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Rezensionen von Manfred Fürst:

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Dystopie oder Utopie?

DAVE - Österreichischer Buchpreis 2021 von Raphaela Edelbauer

DAVE ist die erste KI, die mit einem Bewusstsein ausgestattet werden soll. Raphaela Edelbauer malt eine mythische Dystopie zwischen Traum, Rausch und Immersion: fantasievoll, überbordend, witzig. Ein intensives Cybermärchen.

Schauplatz ist ein riesiges Labor, das einem einzigen Zweck dient, der Schöpfung von Supercomputer DAVE, der ersten KI, die mit einem Bewusstsein ausgestattet werden soll.

Die Welt ist kaputt. Menschliche Maßlosigkeit hat das Draußen unbewohnbar gemacht. Was drinnen übrig blieb, ist hierarchisch streng geordnet. Das Labor ist ein in sich geschlossener Kosmos, nicht nur Arbeitsplatz für Zehntausende Mitarbeiter, sondern zugleich Wohn- und Freizeitort, ausgestattet mit sozialen Einrichtungen und naturähnlichen Simulationen. Die Menschen kennen nichts anderes, wurden in dieser Arche geboren, besuchten hier die Schule, fanden Arbeit und soziale Kontakte, denn das Gebäude darf aus vage angedeuteten Gründen nicht verlassen werden.

Hauptperson ist Syz, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird. Der junge Programmierer ist ein Rädchen in der riesigen Maschinerie und müht sich, in der Laborhierarchie aufzusteigen. Als einer von vielen erstellt er „SCRIPTS“, mit denen in „DAVE“ Kompetenzen der Sprach- und Kommunikationsfertigkeit implementiert werden. Denn Dave verspricht Rettung. Ist die Gottmaschine einmal mit dem ganzen Weltwissen gefüttert, wird sie auch wissen, wie es weitergehen soll.

In der kargen Freizeit spielt er mit seinem Freund Pawel Computerspiele oder hört Popmusik. Und er ist Fan der Informatikpioniere und nährt sich am „Gründungsmythos, aus dessen Kontinuität sich das eigene Sendungsbewusstsein rechtfertigt“.

Das Vorhaben kommt jedoch kaum voran. DAVEs Rechenleistung ist ressourcenintensiv, und die technische Ausstattung des Labors hält den Anforderungen nicht immer stand. So fällt bei einer der regelmäßig stattfindenden Simulationen die Kühlung aus, Serverräume überhitzen, das ganze Gebäude kommt in Gefahr, was durch die Anstrengung der Mitarbeiter knapp verhindert werden kann.

„Wir, unsere Körper sind limitiert von biologischen Beschränkungen, die uns ein Leben lang als gegeben eingetrichtert wurden. Unser Verstand läuft leider auf einer imperfekten Hardware, aber Überraschung, wir arbeiten an einer Technologie, die es möglich machen wird, uns selbst zu gestalten - unseren Verstand auf einer anderen Hardware laufen zu lassen.“ (S. 151)

DAVE zu lesen ist eine zweifache Herausforderung. Einerseits eine literarische Meisterleistung in bisher ungekannter Art, der man sich stellen muss, nicht ohne ein Lexikon in Griffweite und andrerseits die inhaltliche Komplexität, die einen unweigerlich erschaudernd erfasst und fragen lässt: Dystopie oder Utopie?

Ich hibernisiere mich nun.

Raphaela Edelbauer, 1990 in Wien geboren, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk »Entdecker. Eine Poetik« wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Außerdem wurde ihr der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Mit ihrem Roman »Das flüssige Land« stand sie auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und des Österreichischen Buchpreises. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

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Dystopie oder Utopie?
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Kein Thriller von der Vielschreiberin Brown

Nachtglut von Sandra Brown

Mord und Vergewaltigung an „Patsy“ Patricia Joyce McCorkle vor 22 Jahren, dieses ungeklärte Verbrechen zehrt an „Ezzy“ Ezra Hardge, Sheriff von Blewer County. Selbst im Ruhestand mit 72 Jahren will er diesen Cold Case auflösen, auch dann noch, als seine Cora nach 50 Ehejahren aus dem trauten Heim auszieht.

