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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Im Wasser sieht man nicht alles sofort

Das Wasser im August von Ingo Schulze

Wenn man auf ein Naturgewässer schaut, sieht man selbst bei einigermaßen klarem Wasser nicht immer gleich alles, was sich darin befindet. Man muss sich auf das Unbekannte, Unsichtbare und oft nie ganz Erfassbare einlassen. So ähnlich ging es mir auch mit diesem Buch.

Ich bin Österreicherin und habe zwar ein bisschen etwas über die ehemalige DDR gehört und gelesen, aber wirklich viel weiß ich bis heute nicht darüber.

So begann ich also mit der Lektüre eines Buches, das im heutigen Deutschland spielt, aber zu einem großen Teil vom Erleben eines jugendlichen Burschen im Sommer zu DDR-Zeiten, etwa ein Jahrzehnt vor der Wende, getragen ist.

Denn wir begleiten den gealterten Ich-Erzähler und Autor auf seiner Reise nach Mecklenburg, wo ihn die Frau eines alten Schulkameraden zu einer Lesung eingeladen hat. Gewünscht ist das Vorlesen eines der Öffentlichkeit noch unbekannten Textes und so wählt der Ich-Erzähler eine Novelle, in der es eben um einen jungen Mann, wohl ihn selbst, im Sommer 1979 geht.

Die Kapitel dieser Novelle nehmen einen großen Teil des Buches ein. Dabei bekommen wir als Leserinnen und Leser auch Teile zu lesen, die der Ich-Erzähler angeblich bei der Lesung auslässt, wobei leider nicht erklärt wird, warum diese für uns wiederum relevant sein sollen.

So nimmt die Gegenwart einen relativ geringen Teil des Buches, hauptsächlich am Anfang und am Ende, ein. Auch manche Passagen der Lesung werden kurz aus der Gegenwartsperspektive kommentiert und es zeigt sich später, in welcher Weise Vergangenheit und Gegenwart miteinander verflochten sind.

Die Kapitel der Novelle im Buch waren für mich eher mühsam zu lesen, auf mich wirkte der Schreibstil der Gegenwartshandlung deutlich flüssiger. Das ist wahrscheinlich bewusst so konstruiert, weil es in der Novelle auch darum geht, zu zeigen, wie ein Jugendlicher die ersten Schritte in Richtung Kunst und Schriftstellerei wagt, dabei beobachtet, experimentiert und überlegt, was überhaupt beobachtenswert und erzählenswert ist. Das sind wiederum interessante Überlegungen, die mir durchaus gefallen haben beim Lesen.

Insgesamt war für mich aber die Handlung in diesem Sommer in der DDR und die darin vorkommenden Begegnungen mit Menschen immer wieder wie trübes, ein bisschen undurchschaubares Wasser. Mir war nicht immer ganz klar, worum es wirklich ging, ich habe mich streckenweise gelangweilt und wahrscheinlich viele subtile Hinweise auf das Leben in der damaligen Zeit in dieser Gegend für mich nicht passend wahrnehmen und einordnen können, weil ich mit meinem österreichischen Bezugsrahmen zu wenig darüber weiß. Da hat mir persönlich das Buch zu wenig eine Brücke gebaut, wollte es vielleicht auch gar nicht, das hat allerdings mein Leseerlebnis etwas gemildert.

Ich glaube, dass sich dieses Buch mit eigener DDR-Erfahrung oder zumindest mehr Wissen über die Lebenswelt dort noch einmal deutlich anders lesen könnte, als es für mich war, weil sich dann einiges von dem, was für mich rätselhafte Andeutungen waren, aufklären würde. Vielleicht würden sich dann auch noch einmal andere Zusammenhänge zur Gegenwartshandlung ergeben.

So habe ich also abschließend die Vermutung, dass in diesem Buch mehr Tiefgründigkeit und damit vielleicht auch mehr Interessantes liegt, als ich aus meiner individuellen Leseperspektive mir erschließen konnte. Damit kann ich aber auch keine allgemeine Leseempfehlung für ein breites Publikum aussprechen, da ich davon ausgehe, dass es je nach persönlichem Vorwissen ganz anders wirken kann.

Für mich war es ein streckenweise eher mühsam zu lesendes Buch, das mich an manchen Stellen gelangweilt hat und ein eher zähes Leseerlebnis war, auch wenn ich schon auch einige interessante Gedanken und Leseeindrücke, insbesondere zum Coming-of-Age und zur Entwicklung im künstlerischen und schriftstellerischen Bereich für mich mitnehmen konnte.

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Im Wasser sieht man nicht alles sofort
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Vom Humor in dunklen Zeiten

Der Tod der schönen Rehböcke von Ota Pavel

Ota Pavel lebte von 1930 bis 1973 und war ein tschechisch-jüdischer Sportjournalist. Nach einer psychotischen Episode kam er in die Psychiatrie und schrieb dort seine bewegende Familiengeschichte in humorvollen, episodenhaften Kurzgeschichten auf: das Ergebnis ist, in deutscher Übersetzung, das Büchlein „Der Tod der schönen Rehböcke“.

