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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Wohin die USA sich gerade entwickeln

Der amerikanische Albtraum von Klaus Brinkbäumer

Der Journalist und langjährige USA-Kenner Klaus Brinkbäumer stellt uns in seinem neuen, ausgezeichnet recherchierten Sachbuch die USA der Gegenwart vor. Er reist durch das Land, besucht Wahlveranstaltungen, spricht mit verschiedensten Menschen, beobachtet und hört zu und zeichnet dabei ein Bild eines Landes, das sich in kürzester Zeit in erschreckendem Tempo verändert hat und sich immer weiter weg von der uns bekannten Demokratie entwickelt.

Analysiert wird, wie es zum Aufstieg des aktuellen Präsidenten kommen konnte und wie dieser die "Pause" zwischen seinen beiden Regierungsperioden nutzte, um bei Wiedererlangung der Macht umso schneller das ganze Land umbauen und seine Gegner verfolgen zu können.

Dabei wird klar, dass vieles noch um einiges radikaler ist, als es aufgrund dessen, was man in Europa im Zuge der Berichterstattung so mitbekommt, wirken könnte und dass Europa nun mehr denn je gefordert ist, seine eigene Position, Einigkeit und Stärke zu finden und zu behaupten. Ich kann es allen, die sich für das aktuelle Zeitgeschehen in der Welt interessieren, wärmstens empfehlen.

Auch die Hörbuchausgabe, herausgegeben im Argon Verlag und gesprochen vom Autor selbst, ist sehr empfehlenswert: unterhaltsam, kurzweilig und gut verständlich vorgetragen, habe ich mich keine Sekunde der über 11 Stunden dauernden Hörbuchdatei gelangweilt.

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Wohin die USA sich gerade entwickeln
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Anspruchsvoll und komplex

Sanditz von Lukas Rietzschel

"Sanditz", der neue Roman des jungen Schriftstellers Lukas Rietzschel, erschließt sich in seiner Komplexität und Fülle den Leserinnen und Lesern nicht einmal so eben im Vorbeigehen. Das umfangreiche Buch mit vielen Figuren, unterteilt in viele kleine, kurze Kapitel, braucht Zeit, Aufmerksamkeit, teilweise Hintergrundwissen und am besten eine Zweitlektüre, um voll und ganz davon zu profitieren.

Sehr empfehlenswert ist es, während der Lektüre immer wieder mal das auf den hinteren inneren Buchklappen abgedrückte Personenverzeichnis zu konsultieren, um sich ein bisschen besser orientieren zu können.

Denn vorgestellt werden uns viele Personen aus der Familie Wenzel/Moschnick aus mehreren Generationen sowie aus deren Umfeld, Freunde und Freundinnen, Partner und Partnerinnen, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen und weitere Personen aus dem Ort, in mehreren Zeitebenen, die die Zeit der DDR, die Nachwendezeit und die jüngere Gegenwart während Corona-Pandemie und Ukrainekrieg umfassen. Da dauert es schon eine Weile, sich einigermaßen in der Geschichte zurecht zu finden und einordnen zu können, wer wer ist und in welchem Verhältnis zu den anderen Personen steht.

Themen wie offene und verdeckte Kritik am Regime in der DDR, wirtschaftlicher Niedergang in der Wendezeit, Spatensoldaten, Querdenkertum und vieles mehr finden ihren Raum. Rietzschel zeichnet seine Charaktere authentisch und liebevoll, ohne zu stark in Klischees zu verfallen. Er schafft es, ihre Entscheidungen - auch jene, die die Lesenden vielleicht selbst nicht so treffen würden - wertfrei darzustellen, ohne die Personen abzuurteilen, und zeigt auf, dass Menschen eben nicht unbedingt in vorgefertigte Schablonen passen und am Ende durchaus auch überraschen können.

Sehr unzugänglich war für mich persönlich der Einstieg ins Buch mit einem mythologischen Bezug auf die "Krabat"-Geschichte, die ich leider nicht kannte und deren Verbindung zum restlichen Roman sich wohl nur erschließt, wenn man diese kennt, nachliest oder sich näher damit auseinandersetzt. Überhaupt ist das Buch voll von so einigen symbolischen Bezügen, die ein tiefer gehendes Hintergrundwissen oder zumindest eine ausführliche, sorgfältige Beschäftigung damit verlangen, um sie entdecken und entschlüsseln zu können. Dadurch eignet es sich aber besonders gut für gemeinsame Diskussionen oder Lesekreise, die in diesem Fall sehr davon profitieren, auch über einschlägig vorgebildete Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu verfügen.

Es ist also ein ziemlich anspruchsvolles Werk, das trotz der kurzer Kapitel Konzentration erfordert und sich nicht eben so schnell und unterhaltsam nebenbei wegliest. Ich habe gut die Hälfte des Buches gebraucht, um wirklich in die Geschichte reinzukommen, mich einigermaßen auszukennen und die Lektüre wirklich zu genießen. Schafft man es aber, sich darauf einzulassen und dem Buch den nötigen Raum zu geben, gegebenenfalls nebenbei auch einem bisher Unbekanntes zu recherchieren, dann wird man mit einem qualitativ hochwertigen, komplexen und vielschichtigen Buch über die letzten Jahrzehnte in Ostdeutschland, von der DDR über die Nachwendezeit bis zur Gegenwart, belohnt.

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Anspruchsvoll und komplex
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Wenn einer Frau der Zufall den Weg aus der Gefahrenzone zeigt

Grüne Welle von Esther Schüttpelz

Die Frau war mit der Freundin im Kino. Einmal im Monat macht sie das. Es scheint ihr einziger dauerhafter Sozialkontakt zu sein, neben ihrem Mann, mit dem sie seit über zehn Jahren verheiratet ist. Doch diesmal ist etwas anders als sonst. Sie fährt nicht auf direktem Weg nach Hause, sondern lässt sich von den grünen Ampeln treiben, immer weiter weg.

