Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Ermutigendes, persönliches und wissenschaftlich fundiertes Buch über Erziehung
Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen von Tillmann Prüfer
Ich habe eine kleine Tochter und schon etliche Bücher über Erziehung gelesen. Die meisten davon fand ich eher desillusionierend: oft wird ein bestimmter Weg als heilsversprechend propagiert und alles viel simpler dargestellt, als ich es in der Realität erlebe. Nach manchen dieser Bücher fühlen Eltern sich auch noch schlechter und unzulänglicher als davor, zusätzlich sind viele Ansätze nicht wissenschaftlich fundiert.
Was für eine Wohltat ist im Vergleich dazu dieses Buch! Ehrlich, persönlich und humorvoll erzählt der Zeit-Kolumnist und vierfache Vater Tillmann Prüfer nicht nur von seinen persönlichen Erfahrungen in der Begleitung der vier Töchter, gesteht eigene Irrtümer ein und zeigt die Verschiedenartigkeit der von den gleichen Eltern erzogenen Mädchen auf, sondern er ordnet seine eigenen Erfahrungen auch noch thematisch gegliedert in eine umfangreiche Aufarbeitung der aktuellsten wissenschaftlichen Studien zu verschiedenen Themenbereichen ein.
Dabei geht es um Themen wie verschiedene Erziehungsstile, die Bedeutung einer glücklichen Kindheit für das weitere Leben, Bindungsforschung und die methodische Kritik daran, Werte in der Erziehung, die Bedeutung von Freundschaften und von Spiel, Geschlechterunterschiede, Ernährung, den Umgang mit dem Smartphone und vieles mehr.
Jedes Kapitel beginnt mit einem persönlichen Einstieg zu den Erfahrungen des Autors in seiner Familie zu diesem Thema und geht dann auf die verschiedenen Studien und ihre Ergebnisse ein, um am Ende dann noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammenzufassen.
Dadurch eignet sich das Buch sowohl für Eltern, die sich die Zeit nehmen möchten, sich umfassend mit den jeweiligen Themengebieten und den Erkenntnissen aus der Forschung dazu zu befassen, als auch für Momente, in denen man nur schnell nachschlagen möchte, was die wichtigsten Kernaussagen dazu sind.
Damit ist es insgesamt nicht nur eine persönliche, unterhaltsame und informative Lektüre, sondern ein Werk, das man sich gerne ins Regal stellt, um immer wieder mal nachzuschauen.
Sehr angesprochen hat mich der Ton des Autors: nahbar, persönlich und fehlbar. Hier spricht jemand aus eigener Erfahrung und jemand, der nicht meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und den eigenen unfehlbaren Ansatz allen vermitteln zu wollen, sondern jemand, dem bewusst ist, wie viel wir nicht in der Hand haben und dass auch er nicht perfekt ist. Das macht ihn mir unglaublich sympathisch und gleichzeitig fühle ich mich verstanden und verbunden in meiner eigenen Unperfektheit als Mensch und Elternteil. Das Buch hinterlässt ein angenehmes Gefühl, schon einiges richtig zu machen und dazu noch so manches dazu lernen zu können, ohne Anspruch an Perfektion.
Ich kann das Buch also allen, die sich für Kinder, Jugendliche und ihre Begleitung interessieren, nur wärmstens empfehlen, es ist das beste Buch zum Thema Erziehung, das ich kenne!
Für Gemeinschaft und Solidarität
Been there, felt that. Das Buch für alle Frauen, die denken, sie wären allein mit ihren Gefühlen von Vanessa Sielmann
Die Politikwissenschaftlerin und Influencerin Vanessa Sielmann, geboren 1996, hat mit "Been there, felt that", ein sehr mutiges, sympathisches und persönliches Buch geschrieben, das sie gleichzeitig auch selbst als Hörbuch eingesprochen hat, was dem Hörbuch noch einmal mehr Authentizität verleiht.
Darin erzählt sie von ihrer persönlichen Geschichten, gegliedert in verschiedene Themen und Episoden, berichtet etwa von ihrer Essstörung, extremen Kontrollsucht und Leistungsorientierung, ihrem psychischen Zusammenbruch, Suizidgedanken, ihrer Therapie und davon, wie sie ihre eigenen Probleme lange nicht wahrhaben wollte. Außerdem geht es um Sex und Beziehungen, Freundschaften, die Arbeitswelt und vieles mehr.