Der zweite Strang schildert den Ausbruch von Carl mit seinem Anhängsel Myron und dessen blutige Spur durch Süd-Texas. Nach 22 Jahren will Rache an seinem Stiefvater, der in von zu Hause verjagt hatte.

Und dann taucht genau zu diesem Zeitpunkt ein gewisser Jack Sawyer auf. Zufällig?

Was auf den ersten 500 Seiten folgt ist für einen echten Triller-Fan kaum zum auszuhalten, romantischer und kitschiger Schmus ohne Ende. Für Spannung sorgen, wie könnte es anders sein, der Showdown am Ende. Für einen Krimi-Fan noch weniger, denn es gibt überhaupt keine Ermittlung. Routiniert geschrieben und nicht unlesbar, dafür hat die Übersetzung gesorgt.

Der Stiefvater wird eingegraben
„Nie besann man sich bereitwilliger auf Tradition als im Angesicht des Todes.“

Nach einer erfüllten Nacht:
„Sie betrachtete ihn mit dem besonderen Lächeln, das eine Frau einem Mann nach einer erfüllten Nacht schenkt.“

Der Originalausgabe von 1998 folgten bis 2018 noch weitere 22 Romane deutscher Verlage, keine Thriller im eigentlichen Sinn, sondern ein neues Genre, von ihr kreiert: Passion&Sex&Crime, ich werde keinem der weiteren folgen.

Sandra Brown ist 73 Jahre alt, auf ihrer Webseite blickt uns ein Foto entgegen von einer 25jährigen Frau, von der es heißt, sie könne vom Verkauf ihrer Bücher gut leben.

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Kein Thriller von der Vielschreiberin Brown
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Macht, Moral und Medien: In diesem Spannungsfeld handelt der neue Bestseller "Der Fall des Präsidenten" von Marc Elsberg.

Der Fall des Präsidenten von Marc Elsberg

Ein ehemaliger US-Präsident wird vom Internationalen Strafgerichtshof (ICC) wegen Menschenrechtsverletzungen bei Militäroperationen angeklagt. Die Initialen dieses amerikanischen Ex-Präsidenten: D.T. Nicht zufällig. Der Roman ist angelehnt an das Handeln der letzten drei US-Präsidenten, George W.

Bush, Barack Obama und Donald Trump.

Die USA anerkennen die Zuständigkeit des ICC für US-Bürger nicht an, arbeiten aber mit dem Gerichtshof zum Teil zusammen, wenn es um andere Fälle geht. Eigene Bürger aber würden sie gemäß dem American Service-Members’ Protection Act (ASPA) notfalls mit Gewalt befreien, sollte der ICC so weit gehen, US-Bürger verhaften zu lassen.

Überraschend für die US-Amerikanische Administration, beginnend beim aktuellen US-Präsidenten, die sich alle für sakrosankt halten wird der Ex-Präsidenten D.T. in der griechischen Metropole Athen verhaftet. Mitten drin die junge unerfahrene Juristin Dana Marin, vom ICC nach Athen geschickt um die Verhaftung zu verfolgen und die Überstellung nach Den Haag zu bewerkstelligen. Die Amerikaner wollen das unter allen Umständen verhindern und „schießen aus allen legalen und illegalen Rohren.“

Man muss sich schnell von einem Realitätscheck verabschieden, sonst landet man in der Glaubwürdigkeitsfalle. Es ist ein Roman und kein Tatsachenbericht. Teile lesen sich wie die Abenteuer von Huckleberry Finn und Tom Sawyer, hier mit den modernen Spielern, Dana&Alex. Doch sollte die ICC-Mitarbeiterin Dana Marin nicht auf eine Abenteurerin reduziert werden, sondern als eine Unerschrockene, in ihrer Ideologie Gefestigte, die sich von untergriffigen und widrigsten Anfeindungen nicht von ihrer Anklagearbeit abbringen lässt. Ihr Gegenspieler Derek, ‚Presidents first man‘, nicht ganz so unsympathisch dargestellt, dass man ihn unbedingt hassen müsste.

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Macht, Moral und Medien: In diesem Spannungsfeld handelt der neue Bestseller "Der Fall des Präsidenten" von Marc Elsberg.
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Fast 1200 Seiten umfasst der fünfte Band von J. K. Rowlings Krimiserie und diese garantieren spannendes Lesevergnügen.