Das nur knapp über 130 Seiten umfassende, schnell und leicht zu lesende, humorvolle, aber doch inhaltlich sehr tiefgründige Büchlein ist in acht Kurzgeschichten geteilt, die lose miteinander verbunden und chronologisch geordnet sind.

Immer geht es um die Herkunftsfamilie des Autors, wobei der jüdische Vater im Vordergrund steht: ein lebensfroher, gewitzter Mann, der sich angesichts aller Widrigkeiten zu helfen weiß und sich stolz der tschechischen Heimat verbunden fühlt:

„Mein Papa liebte dieses Land überhaupt sehr, wohl mehr als die Mama, die Christin war; für sie war es nämlich selbstverständlich, dass sie eine Heimat hatte, während mein Papa sie mit Hilfe seiner Vorfahren Hunderte von Jahren hindurch gesucht hatte, bevor er sie fand.“ (S. 77)

An seiner Seite und seine Marotten tapfer ertragend ist stets die tschechische Mutter des Autors, eine tüchtige Frau, der das Buch gewidmet ist: „Für Mama, die meinen Papa zum Manne hatte.“

So begleiten wir die Familie in kurzgeschichtenhaften Ausschnitten durch mehrere Jahrzehnte: von der Zeit vor dem 2. Weltkrieg, über den Krieg und die Verfolgung der jüdischen Mitglieder der Familie durch die Nazis bis in die Nachkriegszeit und das kommunistische Regime. Am Anfang sind es locker-heitere Begebenheiten, die erzählt werden, etwa, von einem Betrüger, der dem Vater des Erzählers einen Karpfenteich ohne Karpfen verkaufen will, was dieser ihm gewitzt mit gleicher Münze heimzuzahlen weiß.

Gegen Mitte des Buches werden die zeitgeschichtlichen Ereignisse düsterer, erst wird die Bewegungsfreiheit des Vaters und der älteren Brüder eingeschränkt und dann werden diese aufgefordert, die Fahrt ins Konzentrationslager anzutreten, doch auch das weiß der Erzähler mit einer Art Galgenhumor zu beschreiben: „… alles Übrige legte die Mama in schöne Steinguttöpfe ein, und sie kochte meinen Brüdern Hugo und Jirka Sauce und Beefsteaks, was ihre ganz besondere Spezialität war. Die Jungen stopften sich voll für die kommenden Jahre, um Theresienstadt, Auschwitz, Mauthausen, die Todesmärsche bei dreißig Grad Frost und das Steineschleppen auf der Treppe von Mauthausen bei dreißig Grad Hitze auszuhalten und all die hübschen Sachen, die die Deutschen für sie bereithielten.“ (S. 73)

Diese tiefschwarze Hintergrundkulisse umrahmt also eine beträchtliche Zeitperiode im Leben der geschilderten Familie. Und doch ist es insgesamt kein deprimierendes Buch, weil es dem Autor auf außergewöhnliche Weise gelingt, so viele Momente der Leichtigkeit, Lebensfreude und des Schalks einzufangen, sodass man trotz des Wissens um diese schreckliche Zeit das Gefühl hat, diese bemerkenswerte Familie kann dem etwas entgegenhalten: eine Resilienz, die im flexiblen, gewitzten Umgang mit allem liegt, was einem das Leben so entgegenwirft, im familiären Zusammenhalt, in der Liebe und im gemeinsamen Lachen.

Damit ist es insgesamt ein herzerweichendes Plädoyer für das Licht in dunklen Zeiten und ein intelligent-humorvoll-gewitztes Büchlein, das ich einer breiten Leserschaft von Herzen empfehlen kann.

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Vom Humor in dunklen Zeiten
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Sehr social-media-mäßig, wenig über das Leben mit Drillingen

Heulen bringt dich auch nicht weiter! von Caroline Philipp

Caroline Ferreira Santos Philipp ist schon seit einiger Zeit Influencerin, hatte früher einen Kanal für Reisetipps und nun, seit ihrer Drillingsschwangerschaft, einen, der sich unter anderem damit beschäftigt, dass sie nach schon zwei vorhandenen Kindern nun mit Anfang 40 auch noch überraschend Mutter von Drillingen geworden ist.

Nun hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht, das ankündigt, ein "Überlebensguide für jedes Chaos" zu sein.

Das Buch hat eine klare Stärke und eine eindeutige Schwäche. Positiv ist, wie inspirierend, sympathisch und gut gelaunt die Autorin rüberkommt und dass sie Hoffnung macht, dass sich wirklich alles schaffen lässt. Wenn dieses Buch eine authentische Abbildung ihrer Persönlichkeit und nicht nur ein geschöntes öffentliches Bild einer Influencerin, die auf ihre Außenwirkung bedacht ist, sein sollte, dann muss sie wirklich eine außerordentlich positiv eingestellte Person sein, bei der es kaum Schattenseiten gibt und die auch schwierige Situationen mit Leichtigkeit und Schnelligkeit durch eine extrem positive, heitere Lebenseinstellung überwindet. Fast zu schön, um wahr zu sein, und nicht die Realität, die ich von meinem eigenen Leben und Umfeld kenne, aber möglich, dass es das gibt.