Besonders an dem Hörbuch ist nicht nur, wie offen und verletzlich sich die Autorin dabei zeigt, wenn sie von ihrem Leben erzählt, sondern dass sie dafür eintritt, uns als Frauen miteinander zu verbinden, uns gegenseitig in den Geschichten zu erkennen und zu verstehen, dass hinter dem, was viele als ihre persönlichen Probleme empfindet, systematische gesellschaftliche Muster stecken.
Schon ganz am Anfang des Buches geht es um weibliche Heldinnen und darum, wie gut es tut, sich als Mädchen und Frau mit einer anderen weiblichen Hauptfigur identifizieren zu können. Das ist also eines der großen Ziele der Autorin und insgesamt gelingt ihr das recht gut.
Dabei finde ich es aber wichtig, trotz allen möglichen Parallelen zum eigenen Leben auch die Unterschiede wahrzunehmen - ohne sich deshalb gleich über andere erheben zu müssen, wie es die Autorin kritisiert. Denn zwar viele, aber nicht alle jungen Frauen haben solche Ess-, Kontroll- und Leistungsdruckprobleme wie die Autorin, nicht alle trinken als Jugendliche viel zu viel Alkohol, nicht alle gehen gerne oder überhaupt aus usw. So ist es nicht leicht, den Spagat zu wagen zwischen Solidarisierung und zu großer Verallgemeinerung.
Ich zum Beispiel, ein paar Jahre älter als die Autorin, aber auch in meiner Jugendzeit schon eine eher untypische Vertreterin meiner Generation, habe mich nur in manchem gespiegelt gefühlt, in sehr vielem aber ganz andere Erfahrungen gemacht als die Autorin. Das ist ja auch legitim und in Ordnung.
Insgesamt ist es jedenfalls ein mutiges, ehrliches und persönliches Werk, das nicht dazu dienen muss, sich in jedem Detail wiederzufinden, aber zum Nachdenken darüber anregt, wie viele Parallelen es doch zwischen vielen Frauen (und auch Menschen insgesamt) geben kann und dadurch Verbundenheit zu erleben und darüber nachzudenken, was wir gesellschaftlich gemeinsam zum Besseren für alle bewirken könnten. Ich kann es insbesondere sehr jungen Frauen im Teenageralter und in den frühen 20ern empfehlen.
Für einen neuen Blick auf die Nacht
Schlaflos von Annabel Abbs
Wer sind wir, wenn es dunkel wird? Wie verändert sich unser Denken, Fühlen und Handeln, aber auch die Art und Weise, wie wir mit uns selbst und anderen in Begegnung gehen? Was steckt hinter der Angst vor der Dunkelheit? Wie leben Menschen an Orten, an denen es im Winter monatelang kaum hell wird? Welche Unterschiede gibt es zwischen Männern und Frauen, wenn es um das nächtliche Verhalten geht?
Nach dem Tod ihres Vaters begibt sich Annabel Abbs auf eine Reise nach ihrem Nacht-Ich.
Dabei nähert sie sich dem Thema auf verschiedenste Weisen an: sie beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Studien zum Thema Nacht und Dunkelheit und ihrem Einfluss auf die menschliche Psyche und den Körper, sie liest Biografien von Autorinnen und Künstlerinnen, die aus Zeitgründen oder wegen Schlaflosigkeit nachts arbeiteten, die aber dann auch herausfanden, wie sie in dieser Zeit ganz besonders oder auf eine ganz spezielle Art und Weise kreativ werden konnten und dabei Kunstwerke entstanden, wie sie nur die Dunkelheit hervorbringen kann.
Sie experimentiert damit, nachts in den Wald oder schwimmen zu gehen und die damit verbundenen Ängste zu spüren und zu verstehen, sich davon aber nicht abhalten zu lassen. Sie reist im tiefsten Winter in die Gegend nördlich des Polarkreises und erlebt dort die Polarnacht. Und sie erzählt von ihren Erfahrungen damit, als eine der wenigen sichtbaren Frauen in den allerfrühesten dunklen Morgenstunden mit der Londoner U-Bahn zu fahren.
Dabei ist auch immer wieder Thema, warum sich die meisten Männer viel selbstverständlicher auch in der Nacht in der Öffentlichkeit zu bewegen trauen und die meisten Frauen, und was wir tun könnten, um das zu ändern. Auch geschichtliche Erkenntnisse fließen in das Buch mit ein, sodass der Autorin ein wirklich umfassender Blick auf das Thema gelungen ist und deutlich wird, wie ausführlich sie dafür recherchiert haben muss, sie es gleichzeitig aber schafft, ihr Wissen und ihre Erfahrungen dazu auf unterhaltsame und vergnügliche Art und Weise zu vermitteln.
