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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Ein neuer Blick auf Triest

Alma von Federica Manzon

Alma ist zu Zeiten des ehemaligen Jugoslawiens mit ihrer italienischen Mutter und dem jugoslawisch-stämmigen Vater in Triest aufgewachsen, zwar noch in Italien, aber unweit der jugoslawischen Grenze.

Immer wieder ist ihr Vater nach Jugoslawien gereist und hat dort alle möglichen mysteriösen Geschäfte erledigt, sogar den legendären Marschall Tito getroffen, und immer lag über all dem ein Schleier der Vorsicht, denn man wusste auch, dass das kommunistische Land zwar etwas offener gegenüber dem Westen war als die Länder unter stärkerem russischen Einfluss, aber dennoch seine Kritiker und Gegner erbarmungslos verfolgte.

Dann gibt es auch noch die italienischen Großeltern mütterlicherseits, sehr wohlhabend und auf Etikette bedacht, die nicht sehr erfreut über die Verbindung ihrer Tochter mit dem "Slawen", dem "s'chiavo", sind und einen wenig differenzierten Blick auf alles jenseits der Grenze haben, etwa nicht einmal wissen wollen, dass dort nicht nur eine einheitliche Sprache gesprochen wird und einen serbokroatisch sprechenden Jungen aus Belgrad, der kurzfristig bei der Familie untergebracht ist, in eine Schule für die slowenische Minderheit schicken.

Das Buch ist aus der Perspektive einer erwachsenen, reifen Alma erzählt, die wieder nach Triest reist, Orte ihrer Kindheit besucht und in Erinnerungen schwelgt. Dabei zeigt sich ein interessantes Bild einer Grenzregion, die so klar multikulturell geprägt ist und historisch vielen unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt war.

Auch über das ehemalige Jugoslawien unter Tito lässt sich so einiges lernen, wobei sich das Buch leichter liest, wenn man, wie die Verfasserin dieser Rezension, über zumindest ein grundlegendes Vorwissen über diese Region und ihre Geschichte verfügt, da so einige historische Zusammenhänge angedeutet werden (z.B. wird Tito oft nur "der Marschall" genannt), ohne in aller Ausführlichkeit von Grund auf erklärt zu werden.

Was die Figuren und Erzählstruktur angeht, so war es für mich ein Buch, das Zeit und Geduld braucht. Es ist eher ein mäanderndes Hin und Her zwischen verschiedenen Erinnerungen als ein wirklich spannend erzählter kontinuierlicher Spannungsbogen. Dabei ist eine innere Distanzierung spürbar, die durchaus zum Thema passt und in sich stimmig ist, aber die Identifikation mit den Figuren nicht unbedingt erleichtert.

Es ist damit also kein Buch, das einen hineinzieht und fesselt, sondern eher eines, für das man sich bewusst Zeit nehmen muss, um sich zu entscheiden, weiterzulesen. Das heißt aber nicht, dass die Lektüre sich nicht lohnen würde: gerade in den scheinbar unzusammenhängenden Details und den vielen kleinen Erinnerungen und Szenen setzt sich insgesamt ein Horizont erweiterndes Bild einer sehr interessanten Grenzregion zusammen. Insofern hat die Lektüre meinen Blick auf Triest definitiv erweitert.

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Ein neuer Blick auf Triest
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Anspruchsvolle, vielperspektivische Betrachtung des Themas

Im Blick der Anderen: Die Kunst, sich gesehen zu fühlen von Ellen Kuhn

"Im Blick der anderen" von Ellen Kuhn ist ein Werk, das wahrhaftig seinesgleichen sucht. Es ist eine Seltenheit, dass jemand ein Thema dermaßen vielschichtig, vielperspektivisch und differenziert behandelt, wie das der Autorin mit ihrem Buch gelungen ist. Offensichtlich hat sie sich wirklich extrem tief in das Thema eingearbeitet, es für sich und die Leserinnen und Leser neu geordnet und mit ihren eigenen Gedanken und Lebenserfahrungen verbunden.

Dadurch ist es ihr gelungen, Gesehen-Werden so zu betrachten, wie es noch nie betrachtet worden ist und ein wahrhaftig umfassendes und originelles Werk zu verfassen.

Wer sich an dieses über 400 Seiten starke und inhaltlich sehr gehaltvolle, durchaus philosophisch anspruchsvolle Buch heranwagen will, dem oder der empfehle ich viel Zeit, Ruhe, Konzentration und am besten andere Menschen, mit denen man sich über die Inhalte austauschen kann. In elf Kapiteln geht es darum, was es bedeutet, gesehen zu werden und andere zu sehen.

Dabei werden sowohl diverse philosophische Theorien vorgestellt und mit dem Thema verknüpft, als auch auf aktuelle und historische Erkenntnisse der Psychologie und Psychotherapie Bezug genommen, beispielsweise die Bindungstheorie, Resonanz, das eigene Selbstbild, Selbstwert und Selbstbewusstsein, Identität und vieles mehr. Ganz am Ende gibt es auch noch einen Vergleich mit Weltbildern und Konzepten, die nicht aus dem westlich geprägten Kulturbereich stammen, etwa Wu-Wei, Dao oder Konfuzianismus aus dem asiatischen Raum.

