Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Shilo:
Eine ungewöhnliche Freundschaft
Frostblüten von Holly-Jane Rahlens
Lotte und Estera könnten unterschiedlicher kaum sein. Die eine ist ein deutsches Mädchen, das den Krieg und die Nachkriegszeit in Berlin erlebt hat. Die andere ist eine polnisch jüdische Überlebende, die fast ihre ganze Familie verloren hat. Trotzdem entsteht zwischen den beiden eine Freundschaft, mit der wohl keine von ihnen gerechnet hat.
Die Begegnungen der beiden Mädchen haben mich beim Lesen oft beschäftigt. Beide tragen ihre eigene Vergangenheit mit sich herum und müssen mit Dingen zurechtkommen, die für so junge Menschen eigentlich kaum zu fassen sind. Lotte muss sich mit den Lügen auseinandersetzen, mit denen sie aufgewachsen ist. Estera hat dagegen ihre Eltern verloren und weiß nicht, was aus ihrer kleinen Schwester geworden ist.
Auch das Leben im Berliner Hungerwinter 1946/1947 wird sehr anschaulich beschrieben. Die Kälte, der Hunger und die schwierigen Bedingungen im DP Camp waren für mich beim Lesen gut vorstellbar. Dabei geht es nicht nur um die großen Ereignisse dieser Zeit. Gerade die Gespräche und Begegnungen zwischen Lotte und Estera haben mir gezeigt, wie vorsichtig sich Vertrauen entwickeln kann.
Die Geschichte hat mich nachdenklich gemacht. Trotzdem ist sie nicht nur von Verlust und schweren Erlebnissen geprägt. Beide Mädchen haben trotz allem den Wunsch, irgendwann wieder nach vorne zu schauen. Diese Hoffnung fand ich sehr schön, weil sie nicht übertrieben wirkt.
Gut gefallen hat mir auch, dass die Freundschaft nicht einfach von Anfang an funktioniert. Beide müssen erst verstehen, was die andere erlebt hat. Gerade dadurch wirkte ihre Annäherung auf mich glaubwürdig.
Die Beschreibungen vom Winter und vom Leben nach dem Krieg konnte ich mir gut vorstellen. Man merkt beim Lesen, wie schwer es die Menschen damals hatten.
Trotz allem fand ich es schön zu sehen, dass Lotte und Estera nicht nur mit ihrer Vergangenheit beschäftigt sind. Beide wünschen sich, dass ihr Leben irgendwann wieder leichter wird.
Die Geschichte von Lotte und Estera ist mir nach dem Lesen noch durch den Kopf gegangen. Vor allem Esteras Schicksal hat mich beschäftigt. Ich mochte, dass trotz allem, was die beiden erlebt haben, am Ende auch Hoffnung bleibt. Dafür gibt es von mir 5 Sterne.
Eine alte Schuld
Eine Schuld vergeht nie von Florence Jones
Josepha Brandtner kommt an einem Juniabend 1957 nicht von der Arbeit nach Hause. Die Polizei geht schnell davon aus, dass sie mit einem amerikanischen Soldaten verschwunden sein könnte. Ihr Bruder Andreas glaubt das jedoch nicht. Zusammen mit Josephas Freundin Kathi versucht er herauszufinden, was wirklich passiert ist.
Doch ihre Suche bleibt ohne Ergebnis. Die Feindschaft zu Richard Seeberger begleitet Andreas und seine Familie noch viele Jahre.
Dieser Einstieg hat mich sofort neugierig gemacht. Das Verschwinden von Josepha bleibt nicht einfach eine Sache aus der Vergangenheit, sondern beschäftigt die Familien noch lange danach. Die alte Feindschaft zwischen ihnen wirkt sich schließlich auch auf die nächste und übernächste Generation aus.