Es ist keine wirklich bewusste Entscheidung, sie lässt sich einfach treiben und denkt ab und zu darüber nach, dass sie umkehren werde, sobald mal eine Ampel rot sein werde... doch es ist grüne Welle. Sie fährt auf die Autobahn auf und noch weiter weg. Sie lässt sich treiben, so ist sie es gewohnt. Entschlossen eigene Entscheidungen zu treffen, war vielleicht noch nie ihre Sache, vielleicht war sie schon immer der intuitive Typ, vielleicht hat sie in den letzten Jahren ihren Glauben an ihre Selbstwirksamkeit verloren...

Währenddessen wird der Mann zu Hause unruhig, schließlich ist er gewohnt, dass die Frau nach dem Kinobesuch mit der Freundin einmal im Monat direkt zu ihm nach Hause fährt. Er kontaktiert die Freundin der Frau, diese weiß auch nicht mehr. Die beiden reden darüber, ob etwas getan werden solle. Die Polizei solle nicht gerufen werden, wünscht der Mann. Und so schreitet die Nacht voran und dann bricht ein neuer Tag an und die Frau ist immer noch in ihrem Auto unterwegs.

Ich habe mich bemüht, diese kurze Zusammenfassung in einem ähnlichen Stil zu schreiben, in dem das Buch verfasst ist. Denn dieses besondere Buch lebt stark von der Art, wie es geschrieben ist. Es sind nicht Menschen mit konkreten Namen, mit denen wir zu tun haben, es sind "die Frau", "der Mann", "die Freundin der Frau" und später zwei Mädchen, die sie trifft: "die Große" und "die Kleine". Das macht schon deutlich, worum es in diesem Buch geht: nicht um konkrete Personen und Einzelschicksale, sondern um Muster und destruktive Beziehungsdynamiken von Gewalt in der Beziehung und damit einhergehender Isolation von anderen Menschen und Entfremdung von der Welt.

Auf ihrem Roadtrip lernen wir die Frau besser kennen und erfahren nach und nach mehr über sie. Früher war sie eine lebensfrohe junge Frau, sie hat auf der Kunsthochschule studiert und ist Künstlerin, doch dann hat sie den Mann kennen gelernt und in der Beziehung mit ihm ist ihre Welt immer kleiner und enger geworden. Auch körperliche Verletzungen sind an ihrem Körper zu entdecken. Und sie ist sehr ängstlich, fürchtet ständig, bei einem Stopp könne jemand die Autotüren aufreißen, weil die Verriegelung des alten Autos nicht mehr funktioniert. Dabei gibt es auf den ersten Anblick in der Umgebung, die sie durchfährt, kaum offensichtliche Gefahren... abgesehen von Wild, das plötzlich auf die Straße rennen könnte.

Wenn man näher hinschaut, ist dieses Buch voll von interessanter Symbolik, die sich an vielen Stellen zeigt und wiederholt. Dadurch wirkt das Buch insbesondere emotional sehr stark nach, was ich auch beim Verfassen dieser Rezension, mehr als eine Woche nach Beendigung der Lektüre, noch deutlich in mir spüre. Sobald ich wieder an dieses Buch denke, habe ich das Gefühl, wieder mit der Frau auf ihrem Roadtrip zu sein, ihre Beklemmung zu spüren, aber auch gemeinsam mit ihr auf ihre Befreiung aus ihrem unglücklichen Leben und der Gewaltbeziehung zu hoffen.

Nachdenklich macht das Buch auch über die destruktive Dynamik von Gewaltbeziehungen und darüber, wie schwer es ist, aus diesen auszubrechen - auch deshalb, weil die Täter ihre Opfer sozial isolieren und deren Selbstwert systematisch zerstören. Ob der Frau das am Ende gelingen wird, beantwortet dieses Buch nicht abschließend, das muss es auch nicht. Der größte Wert des Buches liegt darin, auf eindringliche Weise gerade durch die allgemein gehaltenen Charaktere und die eingebundene Symbolik für das Thema häuslicher Gewalt zu sensibilisieren. Es ist ein rundum gelungenes Werk, das ich allen, die tiefgründige Bücher mögen, in denen es einiges an zu entschlüsselnden Metaphern gibt, sehr empfehlen kann!

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Wenn einer Frau der Zufall den Weg aus der Gefahrenzone zeigt
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Eine scheinbar kleine Entscheidung und ihre Folgen

Die Namen von Florence Knapp

Cora ist gerade zum zweiten Mal Mutter geworden. Sie hat schon eine neunjährige Tochter, Maia, doch diesmal ist es ein Junge, der ersehnte Stammhalter für ihren Mann Gordon. Dieser ist ein erfolgreicher, charismatischer Hausarzt aus alter, stolzer Ärztefamilie, in der es selbstverständlich ist, dass an den ersten Sohn immer der Name "Gordon" weitergegeben werden muss.

Nun steht Cora kurz vor der Entscheidung, zum Standesamt zu gehen und den Namen des Säuglings eintragen zu lassen. Doch sie zögert... denn nicht nur würde sie dem Baby gerne einen eigenen Namen mitgeben, verbindet sie außerdem mittlerweile viel Ungutes mit dem Namen "Gordon", denn ihr nach außen so liebevoll wirkender Mann ist ein geschickter Manipulator und brutaler Schläger, der sie von allen anderen Menschen in ihrem Leben isoliert, ihr immer mehr Freiheiten nimmt, sie beschimpft, demütigt und brutal misshandelt. Diesen Namen soll ihr Sohn nicht tragen, doch wird sie es schaffen, sich anders zu entscheiden, und was wird daraus resultieren?

