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Rezensionen von Manfred Fürst:
Das Herz rast beim Lesen, der Atem stockt. Innehalten, durchatmen kaum möglich!
Gone Baby Gone von Dennis Lehane
Im Indian Summer 1997 verschwindet in Boston die vierjährige Amanda spurlos. Auch nach drei Tagen hat die Polizei nicht eine einzige vielversprechende Spur. Für solch scheinbar aussichtslose Fälle gibt es in Boston nur ein einziges, das geniale Detektivduo: Patrick McKenzie & Angela „Angie“ Gennaro.
„Alles an diesem Verschwinden ist faul, vierjährige Kinder verschwinden nicht einfach so, ohne dass jemand nachhilft,“ bringt es Gennaro auf den Punkt. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht wie wahr ihre Vermutung werden sollte.
Die Dialoge zwischen Kenzie und Gennaro sind erfrischend und charmant, ironisch und überhaupt nicht verletzend. Das ist einer der wahren Schätze von Lehanes Thriller und deren Übersetzung, ohne die es nicht funktioniert.
Auffällig gegenüber den ersten drei Bänden der Kenzie/Gennaro-Reihe ist, dass Lieutenant Doyle, der ausgerechnet die Einheit Crimes Against Children CAC der Bostoner Polizei leitet, seine Detectives Nick „Poole“ Raftopoulos und Remy Broussard dem Detektivduo McKenzie & Gennaro als Aufpasser zuteilt.
Der Thriller hat natürlich eine kriminalistische Rahmenhandlung - Kindesentführung-Drogen-Kriminelle-korrupte Polizei – doch Lehanes bestimmende Thematik ist der Schutz des Kindeswohls, wer dafür verantwortlich ist und wie weit er gehen soll. Grundsätzlich ist der Kinderschutz in den USA ein sehr restriktiver, in jedem Bundesstaat besonders geregelt und nach unseren europäischen Maßstäben viel zu streng. Auf der einen Seite ist der Staat sehr streng, dennoch es ist in den USA fast unmöglich einer Mutter das Kind abzunehmen, wenn sie sich bezüglich des Kindes nicht strafbar macht.
"Gone Baby Gone" ist ein spannender, nervenaufreibender und hoch emotionaler Thriller nicht nur für die Protagonisten, vor allem für Kenzie und noch mehr für Gennaro, sondern auch für den emotionalisierten Leser. Der verdächtige Personenkreis dieser Kindesentführung ist ebenso groß wie übersichtlich und wechselt vielfach.
Mit einer Rachel beginnt Lehanes Thriller und mit dieser Rachel am Ende schließt sich der Kreis. Jedoch keine runde Sache, das gibt der Plot nicht her, dafür ist die darin innewohnenden Thematik hochexplosiv.
Das Cover zeigt die Skyline von Boston mit Christian Science Church, im linken Bildteil, direkt daneben der Prudential Tower, im rechten Bildteil das State House. Im Vordergrund steht Patrick McKenzie, in der rechten Hand seine .45er Colt Commander. Filmposten der Miramax Film Corp.
Filmtipp: Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel ist ein US-amerikanischer Kriminalfilm aus dem Jahr 2007. Regie führte Ben Affleck, der das Drehbuch gemeinsam mit Aaron Stockard anhand des Romans Gone Baby Gone, Kein Kinderspiel von Dennis Lehane aus dem Jahr 1998 schrieb. In den Hauptrollen Casey Affleck (Patrick McKenzie), Michelle Monaghan (Angela „Angie“ Gennaro) und Morgan Freeman (Police Chief Jack Doyle).
Das Böse hat einen Geruch. Es ist eine Präsenz
Blues in New Iberia von James Lee Burke
James Lee Burkes Robicheaux-Saga geht in die 22. Runde.
Tommy Lee Jones und Alec Baldwin haben ihn bereits in Filmen verkörpert, aber auch darüber hinaus hat der Cop aus New Orleans die Krimi-Welt und seine Fangemeinde seit seinem ersten Erscheinen 1987 fest im Griff. Robicheaux ist ein Vietnam-Veteran und On-und-Off-Polizist aktuell bei der Mordkommission des Sheriff Department in New Iberia, Louisiana.
Er ist der Archetyp des einsamen Ermittlers, ein typischer Vertreter des Noir-Krimis: Dave Robicheaux pfeift auf die Regeln, er trinkt zu viel, und er nimmt – wenn es sein muss – das Gesetz in seine eigene Hand.
