Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Kroatien zwischen Unabhängigkeit und EU-Beitritt
Dem Meer entgegen von Lidija Hilje
"Dem Meer entgegen" ist das Debüt der kroatischen Autorin und Schreibtrainerin Lidija Hilje, das sie in ihrer Zweitsprache Englisch geschrieben hat und von Hennig Ahrens ins Deutsche übersetzt wurde. Titelbild, Titel und Aufmachung lassen einen locker-leichten Sommerroman vermuten, dieser Eindruck täuscht aber: es ist ein eher anspruchsvolles Buch mit einer eher deprimiert-sehnsüchtigen Hauptfigur, hinter der ein schweres Schicksal steht: es geht um Unfruchtbarkeit und das Aufgeben des Partners, weil man selbst keine Kinder bekommen kann, um pflegebedürftige und sterbende Eltern und die Trauer um diese, um schwierige Familienbeziehungen und um wirtschaftliche Herausforderungen im Kroatien der Jahre nach den Balkankriegen.
Im Zentrum des Romans steht Ivona, die kurz nach den Kriegen eine ganz junge Frau war, mit 19 ihre große Liebe Vlaho kennen gelernt hat, diesen auch geheiratet hat, aber sich später scheiden ließ, obwohl sie ihn noch liebte. Danach heiratete er ihre Freundin Marina und bekam mit dieser die von der Familie so heiß ersehnten beiden Kinder. Ivona blieb der Familie eng verbunden, war regelmäßig zu Besuch und wurde sogar Patentante der beiden Kinder.
Die Handlung wechselt immer wieder zwischen der Zeit der ganz jungen Ivona und ihrer Liebe zu Vlaho und der Zeit etwa 20 Jahre später, als Ivona Ende 30 ist und auf ihr bisheriges Leben zurückblickt: so viele Träume haben sich nicht erfüllt. Sie ist Single und kinderlos und auch beruflich hat es nicht so gut geklappt, zwar hat sie erfolgreich ihr Biologiestudium abgeschlossen, doch gab es aufgrund des wirtschaftlichen Umbruches in der damaligen Zeit keine passenden Stellen für sie und sowieso würden viele dieser in Kroatien nur aufgrund von Vitamin B vergeben werden. So war Ivona nach ihrem Studium eine längere Zeit arbeitslos und heute arbeitet sie in einem Schreibwarenladen, zwar durchaus zufrieden, aber weit unter ihrer Qualifikation. Im Hintergrund gibt es noch den Vater, der sich mit seinen unternehmerischen Versuchen übernommen hat, schwer verschuldet ist und so ein Familiengrund mit Olivenbäumen direkt am Meer, mit dem Ivona viele schöne Kindheitserinnerungen verbinden, vom Verkauf bedroht ist.
Man lernt im Buch viel über die Zeit in Kroatien direkt nach den Balkankriegen und die Entwicklung danach. Es wird spürbar, was für eine herausfordernde Zeit das insbesondere für hoffnungsvolle und ehrgeizige junge Menschen gewesen muss, die hochqualifiziert und motiviert waren, aber kaum berufliche Chancen bekamen. Auch der massive Brain Drain - mehr als 10 Prozent der Kroaten haben mittlerweile dauerhaft das Land verlassen - und die Tatsache, dass insbesondere gut qualifizierte Menschen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ins Ausland gehen, wird thematisiert.
Ein weiteres großes Thema im Buch ist die unglückliche Liebe Ivonas zu Vlaho, der vielleicht in gewisser Weise auch für ihre Vergangenheit und Bindung zur Heimat steht. Später kommt noch ein zweiter Mann dazu, Asier, mit baskischen Wurzeln, in London lebend und international tätig.
Ich habe ein bisschen gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden, doch als ich mich nach etwa dem ersten Viertel eingelesen hatte, habe ich Ivonas Geschichte sehr gerne gelesen. Insgesamt ist es aber eher ein tragisch-melancholisches Buch und jedenfalls keine leichte Strandlektüre. Allen, die emotional vom Thema unerfüllter Kinderwunsch betroffen sind und sich nicht stark damit in einem Buch auseinandersetzen wollen, rate ich eher nicht zur Lektüre dieses Buches. Wer damit aber kein Thema hat und sich für die Entwicklung Kroatiens in den Jahren zwischen Unabhängigkeit und EU-Beitritt interessiert, kann ich das Buch als sehr interessante Lektüre dazu sehr empfehlen.
