Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Wenn der Erfolgsdruck dich fast zerreißt
Gib mir alles von Alexandra-Maria Pipos
Ioanas Eltern haben für sie die Chance ergriffen, nach Deutschland auszuwandern, um der Tochter ein vermeintlich besseres Leben zu ermöglichen. Dafür haben sie Verwandte, Freunde und Heimat hinter sich gelassen, dafür arbeiten sie in körperlich anstrengenden und schlecht bezahlten Jobs. Ioana hat in Deutschland Abitur gemacht und ein Jura-Studium begonnen, doch als sich die Chance bot, in einer Unternehmensberatung Karriere zu machen und viel Geld zu verdienen, hat sie diese ergriffen.
Hier arbeitet sie nun seit mehreren Jahren verbissen an ihrem Aufstieg, sagt zu jeder Anforderung "ja", Feierabend, freie Wochenenden oder gar Urlaub gibt es kaum. Für eine Beziehung oder gar Kinder ist auch kein Platz in ihrem Leben. Dafür kann sie mit ihrem guten Gehalt die Eltern und die wiederum damit die Verwandten in Rumänien unterstützen, auch wenn sie sich selbst einige Wünsche versagt. Selbst Schlaf gönnt sie sich kaum und absolviert frühmorgens noch ein anstrengendes videoangeleitetes Fitnessprogramm, schließlich gehört zu ihrem internalisierten enormen Leistungsanspruch ja auch, so schlank, schön und trainiert wie möglich zu sein.
Ins Schwanken gerät Ioanas Alltag, als plötzlich der Großvater in Rumänien stirbt und die Familie erwartet, dass sie alles stehen und liegen lässt, um zur Beerdigung zu fliegen, während ausgerechnet jetzt ein wichtiges Kundenprojekt präsentiert werden soll, das darüber entscheidet, wer die nächste Beförderung bekommt, die mit einer hohen Vergütung verbunden ist: Ioana oder ihr ebenfalls sehr ehrgeiziger und außerdem intriganter Kollege, der schon seit längerem alles versucht, um ihre Leistungen für sich zu verbuchen und sie mit unfairen Mitteln karrieretechnisch zu überholen.
In dieser Zeit meint Ioana, sich nicht wirklich frei nehmen zu können. Doch der Beerdigung des Opas fernbleiben ist auch keine Option. Also versucht sie, beides miteinander zu verbinden: sie fliegt nach Rumänien und arbeitet dort weiter, versucht, trotz schwankender Internetverbindung an Zoom-Konferenzen teilzunehmen und rechtzeitig zum entscheidenden Kundentermin wieder zurück zu sein. Ioana ist ehrgeizig, willensstark, intelligent und bereit, über alle Grenzen zu gehen und immer alles zu geben und noch mehr, das wird also schon klappen, oder?
Dieses Buch hat mich begeistert! Ich habe selbst viele Menschen mit Migrationsgeschichte in meinem sozialen Umfeld und kenne daher den enormen Leistungsdruck, unter dem viele von ihnen stehen: beweisen zu müssen, dass sich die eigene Migration bzw. die der Eltern und die damit verbundenen Entbehrungen gelohnt haben, erfolgreich zu sein im "reichen" neuen Land (was sich viele Verwandte und Bekannte in der Heimat viel einfacher vorstellen, als es tatsächlich ist), einen hohen Status erreichen und diesen mit entsprechenden Statussymbolen beweisen, dabei bei jedem Heimatbesuch unzählige Geschenke für die weitläufige Verwandtschaft mitbringen, viel Geld in die alte Heimat schicken, immer lächeln, keine Schwäche zeigen und nichts für sich selbst fordern.
Dieses Muster habe ich schon bei unzähligen jungen Menschen und nochmal mehr bei jungen Frauen mit Wurzeln in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, Polens oder, wie hier, Rumäniens, beobachtet, und es ist ein unvorstellbarer Druck damit verbunden.
Die Autorin Alexandra-Maria Pipos ist selbst in Rumänien geboren und in Deutschland aufgewachsen, sie kennt diesen Leistungsdruck also sicherlich aus eigener Erfahrung und das merkt man dem Buch an.
Ich habe noch nie ein so authentisches Buch zu diesem Thema gelesen, das gleichzeitig unterhaltsam ist und bei dem man die Zerrissenheit zwischen dem enormen Leistungs- und Erfolgsdruck und aber auch dem Wunsch, sich Zeit für den Besuch in der alten Heimat und den Kontakt mit den Menschen dort zu nehmen, so mitfühlen kann. Dabei macht die Hauptfigur gleichzeitig eine beeindruckende Entwicklung durch und nähert sich ihrer alten Heimat und den Menschen dort wieder mehr an, während einige Dinge sich in einem neuen Licht zeigen.
Zusätzlich zu Ioanas persönlicher Geschichte erfährt man auch interessante Hintergründe über die Zeit unter der kommunistischen Ceaucescu-Diktatur, die, ähnlich wie in vielen anderen sozialistischen Diktaturen, von Bespitzelung, Willkür und Terror geprägt war, die bis heute tiefe Gräben mitten durch Familien gerissen haben, weil Menschen unter Druck gesetzt wurden, ihre eigenen engsten Freunde und nächsten Verwandten zu bespitzeln und zu verraten.
Ich habe dieses Buch mit großer Begeisterung gelesen und kann es allen, die sich für Themen wie Leistungsdruck, Migrationsgeschichten und generell Familiengeschichten und neuere europäische Geschichte interessieren, absolut empfehlen!
