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Rezensionen von Manfred Fürst:

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Autoren zerpflücken ihre schwedischen Landsleute

Der andere Sohn von Peter Mohlin; Peter Nyström

Der Kriminalroman von Peter Mohlin& Peter Nyström hat mit „Der andere Sohn“ – im Original „Det sista livet“ eine schlechte Übersetzung, „The Bucket List“ in der amerikanischen Ausgabe ist nicht besser.

Ein Undercover-Einsatz des FBI-Agenten John Adderley endete schwer verletzt in einem Krankenkaus in Baltimore.

Die nigerianische Drogenmafia, die er ausspionieren sollte, kam ihm auf die Schliche und das „Bandenmitglied“ Abaeze/Trevor setzte ihm den finalen Todesschuss. John überlebte und genau dieser liegt im Krankenhaus neben ihm. Trevor ist jedoch ebenfalls ein Undercoveragent. John macht seine Zeugenaussage im Prozess gegen die Drogenmafia, erhält Zeugenschutz und wählt ausgerechnet Karlstad in Schweden als sein Fluchtdomizil. Mit voller Absicht lässt er sich zu eine Cold Case-Einheit versetzten, die ein Verschwinden eines Mädchens vor zehn Jahren aufklären soll. Der Verdächtige ist sein Halbbruder Billy. Er möchte faire Ermittlungen.

Dass die Cold Case-Ermittlungen Erfolg haben werden steht außer Zweifel. Genüsslich legen die Autoren verschieden Spuren, und nachdem der Leser seinen Hauptverdächtigen gefunden hat, muss er seine Festlegung bald wieder revidieren. Breites Feld nehmen die Charaktere und das Leben der Oberklassefamilie Bjurwall ein. Heimer, verachteter und betrogener Schlapp-Ehemann/Vater/Schwiegersohn, die verschwundene Emelie, die nymphomane und drogensüchtige Tochter und Sissela, Ehefrau, Mutter und Masterin des Universums. Die polierten Edel-Fassaden beginnen zu bröckeln.

Es tun sich menschliche Abgründe auf und viele Geheimnisse, die erst ganz allmählich aufgeklärt werden. Das fesselt den Leser und der Spannungsbogen wird auf sehr hohem Niveau gehalten, mit dem Kulminationspunkt am Ende.

Im Ganzen ein durchschnittlicher Thriller, für das Debütwerk der beiden Peter sehr routiniert geschrieben, unverkennbar die Handschrift eines Drehbuchautors, der gewiss bereits an eine Verfilmung gedacht hat, nach dem Hype um diesen Roman. Die Figuren sind gut gezeichnet, selbstredend John Adderley und Heimer. Aber nicht nur die, sondern das Leben der schwedischen Upperclass und einem H&M-affinen Unternehmen. Der Roman spielt überwiegend in Karstad, wo beide Autoren aufgewachsen sind, was dem Roman eine gewissen Authentizität verleiht. Clever wie die beiden sind, haben sie „Der andere Sohn“ als Band 1 der „John Adderley“-Serie apostrophiert, eine Fortsetzung ist also garantiert. Damit die beiden Autoren auf eine Stufe mit Henning Mankell und Jo Nesbø gestellt werden können, haben die beiden noch einen sehr weiten Schöpfungsweg zu absolvieren.

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Autoren zerpflücken ihre schwedischen Landsleute
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Ein feministischer Kriminalroman mit einer hartgesottenen Privatdetektivin, von hardboild bis verletzlich, von Frauen, die Täter und Opfer waren

Kritische Masse von Sara Paretsky

In God we trust, all others show data.

Kritische Masse („critical mass“ im Originaltitel) bezeichnet in der Kernphysik und Kerntechnik die Mindestmasse eines aus spaltbarem Material bestehenden Objektes, ab der die effektive Neutronenproduktion eine Kettenreaktion der Kernspaltung aufrechterhalten kann.