Differenziert, fundiert und unterhaltsam
Leben, Körper, Tod von Bettina Schöne-Seifert
"Leben, Körper, Tod", ein Sachbuch der Medizinerin, Philosophin und Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert wurde für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert: eine Auszeichnung, die schon darauf hindeutet, dass es sich um ein äußerst interessantes und gut geschriebenes Werk handelt.
Gut verständlich und unterhaltsam, dabei gleichzeitig fachlich fundiert führt die Autorin in das Feld der Medizinethik ein und stellt zwölf aktuelle Kontroversen vor.
Dabei geht es um Themen wie Patientenverfügungen und die Frage, ob das frühere Ich in jedem Fall über das zukünftige Ich bestimmen dürfen soll, das Recht auf Abtreibung oder auf die Inanspruchnahme einer Leihmutter, um sich den eigenen sonst unerfüllbaren Kinderwunsch zu erfüllen, um Organspende und darum, wie wir definieren, ob jemand tot ist, und um viele weitere interessante Themen.
Jedes Kapitel wird mit einem fiktiven Fall eingeleitet, der danach nach verschiedenen ethischen Prinzipien diskutiert wird. Dabei stellt die Autorin die unterschiedlichen ethischen Positionen sowie, wenn thematisch passend, den Stand der medizinischen Wissenschaft zu dem Thema dar, und bezieht mutig auch selbst Stellung.
Ich habe das Buch als sehr anregend gefunden, über Medizinethik nachzudenken. Die differenzierte Darstellung der Fälle macht deutlich, wie es hier tatsächlich oft um Grenzfragen der Ethik geht und verschiedene Seiten der Argumentation jeweils etwas für sich haben. Damit kann das Buch auch dazu beitragen, Menschen besser zu verstehen, die zu den jeweiligen Themen eine andere Haltung einnehmen.
Es ist ein sehr interessantes Sachbuch, das ich allen Menschen, die sich für Medizin, Ethik oder eine Verbindung von beidem interessieren, oder auch einfach nur gesellschaftspolitisch interessiert sind, sehr empfehlen kann.
Multiperspektivisch
Besser als nie von Stephan Thome
Im Jahr 2009 hat der Autor Stephan Thome sein Romandebüt "Grenzgang" veröffentlicht, in dem er anhand des Anlasses des Grenzgang-Festes in einer hessischen Kleinstadt aktuelle gesellschaftliche Themen und Konfliktfelder aufgezeigt hat.
Nun folgt 17 Jahre später eine Art Fortsetzung: auch in "Besser als nie" geht es wiederum um eine Grenzgang-Fest in einer hessischen Kleinstadt und die gesellschaftlichen Herausforderungen, die der Umgang damit aufzeigt.
Da geht es zum Beispiel um die Frage, inwieweit es legitim ist, alte Traditionen zu bewahren, wenn diese bedeuten, dass Frauen keine Reiterinnen sein dürfen. Und so etwas im Jahr 2026! Obwohl sich kaum genug Männer für die Tradition finden!
Aus den Perspektiven verschiedener Figuren entwickelt sich das Geschehen.
Besonders gut hat mir gefallen, dass der Audioverlag bei der Erstellung des Hörbuches keine Kosten und Mühen gescheut hat, und nicht etwa, wie bei vielen anderen Hörbüchern, alles von einer Person mit teilweise verstellter Stimme eingelesen wird, sondern tatsächlich verschiedene Sprecher die verschiedenen Perspektiven lesen. Dadurch gewinnt das Hörbuch sehr an Authentizität und wird zu einem umso größeren Hörvergnügen.
Inhaltlich ist es eine interessante Geschichte, die auch gut verstanden werden kann, ohne das Vorgängerwerk zu kennen.
Muss die Liebe an sozialen Unterschieden scheitern?
Die zweitgrößte Liebe von Ruth-Maria Thomas
Ich habe das Hörbuch zum Buch "Die zweitgrößte Liebe" von Ruth-Maria Thomas, sehr einfühlsam und differenziert gesprochen von Lili Zahavi, vor kurzem fertig gehört und bin auch jetzt, nach mehreren Tagen Abstand, noch tief bewegt, wenn ich daran denke.
Ich glaube, ich habe noch nie so eine berührende, im Grunde tieftraurige und dabei so authentische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Sozialmilieus, die sich doch eigentlich so sehr lieben und zwischen denen dabei aber so viele Trennendes steht, gehört oder gelesen.
Die meisten Liebesromane tendieren dazu, eher seicht, unrealistisch und überromantisch zu sein. Dieser gar nicht!