Nur für Benjamin-Enthusiasten
Benjamin im Stroboskop von Bernard Hoffmeister
"Benjamin im Stroboskop" ist ein ungewöhnliches Buch mit einem ungewöhnlichen Titel. Was ein Stroboskop ist, musste ich erst einmal nachschauen: ein Gerät, das in regelmäßigen zeitlichen Abständen Lichtblitze abgibt, sagt Wikipedia.
So ist auch das Buch gestaltet: nur, dass die Lichtblitze, mit denen wir Einblick in Benjamins Leben bekommen, keiner chronologischen Reihenfolge gehorchen und ständig in der Zeit nach vorne und wieder zurückspringen.
Die Hauptfigur Benjamin, um die es hier geht, ist 29 Jahre alt, promoviert über den Philosophen Walter Benjamin und tritt außerdem bei Poetry-Slams auf.
Es geht um Benjamins schlecht bezahlten Lehrauftrag auf der Universität, bei dem er sich ausrechnet, wie viele Pfandflaschen er zurückgeben müsste, um auf ein ähnliches Einkommen zu kommen wie die 30 Euro pro Stunde Lehren, Vor- und Nachbereitung wird nicht bezahlt. Es geht um seinen Kontakt mit seinem Doktorvater, der nicht wirklich hilfreich scheint, aber ihn doch unterstützt, ein Stipendium zu bekommen, aber ist das überhaupt Realität? Es geht um Benjamins Studentenleben, seine gesundheitlichen Probleme mit seinem Geschlechtsteil, Ausgehen und so einiges mehr. Es geht um viele philosophische Ideen, die man vielleicht versteht, wenn man sich mit Walter Benjamins Werk auseinandergesetzt hat, was ich nicht habe.
Mir persönlich hat dieses Buch nicht viel gegeben und die Lektüre hat mir auch nicht viel Freude bereitet. Ob und was ich mir daraus mitnehme, ist mir auch nicht klar.
Die Beschreibungen der ausbeuterischen Zustände an Universitäten waren für mich nichts Neues, auch orientierungslose und selbstzweifelnde junge Menschen wie Benjamin finden sich zuhauf in der Realität und in der Literatur.
Möglicherweise liest man das Buch noch einmal ganz anders, wenn man die philosophischen Hintergründe kennt und einordnen kann, vielleicht zeigen sich da ganz neue Tiefen auf und es zeigt sich ein Insider-Humor, den man nur mit weiterführendem Wissen verstehen kann.
Immerhin findet es sich auf der Hotlist für das Buch des Jahres der Unabhängigen Buchhandlungen, es liegen also vielleicht unerkannte Schätze darin und zumindest irgendwer hat irgendetwas Wertvolles in dem Buch erkennen können.
Das kann ich leider nicht beurteilen, ebensowenig, ob ich das Buch einer philosophisch einschlägig vorgebildeten Leserschaft empfehlen könnte. Für die meisten an Büchern Interessierten ist es vermutlich ein eher wenig zufriedenstellendes Werk.
Kritik eines einseitigen Intelligenzbegriffes
Fetisch Intelligenz von Gisela Schmalz
Dass dieses Buch seiner Autorin, der deutschen Wirtschaftswissenschaftlerin und Publizistin Gisela Schmalz, ein echtes Anliegen ist, merkt man von der ersten bis zur letzten Seite. Hier schreibt eine, die sich offenbar sehr über einen einseitigen Intelligenzbegriff, der sich zu sehr an klassischen Intelligenztests orientiert und politisch leicht missbraucht werden kann, ärgert.
Dieser Ton zieht sich auch durch das Buch: ob es nun darum geht, dass zu viele Kinder als hochbegabt eingeschätzt würden, um all die wichtigen Fähigkeiten, die mit Tests kaum messbar seien und deshalb aus dem Fokus rücken würden, wenn wir uns zu sehr auf Testresultate fokussieren, oder um rechtspopulistische Influencer, die sich für die stärkere Vermehrung von ihnen als intelligenter angesehener Menschen einsetzen: man bekommt beim Lesen den Eindruck, dass der herkömmliche IQ-Begriff und damit verbundene Tests etwas Schlechtes seien.
Dabei ist der Inhalt des Buches eine bunte Mischung aus der subjektiven persönlichen Meinung der Autorin, einzelnen Aussagen von Menschen, die im Bildungsbereich tätig sind und deshalb meinen, aufgrund ihrer Erfahrung sagen zu können, ob Intelligenztests im Einzelfall etwas taugen würden und das Potential eines Kindes korrekt vorhergesagt hätten oder nicht, und wissenschaftlichen Theorien zu Intelligenz. Das macht es manchmal gar nicht so leicht zu lesen, weil für Menschen mit wenig Vorwissen in dem Bereich nicht so leicht unterscheidbar ist, was hier Meinung ist und was der aktuelle Stand der Wissenschaft.
Wer sich hingegen mit dem Thema gut auskennt, ärgert sich schnell über manch undifferenzierte Betrachtungen, die zeigen, dass nicht alles in diesem Bereich wirklich tief durchdrungen und verstanden wurde, aber dafür schnell kritisiert wird.
Schwierig finde ich dabei auch, dass die Autorin mit so einer einseitigen These an das Thema herangeht und von Vornherein Argumente für die bisherige Intelligenzdefinition, die durchaus, wie alles, ihre Grenzen und Schwächen hat, nur sehr am Rande vorkommen: etwa, dass Testintelligenz tatsächlich empirisch in vielen Studien belegbar nicht nur mit formaler Bildung, sondern auch mit beruflichen Erfolgen, Gesundheit und einigem mehr korreliert.
