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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Über die Depression eines jungen Mannes und was sie mit einer Beziehung macht

Homesick von Silvia Saunders

Mara ist Mitte 20 und seit mehreren Jahren in einer Beziehung mit Tom. Sie verdient ein bescheidenes Einkommen in einer Bibliothek, während er viel Stress als Referendar hat. Altersmäßig befinden sich die beiden in einer Zeit, in der langsam der Druck größer wird, die Unverbindlichkeit zu beenden und herauszufinden, ob es genug Tragfähiges für eine längerfristige gemeinsame Zukunft gibt.

Da bekommt Mara durch ein frühzeitiges Erbe die Möglichkeit, eine Wohnung in London zu kaufen. Schon von Anfang an zeigt sich Tom, der nie ein großer Fan dieser Stadt war und seine Heimatstadt Birmingham, mehrere Zugstunden entfernt, vermisst, nicht sehr begeistert davon. Schließlich macht zieht er aber dann doch halbherzig mit, bis zu seinem psychischen Zusammenbruch, seiner darauffolgenden Krankschreibung und der Rückkehr zu seiner Herkunftsfamilie nach Birmingham. Es stellt sich heraus, dass er an schweren Depressionen leidet. Die Liebe zwischen Mara und Tom ist aber groß und sie versuchen, nach der allerschlimmsten Phase mit regelmäßigen gegenseitigen Besuchen an einer Fernbeziehung festzuhalten... doch kann das irgendeine Zukunft haben?

Das Buch ist leichtgängig und humorvoll geschrieben, doch thematisch sehr tiefgründig. Es besteht aus vielen kurzen Kapiteln, die sich leicht und schnell lesen, damit ist es deutlich schneller gelesen als die meisten anderen Bücher dieses Umfangs.

Was aus dem Klappentext nicht hervorgeht, ist, wie stark das Thema männliche Depression ein Schwerpunkt des Buches ist. Überhaupt finde ich den Klappentext nicht sehr gut getroffen und er weckt eher einen falschen Eindruck von diesem Buch: es geht auch nicht darum, ob Mara sich zu sehr an ein Leben ohne Tom gewöhnt. Auch der Sticker "Comedy Women in Print Award" führt bei der Einschätzung des Buches eher in die Irre, es ist zwar durchaus zynisch-sarkastisch geschrieben, aber das Hintergrundthema ist doch zu düster und ernst für wirkliche Comedy.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie man gemeinsam mit Toms schwerer Depression und allem, was daraus resultiert, zurechtkommen kann, ob die Beziehung damit noch eine Zukunft haben kann und wie diese aussehen könnte. Denn eine dauerhafte Fernbeziehung, noch dazu unter der Belastung einer psychischen Erkrankung eines Partners, ist keine tragfähige Basis für eine, die sich Verbindlichkeit, Heiraten und Kinder wünscht.

Ich empfehle also, den Klappentext zu ignorieren und bei der Entscheidung für dieses Buch zu überlegen, ob man gerade die psychischen Kapazitäten hat, sich mit dem sehr ernsten Thema Depression in einer Beziehung auseinanderzusetzen. Wenn man das hat, dann ist es durchaus ein lohnenswertes Buch für alle, die gerade selbst in ihren 20ern sind, aber auch durchaus noch für ältere Leserinnen und Leser, die auf diese Lebensphase zurückblicken. Denn es thematisiert tiefgründig reale Entscheidungen und Herausforderungen, vor denen die meisten Menschen in diesem Alter stehen, wenn sich immer mehr die Frage stellt, welche Beziehung langfristig die eigenen Zukunftswünsche tragen kann.

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Über die Depression eines jungen Mannes und was sie mit einer Beziehung macht
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Über die Kunst und die, die sie erschaffen

The Artist von Lucy Steeds

"The Artist", das Debüt von Lucy Steeds, hat in der deutschsprachigen Ausgabe ein sehr ansprechendes und wunderschönes Cover . Allerdings finden sich unter ähnlichen Covers oft seichte Liebesromanzen, marketingtechnisch könnte dies also leider in die Irre führen (zum Vergleich: die englischsprachige Ausgabe hat ein Cover, das völlig anders wirkt).

