Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Manfred Fürst:
Die Toten kleiden sich in den aufziehenden Rauch
Weiß von Han Kang
In einer Mietwohnung in der Hauptstadt (Warschau?) eines der Erzählerin, wohl Han Kang, unbekannten Landes.
Ein Mädchen, Han Kangs Schwester, wurde etwa zwei Monate zu früh geboren, die Mutter zweiundzwanzigjährig, völlig allein, schnitt sich selbst die Nabelschnur durch. Das Mädchen wurde nur zwei Stunden alt.
Die traumatisierte Erzählerin schreibt in ihrer Mietwohnung an einer Liste weißer Dinge, um sich selbst zu therapieren. Han Kang ist Koreanerin und in fernöstlichen Kulturen wird der Tod mit der Farbe Weiß assoziiert.
Das Weiße meist unscheinbar und bleibt oft unbemerkt. Dabei muss man die Nicht-Farbe nur genau betrachten und schon sieht man, welche Tragik in ihr stecken kann.
In allen weißen Dingen werde ich dich spüren und in dir weiteratmen (Han Kang).
Eine Handvoll Wörter auf weißem Papier, das nicht weiß ist. Welche Farbe hat es denn, wenn es überhaupt eine Farbe ist?
Han Kangs Roman Weiß ist eine poetische Meditation über den Verlust ihrer Schwester. 150 Seiten, Ich – Sie – Alles weiß, in 63 kurzen Kapiteln, ein Roman zwischen Kurzprosa, Lyrik und Autobiographie mit schwarzweißen Abbildungen aus einer Ausstellung. Auch wenn Han Kang in ihrer Mietwohnung zunächst alles weiß streicht, die Farbe der Seiten ihres Romans hat der Aufbau-Verlag augenfreundlich hellgrau gestaltet. Für lyrische Leserinnen und Leser, die Gefallen finden an leiser und melancholischer Literatur.
Das Buch ist klug, es nimmt mit, es ist voller Ideen und wunderbar geschrieben
Herrmann von Bettina Gärtner
„Treffen sich zwei Mittvierziger heimlich im Wald“, erste Zeile, erster Halbsatz, Beginn seines Witzes? Nein, nur der Beginn eines witzigen Romans.
Banalitäten des Alltags für die Einen, persönliche Tragödien für die Anderen.
Warum sollte Herrmann beim Heckenschneiden nicht auf die Schneidblätter der Gartenschäre starren, wenn ihm seine Schwester Lindi von dem durchtrennten Samenleiter ihres Freundes erzählt?
In einer überaus absurden bis grotesken Studie über das privates und berufliche Dasein des Mittvierziger Herrmann schildert Bettina Gärtner sein multiples Mittelschichtsleben zwischen Hauptstadt, Kleinstadt und dem Ort, seiner Heimatgemeinde: Herrmann als von seiner Frau Rieke Verlassener, Bruder von Linde und Sohn von Mutti, Zwingerhalter und Hundezüchter, Revierjäger und Unkündbarer.
Bettina Gärtner präsentiert einen Roman eloquent und mit viel Sprachwitz über Herrmanns aktuelle Arbeitswelt, von der man höchstens erahnen kann, dass sie sich im IT-Bereich anspielt und karikiert deren maßlose Selbstüberschätzung mit unzähligen Anglizismen. Ganz nah an der Realität, mit viel tragischer Komik, einer bewundernswerten sprachlichen Ausdrucksschärfe und einer brillanten Erzähl- und Schreibtechnik, die dem Roman zu einem besonderen literarischen Erlebnis macht.
Bettina Gärtner, 1962 in Frankfurt am Main geboren, lebt seit 1969 in Wien, eine Wahlösterreicherin. Sie studierte Jus und Geschichte nicht zu Ende, kurz auch Journalistisches, danach Ausbildung und Erwerbstätigkeit in Grafik und Medienherstellung. 2008 begann sie in Literaturzeitschriften zu veröffentlichen, 2015 erhielt ihr erster Roman Unter Schafen die Autorinnenprämie für besonders gelungene Debüts vom österreichischen Bundeskanzleramt/Sektion Kunst und Kultur.
Ein Captain America, maßgeschneidertes Idol für eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe der USA
Sniper von Lee Child
Jack Reacher, der Hauptprotagonist in den Romanen von Lee Child, ist ein Einzelkämpfer, ein Einzelgänger, kein Frauenverächter und ein echter Held mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit: Raffiniert, intelligent, willensstark und früher der beste Mann der US Army. Reacher hat keinen Besitz (kein Auto), keine Familie und keine Verpflichtungen.