Interessant sind die alternativen Intelligenzkonzepte, etwa jenes zu den Multiplen Intelligenzen von Howard Gardner, die Ideen zu Neurodiversität oder auch das praktische Beispiel einer Wangari Matthai, die mit ihrem Wirken offensichtlich sehr viel Positives geschaffen und damit vielfältige Begabungen bewiesen hat, ohne offiziell durch eine Testung als hochbegabt zu gelten. So finden sich durchaus nachdenkenswerte Ansätze in diesem Buch.
Wer sich neu mit dem Thema Intelligenz und wie man sie messen könnte, beschäftigen möchte, dem empfehle ich eher andere Werke zu diesem Thema: solche, die sich neutraler und weniger einseitig damit befassen.
Wer hingegen schon, etwa durch ein einschlägiges Studium im Bereich Psychologie oder verwandter Wissenschaften, einiges über das Thema weiß und es selbst kritisch betrachtet, der wird zwar an so manchen Stellen in diesem Buch nichts Neues mehr lernen, an anderen können sich aber durchaus betrachtenswerte neue Ideen zum Thema finden.
Subjektive Sicht auf eine Trennung
Fremde von Belle Burden
Belle Burden ist Anfang 50, seit 20 Jahren mit ihrem Mann James verheiratet, hat mit ihm drei Kinder und wähnt sich in der perfekten Beziehung und im perfekten Leben. Geldsorgen hat die Familie keine, durch ein großzügiges Treuhandvermögen von ihrer Seite (sie stammt sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits von vermögenden und berühmten Familien ab, wie sie selbst erwähnt) und ein sehr gutes Einkommen von ihm im Finanzbereich, ist die Familie finanziell so gut abgesichert, dass man sich nicht nur eine schicke Wohnung in New York, sondern außerdem noch ein Ferienhaus auf Martha's Vineyard direkt am See leisten und dieses mit dem Wasserflugzeug anfliegen kann, die Kinder teure Privatschulen besuchen und auch für ihr Studium schon finanziell vorgesorgt ist.
Belle selbst hat, wie ihr Mann, ursprünglich Jura studiert und ist Anwältin, arbeitet aber seit vielen Jahren aufgrund der Kinderbetreuung nur noch wenige Stunden ehrenamtlich in diesem Bereich, indem sie minderjährigen Geflüchteten dabei hilft, ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht und eine Green Card zu bekommen. James arbeitet jede Woche sehr viele Stunden und es ist keine Seltenheit, dass er auch die Wochenenden mit Arbeit verbringt, dennoch hält Belle ihn für einen zugewandten Ehemann und großartigen Vater, auch wenn aus meiner Sicht wohl relativ wenig tatsächliche Vertrautheit zwischen den Eheleuten da war, allein schon aufgrund der wenigen miteinander verbrachten Zeit. Wichtig ist aber jedenfalls der schöne Schein nach außen, man geht zu gesellschaftlichen Anlässen, ist Mitglied elitärer Clubs und dreht sentimentale Erinnerungsvideos der besonderen Momente aus der Kindheit des eigenen Nachwuchses.
Als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie auch die USA trifft, zieht die Familie sich in ihr Haus auf Martha's Vineyard zurück und beobachtet wie jedes Jahr ein Adlerpärchen dabei, sein Nest ganz in der Nähe zu bauen. Zwar verunsichert durch die Nachrichten von der Pandemie, aber doch sich selbst in privater Sicherheit wähnend, schlägt es bei Belle wie eine Bombe ein, als ein unbekannter Mann sie anruft und behauptet, ihr Mann habe eine Affäre mit seiner Frau.
Als Belle James zur Rede stellt, leugnet er es nicht, gibt aber keine genaueren Hintergründe an. Erst meint er, es sei unbedeutend und er werde bei seiner Familie bleiben, doch kurz darauf entscheidet er sich für die definitive Trennung und zieht aus. An den Kindern zeigt er ab diesem Zeitpunkt noch weniger Interesse als bisher, interessiert sich kaum für deren Erziehung, will ihnen keinen Platz in seiner neuen Wohnung einräumen und sie maximal einmal wöchentlich kurz zum Abendessen treffen.
Außerdem stellt sich heraus, dass er finanziell nicht ganz so großzügig ist, wie von Belle erhofft, und aufgrund eines alten Ehevertrages darauf besteht, seine hohen Einkünfte und die daraus resultierenden hohen Ersparnisse alleine für sich reklamieren und außerdem die Hälfte an den Immobilien zu fordern, die mit dem Geld aus Belles Herkunftsfamilie angeschafft wurden, aber für die sie ihn großzügig mit eingetragen hat. Belle fühlt sich zutiefst verletzt und ungerecht behandelt und so beginnt ein zäher Scheidungskampf mit Klage und Gegenklage.
Bei diesem Buch handelt es sich, wie schon angedeutet, nicht um einen Roman, sondern um eine wahre Geschichte. Jedenfalls so weit, wie die Sichtweise einer Person auf einen Konflikt, der mindestens zwei Personen betrifft, die Wahrheit sein kann. Es ist also eine ursprünglich auf Tatsachen beruhende Perspektive einer Partei auf einen Scheidungskonflikt. Dabei verwendet die Autorin, wie sie in der Vorbemerkung angibt, ihren eigenen echten Namen und die Klarnamen ihrer Großeltern, Eltern, Stiefmutter, ihres Bruders und ihrer Schwägerin, während sie offenbar für ihren Ex-Mann und die Kinder Pseudonyme gewählt hat. Ob das diese bei dieser offenen Darstellung schützen kann oder jeder mit Interesse daran nach einer kurzen Internetrecherche auch diese identifizieren kann, sei dahingestellt.