Das Buch besteht aus drei alternativen Handlungssträngen: in einem davon wagt es Cora nicht, gegen den Willen ihres Mannes zu handeln, und der Junge wird Gordon heißen. In einem weiteren nennt sie auf Anregung der großen Schwester des Babys den Jungen "Bear" und hofft, dass er damit verbunden stark, aber auch kuschelig, herzlich und liebevoll werden würde. Im dritten Szenario schließlich bekommt er den Namen "Julian", was für Himmelsvater steht, und Cora versucht, ihrem Mann das als Würdigung seiner Position als Vater zu verkaufen.

In der Klappenbeschreibung ist angekündigt, dass es in dem Buch darum gehe, wie ein Name einen Menschen prägt, doch es geht um so viel mehr als das. Nicht nur die Namen unterscheiden sich, auch die Lebenswege der Kinder werden drastisch verschieden sein, denn der Vater Gordon reagiert jeweils unterschiedlich auf die Namensgebung und das hat Konsequenzen für das weitere Leben. Es werden jeweils wechselnde Episoden aus dem Leben der Familie in verschiedenen, voranschreitenden Zeitepochen beschrieben, im Abstand von ungefähr sieben Jahren, von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart.

Ich habe dieses Buch geliebt und in kürzester Zeit verschlungen! Es ist äußerst spannend geschrieben und man will unbedingt wissen, wie es mit der Familie weitergeht, bangt und zittert mit den Kindern und deren Mutter und ist neugierig auf ihre weitere Entwicklung. Die Charaktere sind detailliert und authentisch ausgearbeitet und die Gewaltdynamik in der Beziehung ist anschaulich beschrieben - auf eine durchaus drastische Art und Weise, auf die man beim Lesen vorbereitet sein sollte. Das Buch ist also nichts für Menschen, die Beschreibungen schlimmer Gewalt nicht gut aushalten können.

Dennoch ist zum Glück die Handlung nicht nur davon getragen, sondern es gibt auch viele schöne Begegnungen zwischen Menschen und es ist generell sehr interessant, die Figuren in den verschiedenen Szenarien über diese Zeit zu verfolgen. Dabei schafft das Buch eine gute Balance zwischen Tiefgründigkeit und Spannung. Insgesamt ist es ein sehr starkes Debüt einer begabten Autorin, von der ich sehr gerne noch weitere Bücher lesen würde!

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Eine scheinbar kleine Entscheidung und ihre Folgen
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Über das Innenleben einer Frau angesichts vieler offen bleibender Fragen

Ich möchte zurückgehen in der Zeit von Judith Hermann

"Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, aus wie wenig tatsächlichem Material aus der eigenen Familiengeschichte sich dennoch ein komplettes Buch machen lässt. Wenn man die Beschreibung auf der Rückseite des Buchumschlages liest, könnte man den Eindruck gewinnen, es würde in dem Buch hauptsächlich um die Aufarbeitung der Geschichte des Großvaters gehen.

Wer sich hier spannende neue Erkenntnisse erwartet, dem sei schon an dieser Stelle gesagt, dass das Buch diese nicht liefern kann.

Das Buch ist in drei Teile geteilt, von denen der erste der längste und der dritte der kürzeste ist. Auf den ersten 70 Seiten des insgesamt nicht einmal 160 Seiten umfassenden Büchleins folgen wir der Autorin nach Radom, wo ihr Großvater, der lange vor ihrer Geburt gestorben ist und den sie deshalb nie persönlich kennen lernte konnte, als Mitglied der Waffen-SS stationiert war. Es kann vermutet werden, dass er in dieser Funktion in die Gräuel und Menschenrechtsverletzungen, die dort zur Zeit des Dritten Reiches verübt haben, aktiv involviert war. Genaueres darüber weiß die Autorin aber nicht, wissen wir als Leserinnen und Leser somit auch nicht und werden auch werden sie noch infolgedessen wir durch ihren Aufenthalt dort erfahren. Im Wesentlichen besteht dieser Teil des Buches aus einer durchaus atmosphärischen Beschreibung des Alleinseins der Autorin in Radom, während sie darauf hofft, dass sich allein durch ihre Präsenz in dieser polnischen Stadt ihr ein Weg zu Erkenntnissen über die Taten des Großvaters zeigt, was aber nicht wirklich geschieht: "... ich hatte angenommen, dass die Stadt auf mich gewartet hatte und mir eine Reihe notwendiger Schritte nun irgendwie diktieren, vorgeben würde, das tat sie aber nicht, also ging ich raus und machte mich auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war." (S. 19)

Sie sucht also nach irgendetwas und findet nicht wirklich. Meint, auch nach Jahrzehnten die beklemmende Atmosphäre der Stadt, in der einst so vielen Juden lebten und es nach deren Vertreibung und Ermordung in der NS-Zeit bis heute kaum mehr welche dort gibt, zu spüren. Sie beschäftigt sich mit sich selbst, liest Gedichte, spaziert herum, betrachtet das Foto des Großvaters, denkt über ihre Familie nach und über das, was in Radom passiert ist. Telefoniert mit der Mutter und fragt sie nach Erinnerungen an den Großvater, diese weicht aus und meint, sich nicht an viel erinnern zu können, sie hatte auch nicht viel gemeinsame Zeit mit ihm verbracht und war noch recht jung, als er starb. In der allerletzten Woche ihres Aufenthaltes tragen doch noch Bemühungen der Autorin Früchte und sie darf ein Museum besuchen, Fragen stellen, erhält eine Stadtführung eines Historikers und eine Einladung zu einem Sabbatessen. Leider erwähnt sie all dies nur in ähnlich kurzer Form, wie ich es hier schreibe und lässt uns Lesende nicht an diesen Erfahrungen und etwaigen Erkenntnissen daraus teilhaben.