Professioneller Rat an V.I. Victoria Iphigenia ‚Vic‘ Warshawski, Chicagos weiße Privatdetektivin.“…trage dein bestes Sonntags-Kevlar“. Unerschrocken, professionell, impulsgesteuert, emphatisch: „Wenn du eine Waffe hast, willst du sie benutzen, und wenn du deine benutzt, will dein Gegner seine auch benutzen, und dann wird einer von euch schwer verletzt oder stirbt, während die andere eine Menge Zeit damit verbringen muss, sich dem Staatsanwalt zu erklären.“

Die Suche nach einer Vermissten führt die Privatdetektivin erst in die staubige Prärie von Illinois, wo die verlassenen Farmen des verarmten Palfry County nur noch als Drogenküchen dienen. Warshawski entdeckt dort die Leiche des Drogendealers, seine Gefährtin ist auf der Flucht. Diese Frau, Judy Binder, ist eng mit der Geschichte Lotty Herschels verbunden. Lotty ist mit der Mutter, Käthe Binder, zusammen in den dreißiger Jahren in Wien aufgewachsen. Doch nicht nur die drogenabhängige Judy ist auf der Flucht, sondern auch ihr Sohn Martin, der für den IT-Konzern Metargon arbeitet. Martin, ein Urenkel der jüdischen Wissenschaftlerin Martina Saginor, ein genialer Mathematiker und Computerspezialist. Er hat etwas entdeckt „was nicht aufgeht“ und ist untergetaucht, hat auf „dark gestellt“ sein Dienstgeber, der IT-Konzern Metargon vermutet Geheimnisverrat, ist in Panik und setzt den Heimatschutz auf ihn an.

Die Wissenschaftlerin Martina Saginor im Roman ist an die Österreicherin Marietta Blau angelehnt, die Bahnbrechendes in der Erforschung kosmischer Strahlung leistete, jedoch nie den Nobelpreis bekam, obwohl Erwin Schrödinger immer wieder dafür plädierte, und die in den USA kein Exil bekam, obwohl Albert Einstein sich für sie einsetzte.

Paretzski führt zurück zu den Anfängen der Computer-Technologie, zur Atomforschung und Raketentechnik, Paranoia und Überwachungswahn, zu jüdischen Physikerinnen und opportunistischen Nazi-Wissenschaftlerinnen, die mit der Operation Paper Clip in die USA geholt wurden, nur, damit sie die Sowjetunion nicht bekommt.

Kritische Masse ist pures Genre, ist Spannung, Unterhaltung und Bildung zugleich, eine Lupe in die Vergangenheit und ein Spiegel der Gegenwart, erzählt mit Herz und Verstand von eine großen Kriminalschriftstellerin unserer Zeit.

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Ein feministischer Kriminalroman mit einer hartgesottenen Privatdetektivin, von hardboild bis verletzlich, von Frauen, die Täter und Opfer waren
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Besser miit der alten Mutter durch die Lande zu ziehen, statt sie im Pflegeheim zu besuchen

Eurotrash von Christian Kracht

Er fährt nach Zürich, seine Mutter habe ihn einbestellt. Was wollte sie bloß?

Selbstironisch und schalkhaft zieht der privilegierte Ich-Erzähler die Gegenwart durch den Kakao und lässt auf einer gemeinsamen Schweizrundfahrt mit seiner geistig verwirrten Mutter gekonnt die Grenzen zwischen Biografie und Fiktion verschwimmen.

Sie ist nicht ganz bei Trost, dafür hat sie einen künstlichen Darmausgang und einen Sack voller Geld.

Was einem so alles einfällt, wenn einer an die Decke des Hotelzimmers starrt. So ein Glück, dass er in der Schweiz sein dürfe und nicht in Deutschland sein müsse.

Es war nicht zu entwirren mit seiner Mutter, wie ja alles nicht mehr zu entwirren war.

Auf zum Elphinstone-Nationalpark und zu den Zebras. Wir sehen uns dort. Hoffentlich.

Passend zum Eurotrash ein Liedtext von André Heller: „Schnucki, ach Schnucki, fahr' ma nach Kentucky! In der Bar Ould Schetterhend, da spielt a Indianerbend! Dann in die Pampas auf a Flaschen Schampas. Um halber achte geht der Zug! Ich hab' gesprochen! Hough!"

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Dem Leben beim Stattfinden zuschauen

Über Menschen von Juli Zeh

Berlin Anfang 2020, Corona schreckt bereits, die Klimadebatte nicht mehr so drängend.
Dora mit Hündin Jochen und Fahrrad Gustav von Berlin nach Bracken. Das kann lustig werden? Wenn’s nach Zeh geht nicht unbedingt, vielleicht zwischendurch.

Wer kämpft hier? Stadt gegen Land, Stadt gegen Menschen, Mensch gegen Land, oder überhaupt umgekehrt oder Mensch gegen Mansch, eigentlich.

