Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Manfred Fürst:
Röntgenbild der modernen koreanischen Gesellschaft
Die Vegetarierin von Han Kang
Han Kangs kleines Büchlein mit 250 Seiten und den Maßen 19,2/11,6/1,8 cm kann ich nicht jedem/jeder/ Leser/in empfehlen. Sollten Sie sich in psychiatrischer Behandlung befinden, lassen sie die Hände von dem Büchlein, es ist literarischer Sprengstoff.
Aus drei Perspektiven wird das Leben einer jungen Frau, der Südkoreanerin Yong-Hye erzählt.
Es bräuchte keinen direkten Bezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse Südkoreas, erschütternd ist die Erzählung allemal: ein unscheinbarer Mann sucht sich so nebenbei unscheinbaren, von allen übersehende Ehefrau. Eine solche Ehe muss gut verlaufen: Nach fünf Jahren Ehe: Da es keine Liebesheirat gewesen war, konnte es ihnen auch nicht passieren, dass ihre Leidenschaft abkühlte und sie in Gleichgültigkeit und Langeweile versinken. Doch Yong-Hye hat einen Traum, für ihren Ehemann und ihre gesamte Verwandtschaft beginnt der Alptraum. Yong-Hye isst keine fleischlichen Produkte mehr. Ist das Nichtragen des BHs eine versteckte Botschaft Yong-Hyes?
Aus der Fessel der Ehe befreit wird Yong-Hye zum Objekt sexuellen Begierde ihres Schwagers, mit Vorliebe für florales Bodypainting, bis seine Frau die Männer mit den Zwangsjacken kommen lässt. Seine Frau hat für seine künstlerischen Ambitionen einfach kein Verständnis.
Der dritte Teil spielt in der Psychiatrie, ein "apokalyptischen" Kapitel. Besucherin die Schwester. Die emotionale Wucht der Ereignisse ist in einfachen Text verpackt, das macht das Büchlein umso mehr betroffen.
Bis dass der Tod sie scheidet?
Die Djurkovic und ihr Metzger von Thomas Raab
2020 holt Thomas Raab mit "Die Djurkovic und ihr Metzger" seinen außergewöhnlichen Helden Willibald Adrian Metzger zurück auf die Krimibühne - und brilliert einmal mehr: wortwitzig, überraschend, klug, einfach genial!
Bis dass der Tod sie scheidet?
Nach dreizehn Jahren des Zusammenlebens entscheiden sich Willibald und seine Danjela zu heiraten; sie plant eine Feier mit großer Inszenierung, er muss 14 Tage vorher aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen.
An dem Tag als Danjela zu ihrem Willibald JA sagen sollte, stürmt sie vor den versammelten Hochzeitsgästen davon und lässt Willibald „sitzen“. Der Metzger ist der völligen Verzweiflung nahe und fällt in ein tiefes Loch.
Langsam dämmerst es dem Metzger, dass seine Danjela doch nicht das unbeschriebene Blatt ist; aber, dass die Spur zu einem albanischen Mafia-Clan führt und dass der Clanchef Dejan Sulemanjiu beim Showdown auch noch auf dem roten Ledersessel aus seiner Werkstatt sitzt, das ist für Willibald dann doch überaus überraschend.
Diesen Sprach- und Wortwitz muss der Leser erst aushalten. Nicht jedem ist das Wienerische auf Anhieb geläufig. Der Plot ist nicht linear aufgebaut, sondern hat viele Ecken und versteckte Winkel, die es aber erst zu einem besonderen Leseerlebnis machen, ein typischer Thomas Raab eben.
Thomas Raab, geboren 1970 in Wien. Schulzeit eher mühsam, wäre da nicht das Klavier gewesen. 1988 dann doch Matura. Einige Zeit als Lehrer, im Musicalbereich und als Singer-Songwriter. Seit 2007 Schriftsteller, sieben Romane um den Restaurator Willibald Adrian Metzger sowie der Kriminalroman "Still - Chronik eines Mörders". 2017 erhielt Raab den Österreichischen Krimipreis. Er schreibt nicht nur Kriminalromane, sondern auch Drehbücher. „Der Metzger und der Tote im Haifischbecken“ und „Der Metzger muss nachsitzen" wurde mit Robert Palfrader als Willibald Adrian Metzger und Dorka Gryllus als Danjela Djurkovic verfilmt.