Desmond Cormier kehrt nach 25 Jahren als erfolgreicher Filmproduzent aus Kalifornien nach New Iberia zurück. Als armes Kind von den Großeltern im Chitimacha Indianerreservat aufgezogen. Eine junge Frau auf ein Holzkreuz genagelt wird an die Küste Louisianas angeschwemmt. Eine Mordserie nimmt ihren Anfang und die Drapierung eines jeden Toten entspricht einer Tarotkarte.
James Lee Burke entwickelt auf dieser fast 600 Seiten starken Krimischwarte einen unglaublichen Plot, unheimlich und mysteriös zugleich. Die Hauptrollen des Polizeiapparats spielen Helen, die Chefin von Dave, abhängig von ihrer psychischen Verfassung mal mehr und mal weniger in Dave verliebt, Clete, Ex-Polizist, Detektiv und bester und loyaler Freund von Dave und Sean, junger Polizist, der noch in der Lernphase steckt. Besonders angetan und emotional überwältigt ist Dave jedoch von einer neuen, viel zu attraktiven und viel zu jungen Kollegin Bailey Ribbons, deren Namen er für „sehr schön“ hält und nicht nur das… Es ist nervtötend wie Burke dieses „Soll er es tun oder sein lassen“ in die Länge zieht: Dave tut es und lässt es. Zwei ungustiöse Polizisten: Axel und Frankie.
Alle schillernden Mitglieder der Filmcrew sind verdächtig: Desmond Cormier selbst, sein bester Freund Antoine Butterworth und Lou Wexler, der mit Daves Tochter Alafair anbandelt und damit den Beschützerinstinkt von Dave aktiviert.
Noch zwei nicht gänzlich unsympathische Typen treten auf: Tillinger, entflohener Sträfling, der sein Haus samt Familie (natürlich) NICHT abgefackelt hat Und Smiley, Feuerteufel und Auftragskiller der Mafia, dem man wegen seiner ausgefeilten Tötungstechniken besser nicht blöd kommen sollte.
Die Handlung ist ähnlich unübersichtlich wie das Bayou Louisianas, die schwer zugängliche Sumpflandschaft des Mississippi-Mündungsdeltas. So zauberhaft das Bayou ist, so zauberhaft kann Burkes Blues in New Iberia sein, wenn sich der Leser denn verzaubern lässt. Mögen manche Dialoge wie Sprechblasen eines Comics wirken, ist der Schreibstil mit der deutschen Übersetzung hochklassig: „Sein Gesicht erinnerte mich an ein leeres Blatt Papier, das sich auf glühenden Kohlen zusammenzog. Grausamkeit hat viele Erscheinungsbilder. Am wenigsten attraktiv sind sie, wenn man sie in sich selbst entdeckt“ (S. 33). „Das Böse hat einen Geruch. Es ist eine Präsenz. Die ihren Träger verzehrt. Wir leugnen es, weil wir dafür keine plausible Erklärung haben. Es riecht nach Verwesung innerhalb von lebendem Gewebe“ (S 70). Burke lässt Robicheaux auf den Punkt kommen: „Normalerweise beinhaltet die Motivation eines jeden Mordes Sex oder Geld oder Macht oder eine beliebige Kombination aus diesen dreien“ (S. 107). Eine philosophische Anwandlung Robicheauxs am Ende eines Gesprächs mit Bailey: „Ich wollte nicht gehen. Ich wollte Jahrzehnte jünger ein. Ich wollte alles sein, nur nicht was ich war. Leider kann es in einem gewissen Alter zum festen Bestandteil des Lebens werde, etwas sein zu wollen, was man nicht sein kann, oder etwas haben zu wollen, was man nicht haben kann“ (S. 113). Das Alter von Robicheaux gibt Rätsel auf. Belegt ist sein Alter von 49 Jahren im dritten Band (1989), dann wäre er 2020 etwa 80 und würde sich dem Alter seines Schöpfers annähern. Auf jeden Fall ist Dave noch immer voller Saft und Kraft.
Blues in New Iberia ist ein Kriminalroman mit viel Raum für Abschweifungen, vor allem Dave hängt seiner Vergangenheit in Vietnam nach und schwelgt zwischen Wahn und Wirklichkeit hin und her. Zeitweise bewegt er sich in surrealen Sphären bis Realität auf Magisches trifft.