Als ehemaliger Elite-Militärpolizist führt der Ex-Major ein Vagabundenleben, aber ist immer genau dort, wo es gerade brennt. Mehr oder wenig freiwillig übernimmt der unkonventionelle Ermittler brisante Fälle, die ihm vom US-Geheimdienst oder der Polizei erteilt werden. Oder der gerechtigkeitsliebende Reacher mischt sich ohne Auftrag ein. Ein Held ohne Furcht und Tadel, ein Ritter der Neuzeit, immer siegreich und unverwundbar. Mit einer inneren Rastlosigkeit, dem Drang ständig in Bewegung zu bleiben und nie zurückblicken. Beseelt von einer Sehnsucht, nie mehr zweimal das Gleiche zu tun. Er steuert einem Horizont entgegen, den er nie erreicht. Ein Captain America, maßgeschneidertes Idol für eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe der USA.
Inzwischen ist die Jack Reacher-Serie bei Buch Nr. 25 angelangt (2020). Sniper war die Nr. 9 im Jahre 2005.
Lee Child hat mit dieser Thriller-Reihe ohne Zweifel den richtigen Spürsinn für erfolgreiche Thriller-Literatur bewiesen. 60 Millionen verkaufte Exemplare in über 100 Ländern sind ein deutlicher Nachweis einer treuen Leserschaft.
2012 wurde Sniper mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt. Tom Cruise entspricht nicht zu 100 % seinem literarischen Vorbild, aber den Filmemachern war ein Tom Cruise zu 100 % lieber, als anderer Schauspieler mit 1,9 m Körpergröße mit nur 80% Ausstrahlung.
Sechs Schuss aus einer Springfield M1A Super Match Autolader mit Patronen Lake City M 852, fünf Tote, ein Scharfschütze, das Werk eines Snipers. Alle Indizien weisen auf eine einzige Person, fast zu perfekt, als realistisch zu sein. Ein korrupter Polizist und der Staatsanwalt reiben sich die siegessicheren Hände ob dieses todsicheren Prozesserfolges; wenn da nicht Jack Reacher in diesen Fall involviert wäre und zu recherchieren begänne. Lee Child packt Russland, den Erzfeind der USA in die Geschichte mit alten Gulag-Insassen dazu. Es fehlt auch nicht der Hinweis auf die waffenverliebten US-Amerikaner und heimischen Automobile, im Gegensatz dazu die „importierten SUV“ (etwa aus D?).
Lee Child kennt die Erwartungen seiner Leser und erfüllt diese in routinierter Weise. Literarisches Highlight ist es keines, dazu sollte sich lesende Feinspitz eine andere Literatur suchen Der Schreibstil behindert nicht das flüssige Lesen, der Plot ist im Großen und Ganzen glaubwürdig, das Ende ist vorhersehbar, denn Jack Reacher muss weiterleben.
Zum Schluss doch noch ein Bonmont von Reacher (S. 411): „Für einen denkenden Menschen ist es nicht möglich, in einer Gesellschaft wie der unseren zu leben, ohne sie ändern zu wollen.“
Nur eine Astrologie, die nachvollziehbar und überprüfbar ist, ist nicht spekulativ und beliebig
Sniper von Lee Child
Überprüfbare Gesetzmäßigkeiten statt Beliebigkeiten.
Es gibt keinen einzigen Grund, an Astrologie zu glauben. Es gibt jedoch viele Gründe, von Astro-Logik fasziniert zu sein. Gabor Neuman hat zum Thema Systemkritik promoviert und beschreibt in seinem Buch überprüfbare Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten, die der Astrologie und der Deutung von Horoskopen zugrunde liegen.
Die dargestellte Bildsprache der Astrologie fasziniert vor allem durch eine einzigartige Systematik, die logisches Denken in Analogien und Sinnbildern schult.
Egal, ob man an Astrologie glaubt oder nicht, es geht Neumann um grundsätzliche Forderungen. Drei Dinge gilt es zu klären: Erstens die vielen pauschalen Vorurteile gegenüber der Astrologie in Frage stellen. Zweitens zeigen, dass Astrologie auf einem System von überprüfbaren Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien beruht. Drittens einstehen für eine ganzheitliche Deutung, die die üblichen Einzelaussagen trotz der unvermeidbaren Widersprüche nachvollziehbar zusammenfasst.