Das rote Sitzkissen im Cover ist eine Aufnahme von Chaikom, einem freischaffenden Fotographen aus Udon Thani, Thailand, mit dem Titel Close up a lack of sofa. Dieser rote Ledersolitär aus des Metzgers Restaurierwerkstätte spielt im Krimi eine besondere Rolle.
Der nächste feministischer Schwedenkrimi
Wings of Silver. Die Rache einer Frau ist schön und brutal von Läckberg Camilla
Nur wenige Monate nach Golden Cage 1 - Trau ihm nicht. Trau niemandem kommt der nächste feministischer Krimi von Camilla Läckberg auf den Büchermarkt. War der erste Band der Golden Cage-Serie noch ein bewusstes Statement für starke Frauen, vor allem von der Hauptprotagonistin Faye, für die man als männlicher Leser noch Verständnis für ihre Rache an ihrem Ehemann/Ex- aufbringen konnte, verpufft die Sympathie für Faye vollkommen.
Im Stile eines Kitschromans wird das Leben einer liebenden Mutter, einer guten Freundin, einer erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden von Revenge und eines männerverschlingendes Vamp dargestellt. Faye hat ein bildschönes altes Haus mit Pool nahe Rom, die Inneneinrichtung von den besten italienischen Innenarchitekten gestaltet, ein Paradies auf Erden. Der Traum aller schwedischen weiblichen Teenager – wie Läckberg an dem Verkaufszahlen vermutet. Aber würden alle ein derart verbrecherisches Luder wie Faye werden wollen? Den Luxus mit allen Modeaccessoirs von den bekanntesten Toplabels und die anerkennenden Blicke der Männer, die Geschäftsfrau des Jahres, die Männerhasserin, jedoch nicht abgeneigt einer ménage à trois und Expertin für die Lusttropfen auf der Peniseichel.Faye stöckelt in ihren eintausend Euro teuren Jimmy Choo High Heels durch die Gegend, wohlwissend welche Signale ihr Hinterteil auf die lüsterne Männerwelt aussendet und nebenbei die Beulen in deren Hosen wachsen lässt.
Parallel zu Fayes aktuellem Leben skizziert Läckberg die schreckliche Kindheit von Faye in Fjällbacka. Dort ist Läckberg aufgewachsen, deshalb weiß sie wovon sie schreibt. Der Vater ein Schläger, die Mutter ein Weichei, der Bruder und seine Freunde Vergewaltiger. Wenn das nicht die perfekte Rechtfertigung für Faye ist einen Rachefeldzug mit allen Intrigen zu planen.
Fayes unglaublich abstruse geschäftlichen Expansionspläne: US-Launch und Neunotierungen. Dann die drohende feindliche Übernahme und das Erscheinen von Jack.
Das Ende deutet auf einen dritten Teil hin. Aber ehrlich gesagt werde ich mir den ersparen. Noch so eine skrupellose, abgedroschene, unrealistische, übertriebene Story mit der männermordenden Nymphomanin Faye brauche ich absolut nicht.
Einen Freund hat Camilla Läckberg, den schwedischen Autor Pascal Engmann; da kann man nur sagen, „gleich und gleich gesellt sich gern.“ Kritik von einem schwedischen Autorenkollegen an ihren Krimis bezeichnet Läckberg als 'Pisse von einem älteren Herrn, der sich übergangen fühlt'. Ein anderer verglich die weibliche Schwedenkrimiflut mit der 'Scheiße von Möwen'.
Weibliche Schwedenkrimiflut überfutet schwedische Ehemänner
No Mercy. Rache ist weiblich von Camilla Läckberg
Fälschlicherweise wird NO MERCY als Band 3 der Colden Cage-Serie bezeichnet. Auch wenn auf dem Buchdeckel Roman steht ist es in Wirklichkeit eine Novella; das sind short stories, Kurzgeschichten eben. Die 141 Seiten sind wesentlich kürzer als die ersten beiden Bände der Colden Cage-Serie. Es lässt sich in No Mercy auch keine Fortsetzung erkennen, insofern ist es ein eigenständiges Stück Literatur.
Was die drei Bücher verbindet ist die Rache, die weibliche, an den Männern natürlich.