Die größte Schwäche des Buches ist für mich, dass zwar auf dem Cover die Drillinge abgebildet sind und auch der Klappentext suggeriert, dass diese das Hauptthema des Buches sein würden, aber es de facto nur sehr am Rande um das Leben mit Drillingen geht. Wir erfahren ein paar einzelne Details darüber, wie sie in der Schwangerschaft davon erfahren hat und von den Umständen rund um die Geburt, doch ansonsten bleibt das tatsächliche Leben mit den Kindern im Buch seltsam blass. Dafür geht es umso mehr und ausführlicher um die Autorin selbst und ihr gesamtes Leben, auch vor den Kindern: beispielsweise wird ausführlich in vielen Details von all ihren zahlreichen enttäuschenden Beziehungen berichtet, die sie vor dem Kennenlernen des Vaters ihrer jetzigen Kinder hatte, ein bisschen von ihren beruflichen Erfahrungen, ihrem familiären Hintergrund und ihren Reisen.

Klares Schwerpunktthema des Buches ist also nicht "Leben mit Drillingen" oder "Leben mit fünf Kindern", sondern "Mein beeindruckendes und interessantes Leben als Frau und Influencerin mit meiner positiven Lebenseinstellung". Wer also selbst mit Mehrlingen schwanger ist und mehr darüber erfahren will, dem rate ich von diesem Buch eindeutig ab, hier erfährt man nicht sehr viel darüber und fast alle Fragen, die man haben könnte, bleiben offen. Ich weiß auch jetzt kaum mehr darüber, wie der Alltag mit Drillingen aussieht, als vor der Lektüre des Buches - von Allgemeinplätzen wie, dass sehr viel zu tun sei und man wenig Schlaf bekomme, die man aber auch sonst zum Thema Mutterschaft hört, einmal abgesehen.

Um etwaige Schwierigkeiten oder Konflikte geht es in diesem Buch nicht, die Botschaft ist klar, dass man mit einer positiven Einstellung alles locker hinbekomme. Auch die beiden älteren Geschwister scheinen kaum Entthronungs- oder Eifersuchtsthemen zu haben, jedenfalls kommt das kaum vor, hier lieben sich alle innig, die Kitapädagoginnen loben die tolle Entwicklung der Kinder in den höchsten Tönen, Geld ist immer genug vorhanden, jetzt durch den erfolgreichen Social-Media-Account auch eigenes der Autorin, und auch die Beziehung zwischen der Autorin und ihrem Ehemann ist die beste vorstellbare, inklusive des traumhaftesten Sexuallebens, das man sich nur wünschen kann. Am Ende folgt dann noch eine rührende persönliche Liebeserklärung des Ehemannes an seine Frau.

Kurz und gut: es ist schön, dass die Autorin so ein perfektes Leben hat, wenn das denn wirklich so ist. Und dass es für sie angeblich alles mit dem richtigen Mindset perfekt funktioniert. Angeblich habe sie das auch alles selbst gedanklich manifestiert, einschließlich der Mehrlingsschwangerschaft. Mich persönlich erinnert das alles aber zu sehr an den mir zu allzu bekannten glitzernden Schein der Social-Media-Welt, der oft Brüche bekommt, sobald man näher hinschaut.

Das Buch liest sich locker und leicht, die Kapitel sind kurz und oberflächlich, mit jeweils Caros Conclusion zusammenfassend am Ende.

Ich wünsche der Autorin und ihrer Familie alles Gute und dass ihr Leben tatsächlich so schön, bunt und leicht bewältigbar bleibt, wie dieses Buch es vermittelt. Für mich persönlich bevorzuge ich aber Bücher mit mehr Tiefe und Vielseitigkeit, die auch die Schattenseiten des jeweiligen Familienmodells zumindest ein bisschen mehr beleuchten.

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Wovon will die Zikadenhülle ablenken?

Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle von Valeria Gordeev

Es lohnt sich, vor der Lektüre dieses Buches den Titel nachzurecherchieren: dabei handelt es sich nämlich um eines von 36 klassischen chinesischen Strategemen und es geht um ein Täuschungsmanöver: mit einer leeren, aber glänzenden, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehenden, Hülle davon abzulenken, dass man längst woanders ist und im Verborgenen ganz was anderes plant.

Für mich war ebenfalls hilfreich, über die russische Militärstrategie der „Maskirowka“ nachzulesen, bei der es ebenfalls um Tarnung, Täuschung und Ablenkung geht.

Mit diesem Hintergrundwissen hat sich für mich nämlich in diesem Buch ein roter Faden gezeigt, der anders nicht unbedingt auf den ersten Blick sichtbar ist. Das Buch besteht aus einer unglaublichen Fülle anfangs völlig unzusammenhängend erscheinender einzelner Geschichten, Textsorten und Themen, bei denen sich der große Zusammenhang erst auf den zweiten, dritten oder vierten Blick erschließt.

Beispielsweise geht es um eine 14-jährige schwangere Russin während der Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg, die das Mehl für Teigtaschen streckt, um zu überleben, es geht um den noch immer konservierten Körper Lenins in einem Moskauer Mausoleum und ein mysteriöses unterirdisches Forschungsinstitut daneben, um einen reichen Oligarchen, seine dunklen Geschäfte und das Streben nach der Verlängerung menschlichen Lebens bis zum Erreichen der Unsterblichkeit, aber auch um prekäre Wohnverhältnisse in Berlin, um den Ukrainekrieg, um Beratung zur Giftigkeit von Pilzen, um den Vergleich verschiedener Sprachen und Schriftsysteme, um die Entfremdung zwischen Geschwistern und das Sich-Fremd-Fühlen in der Gesellschaft, in der man lebt, um Vertrauen und Misstrauen und um vieles mehr.