Ursprünglich veröffentlichte die Autorin einen Zeitungsartikel über die Trennungsgeschichte, diesem stimmte ihr Ex-Mann nach eigenen Angaben im Buch zu. Ob er diesem Buch auch zugestimmt hat, wissen wir nicht. Nachdem sie ihre Geschichte aus ihrer Sicht erzählt hat, geht sie am Ende des Buches noch auf den Vorwurf ein, mit diesem öffentlichen Waschen von privater Schmutzwäsche nicht nur ihrem Ex-Mann, sondern auch ihren Kindern zu schaden und dass eine gute Mutter das nicht mache, und meint, ihren Kindern damit sogar etwas Gutes zu tun, indem sie die Generationen lange Kette öffentlichen Schweigens von Frauen angesichts des Betruges ihrer Männer unterbrochen habe und damit ihren Kindern ein Vorbild sei.
Literarisch handelt es sich aus meiner Sicht um kein Meisterwerk. Das Buch ist relativ simpel erzählt und es ist eindeutig die subjektive Sichtweise einer einzigen Person. Die Charaktere bleiben relativ blass, weder von James noch von den drei Kindern habe ich mir ein wirkliches differenziertes Charakterbild machen können, auch von den meisten anderen erwähnten Figuren nicht. Ich vermute, dass das daran liegt, dass es nicht die größte Stärke der Autorin zu sein scheint, andere wirklich wahrzunehmen, was sich auch daran zeigt, wie sehr sie sich in ihrem Partner getäuscht hat (den sie offenbar hauptsächlich nach Attributen wie groß, erfolgreich und Sicherheit versprechend ausgesucht hat).
Hinter der Geschichte liegt ein wirklich interessantes Thema, bei dem ich mir gewünscht hätte, dass es noch näher beleuchtet würde und das die Autorin nur an wenigen Stellen andeutet: während Belle selbst aus einer berühmten und reichen Familie kommt, was sicher auch Nachteile, aber im finanziellen Bereich viele Vorteile mit sich bringt, musste sich ihr Mann James fast alles selbst erarbeiten und hatte deshalb nie das Gefühl finanzieller Selbstverständlichkeit, das sie kannte. Das zeigt sich zum Beispiel an einer Szene am Anfang, als er kritisiert, dass sie Restaurantrechnungen begleicht, ohne Gesamtbetrag oder Details auch nur anzuschauen, oder auch später, als er versucht, sparsam zu sein und sie als verschwenderisch kritisiert.
Hätte die Autorin an diese Stelle und an weitere mögliche Konfliktlinien näher hingeschaut, hätte noch ein viel interessanteres Buch dazu entstehen können, wie Klassenunterschiede zweier Partner die Partnerschaft zu zerreißen drohen... oder auch, wie man als Paar konstruktiv damit umgehen kann (wenn sie das dann gelernt hätte). Interessiert hätte mich an vielen Punkten auch sehr die Sichtweise von James. Ist er wirklich einfach der treulose Ehemann, als der er im Buch wegkommt oder hat er sich schon lange in dieser Beziehung ungesehen und unverstanden gefühlt, vielleicht sogar immer wieder versucht, aktiv daran zu arbeiten? Wir wissen es nicht. Dargestellt wird er als treuloser, egoistischer Ehemann, der sich weigert, nähere Erklärungen abzugeben.
Belle erzählt jedenfalls ihre Befreiungsgeschichte, die nun damit enden soll, dass sie zwei Mal einen Kurs zum kreativen Schreiben besucht, dann den Artikel und nun das Buch veröffentlicht hat. Somit ist nun ihr Mädchentraum von der Karriere als Autorin in Erfüllung gegangen.
Was ich für mich aus dem Buch, neben einer durchaus unterhaltsamen Geschichte, mitnehme, weiß ich noch nicht... vielleicht ist es für mich hauptsächlich eine Geschichte über Privilegien, die blind machen, und über das, was man nicht sehen will? Als Vorbild für Selbstermächtigung kann ich Belle rein aufgrund dieses Buches nicht überzeugend finden.
In den USA war das Buch ein Bestseller und stand monatelang auf der Bestsellerliste der New York Times. Dazu hat vielleicht neben der Bekanntheit der Familie der Autorin (auch über ihre Hochzeit wurde schon öffentlich in den Zeitungen berichtet) auch beigetragen, dass wahre Trennungsgeschichten interessant zu lesen sind. Ob man sich persönlich von dem Buch viel verspricht und mitnehmen kann, entscheide jeder selbst, von mir gibt es diesmal keine ausdrückliche Leseempfehlung.
Ein gutes Buch, das zu viel sein will
Die Träume, die wir hatten von Christiane Hoffmann
Die deutsche Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann hat vor ihrem neuesten Werk schon andere Bücher zur Verbindung vom Persönlichem und Historischem geschrieben, etwa eines zum Iran und eines zur Fluchtgeschichte ihres Vaters. Nun hat sie sich die große Aufgabe gestellt, die Entwicklungen in den postsowjetischen Staaten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit nicht nur einem, sondern gleich mehreren persönlichen Themen zu verbinden.