Danach folgt ein geringfügig kürzerer Teil, wieder knapp 70 Seiten, bei dem die Autorin, weil es ihr so einfällt, von Krakau aus weiter Richtung Süden zu fahren, nach Napoli fährt, um die dort lebende Schwester zu besuchen. Auch hier geht es weiter viel um das Innenleben der Autorin und um deren Alltagsbeobachtungen. Wenn sich Substanzielles in diesem Teil verbergen sollte, dann in symbolischer Form, etwa in Vergleichen zur Arbeit der Schwester als Archäologin und zum ausgelöschten Pompeji oder zu einer Wohnung einer Verstorbenen, in der sich die Familie trifft. Mit viel Bemühung und eigener Interpretationsleistung kann man hier sicher einige interessante Vergleiche ziehen und diskussionswürdige Punkte finden. Über die Familiengeschichte der Autorin und insbesondere des Großvaters erfährt man in diesem Teil aber auch nichts Neues.

Am Ende gibt es dann noch ein sehr kurzes Kapitel mit einer Erzählung, die scheinbar in keinem näheren Zusammenhang zum Rest des Buches steht, bei der sich bei näherer Betrachtung aber ebenfalls Parallelen zu den anderen beiden Erzählsträngen finden lassen.

Wer etwas über Geschichte und tatsächliche Vergangenheitsaufarbeitung erfahren möchte, dem kann ich dieses Buch nicht empfehlen. Dafür gibt es inhaltlich viel zu wenig her. Auch ist es von der psychologischen Komponente her meiner Beurteilung nach wenig verallgemeinerbar für das Empfinden der Nachkommen dritter Generation aus möglichen Täterfamilien, dazu empfinde ich die Autorin und Ich-Erzählerin als deutlich zu speziell. Wer sich aber für die innere psychische Verfassung einer Frau interessiert und viele subtile, symbolische Bezüge mag, wird mit diesem Buch möglicherweise seine Freude haben.

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Über das Innenleben einer Frau angesichts vieler offen bleibender Fragen
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Es braucht ein "Dorf" für einen jungen Mann

Pina fällt aus von Vera Zischke

Wer ein Kind bekommt, hört oft von dem afrikanischen Sprichwort: "Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen". So ein Dorf hat Pina erst einmal nicht. Seit 20 Jahren kümmert sie sich völlig alleine um Leo. Leo, der schon immer anders war. Der nicht zu dem Zeitpunkt sprechen lernte, als andere Kinder es taten.

Der nicht ins Regelschulsystem passte. Der in seiner eigenen Welt lebt, die kaum jemand versteht. In diese Welt passt Leo nicht rein und seine einzige Stütze ist Pina. Aufopferungsvoll kümmert sie sich um ihn, hat ihr eigenes Leben hintan gestellt. Jeden Morgen stellt sie Leo seine Frosties mit Milch hin - die einzige Sorte, die er mag - mit dem Löffel in genau dem richtigen Winkel und darin aufgelösten Vitamintabletten zur Ergänzung seiner einseitigen Ernährung. Sie sorgt dafür, dass er den Bus erwischt, um in die Tageswerkstätte zu kommen. Sie versteht sein Denken und seine Routinen. Dabei ignoriert sie die immer schlimmer werdenden Magenschmerzen, die sie plagen. Schluckt eine Schmerztablette nach der anderen, denn für einen Krankenhausaufenthalt oder gar die empfohlene Kur für pflegende Mütter sieht sie keine Möglichkeit: wer würde sich dann denn um Leo kümmern?

So kommt es, wie es fast schon kommen muss: Pina bricht nach einem Einkauf der Straße zusammen. Diagnose Magendurchbruch. Sie überlebt nur knapp und landet auf der Intensivstation, ist erst einmal tagelang kaum bei Bewusstsein. Niemand kommt sie dort besuchen, die Pflegekräfte wundern sich, ob diese Frau überhaupt keine Angehörigen habe? Zurück daheim bleibt ein hilfloser Leo, dessen Welt, Routinen und Bedürfnisse nun keiner mehr versteht. Was wird nun mit ihm passieren?

In diesem berührenden Buch gibt es noch so etwas wie eine heile Welt: Nachbarn, die davor zwar wenig miteinander zu tun hatten, aber nun, als sie die Not erkennen, einspringen, eine Gemeinschaft bilden und sich um Leo kümmern. Da ist die 86-jährige Inge, die schon 10 Jahre lang ihre Wohnung nicht mehr verlassen hat, meint, keine Stiegen mehr steigen zu können und nun von der Rentenkasse aufgefordert wird, einen Nachweis zu bringen, dass sie noch lebe. Dann gibt es Alina, die sich nun Zola nennt, 16 Jahre alt, Schulabbrecherin und in den eigenen Augen absolute Versagerin, die von ihrem wohlhabenden Vater nach wiederholten Ladendiebstählen in einer Wohnung im Haus einquartiert wurde. Außerdem der alleinstehende Sonderling Wojtek, der sich übers Internet in eine Russin verliebt hat, von der er kleine Kristalltierchen zu überhöhten Preisen kauft. Diese drei Außenseiter, die es auch nicht leicht im Leben haben, haben alle insgesamt das Herz am richtigen Fleck und springen ein, kümmern sich um Leo, lassen sich auf seine Welt ein und sich von seiner kindlich-naiven Hoffnung tief berühren.

Zutiefst berührend ist auch die Leseerfahrung dabei. Es sind eigenartige und doch absolut liebenswerte Gestalten, die man hier kennen lernt und bald ins Herz schließt. Dabei ist die Geschichte keineswegs seicht, sondern zeigt immer wieder, dass die Autorin - die selbst ein "besonderes" Kind hat, das sie pflegt - sich viele Gedanken über die Möglichkeiten und Grenzen von Inklusion gemacht hat, die in das Buch miteingebaut sind. Zurück bleibt nach dem Lesen nicht nur ein warmes, hoffnungsvolles Gefühl, sondern ganz besonders ein verstärktes Bewusstsein dafür, was für einen Unterschied es für eine lebenswerte Gemeinschaft und ein gutes Leben für alle machen könnte, wenn die meisten Menschen ihre Umgebung achtsam wahrnehmen und sich zu Hilfe und Unterstützung bereit erklären würden. Um wie viel es das eigene Leben und das anderer bereichern kann, sich füreinander einzusetzen und sich gegenseitig zu unterstützen. Damit ist es auch ein Buch mit einer wichtigen Botschaft, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche - für eine nachhaltige Veränderung in unserer Gesellschaft, die oft bei ganz kleinen Schritten beginnt.