Mit Emma und Florian kommt eine weitere Verbindung hinzu. Ausgerechnet die beiden verlieben sich ineinander, obwohl ihre Großväter seit Jahren verfeindet sind. Emma hofft, dass ihre Liebe diese alte Feindschaft beenden kann. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, ob es ihnen wirklich gelingt, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Florence Jones verbindet die verschiedenen Familienmitglieder gut miteinander. Nach und nach wird deutlich, welche Folgen ein Ereignis haben kann, das nie aufgeklärt wurde. Dabei fand ich es interessant zu sehen, wie alte Vorwürfe und Erinnerungen auch viele Jahre später noch das Leben der Familie beeinflussen.
Nach meiner Begeisterung für die dreiteilige Zwei-Kontinenten-Saga der Autorin war dieser Auftakt für mich ein absolutes Muss. Meine Erwartungen waren deshalb ziemlich hoch. Auch diesmal hat Florence Jones mich wieder überzeugt. Ich war schnell mitten in den Familien und ihren Problemen und wollte wissen, wie sich alles weiterentwickelt.
Das offene Ende hat mich allerdings etwas ungeduldig zurückgelassen. Noch sind viele Fragen offen und besonders das Geheimnis um Josepha lässt mich nicht los. Deshalb möchte ich unbedingt erfahren, wie es mit Emma und Florian weitergeht und welche Antworten die Fortsetzung bringt.
Für mich ist das ein sehr gelungener Auftakt der neuen Dilogie. Nun heißt es leider warten. Auf die Fortsetzung im November freue ich mich schon sehr.
5 Sterne und eine klare Leseempfehlung.
Hinter Wiens prachtvollen Fassaden
Intrigen in Wien von Ada Caine
Hanna von Wildermuth arbeitet als Gouvernante in einer wohlhabenden Familie und hat sich dort ihren eigenen Platz geschaffen. Doch hinter der schönen Fassade des Wiener Lebens zur Jahrhundertwende sieht es anders aus. Schon bald gerät Hanna in Situationen, in denen sie zeigen muss, was wirklich in ihr steckt.
Sie nimmt nicht einfach hin, was um sie herum geschieht. Als die Gräfin Valeria durch Gier und Betrug in Schwierigkeiten gerät, versucht sie zu helfen. Später wird es noch gefährlicher, als ein Attentat geplant wird und Georgs Erfindungen das Interesse eines skrupellosen Fabrikanten wecken. Dadurch bleibt die Handlung in Bewegung und es gibt für Hanna einiges zu bewältigen.
Hanna ist mir schnell vertraut geworden. Sie weiß, welchen Platz sie in der Gesellschaft hat, lässt sich davon aber nicht davon abhalten, ihre eigene Meinung zu vertreten und für andere einzustehen. Auch wenn es schwierig wird, bleibt sie bei ihrer Haltung und versucht, ihren Weg zu gehen. Dabei macht sie auch Fehler und muss manche Dinge erst für sich klären. Genau das hat sie für mich glaubwürdig gemacht.
Georg bringt mit seinen Gefühlen für Hanna noch eine andere Seite in die Geschichte. Zwischen den beiden ist nicht alles einfach, denn ihre Herkunft und ihre Stellung in der Gesellschaft stehen ihnen im Weg. Ich habe gern beobachtet, wie die beiden damit umgehen.
Das Wien der Jahrhundertwende passt sehr gut zum Geschehen. Die prachtvolle Welt der reichen Familien steht im Gegensatz zu den Gefahren, die sich dahinter verbergen. Durch Valerias Probleme, das geplante Attentat und die Sache mit Georgs Erfindungen bleibt es für Hanna aufregend. Dabei waren für mich nicht nur die Gefahren wichtig, sondern auch die Menschen, die hinter den Ereignissen stehen.
Für mich ist es eine gelungene Fortsetzung der Reihe. Hanna hat sich weiterentwickelt und ich habe sie gern auf ihrem Weg begleitet. An einigen Stellen wollte ich einfach nur wissen, wie es weitergeht. Auch die persönlichen Seiten der Geschichte haben mich wieder erreicht.
Auch dieser dritte Band der Reihe verbindet eine sympathische Hauptfigur mit historischen Einblicken, Intrigen und einigen gefährlichen Situationen. Ich habe das Buch sehr gern gelesen und bin gespannt, wie Hannas Weg weitergeht. 5 Sterne.