Eines dieser Themen ist ihr eigenes Verhältnis zu diesen Staaten, denen sie seit Jahrzehnten tief verbunden ist: sie hat unter anderem Slawistik studiert, spricht sehr gut Russisch und ist schon in den 1980er Jahren als junge Austauschstudentin in die Sowjetunion und danach viele Male privat und beruflich in deren Nachfolgestaaten gereist, hat viele Freunde und Bekannte in diesen Regionen. Die Sehnsucht und Hoffnung auf einen friedlichen Neubeginn und eine positive Weiterentwicklung dieser Regionen hat die Autorin und viele andere Menschen durch die 1990er Jahre und darüber hinaus getragen. Spürbar wird ihre Liebe zu diesen Ländern, genauso wie ihre detaillierten Kenntnisse über all die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit danach, über Träume und Hoffnungen, die sich letztendlich nicht alle erfüllt hatten.
Das wäre also schon mehr als genug für ein äußerst fundiertes Buch gewesen: einerseits sachbuchartig die Entwicklungen in Osteuropa von den 1980ern bis heute darzustellen und damit auch die Hintergründe des Ukrainekrieges, der für viele nicht so mit diesen Themen vertraute Menschen äußerst überraschend gekommen ist, zu erzählen, wie es die Autorin auch tut. Und andererseits diese sachbuchartigen Erläuterungen mit persönlichen Einblicken, Erzählungen und Bezügen aufzulockern.
Doch noch ein weiteres, ebenfalls emotional äußerst heftiges und tiefgreifendes Thema, hat sich die Autorin für dieses Buch vorgenommen: den Suizid einer Freundin, der zeitlich mit dem Beginn des Ukrainekrieges zusammenfiel und mit der sie das Interesse für die Länder Osteuropas und insbesondere für die Lyrik Anna Achmatowas verbunden hat.
Das Buch ist stilistisch also eine mutige Mischung aus sehr nüchtern-sachbuchartig geschriebenen Passagen etwa über politische Verhandlungen zwischen den USA und Russland über Abrüstung im atomaren Bereich und die Entwicklung einer gemeinsamen Weltmachtposition (so von Russland erhofft, von den USA aber nie ernst gemeint), sehr persönlichen Ausschnitten voll Trauer samt Briefen an die verstorbene Freundin und der Frage nach dem Warum, und Einblicken in die Begegnungen und Erlebnisse der Autorin in Osteuropa.
Ob man diese Verknüpfungen und die damit verbundenen zahlreichen stilistischen Brüche innerhalb des Buches zu viel des Guten oder gerade durch diese ganz unterschiedlichen Stile genial findet, hängt sicher auch viel davon ab, in welcher Verfassung sich die am Buch interessierten Menschen gerade befinden und wie sehr man sich darauf einlassen kann.
Für mich persönlich war gerade der Wechsel aus sehr nüchterner-sachbuchartiger Erzählweise und dann wieder den so persönlich-emotionalen Abschnitten schwierig zu bewältigen, ich hatte oft das Gefühl, mich auf dieses Buch dadurch nicht voll und ganz einlassen zu können und habe mich an manchen Stellen von der Fülle der Informationen erschlagen und an anderen wiederum emotional überwältigt gefühlt. Jedenfalls war es nicht möglich, das Buch in einem durchgängigen, einigermaßen konsistenten, emotional-verbundenen oder sachlich-distanzierten Zustand zu lesen.
Was ich jedenfalls sagen kann: das ist ein Buch, das sehr viel Raum braucht und ihn sich auch nimmt. Man hat nur die Wahl, dem Buch diesen Raum zu geben, zeitlich, sachlich wie emotional, oder die Lektüre über einen längeren Zeitraum zu strecken - was aber wiederum das Dranbleiben an den vielen Themen schwierig macht - oder ganz bleiben zu lassen.
Dabei ist es durchaus eine lohnende Lektüre, insbesondere auf der Sachbuchebene: wer sich bisher noch nicht viel mit diesen Themen beschäftigt hat, kann sehr interessante neue Einblicke in die differenzierten Hintergründe des jetzigen Russland-Ukraine-Konfliktes, aber auch vieler anderer Staaten, die ehemals zur Sowjetunion gehörten, gewinnen. Auf dieser Ebene lohnt sich die Lektüre also sehr, wird allerdings damit erkauft, sich zwischendrin auf das hochemotionale Thema der Schuld rund um den Suizid der Freundin der Autorin einlassen zu müssen.
Wer sich hingegen vorrangig für das Thema Hinterbliebene nach Suizid und Umgang mit Schuld interessiert, dem empfehle ich eher andere Werke dazu (etwa "Von dem, der bleibt" von Matteo B. Bianchi. Es ist dieses ein so großes und schweres Thema, dass es ein Buch verdient hätte, das sich voll und ganz diesem widmet und nicht gleichzeitig mindestens ein halbes Sachbuch zur Aufarbeitung sehr interessanter, aber inhaltlich ganz anderer politischer Themen verschiedener Länder sein will.
Großartige Sozialstudie, mittelmäßiger Krimi
Die Auster von Yael Inokai
Mit ihrem neuen Buch, "Die Auster" ist Yael Inokai ein raffiniert konstruiertes, zum genauen Lesen und Rätseln anregendes Werk gelungen, das gleichzeitig eine hervorragende Sozialstudie ist. Passend zur Tiefgründigkeit dieses Buches, kombiniert mit der detailreichen Schreibweise, bei der es nicht wie bei vielen Krimis vordergründig um Spannung und eine rasch voranschreitende Handlung geht, sondern sich Zeit gelassen wird, die Charaktere ausführlich und mit vielen Facetten darzustellen, ist das Buch auch als "Roman" und nicht als "Kriminalroman" gekennzeichnet.