Deshalb sei schon an dieser Stelle gesagt: es handelt sich durchaus um ein anspruchsvolles und tiefgründiges Werk, mit gut gezeichneten Charakteren, viel Wissen über Kunst und spannenden Plottwists. Die Autorin hat dafür mehrere renommierte Preise gewonnen und war unter anderem für den Women's Prize for Fiction nominiert.

Es ist ein Buch, das ganz langsam und atmosphärisch startet und dessen Handlung erst später beginnt, Fahrt aufzunehmen. Die ersten ca. 100 Seiten war ich mir deshalb nicht so sicher, ob es ein Buch für mich sein würde, doch bald darauf hat es mich sehr gefesselt und in die Atmosphäre und Handlung hineingezogen.

Fast das ganze Buch spielt an einem einzigen Schauplatz: rund um ein altes Bauernhaus in Südfrankreich, in das sich ein berühmter Künstler Édouard Tartuffe mit seiner Nichte Sylvette, genannt Etti, zurückgezogen hat. Der junge Mann Joseph, selbst an der Kunstakademie gescheitert und nun angehender Journalist, möchte den Künstler kennen lernen, um über ihn zu berichten. Der alte Künstler ist erst einmal misstrauisch und verschlossen, doch er lässt sich auf einen Handel ein: wenn Joseph zustimmt, ihm für ein Gemälde Modell zu sitzen, dann darf er bis zu dessen Fertigstellung dort wohnen, alles beobachten und darüber schreiben. Darauf lässt Joseph sich ein, und lernt den alten Künstler "Tata" und die junge Frau näher kennen. Mit der Zeit zeigt sich, dass so einiges nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Historisch befinden wir uns in der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg, was auch an verschiedenen Stellen im Buch eine Rolle spielt. Etti hat eine Zeit lang als Krankenschwester Kriegsversehrte betreut, Joseph selbst hat sich dem Kriegsdienst verweigert, sein älterer Bruder wurde durch diesen schwer traumatisiert. Gleichzeitig ist es eine Zeit, in der die Kunst noch stärker als heute männlich dominiert ist und erst seit kurzem Frauen als Studentinnen an ersten Kunsthochschulen zugelassen wurden.

Was ist von dem großen, bewunderten, aber eigenwilligen Künstler Édouard Tartuffe zu halten? Welche Gründe haben ihn dazu bewogen, sich in so einen entlegenen Flecken Erde zurückzuziehen? Und was hat es mit seiner Nichte auf sich, einer mittlerweile erwachsenen jungen Frau, die nach dem Tod der Mutter in ihrer Kindheit alleine bei "Tata" aufgewachsen ist?

Man merkt beim Lesen, wie sehr der Autorin die Kunst als Weg zu den eigenen Emotionen und als Spiegel des Selbst am Herzen liegt. Wie sie am Nachwort beschreibt, haben ihre Eltern sie gelehrt, Kunst auf sich wirken zu lassen und das mitzunehmen, was einem selbst etwas bedeutet. Diesen erfrischenden, offenen Zugang zur Kunst vermittelt sie auch über ihr Schreiben... wer Kunst liebt, wird seine Freude haben an den ausführlichen Beschreibungen der Verbindungen zwischen Landschaft, Natur, Farben und Licht, aber auch an den tiefgründigen Ideen darüber, was Kunst sein und zum Ausdruck bringen kann. Aber auch Themen wie die Kunstfertigkeit der Kunstfälschung und die Frage, was einen wahren Künstler oder eine wahre Künstlerin ausmacht, und vieles mehr, finden Raum in diesem vielschichtigen Buch.

Ich empfehle allen Interessierten, sich für das Lesen Zeit zu nehmen, um die inneren Bilder auf sich wirken zu lassen und sich von der anfangs nur sehr langsam fortschreitenden Handlung nicht entmutigen zulassen. Es lohnt sich, dranzubleiben, und man wird insgesamt mit einem ganz besonderen Leseerlebnis belohnt, das das Potential hat, das eigene Kunstverständnis zu erweitern.

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Über die Kunst und die, die sie erschaffen
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Über Einsamkeit und Entfremdung zwischen den Kulturen

Die Einsamkeit von Sonia und Sunny von Kiran Desai

Sonia und Sunny, beide ursprünglich aus indischen Familien stammend, scheinen es auf den ersten Blick richtig gut zu haben: ihre Familien sind in der Lage, ihnen jeweils ein Studium in den gepriesenen USA zu ermöglichen. Sonia hat Literatur in Vermont studiert, Sunny Journalismus in New York. So stehen den beiden alle Verheißungen des Westens offen, möchte man glauben: eine Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, voll unendlicher Weiten, und ein modernes, freies Leben, frei von den Zwängen alter kultureller Traditionen und familiärer Erwartungen - statt ganz jung heiraten zu müssen, wie viele andere junge Menschen in Indien.