Ich habe mich schon viel mit sozialen Unterschieden aus psychologischer und soziologischer Sicht befasst und auch die Autorin, die neben dem Schreiben auch gelernte Sozialarbeiterin ist, hat offensichtlich ganz viel Ahnung von diesem Thema. Hier ist ihr das große Kunststück gelungen, all ihr Wissen über verschiedene soziale Milieus und die damit verbundenen Unterschiede in Denken, Fühlen, Auftreten, Erfahrungen, Kommunikation, Sehnsüchten, Ängsten, Werten, Lebenszielen und noch so vielem mehr in einen absolut packenden Roman einzubauen, der überhaupt nicht akademisch oder sachbuchartig wirkt, doch wie nebenbei alle Lesenden, die hinschauen möchten, tief für soziale Unterschiede sensibilisiert.
Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, war die ganze Zeit tief emotional verbunden mit den beiden Hauptfiguren, hab mit ihnen gehofft und gebangt, ihre wachsende Beziehung miterlebt, dabei viel nachgedacht und gelernt.
Worum geht es?
Um Michelle, eigentlich Mishelle (die Mutter kannte bei der Eintragung des Namens die richtige Schreibweise nicht), arm bei einer alleinerziehenden Mutter im Osten von Deutschland aufgewachsen. Die die Kreativität liebt und einen eigenen Kunsthandwerksladen hatte, doch Corona und weitere Krisen haben dazu geführt, dass sie diesen nicht mehr gewinnbringend betreiben konnte und ihn mit Schulden schließen musste. Nun arbeitet sie im Servicebereich eines gehobenen Hotels, mehrere hundert Kilometer entfernt, in einem der "alten" Bundesländer. In diesem Hotel lernt sie auch Henry kennen, die zweite Hauptfigur des Romans. Henry heißt eigentlich Paul-Heinrich, ist der Sohn einer sehr wohlhabenden Familie mit erfolgreichen Eltern, die er in seiner Kindheit aber wenig zu Gesicht bekommen hat und viel von Au-Pairs betreut wurde, wobei er sich sehr einsam fühlte.
Die beiden lernen sich also kennen und verlieben sich ineinander: Henry fühlt sich angezogen von Michelles natürlich-offener Art, ihrer unverblümten Sprache und ihrer Direktheit, während Michelle sich bei ihm sicher und geborgen fühlt und seine Sensibilität schätzt.
Doch je besser sie sich kennen lernen, desto mehr zeigen sich die tiefgehenden Unterschiede in ihrer Prägung und den damit verbundenen Wünschen, Zielen und Lebensvorstellungen: Michelle ist es gewohnt, zu kämpfen, um durchzukommen: als sie zu einem tödlichen Autounfall kommt, zieht sie der Sterbenden den Ehering vom Finger, als Kompensation für das eigene erlittene Trauma durch das Erlebnis und als Sicherheit. Als sie Henry davon erzählt, ist er entsetzt. So etwas würde er nie tun! Braucht er aber auch nicht, denn durch das Vermögen seiner Familie ist er schon von Kindheit an bestens abgesichert.
Dreisten Gästen spuckt Michelle heimlich in die Getränke. Ihre Wortwahl ist so direkt, dass sie manchmal fast schon ordinär wirkt, insbesondere auf Henrys gehobenes Umfeld. Und sie war immer schon gewohnt, für sich selbst zu sorgen und kann sich nicht vorstellen, die klassisch-konservative Rolle einer unterstützten Ehefrau an Henrys Seite einzugehen.
Liebeswürdige Seiten hat sie auch eine Menge, doch die zeigen sich erst bei näherem Hinsehen und wenn sie sich sicher fühlt. Henry hingegen ist zwar sehr sensibel, doch wirklich nachfühlen kann er Michelles Existenzängste nicht und er versteht auch nicht, warum sie den sicheren Hafen, den er ihr doch so gerne großzügig anbieten möchte, nicht einfach annehmen kann und damit alle Probleme erledigt seien.
Die beiden lieben sich sehr und kämpfen um ihre Liebe, das ist spürbar, und doch drohen die extremen Unterschiede in sozialem Hintergrund, Sozialisation und Vermögen, aber auch die unterschiedlichen Umfelder, sie auseinanderzureißen.
Das Hörbuch bzw. Buch ist extrem gut erzählt. Beide Figuren sowie deren Umfelder und die daraus resultierenden Prägungen sind tiefgründig und authentisch gezeichnet, jedes Wort sitzt. Die Autorin Ruth-Maria Thomas ist für mich ein ganz außergewöhnliches Talent nicht nur im Schreiben, sondern auch im Fühlbar-Machen psychologischer Feinheiten und sozialer Unterschiede.