Ja, die Themen sind so viele, dass man sich beim Lesen erst einmal fast erschlagen fühlen kann davon. Auch stilistisch und künstlerisch ist das Buch äußerst vielfältig gestaltet, dabei hat die Autorin auch die grafische Covergestaltung übernommen und es findet sich viele kleine von ihr gezeichnete Illustrationen im Buch, auch wechseln Erzählstil, Textsorte und Perspektive viele Male. Das macht das Leseerlebnis zum einen sehr interessant, zum anderen aber auch anstrengend bis überwältigend.

An dieser Stelle sei auch ganz deutlich gesagt: es handelt sich um ein sehr forderndes Buch mit über 600 dicht erzählten Seiten, die eben nur in einem sehr losen, sich oft nur mit Mühe erschließenden Zusammenhang stehen. Es gibt zwar den Rahmen der Geschwister Lada und Konstantin, der sehr lose die verschiedenen Teile miteinander verbindet, doch dieser alleine trägt nicht in einer Art und Weise, dass die Spannung der Handlung an sich zum Weiterlesen animieren würde. Dieses Buch zu lesen ist harte Arbeit gewesen, selbst für eine Vielleserin wie mich, die anspruchsvolle Lektüre gewohnt ist.

Es findet sich dermaßen viel Verschlüsseltes, Rätselhaftes und Unklares in diesem Buch, dass man sich am besten viele Notizen macht, viel parallel recherchiert und auch dann noch so einiges im Unklaren bleiben wird. Ich habe aber den Eindruck, das ist bei diesem Buch kein Fehler, sondern bewusste Intention. Denn wenn wir das Buch unter der Brille des titelgebenden Strategems und der Strategie der Maskirowka betrachten, dann ist es ein Meisterwerk darin, genau diese zu zeigen und erlebbar zu machen.

Wir werden als Lesende mit so vielen Informationen, Themen, Stilen und Handlungssträngen konfrontiert, dass es fast unmöglich wird, das Wesentliche zu erkennen. Unsere Aufmerksamkeit wird gezielt verwirrt. Sodass im Hintergrund heimlich getan werden kann, was getan werden will. Was auch immer das sei. Hier spiegelt sich der aktuelle kriegerische Konflikt mit Russland, wo auch viel spekuliert wird, in welche Richtung das nun gehen wird. Aber noch so vieles mehr. Und getäuscht wird jeder und jede in diesem Roman: wir als Lesende, aber auch Konstantin und Lada selbst, wie sich später zeigen wird.

Nein, es ist wirklich keine leichte Lektüre. Aber eine lohnende, die mich auch jetzt, Wochen nach Beendigung des Buches, noch viel zum Nachdenken bringt. Es braucht große Meisterschaft und ein sehr komplexes, fantasievolles und doch in sich konsistentes Denken, so viele Themen unter dem Schleier der Maskierung so grandios miteinander zu verweben, dass der Effekt der Täuschung, Tarnung und Ablenkung nicht nur lesbar, sondern erlebbar wird. Damit ist dieses so anspruchsvolle Buch ein Stück literarische Selbsterfahrung für die Leserinnen und Leser.

Ich kann das Buch all jenen empfehlen, die bereit sind, intensive Lesearbeit in ein außergewöhnliches, sich nicht leicht erschließendes Werk zu investieren, das seinesgleichen sucht. So etwas hat man noch nicht gelesen und wird man wohl auch nicht so bald wieder lesen. Zwar rauchte mein Kopf nach der Lektüre, doch war ich gleichzeitig auch fasziniert von all dem Rätselhaft-Mysteriös-Verschleierten. Ein würdiger Kandidat für den Deutschen Buchpreis, auf dessen Shortlist es sich momentan befindet!

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Wovon will die Zikadenhülle ablenken?
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Ein inspirierendes Rollenvorbild für alle mit schwierigen Startvoraussetzungen

Von der Hauptschule nach Harvard von Dr. Mahmut Martin Yüksel

Dr. Mahmut Martin Yüksel hat einen beeindruckenden Bildungsaufstieg hingelegt. Als Kind kurdisch-jesidischer Eltern, zwar in Deutschland geboren, aber mit ausländisch klingendem Namen, bei der Einschulung noch geringen Deutschkenntnissen und den Vorurteilen der Lehrkräfte ausgesetzt, schien sein Weg vorgezeichnet.

Doch all diese Hürden haben nicht mit der außergewöhnlichen Persönlichkeit des Kindes gerechnet: schon früh entschied der Junge, dass er mehr aus sich machen wolle und mit allen Kräften dafür kämpfen wolle. Selbst von einer Hauptschulempfehlung ließ er sich nicht ermutigen und schaffte bald den Umstieg zur Realschule und später aufs Gymnasium, wo er mit guten Noten maturierte, dann ein Doppelstudium in Medizin und Informatik erfolgreich absolvierte und es sogar zur Promotion nach Harvard schaffte.