Diese einleitenden Worte weisen schon darauf hin, welchen Leserinnen und Lesern ich dieses Buch empfehlen kann: jenen, die anspruchsvolle, gut geschriebene Literatur mit authentisch gezeichneten Charakteren schätzen, in die eine Krimihandlung und die Auflösung eines Mordes eingebettet sind, die aber nicht hauptsächlich davon getragen wird.
Denn viel mehr als um den Mord an sich geht es für mich in diesem Buch um die Hauptfigur Leonora Bloch, eine alte Frau, die vom Leben in vielerlei Hinsicht hart geprüft wurde, früh den einzigen Sohn verlieren musste und auch mit um die 70 Jahren keineswegs ihre Rente genießen kann, sondern immer noch das Geld braucht, dass sie mit Putzen verdient.
Seit vielen Jahrzehnten arbeitet Leonora für Herrn Dr. Bronstett sowohl als private Reinigungskraft als auch in dem legendären Kaufhaus, in dem er Geschäftsführer ist. Sie ist eine Frau, die gelernt hat, sich durchzukämpfen und sich mit wenig zufrieden zu geben, aber auch, wenn nötig, für sich einzustehen.
Das Buch nimmt sich ausgiebig Zeit, um das Leben und Sozialmilieu von Leonora Bloch zu schildern, dabei ist dieses sehr interessant und authentisch dargestellt. Im Kontrast dazu erleben wir außerdem die finanziell um vieles besser gestellten Menschen der finanziellen Oberschicht rund um Herrn Dr. Bronstett, die aber, wenn man hinter die Fassade blickt, auch so ihre Schattenseiten und Probleme haben.
So gibt es gleich einige Personen, die für den Mord an Dr. Bronstett, der eines Tages von Leonora tot aufgefunden wird, verantwortlich sein könnten. Geschickt streut die Autorin dazu im Buch verschiedene Fährten und man entdeckt so manches erst bei sehr sorgfältigem oder mehrmaligem Lesen bzw. in der Diskussion mit anderen in einem Lesekreis.
Bei genauerem Hinsehen werden so einige Zusammenhänge klar und dabei zeigt sich, wie gut vieles im Buch konstruiert ist. Dennoch war für mich die letztendliche Auflösung des Mordfalles nicht ganz stimmig und hat sich für mich nicht in jedem Aspekt plausibel in die Gesamthandlung eingefügt.
Das Buch hat somit klar seine großen Stärken in den Bereichen Sozialstudie und anspruchsvoller Roman, während ich es als eher mittelmäßig einstufen würde, wenn ich es rein nach seinen Qualitäten als Krimi, der es ja nicht alleine sein will, beurteilen würde. Somit komme ich insgesamt auf gute vier Sterne für ein interessantes und lesenswertes Werk.
Kroatien zwischen Unabhängigkeit und EU-Beitritt
Dem Meer entgegen von Lidija Hilje
"Dem Meer entgegen" ist das Debüt der kroatischen Autorin und Schreibtrainerin Lidija Hilje, das sie in ihrer Zweitsprache Englisch geschrieben hat und von Hennig Ahrens ins Deutsche übersetzt wurde. Titelbild, Titel und Aufmachung lassen einen locker-leichten Sommerroman vermuten, dieser Eindruck täuscht aber: es ist ein eher anspruchsvolles Buch mit einer eher deprimiert-sehnsüchtigen Hauptfigur, hinter der ein schweres Schicksal steht: es geht um Unfruchtbarkeit und das Aufgeben des Partners, weil man selbst keine Kinder bekommen kann, um pflegebedürftige und sterbende Eltern und die Trauer um diese, um schwierige Familienbeziehungen und um wirtschaftliche Herausforderungen im Kroatien der Jahre nach den Balkankriegen.
Im Zentrum des Romans steht Ivona, die kurz nach den Kriegen eine ganz junge Frau war, mit 19 ihre große Liebe Vlaho kennen gelernt hat, diesen auch geheiratet hat, aber sich später scheiden ließ, obwohl sie ihn noch liebte. Danach heiratete er ihre Freundin Marina und bekam mit dieser die von der Familie so heiß ersehnten beiden Kinder. Ivona blieb der Familie eng verbunden, war regelmäßig zu Besuch und wurde sogar Patentante der beiden Kinder.
Die Handlung wechselt immer wieder zwischen der Zeit der ganz jungen Ivona und ihrer Liebe zu Vlaho und der Zeit etwa 20 Jahre später, als Ivona Ende 30 ist und auf ihr bisheriges Leben zurückblickt: so viele Träume haben sich nicht erfüllt. Sie ist Single und kinderlos und auch beruflich hat es nicht so gut geklappt, zwar hat sie erfolgreich ihr Biologiestudium abgeschlossen, doch gab es aufgrund des wirtschaftlichen Umbruches in der damaligen Zeit keine passenden Stellen für sie und sowieso würden viele dieser in Kroatien nur aufgrund von Vitamin B vergeben werden. So war Ivona nach ihrem Studium eine längere Zeit arbeitslos und heute arbeitet sie in einem Schreibwarenladen, zwar durchaus zufrieden, aber weit unter ihrer Qualifikation. Im Hintergrund gibt es noch den Vater, der sich mit seinen unternehmerischen Versuchen übernommen hat, schwer verschuldet ist und so ein Familiengrund mit Olivenbäumen direkt am Meer, mit dem Ivona viele schöne Kindheitserinnerungen verbinden, vom Verkauf bedroht ist.