Dieses Buch ist eines meiner Jahreshighlights, ich werde mir demnächst auch den mir bisher unbekannten Debütroman der Autorin besorgen und freue mich schon auf weitere Werke von ihr! Absolute Empfehlung für alle, die sich für Psychologie, Soziologie und soziale Unterschiede, aber auch für jene, die sich einfach nur für richtig gute Literatur interessieren!
Ein märchenhaftes Wohlfühlbuch
Über der Brandung von Franziska Jebens
"Über der Brandung", das neue Buch von Franziska Jebens, ist perfekt für alle Frauen, die sich im Sommer mit einem märchenhaften Buch vor zauberhaft schöner Kulisse einfach nur entspannen möchten. Es ist ein absolutes Wohlfühlbuch, in dem - abgesehen von einer Krise der Hauptfigur ganz am Anfang, die aber nur in der Rückblende erwähnt wird, sowie einer einzigen Situation, in der es aufgrund eines Naturgeschehens etwas brenzliger werden konnte - nur freundliche, nette Menschen vorkommen, die in wunderbarer Gemeinschaft miteinander leben, sich gegenseitig bestärken, alte Kräuter- und Mondrituale in einer Art Frauenhexenzirkel zu Neumond und zu Vollmond wieder aufleben lassen und sich alles wie wunderbar fügt.
Eine Welt wie im Märchen, in die die anfangs namenlose Hauptfigur, eine junge Frau, die nach Enttäuschungen in Beruf und Liebesleben eines Winters spontan auf eine griechische Insel reist, eintaucht. Schon am Flughafen Athen fügt sich alles wie magisch, sie wird von verschiedenen freundlichen und ihr wohlgesonnenen Menschen Schritt für Schritt weitergeschickt, bis sie bei der Kräuterhexe Hera auf einer griechischen Kykladeninsel landet. Hera nimmt unsere Protagonistin freundlich auf, für ein bisschen Mithilfe bei der Bewirtung der Gäste hier und da darf sie gratis wohnen und essen, bekommt eine Einführung in die heimischen Kräuter und ihre heilende Wirkung und wird in Heras Hexenzirkel aufgenommen.
Wie zauberhaft fügt sich absolut alles, um zur seelischen Heilung unserer Heldin beizutragen, es gibt sowohl Raum für Ruhe als auch für Gemeinschaft, und eine herzige Ziege als tierische Seelenbegleiterin sowie eine Sommerromanze mit einem natürlich äußerst attraktiven Mann, der feministische Romane schätzt, unserer Heldin jeden Wunsch von den Augen abliest und sogar seine Abenteuerlust sein lässt, um an ihrer Seite zu sein, gibt es auch.
Wer also ein wirklich angenehmes Wellnessbuch zum Entspannen und Träumen abseits von störenden Konflikten, mühsamer tiefer gehender Charakterentwicklung oder anspruchsvoll-sperriger Sprache sucht und gerade nicht unbedingt etwas literarisch Forderndes lesen möchte, sondern sich einfach nur entspannen, sich den Träumen von einer perfekten Welt insbesondere für Frauen hingeben, und die zauberhafte Griechenland-Atmosphäre, erinnernd an das Mamma-Mia-Musical, samt Referenzen zu diesem und vielen Beschreibungen köstlicher Speisen, genießen möchte, ist mit diesem leichten Sommerroman bestens beraten.
Selbstverwirklichung um jeden Preis
Ellen von Franziska zu Reventlow
Die deutsche Schriftstellerin Franziska zu Reventlow, geboren in einer adeligen Familie und später als "Skandalgräfin" bekannt geworden, kam wohl schon mit einem sehr großen Freiheitsdrang zur Welt. Zumindest, wenn wir von dem Alter Ego "Ellen" aus ihrem gleichnamigen autofiktionalen Roman auf ihre Persönlichkeit schließen möchten.
Der Vergleich liegt nahe, da Leserinnen und Leser, die sich auch mit der Biografie der Autorin beschäftigt haben, viele Parallelen entdecken werden.
Somit kann "Ellen" als ein frühes autofiktionales Werk angesehen werden, das ein ausführliches und inspirierendes bis abschreckendes - je nach Lebensphase der Ellen sowie persönliche Wertehaltung derer, die das Buch lesen - Porträt einer sehr eigenwilligen künstlerisch interessierten Frauenpersönlichkeit zeichnet, die in einer Zeit lebt, in der individuelle Entfaltung insgesamt für die Menschen und noch einmal mehr für Frauen gesellschaftlich nicht erwünscht war und die ihren Weg geht, gegen alle Widerstände und um jeden Preis.