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Es braucht ein "Dorf" für einen jungen Mann
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Vielschichtige und differenzierte Betrachtung eines aktuellen Phänomens

Bullshit mit Blümchenkleid von Barbara Haas

Barbara Haas ist eine österreichische Journalistin und Podcasterin. In diesem Buch widmet sie sich einem spannenden Phänomen des aktuellen Zeitgeistes: den sogenannten "Tradwives": reichweitenstarken Influencerinnen, überwiegend aus dem englischsprachigen Raum, die inszeniert durch aufwendig produzierte Bilder und Videos das inszenieren und propagieren, was sie als traditionelles Hausfrauenleben verkaufen.

Dabei gelingt es der Autorin sehr gut, mit dem schönen Schein aufzuräumen: hinter dem hübsch inszenierten Social-Media-Auftritt steckt hochprofessionelle Arbeit und meist ein Unterstützungsteam. Mit einem tatsächlichen Leben ausschließlich als Hausfrau und Mutter hat das wenig zu tun, somit wird scheinheilig für etwas geworben, das man selbst so nicht lebt.

In den verschiedenen Kapiteln zeigt die Autorin klug und sorgfältig recherchiert die Hintergründe der Tradwives-Bewegung auf: sie zeigt anhand geschichtlicher Entwicklungen, dass die nur auf Haushalt und Kindererziehung fokussierte Frau menschheitsgeschichtlich insgesamt betrachtet immer ein Randphänomen gewesen ist und beschreibt die christlich-konservativ und meist politisch dem rechten Spektrum zugehörigen Hintergrundmilieus der Bewegung.

Auch die Geschichten einzelner erfolgreicher Influencerinnen in diesem Bereich, kritisch betrachtet, sind Thema des Buches, genauso wie jene von Frauen, die aus dem Milieu ausgestiegen sind und darüber berichtet haben. Sehr gut gefallen hat mir, dass auch darauf eingegangen wird, welche problematischen gesellschaftlichen Tendenzen - etwa der unrealistisch überhöhte Anspruch an Frauen, in absolut allen Lebensbereichen glänzen zu müssen - dazu beitragen können, dass die Tradwives von manchen jungen Frauen als durchaus attraktives Ausstiegsszenario angesehen werden.

Eine besondere Bereicherung in dem kurzen, aber inhaltsvollen, Büchlein ist auch das Interview mit der Mutter der Autorin, die sie ironisch "Tradwife 1.0" nennt, da sie in der Landwirtschaft gearbeitet und daneben eine große Kinderschar groß gezogen hat. Die kluge und lebenserfahrene ältere Frau hat einen pragmatisch-nüchternen Blick auf das Zeitgeistphänomen.

Insgesamt ist der Autorin mit diesem Buch eine unterhaltsame und zugleich lehrreiche Aufarbeitung eines aktuellen Social-Media-Trends und seiner Schattenseiten gelungen. Ich kann das Werk allen, die sich dafür interessieren, sehr empfehlen: es liest sich schnell und leicht, und dabei lernt man so einiges Neues und bekommt interessante neue Denkanstöße, auch dafür, wie wir eine für alle, aber insbesondere für Frauen, attraktive Gesellschaftsvision gestalten könnten, in der es solche Ausstiegssehnsüchte nicht mehr braucht.

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Vielschichtige und differenzierte Betrachtung eines aktuellen Phänomens
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Wann ist man nicht mehr radikal?

fundamentalös von Nussaibah Younis

"Fundamentalös" wurde in der englischsprachigen Originalausgabe für die Shortlist des Women's Prize for Fiction nominiert. Die Autorin Dr. Nussaibah Younis ist Friedensforscherin, hat selbst irakisch-pakistanische Wurzeln, verfügt über jahrelange Erfahrung in der Friedensarbeit im Irak und hat selbst als Beraterin für die irakische Regierung in Deradikalisierungsprogrammen mitgearbeitet.

Sie ist selbst streng religiös erzogen worden und hat sich später von der islamischen Religion abgewandt, bezeichnet sich nun als nicht religiös.

Warum erwähne ich das so detailliert in meiner Rezension? Weil es sich zwar um einen fiktiven Roman handelt, bei dem es der Autorin wichtig war, die Leserinnen und Leser mit ihrem Humor auch gut zu unterhalten (was bestens gelungen ist), aber es durchaus auch so einige Parallelen zwischen der fiktiven Nadia und der Autorin gibt.

Die Hauptfigur Nadia stammt nämlich ebenfalls aus einer muslimischen Familie, ist religiös aufgewachsen, hat lange das Kopftuch getragen und als Jugendliche sogar Workshops bei einem charismatischen Prediger besucht (ebenfalls wie die Autorin selbst), der sich später dem IS-Umfeld zugewandt hat. Leicht hätte es also passieren können, dass auch sie verblendet als jugendliche IS-Braut in Syrien oder im Irak gelandet wäre. Doch im Laufe ihres Universitätsstudiums hat sie das freiere Leben schätzen gelernt, das Kopftuch abgelegt, sich von der Religion distanziert und sich in die Welt wilder und freier Sexualität mit Männern und Frauen, Alkohol, Drogen und Partys gestürzt, wodurch es auch zu einem Bruch mit ihrer Mutter und einer jahrelangen Phase ohne Kontakt zur Herkunftsfamilie kam.