Und da ist wieder, das Tier und der Mensch, die kleine Hündin Jochen-der-Rochen und Dora. Robert oder Jochen-der-Rochen. Keine Chance gegen Jochen… und schon gar nicht gegen Dora mit Jochen…

Dora, arbeitet in einer Werbeagentur ist Pragmatikerin, Robert das Gegenteil von ihr und deshalb bald Geschichte. Dafür ist sie in Bracken nun „Unter Leuten“ – wer hätte das gedacht. Zeh versteht das Wortspiel, sie spielt mit Worten.
Landflucht, das Ereignis eines geheimen Programms zum Bevölkerungsaustausch (Zitat).

Das berauschende Gefühl von Freiheit, das sich einstellt, wenn man beschlossen hat, auf alles zu scheißen (Zitat).

Dem Leben beim Stattfinden zuschauen. Um einmal nach dem Rechten zu sehen, kann ja so falsch gar nicht sein (Zitat).

Eine Erstverschlechterung, nach der es jetzt aufwärts geht. Wer kein Glück verlangt, wird nicht vom Unglück bestraft (Zitat).

Was ist der Unterschied zwischen einem Realisten und einem Illusionisten? Der Realist sagt, dass ein Vogel mit einem Schnabel nicht lachen kann, der Illusionist sagt, der Vogel lächelt.

Das Leben von Sadie ist krass und Zehs Einlassungen so krass, dass es dir die Nackenhaare aufstellt.

Ruhe und Einsamkeit wünschte sich Dora, bekommt jedoch Grote, den Dorfnazi als Nachbarn und Franzi, seine Tochter und spielt Familie bis sie wieder genau das bekommt was sie sich gewünscht hat: Ruhe und Einsamkeit, damit hat sich der Kreis geschlossen.

Fesselnder wie aufschreckender Schreibstil, nüchtern, nicht ohne Ironie, treffgenau, tut weh und doch nicht romantisch verklärend. Zeh ist und bleibt literarisches Phänomen.

Jochen auf dem Cover fragt sich: „Wann geht’s wieder zurück nach Berlin?“

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Plot ist weithergeholt, ein zufälliges Ereignis reiht sich an das nächste, völlig unrealistisch

DUNKELKAMMER von Bernhard Aichner

Auf den ersten Blick ist dieser Bronski, Pressefotograf mit der verstörenden Leidenschaft, tote Menschen zu fotografieren, vielleicht nicht unbedingt liebenswert. Aber oft sind Aichners Helden verquer Persönlichkeiten, eines seiner literarischen Markenzeichen.

Der erste Fall bringt Bronski, der seiner Heimat Tirol den Rücken gekehrt hat, von Berlin zurück nach Innsbruck: Denn Kurt, abgesandelter Obdachloser, ein ehemaliger Kollege, den Bronski seit Langem kennt, findet in einer Wohnung eine mumifizierte Leiche – ohne Kopf.

Er ruft Bronski an lässt ihn Fotos machen bevor die Polizei zum Tatort kommt.
Bronski handelt mit seiner Redaktionschefin einen finanziell lukrativen Deal aus, und bekommt für diese Wahnsinns-Story – die Tote ist eine seit zwanzig Jahren vermisste Millionärin – aber von seiner Zeitung die toughe Redakteurin Svenja als Aufpasserin zugeteilt. Beide können sich am Angang überhaupt nicht riechen, doch wie heißt es „Gegensätze ziehen sich an“, und wie…

Ein bisserl autobiographisch ist es, denn Aichner ist Fotograph und hat in den 1990ern für die österreichische Tageszeitung „Kurier“ in Tirol gearbeitet. Unfälle, Verbrechen habe er dabei zu umgehen versucht, sich lieber auf Politiker- und Sportlerfotos konzentriert. Manchmal habe es sich aber nicht vermeiden lassen, dass er zu einem Mord gerufen wurde.

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Plot ist weithergeholt, ein zufälliges Ereignis reiht sich an das nächste, völlig unrealistisch
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„Claire DeWitt gewinnt immer“, ihre Überlebensstrategie.