Ein ziemlich schräger Neuanfang
Landleute von Daniel Mason
Als Miles mit seiner Frau Kate und den beiden Kindern für ein Jahr aufs Land zieht, möchte er eigentlich endlich seine Doktorarbeit fertigstellen. Stattdessen lernt er dort viele neue Menschen kennen und erlebt Dinge, mit denen er so nicht gerechnet hat. Gerade die Begegnungen mit den eigenwilligen Bewohnern und seine ersten Versuche beim Skilanglauf und Sensenmähen haben mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht.
Vieles in diesem Roman ist ziemlich ungewöhnlich. Die Gruppe, die an eine Welt unter der Erde glaubt, war für mich zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Trotzdem fand ich es interessant zu beobachten, wie Miles immer mehr in diese Gemeinschaft hineinrutscht. Was zuerst wie eine etwas schräge Ablenkung wirkt, bekommt nach und nach eine andere Bedeutung. Dabei merkt man mit der Zeit, dass Miles selbst nicht mehr alles so sieht wie am Anfang.
Beim Lesen fand ich es interessant, wie Daniel Mason die Menschen auf dem Land beschreibt. Die Dorfbewohner sind teilweise schon ziemlich eigen und auch Miles schaut anfangs mit dem Blick eines Städters auf diese für ihn ungewohnte Welt. Seine Beobachtungen haben mir dabei manches Mal ein Schmunzeln entlockt.
An manchen Stellen war mir das Ganze etwas zu ausführlich. Auch mit einigen der ungewöhnlichen Einfälle musste ich erst einmal warm werden.
Trotzdem wollte ich wissen, wie es mit Miles weitergeht, weil man nicht immer vorhersehen kann, was als Nächstes passiert. Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen, auch wenn mich nicht alles gleichermaßen angesprochen hat. Einige Begegnungen und Situationen sind mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben.
Die vielen unterschiedlichen Figuren und die manchmal ziemlich schrägen Situationen geben dem Buch seinen eigenen Charakter.
4 Sterne und eine Leseempfehlung.
Wenn Jugendliche Grenzen überschreiten
Wenn Teenager eskalieren von Burkhard Benecken
Schon die ersten Kapitel haben mich schockiert, denn hier geht es um Fälle, die man nicht einfach als typische Probleme von Jugendlichen abtun kann. Burkhard Benecken berichtet von jungen Menschen, die mit Gewalt, Drogen, falschen Aussagen vor Gericht oder auch ganz anderen Vorstellungen von Werten und Grenzen aufwachsen.
Beim Lesen wird schnell klar, dass hinter vielen dieser Fälle mehr steckt als das, was man zunächst sieht.
Besonders beschäftigt hat mich der Blick auf Jugendliche, für die Respekt vor der Justiz oder die Folgen einer falschen Aussage offenbar kaum noch eine Rolle spielen. Dass Jugendliche bei Zeugenaussagen vor Gericht aus einer Challenge heraus lügen, hat mich ziemlich überrascht. Auch die Beispiele rund um soziale Medien und den Wunsch nach Luxus zeigen, wie sehr der Druck, mithalten zu müssen, das Denken beeinflussen kann.
Interessant fand ich, dass der Autor nicht nur die einzelnen Fälle beschreibt, sondern auch versucht zu zeigen, wie es überhaupt so weit kommen kann. Durch seine Arbeit als Strafverteidiger kennt er viele dieser jungen Menschen persönlich und bekommt dadurch einen Einblick, der über die eigentliche Straftat hinausgeht. Beim Lesen hatte ich deshalb öfter das Gefühl, dass man nicht vorschnell urteilen sollte. Auch wenn manche Dinge zunächst schwer nachvollziehbar sind, gibt es oft mehr Hintergründe, als man auf den ersten Blick erkennt.