Nun hat sie ihr Doktorat beendet, unterrichtet an einer Uni und hat einen Artikel über mögliche Deradikalisierungsprogramme für ehemalige IS-Anhängerinnen und Anhänger geschrieben, der weite Beachtung fand und ihr einen Job im UN-Umfeld im Irak verschafft, bei dem sie insbesondere ausländische Mädchen und junge Frauen, die radikalisiert in den Irak gereist sind, mit Kämpfern verheiratet waren und nun, meist verwitwet, unter schlechten Bedingungen in einem irakischen Lager festsitzen und wieder in ihre westlichen Heimatländer zurückkehren möchten, deradikalisieren und bei der Rückkehr unterstützen möchte.

Voll von Idealismus und mit hohen Erwartungen reist Nadia also in den Irak, muss aber schnell feststellen, dass nicht alles so leicht geht wie erwartet. Auch das Umfeld der internationalen Organisationen ist voll von Korruption und Konkurrenz und nicht alle verfolgen die selben hehren Ziele. Schnell lässt sich sowieso mal nichts bewerkstelligen, die westlichen Länder haben wenig Interesse daran, ihre radikalisierten Bürgerinnen zurückzunehmen (und damit terroristische Aktionen oder Anschläge oder zumindest den Vorwurf, diese in Kauf zu nehmen, zu riskieren) und auch im Irak selbst interessiert sich kaum jemand für das Schicksal dieser Frauen, die sich nach weit verbreiteter Meinung ihre Situation selbst zuzuschreiben haben, auch wenn sie ursprünglich als verblendete Teenager eingereist sind.

Besonders am Herzen liegt Nadia die junge Sara, die so wie sie in Großbritannien aufgewachsen ist und sich mit 15 Jahren dem IS angeschlossen, mittlerweile 19 Jahre alt, verwitwet und Mutter eines kleinen Mädchens ist, das ihr weggenommen wurde und nun bei den Eltern väterlicherseits irgendwo im Irak lebt. Sara ist intelligent und auf eine sarkastisch-zynische Art witzig, doch hat sie wirklich den radikalen Ideologien abgeschworen?

Neben der praktischen Arbeit Nadias im Irak gibt es immer wieder Rückblenden auf Nadias früheres Leben, ihr religiöses Aufwachsen und die Distanzierung von ihrer Religion. Viel Raum nehmen auch ihre wilden sexuellen Eskapaden mit Männern und Frauen ein, sowie ihre Traurigkeit über das Ende ihrer lesbischen, nicht-ausschließlichen Beziehung mit Rosy. Ganz ehrlich, diesen Teil hätte man nach meinem Geschmack auch gut aus dem sonst hervorragenden Buch kürzen können und es hätte mir nichts Wesentliches gefehlt, sondern das Buch hätte dadurch für mich noch an Fokus und Tiefe gewonnen. Offenbar scheint es aber dem Zeitgeist zu entsprechen, dass sehr viele Bücher nun explizite, nicht ausschließlich heterosexuelle Sexualität miteinbauen müssen, vielleicht macht das den Erfolg oder die Auszeichnung durch Buchpreise in diesen Zeiten wahrscheinlicher, ich weiß es nicht.

Abgesehen von diesem Faktor, der mich etwas genervt hat, handelt es sich aber um ein kluges, humorvolles, sehr unterhaltsames und nachdenklich machendes Buch, dem man anmerkt, dass die Autorin sich die Geschehnisse nicht nur komplett ausgedacht hat, sondern diese, auch wenn es sich um einen fiktiven Roman handelt, durchaus auf viel Erfahrung und Wissen basieren. Damit ist es ein originelles Werk zu einem spannenden Thema, das ich gerne gelesen habe und allen, die sich dafür interessieren, jedenfalls empfehlen kann.

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Im Krieg kann man nicht unbeteiligt bleiben

Im ersten Licht von Norbert Gstrein

Auf dem Cover ein Pferd, das seitlich nach hinten blickt. Auf der Rückseite die Information, dass es unter anderem um kriegsversehrte Männer geht in dem Buch. Ein erstes Hineinlesen und es beginnt gleich mit der Beschreibung schrecklicher Entstellungen im Gesicht. Ob das ein Buch für mich sein könnte? Da habe ich länger überlegt und war mir nicht so sicher.

Doch nun habe ich es gelesen und bin sehr froh darüber, denn es ist definitiv eines meiner Jahreshighlights! Diese Tiefgründigkeit, diese Sprache! Wie sich subtil und gleichzeitig wirkstark gewisse Metaphern immer wieder wiederholen, geschickt eingeflochten in den Fortgang der Erzählung. Von der Welt, die einmal so unschuldig gewesen war und es nie wieder sein würde. Von dem einst jungen Adrian, ein Jahr jünger als das Jahrhundert, nie als Soldat im Krieg gewesen, und doch würde auch er seine Unschuld verlieren. Vom titelgebenden ersten Licht des Tages, in dem die Ruhe der Nacht endet, in dem Kriege beginnen, in dem Verräter hingerichtet werden, oder doch Unschuldige?

Es ist ein Buch, das in mir gedanklich und emotional noch lange nachwirken wird - und ein eindringliches Plädoyer, die Schrecken der Kriege - aller Kriege! - niemals zu vergessen. Ein Thema, das gerade in der jetzigen Zeit erschreckend aktuell ist! Im ersten Weltkrieg wurden so viele Menschen verstümmelt oder getötet, ebenfalls im zweiten, in jedem anderen Krieg und auch jetzt passiert das jeden Tag!

Das Buch selbst ist in drei Teile gegliedert und jeder davon ist einem jungen Mann gewidmet, der das Leben von Adrian auf die eine oder andere Art stark geprägt hat.

Adrian Reiter - der selbst nie reitet, genauso, wie er nie in den Krieg ziehen muss - ist ein "Davongekommener", ein "Verschont-Gebliebener", oder nicht? Und heißt das gleichzeitig, er sei unschuldig geblieben und es klebe kein Blut an seinen Händen? Kann man unbeteiligt bleiben in solchen Zeiten, und wo beginnt die moralische, rhetorische, tatsächliche Mittäterschaft?