Böses Blut von Galbraith Robert

1155 und 1195 sind die markanten Zahlen von Robert Galbraith/ JK Rowlings Roman Böses Blut, im Original Troubled Blood, aber keine Jahreszahlen aus der keltischen und angelsächsischen Ära Cornwalls, sondern das Druckwerk ist 1155 Gramm schwer und hat 1195 Seiten, kein Taschenbuch, eher etwas für den Rucksack.

Drei Übersetzer waren nötig, unbekannt ist die Zahl der Lektoren.

„Gib dem Affen Zucker“ wird sich JK Rowling denken, denn beginnend mit 656 Seiten in Band 1 hat sie sich ‚hochgearbeitet‘ auf fast 1200 Seiten in Band 5. Allen zukünftigen Lesern sei empfohlen, zügig zu lesen, um den Faden nicht zu verlieren.

Cormoran Strike und seine Partnerin Robin Ellacott übernehmen einen ungelösten Fall: 40 Jahre zuvor ist die Ärztin Margot Bamborough an einem Freitagabend spurlos verschwunden. Sie hat ihre Ordination im Londoner Stadtteil Clerkenwell verlassen und ward nie wiedergesehen.
Auftraggeberin ist Bamboroughs Tochter Anna; ein Jahr haben Strike und Ellacott Zeit, den Fall zu lösen. Bald kommt ein Verdacht auf den Serienmörder Creed, der genau in jener Zeit Frauen entführt und auf bestialische Art und Weise umgebracht hat. Aber auch Ermittlungspannen tun sich vor den Privatdetektiven auf. Und Galbraith/Rowling bereitet fast genüsslich die kleinteilige Ermittlungsarbeit vor ihre m/w Leserschaft auf. Jedes kleinste Detail wird geschildert, inklusive langwieriger Gespräche mit gealterten Zeitzeugen. Den Mörder auf Grund von astrologischen Analysen aller Beteiligten zu finden ist ein esoterischer Ansatz, der nur JK Rowling einfallen kann. Damit die Darstellung eine realistische wird, werden die restlichen Fälle der Detektei miteinbezogen, denn eine Detektei muss mit simplen Beschattungen Geld verdienen.

Na wenn die Detektei für den Bamborough-Fall zwölf Monate Zeit hat, ist es irgendwie verständlich, dass JK Rowlings ihren Roman Böses Blut auf fast 1200 Seiten ausdehnt.

Zweifelsfrei kann JK Rowling Geschichten erzählen und den Leser bei der Stange halten. Irgendwie müssen die fast 1200 Seiten voll werden und deshalb wird der Plot wie ein Teig ausgewalzt, gerade so dünne, dass er nicht reißt. Das ist auch die große Kunst der Pizzabäcker und dass der Lesefortschritt nicht abreißt, diese Kunst beherrscht JK Rowling perfekt: Im Detail werden die familiären Verhältnisse von Cormoran zu seinem Vater, seiner Mutter, seiner Tante und seinem Onkel, seiner Schwester, seinen drei Neffen, seiner Schwägerin und seinen Halbgeschwistern präzisiert. Zu seinem Freund Dave und wohl die spannendste Beziehung zur zehn Jahre jüngeren Robin. Tiefen Einblick bekommt der Leser in Robins Familie: Ist doch klar, dass die Eltern eines Neugeborenen aus dem Häuschen sind und sie das schönste Kind auf der ganzen Welt haben, ungeachtet dessen, dass manche Babys wie Dumpfbacken in die Welt glotzen und anderen die Intelligenz nur so aus den Augen blitzt.

Aufgebaut gleicht der Roman einem kartographischen Bildbaum, blattlos mit unzähligen Verästelungen: …bis zu den Knöcheln geringelte Socken…, …ließ einen tadelnden Kommentar bezüglich des Fouls durchgehen, für das Szczeny vom Platz gestellt worden war…

Robin: „Schon mal was von der Implementierung der Theorie der sozialen Identität in die Ermittlungsarbeit gehört?“

Atemberaubend, labyrinthisch, episch – der 5. Cormoran-Strike- und Robin-Ellacott-Roman fesselnd und faszinierend.