Sehr spannend ist auch, wie verschiedene Psychotherapieschulen kurz in ihrem Weltbild vorgestellt werden und dann überlegt wird, was diese aus ihrer individuellen Perspektive zum Thema Gesehen-Werden beitragen können. Hier, genauso wie an vielen anderen Stellen des Buches, wird sichtbar, wie wertvoll es ist, unterschiedliche Perspektiven zu kennen, um ein komplexes Thema differenziert zu betrachten, weil durch jede davon wieder etwas Neues sichtbar war, das sich davor so nicht gezeigt hatte.

Zugänglich und praktisch anwendbar werden die vorgestellten Theorien auch dadurch, dass sich im Buch zahlreiche Fallbeispiele finden und am Ende jedes Kapitels Reflexionsfragen dazu einladen, das Gelesene mit dem eigenen Leben zu verknüpfen und auf einer persönlichen Ebene vertieft darüber nachzudenken oder auch sich mit anderen dazu auszutauschen.

Besonders gern mochte ich persönlich auch die Stellen, an denen die Autorin von sich und ihrer Lebenserfahrung erzählt, Theorien kritisch hinterfragt und mit ihren eigenen Ideen neue Impulse gibt, das Thema neu zu betrachten, z.B. zum Thema, ob Weisheit und Interesse an existenziellen Fragen in jedem Fall mit einem höheren Lebensalter verbunden sein müssen bzw. was es bedeuten könne, sich schon sehr früh tiefgründig damit auseinanderzusetzen.

Die ausführliche Beschäftigung mit dem Buch hat mir einiges an Zeit und Energie abgefordert, mich aber zugleich mit vielen neuen Perspektiven auf ein spannendes Thema und so einigen Impulsen auch zum längerfristigen weiterführenden Nachdenken beschenkt.

Es ist ein Buch, das man am besten nicht nur einmal liest und dann ins Regal stellt, sondern das in seiner Vielschichtigkeit und Multiperspektivität richtig dazu einlädt, es als längerfristigen Begleiter an der Seite zu haben und immer mal wieder zu konsultieren, wenn man Interesse hat, einen der vielen Aspekte des menschlichen Seins und miteinander in Begegnung Gehens ausführlicher zu explorieren.

Ich kann es allen Menschen, die Freude an anspruchsvoller intellektueller Auseinandersetzung und tiefgründiger Persönlichkeitsreflexion und -entwicklung haben und bereit sind, sich auf die damit einhergehende Tiefe einzulassen, sehr empfehlen.

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Anspruchsvolle, vielperspektivische Betrachtung des Themas
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Wunderschön bebildertes Teigtaschen-Kochbuch

Teigtaschen aus den Alpen von Irene Hager

Wer Teigtaschen liebt und sie gerne aus selbst gemachtem Nudelteig frisch herstellt, wird mit diesem Buch eine Freude haben. Es werden verschiedenste Teigtaschenrezepte aus dem ganzen Alpenraum vorgestellt, von Almkäse-Cappelletti über Kastanienravioli bis zu slowenischen Zlikrofi. Geographisch ist der ganze Alpenraum miteinbezogen: es gibt Gerichte aus Italien genauso wie solche aus der Schweiz, aus Österreich, Slowenien oder aus den französischen Alpen.

Besonders ist an diesem Buch, das jedem Rezept sehr viel Raum gewidmet ist, einzelne Arbeitsschritte detailliert dargestellt werden und das alles von unzähligen ansprechenden Bildern, die sich oft über mehrere Seiten erstrecken, begleitet wird. So werden auch kompliziertere Herstellungstechniken leicht nachvollziehbar und nachkochbar, und beim Betrachten der Appetit anregenden Bilder entsteht so richtig Lust aufs Nachkochen der Gerichte.

Zur Abrundung finden sich zusätzlich zum umfangreichen Rezeptteil eine interessante Einführung in die Tradition und Hintergründe der Teigtaschenherstellung in den Alpen (sie waren ursprünglich eine günstige Speise, in der diverse Reste verwertet werden konnten) sowie gegen Ende des Buches verschiedene Teige, sodass es hier möglich ist, zu variieren und je nach Lust und Laune oder Verträglichkeiten die Rezepte individuell anzupassen.

Abschließend ist noch zu sagen, dass der Schwerpunkt des Buches klar auf Teigtaschen mit pikanter Füllung liegt. Wenn ich nichts übersehen habe, dann gibt es nur ein einziges Rezept (Kärntner Kletznnudeln) mit süßer Füllung. Für Naschkatzen und Süßschnäbel sind also vielleicht eher andere Bücher besser geeignet.

Insgesamt ist es ein wunderschön gestaltetes, vielfältiges Themenkochbuch, das ich allen, die gerne Teigtaschen herstellen und essen, auf jeden Fall empfehlen kann.