1901 geboren ist Adrian am Anfang des 1. Weltkrieges noch zu jung, um eingezogen zu werden, doch der Krieg dauert mehrere Jahre und der besorgte Vater, ein Kriegsgegner und Sozialist, sieht den Zeitpunkt, an dem auch sein Sohn einrücken würde müssen, immer näher kommen. Das will er unbedingt verhindern und sorgt mit einer Axt und mangelhafter Wundversorgung für eine Beinverletzung des Sohnes, die diesem ein lebenslanges Hinken bescheren, aber ihm gleichzeitig die Soldatenlaufbahn ersparen würde.

So begegnen wir kurz nach dem ersten Weltkrieg einem jungen Mann, der fröhlich mit seiner Freundin am Seeufer entlang marschiert und in einer Pension dort untergebrachte ehemalige Soldaten kennen lernt, die speziell im Gesicht schreckliche Entstellungen als Folge der Kriegsverletzungen aufweisen, einer davon Ernest Eller. Hier werden sie vor den öffentlichen Blicken versteckt, ihre Familien schämen sich für sie, manche täuschen lieber vor, der versehrte Sohn wäre am Schlachtfeld den Heldentod gestorben. Den Weg in die Gesellschaft zurück werden die wenigsten von ihnen wieder finden, fast alle werden sich früher oder später das Leben nehmen.

Im zweiten Teil ist Adrian mittlerweile Lehrer für Geschichte (und Englisch) und der zweite Weltkrieg naht heran. Vermutlich als Kompensation dafür, selbst nie im Krieg gewesen zu sein, schwärmt er vor seinen Schülern in höchsten Tönen von militärischen Ehren, heldenhaften Kämpfen und dem Reiterbataillon, und macht sich damit mitschuldig, naive junge Menschen für den Krieg zu begeistern. Insbesondere sein Lieblingsschüler Martin Baumgartner meldet sich freiwillig (was dessen Vater dem Lehrer nie verzeihen wird), wird zum Soldaten, zum Täter, zum Verzweifelten. Sucht immer wieder den ehemaligen Lehrer auf, wenn er ein paar Tage aus dem Krieg nach Hause kommt, wie ein lebendiges Mahnmal für dessen Mitschuld.

Schließlich geht es im dritten Teil um die andere Seite. Die beiden großen Kriege sind vorbei, seit einigen Jahrzehnten herrscht Frieden, und Adrian reist nach England, besucht dort ehemalige Bunker und lernt Vivian kennen, die jüngere Schwester von Teddy Stephen, der sich nach öffentlicher Beschämung durch das Überreichen einer weißen Feder durch die Suffragetten freiwillig als Soldat im ersten Weltkrieg gemeldet hat, entsetzt in einer aussichtslosen Schlacht fliehen wollte und dafür als Deserteur von den eigenen Kameraden erschossen wurde, im ersten Licht des Tages. Wie ist das im Nachhinein zu beurteilen? War er ein Held? Ein Verräter? Einfach ein Mensch, dem alles zu viel wurde?

In diesem umfangreichen und tiefgründigen Roman betrachten wir die erschütterndsten Kriege des 20. Jahrhunderts durch die Augen von Adrian Reiter ein bisschen von außen und sind doch tief drinnen. Emotional zeigt das Buch, dass es nicht möglich ist, ganz außen vor zu bleiben, selbst wenn man nicht aktiv in den Krieg zieht. Wir sind immer Teil des Kollektivschicksals unserer Umgebung, dieses berührt uns, und wir haben eine Verantwortung für alles, was wir tun, unterlassen und bezeugen. Und Krieg ist es schrecklich, es gibt keine Sieger.

Es ist ein überwiegend männlich dominierter Blick auf das Kriegsgeschehen und im Zentrum stehen klar (mehrheitlich junge) Männer als Kriegsbegeisterte, Zwangsverpflichtete, Soldaten, Deserteure, Opfer, Täter, Mitläufer, Zuschauer. Die wenigen Frauen, die im Roman vorkommen, nehmen eher Nebenrollen ein, und das Leid, das der Krieg auch über Frauen bringt, ist nur sehr am Rande Teil dieses Romans. Das ist keine Schwäche des sehr guten Buches, da kein Buch alles behandeln kann.

Insgesamt ist es ein großartiges, vielschichtiges, bildendes und nachdenklich machendes Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte, um es in seiner Tiefgründigkeit wirken zu lassen. Auf fast jeder Seite finden sich bemerkenswerte Gedanken und eine eingängige Sprache, das Buch ist äußerst dicht und reichhaltig an Querverbindungen und subtilen Bezügen. Man könnte damit problemlos ein ganzes Semester eines literaturwissenschaftlichen Universitätsseminars füllen, und hätte am Ende noch immer nicht alles Diskussionswürdige besprochen. Dabei schafft der Autor aber gleichzeitig den Spagat, so unterhaltsam zu schreiben, dass es nie langweilig wird - auch wenn es sich insgesamt schon klar um ein anspruchsvolles Werk der gehobenen Literatur handelt, dem ich viele Buchpreise wünsche!

Ich kann es allen, die sich für Zeitgeschichte und hochwertige Literatur interessieren, vor detaillierten Schilderungen von Elend und Verstümmelungen nicht zurückschrecken und sich auf ein besonderes Werk einlassen wollen, von Herzen empfehlen. Für mich war es das erste Werk dieses bemerkenswerten Autors, es wird aber sicher nicht das letzte gewesen sein!

