlerinnen und Autorinnen erfahren sowie einige ganz neue und ihr Verhältnis zur Nacht kennen gelernt.

Es ist ein Hörbuch, das man nicht unbedingt nur einmal hört, sondern bei dem es sich lohnt - ebenso wie sicherlich bei der gedruckten Version dieses Buches - immer mal wieder reinzuschauen/reinzuhören, um sich davon für das eigene Leben inspirieren zu lassen und die eigene Perspektive zu bereichern, und das ich einer breiten Leserinnenschaft (das Buch legt den Fokus klar auf die weibliche Erfahrung und weibliche Künstlerinnen, natürlich können aber auch interessierte Männer von dieser Perspektive profitieren) nur wärmstens empfehlen kann.

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Für einen neuen Blick auf die Nacht