Was JK Rowling irgendwo gesagt hat, ob sie eine zu lange Nase hat und dass sie früher arm und arbeitslos war ist irrelevant; sie ist Autorin und das einzige was zählt ist das war sie schreibt.

„Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten beisammen nicht kommen, das Wasser war zu tief, das Wasser war viel zu tief.“

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Fast 1200 Seiten umfasst der fünfte Band von J. K. Rowlings Krimiserie und diese garantieren spannendes Lesevergnügen.
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Die Spannung wird durch ständig neue Rätsel immer weiter hochgeschraubt

Blindgang von Jørn Lier Horst

DROEMER hat der Einfachheit halber den norwegischen Originaltitel BLINDGANG für die deutsche Ausgabe übernommen, obwohl Blindgang kein deutsches Wort ist, übersetzt heißt Blindgang SACKGASSE. Im norwegischen Polizeijargon ist ein „Bildgang“ ein Aspekt, ein Zugang zu einer Straftat, der von den Ermittlern übersehen wurde.

Nicht so von William Wisting.

Sofie Lund erbt das Haus ihres ungeliebten Großvaters Frank Mandt in Stavern und zieht dort widerwillig mit ihrer Tochter ein. Kurz darauf trifft sie die hochschwangere Line, ihre Freundin aus Schulzeiten, die sich ebenfalls in ihrem Heimatort ein Haus einrichtet. Deren Vater, Kommissar William Wisting, hat derweil mit einem seit sechs Monaten ungeklärten Vermisstenfall um den Taxifahrers Jens Hummel zu tun, zu dem es jetzt durch seine frühere Freundin Suzanne neue Hinweise gibt. Sofie Lund lässt den Safe ihres Großvaters im Keller ihres geerbten Hauses öffnen, findet mit rot markierte Banknoten aus einem Überfall und eine Waffe, mit der zwei Morde begangen wurden. William Wisting läuft zu einer Hochform auf.

Horst, als ehemaliger Kommissar der norwegischen Polizei, kann es sich nicht verkneifen ein paar Seitenhiebe gegen seine ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten auszuteilen. Er beklagt die Zunahme der organisierten Kriminalität, die restriktiven rechtlichen Rahmendbedingungen, die knappen Ressourcen, das mangelnde Vertrauen der Vorgesetzen in die Kompetenzen der Kommissare und unkooperative Kollegen anderer Polizeidistrikte.

Perfekt wird der aktuelle Fall beschrieben: „Bei allen Fällen gab es einen Verborgenen Zugang. Eine versteckte Öffnung, die erst auftauchte, wenn man alles in den richtigen Zusammenhang gebracht hatte.“ Oder anders gesagt: Man musste nur die richtigen Puzzleteile finden und an die richtige Stelle setzten.

„Es geht nicht nur um Polizeiarbeit, sondern Zeichen zu deuten und dem, was wir sehen, einen Sinn zuzuschreiben,“ sagt Wisting tiefsinnig.

Horst schreibt Krimis in Reinkultur, ohne übertriebenen Pathos, ohne Effekthascherei, nicht sensationslüstern, weder witzig noch ulkig, sondern sachlich, glaubwürdig – uneingeschränkt authentisch. Wie das unbestechliche Protokoll einer Ermittlung. Durch die Beschränkung auf die wahren Werte eines Krimis entsteht ein literarisches Werk der absoluten Hochklasse. Jørn Lier Horst ist nicht der Nachfolger von Nesbø, sondern der neue Nesbø.

Ab 2017 hat PIPER die Wisting-Reihe herausgegeben, mit einer Zuordnung in die Cold Cases. Mit dabei die Hauptprotagonisten William Wisting natürlich und Line. Sie ist dann doppelt belastete Alleinerzieherin, und das ist für Horst wieder Grund genug auf dieses gesellschaftliche Problem besonders einzugehen. Weiter mit Kommissar Nils Hammer und Sofie, die wiedergefundene Freundin von Line.

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Die Spannung wird durch ständig neue Rätsel immer weiter hochgeschraubt
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Ein besonderes Leseerlebnis!