Man lernt im Buch viel über die Zeit in Kroatien direkt nach den Balkankriegen und die Entwicklung danach. Es wird spürbar, was für eine herausfordernde Zeit das insbesondere für hoffnungsvolle und ehrgeizige junge Menschen gewesen muss, die hochqualifiziert und motiviert waren, aber kaum berufliche Chancen bekamen. Auch der massive Brain Drain - mehr als 10 Prozent der Kroaten haben mittlerweile dauerhaft das Land verlassen - und die Tatsache, dass insbesondere gut qualifizierte Menschen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ins Ausland gehen, wird thematisiert.
Ein weiteres großes Thema im Buch ist die unglückliche Liebe Ivonas zu Vlaho, der vielleicht in gewisser Weise auch für ihre Vergangenheit und Bindung zur Heimat steht. Später kommt noch ein zweiter Mann dazu, Asier, mit baskischen Wurzeln, in London lebend und international tätig.
Ich habe ein bisschen gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden, doch als ich mich nach etwa dem ersten Viertel eingelesen hatte, habe ich Ivonas Geschichte sehr gerne gelesen. Insgesamt ist es aber eher ein tragisch-melancholisches Buch und jedenfalls keine leichte Strandlektüre. Allen, die emotional vom Thema unerfüllter Kinderwunsch betroffen sind und sich nicht stark damit in einem Buch auseinandersetzen wollen, rate ich eher nicht zur Lektüre dieses Buches. Wer damit aber kein Thema hat und sich für die Entwicklung Kroatiens in den Jahren zwischen Unabhängigkeit und EU-Beitritt interessiert, kann ich das Buch als sehr interessante Lektüre dazu sehr empfehlen.
Differenziert, fundiert und unterhaltsam
Leben, Körper, Tod von Bettina Schöne-Seifert
"Leben, Körper, Tod", ein Sachbuch der Medizinerin, Philosophin und Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert wurde für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert: eine Auszeichnung, die schon darauf hindeutet, dass es sich um ein äußerst interessantes und gut geschriebenes Werk handelt.
Gut verständlich und unterhaltsam, dabei gleichzeitig fachlich fundiert führt die Autorin in das Feld der Medizinethik ein und stellt zwölf aktuelle Kontroversen vor.
Dabei geht es um Themen wie Patientenverfügungen und die Frage, ob das frühere Ich in jedem Fall über das zukünftige Ich bestimmen dürfen soll, das Recht auf Abtreibung oder auf die Inanspruchnahme einer Leihmutter, um sich den eigenen sonst unerfüllbaren Kinderwunsch zu erfüllen, um Organspende und darum, wie wir definieren, ob jemand tot ist, und um viele weitere interessante Themen.
Jedes Kapitel wird mit einem fiktiven Fall eingeleitet, der danach nach verschiedenen ethischen Prinzipien diskutiert wird. Dabei stellt die Autorin die unterschiedlichen ethischen Positionen sowie, wenn thematisch passend, den Stand der medizinischen Wissenschaft zu dem Thema dar, und bezieht mutig auch selbst Stellung.
Ich habe das Buch als sehr anregend gefunden, über Medizinethik nachzudenken. Die differenzierte Darstellung der Fälle macht deutlich, wie es hier tatsächlich oft um Grenzfragen der Ethik geht und verschiedene Seiten der Argumentation jeweils etwas für sich haben. Damit kann das Buch auch dazu beitragen, Menschen besser zu verstehen, die zu den jeweiligen Themen eine andere Haltung einnehmen.
Es ist ein sehr interessantes Sachbuch, das ich allen Menschen, die sich für Medizin, Ethik oder eine Verbindung von beidem interessieren, oder auch einfach nur gesellschaftspolitisch interessiert sind, sehr empfehlen kann.
Multiperspektivisch
Besser als nie von Stephan Thome
Im Jahr 2009 hat der Autor Stephan Thome sein Romandebüt "Grenzgang" veröffentlicht, in dem er anhand des Anlasses des Grenzgang-Festes in einer hessischen Kleinstadt aktuelle gesellschaftliche Themen und Konfliktfelder aufgezeigt hat.
Nun folgt 17 Jahre später eine Art Fortsetzung: auch in "Besser als nie" geht es wiederum um eine Grenzgang-Fest in einer hessischen Kleinstadt und die gesellschaftlichen Herausforderungen, die der Umgang damit aufzeigt.
Da geht es zum Beispiel um die Frage, inwieweit es legitim ist, alte Traditionen zu bewahren, wenn diese bedeuten, dass Frauen keine Reiterinnen sein dürfen. Und so etwas im Jahr 2026! Obwohl sich kaum genug Männer für die Tradition finden!
Aus den Perspektiven verschiedener Figuren entwickelt sich das Geschehen.
Besonders gut hat mir gefallen, dass der Audioverlag bei der Erstellung des Hörbuches keine Kosten und Mühen gescheut hat, und nicht etwa, wie bei vielen anderen Hörbüchern, alles von einer Person mit teilweise verstellter Stimme eingelesen wird, sondern tatsächlich verschiedene Sprecher die verschiedenen Perspektiven lesen. Dadurch gewinnt das Hörbuch sehr an Authentizität und wird zu einem umso größeren Hörvergnügen.
Inhaltlich ist es eine interessante Geschichte, die auch gut verstanden werden kann, ohne das Vorgängerwerk zu kennen.
Muss die Liebe an sozialen Unterschieden scheitern?
Die zweitgrößte Liebe von Ruth-Maria Thomas
Ich habe das Hörbuch zum Buch "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas, sehr einfühlsam und differenziert gesprochen von Lili Zahavi, vor kurzem fertig gehört und bin auch jetzt, nach mehreren Tagen Abstand, noch tief bewegt, wenn ich daran denke.