Der Astrologie ist nicht blind zu vertrauen oder gar unwissend an sie zu glauben. Das Motto lautet: „Falsifizieren statt Verifizieren.“ Nur auf diese Weise hat man eine Chance, sich der Astrologie unvoreingenommen zu nähern. Ablehnung einer illusionären Astrologie und den Esoterik-Kommerz. Es ist eine trügerische Suggestion, dass Astrologie mit Sternen und Kosmos in Verbindung gebracht wird. Die Tierkreiszeichen beziehen sich seit Jahrtausenden ausschließlich auf den erdnahen Stand von Sonne, Mond und Planeten. Sie orientieren sich am Zeitpunkt der Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden - egal welche Sterne jeweils im unvorstellbar weit entfernten Weltall am Himmel zu sehen sind.
Der Hauptgrund sich mit Astrologie überhaupt beschäftigen ist die Chance, sich selbst durch die Deutung des Geburtshoroskopes besser kennenzulernen. Als Orientierungshilfe zur Selbstermächtigung. Ganz wichtig dabei ist der Hinweis: Die Tierkreiszeichen entsprechen bestimmten Prinzipien. Es geht also nicht um konkrete Eigenschaften, sondern immer nur um wesensgemäße Eigenarten. Die sind abstrakt und offen für sehr viele konkrete Analogien und Sinnbilder je nach den individuellen Lebensumständen. Horoskope sind jedoch kein Hinweis auf konkrete Eigenschaften.
Nur eine Astrologie, die nachvollziehbar und überprüfbar ist, ist nicht spekulativ und beliebig.
Astrologische Voraussagen sind nur sehr eingeschränkt möglich. Schon wegen der vielen Einzelkonstellationen und der Fülle ihrer nur schwer zu vereinbarenden Entsprechungen. Ein Horoskop kann ja nicht einmal unterscheiden, ob es sich um eine Frau, einen Mann, einen Analphabeten oder einen Intellektuellen handelt. Außerdem sind Prognosen problematisch, weil damit irreführende Erwartungen erzeugt werden können.
Astrologische Deutungen können nur dann ernst genommen werden, wenn sie von eindeutig definierten Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten ableitbar und damit schlüssig überprüfbar sind.
Sehr gelungenes Debüt: Fulminant, spannend, tragisch und komisch zugleich
Für immer die Alpen von Quaderer Benjamin
Daten aus Liechtenstein brachten im Jahr 2008 den bis dahin größten Steuerhinterziehungsskandal der Bundesrepublik ans Licht. Jetzt gibt es einen Roman über den Informanten von damals – der Schriftsteller Benjamin Quaderer erzählt in seinem Debütroman Für immer die Alpen die halsbrecherische Geschichte eines Datendiebes aus dem Fürstentum.
Auf historischer Grundlage: Diesen Dieb hat es tatsächlich gegeben. Ein Porträt eines Hochstaplers, der die Gesellschaft spiegelt, die er betrügt.
Ein tollkühner Roman über die Macht des Geldes und die Macht des Erzählens.
Verlagsinformation (Luchterhand) /Klappentext
Staatsfeind Nummer 1 zu sein ist nicht leicht. Das gilt auch dann, wenn dieser Staat einer der kleinsten der Erde ist: das Fürstentum Liechtenstein. Johann Kaiser, Sohn eines Fotografen, Weltenbummler, Meister der Manipulation, lebt unter falschem Namen an einem unbekannten Ort. Mit dem Verkauf gestohlener Kundendaten einer großen Bank hat er so gut verdient, dass es sich unbesorgt leben ließe – wären da nicht die Verleumdungen aus seiner Heimat, die aus ihm einen Verräter machen wollen. Im Versuch, die Deutungshoheit über sein Leben zurückzuerlangen, greift Johann zu Stift und Papier.
Es sind die fiktiven Aufzeichnungen eines aberwitzigen Lebens: von einem Kinderheim in Schaan über eine Eliteschule in Barcelona bis in ein Verlies in Argentinien – die Geschichte von Johannes Suche nach sich selbst.
Diese Geschichte erzählt von Erpressung, Geldwäsche und Größenwahn. Und erzählt davon, wie Johann eines Tages dieses Land in den Alpen für immer verlassen muss, ohne ihm je zu entkommen.