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Wunderschön bebildertes Teigtaschen-Kochbuch
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Ein kritischer Blick auf aktuelle Männlichkeitsdiskurse

Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle von Ole Liebl

Die Perspektive, aus der der Autor dieses Buch schreibt, ist eine interessante: selbst ist er ein homosexueller Mann, der sich damit den "Queers" zugehörig fühlt und dadurch zwar einerseits von außen zugeschrieben und auch von der eigenen Identifikation her ein Mann ist, aber andererseits eben dadurch, von der Heteronormativität abzuweichen, ebenfalls in gewisser Weise eine Außenseiterposition kennt und erlebt.

Auch mit Frauen ist er solidarisch und bezeichnet sich durchaus als Feminist. Aus dieser Position heraus analysiert er in diesem Buch persönlich, theoretisch fundiert und vielschichtig die Männlichkeitsdiskurse in der aktuellen Zeit.

Da geht es um reichweitenstarke, misogyne Influencer aus der Manosphere, stereotype Männlichkeitsarchetypen wie den Krieger, den Jäger und den Vater, die auf einmal wieder aufleben und verbreitet werden, innerlich sensible Männer, die außer einer eventuellen Partnerin oder der eigenen Mutter keine Menschen haben, denen sie die eigene Verletzlichkeit gefahrlos zeigen können, und vieles mehr. Auch Diskussionen zu Geschlechtsidentität, Sex vs. Gender und vieles mehr finden ihren Raum. Besonders gut gefallen hat mir seine Ehrlichkeit an vielen Stellen: etwa, dass es heterosexuelle, weiße Männer durch mehr Feminismus und Inklusion weiterer gesellschaftlicher Gruppen in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft durchaus etwas zu verlieren haben.

Insgesamt ist es ein interessantes Buch, das an vielen Stellen sehr zum Nachdenken darüber anregt, was ein Mann ist oder sein könnte, wie diese sich definieren, warum es dabei immer noch so stark um Abgrenzung von Weiblichkeit (und Queers, die damit assoziiert sind und in keine konservative Geschlechterschublade passen) und auch ein paar Ideen dazu, wie sich das vielleicht ja doch noch zum Positiven verändern könnte.

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Ein kritischer Blick auf aktuelle Männlichkeitsdiskurse
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Über die Depression eines jungen Mannes und was sie mit einer Beziehung macht

Homesick von Silvia Saunders

Mara ist Mitte 20 und seit mehreren Jahren in einer Beziehung mit Tom. Sie verdient ein bescheidenes Einkommen in einer Bibliothek, während er viel Stress als Referendar hat. Altersmäßig befinden sich die beiden in einer Zeit, in der langsam der Druck größer wird, die Unverbindlichkeit zu beenden und herauszufinden, ob es genug Tragfähiges für eine längerfristige gemeinsame Zukunft gibt.

Da bekommt Mara durch ein frühzeitiges Erbe die Möglichkeit, eine Wohnung in London zu kaufen. Schon von Anfang an zeigt sich Tom, der nie ein großer Fan dieser Stadt war und seine Heimatstadt Birmingham, mehrere Zugstunden entfernt, vermisst, nicht sehr begeistert davon. Schließlich macht zieht er aber dann doch halbherzig mit, bis zu seinem psychischen Zusammenbruch, seiner darauffolgenden Krankschreibung und der Rückkehr zu seiner Herkunftsfamilie nach Birmingham. Es stellt sich heraus, dass er an schweren Depressionen leidet. Die Liebe zwischen Mara und Tom ist aber groß und sie versuchen, nach der allerschlimmsten Phase mit regelmäßigen gegenseitigen Besuchen an einer Fernbeziehung festzuhalten... doch kann das irgendeine Zukunft haben?

Das Buch ist leichtgängig und humorvoll geschrieben, doch thematisch sehr tiefgründig. Es besteht aus vielen kurzen Kapiteln, die sich leicht und schnell lesen, damit ist es deutlich schneller gelesen als die meisten anderen Bücher dieses Umfangs.

Was aus dem Klappentext nicht hervorgeht, ist, wie stark das Thema männliche Depression ein Schwerpunkt des Buches ist. Überhaupt finde ich den Klappentext nicht sehr gut getroffen und er weckt eher einen falschen Eindruck von diesem Buch: es geht auch nicht darum, ob Mara sich zu sehr an ein Leben ohne Tom gewöhnt. Auch der Sticker "Comedy Women in Print Award" führt bei der Einschätzung des Buches eher in die Irre, es ist zwar durchaus zynisch-sarkastisch geschrieben, aber das Hintergrundthema ist doch zu düster und ernst für wirkliche Comedy.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man gemeinsam mit Toms schwerer Depression und allem, was daraus resultiert, zurechtkommen kann, ob die Beziehung damit noch eine Zukunft haben kann und wie diese aussehen könnte. Denn eine dauerhafte Fernbeziehung, noch dazu unter der Belastung einer psychischen Erkrankung eines Partners, ist keine tragfähige Basis für eine, die sich Verbindlichkeit, Heiraten und Kinder wünscht.