In diesem Hörbuch, einfühlsam gesprochen von Lucas Sanchez, erleben wir den Weg des Autors mit: alle Stationen seiner Biografie werden ausführlich und gleichzeitig sehr interessant erzählt. Dabei ist es unglaublich beeindruckend, mitzuerleben, um was für eine Kämpferpersönlichkeit es sich bei Dr. Mahmut Martin Yüksel handelt und wie er sich auch von noch so vielen Widrigkeiten nicht unterkriegen lässt und es schließlich schafft, dass auch Förderer auf ihn aufmerksam werden, seinen Weg unterstützen und er Stipendien bekommt.

Dieses Hörbuch ist extrem ermutigend und inspirierend für alle, die es im Leben nicht so leicht haben und ein Rollenvorbild dafür brauchen, was das richtige Mindset ausmacht, dass Rückschläge dazu gehören und wie viel man erreichen kann, auch mit schwierigsten Startvoraussetzungen, wenn man sich davon nicht unterkriegen lässt, dranbleibt, fleißig und ambitioniert ist und es immer weiter versucht.

Insbesondere allen, die mit Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen zu tun haben und denen diese am Herzen liegen, kann ich das Hörbuch sehr empfehlen: es hilft außerdem dabei, die eigenen Urteile zu hinterfragen und sich für mehr Chancengerechtigkeit einzusetzen, wenn man an diesem Beispiel sieht, was aus einem Kind werden kann, das so viele schon leichtfertig abgeschrieben hatten.

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Ein inspirierendes Rollenvorbild für alle mit schwierigen Startvoraussetzungen
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Influencerin mit Herzblut

Schule, aber stabil von Gina Waibel

Auf den ersten Blick war ich mir nicht sicher, was ich von diesem Buch halten sollte. Der Titel "Schule, aber stabil", was soll das heißen? Und dann prangt noch prominent die Autorin mit einem Ganzkörperbild auf dem Cover. Fast hätte ich dem Buch also keinen zweiten Blick gegönnt und nicht hineingelesen.

Doch ich bin sehr froh, es getan zu haben, denn schon die ersten paar Seiten haben mich so überzeugt, dass ich unbedingt das ganze Buch lesen wollte.

Nun nach der Lektüre kann ich sagen: es hat sich gelohnt! Gina Waibel hat etwa ein Jahrzehnt als Lehrerin gearbeitet und dabei mit ihrem sensiblen Radar für Rassismus und Diskriminierung viel erlebt. Leidenschaftlich und aus vollem Herzen setzte sie sich schon damals neben ihrem Lehrerjob und nun, nach Aufgabe ihrer Lehrtätigkeit, noch intensiver als Influencerin und Leitende von Workshops für Sensibilisierung in diesem Bereich ein.

Das Buch ist in einem zugänglichen, jugendlich-lässigen Stil geschrieben, der mir persönlich sehr gut gefallen hat, weil es sich dadurch leicht liest und es für viele Teile der Bevölkerung zugänglich ist. Anhand unzähliger Beispiele zeigt die Autorin auf, wie verbreitet Rassismus und Diskriminierung im Schulalltag sind und wie wenig Verständnis von Lehrkräften und Direktion es dafür gibt; auch an Schulen, die sich offiziell als rassismus- und diskriminierungsfrei bezeichnen.

Die Autorin ist eine streitbare Persönlichkeit, die sich voll Herzblut für ihre Mission einsetzt, das merkt man an jeder Zeile im Buch. Verständlich wird aber auch, dass sie sich damit im konservativ-bürokratisch geprägten Schulbetrieb nicht nur Freunde gemacht hat und diesen schließlich verlassen musste, was ich persönlich bedaure, da der Schule damit sicherlich eine sehr engagierte, unkonventionelle Lehrkraft, die nah an den Kindern und Jugendlichen dran ist, verloren gegangen ist.

Die Lektüre des Buches kann ich allen empfehlen, die sich gerne auf unterhaltsame und praxisnahe Art und Weise darüber informieren möchten, an wie vielen Stellen - auch so einigen, die man als weiße Person oft gar nicht vermuten würde - Menschen von Rassismus und Diskriminierung betroffen sein können.

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Viel Edgar Selge, wenig Jura

Juras letzter Winter,1 Audio-CD, 1 MP3 von Edgar Selge

Schon in seinem vorigen Buch "Hast du uns endlich gefunden" hat der Schauspieler und Autor Edgar Selge den Kontakt mit einem Jungen, damals seinem jüngeren Ich, gesucht und dabei unter anderem die NS-Vergangenheit seiner Familie aufgearbeitet und in Bezug zu sich gesetzt. In ähnlicher Weise geht es nun in "Juras letzter Winter" weiter.

Nur, dass der Junge, um den es geht, diesmal nicht sein eigenes jüngeres Ich ist, sondern der 16-jährige Leningrader Jugendliche Jura Rjabinkin, der dort während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1942 verhungert ist.