Das Ende der Lügen von Bernhard Aichner

Claire DeWitt, die selbsternannte Königin der Privatdetektive mit einer 100prozentigen Erfolgsquote, die bereits mit zehn Jahren wusste, dass sie die größte Detektivin werden wollte. Der Krimi zappt zwischen drei Zeitebenen hin und her, aktuell Oakland 2011, rückblickend auf Los Angeles 1999 und ihre Teeniezeit 1985.

Im dritten Band der DeWitt-Reihe ist Claire nun 40 Jahre alt. Begnadete Kifferin, locker im Umgang mit Elektroschocker und Waffe, knackt sich ein Fahrzeug, wenn sie eines braucht, ein „devil in disguise“.

Ihre Fälle haben niedliche Bezeichnungen, sind aber für DeWitt nur Rätsel.

Und doch hat es jemand auf sie abgesehen und bei einem Zusammenstoß mit demjenigen verfehlt sie ein riesiges Stück Metall nur knapp. Es wird also Zeit, denjenigen ausfindig zu machen.

Worum geht es eigentlich? 1999, das Rätsel des KBSE, kalifornisches Büro für Sicherheit und Ermittlungsdienstleistungen (CBSIS unbedingt recherchieren). DeWitt fehlen 400 Fallstunden für ihre Lizenz. Ob das der Wahrheit entspricht ist egal, wer Sara Gran liest, muss die Realität hinter sich lassen. Er betritt eine neue Welt und dort ist nichts sicher. Dialoge sind einerseits aus dem Leben gegriffen und doch leicht abgehoben. Gran versetzt den Roman mit Sinnsprüchen. Wer darüber nachdenkt, muss stets zweifeln, ob er gewitztem Geschwafel, eloquentem Wortmikado aufsitzt oder tatsächlich auf eine unkonventionelle Denkart trifft.

„Ich verstand nicht mehr genau, worum es hier eigentlich ging,“ fragt sich DeWitt und der Leser natürlich ebenso.

„Das Leben war nur ein langer, unendlicher Asphalt“ und Jahre später der erste Fall des unendlichen Asphalts 2011.

„Das Alter ist mehr als verstrichen Zeit. Das Alter ist die Zeit, die einen Menschen bricht – seinen Willen, sein Herz, seine Überzeugungen.“

„Also wir haben gerade darüber gesprochen, wie kompliziert das Leben manchmal sein kann. Wir alle wollen gut sein. Also die meisten von uns. Man trifft kaum jemanden, der von sich behauptet, er sei ein schlechter Mensch.“

Den Erzählstil kann man nur schnoddrig bezeichnen, genauso wie man sich DeWitt vorstellen kann, rotzig und kodderig. Wirklich nur am Anfang vermutet man „literary junk food“, doch sobald in Gran eingelesen, genießt man hochklassige Krimiliteratur, auch DeWitt wird wieder ein Mensch.

Kapitel 18. „Cynthis Silverton & das Beinhaus“, eine grandiose, perfekte Vorlage für ein Comic.

„Claire DeWitt gewinnt immer“, ihre Überlebensstrategie.

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Das Highlight zum Schluss: Ende gut, alles gut

VANITAS - Rot wie Feuer von Poznanski Ursula

Starke Frauen geben wieder den Ton an. Oder was immer Poznanski unter starken Frauen versteht.
Ganz am Schluss erfährt man endlich den richtigen Namen der Heldin in Ursula Poznanskis „Vanitas“-Serie, die wechselweise als Carolin Bauer, Springer und zuletzt König vorgestellt wird, heißt in Wahrheit Anna Piroth.

Dass alle diese Pseudonyme an Schachfiguren erinnern, ist wohl kein Zufall.

Als Anna Piroth kennt sie auch der russische Karpin-Clan, in den die junge Frau vom deutschen BKA als verdeckte Ermittlerin eingeschleust worden und vor dem sie als potenzielle Kronzeugin seither auf der Flucht ist. Da diese letzten Endes zwecklos ist und nicht einmal ihr vorgetäuschter Tod etwas genützt hat, beschließt Carolin, dass ein Ende mit Schrecken besser ist als die ewige Angst. Nach dem Motto: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.“ Sie fordert die Karpins auf ihrem eigenen Terrain in Frankfurt heraus. „Es sind so viele Unbekannte im Spiel, ich werde ständig improvisieren müssen“, sinniert Caro. Libanesische gegen russische Clans. Das ist Brutalität mit angeschnittenen Ohren, Schneidbrenner, Elektroschocker und Natronfässer zu Auflösung der Leichen.