Ich empfehle also, den Klappentext zu ignorieren und bei der Entscheidung für dieses Buch zu überlegen, ob man gerade die psychischen Kapazitäten hat, sich mit dem sehr ernsten Thema Depression in einer Beziehung auseinanderzusetzen. Wenn man das hat, dann ist es durchaus ein lohnenswertes Buch für alle, die gerade selbst in ihren 20ern sind, aber auch durchaus noch für ältere Leserinnen und Leser, die auf diese Lebensphase zurückblicken. Denn es thematisiert tiefgründig reale Entscheidungen und Herausforderungen, vor denen die meisten Menschen in diesem Alter stehen, wenn sich immer mehr die Frage stellt, welche Beziehung langfristig die eigenen Zukunftswünsche tragen kann.

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Über die Depression eines jungen Mannes und was sie mit einer Beziehung macht
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Über die Kunst und die, die sie erschaffen

The Artist von Lucy Steeds

"The Artist", das Debüt von Lucy Steeds, hat in der deutschsprachigen Ausgabe ein sehr ansprechendes und wunderschönes Cover . Allerdings finden sich unter ähnlichen Covers oft seichte Liebesromanzen, marketingtechnisch könnte dies also leider in die Irre führen (zum Vergleich: die englischsprachige Ausgabe hat ein Cover, das völlig anders wirkt).

Deshalb sei schon an dieser Stelle gesagt: es handelt sich durchaus um ein anspruchsvolles und tiefgründiges Werk, mit gut gezeichneten Charakteren, viel Wissen über Kunst und spannenden Plottwists. Die Autorin hat dafür mehrere renommierte Preise gewonnen und war unter anderem für den Women's Prize for Fiction nominiert.

Es ist ein Buch, das ganz langsam und atmosphärisch startet und dessen Handlung erst später beginnt, Fahrt aufzunehmen. Die ersten ca. 100 Seiten war ich mir deshalb nicht so sicher, ob es ein Buch für mich sein würde, doch bald darauf hat es mich sehr gefesselt und in die Atmosphäre und Handlung hineingezogen.

Fast das ganze Buch spielt an einem einzigen Schauplatz: rund um ein altes Bauernhaus in Südfrankreich, in das sich ein berühmter Künstler Édouard Tartuffe mit seiner Nichte Sylvette, genannt Etti, zurückgezogen hat. Der junge Mann Joseph, selbst an der Kunstakademie gescheitert und nun angehender Journalist, möchte den Künstler kennen lernen, um über ihn zu berichten. Der alte Künstler ist erst einmal misstrauisch und verschlossen, doch er lässt sich auf einen Handel ein: wenn Joseph zustimmt, ihm für ein Gemälde Modell zu sitzen, dann darf er bis zu dessen Fertigstellung dort wohnen, alles beobachten und darüber schreiben. Darauf lässt Joseph sich ein, und lernt den alten Künstler "Tata" und die junge Frau näher kennen. Mit der Zeit zeigt sich, dass so einiges nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Historisch befinden wir uns in der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg, was auch an verschiedenen Stellen im Buch eine Rolle spielt. Etti hat eine Zeit lang als Krankenschwester Kriegsversehrte betreut, Joseph selbst hat sich dem Kriegsdienst verweigert, sein älterer Bruder wurde durch diesen schwer traumatisiert. Gleichzeitig ist es eine Zeit, in der die Kunst noch stärker als heute männlich dominiert ist und erst seit kurzem Frauen als Studentinnen an ersten Kunsthochschulen zugelassen wurden.

Was ist von dem großen, bewunderten, aber eigenwilligen Künstler Édouard Tartuffe zu halten? Welche Gründe haben ihn dazu bewogen, sich in so einen entlegenen Flecken Erde zurückzuziehen? Und was hat es mit seiner Nichte auf sich, einer mittlerweile erwachsenen jungen Frau, die nach dem Tod der Mutter in ihrer Kindheit alleine bei "Tata" aufgewachsen ist?

Man merkt beim Lesen, wie sehr der Autorin die Kunst als Weg zu den eigenen Emotionen und als Spiegel des Selbst am Herzen liegt. Wie sie am Nachwort beschreibt, haben ihre Eltern sie gelehrt, Kunst auf sich wirken zu lassen und das mitzunehmen, was einem selbst etwas bedeutet. Diesen erfrischenden, offenen Zugang zur Kunst vermittelt sie auch über ihr Schreiben... wer Kunst liebt, wird seine Freude haben an den ausführlichen Beschreibungen der Verbindungen zwischen Landschaft, Natur, Farben und Licht, aber auch an den tiefgründigen Ideen darüber, was Kunst sein und zum Ausdruck bringen kann. Aber auch Themen wie die Kunstfertigkeit der Kunstfälschung und die Frage, was einen wahren Künstler oder eine wahre Künstlerin ausmacht, und vieles mehr, finden Raum in diesem vielschichtigen Buch.

Ich empfehle allen Interessierten, sich für das Lesen Zeit zu nehmen, um die inneren Bilder auf sich wirken zu lassen und sich von der anfangs nur sehr langsam fortschreitenden Handlung nicht entmutigen zulassen. Es lohnt sich, dranzubleiben, und man wird insgesamt mit einem ganz besonderen Leseerlebnis belohnt, das das Potential hat, das eigene Kunstverständnis zu erweitern.