Herausgekommen ist ein zutiefst inspirierendes und vielseitiges Hörbuch, das auch von der Sprecherin sehr lebendig vorgetragen wird und dazu anregt, sich mit dem eigenen Nacht-Ich zu beschäftigen und das eigene Verhältnis zur Nacht und zur Dunkelheit zu erweitern. Ich mochte schon die Qualitäten von Nacht und Dunkelheit sehr gerne, habe sie aber nun noch in einer ganz anderen Tiefe und Vielfalt kennen gelernt. Außerdem habe ich viel Spannendes und Neues über mir schon bekannte Künstlerinnen und Autorinnen erfahren sowie einige ganz neue und ihr Verhältnis zur Nacht kennen gelernt.
Es ist ein Hörbuch, das man nicht unbedingt nur einmal hört, sondern bei dem es sich lohnt - ebenso wie sicherlich bei der gedruckten Version dieses Buches - immer mal wieder reinzuschauen/reinzuhören, um sich davon für das eigene Leben inspirieren zu lassen und die eigene Perspektive zu bereichern, und das ich einer breiten Leserinnenschaft (das Buch legt den Fokus klar auf die weibliche Erfahrung und weibliche Künstlerinnen, natürlich können aber auch interessierte Männer von dieser Perspektive profitieren) nur wärmstens empfehlen kann.
Wenn Staatsbeamte Kinder rauben
Chinas entführte Töchter von Barbara Demick
Barbara Demick ist eine amerikanische Journalistin, die viel Erfahrung mit China hat und auch die Sprache in Grundzügen beherrscht. In diesem Buch erzählt sie von den dramatischen Auswirkungen der jahrzehntelangen Ein-Kind-Politik in China und davon, wie die repressive Diktatur in diesem Land nicht nur Frauen bis kurz vor der Geburt zu gewaltsamen Abtreibungen gezwungen und Menschen zwangssterilisiert hat, sondern außerdem auch Familien ihre Kinder gewaltsam entrissen, diese in Waisenhäuser gebracht und nichtsahnenden amerikanischen und europäischen Paaren als vermeintliche von ihren Familien verlassene Waisen zur Adoption angeboten hat.
Dabei geht die Autorin detailliert auf die Hintergründe der Ein-Kind-Politik in China ein und erzählt dann von einem besonders berührenden Schicksal: eine Familie, die nach zwei Mädchen - schon für das zweite davon musste eine hohe Strafe bezahlt werden - weitere zwei Zwillingsmädchen auf die Welt brachte und alles unternahm, um diese vor den Behörden geheim zu halten. Doch das klappte leider nicht auf Dauer und eine der beiden wurde mit knapp zwei Jahren, in einem Alter, in dem das intelligente Mädchen schon gehen und sprechen konnte, von den Behörden gewaltsam der Tante, bei der sie sich gerade aufhielt, entrissen, in ein Waisenheim gebracht und nach einigen Monaten dort an eine sehr gläubige evangelikale amerikanische Familie aus Texas vermittelt, die keine Ahnung hatte, dass dieses Kind nicht freiwillig von den Eltern aufgegeben worden war. Alle Versuche der verzweifelten Eltern, ihr Kind wiederzubekommen, blieben lange erfolglos.
Barbara Demick lernt diese Familie kennen, als die verbleibende Zwillingsschwester neun Jahre alt ist, und sie macht sich an die Arbeit, um die nach Amerika verbrachte Zwillingsschwester aufzuspüren. Sie findet sie, aber erst einmal will die Adoptivfamilie nichts von einem Kontakt wissen, zu groß sind die befürchteten Wunden, die das aufreißen könnte. Doch später finden die Zwillinge wieder zusammen und es passiert eine vorsichtige Annäherung zwischen zwei Mädchen, die sich als eineiige Zwillinge so sehr gleichen, doch keine gemeinsame Sprache haben und in ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen aufgewachsen sind.