Roter Affe von Kaska Bryla

Fünf Protagonist*innen hat der Roman, die in der JVA Moabit in Berlin als Gefängnispsychologin arbeitende Psychologin Mania, ihre Freunde Tomek, Ruth, Zahit und die Hündin Sue, alle erzählen aus ihrer Perspektive. Alle haben Migrationshintergrund. Die einen kommen von Polen nach Österreich und Deutschland, der andere kommt aus Syrien.

Bemerkenswert die Form des Romans, sie ist eine andere, an die man sich erst gewöhnen muss. Theaterdialoge und exakte Schilderungen von Geschichte und Gesellschaft Polens sind besonderes Anliegen der Autorin.

Ruth: „Nur wenn man genau darauf achtet, was zwischen den Sätzen geschieht und wie das Gesagte, die Gestik und die Mimik einander widersprechen, erkennt man, was sich hinter dem Schleier verbirgt.“

Tomek: „Um zu verstehen, wie eine Person die Welt wahrnimmt, muss man verstehen, wie die Welt diese Person wahrnimmt.“

MANIA muss man erst einmal heißen: Was passt zum Persönchen Mania am besten? Manie, Wahnsinn, Wut, Raserei, Besessenheit, Tollheit, Verrücktheit, Leidenschaft. Die Autorin hat sich bei der Namensnennung sicher etwas dabei gedacht. Dem Leser obliegt es den Namen Mania zu interpretieren.

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Ein besonderes Leseerlebnis!
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Aus Glück wird vollversorgter Gutfühlknast, ganz sanft und unnachgiebig. Club Med noir.

One-Way-Ticket ins Paradies von Joseph Incardona

One-Way-Ticket ins Paradies ist zwar kein Krimi im eigentlichen Sinn, aber doch eine spannende Mischung aus Spannungs-, Abenteuer-, Familien- und Horrorgeschichte. Die Bankiersfamilie Jensen ist auf einem Horrortrip in einem Ressort irgendwo im Indischen Ozean, der sich zunächst als Alptraum entwickelt.

Es mir als Leser überlassen hinter die üblen Geheimnisse dieser Insel zu kommen. Mich hat der Resortaufenthalt als Katalysator der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie Jensen fasziniert. One-Way-Ticket ins Paradies ist ein Abgesang auf den neoliberalen Luxuswahn – und ein pechschwarzer, hinterlistiger Noir ohne jeglichen Ausweg.

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Weit mehr als ein Spionagethriller

American Spy von Lauren Wilkinson

Alles Äußere an diesem Buch ist unattraktiv. Orangefarbenes Cover, rote dicke Titel- und schwarze dicke Autorenletter, das wiederum mit der schwarzen Autorin harmonisiert und die stilisierte Rückansicht eines schwarzen dünnen Mädchens mit einem Umhang an die US-amerikanische Flagge angelehnt. Und dann noch das dicke Papier, natürlich FSC zertifiziert – einfach eine furchtbare Haptik.

Doch nicht von diesen schrecklichen äußeren Eindrücken täuschen lassen und auf den Inhalt schließen. Dieser Debütroman von Lauren Wilkinson (bereits die dritte Auflage 2020) ist von großer literarischer Klasse. Hervorragend und außergewöhnlich was den Plot, den Schreib- und Erzählstil betrifft. Kompliment an Lektoren und Übersetzer.

Am Anfang Connecticut, 1992: Marie Mitchell, die Heldin? in “American Spy” schreibt alles auf, wie einen Brief oder ein Tagebuch, um ehrliche Antworten auf die Fragen ihrer Kinder zu geben, die sie sich im Laufe ihres Lebens stellen werden. Sie schreibt alles hier auf, falls sie dann nicht mehr da ist: Sie kann ihnen erzählen, wer den Mann geschickt hat, der bei ihr eingebrochen ist, sie töten wollte, und warum. Diesen Mann hat sie während des Kampfes eine Kugel in den Kopf geschossen. Daraufhin verlässt Marie New York mit ihren vier Jahre alten Zwillingen, William und Tommy und ihrem Hund Poochini in Richtung Martinique, wo ihre mémé Agathe wohnt. Ist Marie auf Martinique in Sicherheit?

Marie Mitchell mit eckigem Charakter, was ist das? Findet es heraus. Sie steckt beim FBI im gewünschten Karriereaufstieg fest.