Eines ist noch hinzuzufügen: Nach etwa 550 Seiten ist der Leser am Rande des W*, hat mehrfach die Entscheidungen über den Täter über den Haufen geschmissen, glaubt, in einem Geistesblitz dem richtigen Täter auf der Spur zu sein, was sich am Ende als völlig abstrus herausstellt.
James Lee Burke hat den Blues, und er beherrscht ihn!
Cover
Es ist der Ausschnitt einer Aufnahme von Christophe Papke mit dem Titel „Miami Storm“. Miami ist nur ein paar Flugstunden von New Iberia entfernt.
Tribut to Andrea Camilleri
Kilometer 123 von Andrea Camilleri
Andrea Camilleri erzählt in seinem letzten Kriminalroman „Kilometer 123“ eine Geschichte über Liebe, Eifersucht und Hass, Gier und Verrat. Der Inhalt ist klassisch, die Art des Erzählens meisterlich und unorthodox, weil überwiegend in direkter Sprache. Atemlos folgt man der raffiniert gestrickten, furios erzählten Dialogen, Telefonaten, SMS, Zeitungsartikeln, Polizeiberichte, Mails, verzichtet auf jegliche Beschreibung, kommentierende Einlässe, zusammenfassenden oder erklärenden Text; mit ihren immer neuen Wendungen bis zum unerwarteten wie überraschenden Ende.
Ein kurzweiliges, ebenso irrsinniges wie glaubwürdiges Verwirrspiel. Der Leser steht unter einem ständig erhöhten Adrenalinspiegel, der zu einem Durchlesen der 142 Seiten anhält.
Amore mio…
Von den drei Pärchen Maria und Francesco, Ester und Stefano und Giulio Davoli mit Giuditta Davoli, sicher ein hintergründiges Wortspiel von Camilleri, denn eine kleine Umformung ergibt diavolo, zu Deutsch Teufel, was den Charakter der beiden beschreiben sollte, bleiben zwei nach einem teuflischen Spiel in inniger Verbundenheit übrig. Wer das ist, das erfährt der Leser erst auf den letzten zwei Seiten. Camilleri hofft, dass neben Witz auch die sozialanalytische Kritik an den aktuellen Zuständen in Italien nicht übersehen wird.
Für seine deutschen Leser hat Camilleri einem Detektiv den Namen Tedeschi „Deutscher“ gegeben. Camilleri versteht sich auf ironische Pointen.
Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle, Sizilien, geboren. Er war Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. 1978 wurde sein erstes literarisches Werk Der Lauf der Dinge von vierzehn Verlagen abgelehnt. Jedoch nachdem er den richtigen Verlag gefunden hatte wurde er Mitte der 90er-Jahre mit seinen Krimis zu einem der meistgelesenen Autoren in Italien.
Er starb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.
Das alte schwarze Harlem gibt es längst nicht mehr, gentrifiziert, nur noch bei Chester Himes nachzulesen.
Harlem-Romane von Chester Himes
Harlem-Romane
Die Geldmacher von Harlem: Die Originalausgabe erschien 1957 unter dem Titel A Rage in Harlem in den USA, auch unter den Titeln For Love of lmabelle und The Five-Cornered Square. Aus dem Amerikanischen von Manfred Görgens.
Heiße Nacht für kühle Killer: Die Originalausgabe erschien 1959 unter dem Titel The Real Cool Killers.
Aus dem Amerikanischen von Alex Bischoff.
Fenstersturz in Harlem: Die französische Erstausgabe erschien 1959 unter dem Titel Couché dans le pain bei Editions Gallimard, Paris. Die Übersetzung erfolgte nach der amerikanischen Ausgabe The Crazy Kill von 1989, erschienen bei Vintage Bools Edition, New York. Aus dem Amerikanischen von Manfred Görgens.
Information des Unionsverleges
"Die Geldmacher von Harlem": Kaum zu glauben, dass es in Harlem so vertrauensselige und tollpatschige Kerle wie Jackson gibt: Er verliert nicht nur einen Koffer voller Gold und seine große Liebe Imabelle, sondern auch noch die Leiche seines Bruders. Wie konnte es nur so weit kommen? Eigentlich geschah alles nur aus Liebe zu Imabelle.
"Heiße Nacht für kühle Killer": An der Theke ein Mann, ein Weißer zur falschen Zeit am falschen Ort. Grund genug für eine Messerstecherei, eine wilde Flucht. Ein Schuss, und der Weiße liegt tot auf der Straße. Für Grave Digger Jones und Coffin Ed ein klarer Fall. Doch dann stellt sich heraus, dass die Waffe des jungen Sonny eine Schreckschusspistole ist.