Während Golden Cage und Wings of Silver perfekt durchkonstruierte Krimis mit der Hauptprotagonistin Faye und ihrem Jack - Ehe-/Ex-Ehemann - sind, üben in No Mercy gleich drei Frauen Rache. Und eine davon soll die Mutter von Faye sein – weit hergeholt.
Drei Frauen, drei Schicksale. Ingrid wird von ihrem Mann betrogen, Brigitta wird von ihrem Mann misshandelt und Viktoria wurde von ihrem Mann aus Russland »importiert«, um ihm zu dienen. Mit diesen drastischen Beschreibungen von drei schwedischen Ehen reagiert sich Läckberg literarisch ab. Sie dienen als Vorwand, sich zu rächen, die Männer ins Jenseits zu befördern. Der Plot ist derart unglaubwürdig, als fände man per Mörder.app schnell und günstig mörderische Handlanger und das noch gegenseitig.
Die weibliche Leserschaft wird sich genüsslich freuen über diese weibliche Rache, die Männer bleiben betroffen zurück.
Trump tut dem Land nicht gut
Im Wahn von Klaus Brinkbäumer; Stephan Lamby
Das USA-Buch der zwei deutschen Journalisten Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby, eines von vielen im Jahr der US-Präsidentschaftswahl, fokussiert sich nicht nur auf Donald Trump, sondern auf jene Entwicklungen, die ihn 2016 möglich machten, und wie seine Amtszeit das beeinflusste. Sie beschreiben ein zerklüftetes Land und seine Medien, die Mechanismen seiner Politik.
Ihr Urteil ist deutlich – und stimmt kritisch.
Die USA erleben eine mehrfache Katastrophe: Kein anderes Land der Erde ist so stark von der Corona-Pandemie betroffen, der Einbruch der Wirtschaft ist dramatisch, der Anstieg der Arbeitslosigkeit ebenfalls. In der Corona-Krise ignoriert er Fakten, er lügt wiederholt und schiebt die Schuld für die Misere der demokratischen Partei und seinem Herausforderer Joe Biden in die Schuhe. Und das mitten im Wahljahr, in dem der Präsident vehement um seine Wiederwahl kämpft.
Trump hat seinen polarisierenden Regierungsstil noch verschärft
Von Beginn seiner Präsidentschaft an hat Trump die amerikanische Gesellschaft gespalten, er hat einzelne Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgehetzt, Konkurrenten beleidigt und kritische Journalisten als "Feinde des Volkes" beschimpft. 2020 in der schwersten Krise der USA seit Jahrzehnten, verschärft Donald Trump seinen polarisierenden Regierungsstil noch.
Auch nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd heizt Präsident Trump durch provozierende Aktionen und radikale Tweets die politische Stimmung im Land weiter an. Alles, um seine Chancen für eine Wiederwahl zu erhöhen.
Der - dieser -Präsident bemühe sich nicht um die amerikanische Gesellschaft, um einen Grundton des Ausgleichs statt des Hasses. In der Politik geht es nicht ums Versöhnen. Es geht ums Gewinnen: Trumps Maxime.
Trump ist, noch während er handelt oder auch nicht handelt, wichtig, wie sein Handeln oder Nichthandeln von den Medien bewertet wird – und nicht, was es bewirkt.
Weil Trump rund drei Millionen Stimmen weniger als Hillary Clinton erhalten hatte – aus dieser damaligen Kränkung ist eine Obsession geworden – und weil ständig von russischer Wahlhilfe die Rede war, fühlt der Präsident sich gedemütigt: Sämtliche Konzentration, jeder Tweet und jedes Zitat gelte der Wiederwahl, die triumphal werden müsse.
„Gib dem Affen Zucker“ – das beherrscht Donald Trump perfekt. Wenn die ganze globale Wirklichkeit ein zu hartnäckiger Gegner ist, werde einfach persönlich.
Das nächste Abenteuer dieser hochkarätigen Thriller-Reihe steht bevor
Abgetaucht Thriller. 27.07.2020. Hardback. von Baldacci David
Die Vorgeschichte: Die sechsjährige Atlee Pine wird in ihrem Kinderzimmer überfallen, schwer verletzt und ihre (eineiige) Zwillingsschwester Mercy entführt. Der Schock für die Eltern war groß, Atlees Vater erschießt sich an ihrem 19. Geburtstag, von ihrer Mutter fehlt jede Spur. Atlee Pine macht eine Karriere beim FBI und übernimmt die einsam gelegene FBI-Außenstelle in Shattered Rock am Grand Canyon, wo sie von der erfahrenen und unerschrockenen Assistentin Carol Blum unterstützt wird.