Ich glaube, ich habe noch nie so eine berührende, im Grunde tieftraurige und dabei so authentische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Sozialmilieus, die sich doch eigentlich so sehr lieben und zwischen denen dabei aber so viele Trennendes steht, gehört oder gelesen.
Die meisten Liebesromane tendieren dazu, eher seicht, unrealistisch und überromantisch zu sein. Dieser gar nicht!
Ich habe mich schon viel mit sozialen Unterschieden aus psychologischer und soziologischer Sicht befasst und auch die Autorin, die neben dem Schreiben auch gelernte Sozialarbeiterin ist, hat offensichtlich ganz viel Ahnung von diesem Thema. Hier ist ihr das große Kunststück gelungen, all ihr Wissen über verschiedene soziale Milieus und die damit verbundenen Unterschiede in Denken, Fühlen, Auftreten, Erfahrungen, Kommunikation, Sehnsüchten, Ängsten, Werten, Lebenszielen und noch so vielem mehr in einen absolut packenden Roman einzubauen, der überhaupt nicht akademisch oder sachbuchartig wirkt, doch wie nebenbei alle Lesenden, die hinschauen möchten, tief für soziale Unterschiede sensibilisiert.
Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, war die ganze Zeit tief emotional verbunden mit den beiden Hauptfiguren, hab mit ihnen gehofft und gebangt, ihre wachsende Beziehung miterlebt, dabei viel nachgedacht und gelernt.
Worum geht es?
Um Michelle, eigentlich Mishelle (die Mutter kannte bei der Eintragung des Namens die richtige Schreibweise nicht), arm bei einer alleinerziehenden Mutter im Osten von Deutschland aufgewachsen. Die die Kreativität liebt und einen eigenen Kunsthandwerksladen hatte, doch Corona und weitere Krisen haben dazu geführt, dass sie diesen nicht mehr gewinnbringend betreiben konnte und ihn mit Schulden schließen musste. Nun arbeitet sie im Servicebereich eines gehobenen Hotels, mehrere hundert Kilometer entfernt, in einem der "alten" Bundesländer. In diesem Hotel lernt sie auch Henry kennen, die zweite Hauptfigur des Romans. Henry heißt eigentlich Paul-Heinrich, ist der Sohn einer sehr wohlhabenden Familie mit erfolgreichen Eltern, die er in seiner Kindheit aber wenig zu Gesicht bekommen hat und viel von Au-Pairs betreut wurde, wobei er sich sehr einsam fühlte.
Die beiden lernen sich also kennen und verlieben sich ineinander: Henry fühlt sich angezogen von Michelles natürlich-offener Art, ihrer unverblümten Sprache und ihrer Direktheit, während Michelle sich bei ihm sicher und geborgen fühlt und seine Sensibilität schätzt.
Doch je besser sie sich kennen lernen, desto mehr zeigen sich die tiefgehenden Unterschiede in ihrer Prägung und den damit verbundenen Wünschen, Zielen und Lebensvorstellungen: Michelle ist es gewohnt, zu kämpfen, um durchzukommen: als sie zu einem tödlichen Autounfall kommt, zieht sie der Sterbenden den Ehering vom Finger, als Kompensation für das eigene erlittene Trauma durch das Erlebnis und als Sicherheit. Als sie Henry davon erzählt, ist er entsetzt. So etwas würde er nie tun! Braucht er aber auch nicht, denn durch das Vermögen seiner Familie ist er schon von Kindheit an bestens abgesichert.
Dreisten Gästen spuckt Michelle heimlich in die Getränke. Ihre Wortwahl ist so direkt, dass sie manchmal fast schon ordinär wirkt, insbesondere auf Henrys gehobenes Umfeld. Und sie war immer schon gewohnt, für sich selbst zu sorgen und kann sich nicht vorstellen, die klassisch-konservative Rolle einer unterstützten Ehefrau an Henrys Seite einzugehen.
Liebeswürdige Seiten hat sie auch eine Menge, doch die zeigen sich erst bei näherem Hinsehen und wenn sie sich sicher fühlt. Henry hingegen ist zwar sehr sensibel, doch wirklich nachfühlen kann er Michelles Existenzängste nicht und er versteht auch nicht, warum sie den sicheren Hafen, den er ihr doch so gerne großzügig anbieten möchte, nicht einfach annehmen kann und damit alle Probleme erledigt seien.
Die beiden lieben sich sehr und kämpfen um ihre Liebe, das ist spürbar, und doch drohen die extremen Unterschiede in sozialem Hintergrund, Sozialisation und Vermögen, aber auch die unterschiedlichen Umfelder, sie auseinanderzureißen.
Das Hörbuch bzw. Buch ist extrem gut erzählt. Beide Figuren sowie deren Umfelder und die daraus resultierenden Prägungen sind tiefgründig und authentisch gezeichnet, jedes Wort sitzt. Die Autorin Ruth-Maria Thomas ist für mich ein ganz außergewöhnliches Talent nicht nur im Schreiben, sondern auch im Fühlbar-Machen psychologischer Feinheiten und sozialer Unterschiede.
Dieses Buch ist eines meiner Jahreshighlights, ich werde mir demnächst auch den mir bisher unbekannten Debütroman der Autorin besorgen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr! Absolute Empfehlung für alle, die sich für Psychologie, Soziologie und soziale Unterschiede, aber auch für jene, die sich einfach nur für richtig gute Literatur interessieren!