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Über die Kunst und die, die sie erschaffen
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Über Einsamkeit und Entfremdung zwischen den Kulturen

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny von Kiran Desai

Sonia und Sunny, beide ursprünglich aus indischen Familien stammend, scheinen es auf den ersten Blick richtig gut zu haben: ihre Familien sind in der Lage, ihnen jeweils ein Studium in den gepriesenen USA zu ermöglichen. Sonia hat Literatur in Vermont studiert, Sunny Journalismus in New York. So stehen den beiden alle Verheißungen des Westens offen, möchte man glauben: eine Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, voll unendlicher Weiten, und ein modernes, freies Leben, frei von den Zwängen alter kultureller Traditionen und familiärer Erwartungen - statt ganz jung heiraten zu müssen, wie viele andere junge Menschen in Indien.

So würde man erwarten, dass die beiden glücklich und erfüllt sind, oder? Das hätten sich zumindest ihre Familien für sie gewünscht, die ihnen dieses Auslandsstudium ermöglicht haben. Dieses Unverstanden-Sein erhöht natürlich das Gefühl der Einsamkeit der jungen Menschen noch einmal mehr, zur äußerlichen kommt noch eine starke innerliche Unverbundenheit und Entfremdung von der Lebenswelt der Herkunftsfamilien dazu:

"Einsam? Einsam?" Für Einsamkeit hatte man in Allahabad kein Verständnis. Sie kannten dort vielleicht die Einsamkeit, die entstand, wenn man sich missverstanden fühlte; sie kannten vielleicht das leere tote Gefühl der Nachmittage von Allahabad, eine Ebbe, die ewig währen mochte; aber sie waren noch nie allein zu Hause gewesen, hatten nie eine Mahlzeit allein eingenommen, nie an einem Ort gelebt, an dem sie Unbekannte waren, waren nie aufgewacht, ohne dass ein Koch ihnen Tee brachte oder ohne mehreren Menschen einen guten Morgen zu wünschen." (S. 9)

Und viele Aspekte des amerikanischen Traums erweisen sich als zerplatzende Seifenblasen: an eine dauerhafte Arbeitsgenehmigung ist nicht so leicht zu kommen, es gibt Vorurteile und Diskriminierung und in manchem sind die beiden in wohlhabenden, behüteten indischen Familien aufgewachsenen jungen Menschen wohl auch psychisch nicht so gut vorbereitet auf die Härten eines Lebens alleine, fernab der Verwandten, in einem fremden Land am anderen Ende der Weltkugel.

Dieses neue monumentale Epos der Booker-Preisträgerin Kiran Desai begleitet also Sonia und Sunny sowie weitere Personen aus ihrem Umfeld über fast 750 dicht erzählte Seiten durch einige prägende Episoden ihres Lebens als junge Erwachsene in ihren 20ern, zwischen den USA und Indien. Natürlich begegnen sich die beiden auch irgendwann, doch bis dahin geschieht noch so einiges andere, und auch danach ist es nicht immer leicht miteinander. Wenn alte kulturelle Normen von Sittsamkeit, Enthaltsamkeit und Ehe wegfallen, aber vielleicht zum Teil noch innerlich nachwirken, und nur stückhaft durch das neue, moderne, westliche Konzept von flexiblen Affären und Beziehungen, in denen alles möglich scheint, ersetzt werden... was hat man dann überhaupt miteinander? Was verbindet einen, wenn überhaupt etwas? Und was macht das mit diesen jungen Menschen?

Es sind viele tiefgründige Themen, die dieses Buch aufwirft:

Es geht um den Preis, den viele junge Menschen zahlen, wenn sie sich durch Wegzug und Studium auch innerlich von den Normen der Herkunftskultur und -familie entfernen und sich gleichzeitig doch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit sehnen, aber nicht klar ist, wo diese in ihrem neuen Leben gefunden werden können.

Es geht um ein vielfältiges Indien im Aufbruch, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Familienzusammenhalt und Brüchigkeit, mit einer uralten Kultur, Mystik und einzigartiger Kulinarik, aber auch vielfältigen Problemen in Bereichen wie Soziales, Gesellschaft und Umwelt. Dabei spart die schon lange im Ausland lebende indischstämmige Autorin auch nicht mit Kritik am Subkontinent und zeigt an vielen Beispielen, wie tief Klassismus, Misogynie, Korruption und viele weitere Probleme in der Gesellschaft verankert sind und das tägliche Leben der Menschen prägen.

Es geht außerdem um die ursprünglich so schillernden USA, über viele Jahrzehnte der Traum vieler Menschen aus aller Welt, die nach wie vor viele hoffnungsvolle Studierende aus verschiedensten Ländern anziehen, die dann doch in vielen Bereichen desillusioniert werden und erkennen müssen, dass auch diese Gesellschaft bei weitem nicht so frei und gleich ist, wie sie sich gerne marketingmäßig präsentiert, und die scheinbar unendlichen Möglichkeiten für sie selbst ihre Grenzen haben.

