Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Die blutigen Hände des Schlächters
Magie der Nacht ist eine feine Novelle mit einem emotional verletzten Protagonisten.
Bredanekh zog in den Krieg, bei der Heimkehr fand er seine Familie ermordet vor. Seitdem treibt den Magier die Rache umher.
Ich mag solch ambivalente Charaktere, die mit ihrem inneren Zustand kämpfen müssen und irgendwo zwischen verzweifelt und böse stehen.
Die Novelle hat einiges zu bieten, wirkt aber auch leicht überfrachtet.
Es ist eine mittelalterlich angehauchte Fantasywelt, die die Autorin Madeleine Puljic aufbaut. Es ist außerdem die Vorgeschichte zu einem größeren Werk.
lebhaft erzählter historischer Roman
Die Verlorenen von Stacey Halls
Der Roman Die Verlorenen von Stacey Halls schwelgt in der besonderen Zeit Mitte des 18.Jahrhunderts in London.
Der erste Teil zeigt die Armut und Notlage von der jungen Bess, die ihr neugeborenes Baby in ein Waisenhaus weggeben muss. Der Vater ist tot. Nach 6 Jahren will sie ihre Tochter zurückholen, erfährt aber, dass diese schon 1 Tag später wieder abgeholt wurde.
In Zweiten Teil ändert sich die Stimmung ein wenig. Unter falscher Identität wird sie Kindermädchen bei ihrer Tochter, die bei einer reichen Frau lebt. Auch ein erzählerischer Perspektivwechsel erfolgt, davon profitiert das Buch. Alexandra Callard lebt sehr zurückgezogen, sie ist eine zweite wichtige Figur, die die Handlung trägt.
Man bekommt von dem Buch, was zu erwarten war. Der Stil ist dicht und erzeugt lebhafte Bilder, fast wie ein großer Kinofilm.
Zwar ist es kein anspruchsvoller historischer Roman, aber er erzählt seine Geschichte konsequent. Außerdem steigert sich der Roman kontinuierlich.
Schlemmen in Hamburg und Palma
Ich dachte schon, du fragst mich nie von Gabriella Engelmann
Der Roman „Ich dachte schon, du fragst mich nie“ hat einige Besonderheiten, zum Beispiel zwei Schauplätze: Hamburg und Palma de Mallorca. Und er wird in wechselnden Kapiteln aus zwei Perspektiven geschildert. Sophie, die mit ihrer Tochter gerade das Lokal Livs eröffnen möchte und Marc, der sie dabei unterstützen wird, als sie Hilfe dringend benötigen.
Man verfolgt die Gedanken der Protagonisten. Das finde ich originell von Gabriella Engelmann gemacht, man muss sich aber mit einer gewissen Sprunghaftigkeit abfinden.
Ich mag es, dass die Handlung in der Restaurant-Branche angesiedelt ist, wobei kulinarische Beschreibungen relativ kurz kommen.
Die Ausgangssituation des Romans ist schon ein wenig arg konstruiert.
Dafür sind die Beschreibungen des chaotischen Familienlebens ganz lustig, z.B. auch mit Sophies Töchtern und ihrer Schwester Geli.
Auch die sich anbahnende Beziehung zwischen Sophie und Marc ist überzeugend. Sie spüren von Anfang an eine Anziehungskraft zwischen sich, aber es entstehen auch einige Missverständnisse.
Den Roman zeichnen Humor und Leichtigkeit aus.
Die Elemente einer Zeit
Das bist du von Ulrich Peltzer
Ulrich Peltzer entwirft in Das Bist Du eine Hommage an eine Zeit Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, die ihn prägte. Musik, Film, Literatur dieser Zeit wird auf nahezu jeder Seite aufgeführt. Doch das ist nicht Namedropping sondern Programm. Tatsächlich können sie einen Menschen mit bestimmen.
Da ich jünger bin als Ulrich Peltzer haben mich all diese genannten Elemente nicht so stark geprägt wie spätere, aber sie sind mir ein Begriff und manches teile ich doch. Sie wirken auf mich. Daher sind die Erwähnungen dieser Zeitdokumente für mich wertvoll.