Benjamin Quaderer geboren 1989 in Feldkirch, Österreich, in Liechtenstein aufgewachsen, studierte Literarisches Schreiben in Wien und Hildesheim. Mittlerweile lebt der Schriftsteller in Berlin.
Schon während seines Studiums wusste Benjamin Quaderer, dass er gern etwas über Liechtenstein schreiben würde, und hatte auch verschiedene Versuche unternommen. Doch erst mit der Figur des Datendiebs sei der Moment gekommen, in dem er sicher war, auf der richtigen Spur zu sein.
An seinem Erstlingswerk Für immer die Alpen hat der Nendler (LIE) Autor Benjamin Quaderers fünf Jahre gearbeitet. Darin hat er mit viel Liebe zum Detail und tiefgreifenden Recherchen das Gefühlsleben wie auch die Lebensumstände des Datendiebs Johann Kaiser – angelehnt an die Geschichte Heinrich Kiebers - aufgearbeitet.
Seine Romanfigur basiere daher in gewissen Beziehungen auf der tatsächlich existierenden Person Heinrich Kieber, aber es handelt nicht von Heinrich Kiebers Leben, sondern von Johann Kaisers Leben, den Protagonisten in Für immer die Alpen. Unverkennbar sind einige Gemeinsamkeiten zwischen Johann Kaiser und Kieber, sofern man sich mit dessen aufregenden und spannenden Lebensgeschichte befasst hat (er habe Daten bei der dem Liechtensteiner Fürsten gehörenden drei Buchstaben-Bank gestohlen und im Jahr 2008 dem Bundesnachrichtendienst verkauft; es besteht immer noch ein aufrechter Haftbefehl der Liechtensteiner Justiz). Das führte unter anderem zur Verhaftung des deutschen Postchefs Klaus Zumwinkel.; es sind die Unterschiede, die überwiegen: Heinrich Kieber gibt es wirklich. Johann Kaiser ist eine literarische Figur. Für immer die Alpen ist ein Roman und kein Sachbuch.
Für immer die Alpen ist ein mehrdimensional, über weite Teile des 585-seitigen Romans Johann Kaiser als Ich-Erzähler, fasziniert Quaderer mit der Darlegung des Mikrokosmos des kleinen Liechtenstein: Vom Fürstenhaus über die Sportvereine bis hin zu den Stammtischen der Beizen im Land - jede und jeder scheint eine Geschichte mit ihm (Kieber) zu haben.
Es sind diese Sätze Quaderers, die die literarische Qualität belegen: „Ein Satz je schöner, desto mehr Wahrheit er enthält.“ „Es war eine Spezialform des Magnetismus, die ihre Beziehung bestimmte.“ „…im Angesicht einer Zeichnung, die eine Dose zeigte, fand ich (Johann) zu mir selbst.“
Johann, der Sancho Panza des Liechtenstein. Bei dem Großen, dem Dicken und dem Dünnen, Männer der Finanzelite Liechtensteins, kommen mir „The Good, the Bad and the Ugly” Sergio Leone, 1966) in den Sinn. In diesem Moment wurde eine epochale überwältigende Idee geboren.
Selbst die Fußnoten haben es in sich und sind lesenswert: „Der Zwergenstaat (LIE) am Rande der Alpen, umringt von der Schweiz und Österreich, ist das verschwiegenste Steuerparadies in Europa. Das kleine Land ist eine Festung, ein Hochsicherheitstrakt für die vom Fiskus verfolgten, die ehrbaren und die anderen. Kein anderer Staat in Europa hat so viele Briefkästen-Adressen, die nicht erkennen lassen, wer in Wahrheit die Post abholt.“ (Die Stifter im Dunklen aus DER SPIEGEL v. 15.12.1997, Bölke/Scheiber).
Quaderer beschreibt die Digitalisierung der Stiftungsdokumente mit chirurgischer Präzision, bezeichnen sich doch die Mitarbeiter als Mediziner und ihre Kunden als Patienten.
Der (ein) Kriminalpsychologe attestiert den brillant formulierten Passagen (Johanns Brief an Fürst Hans-Adam II.) soviel Tragik wie Komik. Der Briefschreiber sein ein außergewöhnlicher Mensch. Sympathie oder Ablehnung des Helden von B. Quaderer?
Fürstliche Entlohnung vom BND für die Übergabe der deutschen Kundenmandate, „fürstlich“ - welch Ironie.