Mir hat es etwa in der Seele weh getan, ausführlich darüber zu lesen, wie wenig berufliche Chancen die so hoffnungsvolle, für ihr Fach brennende und intelligente, aber in Beziehungen unerfahrene und etwas naive Sonia für sich allein in den USA hat und wie anfällig es sie dafür macht, eine sehr toxische Affäre mit einem viel älteren, privilegierten, ausbeuterischen Künstler einzugehen, der ihr erst einmal scheinbar berufliche Möglichkeiten und die damit verbundene Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung verschafft, aber sie sonst ausnützt, demütigt und ihren Selbstwert zerstört. Das war ein Teil des Buches, der nicht einfach für mich auszuhalten war, aber gleichzeitig ebenfalls wichtige Aspekte von Einsamkeit und Benachteiligung aufzeigt.

Ich empfehle, sich für dieses Buch mindestens einen Monat konzentrierte Lesezeit zu nehmen. Das gilt selbst für routinierte Leserinnen und Leser. Das Buch ist in seiner Erzählweise dermaßen dicht und reich an Metaphern und Querverbindungen, dass ein schnelles Lesen kaum möglich ist und dabei viel verloren gehen würde.

Eines der prägenden Bilder, das sich durch das Buch zieht und vielleicht auch als Metapher für die Vielschichtigkeit von Verbundenheit, Emotionen, aber auch Einsamkeit, Entfremdung und Überwältigung stehen könnte, ist das Meer:

"Ich hätte schon vor ewigen Zeiten wiederkommen sollen. Du bist das Meer meiner Kindheit." Er schwamm hinaus, bis die Wasser ganz sanft waren, als würden sie noch schlafen." (S. 383)

"In Arossim gingen sie an den Strand. "Wenn du nach langer Zeit zum ersten Mal wieder schwimmen gehst - näher wirst du dem Glück nicht kommen", sagte Sonia." (S. 403)

"Weil dies unabänderlich ihre letzte Vergnügung war, gingen sie ins Wasser und fanden den Wellengang noch heftiger, als er vom Strand aus gewirkt hatte. Die Brecher waren so hoch, dass sie fast bis an den Grund tauchen mussten, damit sie nicht von ihnen mitgerissen wurden. Sie hatten kaum Zeit zum Auftauchen und Luftholen, bevor schon die nächste Welle herangedonnert kam und sie wieder abtauchen mussten, so tief wie möglich, um der Gefahr zu entkommen." (S. 408)

"Am Horizont berührte der Vollmond das Meer, über den Hügeln ging die Sonne auf, und der Mond verschwand wie ein Geist. Sunny schwamm weit hinaus und sah zu, wie die Sonne die ausgedörrten Hügel in Besitz nahm, hinter dem Dorf, das erst langsam erwachte. Er bat den Gott der Dämonen um Schutz für die Sonne, und bat die Sonne, seine Reise zu segnen." (S. 741)

An den zitierten Stellen zeigt sich auch, wie tief in diesem Buch modernes Denken, Fühlen und Genießen mit uralten religiösen, abergläubischen und mystischen Bezügen verbunden sind. Ich habe hier das Beispiel mit dem Meer gewählt, um zu zeigen, wie dieses Buch diesbezüglich funktioniert.

Es gäbe dazu aber auch unzählige weitere Beispiele mit anderen Metaphern, die sich ebenfalls durch das Buch ziehen und sich geschickt immer wieder in unterschiedlichen Kontexten wiederholen und dabei jeweils spiralförmig tiefere Aspekte eines Themas symbolisch aufzeigen. Um diese zu entdecken und zu entschlüsseln, ist Hintergrundwissen in Bezug auf Symbolik, Archetypen und die indische Kultur hilfreich, außerdem braucht es viel Zeit, um der Tiefgründigkeit dieses Werks den angemessenen Raum zu geben.

Damit ist es auch eines der Werke, bei denen es sich definitiv lohnt, es mehrmals zu lesen, dabei Notizen zu machen und es mit anderen zu diskutieren. Im Anhang finden sich Stammbäume von Sonia und Sunny, diese zu konsultieren lohnt sich für eine Einordnung der vielen vorkommenden Figuren.

Für schnelle, oberflächliche Unterhaltung ohne Anspruch eignet sich dieses Buch definitiv nicht, es verlangt und fordert seinen Raum. Es ist ein Buch mit sehr hohem Anspruch, das viel Konzentration, Zeit und Zuwendung erfordert, aber dafür mit einem sehr vielfältigen, reichhaltigen Leseerlebnis und einer umfassenden, tiefgründigen Annäherung an das Thema Einsamkeit zwischen Menschen und Kulturen in seinen vielfältigen Schattierungen belohnt. Es braucht viel Raum, zeitlich genauso wie emotional, sich auf dieses Buch voll und ganz einzulassen. Dann ist es aber ein besonderes Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht, viel Tiefe und Wissen vermittelt, verständnisvoller für Menschen aus ganz anderen Kulturen und Lebenssituationen machen kann, zum Nachdenken anregt und auch nach Beendigung der Lektüre innerlich noch lange in einem verweilen wird.

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Persönlich, medizinisch fundiert und hilfreich

Hilfe bei Fehlgeburt von Caroline Lehmann; Shirley Michaela Seul

Fehlgeburten betreffen mindestens jede dritte Frau, sind aber noch immer oft ein Tabuthema. Die Autorin hat mit dem Thema vielseitige Erfahrungen gemacht: einerseits als Ärztin mit Spezialisierung im Bereich genetische Beratungen, andererseits als selbst betroffene Frau, die vier Fehlgeburten ertragen musste, bis es endlich kurz vor 40 in der fünften Schwangerschaft beim letzten Versuch mit dem Wunschkind klappte.