Außerdem kommt weiteres hinzu. Die Stadt Berlin, oft wechselnde Freundinnen des jungen Schriftstellers und seine ersten Schreibprojekte. Daher wird der Roman zwar kein spektakuläres, aber ein interessantes Werk.
Ein bewegtes Jahr
Hard Land von Benedict Wells
Sam, der Erzähler des Romans schildert von einem Jahr, das sein schönstes und sein schlimmstes war. Er war 15 Jahre alt und zum ersten mal verliebt, aber es ist auch die Zeit als seine lange krebskranke Mutter stirbt.
Er ist ein schüchterner, zurückhalten der Junge, ein Außenseiter. Erst durch Kirstie und ihrer Clique lebt er auf.
In mancher Hinsicht ist es ein typischer Coming-of-age-Roman. Aber die Krankheit der Mutter mit Gefahr von Rückfällen und Krankenhausaufenthalten bestimmt sein Leben stark Es ist die Angst vor schlechten Prognosen, dem schmerzhaften Verlust und dem langen Warten.
Der Roman wird stark von der Zeit der Handlung in den USA bestimmt. Es ist 1985. Eine Zeit bestimmt von Popmusik, Unterhaltungsfilmen wie Back to the Future und wilder Kleidung.
Eigentlich hat mir der Roman ganz gut gefallen und die Hauptfigur finde ich sehr glaubwürdig, besonders die Momente, bei denen es bei ihm emotional kippt. Aber bei manchen Versatzstücken merkt man manchmal, das Bendict Wells sich zu sehr an den klischeehaften Teenagerfilmen der achtziger Jahre orientiert hat.
Momente am See
Aus der Mitte des Sees von Moritz Heger
Aus der Mitte des Sees ist ein ruhiges, sehr reflektierendes Buch, auf das man sich einlassen muss, sonst wird es zum Geduldspiel.
Der Mönch Lukas, ca. 39, ist der jüngste im Benedikterkloster.
Es gab noch Andreas, der jünger war und ein Freund, aber er hat das Kloster verlassen und eine Familie gegründet.
Es ist eine innere Zwiesprache, die Lukas hält. Zuerst mit Andreas, aber auch mit anderen, insbesondere mit Sarah, die zu Gast in der Umgebung ist.
Es gibt viele Passagen am See oder beim Schwimmen, die etwas meditatives haben, aber es gibt auch Gedankengänge von Lukas, bei denen man seine Unruhe spürt.
Moritz Heger besitzt eine bildreiche Sprache, die er entsprechend fein einzusetzen weiß. Für mich war das gerade in dieser Form sehr ansprechend.
Freundschaft mit schweren Stand
Was bisher geschah (und was niemals geschehen darf) von Orkun Ertener
Die Geschichte einer langjährigen Freundschaft und den Auswirkungen eines Unfalls.
Anfangs wirkt es fast wie ein Jugendroman, aber das liegt nur daran, dass die handelnden Figuren Finn, Paul und Khalill alles junge Männer sind.
Paul hat nach einem Unfall das Problem, das er Tag für Tag alles vergisst.
Dieses Thema wurde schon wiederholt in Literatur und Film verarbeitet.
Es wird im Verlaufe der Handlung ziemlich dramatisch, was mich teilweise irritierte.
Ich schätze an dem Roman das zeitgenössische. Die Figuren sind eigentlich gut gemacht, blieben mir aber leider mehr oder weniger fern und so ganz weiß ich am Ende nicht, was soll ich mit dem Leseergebnis anfangen. Vielleicht geht es anderen Lesern anders.
Die Reinkarnation von Virginia Woolf
Ich bin Virginia Woolf von Pola Polanski
Zu Beginn des Romans ist die Protagonistin sehr verwirrt und in einer Klinik.
Dann kommen Rückblicke bis zur Kindheit hin. Hier gibt es sehr gelungene Passagen, die die Entwicklung von Inka Ziemer zeigt. Schon früh gibt es Verluste, die Eltern verunglücken. Es stellt sich auch heraus, dass die Mutter psychische Probleme hatte.