Die Suche nach Mercy und ihrer Mutter ist das Trauma, das Atlee Pine zu überwinden versucht.
Nun in ABGETAUCHT dreißig Jahre später: Bei der übermäßig gewalttätigen Verhaftung eines Entführers bricht die aufgestaute Wut aus Atlee heraus. Vom FBI wird ihr darob eine Auszeit „genehmigt“, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen; mit ihrer Assistentin Blum fährt sie in ihrem Heimatort Andersonville im tiefsten Georgia. Ihre Nachforschungen ergeben mehr Rätsel als dass sie zu gesicherten Erkenntnissen führen. Atlee Pines Leben ist „alles ganz schön merkwürdig.“ Die Ereignisse überschlagen und die Anzahl der Toten mehren sich. Bezeichnend der Dialog zwischen Blum und Pine: „Was hat das alles zu bedeuten?“ – „Wenn ich das wüsste.“
Nach AUSGEZÄHLT ist ABGETAUCHT der zweiten Thriller der Serie mit FBI-Agentin Atlee Pine. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen und man kann ihr problemlos folgen – auch ohne Vorkenntnisse. Der dritte Band Daylight ist 2020 bereits in englischer Originalfassung erschienen, das Erscheinungsdatum der deutschen Ausgabe steht noch nicht fest.
Das Buch mit seinen 526 Seiten gegliedert in 76 Kapitel vermittelt angenehme Haptik. Baldacci verbindet geschickt und routiniert die Suche seiner sympathischen Atlee Pine nach der Auflösung der Geschehnisse vor über dreißig Jahren mit neuen Fällen, weiß was seine Leser erwarten, hält die Spannung stets hoch, die knappen Kapiteln gestatten kurzes Durchatmen, der angenehme Schreibstil fördert ein flüssiges lesen. Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse, einige Wendungen und das Ende überraschen, doch noch sind nicht alle Fragen beantwortet; das nächste Abenteuer dieser hochkarätigen Thriller-Reihe steht bevor und hoffentlich die Antworten auf alle Fragen von FBI Special Agent Atlee Pine.
Gewitzte autobiografische Coming-of-Age- Story
Dicht von Stefanie Sargnagel
Stefanie Sargnagels fünftes Buch ist gleichzeitig ihr erstes, das in durchgehender Prosa verfasst ist und an dem sie mit Unterbrechungen fast drei Jahre gearbeitet hat.
Ein Debüt, wenn man so will, das zu einer gewitzten autobiografischen Coming-of-Age- Story gerät. Ein anarchischer Spaß, der sich nahtlos als eine Art Prequel in ihr Werk einfügt.
In Dicht rollt Sargnagel ihr Aufwachsen im Wien der Nullerjahre auf. Zwischen Elitegymnasium im noblen Währing und Herumlungern mit Freunden in Parks und Beiseln. Girls talk -denn sie haben zu viel Sauerstoff zum Quatschen. Es wird derb dahergeredet, ordentlich gekifft, viel getrunken und gekotzt. Ihre Freizeitaktivitäten werden penibel in bürgerliche und nicht bürgerliche unterteilt. Das sehr philosophische Resümee ihrer Clique, einer Gruppe aus Außenseitern, kiffenden Studenten, verkrachten Schülern, Psychotikern und Quartalssäufern: „Wie schön, dass wir uns alle hatten“.
Sargnagels bewusst drastische Schilderungen der „argen Sachen“, die sie im Alter von 15 bis 20 Jahren erlebt hat, erscheinen bisweilen belangloser als sie sind -realistisch betrachtet. Denn in den grindigen Lokalitäten und Suchtler-Stuben, in denen sich die junge Steffi herumtreibt, kommt es immer wieder zu versuchten Übergriffen. Vom verbalen Sexismus tagesversoffener Zeitgenossen ganz zu schweigen. Davon erzählt Stefanie Sargnagel in einem zwar wenig zimperlichen, aber alles in allem recht heiteren Parlando. Sargnagel erzählt auch von Menschen, die sich mit ihr auf den Weg machten und verloren gingen. Einem von ihnen, im Buch wird er „Aids-Michl“ oder schlicht Michi genannt, ist Dicht denn auch gewidmet: A Tribut To Michi.