Schon das Kind Ellen ist ein Wildfang, tobt ständig mit dem Bruder und dessen bestem Freund durch die Natur, zerreißt sich dabei die schönen Kleider und versteht nicht, warum es sich in irgendeiner Weise mehr einschränken sollte als männliche Kinder, denen das doch auch alles erlaubt ist. An dieser Stelle hatte das Kind meine großen Sympathien.
Das Kind wächst zu einem jungen Mädchen und dann zu einer jungen Frau heran, die zunehmend radikaler wird in ihrem Freiheitsdrang und sich durch nichts und niemanden einschränken lassen will, dabei aber dennoch einige Zeit lang vorgibt, als Verlobte eines ehrenwerten Mannes den Konventionen ihrer Epoche und Schicht zu folgen, um sich gesellschaftlich nicht gleich alle Chancen zu verspielen, während sie mit verschiedenen Männern schläft.
Introspektiv finde ich die Gedanken und Gefühle Ellens sehr gut dargestellt, wie sich zum Beispiel an dieser Stelle zeigt, als sie über sich nachdenkt und ihre Neigungen mit denen anderer Menschen vergleicht:
„Wie fingen es wohl andere an, um glatt durchs Leben zu kommen, und warum wurde es einem immer so schwer gemacht durch all dies Binden und Verpflichten. In ihrem eigenen Gefühl war nichts, was dem widersprach, mit beiden das Leben zu teilen, weil jeder ihr etwas war, was der andere nicht sein konnte.“ (S. 167)
Ethische Grenzen scheint Ellen kaum zu kennen, so versucht sie sogar, ihrem Verlobten und dann Ehemann das Kind eines anderen unterzuschieben und sie bricht mit ihrer Familie, als diese sie in ihre Schranken weisen will.
An dieser Stelle verliert diese fiktive Persönlichkeit der Ellen für mich an Vorbildwirkung und ist für mich eher ein abschreckendes Beispiel dafür, wozu ein extremer Selbstverwirklichungs- und Darstellungsdrang führt, wenn dabei jegliches Einfühlungsvermögen für davon betroffene Menschen verloren geht.
Im Erwachsenenalter scheint die porträtierte Ellen sich zu einer Egomanin entwickelt zu haben, die sich niemand für die eigene Familie oder im eigenen Freundinnenkreis wünschen würde, dabei spart die Autorin aber auch deren innere Kämpfe und zunehmenden Verfall nicht aus und beschreibt hier, was aus Ellens eigener Sicht alles ihrem extremen Freiheits- und Selbstverwirklichungsdrang zum Opfer gefallen ist:
„Was hatte sie nicht schon alles hingegeben in dem unbändigen Drang nach ihrem innersten Selbst, das so viel zum Opfer wollte – Heimat, Geschwister, selbst den Bruder, den sie so sehr leibte, denn der war schließlich auch von ihr gegangen zu den anderen – den Mann, dem ihre erste große Leidenschaft gehörte – sein Kind – Reinhart, alles, alles von sich geworfen, ihr war, als ob sie immer nur über Leichen hinweg gegangen sei – um schließlich vor ihrer eigenen anzukommen, und daneben stand das Schicksal und grinste sie eisig an: Es ist noch nicht genug – jetzt nehme ich dir auch noch deine letzte Kraft, deinen jungen Körper, der noch blühen wollte, deine jungen Jahre, die noch heißes Verlangen trugen – und schlage dich zum Krüppel. Ohnmächtig sollst du vor mir daliegen, und es war alles umsonst.“ (S. 207)
Es ist also keine reine Lichtgestalt, die im Zentrum dieses Buches steht.
Das mindert die Qualität des Buches aber keineswegs, im Gegenteil dient es genau durch diese ehrliche Darstellung des auch charakterlichen Verfalls einer Person mit einem starken Freiheitsdrang nicht nur als abschreckendes Beispiel und interessantes Zeitporträt, sondern wirft ebenfalls viele interessante philosophische und ethische Fragen zum Thema Grenzen von Freiheit und Selbstverwirklichung und individuelle vs. familiäre und gesellschaftliche Interessen auf, womit es sich auch bestens für Lesekreise und Diskussionsrunden eignet.