Es ist ein großes Verdienst des Autors, auf dieses schwere Kriegsverbrechen, das noch immer nicht überall Teil des Geschichtsunterrichts und des öffentlichen Gedächtnisses in den deutschsprachigen Ländern ist und bei dem der Hungertod von geschätzt über einer Million Zivilisten bewusst und absichtlich herbeigeführt wurde, mit seinem Buch eindringlich aufmerksam zu machen.

Edgar Selge geht in Dialog mit Jura, in einer Form, die weit über die überlieferten Tagebuchauszüge hinausgeht. Das macht das Buch einerseits lebendig und weitaus interessanter, als vermutlich eine Darstellung näher an den reinen Überlieferungen gewesen wäre. Wir erfahren auch so einiges über die historischen und biografischen Hintergründe und auch über das weitere Schicksal nicht nur Juras, sondern auch der Schwester Ira und der Mutter der beiden Kinder. Dabei stellen sich auch viele existenzielle Fragen des Menschseins und der jugendliche Jura, der nicht fassen kann, dass die fremde Armee die Stadt umzingelt, aber nicht einmal kämpfen will, um sie einzunehmen, und dass sie ihn und die anderen Menschen dort als so wertlos ansehen, dass sie sie lieber verhungern lassen, als sie für Zwangsarbeit einzusetzen, kommt uns nahe.

An vielen Stellen nimmt sich der Autor andererseits aber auch die künstlerische Freiheit heraus, sich recht weit von Jura und seinem Tagebuch zu entfernen. Ausführlich schwelgt er in Details zu eigenen Lebenserinnerungen, bei denen nur sehr entfernt und mit viel Fantasie eine Verbindung zu Jura und seinem Schicksal erkennbar ist, was der Autor im fiktiven Dialog zwischen dem verstorbenen Jungen und sich selbst auch durchaus immer wieder thematisiert.

Das empfand ich beim Hören des Hörbuches als unnötig abschweifend und ziemlich selbstverliebt und hätte mir stattdessen mehr Fokus auf Juras Schicksal und die Umstände in Leningrad gewünscht, denn diese interessieren mich weit mehr als Schwänke aus der Jugend des Autors. Auch habe ich mich während dieses Dialogs immer wieder gefragt, was daraus man wohl wirklich plausibel aus den vorhandenen Tagebucheinträgen (von denen der Autor manche vorstellt, aber eben nur relativ wenige) über die Persönlichkeit von Jura folgern kann und was wohl eher der Fantasie des Autors entspringt. Ich bin froh, dass der Autor mir Jura und sein Schicksal vorgestellt hat, doch ich wünschte, er hätte es mit etwas mehr Fokus auf dessen Leben und etwas weniger Selbstbezogenheit getan.

Als Hörbuch, sensibel und authentisch selbst eingesprochen vom Autor, kann ich es aber durchaus empfehlen, da man sich dabei dem Autor und seinem Selbstfindungsprozess im fiktiven Dialog mit dem verstorbenen Jura nahefühlen kann und auch mitfühlt, was ihm nahegegangen ist und ihn erschüttert hat. Damit spürt man beim Hören auch selbst viel Erschütterung über die damals vorherrschenden Gleichgültigkeit, den erbarmunglosen Rassismus und den daraus resultierenden Völkermord, was hoffentlich dazu beitragen kann, sich dafür einzusetzen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

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Genies entzaubert, Musen sichtbar gemacht

Unsichtbare Musen von Elisa von Hof

Bekannt und weit verbreitet sind die Erzählungen von den großen Genies - seltsamerweise fast immer männlich und weiß - und ihren passiv dargestellten, meist weiblichen Musen. Auch im Jahr 2026 sind beispielsweise in vielen großen Kunstkalendern fast ausschließlich Männer vertreten, so, als hätte es keine guten Künstlerinnen gegeben und als hätten nicht auch viele Partnerinnen der bekannten Künstler an deren Seite und gemeinsam auch kreativ viel zu den Werken beigetragen, manchmal so viel, dass es sich eigentlich schon um gemeinsame Werke handelte.

Elisa von Hof ist es mit ihrem anspruchsvollen, dicht erzählten und umfangreichen Werk gelungen, mit dem Bild der passiven Muse gründlich aufzuräumen. Auf 340 Seiten erzählt sie Lebensgeschichte um Lebensgeschichte von berühmten Künstlern, Musikern oder Schriftstellern und den Frauen an deren Seite, manchmal eine, oft mehrere, die deren Werke erst möglich gemacht und oft daran mitgearbeitet haben. Nicht selten endete die kreative Schaffensphase eines angeblichen Genies genau zu der Zeit, als er keine solche unterstützende Frau mehr an seiner Seite hatte.

Zum Einstieg wird erst einmal geklärt, woher der Musenbegriff kommt und dass die Musen ursprünglich griechische Göttinnen, die jeweils für einen Bereich der damaligen Künste zuständig waren und aktiv die Menschen mit ihrer Inspiration beglücken konnten oder eben nicht. Da zeigt sich schon, dass ohne Musen damals keine Kreativität möglich war, sie waren die Quelle jeglichen kreativen Schaffens. Leider wurde diese Erzählung im Lauf der Zeit, wie so vieles, patriarchal umgedeutet, bis Musen an den Rand gedrängt oft namenlos und ungekannt aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwanden.