Sehr berührend ist dieses Schicksal, an dem uns die Autorin mit zahlreichen Details, Bildern und anschaulich geschilderten Begegnungen teilhaben lässt. Interessant ist auch, wie sie aufzeigt, dass es sich dabei keinesfalls um einen Einzelfall handelte, sondern die gewaltsame Entführung chinesischer Kinder aus ihren Familien durch die staatlichen Behörden und deren Vertreter System hatte und es zahlreiche Betroffene gibt, die bis heute versuchen, mit Hilfe von Selbsthilfeorganisationen und Gentests ihre leiblichen Verwandten wiederzufinden.
China hat erst vor wenigen Jahren die Programme zur Auslandsadoption gestoppt, doch in Bezug auf die Vergangenheit wurde und wird viel vertuscht, gelogen und liegt bis heute im Dunkeln, was es den Betroffenen schwer macht. Nach einer Phase der Hoffnung auf mehr Demokratie und Öffnung in den 2010er Jahren ist es insbesondere im Zuge der Corona-Pandemie und danach zu großen Rückschritten in den Bereichen Transparenz, Demokratie und Menschenrechte gekommen, was sich auch auf diesen Bereich auswirkt.
Es handelt sich also um ein sehr interessantes, persönlich geschriebenes Sachbuch, das ich jenen, die sich für die Thematik internationale Adoptionen oder Ein-Kind-Politik interessieren, sehr empfehlen kann. Jedenfalls ist es Augen öffnend in Bezug auf Auslandsadoptionen und die mit ihnen oft verbundene ethischen Probleme.
Herzerwärmend
Wirf einen Schatten von Elena Fischer
"Wirf einen Schatten" ist das zweite Buch von Elena Fischer, Jahrgang 1987, nach ihrem Debüt "Paradise Garden", das es 2023 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Als ich mit dem Lesen begonnen habe, habe ich sofort gemerkt: diese Autorin kann schreiben. Sofort hat mich die Figur des einsamen Joseph, der von seiner Frau verlassen wurde und sie und den kleinen Sohn vermisst, in den Bann gezogen, ich habe mich mit ihm verbunden gefühlt und seine Fassungslosigkeit und sein Alleinsein stark spüren können.
Auch die Sprache Elena Fischers ist besonders und sie findet viele eindringliche Metaphern für das Geschehen:
"Aus dem Sehen wurde ein Schauen, aus dem Schauen ein Starren. Und dann - nichts." (S. 7)
Joseph ist ein sensibler Mensch. Er fühlt auch mit den Tieren, die er schlachten muss:
"Mittlerweile musste Joseph sich nicht mehr übergeben. Doch das Gefühl von Schuld war geblieben. Einmal hatte er versucht, mit dem Vater darüber zu sprechen. Doch der Vater, der nicht an den Schmerz der Hühner glaubte, hatte bloß gesagt: "Aus dir wird in diesem Leben kein richtiger Bauer mehr." (S. 35)
Schwer lastet es auf ihm, alleine den Bauernhof führen zu müssen, denn alle aus seiner Familie sind schon gestorben: Bruder Johann ist als Kind ertrunken, kurz darauf hat sich die Mutter das Leben genommen. Der Vater starb, als Joseph ein junger Erwachsener war, auch die Oma bald danach. Gehofft hatte Joseph, mit der tüchtigen Krankenschwester Lis an seiner Seite den Hof bewirtschaften zu können, doch nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Samuel haben sie sich auseinandergelebt, Lis hat sich allein gelassen und unverstanden gefühlt, hat realisiert, dass das Landleben doch nicht ihres ist und hat ihren Sohn verlassen und ist mit ihm in die Stadt gezogen.
Nun sitzt also Joseph am Weihnachtsabend alleine und verlassen in seinem Bauernhof, das Gewehr in der Hand. Welchen Sinn macht sein Leben noch? Was kann er noch davon erwarten?
Da klopft auf einmal unerwartet die fremde Birdie an seiner Tür, minderjährig, geschwächt und krank, und er kümmert sich um sie, holt eine Hebamme zur Versorgung zu Hilfe und pflegt sie gesund. Und auch Ada, seine Schwägerin, mit der ihn etwas Geheimnisvolles verbindet, eine Intellektuelle, versucht, ihn mit guter Literatur zu inspirieren.
So entsteht insgesamt eine sprachlich sehr schön geschriebene, spannend erzählte und äußerst herzerwärmende Geschichte, die ich sehr gerne gelesen habe. Es ist ein Buch, das ein besonderer Lesegenuss ist und bei dem man nur so durch die Seiten fliegen kann, das bewegt und berührt, sprachlich wie inhaltlich, mit sehr liebenswürdigen Figuren, und einer Botschaft der Hoffnung. Als solches ist es auch ein ganz wunderbares Werk.