Die 17 Kapitel sind unterschiedlich aufgebaut und beschäftigen sich mit verschiedenen Bereichen. Dadurch bleibt das Buch abwechslungsreich. Einige Beispiele haben mich stärker beschäftigt als andere, aber gerade diese Mischung hat für mich gut gepasst. Es geht nicht darum, Jugendliche pauschal als problematisch darzustellen. Vielmehr wird auch die Frage gestellt, welche Einflüsse eine Rolle spielen und wo Familie, Schule, Gesellschaft und Politik ansetzen könnten.
An manchen Stellen war die Lektüre für mich durchaus schwer auszuhalten. Die geschilderten Fälle zeigen, wie früh manche Jugendliche mit Dingen in Berührung kommen, die eigentlich weit von ihrem Alter entfernt sein sollten. Gleichzeitig fand ich es interessant, die Sicht eines Strafverteidigers kennenzulernen und seine Erfahrungen aus vielen realen Fällen zu lesen.
Für mich ist es ein Buch, das zum Nachdenken anregt und einige unbequeme Fragen stellt. Nicht jede Situation lässt sich einfach erklären oder lösen. Gerade deshalb habe ich nach dem Lesen noch über manches nachgedacht. Die Mischung aus realen Fällen, den Erfahrungen des Autors und seinen Gedanken zu möglichen Lösungen macht das Buch für mich zu einer aufschlussreichen Lektüre.
5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Wo aus Fremdheit Nähe wird
Gegenlicht von Nicole Wellemin
Die 15 jährige Annelie fühlt sich nach dem Umzug aufs Land fremd und hat das Gefühl, von ihrer neuen Umgebung kaum wahrgenommen zu werden. Am liebsten ist sie allein unterwegs und streift durch den Wald. Schon daran merkt man, wie wenig sie sich dort zu Hause fühlt. Erst durch die Begegnung mit Morli beginnt sich langsam etwas zu verändern.
Auch er hat seine eigene Geschichte und lässt nur schwer jemanden an sich heran.
Beim Lesen habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie viel sich verändern kann, wenn jemand wirklich hinschaut und nicht gleich über einen anderen Menschen urteilt. Annelie und Morli sind beide Außenseiter, jeder auf seine eigene Art. Gerade dadurch entsteht zwischen ihnen eine Freundschaft, die sich ganz natürlich entwickelt. Es geht dabei nicht darum, dass auf einmal alle Probleme verschwunden sind. Vielmehr wird deutlich, wie wichtig ein Mensch sein kann, der bleibt, zuhört und einem das Gefühl gibt, nicht allein zu sein.
Auch Familie und die eigenen Verletzungen spielen eine wichtige Rolle. Besonders Morlis Familiengeschichte hat mich beschäftigt, weil man nach und nach versteht, was hinter seinem Verhalten steckt. Gleichzeitig mochte ich die sommerliche Stimmung und die Wege durch die Natur. Beides hat für mich gut zu der Geschichte gepasst.
Die Figuren sind mir beim Lesen Stück für Stück näher gekommen. Vieles wird nicht sofort ausgesprochen und manche Gefühle zeigen sich erst mit der Zeit. Gerade das hat die Geschichte für mich glaubwürdig gemacht. Man bekommt Gelegenheit, die Menschen und ihre Entscheidungen besser zu verstehen.
Es war kein Buch, das mich mit ständig neuen Wendungen fesseln musste. Vieles entsteht durch die Begegnungen der Menschen und durch kleine Veränderungen, die zunächst kaum auffallen. Gerade das hat mir gefallen. Am Ende bleibt vor allem der Gedanke, wie wichtig es sein kann, wirklich gesehen zu werden und selbst einen anderen Menschen nicht mehr zu übersehen.
Für mich ist es ein besonderer Roman über Freundschaft, Vertrauen und das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Mehr als nur ein Buchclub
Der Buchclub der eigensinnigen Frauen von Marie Bostwick
Margaret Ryan lebt 1963 mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in einer amerikanischen Vorstadt. Von außen sieht bei ihr alles nach dem perfekten Familienleben aus. Doch Margaret merkt immer mehr, dass ihr etwas fehlt. Mit der neuen Nachbarin Charlotte kommt schließlich auch die Idee für einen Buchclub.