Das Buch ist in einige Überkapitel geteilt, in denen jeweils bestimmte Funktionen der als Musen tätigen (meist) Frauen - auch eine männliche Muse wird ausführlicher porträtiert - näher beleuchtet werden: da geht es um Managerinnen, Ko-Produzentinnen, Supermodels, Therapeutinnen, aber auch um ausgebeutete und benutzte Frauen.

In jedem dieser Überkapitel folgt Künstler- und Musen-Biografie auf Künstler- und Musenbiografie, ausführlichst erzählt, meist von der frühen Kindheit über die prägenden Jahre bis zum Lebensende, und eine nach dem anderen. Das erfordert beim Lesen durchaus viel Konzentration und Zeit, die man sich für dieses dicht erzählte Buch auf jeden Fall nehmen muss, es liest sich nicht schnell einmal nebenbei. Dafür wird man aber mit einem neuen Blick auf viele berühmte Männer und die manchmal bekannten, manchmal unbekannteren, Frauen an deren Seite, belohnt und eingeladen, neu über die Bedingungen des Entstehens von Kreativität und unseren gesellschaftlichen Umgang damit zu reflektieren.

Es wird deutlich, dass es an der Zeit wäre, uns vom Geniemythos zu verabschieden und zu erkennen, dass zur Entstehung genialer Werke so gut wie immer mehrere Menschen beitragen und nicht nur einer ganz alleine. Nach der Lektüre dieses Buches sieht man viele berühmte und etablierte Männer wie Picasso, Goethe, Tolstoi, Nabokov, Lagerfeld oder Lennon deutlich kritischer als zuvor und kennt nun viele ihrer Gewaltausbrüche, ihren Egozentrismus, ihr Ausnützen anderer Menschen und ihre diversen anderen charakterlichen Unzulänglichkeiten. Das wirft auch einen neuen Blick auf ihr Werk, das oft nur unter intensiver Mitarbeit, oft auch Ausbeutung anderer Menschen in schwächeren Positionen, so entstehen konnte.

Wer sich also seine Bewunderung dieser Personen nicht zerstören lassen will, für den ist das Buch eher nicht zu empfehlen. Für alle anderen aber, die sich wie ich eine Welt mit vielfältigerer Kunst wünschen, die nicht nur allein weiße, wohlhabende Männer bevorzugt und zu Genies hochstilisiert, während alle anderen im Schatten bleiben, kann von der Lektüre viel lernen und hier viel Inspiration finden. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und bin gespannt auf weitere Sachbücher dieser Autorin.

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Muss der Text zur Autorin passen?

Die Dichterin von Özge Inan

Alle feiern die Dichterin Emma Rodenstock, eine junge, attraktive Frau, die von sich erzählt, in tiefster Armut aufgewachsen zu sein, aber sich nun äußerst eloquent zu präsentieren weiß und bemerkenswerte Gedichte geschrieben hat, in pointierter Sprache, wütend, anklagend und dabei poetisch, wie man es noch kaum gehört hat!

Währenddessen kämpfen einige junge Journalismus-Volontäre um eine Festanstellung.

Klar ist, auch wenn alle von ihnen ehrgeizig, intelligent und talentiert sind und sich noch so sehr ins Zeug legen, werden die allermeisten nach dem Volontariat gehen müssen, denn viele Stellen gibt es für sie nicht. So herrscht durchaus eine freundschaftliche, manchmal auch etwas weniger freundliche, starke unterschwellige Konkurrenz zwischen ihnen. Eine davon ist die junge Journalistin Nazanin Esfahani, deren Eltern ursprünglich aus Iran stammen und in Deutschland als Universitätsprofessor und Psychologin gute Positionen in der Gesellschaft erreicht haben.

Nazanin wird auf Emma aufmerksam und möchte ein Porträt über sie schreiben, doch schon beim ersten Treffen mit der gefeierten Dichterin zeigen sich Unstimmigkeiten, als diese sich in der sozialen Brennpunktgegend, in der sie angeblich aufgewachsen sein will, gar nicht so gut auszukennen scheint. Also begibt sich Nazanin auf die Recherche, um herauszufinden, was es wirklich mit dem Phänomen Emma Rodenstock auf sich hat. Denn würde sie wirklich etwas Bemerkenswertes herausfinden, könnte ihr das vielleicht die Festanstellung sichern.

Der Roman ist abwechselnd aus den Perspektiven von Emma und von Nazanin erzählt, dabei lernen wir beide Frauen ein kleines bisschen kennen. Ein kleines bisschen und eben nicht wirklich nah, da beide nicht unbedingt Sympathieträgerinnen sind und auch die Erzählperspektive uns nicht sehr nah an die beiden heranlässt. Einen großen Teil des Romans nehmen Treffen und Gespräche mit Freundinnen, Freunden und Bekannten und Alltagssituationen mit diesen ein, wobei mir nicht bei allen davon klar war, was diese zur Handlung beitragen, bei Emma nochmal mehr als bei Nazanin.

Für keine der beiden Hauptfiguren habe ich abseits von kühl-berechnendem Verhalten ein wirklich gutes Gefühl für ihren Charakter bekommen können, möglicherweise ist das aber auch erwünscht. Spannend wurde es immer dann, wenn es zu einem Kontakt zwischen den beiden kam oder sonstwie die eigentliche Handlung rund um die Aufdeckung eines möglichen Skandals weiterging.