Quaderers Für immer die Alpen erfordert eine ambitionierte und aufgeschlossene Leserschaft, die sich gern auf Neues einlässt, was Stil und Format betrifft. Ein Stück deutsche Zeitgeschichte, literarisch brillant umgesetzt. Ein epochaler Finanzskandal, die einen werden sich daran erinnern, die anderen werden erst überrascht, dann fasziniert sein.
Cover
Erstellt nach einer Illustration von Ruth Botzenhardt, die stilisiert das Schloss Liechtenstein in Vaduz darstellt, in dem Fürst Hans-Adam II. residiert.
Literaturtipps
Der Fürst. Der Dieb. Die Daten
Tatsachenbericht von Heinrich Klieber, 2009, pdf-Edition.
Der Datendieb - Wie Heinrich Kieber den größten Steuerskandal aller Zeiten auslöste
Autor: Sigvard Wohlwend
ISBN: 978-3867891455
Herausgeber: Rotbuch Verlag; 1. Auflage (12. Oktober 2011)
Gaitskill erschafft leidenschaftliche, wilde Porträts von echten Individuen
Bad Behavior. Schlechter Umgang von Mary Gaitskill
Mary Gaitskills Skandalerzählungen über die geheimsten Wünsche und Sehnsüchte ihrer Figuren von 1988 in neuer deutscher Übersetzung von Nikolaus Hansen, einer meisterhaften.
Die Geschichten handeln von Frauen, die sich als Künstlerinnen, Schriftstellerinnen oder Schauspielerinnen durchschlagen.
Sie leben in amerikanischen Metropolen, haben wenig Geld und sind unglücklich. Das toxische Beziehungsgeflecht ist meist von männlicher Erniedrigung und Schmerz geprägt. Beeindruckend wie knapp, präzise und neutral Gaitskill Masochismus, Unterwerfung und Dominanz analysiert. Sie weiß genau wovon sie schreibt, war selbst Straßenverkäuferin, Stripteasetänzerin/Callgirl/Model, Sekretärin und Buchhändlerin. Sie ist heute 65, mit 33 Jahren schrieb sie Bad Behavior. Unwillkürlich taucht der Begriff „autobiographisch“ auf, auch wenn man natürlich nicht wissen kann, wie nah die Storys am echten Leben dran sind, und welche überhaupt eine Ich-Erzählerin haben.
Eine Weile vergeht bis man sich inhaltlich an die Geschichten gewöhnt hat, dem Leser wird kalt und warm, bis er schwindlig ist. Vom Buch geht eine dunkle Magie aus. Am Ende kann er kaum aufhören zu lesen und bedauert, dass die neun Geschichten zu Ende sind und wünscht sich, es gäbe weitere Geschichten von Mary Gaitskill zu lesen.
Cover
Wen bereits Gaitskill mit Bad Behavior begeistert, der sollte sich noch das Portrait und die Werke von Ken Schles ansehen, er hat die Scene des Coverbildes aufgenommen. Seine Domäne ist die Schwarz-Weiß-Fotografie, dokumentarisch, ungeschminkt, realistisch und beeindruckend.
Ken Schles, *1960 New York, Photograph und Autor, Titel des Coverbildes: Limelight (Ausschnitt mit Suzie Streetwalker), 1983. In Bildbänden von Ken Schles veröffentlicht: Invisible City / Night Walk 1983-1989.
Seine Photographien wurden im Museum of Modern Art, NY ausgestellt und weltweit von mehr als hundert Museen und Bibliotheken in deren Sammlungen aufgenommen.
Nachwort
Nachwort von Kristen Roupenian, * 1982 in Plymouth, MA, eine amerikanische Schriftstellerin, die 2017 mit ihrer Kurzgeschichte Cat Person bekannt wurde. Bestechende Analyse von Gaitskills Bad Behavior. Für Roupenian, wie für viele andere Autorinnen wurde Gaitskill zum Vorbild, insbesondre in diesem speziellen Genre.
Hochspannung bis zur letzten von 667 Seiten, großartiges Lesevergnügen
The Fourth Monkey - Das Haus der bösen Kinder von J. D. Barker
DAS HAUS DER BÖSEN KINDER ist ein sensationeller Triller, der letzte Band einer Trilogie. Wer die ersten zwei nicht gelesen hat, sollte dies auf jeden Fall nachholen. Es steigert das Verständnis, wenn man die Charaktere und die zum Teil unübersichtlichen und chaotischen Handlungsstränge, der ersten beiden Bände kennt.