Dicht ist keine hohe literarische Kunstform, sondern eher im Stil eines lapidaren Schulaufsatzes geschrieben. Wem es zu banal ist, muss auch nicht bis zum Ende durchhalten.
Stefanie Sargnagel, Autorin
1986 als Stefanie Sprengnagel in Wien geboren. Sie bricht die Schule ab, beginnt dann ein Studium an der Akademie der bildenden Künste bei Daniel Richter. 2013 erscheint ihr erstes Buch, „Binge Living“, in dem sie ihre Erfahrungen als Angestellte eines Callcenters einfließen lässt, 2015 folgt „Fitness“. 2016 liest Sargnagel in Klagenfurt um den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2017 bringt Sargnagel ihr Buch „Statusmeldungen“ beim Rowohlt-Verlag heraus, bei dem 2020 auch Dicht erscheint, ihr erste Roman.
Umtriebe und Intrigen der Administration Bushs und Trumps
Neulich in Amerika von Eliot Weinberger
Eliot Weinberger ist ein einzigartiger Essayist der amerikanischen Linken und ein treffsicherer Kommentator der US-amerikanischen Politik
Weinbergers Chronik über politische Kultur in den USA mit einem Entrée Ratschläge für Washington aus dem Alten China und den zwei Schlaglichtern auf das Amerika der zwei republikanischen Präsidenten Bush und Trump.
Nach anfänglichen schmunzeln, macht sich ungläubiges Staunen und sprachloses Kopfschütteln breit. Weinberger trägt Fakten über die Umtriebe und Intrigen der Administration Bushs und Trumps zusammen.
Sätze oder Absätze beginnen hintereinander mit der gleichen Wortstellung, einem Mantra, wie „die Republikaner mögen …, „ich hörte …“, „Sie hätten… prägen sich ins Gedächtnis des Lesers ein.
Am bemerkenswerten ist die Wortmeldung eines Republikaners zur Weigerung Gesichtsmasken zu tragen, demnach sie alle nach dem Ebenbild Gottes geschaffen seien, er wolle die Gesichter seiner Brüder und Schwestern sehen, seien sie doch Gottes Ebenbild.
It's up to you New York, New York, New York
Das Hohe Lied von Nell Zink
Mehrere Jahrzehnte umspannen den Roman von Nell Zink Das hohe Lied. In den Mittelpunkt stehen neben Joe - listen to „Hey Joe, where you gonna go?“ Jimi Hendrix - das Paar Pam und Daniel, die seit Ende der 1980er Jahre im New York leben.
Alle drei musikbesessen. Die Frage aller Fragen: Wie wird man eine berühmte Musikband, noch dazu eine Punk-Band.
„Wir machen aus Joe einen Superstar."
If I can make it there
I'm gonna make it anywhere
It's up to you
New York, New York, New York
New York by Frank Sinatra
Nell Zinks klare Sprache ist fantastisch, sachlich direkt, völlig unpathetisch, nicht besserwisserisch und leicht ironisch. Mit unterschwelligem Humor, aber nichts zum Lachen.
Verstehe wer auch immer, was und wie die Musikszene in NY abläuft: Slang für Insider.
Flora is coming. Die politisch engagierte Grüne sucht ihren eigenen Weg. Sie hatte ein prestigeträchtiges Diplom, das aussagte, dass sie ein überlegener Kopf mit super Skills war. Ihre Großeltern behaupteten, sie sei das beschäftigungsfähigste Familienmitglied aller Zeiten. Zu wissen, dass ihre Bedürfnisse befriedigt und ihre Rechte respektiert wurden, war nicht genug. Zwischen diesen Großeltern und ihren Eltern entwickelt sich Flora, um sich schlussendlich mit fünfundzwanzig Jahren einem ménage à trois wiederzufunden.
Musik spielt in Das hohe Lied eine dominierende Rolle, ist aber bei Weitem kein Musikroman, sondern ein mitreißender Gesellschaftsroman, eine Geschichtsschreibung der US-amerikanischen Politik, von Ende der 80er Jahre über die dramatischen Auswirkungen von 9/11 bis zur Präsidentschaft von Donald Trump.