"Fenstersturz in Harlem": Big Joe Pullen ist tot, und während der Trauerfeier stürzt ein Mann aus dem Fenster auf die Straße hinunter. Aber er bleibt unverletzt: Er ist in einen Korb mit frischem Brot gefallen …
Soviel zu den nüchternen, aber unverzichtbaren Fakten.
Tipp an den werten Besitzer und die werte Besitzerin dieses Buches, die beginnen (wollen) dieses Buch/diese drei Romane zu lesen, bzw. an solche, die gerade dabei sind, sich dieses Buch zu kaufen: Als einer der ersten schwarzen Krimiautoren befasste sich Chester Himes mit der Gesellschaft und den kriminellen Umtrieben im schwarzen Harlem Ende der 50er Jahre. Bei seiner Vita sind die Romane authentisch und ungeschönt, mit hintergründigem Humor, teils Slapstick nahe an hardboild Thriller. Himes war in seinem Heimatland nicht erfolgreich, der Erfolg stellte sich erst ein nach seiner Auswanderung nach Europa.
Nicht die Suche nach dem Täter steht im Vordergrund, sondern die handelnden Charaktere, im Besonderen das berühmte schwarze Harlemer Detective-Team Coffin Ed Johnson und Grave Digger Jones und die gnadenlose direkte Beschreibung der Szenerie. Farbige gibt es viele – (ofenrohr)schwarz, dunkelbraun, braun, bananenschalenfarbig, (senf)gelbe Färbung ranziger Sahne, sepiafarben…
Die Erzählsprache ist einfach, um nicht zu sagen simpel, der Plot ist überschaubar, die Auflösung nicht ohne Überraschung. Die Romane eignen sich als Vorlage für eine Comics-Ausgabe. Anfänglich habe ich mir mit dem Erzählstil und der Geschichte schwergetan, aber ich rate jedem bis zum dritten Roman durchzuhalten, denn dann hat man sich an Stil und Plot gewöhnt und es bestätigt sich die Klasse von Himes.
Zwei Kostproben belegen den eindrucksvollen Erzählstil von Himes: „Es war ihm nicht mal was geblieben, für das es sich gelohnt hätte zu beten. Sein Mädchen war fort. Ihr Golderz war dahin. Sein Bruder war tot und selbst die Leich fort. Er wollte sich nur noch der Barmherzigkeit des Herrn anvertrauen. Das war alles, was er tun konnte, um nicht wie ein Kind loszuheulen.“ (Jackson in Die Goldmacher von Harlem)
„Wir sind hier in Harlem, so einen Ort gibt’s nicht noch einmal auf der Welt. Hier muss man ganz von vorn anfangen, weil die Leute in Harlem aus Gründen Dinge tun, auf die niemand sonst in der Welt kommt.“ (Grave Digger in „Fenstersturz in Harlem)
Eine Banalität, aber trotzdem wahr: Das alte schwarze Harlem gibt es längst nicht mehr, gentrifiziert, nur noch bei Chester Himes nachzulesen.
Chester Himes, wurde 1909 in Jefferson City in Missouri geboren. Er war der Sohn schwarzer Mittelständler, die auf die Ausbildung ihrer Kinder großen Wert legten. 1927 begann er sein Studium an der Ohio State University, musste es jedoch nach einem Jahr, wegen krimineller Handlungen, abbrechen. Im Jahre 1928 verübte er einen bewaffneten Raubüberfall und wurde daraufhin zu 20 Jahren Haft verurteilt. Bereits im Gefängnis schrieb er professionelle Kurzgeschichten, die u.a. im "Esquire" veröffentlicht wurden. 1936 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen.
Er hat die Kriminalliteratur radikalisiert und literarisch endgültig emanzipiert. 1953 emigrierte er nach Frankreich, wo er Bekanntschaft mit Richard Wright und James Baldwin machte und sich literarisch etablierte. Chester Himes starb 1984 in seiner zweiten Wahlheimat Spanien.
„Die Linken hassten meine Geschichten, die Rechten hassten sie, die Juden und die Schwarzen hassten sie. Ich glaube, was die Amerikaner am meisten hassten, war die Tatsache, dass ich der Wahrheit zu nahekam.“ Chester Himes.