So würde man erwarten, dass die beiden glücklich und erfüllt sind, oder? Das hätten sich zumindest ihre Familien für sie gewünscht, die ihnen dieses Auslandsstudium ermöglicht haben. Dieses Unverstanden-Sein erhöht natürlich das Gefühl der Einsamkeit der jungen Menschen noch einmal mehr, zur äußerlichen kommt noch eine starke innerliche Unverbundenheit und Entfremdung von der Lebenswelt der Herkunftsfamilien dazu:

"Einsam? Einsam?" Für Einsamkeit hatte man in Allahabad kein Verständnis. Sie kannten dort vielleicht die Einsamkeit, die entstand, wenn man sich missverstanden fühlte; sie kannten vielleicht das leere tote Gefühl der Nachmittage von Allahabad, eine Ebbe, die ewig währen mochte; aber sie waren noch nie allein zu Hause gewesen, hatten nie eine Mahlzeit allein eingenommen, nie an einem Ort gelebt, an dem sie Unbekannte waren, waren nie aufgewacht, ohne dass ein Koch ihnen Tee brachte oder ohne mehreren Menschen einen guten Morgen zu wünschen." (S. 9)

Und viele Aspekte des amerikanischen Traums erweisen sich als zerplatzende Seifenblasen: an eine dauerhafte Arbeitsgenehmigung ist nicht so leicht zu kommen, es gibt Vorurteile und Diskriminierung und in manchem sind die beiden in wohlhabenden, behüteten indischen Familien aufgewachsenen jungen Menschen wohl auch psychisch nicht so gut vorbereitet auf die Härten eines Lebens alleine, fernab der Verwandten, in einem fremden Land am anderen Ende der Weltkugel.

Dieses neue monumentale Epos der Booker-Preisträgerin Kiran Desai begleitet also Sonia und Sunny sowie weitere Personen aus ihrem Umfeld über fast 750 dicht erzählte Seiten durch einige prägende Episoden ihres Lebens als junge Erwachsene in ihren 20ern, zwischen den USA und Indien. Natürlich begegnen sich die beiden auch irgendwann, doch bis dahin geschieht noch so einiges andere, und auch danach ist es nicht immer leicht miteinander. Wenn alte kulturelle Normen von Sittsamkeit, Enthaltsamkeit und Ehe wegfallen, aber vielleicht zum Teil noch innerlich nachwirken, und nur stückhaft durch das neue, moderne, westliche Konzept von flexiblen Affären und Beziehungen, in denen alles möglich scheint, ersetzt werden... was hat man dann überhaupt miteinander? Was verbindet einen, wenn überhaupt etwas? Und was macht das mit diesen jungen Menschen?

Es sind viele tiefgründige Themen, die dieses Buch aufwirft:

Es geht um den Preis, den viele junge Menschen zahlen, wenn sie sich durch Wegzug und Studium auch innerlich von den Normen der Herkunftskultur und -familie entfernen und sich gleichzeitig doch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit sehnen, aber nicht klar ist, wo diese in ihrem neuen Leben gefunden werden können.

Es geht um ein vielfältiges Indien im Aufbruch, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Familienzusammenhalt und Brüchigkeit, mit einer uralten Kultur, Mystik und einzigartiger Kulinarik, aber auch vielfältigen Problemen in Bereichen wie Soziales, Gesellschaft und Umwelt. Dabei spart die schon lange im Ausland lebende indischstämmige Autorin auch nicht mit Kritik am Subkontinent und zeigt an vielen Beispielen, wie tief Klassismus, Misogynie, Korruption und viele weitere Probleme in der Gesellschaft verankert sind und das tägliche Leben der Menschen prägen.

Es geht außerdem um die ursprünglich so schillernden USA, über viele Jahrzehnte der Traum vieler Menschen aus aller Welt, die nach wie vor viele hoffnungsvolle Studierende aus verschiedensten Ländern anziehen, die dann doch in vielen Bereichen desillusioniert werden und erkennen müssen, dass auch diese Gesellschaft bei weitem nicht so frei und gleich ist, wie sie sich gerne marketingmäßig präsentiert, und die scheinbar unendlichen Möglichkeiten für sie selbst ihre Grenzen haben.