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Im Krieg kann man nicht unbeteiligt bleiben
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Vom Ruhestand und der Bereitschaft zu Veränderung

Vor uns die Zeit von R. C. Sherriff

Was macht es mit Menschen, wenn sie in den Ruhestand gehen und auf einmal "vor ihnen die Zeit" liegt?
Wenn jahrzehntelange Routinen dadurch auf einmal zu einem Ende kommen und es eine Neuausrichtung braucht?
Wenn sich auch eine eingespielte Partnerschaft neu ordnen muss?
Worin liegen die Gefahren, aber auch die Chancen dieser Lebensphase?
Und was können wir vom Beispiel anderer lernen, so wie aus diesem Roman?

Diese universellen Fragen, die viele Menschen in verschiedenen Zeiten und Lebenslagen bis heute beschäftigen, behandelt der zeitlose Klassiker "Vor uns die Zeit".

Die Originalausgabe des Werks ist unter dem Titel "Greengates" im Jahr 1936, also vor 90 Jahren, erschienen. Nun wurde das Buch von Rainer Moritz in moderner und zugänglicher Sprache übersetzt und im Unionsverlag neu herausgebracht.

Auch wenn die Charaktere des Buches natürlich in der damaligen Zeit und in ihrer Region in der Nähe von London verortet sind, ist das Buch auch für heutige Menschen aus anderen Regionen ein großartiges Lesevergnügen, das nicht nur unterhält, sondern auch viel Weisheit in sich trägt und zum Nachdenken anregt. Es geht um das große Thema des Sinnfindens im eigenen Leben und der Herausforderung und Chance, die freie Zeit selbst so zu nützen, dass sie einem nicht verschwendet vorkommt - und das nach einem langen Arbeitsleben, in dem man darauf konditioniert wurde, fremdbestimmten Rhythmen zu folgen und sich vielleicht auch nur zu gerne bequem den immer gleichen Gewohnheiten hingegeben hat.

Wir begegnen Tom Baldwin an seinem letzten Arbeitstag. Jahrzehntelang hat er im gleichen Unternehmen gearbeitet, nun ist die Zeit seines Ruhestands gekommen, er wird ehrenvoll verabschiedet und bekommt als Abschiedsgeschenk ausgerechnet eine Uhr. Dann kommt Tom nach Hause in sein altes Anwesen "Grasmere", das ihm auf einmal dunkel und abgewohnt erscheint, und bringt dort erst die Routinen seiner nicht erwerbstätigen Frau Edith und der Haushälterin Ada gehörig durcheinander.

Außerdem hat Tom ehrgeizige Pläne für seinen Ruhestand und nun sieht er die Zeit gekommen, diese endlich verwirklichen zu können: "Er würde Historiker werden. Kein bloßer Stubenhocker, sondern einer, der hinausging, erforschte und entdeckte. Das verlieh Winter- und Sonnentagen eine herrliche Fülle. Tausende faszinierender Bücher galt es zu studieren, tausend Ausgrabungen an der englischen Küste, die römischen Festungen und die normannischen Schlösser." (S. 25)

Doch bei beidem stößt er an innere und äußere Grenzen und realisiert nach einigen Rückschlägen, dass er diesen Traum nicht wie geplant verwirklichen kann: "Ein Hirn, das sechzig Jahre lang das Leben begierig aufgenommen hat, ist am Rande seines Fassungsvermögens angekommen. Man kann sich großzügig daraus bedienen und es wieder auffüllen mit dem, was es gewohnt ist, doch man kann es nicht komplett ausmisten und mit neuen Dingen unterschiedlicher Form und Größe wieder füllen. Dafür ist es einfach nicht geschaffen, es stößt das Neue entweder ab oder bricht unter der Belastung zusammen." (S. 88)

So geht ein Jahr ins Land und Tom wird immer deprimierter, auch der Paarbeziehung tut sein Ruhestand nicht sehr gut: "Als sich der erste Winter, in dem ihr Mann im Ruhestand war, seinem Ende zuneigte, begann Mrs Baldwin allen Glauben daran zu verlieren, dass sie ihm helfen könnte. Es wurde ein Ding der Unmöglichkeit, wenn jedes Wort als Zurechtweisung oder Vorwurf der Trägheit aufgefasst und zornig zurückgewiesen wurde." (S. 96)

Das sind die ersten knapp 100 Seiten des über 300 Seiten dicken Buches. Und wäre es so weitergegangen, hätte es eine äußerst deprimierende Beschreibung des möglichen körperlichen und geistigen Niedergangs im Ruhestand werden können. Aber zum Glück kommt es anders, denn das Ehepaar Baldwin trägt wesentlich mehr Flexibilität, Veränderungswille und Tatkraft in sich, als man vielleicht erst einmal vermutet hätte.

Als eine Gelegenheit auf die beiden zukommt, ihr eigenes Leben grundlegend zu verändern und an einem anderen Ort neu zu starten, Kontakte zu knüpfen und für eine Gemeinschaft aktiv zu werden, packen die beiden diese beim Schopf und stürzen sich mutig und unerschrocken in die Veränderung, lassen sich auch von Hürden nicht von ihrem Weg abbringen und mobilisieren alles, was nötig ist, um noch einmal ganz neu zu beginnen.

Das macht sich bezahlt: während im alten Haus alles abgewohnt und alt wirkte, mobilisiert das neue Haus an einem anderen Ort positive Gefühle in den Baldwins: "...Tom und Edith Baldwin empfanden all die Freude, Frische und Steigerung ihres Selbstwertgefühls, die sich einstellen, wenn man mit sauberen, neuen Dingen Umgang hat." (S. 277)

Damit ist es insgesamt ein nicht nur äußerst vergnüglich und unterhaltsam geschriebenes Werk und ein sehr interessantes Zeitporträt des Kleinbürgertums im England der 1930er Jahre, sondern auch ein weises und inspirierendes Buch, in dem sich viele Ideen dazu finden, wie der Lebensabschnitt nach dem aktiven Berufsleben sinnvoll gestaltet werden könnte. Es kann zu Recht als Klassiker bezeichnet werden, aus dem sich auch für die heutige Zeit viel lernen lässt und das ich einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen kann!

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