Dafür, dass es in den 1950er und 1960er Jahren spielen soll, war für mich aber etwas viel Zeitgeist aus der heutigen Zeit dabei: natürlich geht es nicht ohne eine Figur, die bisexuell oder lesbisch ist und ohne einen Bauern, der sehr sensibel ist und mit den Tieren fühlt. Auch wird das Thema der individuellen Selbstverwirklichung auf eine Art und Weise behandelt, die ich deutlich mehr in der heutigen Zeit und Denkweise der Menschen verorten würde als damals.
Das sind nur ein paar Punkte, die mir aufgefallen sind, die für mich das Buch nicht ganz stimmig in der Zeit verorten, in der es angeblich spielt und von der mir etwas ganz anderes vermittelt wird, als zumindest ich aus Erzählungen älterer Verwandter aus dem ländlichen Bereich kenne.
Insgesamt ist es also ein gut geschriebenes, herzerwärmendes und sprachlich besonderes Buch, dem ich gerne gute 4 Sterne gebe und das ich allen empfehle, die sich gerne von einem solchen Buch berühren lassen, ohne zu hohe Ansprüche an die Authentizität des Lebens in der dargestellten Zeit zu stellen.
Persönlicher Erfahrungsbericht
Wenn das ICH am LIMIT ist von Manuel Suhre
In diesem Buch erzählt der Autor sehr persönlich von seiner Erfahrung mit einer schweren psychischen Krise, einem Burnout mit einhergehender starker auch körperlicher Erschöpfung und davon, wie er diese überwunden hat. Es ist kein literarisches Werk, sondern eher ein persönlicher Erfahrungsbericht eines Betroffenen, der erzählt, wie er in diese Krise hineingekommen ist, wie ihm bewusst geworden ist, dass es so nicht weitergehen kann und wie er sie mit Hilfe einer Psychotherapeutin, Medikamenten und einer stationären Rehabilitation überwunden hat.
Beim Autor handelt es sich um einen christlich gläubigen Menschen, was natürlich auch seine Weltsicht und damit auch seine Genesung mitgeprägt hat. Er hat das Buch aber so geschrieben, dass auch jene, die damit nicht viel anfangen können, von dem Buch und seiner Erfahrung profitieren können, denn er geht auf die christlichen Bezüge jeweils in einzelnen, von der Haupterzählung abgetrennten, Infokästchen ein.
Insgesamt ist es ein persönliches und nahbar geschriebenes Buch, von dem Betroffene, Angehörige und alle, die sich für dieses Thema interessieren, sicherlich profitieren können.
Unterhaltsame Fallsammlung, spannend erzählt
Feine Risse von Elisa Hoven
Mit "Feine Risse" legt die Strafrechtsprofessorin und Richterin Elisa Hoven nun schon die zweite belletristische Fallsammlung ethisch diskussionswürdiger juristischer Fälle nach ihrem ersten Band "Dunkle Momente" vor. Wieder steht die Strafverteidigerin Eva Herbergen im Mittelpunkt der Geschichte.
Diese wollte ja am Ende des vorigen Bandes ihre Zulassung als Anwältin zurücklegen, hat sich aber nun dagegen entschieden und will sich weiter als Strafverteidigerin für ihre Mandantinnen und Mandanten einsetzen. Dabei bewegt sie sich wieder zuweilen in den Graubereichen von Recht und Moral.
Eva Herbergen ist als Charakter sicher kein Vorbild für eine immer korrekt handelnde Strafverteidigerin, soll sie wohl auch gar nicht sein. Aber genau dadurch, dass unserer Hauptfigur immer wieder ihr eigenes Gewissen, aber auch ihre spezielle Sichtweise auf die Menschen in die Quere kommen, entsteht eine interessante Falldynamik, die die Fälle insbesondere für juristische Laien wie mich unterhaltsam zu lesen gestaltet.
Dabei werden viele spannende ethische Fragen aufgeworfen, zum Beispiel:
- In einem zivilisierten Rechtsstaat können wir doch nur wollen, dass es ein absolutes Verbot der Folter gibt. Was aber, wenn eine Situation auftritt, in der vielleicht nur durch den Einsatz dieser das Leben eines entführten Kindes gerettet werden könnte? Wie mit diesem ethischen Dilemma umgehen? Welchen "Ausweg" finden Eva Herbergen und die Polizei in diesem Fall, und wie urteilen wir darüber?