„Ein Geheimnis birgt Macht, angewandte Macht ist Stärke, Stärke bedeutet Kraft, und Kraft ist immer von Vorteil,“ Marie ist viel zu klug für ihre Schreibtischarbeiten beim FBI. Sie hat eine unheimlich gute Beobachtungsgabe, ein ausgesprochen gutes Gedächtnis und von Natur aus ein gutes Ohr für Akzente. Sie ist eine extraordinäre und gnadenlose Analytikerin.

Nebenbei, eine der zauberhaftesten Feststellungen je gelesen, vor allem für einen Vielleser: “Mich interessiert immer, was jemand dazu bringt, ein bestimmtes Buch zu lesen.“ „Und dass es gar keine richtige oder falsche Antwort auf diese Frage gibt, ob die gelesen Bücher gefallen haben!“

Von 1983 bis 1987 hat Marie in New York für das FBI gearbeitet. Sie wird von der CIA-Kollegen auf den revolutionären Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara, angesetzt, offenbar als “Honigfalle”. Sie lässt sich darauf ein, obwohl sie eigentlich mit seinen politischen Zielen sympathisiert. Marie analysiert ihre problematische Situation treffend: „Ich bin eine Frau, ich bin auch noch schwarz, da steht es schon mal zwei zu null gegen mich."

Die wahre Identität von Marie konnte man schon immer anhand der Menschen erkennen, denen sie ihr Herz geschenkt hatte.

“American Spy” ist kein Thriller, sondern ‚A NOVEL‘, wie bei der englischen Originalausgabe, ein Roman. Für die Autorin Lauren Wilkinson stehen weder Krimi- noch Thriller-Elemente im Vordergrund, sondern viel mehr die Person Marie Mitchell, in der Zwickmühle zwischen FBI und CIA, und ihrem Idealismus für die richtige Seite zu kämpfen. Gegen den Imperialismus und den latenten Rassismus. Sie thematisiert die Ausbeutung afrikanischer Staaten durch westliche Staaten wie US-Amerika und Frankreich. Sie verbindet großartig die damaligen politischen Verhältnisse in Burkina Faso von 1987 mit dem persönlichen Schicksal von Marie. Natürlich ist “American Spy” ein Spionageroman, aber auch ein Familienroman, das sehr innige Verhältnis zu ihrer Schwester Helene und das ambivalente Verhältnis zu ihrer Mutter und ihrem Vater bestimmen große Teile des Romans.

Lauren Wilkinson, 36, aufgewachsen in New York City, lebt in der Lower East Side. Sie lehrte Schreiben an der Columbia University und am Fashion Institute of Technology. Ihre Texte sind im Granta Magazine erschienen.

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Weit mehr als ein Spionagethriller
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Provokante Gesellschaftssatire mit finsterem Humor

Virginia von Nell Zink

Verklemmtheit in den frühen 60er Jahren im US-Südstaat Virginia. Selten derart stilistisch Beeindruckendes gelesen:
…aber nun fing er an zu überlegen, ob er wirklich Jungs mochte oder nur die falschen Mädchen kennengelernt hatte.
…und am nächsten Nachmittag heirateten sie für fünfzehn Dollar.

Er: Lee ist der schwule Spross einer konservativen WASP-Familie.
Sie: Peggy fühlt sich zu Frauen hingezogen.

Lee ist mit Emily im indischen Hängebett zugange und steigt bekleidet mit einem engen Netzhemd mit einem Jungen ins Kanu. Lee hatte gedacht, seine Homosexualität sei vielleicht ein gewaltiger Tippfehler. Peggy fährt Lees unersetzlichen VW-kurierwagen Langsam und entschlossen in den See. Ich vermute, das Auto auf dem Cover ist kein VW, aber der See könnte der Salton Sea sein, obwohl er in Kalifornien ist. Die Familienkrise bricht aus.

Peggy hat ihre Flucht vorbereitet und will beide Kinder mitnehmen, doch nur Mickie dabei, für die sie sich die Papiere eines toten schwarzen Mädchens erschwindelt. Fortan gilt die hellblonde Tochter als schwarz und heißt Karen. Und als "Schwarze" leben Mutter Meg und Tochter nun unerkannt in dem kleinen Ort in Virginia, wo sie sich in einem leerstehenden Haus Nachfragen nach ihrem Verbleib entziehen.