Arnos Innenleben
Doras Licht von Friederike Köpf
Eine junge Frau soll sich an der französischen Atlantikküste das Leben genommen haben, ihre Leiche wurde auf einer Sandbank gefunden. Es handelt sich um die 26-jährige Österreicherin Dora und ein paar von ihr geschriebene Worte weisen auf eine Verbindung zu Arno Andrich hin, ihrem Dozenten und Mentor an einer Wiener Kunstuni, mit dem sie vor eineinhalb Jahren einen One-Night-Stand hatte.
So weit so gut, was Dora angeht.
Viel erfahren wir auch nicht über sie, zwar kommt sie immer wieder in ganz kurzen Passagen am Anfang eines Kapitels vor, doch im Mittelpunkt des Romans steht jemand anderer: der Kunstprofessor Arno Andrich. Ihm sind wir in diesem Roman ganz nahe, erleben sein Denken und Fühlen aus seinem Kopf heraus, die Erinnerungen an die schwierige Kindheit und das Verhältnis zu dem herabwürdigenden Vater, das berufliche Getrieben-Sein, die erotischen Reize, die verschiedene junge Frauen auf ihn ausüben, seine Beziehung zu Ildiko, ohne viel Commitment eingehen zu wollen, denn sie hat ein Kind und Ersatzvater werden will er nicht.
Es ist ein ruhig, in poetischer Sprache und feinsinnig erzähltes Buch und Psychogramm eines Mannes, der neben anderen Dingen auch von Doras Suizid in seinem Leben beeinflusst und berührt wurde und sich rückblickend - wir wissen nun, dass er einige Jahre später mehrere Kinder hat - fragt, was so kommen musste und was wozu geführt hat.
Ich kann das Buch insbesondere jenen empfehlen, die gerne tiefgehende psychologische Charakterstudien von einzelnen Personen und ihren zwischenmenschlichen Beziehungen lesen und die leisen Töne schätzen.
Auch wenn eine Person ums Leben gekommen ist, hat das Buch in Bezug auf seine Erzählweise nichts von der rasanten, handlungsgetriebenen Dynamik eines Kriminalromans, sondern nimmt sich viel Zeit für die kleinen Alltagsmomente, die dabei differenziert und detailliert geschildert sind und es damit ermöglichen, dem Mann im Zentrum dieses Romans sehr nahe zu kommen.
Aus feministischer Perspektive wiederum könnte man sich wünschen, dass tatsächlich die verstorbene junge Frau etwas mehr Raum bekommen hätte, mir persönlich war es etwas zu viel Arno und seine Befindlichkeiten und etwas zu wenig Dora.
Von den mutigen Freiheitskämpferinnen Irans
Auf den Straßen Teherans von Nila
"Auf den Straßen Teherans" von Nila ist ein kurzes Werk, nur 144 Seiten in der Printausgabe und eingeteilt in kurze Kapitel, die meist nicht mehr als ein bis höchstens zwei Seiten umfassen. Man hat es schnell durchgelesen. Doch das schwächt die Wirkung nicht ab, im Gegenteil, diese wird gerade durch diese Prägnanz verstärkt:
"Schreiben heißt, ein Zeugnis abzulegen; zu exhumieren, tiefe Gräben auszuheben.
" (S. 63)
Ich habe das Gefühl, dem Kern des Protestes der mutigen Iranerinnen und Iraner gegen dieses unterdrückerische Regime nahe gekommen zu sein und, auch nach Lektüre einiger anderer Bücher zum Thema, diesen noch einmal mehr verstehen und nachfühlen zu können.
Es geht immer wieder um die ganz jungen, oft noch nicht einmal volljährigen Menschen, die sich mutig dem Regime mit Protesten auf der Straße entgegen stellen und dafür angegriffen, inhaftiert und oft auch ermordet werden. Um eine Bewegung, die trotzdem weiterkämpft und sich nicht unterdrücken lässt. Immer mehr Frauen, die ohne Kopftuch auf die Straße gehen, Protestierende, die Mullahs, die als Symbol und Vertreter des Regimes gesehen werden, ihre Turbane von den Köpfen schleudern, trauernde Mütter und Väter, die nicht aufhören, ihre Stimmen zu erheben, bis sie hoffentlich irgendwann das Regime besiegt haben werden:
"In den sozialen Medien verbreiten Theatergruppen Videos von regimekritischen Aufführungen. Wir werfen Eimer mit Farbe auf offiziell genehmigte Wandmalereien, meist Bilder von Männern des Militärs. Wir hängen Plakate mit Namen geliebter Menschen, die vom Regime ermordet wurden, von Fußgängerbrücken. Wir färben das Wasser in öffentlichen Teichen und Brunnen blutrot. Wir möchten, dass jede:r aufwacht und sieht, was geschieht. Es ist, als würden wir versuchen, den Bewohner:innen der Erde telegrafische Botschaften von einem anderen Planeten zu senden." (S. 75)
Erwähnt werden jedoch auch jene Menschen aus der Generation der Eltern der jetzt Protestierenden, die nach über 46 Jahren Unterdrückung seit 1979 ihr Leben lang so eingeschüchtert waren, dass sie sich kaum mehr trauen, das Wort gegen das Regime zu erheben und mit Erstaunen auf die mutigen Proteste ihrer Kinder blicken.