Die Supermacht USA hat kein super Gesundheitssystem
Die amerikanische Krankheit von Timothy Snyder
Timothy Snyders neuestes Buch "Die amerikanische Krankheit" beginnt mit: "Als ich um Mitternacht in die Notaufnahme eingeliefert wurde, benutzte ich das Wort ‚Unwohlsein‘ (malaise), um dem Arzt meinen Zustand zu beschreiben. Mein Kopf schmerzte, meine Hände und Füße kribbelten, ich hustete und konnte mich kaum bewegen.
"
Snyder schildert, wie er in Kliniken in Florida und Connecticut an den Folgen eines Abszesses und mangelnder Aufmerksamkeit fast gestorben wäre. Er schreibt über seine einsame Wut in einem Dämmerzustand zwischen Tagträumen und Todesangst. Die Erfahrung des Spitalsaufenthalts brachte ihn dazu, "über die Freiheit und über Amerika nachzudenken", eine beklemmende Abrechnung mit einem amerikanischen System. Snyder: „Die Samstagabende in New Haven (hospital) sind hart für Ärzte, Pfleger, Personal und Patienten. Es WAR Samstagabend.“ Snyders Kollegen waren erstaunt, dass er keine einflussreichen Fürsprecher zu seinem Schutz herbeigerufen hatte, als er in der Notaufnahme war. Das lässt den Schluss zu: Einige Amerikaner werden sich freuen, dank Reichtum und Beziehungen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu haben, weil sie dazugehören und andere nicht.
Der Satz, dass alle Menschen gleich sind, werde schon bei der Geburt nicht ernst genommen – siehe die je nach Schicht und Vermögen unterschiedlichen Behandlungen und Todesraten – und erst recht nicht im Krankheitsfall. Es könne keine Freiheit geben, so Snyder, wenn es keinen universellen Zugang zum Gesundheitssystem gibt.
Und dann noch Covid. Es bestätigte und verschärfte alles, was ihm an Mängeln aufgefallen war. Es fokussierte seine Beobachtungen wie ein Brennglas und motivierte ihn, zu der Pandemie Stellung zu nehmen. Er fand Voraussetzungen in autoritären Regimes, die Epidemien dazu benutzen, "Andere" zu beschuldigen, um eigene Versäumnisse zu leugnen. Er sieht das politische System der USA mittlerweile als gefährlich nahe solchen Vorbildern. Snyder: „Wenn wir Amerikaner andere als Krankheitserreger und uns selbst als gesunde Opfer sähen, dann seien wir‚ kaum besser als sie‘, die Nazis.“
Gerade der Vergleich Covid hüben und drüben gibt viel zu denken, und Snyder bietet dazu Anschauungsmaterial genug. Es liest sich wie eine subjektive Suada, doch jede Aussage ist in einem 16 Seiten langen Anhang belegt.
Prof. Dr. Timothy Snyder (*1970), Historiker mit dem Schwerpunkt Europa, ist einer der führenden amerikanischen Historiker und Intellektuellen. Er hat den Richard C. Levin Lehrstuhl für Geschichte an der Yale University inne und ist Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Promoviert wurde er 1997 an der University of Oxford, wo er British Marshall Scholar war. Bevor er 2001 an die Yale University kam, hatte er Forschungsstipendien in Paris, Wien und Warschau inne sowie ein Academy Scholarship an der Harvard University. Er spricht fünf und liest zehn europäische Sprachen. Zu seinen Publikationen zählen sieben preisgekrönte Monographien, die alle in diverse Sprachen übersetzt wurden und in mehreren Ländern Bestseller waren.
Ein genialer Roman und zurecht ein literarischer Welterfolg
Girl on the Train - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich. von Paula Hawkins
"Girl on the Train" ist zu Beginn eine Charakterstudie aus drei subjektiven Perspektiven und mit vielen Rückblenden: Abwechselnd treten drei Ich-Erzählerinnen auf: Rachel, das "Girl on the Train", völlig aus der Bahn geworfen, geschieden, arbeitslos und alkoholkrank. Megan, die Frau von nebenan, Babysitterin bei Anna, psychisch instabil und Anna, Evies führsorgliche Mutter und Rachels Nachfolgerin als Ehefrau von Tom.
Insgesamt: Eine düstere Versammlung von gestörten Personen.