Mir hat es etwa in der Seele weh getan, ausführlich darüber zu lesen, wie wenig berufliche Chancen die so hoffnungsvolle, für ihr Fach brennende und intelligente, aber in Beziehungen unerfahrene und etwas naive Sonia für sich allein in den USA hat und wie anfällig es sie dafür macht, eine sehr toxische Affäre mit einem viel älteren, privilegierten, ausbeuterischen Künstler einzugehen, der ihr erst einmal scheinbar berufliche Möglichkeiten und die damit verbundene Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung verschafft, aber sie sonst ausnützt, demütigt und ihren Selbstwert zerstört. Das war ein Teil des Buches, der nicht einfach für mich auszuhalten war, aber gleichzeitig ebenfalls wichtige Aspekte von Einsamkeit und Benachteiligung aufzeigt.

Ich empfehle, sich für dieses Buch mindestens einen Monat konzentrierte Lesezeit zu nehmen. Das gilt selbst für routinierte Leserinnen und Leser. Das Buch ist in seiner Erzählweise dermaßen dicht und reich an Metaphern und Querverbindungen, dass ein schnelles Lesen kaum möglich ist und dabei viel verloren gehen würde.

Eines der prägenden Bilder, das sich durch das Buch zieht und vielleicht auch als Metapher für die Vielschichtigkeit von Verbundenheit, Emotionen, aber auch Einsamkeit, Entfremdung und Überwältigung stehen könnte, ist das Meer:

"Ich hätte schon vor ewigen Zeiten wiederkommen sollen. Du bist das Meer meiner Kindheit." Er schwamm hinaus, bis die Wasser ganz sanft waren, als würden sie noch schlafen." (S. 383)

"In Arossim gingen sie an den Strand. "Wenn du nach langer Zeit zum ersten Mal wieder schwimmen gehst - näher wirst du dem Glück nicht kommen", sagte Sonia." (S. 403)

"Weil dies unabänderlich ihre letzte Vergnügung war, gingen sie ins Wasser und fanden den Wellengang noch heftiger, als er vom Strand aus gewirkt hatte. Die Brecher waren so hoch, dass sie fast bis an den Grund tauchen mussten, damit sie nicht von ihnen mitgerissen wurden. Sie hatten kaum Zeit zum Auftauchen und Luftholen, bevor schon die nächste Welle herangedonnert kam und sie wieder abtauchen mussten, so tief wie möglich, um der Gefahr zu entkommen." (S. 408)

"Am Horizont berührte der Vollmond das Meer, über den Hügeln ging die Sonne auf, und der Mond verschwand wie ein Geist. Sunny schwamm weit hinaus und sah zu, wie die Sonne die ausgedörrten Hügel in Besitz nahm, hinter dem Dorf, das erst langsam erwachte. Er bat den Gott der Dämonen um Schutz für die Sonne, und bat die Sonne, seine Reise zu segnen." (S. 741)

An den zitierten Stellen zeigt sich auch, wie tief in diesem Buch modernes Denken, Fühlen und Genießen mit uralten religiösen, abergläubischen und mystischen Bezügen verbunden sind. Ich habe hier das Beispiel mit dem Meer gewählt, um zu zeigen, wie dieses Buch diesbezüglich funktioniert.

Es gäbe dazu aber auch unzählige weitere Beispiele mit anderen Metaphern, die sich ebenfalls durch das Buch ziehen und sich geschickt immer wieder in unterschiedlichen Kontexten wiederholen und dabei jeweils spiralförmig tiefere Aspekte eines Themas symbolisch aufzeigen. Um diese zu entdecken und zu entschlüsseln, ist Hintergrundwissen in Bezug auf Symbolik, Archetypen und die indische Kultur hilfreich, außerdem braucht es viel Zeit, um der Tiefgründigkeit dieses Werks den angemessenen Raum zu geben.

Damit ist es auch eines der Werke, bei denen es sich definitiv lohnt, es mehrmals zu lesen, dabei Notizen zu machen und es mit anderen zu diskutieren. Im Anhang finden sich Stammbäume von Sonia und Sunny, diese zu konsultieren lohnt sich für eine Einordnung der vielen vorkommenden Figuren.