Außerdem gibt es immer wieder kurze Einblicke in die Geschichte des Irans, in ein Volk, das auch nach der Islamisierung die eigene Sprache und Kultur nicht aufgegeben hat. Es geht um mutige Vorkämpferinnen schon vor Jahrhunderten, die auch damals schon ihr Leben dafür lassen mussten, um Poeten und Dichter, um blutige Kämpfe um die religiöse und weltanschauliche Deutungshoheit, die seit Jahrhunderten das Land prägen, um die Hintergründe der Revolution im Jahr 1979, um die Einflüsse des Westens auf den Iran und den Glauben oder Unglauben daran, sich selbst befreien zu können, und um vieles mehr.
Es ist ein mutiges, kraftvolles Buch, das ich allen, die sich neu für die aktuellen Freiheitskämpfe im Iran interessieren, aber auch jenen, die schon viel darüber wissen, nur wärmstens empfehlen kann, auf dass sich die Botschaft der Autorin verbreiten möge:
"Leben kann passiv sein. Etwas zu bezeugen ist nicht passiv. Dies sind die Worte, die ich in die Zukunft senden möchte, nachdem ich durch Blut gegangen bin. Für diejenigen, die nach uns kommen und im Strudel unserer Geschichte nach uns suchen werden. Falls sie nach uns suchen werden." (S. 113)
Die Zerrissenheit einer jungen Frau zwischen Gegenwart und Vergangenheitsaufarbeitung
Heim holen von Katherina Braschel
Lina ist eine junge Frau Anfang 30, ist in Salzburg aufgewachsen und hat in Wien studiert, wo sie jetzt auch wohnt und gerne mit ihren vielfältigen Freundinnen und Freunden Partys feiert, aber auch auf Demonstrationen geht und sich generell für links-feministische Anliegen einsetzt. Außerdem hat sie schöne Familienerinnerungen an ihre Kindheit in der Gemeinschaft der nach dem 2.
Weltkrieg aus dem Balkan nach Österreich geflüchteten Donauschwaben, einer seit langem in und um Belgrad lebenden deutschsprachigen Gemeinschaft, die sich nach ihrer Vertreibung 1945 überwiegend in Salzburg und Oberösterreich ansiedelten und ihr Brauchtum weiter pflegten. Auch an die mittlerweile schon verstorbenen Großeltern, die zur NS-Zeit junge Erwachsene waren, hat Lina positive Erinnerungen, etwa an den Opa als freundlichen alten Mann, der gestorben ist, als sie ein Kind war.
Aber was war eigentlich die Rolle der Donauschwaben während der NS-Zeit? Offiziell wird in der Gemeinschaft hauptsächlich die Opferrolle kultiviert: man sei nach Kriegsende von den kommunistischen Jugoslawen böse verfolgt und vertrieben worden. Und was man selbst während dem Krieg gemacht habe? Ja, da wären die Männer halt im Krieg gewesen. Auf welcher Seite? Ja, auf deutscher natürlich, das sei ja auch verständlich, immerhin sei man davor als Minderheit unterdrückt worden.
Für Lina zerbricht ihre heile Welt, als sie erfährt, dass der Großvater nicht nur irgendeine unbedeutende Rolle im Krieg gehabt habe oder gar zwangsverpflichtet worden sei, sondern bei der SS gewesen sei. Dass die Donauschwaben als Gruppe sehr eifrige Anhänger der NS-Ideologie waren, bei der Durchführung diverser Kriegsverbrechen eine bedeutende Rolle gespielt haben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch von dem Konzentrationslager bei Belgrad, den Massenerschießungen und dem mörderischen Gaswagen, der durch Belgrad fuhr, auf jeden Fall gewusst und so einige von ihnen auch aktiv dazu beigetragen haben.