Eine Coming-of-Age-Geschichte als Satire über Geschlechterrollen, Rassenzugehörigkeit, College-Leben und ein Schluss Slapstick-Krimi mit Situationskomik und Wortwitz.

Cover
Die Vorlage für das Cover stammt aus einer Fotoserie von Sean Murphy, Salton Sea, California, USA. Titel: Young man with mobile phone sitting on roof of car in water, wobei der Verlag den jungen Mann wegretuschiert hat; somit ist das „car in water“ übriggeblieben.

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Spannung, ein scharfsinniger Ermittler und ein interessanter Plot sind garantiert

Wisting und der Atem der Angst von Horst Jørn Lier

WISTING zum Dritten in 84 Häppchen.

Jørn Lier Horst beherrscht sein Metier des Krimiautors perfekt. Bereits die Beobachtung des Signals des entwichenen Serienmörders Tom Kerr ist von absoluter Spannung.

Der inhaftierte perverse Killer Tom Kerr soll bei einem Außentermin die Polizei zum Grab seines Mordopfers führen.

Er „entledigt“ sich seiner Fuß- und Handfesseln, sprengt seine ihn begleitenden Beamten in die Luft, entdeckt die geheimen Sender und verschwindet mit einem Motorboot. Nicht gerade ein Ruhmesblatt der norwegischen Polizei, die meint ‚Kerrs Plan war besser als ihrer.‘ Zu dieser Schande kommt die persönliche Schmach: William Wisting, als Distriktverantwortlicher wird er plötzlich zum Sündenbock gemacht und muss sich der internen Ermittlung stellen.

Horst hat an Line, erst angestellte, dann freischaffende Journalistin, Tochter von William Wisting, insgeheim ihrer wahren Bestimmung folgend eine Kriminalkommissarin, einen „Narren gefressen“ und gibt ihr immer mehr Raum. Alleinerziehend, wenig Kontakt zu ihren früheren Freunden, zum Erzeuger ihrer Tochter hüllt sich Horst in Schweigen. Für mich etwas zu viel Line, aber für Horst vielleicht ein Gegenpol zu den polizeilichen Ermittlungen.

Was mich an diesem Kriminalroman besonders beeindruckt hat fasst Horst im „Epilog“ zusammen und im Kapitel 45 im Gespräch des Psychiaters von Tom Kerr Elias Wallberg mit Line: Grausamkeit und Bösartigkeit der Menschen.
‚Was sei Bosheit, woher kommt sie und wohin kann sie führen?‘ ‚Bosheit ist die innere Finsternis, ein Drang, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen.‘ ‚Bosheit sei etwas, was wir nicht verstehen, weil wir nicht wissen, woher sie kommt, können uns nicht dagegen wehren oder verhindern. Genau wie bei der Liebe.‘ Bosheit muss keine psychische Abweichung sein, sie kann auf physischen Prozessen im Gehirn beruhen. Psychopathen können Defekte oder Mängel in dem Teil des Gehirns haben, in dem die Persönlichkeit geprägt wird, ihnen fehlen die entsprechenden Gehirnzellen, die Gefühle wie Reue, Scham, Schuld, Angst oder Unbehagen hervorbringen können.
Das Verhalten von Tieren wird von Impulsen und Instinkten gesteuert, normale Menschen handeln nach ihrem Gewissen, Kerr hat kein Gewissen, in dieser Hinsicht gleicht er eher einem Tier als einem Menschen.

Aus kriminalistischer Sicht steht im Mittelpunkt die verzweifelte Suche nach dem „Anderen“, einem Phantom, dem Nachahmer und vermeintlichen Komplizen von Kerr, dem die norwegische Polizei bereits seit Jahren nachjagt. Autor Jørn Lier Horst versteht es meisterhaft, immer wieder falsche Fährten zu legen, als Leser glaubt man an völlig unglaubhaften Verdächtigen und baut überraschende Wendungen ein. Das Ganze gipfelt in einem spektakulären Showdown.

William Wisting ist kein Haudrauf wie manch andere seiner Kollegen, sondern ein ruhiger, aber dennoch ein sehr zielstrebiger und erfolgreicher Ermittler.

Ich bin ein Fan von William Wisting und ein Liebhaber des Autors Jørn Lier Horst.

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