Ein „Muss lesen“ für Fauna- und Floraliebhaber, von Nashornbullen und Vipern, für Botaniker, Floristen und Faunatiker.

„Vanitas – Rot wie Feuer“, der dritte Teil von Ursula Poznanskis Thrillerserie, ein Märchen für Erwachsene: Die Heldin ist zunächst schwach und muss im Laufe der Zeit mehrere Prüfungen bestehen. Das Resümee nach drei Bänden ist nicht unbedingt einheitlich. Der erste Band „Schwarz wie Erde“ war gewöhnungsbedürftig, „Grau wie Asche“ bereits hochklassig mit dem Gewinn des Wiener Leo-Perutz-Krimipreis. Mit „Rot wie Feuer“ schließt sich der Kreis, von München über Wien nach Frankfurt und wieder zurück nach Wien.

Erst schleppend erzählt, nimmt der Krimi im letzten Drittel Fahrt auf und die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, das kennen wir von den letzten Bänden und Polanski beherrscht ihr Metier. Das Böse wird bestraft und das Gute? gewinnt.

Coverabbildung
Der Atlasspinner (Attacus atlas) auch Atlasfalter genannt, gehört zu den größten Schmetterlingen der Welt und ist in Südostasien beheimatet. Er kann eine Flügelspannweite von 25-30 cm haben. Da er nur einen verkümmerten Rüssel und keinen Magen hat, kann er weder fressen noch trinken und lebt daher nur wenige Tage. Nach dem Schlüpfen muss er sich innerhalb der nächsten Woche paaren und die Eier legen, um für seine Fortpflanzung zu sorgen.
Der Atlasfalter ist keine fotorealistische Abbildung, sondern eine stilistische Collage von Sabine Schröder.

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Das Highlight zum Schluss: Ende gut, alles gut
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Sie alle sind nicht nur grotesk, sie tun auch groteske Dinge

Bad Regina von David Schalko

Die Morbidität des Dorfes Bad Regina tropft aus allen Zeilen. Ein Kuriosen-Kabinett, eher ein Gruselkabinett: Hereinspaziert, liebe Leute, Sensationen heute: Der dauerbesoffene Othmar mit dem Spitzbauch, Alpha X, ehemaliger DJ im Wachkoma, die hässliche Selma, ihre linkslinke glatzköpfige Tochter Charlotte, die es mit Joschi treibt, dem Sohn des Bürgermeisters, Graf Roland Wegenstein, von altem Adel, Frantz der Heilige – leider nicht mehr unter uns (er hat das Wasser des Jordan getrunken und ist daran zugrunde gegangen), Heidrun die Stille, Karl, der Fröhliche, vom Inzest besonders hart bestraft, die alte Traude mit den verkrüppelten Händen, ein Knochenmikado, der Pfarrer Helge oder Herwig, der wegen Mordes gesessen hat, der Dorfpolizist Schleining, der Petra liebte, mit einem Geheimnis und seinem Vater, der sich den Arm amputieren ließ, um die SS-Tätowierung loszuwerden, „Petzi“ Peter oder Petra, so genau weiß man das nicht, der sozialverkümmerte zehnjährige Klugscheißer Max, Sohn vom Bahnhofsvorsteher Grün und Edit, die Lehrerin – eigentlich war einer ihrer Schüler für Max verantwortlich, Rebekka, ein Virus, Dr.

Schandor, der Zahnarzt, der nur soviel gesunde Zähne zog, dass es nicht auffiel und Angelo, der vertrottelte Kater.
Viele Dialoge eignen sich als Sprechblasen in einem Comic: „Man kann einen Kater nur durch Weitersaufen verhindern.“
Ähnlichkeiten mit real existierenden Lokalitäten sind nicht nur zufällig, sondern bewusst angestrebt.

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Präzise, realitätsnahe und extrem spannende Lektüre

Die Damaskus-Connection von Matt Rees

Die Ärztin Dr. Amy Weston hastet durch die Straßen zum New Yorker Büro der "Immigration and Customs Enforcement" (ICE). ICE ist eine Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit, nach 9/11 neu strukturiert und ist eine der am stärksten verdeckt ermittelnden Strafverfolgungsbehörde der Vereinigten Staaten von Amerika.