Rachel Watson ist 34 Jahre alt. Vor zwei Jahren trennte sich ihr Mann Tom von ihr, weil sie aufgrund ihrer Kinderlosigkeit depressiv und alkoholkrank geworden war. Über die Trennung kommt sie nicht hinweg. Obwohl sie inzwischen arbeitslos ist, fährt sie nach wie vor jeden Morgen mit dem Pendlerzug nach London – und sieht dabei das Haus, in dem Tom jetzt mit Anna und der kleinen Evie wohnt. In der Nachbarschaft ist inzwischen ein anderes Ehepaar – Jess/Megan und Jason/Scott - eingezogen, und Rachel malt sich das Glück der beiden aus. ‚Sie sind, was ich verloren habe, alles was ich gerne wäre,‘ denkt Rachel.
Rachel, eine vertrocknete, geschiedene, obdachlose Alkoholikerin; sie hatte viel zu lange keinen guten Grund mehr, einen klaren Kopf zu bewahren. Rachel: „Irgendetwas verstörte mich – bis ich schließlich merkte, dass ich es selbst war.“
Das Vorstadt- und Beziehungsdrama, entwickelt sich zu einem Psychothriller.
Hawkins gelingt es, den Leser mit ihrem Erzähl- und Schreibstil zu fesseln. Mag dem einen oder anderen die detailliert beschriebenen alkoholisierten geistigen Irrfahrten Rachels zu viel sein, nimmt die Person Rachel dennoch den Leser gefangen, ohne dass man große Sympathie für sie entwickelt. Wer den Film kennt hat die phänomenale Schauspielerin Emily Blunt natürlich immer im Hinterkopf, wenngleich Emily Blunt nicht zu 100% der Rachel im Buch entspricht. Hat man sich an die schrillen Psychogramme der drei Frauen und die stets zu beachtenden Rückblenden gewöhnt steht am Ende folgendes Fazit: Ein genialer Roman und zurecht ein literarischer Welterfolg.
Filmtipp
Girl on the Train (Originaltitel: The Girl on the Train) ist ein US-amerikanischer Thriller des Regisseurs Tate Taylor aus dem Jahr 2016 mit Emily Blunt (Rachel), Rebecca Ferguson (Anna) und Haley Bennett (Megan). Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch Girl on the Train der britischen Autorin Paula Hawkins aus dem Jahr 2015.
Ganz besonders für Liebhaber verworrener Politkrimis ist dieses Buch ein echter Lesegenuss.
Die Spur der Schakale von Michael Lüders
In Michael Lüders zweiten Politthriller Die Spur der Schakale ermittelt die junge Sophie Schelling diesmal im kalten Norwegen. Im vorangegangenen Thriller Never Say Anything (Initialen NSA nicht zufällig) überlebte sie nur knapp den mörderischen Angriff zweier US-Helikopter in den heißen Wüsten Afghanistans.
Nicht so ihr Freund Hassan.
Inzwischen ist Sophie quasi Undercover in Norwegen, arbeitet jedoch als Mitarbeiterin einer kleinen, aber feinen Geheimdiensteinheit E 39 mit einer toughen Chefin Berit im Mordfall des Top-Managers, Nummer 2 von Nordic Invest, dem größten Staatsfonds der Welt. Ein Auftragsmörder tötet Personen, die bestimmten politisch-kriminellen Agenden gefährlich werden könnten.
Die Ermittlungen decken ein Komplott auf, in das Geheimdienste, Finanzdienstleister, Schattenbanken, Datenfirmen mit riesigen Rechenzentren, die norwegische Politik und dessen Polizeiapparat involviert sind.
Fakt oder Fiktion, zu real, um wahr zu sein. Die Spieler sind die weltgrößte Investmentgesellschaft, BlackRock, im Buch Blackhawk genannt und der norwegischen Staatsfond, der viele hunderte Milliarden Euro verwaltet, die US-amerikanischen Geheimdienste, die CIA und die NSA und die größte Datenkrake Elendilmir. Wenn es doch nur wahr wäre mit deren hehren Zielen: Terrorbekämpfung, Flüchtlingsströme aufzuhalten, den Klimawandel, Unterstützung von Menschen mit zu geringen Lohnzuwächsen und unzureichender Altersversorgung. Die unschöne Wahrheit: kriminelle Machenschaften der Hochfinanz, Auftragsmorde unliebsamer Personen, Waffenverkäufe an den Iran, Geheimtreffen in der Türkei, CIA und NSA.
Die finale Botschaft: Das Leben ist schön.