Aus dieser Erfahrung heraus bietet sie nun auch Coaching für von Fehlgeburten betroffene Frauen an.

Ich muss ehrlich sagen, dass der sehr allgemein gehaltene Titel und auch das Cover mich kein so tolles Buch erwarten hätten lassen - das Buch hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen! Nahbar und persönlich erzählt die junge Ärztin von den Erfahrungen aus ihrer Kinderwunschzeit, von ihren Fehlgeburten und dem Schweigen darüber, dem Alleine-Sein und dem sterilen, oft unempathischen medizinischen System, das sie aus ihrer Berufspraxis so gut kannte und doch als Betroffene noch einmal ganz anders erlebte. Ihre persönliche Geschichte führt durch das Buch, wird aber jeweils passend durch medizinisches Fachwissen ergänzt.

Auch auf dieser Ebene habe ich viel gelernt, zum Beispiel über die verschiedenen Optionen nach einer Fehlgeburt - zusätzlich zu einer Absaugung ist es auch möglich, einen natürlichen Abgang abzuwarten oder diesen medikamentös einzuleiten - oder auch darüber, dass Frauen, die schnell und leicht schwanger werden, öfter von Fehlgeburten betroffen sind als solche, bei denen es länger dauert.

Viel Raum bekommt auch das Thema Trauern und In-Verbindung-Bleiben mit dem Sternenkind, denn die meisten betroffenen Frauen können und wollen ihre Sternenkinder eben innerlich nicht komplett "loslassen" (ähnlich wie es auch sonst oft Eltern frühzeitig verstorbener Kinder geht), wie ihnen so oft suggeriert wird, dass sie müssten. Überhaupt ist der Umgang mit den Sternenkindern ein sehr wertschätzender und es wird ein Weg vorgestellt, die gemeinsame Zeit, auch wenn sie noch so kurz war, zu würdigen.

Besonders interessant war für mich auch der Ansatz der Gentle Loving Care, zu dem es schon empirische Studien gibt, die nachweisen, dass Frauen, die vom medizinischen System freundlich empfangen werden, jederzeit ihre Gynäkologin oder ihren Gynäkologen aufsuchen dürfen und dort insgesamt menschenfreundliche und gemütliche Rahmenbedingungen erwarten, nach einer ersten Fehlgeburt weit wahrscheinlicher eine erfolgreiche Folgeschwangerschaft haben als solche, für die, wie leider sonst im überlasteten medizinischen System oft üblich, wenig menschenfreundlich und knapp abgefertigt werden. Hier zeigt sich wieder die so wichtige emotionale Komponente und wie bedeutend es wäre, dafür zu sorgen, dass sich nicht nur gebärende, sondern auch schwangere Frauen in dieser so vulnerablen Situation so geborgen und behütet wie möglich fühlen dürfen.

Das sind nur ein paar neue Erkenntnisse, die bei mir persönlich hängen geblieben sind, aber es gibt noch viel mehr davon im Buch. Vor allem aber fühlt sich das Buch an wie eine liebevolle Umarmung, wie ein verständnisvolles Gespräch mit einer Freundin an der Seite, mit einer, die ebenfalls, wie so viele Frauen und Paare heute, eine herausfordernde Kinderwunschzeit hinter sich hat und weiß, wovon sie spricht.

Ich kann dieses großartige Buch allen, die selbst von Fehlgeburten betroffen sind oder Betroffene in ihrem Umfeld haben - und das hat so gut wie jede/r, nur wissen wir es oft nicht - nur ans Herz legen!

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Die Frage der Identität zwischen Irland, Frankreich und dem Judentum

Madame Lazare von Tadhg Mac Dhonnagáin

Ich habe die Lektüre dieses Buches vor mehreren Wochen beendet, blicke nun zum Verfassen der Rezension noch einmal auf das Buchcover und spüre, wie ich sofort wieder drin bin in der Geschichte. Ich bin wieder mit der jungen Muraed auf den irischen Aran-Inseln und blicke auf das Meer. Ich spüre ihre tiefe Verwurzelung in der irischen Volkskultur und in ihrem katholischen Glauben, die Hoffnung auf Hilfe durch die Jungfrau Maria, ihre Verbundenheit und Liebe zu ihrem kognitiv beeinträchtigten Zwillingsbruder Páraic, um den sie sich aufopfernd kümmert, aber auch zu ihrer Heimat.

In mir höre ich das Rauschen des Meeres und die so andersartige irische Sprache, in der abends beim geselligen Zusammensein alte Gedichte und Geschichten weitergegeben werden. Und ich denke und fühle nach, über Verwurzelung, Heimat und Identität,...