- Welche Verantwortung trägt ein Bergführer für den Absturz eines Mannes, den er in die Berge begleitet hat und der ihm versichert hat, Berg- und Klettererfahrung zu haben, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach?
- Selbstjustiz sollte natürlich ebenfalls verboten sein, in einem zivilisierten Rechtsstaat. Ist sie auch. Und doch können vielleicht viele von uns nachvollziehen, wenn Eltern diese verüben, wenn jemand ihr Kind angefahren und verletzt zum Sterben liegen gelassen hat, und den Eindruck haben, das Gericht würde viel zu milde urteilen. Wie mit sowas umgehen? Ist für diese Eltern eine geringere Strafe aufgrund der Verständlichkeit ihrer großen emotionalen Erregung gerechtfertigt?
Diese und einige weitere ethische Fragen wirft das Buch auf. Dabei sind die Fälle spannend und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, und vieles ist nicht so, wie es am Anfang scheint, wodurch auch die Leserinnen und Leser aufgefordert sind, ihre eigene Beurteilung der Situation immer wieder mal in Frage zu stellen. Interessant ist auch, dass es für die meisten oder sogar alle der vorgestellten Fälle reale Vorbilder gegeben zu haben scheint.
Damit komme ich nun zu meinem einzigen größeren Kritikpunkt an diesem Buch: es gibt einen weiteren ungelösten Fall, im nahen Umfeld von Eva Herbergen selbst. Eine uralte Leiche, die im Elternhaus ihres Partners gefunden wurde. Auch hier wird ermittelt und einiges aufgeklärt, doch auch am Ende bleibt noch vieles offen, offensichtlich ein Cliffhanger für den zu erwartenden nächsten Band der Autorin. Das ist ein unbefriedigendes Ende für ein Buch, das ich gerne auch als in sich abgeschlossen gelesen hätte und dafür ziehe ich einen Stern ab.
Insgesamt bleibt es aber ein unterhaltsames und zum Nachdenken anregendes Buch, das ich allen, die sich für Recht, Ethik oder auch einfach für Verbrechen, ihre Aufklärung und Bestrafung interessieren, durchaus empfehlen kann.
Leichter Sommerwohlfühlroman
Guten Morgen, schönes Wetter heute von Tanja Kokoska
"Guten Morgen, schönes Wetter heute" von Tanja Kokoska hat ein farbenfroh gestaltetes Cover. Man sieht darauf viele kleine Fenster von Wohnungen, mit unterschiedlich ausgemalten Wänden im Hintergrund. Damit stimmt das Buch schon gut auf sein Thema ein: es geht um die Menschen in einer Straße, nämlich "Am Kastanienbaum", und ihre individuellen Schicksale, die teils nebeneinander und teils immer mehr miteinander verflochten sind.
Da gibt es Ina, alleinerziehend mit ihrem jugendlichen Sohn Henry, die gerade die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern ausräumt. Eine türkischstämmige Familie, bei der die Großelterngeneration zurück in die Türkei gegangen ist, nie in Deutschland wirklich heimisch werden konnte und nun aufgrund der Distanz, steigender Flugpreise und wenig Urlaub auch nur wenig besucht kann, während eine der erwachsenen Töchter sich für Gedichte interessiert und diese in Produktverpackungen im Supermarkt versteckt.
Henry lebt eine unkonventionelle Seite aus und lässt sich spontan seine Nägel in einem neu eröffneten Nagelsalon machen, dort arbeiten ausgebeutete Thailänderinnen, die erst einmal die Kosten, um sie ins Land zu bringen, wieder hineinwirtschaften müssen, eine davon gefällt ihm gut. Dann gibt es noch ein paar weitere Charaktere. Und irgendwo wird gegraben, vielleicht nach einem Schatz, vielleicht findet sich auch eine Bombe?
Es ist ein liebevoll erzähltes Buch, das sich sehr gut als locker-leichte Sommerunterhaltung ohne besonders viel Tiefgang eignet. Es sind größtenteils liebenswerte Charaktere aus der Durchschnittsbevölkerung, die hier vorgestellt werden, die aber wiederum dann auch so gar nicht diversen Klischees entsprechen. Man merkt, dass die Autorin sich Mühe gegeben hat, vielfältige Menschen mit individuellen Lebensweisen zu beschreiben, die eben in keine Schublade passen... außer vielleicht in diese des Zeitgeistes, der sich um Vielfalt und Toleranz bemüht.