Liest sich gut, stilistisch einwandfrei, jedoch kein literarisches Highlight, unter Umständen sogar in einem durchzulesen, das heißt, es ist Spannung vorhanden. Der kriminalistische Teil hat mir sehr gut gefallen, alles was in der Schattenwelt passiert muss ich nicht glauben, noch weniger verstehen. Fazit: Ganz besonders für Liebhaber verworrener Politkrimis ist dieses Buch ein echter Lesegenuss.
Das passende Schlusswort von Tom, der sich zum Investigativ Journalist zum Gourmet der norwegischen Küche gewandelt hat: „Ich fürchte, ich kann nur kleine Teile der Wirklichkeit erfassen und verstehen.“
Großartiger Kriminal- und Gesellschaftsroman: Treffsicher, in großartigen Dialogen beschreibt Mina, wie Machtverhältnisse verhandelt werden und sich verschieben
Götter und Tiere von Denise Mina
Denise Mina hat sie ein kluges Zitat von Abraham Lincoln vorangestellt: "Fast alle Menschen ertragen schlechte Zeiten, aber willst du den Charakter eines Menschen prüfen, gib ihm Macht."
Gewalt hat viele Gesichter. Drei Erzählstränge prägen das vorweihnachtliche Glasgow:
Eine Postfiliale wird überfallen.
Ein älterer Herr übergibt seinen Enkel einem jungen Mann, um auf diesen aufzupassen und hilft dem Posträuber beim Einsacken des Geldes. Er schein den Räuber zu kennen, wir aber von diesem mit einer AK-47 durchsiebt.
Bei einer Fahrzeugkontrolle eines vermeintlichen Drogenhändlers wird im Kofferraum des Audi Q7 eine Tasche mit ca. 200T Pfund von den zwei Detectives „sichergestellt“. Zu spät merken sie, dass es eine Falle ist.
Ein Politiker der Labour Party kämpft verzweifelt um seinen guten Ruf mit der Presse und mit seiner Frau Annie. „Annie Get Your Gun“ möchte man ihr zurufen. Wie geht dieser Politiker mit einem Presseartikel um, in dem er des außerehelichen Geschlechtsverkehrs mit eine minderjährigen Parteimitarbeiterin beschuldigt wird?
Die Geschichten entwickeln sich behutsam, Mina lässt ihren Figuren viel Zeit und Raum für persönliche Gedanken und Gefühle, dennoch bekommt der Leser den Eindruck vom verbrecherischen Milieu und deren Strukturen: "Sehr böse Männer beherrschen Glasgow."
Die dominierende Figur ist Detective Sergeant Alex Morrow von der Strathclyde Police, Mutter von Zwillingen mit engagiertem Hausmanne sehnt sich nach fröhlichen Weihnachten.
Das Cover ist eine Aufnahme von Jim Byrne, einem schottischen Photographen, Musiker, Designer und Künstler. Sie zeigt Paradise, Anniesland in Glasgow West End aus seinem GWE Photo Diary December 2019.
Von der Alex Morrow-Reihe sind bis 2020 neun Bücher in englischer Originalfassung erschienen. Nur zwei deutsche Fassungen gibt es: Blut Salz Wasser, 2018 und Götter und Tiere, 2020.
Entsprechende englische Ausgaben: Gods and Beasts (Alex Morrow 3), 2014 und Blood, Salt, Water (Alex Morrow 5), 2017. Deutsche Verlage scheuen sich etwas, Denis Mina zu übersetzten, während die englischen Ausgaben von vielen verschiedenen Verlagen aufgelegt werden.
Denise Mina schreibt keine normalen Krimis, sondern "politische Romane". Denn die Frage, wer der Täter war, ist ihr weniger wichtig als der Hintergrund und das Warum.
Sie bildet eine soziale und politische Realität mit schmerzendem Tiefgang ab, hier im schottischen Glasgow und sie ist die wahre "Queen of Tartan Noir".
Sie lässt Aristoteles aus Morrow sprechen: „Die nicht in Gemeinschaft leben oder ihrer bedürfen, sind entweder Götter oder Tiere.“
Das Gegenteil einer trivialen Wahrheit ist einfach falsch. Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist auch wahr
Die Topeka Schule von Ben Lerner
Geschichte einer Familie um die Jahrtausendwende, in Kansas.