Für schnelle, oberflächliche Unterhaltung ohne Anspruch eignet sich dieses Buch definitiv nicht, es verlangt und fordert seinen Raum. Es ist ein Buch mit sehr hohem Anspruch, das viel Konzentration, Zeit und Zuwendung erfordert, aber dafür mit einem sehr vielfältigen, reichhaltigen Leseerlebnis und einer umfassenden, tiefgründigen Annäherung an das Thema Einsamkeit zwischen Menschen und Kulturen in seinen vielfältigen Schattierungen belohnt. Es braucht viel Raum, zeitlich genauso wie emotional, sich auf dieses Buch voll und ganz einzulassen. Dann ist es aber ein besonderes Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht, viel Tiefe und Wissen vermittelt, verständnisvoller für Menschen aus ganz anderen Kulturen und Lebenssituationen machen kann, zum Nachdenken anregt und auch nach Beendigung der Lektüre innerlich noch lange in einem verweilen wird.

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Über Einsamkeit und Entfremdung zwischen den Kulturen
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Persönlich, medizinisch fundiert und hilfreich

Hilfe bei Fehlgeburt von Caroline Lehmann; Shirley Michaela Seul

Fehlgeburten betreffen mindestens jede dritte Frau, sind aber noch immer oft ein Tabuthema. Die Autorin hat mit dem Thema vielseitige Erfahrungen gemacht: einerseits als Ärztin mit Spezialisierung im Bereich genetische Beratungen, andererseits als selbst betroffene Frau, die vier Fehlgeburten ertragen musste, bis es endlich kurz vor 40 in der fünften Schwangerschaft beim letzten Versuch mit dem Wunschkind klappte.

Aus dieser Erfahrung heraus bietet sie nun auch Coaching für von Fehlgeburten betroffene Frauen an.

Ich muss ehrlich sagen, dass der sehr allgemein gehaltene Titel und auch das Cover mich kein so tolles Buch erwarten hätten lassen - das Buch hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen! Nahbar und persönlich erzählt die junge Ärztin von den Erfahrungen aus ihrer Kinderwunschzeit, von ihren Fehlgeburten und dem Schweigen darüber, dem Alleine-Sein und dem sterilen, oft unempathischen medizinischen System, das sie aus ihrer Berufspraxis so gut kannte und doch als Betroffene noch einmal ganz anders erlebte. Ihre persönliche Geschichte führt durch das Buch, wird aber jeweils passend durch medizinisches Fachwissen ergänzt.

Auch auf dieser Ebene habe ich viel gelernt, zum Beispiel über die verschiedenen Optionen nach einer Fehlgeburt - zusätzlich zu einer Absaugung ist es auch möglich, einen natürlichen Abgang abzuwarten oder diesen medikamentös einzuleiten - oder auch darüber, dass Frauen, die schnell und leicht schwanger werden, öfter von Fehlgeburten betroffen sind als solche, bei denen es länger dauert.

Viel Raum bekommt auch das Thema Trauern und In-Verbindung-Bleiben mit dem Sternenkind, denn die meisten betroffenen Frauen können und wollen ihre Sternenkinder eben innerlich nicht komplett "loslassen" (ähnlich wie es auch sonst oft Eltern frühzeitig verstorbener Kinder geht), wie ihnen so oft suggeriert wird, dass sie müssten. Überhaupt ist der Umgang mit den Sternenkindern ein sehr wertschätzender und es wird ein Weg vorgestellt, die gemeinsame Zeit, auch wenn sie noch so kurz war, zu würdigen.

Besonders interessant war für mich auch der Ansatz der Gentle Loving Care, zu dem es schon empirische Studien gibt, die nachweisen, dass Frauen, die vom medizinischen System freundlich empfangen werden, jederzeit ihre Gynäkologin oder ihren Gynäkologen aufsuchen dürfen und dort insgesamt menschenfreundliche und gemütliche Rahmenbedingungen erwarten, nach einer ersten Fehlgeburt weit wahrscheinlicher eine erfolgreiche Folgeschwangerschaft haben als solche, für die, wie leider sonst im überlasteten medizinischen System oft üblich, wenig menschenfreundlich und knapp abgefertigt werden. Hier zeigt sich wieder die so wichtige emotionale Komponente und wie bedeutend es wäre, dafür zu sorgen, dass sich nicht nur gebärende, sondern auch schwangere Frauen in dieser so vulnerablen Situation so geborgen und behütet wie möglich fühlen dürfen.