DAS HAUS DER BÖSEN KINDER im Original „The Sixth Wicked Child“, Kinder in einem Waisenheim, unter ihnen der zwölfjährige Anson Bishop, der nun erwachsen ist und sein mörderisches Werk betreibt.
J. D. Barker beschreibt mit Anson Bishop - AB - einen intelligenten Serienkiller, der mit der Polizei, und in Speziellen mit Detective Sam Porter von der Chicagoer Metro ein Spiel spielt und immer einen Schritt voraus zu sein scheint. Sam Porter ist in Schwierigkeiten. SARS-Virus, verbreitet von Bishop. Das Stroger Hospital unter Quarantäne, Porter mitten drin in den Fängen des FBI.
Seit über fünf Jahren ist Porter wie ein Besessener auf der Spur von Bishop und damit auch mit seiner eigenen schmerzhaften Vergangenheit konfrontiert. Porter hat nur wenige Kollegen, die ihm vertrauen und noch weniger Vorgesetzte; er vertraut nur zwei Kollegen, den Detectives Brian Nash und Clair Norton. Er ist dennoch davon überzeugt, ‚sie kriegen ihn (AB) ohne mich nicht. Sie kriegen keinen von denen.‘ Ist Bishop ein krankes, wahnsinniges Hirn, ein Stück Scheiße, ein selbstherrlicher Killer? (Zitat) Oder ist Porter nur ‚jemand, den sich ein verkorkstes Gehirn ausgedacht hat. Ein Hirngespinst.‘
Jedes einzelne 4MK-Opfer konnte mit kriminellen Machenschaften in Verbindung gebracht werden. Für diese Art von Rache konnte man „Verständnis“ aufbringen und über diese Selbstjustiz von Bishop diskutieren, doch beim folgenden tödlichen Rundumschlag zweifelt man daran und Porter gerät in eine fast ausweglose Situation.
Einer der besten Triller einer Trilogie je gelesen, Hochspannung bis zur letzten Seite mit einem unerwarteten Überraschungscoup, großartiges Lesevergnügen.
Spannender Ökothriller an der beschaulichen Algarve
Schwarzer August von Gil Ribeiro
Vamos companheiro Senhor Lost.
Die Lebens- und nun auch Liebesgeschichte des Senhor Leander Lost wird im vierten Band weitergesponnen, nebenbei gibt es aber auch um einen Kriminalfall, die acht Tage im August. Ribeiro nutzt jede Gelegenheit, um das Leben der Einheimischen mit all ihren portugiesischen Tugenden, die Küche, die Landschaft mit Flora und Fauna der südöstlichen Algarve Portugals anzupreisen.
Inzwischen rufen die Einwohner, „die Gil rief, die Geister, werden wir nun nicht mehr los.“
Die portugiesischen Polícia Judiciária in Fuseta hat den Austauschpolizisten aus Hamburg und Asperger Leander Lost als vollwertiges Mitglied akzeptiert und Soraia, die Schwester der Sub-Inspektorin Graciana noch mehr. Lost hat bezüglich Intuition, emotionaler Intelligenz und verbaler Kommunikation ein Handicap gegenüber seinen Mitmenschen. Nie ganz wie ein neurotypischer Mensch, er hat andere Qualitäten. Soraia, sie wäre mit ihm auf eine einsame Insel gezogen, um dort tagein, tagaus Sandkörner zu zählen. Eine Liebeserklärung der besonderen Art. Leander, der große Feuerwerker. Dank an Ribeiro, dass er daraus nicht eine romantische Krimikomödie werden lässt.
Ganz und gar nicht schwulstig ist die kriminalistische Handlung: Man hört fiktiv die Polizeisirenen und sieht das blaue Signallicht an Losts Helm blinken. Ribeiro lässt einen nicht unsympathischen Erpresser und Ökoterroristen aktuelle Probleme an der portugiesischen Algarve anprangern: Bodenraub portugiesischen Landes von ausländischen Unternehmen, Geldwäsche und Korruption der örtlichen Behörden, Überfischung des Meeres, Ausverkauf heimischer Unternehmen an ausländische Investoren und die Tierquälerei beim Stierkampf.