... aber auch über Entwurzelung, neue Heimat und wiederum die Identität, die mit der eigenen Herkunft und Religion verbunden sein kann. Denn auch die anderen Schauplätze, an denen das Buch spielt, spüre ich noch tief in mir. Die in Frankreich lebende Familie Lazare: Oma Hana, die angibt, aus einer jüdischen Familie im Baltikum zu stammen und all ihre Familienmitglieder in der Shoah verloren zu haben. So tief sei das Trauma, dass sie nicht darüber sprechen könne, seit Jahrzehnten. Ihr Mann Samuel, mit deutsch-französisch-jüdischen Wurzeln, liebevoll an ihrer Seite. Die beiden sind Teil der jüdischen Community an Vertriebenen und Überlebenden in Paris, doch sonderlich religiös sind sie nicht. Das ändert sich erst, als sich die erwachsene Tochter Brigitte kurz vor ihrem Tod stark der jüdischen Religion zuwendet und ihnen den Auftrag gibt, Enkelin Levana in dieser Prägung zu erziehen. Dann die erwachsene Levana, die sich um die älter und kränker werdende Oma Hana kümmert, die plötzlich in einer unbekannten Sprache spricht und damit ihre Enkelin vor ein Rätsel stellt.

Daran, wie dieses Buch noch nach Wochen emotional in mir nachwirkt, zeigt sich, dass es sich um ein tiefgründiges und atmosphärisch geschriebenes Werk mit realistisch und vielschichtig gezeichneten Charakteren handelt, das viel Stoff zum Nachdenken, Nachspüren und Diskutieren liefert. Erzählt ist das Buch auf mehreren Zeitebenen und aus den Sichten verschiedener Figuren, vom Irland in der Zeit des Zweiten Weltkrieges über das Paris Jahrzehnte später bis zu Belgien in der nahen Gegenwart. Dabei sind die verschiedenen Zeit- und Ortswechsel so geschickt miteinander verwoben, dass ich das Buch als leicht lesbar, spannend und unterhaltsam empfunden habe, nie verwirrt war und es genossen habe, die unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen, mit den Figuren mitzufühlen und Schritt für Schritt die genaueren Hintergründe der Geschichte zusammenzusetzen. Dabei habe ich außerdem viel Interessantes über die irische Sprache und Volkskultur gelernt.

Im Anhang findet sich ein ausführliches Glossar mit Informationen zur Aussprache der irischen Wörter sowie weiteren Hintergrundinformationen sowohl zur irischen Kultur als auch zur jüdischen Religion. Dieses habe ich parallel zur Lektüre als sehr hilfreich empfunden. Insgesamt zeigt sich auch dadurch, wie ausführlich sich der Autor mit seinen Themen auseinandergesetzt hat.

Vieles von dem, was ich bisher erwähnt habe, würde also für ein 5-Sterne-Buch sprechen, wenn es nicht einen kleinen Makel gäbe: nicht alles hat sich am Ende so aufgelöst und erklärt, dass es für mich komplett plausibel war. Es bleiben einige offene Fragen in Bezug auf die Geschichte. Dafür einen Stern Abzug für ein sonst sehr gutes, lesenswertes und definitiv empfehlenswertes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

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Die Frage der Identität zwischen Irland, Frankreich und dem Judentum
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Hat mich nicht so richtig erreicht

Mit anderen Augen von Jane Tara

Dieses Buch klang von der Beschreibung her so spannend: eine Parabel auf das "Unsichtbar-Werden" von Frauen irgendwann in den Wechseljahren, von dem mir schon so oft berichtet worden ist. Wie unangenehm es sei, auf einmal speziell von Männern, aber auch sonst in der Welt, kaum mehr wahrgenommen zu werden, weniger berufliche Chancen zu haben, übergangen zu werden.

Jane Tara treibt diesen Gedanken auf die Spitze: ihre Romanheldin Tilda, Anfang 50, Mutter zweier erwachsen werdender Mädchen, wird tatsächlich unsichtbar: beginnend mit einem Ohr oder einem Finger sind immer mehr Körperteile nicht mehr optisch wahrnehmbar, auch wenn sie sie immer noch spüren und verwenden kann. Sie sucht Rat bei ihrer Gynäkologin, mit der sie gleichzeitig auch eine freundschaftliche Verbindung hat und diese berichtet, dass es tatsächlich schon einige Betroffene gäbe, aber zu dem Thema, wie bei vielen speziell Frauen betreffenden Gesundheitsthemen, wenig geforscht werde, weil wenig Mittel dafür zur Verfügung ständen.

Diese Kurzbeschreibung der ersten Kapitel zeigt schon: hier geht es in vielerlei Hinsicht um starke Gesellschaftskritik und was das angeht, hat mir das Buch auch sehr gut gefallen und vermittelt es wichtig Botschaften und macht diese sichtbar.

Geschrieben ist es auf eine leicht-locker-humorvolle Art, die sich angenehm liest. Dennoch bin ich emotional mit Tilda und auch den anderen Figuren im Roman nicht so richtig warm geworden, sie hatten für mich nicht die charakterliche Tiefe, die ich an Romanfiguren sehr schätze. Auch hat das Buch bei mir keinen Lesesog ausgelöst, sodass ich immer gespannt gewesen wäre, weiterzulesen.

Insgesamt vergebe ich also mittelmäßige drei Sterne für ein Buch mit einer tollen Idee und einer Umsetzung mit Stärken und Schwächen.

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Hat mich nicht so richtig erreicht