Aber was genau war die Rolle des Großvaters dabei? Lina beginnt, den noch lebenden Verwandten, insbesondere ihrer Mutter, Fragen zu stellen, auch auf die Gefahr hin, das Verhältnis zu dieser zu gefährden. Sie sucht in der Universitätsbibliothek nach wissenschaftlichen Werken zur Rolle der Donauschwaben während der NS-Zeit und findet nur sehr wenig, ebenso bei den Brauchtumsvereinen, die eher ein positives Bild ihrer Gemeinschaft pflegen wollen. Doch gelegentlich finden sich doch Hinweise, etwa hat der Großvater der Sozialversicherung gegenüber penibel genau all seine Tätigkeiten, inklusive der zu Kriegszeiten und bei der SS, angeführt, um diese als Pensionsjahre geltend machen zu können. Auch beim deutschen Militärarchiv stellt Lina einen Nachforschungsauftrag und schließlich entscheidet sich Lina auch noch für eine Reise nach Belgrad, in die alte Heimat der Großeltern, um ihre Suche zu vervollständigen.
Das Buch liest sich sehr authentisch und interessant. Im Zentrum steht mit Lina eine junge Frau, die einerseits voll und ganz in der heutigen Zeit verwurzelt ist und deren nahe Beziehungen zu Freundinnen und Freunden spürbar sind. Gut gefallen hat mir dabei, wie Lina ihren Forschungsprozess und auch das, was das alles emotional mit ihr macht, mit ihrem sozialen Umfeld zu teilen versucht und dabei auf Unterstützung, aber auch auf Grenzen und Herausforderungen stößt.
Sehr interessant waren auch die Informationen zu Lebensweise, Brauchtum und Rolle in der NS-Zeit der Donauschwaben, hier merkt man, dass die Autorin sorgfältig recherchiert hat und man dadurch aus diesem Roman einiges Neues zu diesem spannenden Thema lernen kann.
Psychologisch sehr glaubwürdig dargestellt finde ich auch die Zerrissenheit Linas zwischen einerseits der Liebe zu ihrer Familie und den positiven Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Gemeinschaft der Donauschwaben und andererseits ihr Entsetzen darüber, als sie immer mehr deren Rolle in der dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts realisieren muss.
Besonders gut gefällt mir auch die detaillierte Beschreibung von Linas Forschungsprozess, aus dem man bei Interesse eine Anleitung ableiten könnte, um selbst Nachforschungen zur Rolle der eigenen Vorfahren in dieser dunklen Zeit anzustellen.
Insgesamt handelt es sich um ein sehr gut geschriebenes, psychologisch und dramaturgisch glaubhaft und interessant geschriebenes, historisch bildendes und autobiografisch fundiertes Werk, das für einen Debütroman eine sehr hohe Qualität hat und dem ich verdiente 5 Sterne gebe.
Klassiker der Führung
The Charismatic Leader von John C. Maxwell
John C. Maxwell, geboren 1947, ist ein amerikanischer Autor und Experte für Führung. Der Vahlen Verlag hat nun einen seiner Klassiker, jenen zu charismatischer Führung, neu herausgebracht. Auch wenn das Buch im Original in der ersten Fassung wohl schon vor Jahrzehnten verfasst wurde und es dadurch natürlich nicht auf aktuelle Trends eingehen kann, finden sich viele zeitlose Wahrheiten zum Umgang mit Menschen darin.
In einfacher und zugänglicher Sprache und aufgeteilt in kurze, schnell zwischendurch lesbare Kapitel, zeigt der Autor auf, wie wichtig es für gute Führungskräfte ist, sich ehrlich für andere Menschen und deren Denkweisen und Anliegen zu interessieren, gut zuhören zu lernen und sie darauf basierend für eine gemeinsame Sache zu begeistern. Dabei geht er auch darauf ein, dass Charisma zwar zum Teil angeboren ist, aber auch viel damit zu tun hat, wie sehr man auf andere Menschen eingehen kann und dass es dabei durchaus viele Fähigkeiten gibt, die sich auch trainieren lassen.
Es ist ein sehr sympathisches Verständnis von Führung, das hier vermittelt wird, und das, wenn man sich danach orientiert, zu einem freundlicheren Umgang der Menschen miteinander, einem Gefühl von Wertgeschätzt-Werden in den Unternehmen und insgesamt zu einer besseren Welt beiträgt.
Ich kann diesen zeitlosen Führungskräfteklassiker also jedenfalls empfehlen.