Sehr gut gefallen hat mir, wie das Buch viele interessante Themen aufwirft und auch unbequeme Fragen stellt, zum Beispiel:

- Welchen Anteil am Erfolg in der Buchbranche hat der eigentliche Text und welchen Anteil hat die Person, die ihn präsentiert?

- Kann es sein, dass auch sehr gute Texte viel eher Erfolg haben, wenn sie einer Person zugeschrieben werden, die ein Auftreten hat, das der Buchmarkt liebt? Und welche Rolle spielt dabei die Passung zwischen Geschichte und Autor/in?

Dazu ein Zitat aus dem Buch: "Aber du weißt ja selber, wie es ist. Man erzählt etwas im Text, und man erzählt etwas mit seinem Körper und seiner Stimme und seinem ganzen Sein." Sie wühlte ihre Hände aus der Jacke und legte sie flach übereinander. "Und das muss sich decken. Auf welche Art auch immer. Sonst funktioniert es nicht." (S. 180 im E-Book)

- Auf welche Formen der Diskriminierung blicken wir und welche übersehen wir, wenn wir im Namen von Diversity bestimmte Menschen oder Gruppen mit bestimmten Identitäten bewusst fördern und unterstützen? Kann etwa eine in Deutschland geborene Nazanin mit persischen Wurzeln, aber auch mit wohlhabenden, gebildeten, in prestigeträchtigen Berufen arbeitenden und unterstützenden Eltern weniger Nachteilen ausgesetzt sein als eine junge Frau mit deutschem Namen, aber aus armem Elternhaus? Wer hat dann besondere Förderung und Unterstützung verdient?

- "Vergiss diese Frage. Wir sind Journalisten. Wir helfen nicht. Wir berichten." (S. 173 im E-Book): Kann von den Medien auch Hilfe in schwierigen Situationen oder die Einnahme einer ethisch begründeten Haltung erwartet werden oder ist ihre Aufgabe reine Berichterstattung, zu jedem Preis?

Es sind also kluge Fragen, die dieses Buch aufwirft und zum Nachdenken darüber anregt.

Insgesamt ist es also ein sehr intelligent konstruiertes, vielschichtiges Buch, das zum Nachdenken über die Buch- und Medienbranche, Intersektionalität, Diskriminierung, Oberflächlichkeit und vieles mehr anregt, diese dabei differenziert betrachtet und viele bisher selten gestellte Themen und Fragen präsentiert, bei dem ich aber bei Handlungsfortschritt und Charakterentwicklung noch ein kleines bisschen Luft nach oben sehe. Dafür von mir gute 4 Sterne. Auf weitere Bücher dieser Autorin bin ich gespannt.

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Muss der Text zur Autorin passen?
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Trost und Inspiration für Trauernde

Und es wird trotzdem wieder Sommer werden von Sebastian Becker

Sebastian Becker war erst in seinen 20ern, als er plötzlich und unerwartet seinen Vater durch einen Unfall beim Wandern verlor. Der Vater war noch keine 60 gewesen, Sebastian hatte gedacht, noch Jahrzehnte mit ihm verbringen zu können. Erst vor kurzem hatten die beiden darüber gesprochen, die in der Kindheit verpasste Zeit - aufgrund der Trennung der Eltern war Sebastian nur jedes zweite Wochenende bei ihm - nun nachholen zu wollen, doch dazu kam es leider nicht mehr.

Der Sohn trauert tief, und in diesem Hörbuch, einfühlsam und authentisch eingesprochen vom Autor selbst, erzählt er uns davon. Von den Erinnerungen an den Vater, von all dem Schönen und von den Momenten, denen er nicht genug Beachtung geschenkt hat. Als er beim Auto fahren dem Vater nicht zuhörte, wenn dieser von seinem Leben erzählte, und sich jetzt wünschte, er hätte es getan. Von unglaublichem Schmerz, für den sich kaum Worte finden lassen. Aber auch von der Hoffnung darauf, dass das Leben weitergeht, wie sich etwa in seinem Patenkind zeigt und darin, dass der Schmerz doch mit der Zeit ein bisschen nachlässt. Von schönen Erinnerungen, an denen er festhalten möchte.

Es ist ein kurzes Hörbuch, nur knapp zwei Stunden, doch findet sich viel Tiefe und unterschiedliche Facetten des Trauerns darin.

Wer auch einen geliebten Menschen verloren hat, kann in Sebastian Becker ein authentisches Rollenvorbild in Sachen konstruktiver Umgang mit der eigenen Trauer finden. Besonders interessant ist das Hörbuch für Menschen, die selbst ungewöhnlich jung jemanden verloren haben, in einer Lebensphase, in der die meisten Altersgenossen und -genossinnen dieses Schicksal noch nicht teilen und deshalb oft nicht nachempfinden können. Aber auch insgesamt für Trauernde in allen Lebenslagen findet sich viel Weisheit darin. Für mich selbst war es ebenfalls ein guter Begleiter in einer akuten Trauerphase, herzlichen Dank dafür!

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