Ich persönlich bin mit dem Buch nur teilweise warm geworden, was aber vermutlich eher an meinen sonstigen Lesegewohnheiten als an diesem Buch liegt. Stellenweise war es mir dann doch zu sehr Unterhaltung und zu wenig literarischer Anspruch. Letzten Endes waren mir manche Charaktere dann vielleicht doch zu alternativ und damit ein Stück unglaubwürdig und manches war nicht mein Humor. So richtig hineingezogen hat mich die Erzählweise mit diesen vielen Geschichten auch nicht, eine besondere Sprache, wie ich sie an anspruchsvoller Literatur schätze, habe ich auch nicht entdecken können. Es ist also klar ein Werk der Unterhaltung, was es ja auch sein darf.
Wer gerne leichte Sommerlektüre, Humor und eine warmherzige Erzählweise mag, wird mit diesem Buch sicherlich seine Freude haben können.
Viele tiefgründige Gedanken
Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen von Michael Lehofer
Dr. Michael Lehofer interessiert sich schon seit langem intensiv für die Tiefen der menschlichen Seele. So hat er sowohl ein Psychologie- als auch ein Medizinstudium absolviert und arbeitet nun seit Jahrzehnten als Psychiater, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut. Er hat schon einige Bücher veröffentlicht, in denen er seine Praxiserfahrungen und philosophischen Gedanken dazu mit einem breiten Publikum teilt.
In seinem neuesten Werk "Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen" geht es auch wieder um Betrachtungen der heutigen Gesellschaft, durch die Linse eines erfahrenen Praktikers, der Menschen bei ihren Lebensthemen unterstützt und dabei so einiges erlebt hat. Gegliedert nach Themen wie "Sehnsucht", "Lebenskunst", Selbstverwirklichung", "Dankbarkeit" oder auch "Das Göttliche" schreibt der Autor von seinen Gedanken und Erfahrungen dazu. Es sind interessante und erfrischende Perspektiven, so einiges interpretiert er neu, auf eine Art und Weise, wie sie mir bisher noch nicht begegnet ist und mich als Leserin ebenfalls zu neuen Betrachtungsweisen anregt.
Hier ein paar Beispiele:
"Spiritualität ist die Anerkennung des Zauberhaften im Leben. Die Theologie versucht aufgrund von heiligen Schriften und Überlieferungen, Antworten auf die numinose, die jenseitige Welt zu finden. Damit banalisiert sie weitestgehend die faszinierende spirituelle Sphäre. Denn was Gott und das Numinose (also das nicht in Realitätskonstrukte Einbaubare) sind, kann man nicht beantworten, sondern nur anfragen. Auch die sogenannten heiligen Schriften bieten keine Antworten, sondern sind Einladungen für eigene existenzielle Fragen. Ansonsten sind die heiligen Schriften nicht heilig. Das Heilige ist nämlich nur heilig, wenn es heilsam ist, nicht, wenn irgendeine Religionsbehörde es für heilig erklärt. Im Fragen nach dem Göttlichen liegt somit das Heilende." (S. 66 im E-Book)
"Trauer ist eine wunderbare Kompetenz. Sie erzeugt im Menschen die Fähigkeit zur ständigen Metamorphose, die notwendig ist, um in das eigentliche Selbst hineinzuwachsen." (S. 115 im E-Book)
"Kein Geschenk ist gratis. Geschenke kosten die Unverbindlichkeit und führen zu Verbindlichkeit." (S. 44 im E-Book)
Insgesamt kann man spüren, dass der Autor ein gläubiger, spiritueller und suchender Mensch ist, aber auch ein kritisch hinterfragender. Manchen Aussagen habe ich angemerkt, dass es sich um einen Menschen handelt, der fast 30 Jahre älter ist als ich, dieses Jahr 70 geworden ist und somit aus einer anderen Generation und gesellschaftlichen Prägung stammt als ich. So blickt er durchaus sehr skeptisch auf manche modernen gesellschaftlichen Entwicklungen, diese Ansichten mag man teilen oder auch nicht.