Inka ist begeistert von den Büchern von Virginia Woolf. Ja, sie glaubt sogar, die Reinkarnation dieser Schriftstellerin zu sein. Immer mehr steigert sie sich rein. Dazu gehört auch die Sehnsucht, schreiben zu können.
Pola Polanski ist Künstlerin. Irgendwie hatte ich daher erwartet, dass die Sprache experimenteller sein würde. Doch es ist gut lesbar, was der Geschichte zugute kommt.
Und obwohl eine psychische Erkrankung natürlich eine schlimme Sache ist, entbehrt der Roman nicht an Wortwitz.
Vom Stillstand
Aerial Observations on Airports von Nadine Barth
Tom Hegen macht Luftbildfotografie.
In diesem Buch „Aerial observation on Airports“ hat er Flughäfen aus der Luft fotografiert. Aber es sind Flughäfen während des Lockdowns. Das Resultat zeigt: Stille, Leere, Flugzeuge am Boden, keine Menschen.
Ein Eindruck, wie es nach dem Ende der Menschheit aussehen könnte.
Tom Hegen hat seinen Fotos einen interessanten Text in Englischer Sprache vorangestellt,
Alain de Botton hat einen poetischen Text zu diesem Buch zugesteuert: A world without planes
Ein lesenswerter Text mit apokalyptischen Anklängen.
Den Großteil des Buches nehmen natürlich die Fotos ein. Um Tom Helgen bleibt konsequent bei seinem Motiv, das er aus verschiedenen Perspektiven zeigt. Bemerkenswert.
Das Leben der Hannah Arendt
Was wir scheinen von Keller Hildegard E.
Hildegard E. Keller ist eine bekannte Literaturkritikerin und hat auch ein beträchtliches Werk an literaturwissenschaftlichen Veröffentlichungen, aber Was wir scheinen ist ihr erster Roman. Er erzählt von Hannah Arendt, die eine bedeutende Denkerin und Stimme in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts war.
Ich glaube, dass der Roman über Hannah Arendts Lebens mit Schwerpunkt nach dem Krieg bis 1975, auch für Leser geeignet ist, die Hannah Arendt nicht kennen. Obwohl es natürlich von Vorteil ist, Arendts Leben und Werk zumindest in groben Zügen zu kennen. Komplex und relevant genug ist es.
Entscheidend ist, das hier schwerpunktmäßig Hannah Arendt in erste Linie als Mensch gezeigt wird.
Als Jüdin flüchtete Hannah Arendt erst nach Paris, später in die USA. Erst war sie noch staatenlos, später bekam sie die US-Staatenschaft und fühlt sich auch als Amerikanerin.
Der nicht linear erzählte Roman wechselt in Zeiten und Orten. Das funktioniert sehr gut.
Hildegard E.Keller hat einen angenehmen Stil.Meisterhaft kann sie die Gedanken der Hauptfigur darstellen und auch die Dialoge sind gro0artig.
Eine wichtige Passage im Buch ist Arendts Besuch in Jerusalem, wo sie den Prozess gegen Adolf Eichmann verfolgt und darüber ein bedeutendes, aber umstrittenes Buch schreiben wird.
Sehr gefallen haben mir die Passagen mit Arendt als Dozentin in Berkeley.
Hannah Arendt hatte Freundschaften mit bekannten Leuten wie Martin Heidegger, Karl Jaspers; Walter Benjamin, Ingeborg Bachmann und Mary McCarthy.
Überraschend sind die Gedichte von Hannah Arendt, die im Buch verstreut auftauchen. Das gibt ihrer Persönlichkeit eine weitere, sanftere Note hinzu.
Obwohl Hannah Arendts kämpferische und widerspenstige Art im Buch insgesamt vielleicht etwas zu wenig betont wird.
Insgesamt entsteht ein gutes Gesamtbild der Persönlichkeit Arendts und ein Buch, das ich mit Vergnügen gelesen habe.