Was zunächst nach gemeinsamen Abenden mit Büchern und Cocktails klingt, wird für die Frauen schnell wichtiger.
Ich mochte es, die Frauen bei ihren Treffen zu begleiten und nach und nach mehr über sie zu erfahren. Jede bringt ihre eigenen Sorgen und Wünsche mit. Hinter den schönen Häusern und dem ordentlichen Familienleben sieht es bei keiner ganz so perfekt aus, wie es zunächst wirkt. Gerade das fand ich interessant.
Auch Margaret konnte ich beim Lesen gut verstehen. Sie fängt an, sich selbst zu fragen, ob das Leben, das sie führt, wirklich ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Dabei geht es gar nicht um einen großen Ausbruch. Vielmehr sind es die kleinen Zweifel und Gedanken, die sich bei ihr mit der Zeit verändern. Das wirkte auf mich glaubwürdig.
Die anderen Frauen sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Durch die Gespräche im Buchclub erfährt man einiges über ihre Ehen, ihre Familien und das, was sie sich vom Leben eigentlich wünschen. Dadurch sind mir einige von ihnen im Laufe des Buches näher gekommen. Gleichzeitig gab es aber auch Stellen, an denen ich etwas weniger aufmerksam gelesen habe, weil sich die Handlung für mich ein wenig gezogen hat.
Die 1960er Jahre spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Erwartungen an Frauen waren damals noch sehr festgelegt. Vieles von dem, was heute selbstverständlich erscheint, war für die Frauen in dieser Zeit keineswegs selbstverständlich. Das wurde gut vermittelt, ohne dass die Zeit nur als Hintergrund diente.
Insgesamt habe ich die Frauen und ihre Treffen gern begleitet. Der Buchclub wird zu einem Ort, an dem sie über Dinge sprechen können, die sonst kaum ausgesprochen werden. Für mich war es eine Geschichte über Freundschaft und darüber, irgendwann zu merken, dass man auch eigene Wünsche haben darf. Nicht jede Passage konnte mich gleichermaßen mitnehmen, trotzdem habe ich das Buch gern gelesen und die Entwicklung der Frauen interessiert verfolgt. 4 Sterne.
Ein neues Kapitel auf Borkum
Das Strandhotel auf Borkum – Stürme des Lebens von Ocke Aukes
Schon die ersten Seiten haben mich wieder nach Borkum zurückgebracht. Die Vorbereitungen für das neue Strandhotel, die Familie Bakker und das Leben auf der Insel haben mir schnell ein gutes Gefühl für die Zeit um 1900 vermittelt. Man merkt, wie viele Hoffnungen mit dem neuen Hotel verbunden sind und welche Wünsche die Menschen damit verbinden.
Hermine ist eine Figur, deren Weg ich gerne verfolgt habe. Als sie Lucas begegnet und von einem gemeinsamen Leben träumt, habe ich mich zunächst mit ihr gefreut. Umso schwerer war es zu lesen, wie schnell sich ihr Leben verändert. Der Tod ihres Mannes bringt für Hermine nicht nur große Trauer mit sich. Sie muss auch herausfinden, warum Lucas überhaupt auf dem Schiff war und was er vor ihr verborgen hat.
Die Suche nach der Wahrheit nimmt deshalb einen wichtigen Platz ein. Nach und nach erfährt Hermine Dinge, mit denen sie nicht gerechnet hat. Dabei konnte ich gut verstehen, wie schwer es für sie sein muss, ihre Erinnerungen an Lucas mit dem in Einklang zu bringen, was sie nun über ihn erfährt. Ihre Zweifel und offenen Fragen haben mich beim Lesen immer wieder beschäftigt.
Auch Borkum selbst kommt in diesem Band wieder gut zur Geltung. Das Leben auf der Insel, die Arbeit im Hotel und die Menschen, die dort aufeinandertreffen, werden anschaulich beschrieben. Vor allem die Szenen rund um das Strandhotel haben mir einen guten Einblick in die damalige Zeit und den Alltag der Menschen gegeben.