Die polizeilichen Ermittlungen sind flüssig und routiniert erzählt, gegen Ende spannend, mit kleinen Seitenhieben auf den großen Bruder Portugals und die Landsleute von Gil alias Holger Karsten.
Das Cover zeigt Landschaft und Küste in der Stadt Santa Luzia an der Algarve im Süden von Portugal, 22 Autominuten von Fuseta entfern. Für alle, die sich auf die Spuren von Lost begeben wollen.
Der Einstieg in diesen vierten Band gerät ohne Schwierigkeiten, die Rückblicke auf die und Ergänzungen von den ersten drei Bände sind dezent und halten sich in Grenzen.
Kommt Lost wieder mit Kind und Kegel, das ist die Frage.
Der Böse ist sypatischer als der Gute
Der Ermittler von Gil Ribeiro
Der 21. Band der Jack Reacher-Reihe, zum ersten Mal ermittelt er in Deutschland.
Jack Reacher war mir nur durch die Verfilmungen mit Tom Cruise ein Begriff, ohne einen Roman gelesen zu haben. Lee Child fiel mir auf, weil seinen Thrillerkolleginnen und -kollegen wohlwollende Kommentare zu deren Roman abgibt.
Drei Saudis und ein Iraner bilden eine Schläferzelle in Hamburg. „Der Amerikaner will hundert Millionen Dollar.“ Welcher Amerikaner war das? Wofür will er hundert Millionen? Wer soll sie bezahlen? Eines steht fest: Es geht um einen Terroranschlag von ungeahntem Ausmaß.
Zwei Agenten von CIA und FBI sollen das verhindern, mit Jack Reacher von der U.S. Army. Er rekrutiert zusätzlich die beste und cleverste Soldatin, die er je kommandiert hat: Sergeant Frances Neagley.
Spannend, packender und flüssiger Erzählstil, die Titelfigur Jack Reacher als „Captain America“, der nicht verlieren kann, gegen jede Übermacht seine überragende Kämpfernatur beweisen kann.
Zum Schluss noch ein atemloses Finale der anderen Art.
Krankhaftes Jagdspiel fasziniert
Das Spiel - Es geht um Dein Leben von Jan Beck
In diesem Thrillerdebüt „Das Spiel“ Es geht um dein Leben, lässt Joe Fischler unter dem Pseudonym Jan Beck die Leser tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken. Nach seinen humorvollen Krimis mit österreichischen Lokalkolorit nun ein härterer rasanter Thriller. Das Spiel ist ein Jagdspiel aus dem Darknet.
Die Mitspieler, die Jäger müssen ein Zielsubjekt mit einem nur im UV-Licht erkennbaren Skorpion-Tattoo finden und bestimmte Körperteile abtrennen, um zu punkten. Die Zielsubjekte wissen nicht, dass sie dieses Skorpion-Tattoo haben. Es ist geheim und verrät dem Jäger/Täter, was er abtrennen muss.
Die krankhafte Psyche einer Jägerin lässt sich wie folgt beschreiben: Aus einer Wunde am Hals, in den eine abgebrochene Flasche gerammt worden war spritzte Blut, sie hatte spontane Lust empfunden, Wein eingeschenkt rot wie Blut, ein einziger Rausch der Lust, ganz ohne Sex.
Wer am meisten Punkte hat gewinnt. Es ist ein komplexer Kriminalfall, einem schlüssigen Plot und einem großen Finale. Dieser Thriller spielt im deutschsprachigen Raum und führt über viele schöne Schauplätze von Hamburg bis nach Bozen. Es entwickelt sich eine spannende Schnitzeljagd, die den Leser zum Mitdenken anregt.
Das krankhafte Jagdspiel selbst fasziniert mehr als die beiden Kommissare Inga Björk und Christian Brand. Björk, eine Schwedin von Europol zeigt soziopathische Tendenzen, die nicht mit dem Österreicher Brand kann. Brand, cleverer als Björk zunächst zugeben will, irrt, wie der Leser lange durch den Thriller.
Die kurzen Kapitel sind strategisch sehr spannend aufgebaut jeweils mit einer unausgesprochenen Frage am Ende, ‚wie es weiter geht‘? und zwingt unbedingt zum Weiterlesen. Brillanter Schreibstil fördert die Leselust. Lässt man das Gelesene sacken, muss man sich eingestehen, nie und nimmer mit diesem Ende gerechnet zu haben, ist es dennoch genial.