Der Autor Ben Lerner, geboren in Topeka, Kansas, war wie sein Hauptprotagonist Adam Gordon Mitglied eines Debattierteams an der Topeka High-School. Bei diesen Schülerdebatten geht es um das Zerpflücken der Argumente des gegnerischen Teams, ins Finale zu kommen und natürlich zu siegen.
Wer am besten Schnellsen (schnell lesen) und am schnellsten Sprechen kann hat die besten Chancen. Rhetorik als Statussymbol.
Adams Eltern, Mutter Jane und Vater Jonathan sind beide in einer psychiatrischen Einrichtung tätig. Für Lerner eignet sich dieses Umfeld am besten zu Analyse der tiefen Spaltung der amerikanischen Gesellschaft: Eine Krise der Rhetorik und eine Krise der Männlichkeit.
Wenn auch nicht immer leicht zu lesen und das Weiterlesen einige Überwindung kostet, kann man nachvollziehen, dass Lerners Roman wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hat. Textpassage wie diese entschädigen für manche Konfusion: „Das Gegenteil einer trivialen Wahrheit ist einfach falsch. Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist auch wahr. Es ist entweder August, oder es ist nicht August. Leben ist Schmerz, das ist wahr; je profunder die Aussage, desto umkehrbarer.“
Den roten Faden verliert man manchmal und es schwierig ist der Handlung zu folgen, wechseln die Kapitel nicht chronologisch und man weiß gar nicht, worum es wirklich geht. Die sehr dichte Schreibweise erfordert ein sehr konzentriertes Lesen.
Lerner schreibt diese Familiengeschichte nicht für die vernachlässigte weiße Schicht US-Amerikaner, die sich nicht auf dieses Debattierniveau schwingen kann oder will, sondern für die intellektuelle Literaturelite Amerikas.
Das Umschlagfoto am Cover kommt von The Wichita Eagle, der größten Tageszeitung aus Wichita, Kansas und zeigt den Hesston Tornado von 13. März 1990, knappe 60 km nördlich von Wichita Tornado. Die Stärke des Hesston Tornado wurde mit F5 auf der 12teiligen Fujita-Skala bewertet.
Mit Lerner habe ich das fiktiven Lerner Airfield auf der South Base des ehemaligen Militärgeländes Wendover Airfield, Utah als Drehort aus „Con Air” assoziiert.
Die gute Nachricht des Tages, es gibt noch weitere fünf Krimis von Patrick Kenzie & Angela ‚Angie‘ Gennaro.
Ein letzter Drink von Dennis Lehane
Der erste Band in der Kenzie/Gennaro-Reihe von Dennis Lehane. Das englische Original hieß A Drink Before the War (1994), die erste deutsche Ausgabe Streng vertraulich! (2004) und Ein letzter Drink (2016) mit neuer deutscher Übersetzung.
Patrick Kenzie & Angela ‚Angie‘ Gennaro ist eine Detektei im rauen Viertel Dorchester in Boston, deren winziges Büro sich im Glockenturm einer Kirche befindet, damit sie einen unerwarteten Eindringling, der durch die Kirche trottet, schneller ausmachen können.
Patrick ist ein geschiedener Womanizer, der gerne eine intimere Beziehung zu seiner Partnerin Angie hätte, die jedoch mit prügelnden Ehemann Phil noch verheiratet ist. Ihre berufliche Zusammenarbeit beruht auf blindem Vertrauen und offene und ehrliche Kommunikation, sie ergänzen sich perfekt.
Zwei hochrangige Bostoner Senatoren beauftragen die Detektei bestimmte herbeizubringen. Sie finden die Diebin Jenna und die „Dokumente“, die sich als kompromittierende Fotos herausstellen. Jenna wird auf offener Straße erschossen und stirbt in den Armen Kenzies. Das ist der Auftakt für einen erbarmungslosen und tödlichen Bosterner Bandenkrieg. Der englische Originaltitel A Drink Before the War bezieht sich auf diesen Bandenkrieg. Kenzie behält sich bis zum Schluss die Fotos für die finale Abrechnung.
"Ein letzter Drink" ist ein kleiner, aber feiner Hard-boiled-Krimi, nichts für zart besaitete Gemüter. Patrick und Angie lassen sich von absolut gar nichts beeindrucken und geben coole und harte Sprüche von sich.
Die gute Nachricht zum Schluss, es gibt noch weitere fünf Krimis von Patrick Kenzie & Angela ‚Angie‘ Gennaro.