Ocke Aukes verbindet Hermines persönliche Geschichte mit den Ereignissen rund um die Familie Bakker. Dadurch fügt sich der Band gut in die Reihe ein. Trotz der schweren Ereignisse lässt sich das Buch angenehm lesen und vermittelt eine warme Atmosphäre.
Ich habe Hermine gerne begleitet und wollte natürlich wissen, was wirklich hinter Lucas' Tod steckt. An einigen Stellen habe ich mit ihr mitgefühlt und mich gefragt, wie sie mit den Wahrheiten umgehen wird, die nach und nach ans Licht kommen.
Dieser dritte Band ist eine sehr schöne Fortsetzung der Reihe. Die Verbindung aus Insel, Familiengeschichte, Liebe und einem gut gehüteten Geheimnis hat mir abwechslungsreiche Lesestunden beschert. Dabei geht es nicht nur um die großen Ereignisse. Auch die persönlichen Wünsche und Sorgen der Menschen bekommen ihren Platz.
So habe ich die Reise nach Borkum gerne noch einmal angetreten und die Familie Bakker und die Menschen rund um das Strandhotel ein weiteres Stück begleitet.
5 Sterne.
Wo Liebe an ihre Grenzen kommt
Wildboden von Constantin Lieb
Erna Schilling und Ernst Ludwig Kirchner leben 1936 zurückgezogen in Frauenkirch in den Schweizer Bergen. Während sich in Deutschland die politischen Verhältnisse verändern, bekommen auch Erna und Kirchner die Folgen davon zu spüren. Ihr Leben in Frauenkirch bleibt davon nicht verschont. Dazu kommen die Schwierigkeiten, die sie schon innerhalb ihrer Beziehung haben.
Erna liebt Kirchner und hält lange zu ihm. Seine Morphiumsucht und seine seelischen Schwierigkeiten bestimmen immer mehr ihren gemeinsamen Alltag. Beim Lesen war oft zu spüren, wie sehr Erna zwischen ihrer Liebe zu ihm und ihren eigenen Bedürfnissen steht. Sie möchte helfen und ihn nicht im Stich lassen, muss dabei aber immer wieder ihre eigenen Grenzen zurückstellen.
Seine Ängste und seine Morphiumsucht belasten das gemeinsame Leben immer mehr. Auch seine Art macht es Erna nicht leicht, mit ihm zusammenzuleben. Kirchner wird dabei nicht nur als Künstler gezeigt. Manche Situationen haben beim Lesen Unbehagen ausgelöst, weil deutlich wird, wie wenig Raum ihr selbst in dieser Beziehung bleibt.
Die Ruhe der Berge täuscht ein wenig darüber hinweg, was sich im Leben der beiden abspielt. Erna und Kirchner leben sehr zurückgezogen. Die Landschaft vermittelt zwar Ruhe und Weite, doch die Abgeschiedenheit wirkt manchmal auch beklemmend. Trotzdem dringen die Ereignisse aus Deutschland immer näher an sie heran und lassen sich irgendwann nicht mehr aus ihrem Alltag heraushalten.
Die politischen Veränderungen werden für Kirchner auch als Künstler zum Problem. Was in Deutschland geschieht, hat damit ganz konkrete Folgen für sein Leben. Diese Verbindung zwischen dem persönlichen Schicksal der beiden und der damaligen Zeit fand ich interessant.
Die Geschichte liest sich überwiegend ruhig. Einige Abschnitte brauchten etwas mehr Aufmerksamkeit, andere haben mich stärker erreicht. Vor allem Ernas Situation hat mich beschäftigt. Sie gibt lange sehr viel für einen anderen Menschen und muss irgendwann erkennen, dass auch ihr eigenes Leben weitergehen muss.