Weston ist die auf die Behandlung von Opfern chemischer Kampfstoffe spezialisiert. Ein Mann verfolgt sie, glaubt sich sicher als sie im Lift erschossen wird. Noch bevor sie stirbt kann sie Federal Agent Dominic Verrazzano einen Zettel mit einer kryptischen Botschaft zustecken. Die Zahlenkombinationen erweisen sich als Koordinaten: Damaskus, Syrien, dort wird Sarin gelagert, das tödlichste Nervengift.

Die Ermittlungen führen Verrazzano, ehemaliger Elitesoldat, Söldner - paranoid und Hypochonder - mit seinen Kollegen in das Bürgerkriegsland Syrien zurück, wo er vor einiger Zeit in Aktion war.

Droht den USA ein Angriff mit dem Giftgas Sarin? Doch was genau ist das Ziel und wer steckt hinter diesen perfiden Plänen? Dazu stehen die Ermittlungen unter enormen Zeitdruck.

Präzise, realitätsnahe und extrem spannende Lektüre. Faktenreich und fundiert, rasant und bis zum raffinierten Showdown.

Rees hat mit Verrazzano einen neuen unschlagbaren Helden geschaffen, brillanter Ermittler mit menschlichen Zügen und einer „ehrlichen Haut“, und Dialoge mit einer guten Portion Zynismus. Beim Lesen hatte ich immer Dwayne Johnson vor Augen.

Spannungsgeladener Thriller für alle, die gerne etwas über internationalen Terrorismus lesen. Wer allerdings zart besaitet ist, sollte sich die Lektüre gut überlegen, nicht nur durch seine Actionlastigkeit und die Tatsache, dass die Handlung vermutlich nicht so weit von der aktuellen politischen Lage entfernt sein dürfte, sondern weil unähnliche Leichen den Weg pflastern. Diese Aktualität hat seine Grundlage in der Arbeit des Autors als Journalist in Nahen Osten.

Der deutschen Ausgabe fehlt der Untertitel der englischen Originalausgabe: „An ICE Thriller“, was auf eine neue Thriller-Reihe von Nahost-Kenner Matt Rees hinweist.

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"Das Ganze war kaum auszuhalten"

Ich weiß, wann du stirbst von Unni Lindell

Norwegen. Oslo. Zwei Kriminalfälle, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen: Vor fünfzehn Jahren ist die fünfjährige Thona verschwunden. Die Kommissarin Marian Dahle, die erfolgreiche Ermittlerin in der Abteilung Gewaltverbrechen wird auf diesen Fall angesetzt. Eigentlich ist sie im Krankenstand.

Nach einem Feuerunfall ist eine Gesichtshälfte vernarbt und hat zusätzlich Narben auf ihrer Seele zurückgelassen. Cato, ihr Vorgesetzter hatte sie damals gerettet, möchte ihr eine Chance für den Wiedereinstieg geben, diesen Cold Case zu lösen. Marian hat autistische Züge, ihre sozialen Fähigkeiten sind gestört und ihre Kommunikation beeinträchtigt, aber ihre Intuition und ihr Bauchgefühl sind ihr Erfolgsgeheimnis.

Drei pädophile Männer werden von einem Racheduo in Motorradkluft entführt, grausam gefoltert und getötet. Ein Fall für die Abteilung Gewaltverbrechen, bei dem Dahle gerne mitermitteln möchte, von dem sie aber ausgeschlossen wird.

„Die Fälle waren wie ein Sternbild mit Reihen von Lichtern, von denen jedes in eine andere Richtung blinkte.“ (S. 191)

„Das Ganze war kaum auszuhalten.“ „Dieser ganze Fall, die ganze Geschichte war völlig irrsinnig.“ (S. 372)

Die kurzen Kapitel gewährleisten eine nie abreißende Spannung und eine große Leselust. Dem Charakter Marian Dahle wird besonders viel Aufmerksamkeit gespendet und der Leser entwickelt viel Empathie für Marian. Unni Lindell setzt damit ein Statement für eine starke Frau in einer männerdominierten Polizeiwelt.

Kein klassischer Krimi in dem die Polizei nach einem Verbrechen den Täter sucht, sondern um Auflösung von zwei Fällen mit einer originellen Verknüpfung.

Der Beginn der Marian Dahle-Reihe ist ein Pageturner der Sonderklasse vom Star der Norwegischen Krimiautoren Unni Lindell. Leider endet diese Reihe mit dem zweiten Krimi „Im Wald wirst du schweigen“.

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