Wer sprachliche Eleganz zu schätzen weiß, wird an Gerhard Roths jüngstem Roman seine Freude haben
Die Hölle ist leer - die Teufel sind alle hier von Nell Zink
Emil Lanz fühlt sich wie ein einsamer Fisch in einem Aquarium, ein Sonderling, der die Bücher von Schriftstellern in andere Sprachen übersetzte und in dieser Zeit zu einer oder mehreren erfundenen Figuren in einer erfundenen Welt wurde (S. 23).
Er würde sich nicht aus Verzweiflung umbringen, sondern in einem Moment der Gleichgültigkeit und Leere.
Er wünscht sich einen nebensächlichen Tod, einen undramatischen, von Gleichgültigkeit begleitetes Sterben.
Roth hat ein Faible für Venedig und damit für ihre Geo- und Topographie, ihre locande, pizzerie, chioschi, alberghi und ospedali. Beeindruckend und sehr bereichernd die Schilderungen der historischen Hintergründe des venezianischen Ghettos und des jüdischen Museums.
Alles war Teil eines unendlichen, komplizierten Rätsels und wenn Lanz glaubte es gelöst zu haben brachte es weitere Rätsel hervor und wenn er diese löste, stieß er auf Widersprüche, die seine Hypothesen und Theorien in Frage stellten. Er fühlte sich in einen Irrgarten hineingeboren zu sein, aus dem er sein ganzes Leben vergeblich einen Ausgang suchte.
Lanz bummelte von der Außenwelt in seine Innenwelt und von seiner Innenwelt in die Außenwelt, er spürte wie verwirrt er war. Er konnte zuerst nicht unterscheiden, was gerade geschah und was Erinnerung war.
Emil/Emilio geriet in eine Drehscheibenwelt, in der sich die Drehscheiben synchron bewegen und niemand sie versteht und jeder, der ihm nahesteht, sich an jedem reibt, sich selbst beschädigt und zuletzt im Leerlauf dahinvegetiert. Kaum hat sich das Betthäschen Julia verflüchtigt, hat Emilio wieder ein neues gefunden – Caecilia.
Die kriminalistische Handlung ist nicht sehr glaubwürdig, eher eine Persiflage und verleitet zum Schmunzeln, ist doch Gerhard Roth in ganz anderen literarischen Gefilden zu Hause. Ein Lesegenuss auf alle Fälle.
Cover
Venedig und der Karneval sind untrennbar verbunden und mit ihm die Masken. Langenasenmasken sind in Karneval sehr beliebt. Charakteristisch für diese sogenannten Halbmasken, die nur Augen und Nasen bedecken, sind die langen Nasen. Auch wenn im Buchtitel „Teufel“ steht, ist die abgebildete Maske keine Teufelsmaske. Bei einer Teufelsmaske dominiert die Farbe ROT und die Masken haben keine lange Nase. Die Abbildung auf dem Cover ist die sehr beliebte Zani Halbmaske in Schwarz, die etwas Düsteres mit sich bringt. Der Erzählung nach trug der Tod einst diese Maske als er sein Unheil in Venedig trieb. Daraus entstand auch die Pestarzt-Maske, die von Dottore della Peste, die sich von der Zani Halbmaske in einem wesentlichen Detail unterscheidet, vor allem, weil sie WEISS ist.
Venedig Krimi-Tipps
Der Film „The Tourist” mit Angeline Jolie und Johnny Depp, 2010.
Neben unzähligen Autorinnen und Autoren, die Venedig als Krimischauplatz gewählt haben, ist Donne Leon der unerreichte Star unter ihnen: Die US-amerikanische Schriftstellerin Donna Leon (geboren 1942) lebt seit 1981 in Venedig und schreibt seit 1992 Jahr für Jahr einen neuen in Venedig spielenden Kriminalroman. Bis 2020 hat sie bereits 29 Krimis veröffentlicht, alle mit dem Commissario Guido Brunetti als Protagonisten.
Der Venedig-Klassiker von Daphne du Maurier „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ 1971/Film 1973 mit Julie Christie und Donald Sutherland.