Der Verlust von Kirchner verändert vieles. Für Erna beginnt damit eine schwere Zeit, aber auch die Möglichkeit, wieder mehr an sich selbst zu denken. Dieser Teil der Geschichte hat mir gefallen, weil ihre Entwicklung dadurch nicht einfach mit der Trauer endet.
Wildboden verbindet das Leben von Erna und Kirchner mit der Geschichte dieser Zeit und mit der Welt der Kunst. Die Beziehung der beiden steht dabei klar im Mittelpunkt. Nicht alles hat mich gleichermaßen erreicht, manches blieb für mich etwas auf Abstand. Ernas Lebensweg und ihre schwierige Suche nach einem eigenen Weg haben mich jedoch bis zum Ende begleitet.
Für mich ist es ein ruhiger Roman, der eine ungewöhnliche Beziehung zeigt und dabei auch schwierige Seiten nicht ausspart. Die Geschichte hat mich stellenweise nachdenklich gemacht und vor allem Ernas Entwicklung fand ich interessant. 4 Sterne.
Zwischen zwei Welten
Das Jahr der Wale von Kelly Anderson
Das Meer gehört für Annie ganz selbstverständlich zu ihrem Leben. Sie ist dort aufgewachsen und hat schon als Kind viel Zeit auf dem Segelboot ihrer Eltern verbracht. Die Verbundenheit mit dem Meer und der Natur zieht sich durch Annies Leben und gehört einfach zu ihr.
Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit und irgendwann wird aus ihrer Freundschaft Liebe.
Ihre Beziehung hat mir gut gefallen, weil sie nicht einfach nur romantisch dargestellt wird. Zwischen Annie und Evan läuft nicht immer alles so, wie beide es sich wünschen. Annie merkt dabei immer mehr, dass sie ihre eigenen Wünsche nicht einfach beiseiteschieben kann. Sie muss für sich klären, was sie vom Leben und von der Liebe erwartet.
Dann kommt der Tsunami und mit ihm eine schreckliche Veränderung. Annie verliert ihre Eltern und plötzlich ist nichts mehr so, wie es vorher war. Sie muss mit dem Verlust leben und gleichzeitig versuchen, ihren eigenen Weg weiterzugehen. Diese Entwicklung hat mich beim Lesen berührt.
Als Annie Walker aus den Fluten rettet, verändert sich noch einmal etwas. Obwohl Walker nicht spricht, fühlt Annie sich auf Anhieb zu ihm hingezogen. Zwischen den beiden entsteht eine Nähe, die schwer zu erklären ist. Das hat der Geschichte eine geheimnisvolle Seite gegeben. Gleichzeitig gerät Annie dadurch noch stärker in einen inneren Konflikt und muss sich fragen, welchem Gefühl sie vertrauen kann.
Sehr gefallen haben mir die vielen Szenen am Meer und in der Natur. Die Beschreibungen waren so anschaulich, dass beim Lesen immer wieder Bilder im Kopf entstanden. Dabei zeigt das Meer nicht nur seine Schönheit. Es kann ruhig und friedlich sein, aber auch gefährlich und unberechenbar. Gerade dieser Gegensatz hat gut zu Annies Geschichte gepasst.
An manchen Stellen wurde mir die Geschichte etwas zu ruhig und die Handlung kam nur langsam voran. Gerade in diesen ruhigeren Abschnitten konnte Annie besser mit ihren Gefühlen und den anstehenden Entscheidungen umgehen. So wurde auch nachvollziehbar, warum sie sich damit nicht leichttut.
Die Geschichte verbindet Liebe und Familie mit Verlust und der Frage, wo man im Leben eigentlich hingehört. Die Beziehung von Annie und Evan, die Begegnung mit Walker und Annies tiefe Verbundenheit mit dem Meer geben dem Buch verschiedene Seiten. Nicht jede Entwicklung hat mich gleichermaßen erreicht und manche Passagen waren mir etwas zu ruhig. Trotzdem hat mir die Stimmung des Buches gefallen. Auch die vielen Momente in der Natur und am Meer haben für mich gut zur Geschichte und zu Annie gepasst.
4 Sterne.