Doch geht es bei diesem vielfältigen und intelligenten Werk ja auch nicht darum, in allem mit dem Autor einer Meinung zu sein. Stattdessen leistet es das, was gute Bücher leisten sollen: den eigenen Geist, das eigene Gefühl und das kritische Denken und Nachspüren anzuregen, die Thesen des Autors auf sich wirken zu lassen, damit in Dialog zu gehen und die eigenen Perspektiven auf die Welt wieder ein Stück weit zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Es ist ein wertvolles Buch mit vielen tiefgründigen Gedanken, das man am besten nicht nur einmal liest, sondern stückchenweise und immer wieder mal konsultiert, für einen Dialog mit einem intelligenten Gegenüber, das sich viele interessante Gedanken gemacht hat. Ich kann es allen, die gerne nachdenken und sich für Psychologie, Philosophie und gesellschaftliche Fragen interessieren, sehr empfehlen. Auch als Geschenkbuch für Menschen mit diesen Interessen eignet es sich bestens.
Die Liebeshungrigen
Die Liebeshungrigen von Karine Tuil
In ihrem neuen Roman "Die Liebeshungrigen", im französischsprachigen Original treffender "La guerre par d'autres moyens" ("Der Krieg mit anderen Mitteln") genannt, lässt uns die französische Autorin Karine Tuil hinter die Kulissen der Reichen, Schönen und Mächtigen schauen.
Und was man hier zu sehen bekommt, ist kein schönes Bild: hinter dem schönen Glanz verbirgt sich sehr viel Verkommenheit, Intrigen, Manipulation, Verrat und Misogynie. Im clever konstruierten Roman erleben wir abwechselnd viele Perspektiven der Menschen rund um den ehemaligen (fiktiven) französischen Staatspräsidenten Dan Lehman mit.
Dan Lehman selbst hat Schwierigkeiten mit dem Machtverlust und ein immer größer werdendes Alkoholproblem. Von seiner loyalen langjährigen Ehefrau Marianne, mit der er drei erwachsene Kinder hat, hatte er sich im Vorfeld der Wahl für eine weit jüngere Schauspielerin getrennt, mit der er ein weiteres kleines Kind bekommen hat. Doch nun ist auch diese Beziehung nicht mehr gut.
Marianne wiederum ist Autorin und ihr erfolgreiches Buch zum Thema Gewalt gegen Frauen soll verfilmt werden, doch besetzt wird die Rolle ausgerechnet mit der neuen Partnerin ihres Ex-Mannes. Dann gibt es noch den Regisseur Nizan, der nach außen auf Feminist tut, aber eigentlich im Verborgenen zutiefst misogynes Verhalten an den Tag legt und mehrere junge naive Frauen, die sich ebenfalls für modern und feministisch halten, aber auf den erfolgreichen Mann hereinfallen.
Mit Ausnahme der Person Marianne, die durchaus einiges an Souveränität und gereifter Persönlichkeit zeigt, handelt es sich bei allen porträtierten Charakteren um solche mit massiven Charakterschwächen, was insgesamt ein hässliches Bild der Welt der Superreichen, Einflussreichen und Mächtigen zeichnet. Auch wenn man hoffen könnte, dass dieses Bild übertrieben wäre, und sich integre Menschen an der Spitze des Staates wünschen würde, wissen wir doch mittlerweile von vielen Berichten und Recherchen, dass dem leider nicht unbedingt so ist und es gerade da, wo nach außen Glanz, Ruhm, Ehre und Macht groß erscheinen, es oft auch sehr viel innere Leere gibt.
Insofern handelt es sich um ein durchaus authentisches, wenn auch deprimierendes, Porträt eines ganz bestimmten Teils der gesellschaftlichen Oberschicht in Frankreich, das ich gerne gelesen habe und das sehr nachdenklich stimmt in Bezug darauf, was für Charaktere prägenden Einfluss auf Gesellschaften und Länder haben und ob die Mechanismen, die bestimmen, wer erfolgreich ist, verstärkt Narzissten und Psychopathen nach oben spülen bzw. diese Eigenschaften für manche Machtpositionen fast schon Bedingung zu sein scheinen (viele psychologische Studien zur dunklen Triade zeigen da tatsächlich einen Zusammenhang).
Ich kann das Buch jenen, die keine Angst vor Desillusionierung haben und sich für die Abgründe der Eliten in den Bereichen Politik und Medien interessieren, jedenfalls empfehlen: es liest sich leicht und unterhaltsam und hat gleichzeitig durchaus Tiefgang.