Das sind nur ein paar neue Erkenntnisse, die bei mir persönlich hängen geblieben sind, aber es gibt noch viel mehr davon im Buch. Vor allem aber fühlt sich das Buch an wie eine liebevolle Umarmung, wie ein verständnisvolles Gespräch mit einer Freundin an der Seite, mit einer, die ebenfalls, wie so viele Frauen und Paare heute, eine herausfordernde Kinderwunschzeit hinter sich hat und weiß, wovon sie spricht.

Ich kann dieses großartige Buch allen, die selbst von Fehlgeburten betroffen sind oder Betroffene in ihrem Umfeld haben - und das hat so gut wie jede/r, nur wissen wir es oft nicht - nur ans Herz legen!

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Persönlich, medizinisch fundiert und hilfreich
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Die Frage der Identität zwischen Irland, Frankreich und dem Judentum

Madame Lazare von Tadhg Mac Dhonnagáin

Ich habe die Lektüre dieses Buches vor mehreren Wochen beendet, blicke nun zum Verfassen der Rezension noch einmal auf das Buchcover und spüre, wie ich sofort wieder drin bin in der Geschichte. Ich bin wieder mit der jungen Muraed auf den irischen Aran-Inseln und blicke auf das Meer. Ich spüre ihre tiefe Verwurzelung in der irischen Volkskultur und in ihrem katholischen Glauben, die Hoffnung auf Hilfe durch die Jungfrau Maria, ihre Verbundenheit und Liebe zu ihrem kognitiv beeinträchtigten Zwillingsbruder Páraic, um den sie sich aufopfernd kümmert, aber auch zu ihrer Heimat.

In mir höre ich das Rauschen des Meeres und die so andersartige irische Sprache, in der abends beim geselligen Zusammensein alte Gedichte und Geschichten weitergegeben werden. Und ich denke und fühle nach, über Verwurzelung, Heimat und Identität,...

... aber auch über Entwurzelung, neue Heimat und wiederum die Identität, die mit der eigenen Herkunft und Religion verbunden sein kann. Denn auch die anderen Schauplätze, an denen das Buch spielt, spüre ich noch tief in mir. Die in Frankreich lebende Familie Lazare: Oma Hana, die angibt, aus einer jüdischen Familie im Baltikum zu stammen und all ihre Familienmitglieder in der Shoah verloren zu haben. So tief sei das Trauma, dass sie nicht darüber sprechen könne, seit Jahrzehnten. Ihr Mann Samuel, mit deutsch-französisch-jüdischen Wurzeln, liebevoll an ihrer Seite. Die beiden sind Teil der jüdischen Community an Vertriebenen und Überlebenden in Paris, doch sonderlich religiös sind sie nicht. Das ändert sich erst, als sich die erwachsene Tochter Brigitte kurz vor ihrem Tod stark der jüdischen Religion zuwendet und ihnen den Auftrag gibt, Enkelin Levana in dieser Prägung zu erziehen. Dann die erwachsene Levana, die sich um die älter und kränker werdende Oma Hana kümmert, die plötzlich in einer unbekannten Sprache spricht und damit ihre Enkelin vor ein Rätsel stellt.

Daran, wie dieses Buch noch nach Wochen emotional in mir nachwirkt, zeigt sich, dass es sich um ein tiefgründiges und atmosphärisch geschriebenes Werk mit realistisch und vielschichtig gezeichneten Charakteren handelt, das viel Stoff zum Nachdenken, Nachspüren und Diskutieren liefert. Erzählt ist das Buch auf mehreren Zeitebenen und aus den Sichten verschiedener Figuren, vom Irland in der Zeit des Zweiten Weltkrieges über das Paris Jahrzehnte später bis zu Belgien in der nahen Gegenwart. Dabei sind die verschiedenen Zeit- und Ortswechsel so geschickt miteinander verwoben, dass ich das Buch als leicht lesbar, spannend und unterhaltsam empfunden habe, nie verwirrt war und es genossen habe, die unterschiedlichen Perspektiven kennen zu lernen, mit den Figuren mitzufühlen und Schritt für Schritt die genaueren Hintergründe der Geschichte zusammenzusetzen. Dabei habe ich außerdem viel Interessantes über die irische Sprache und Volkskultur gelernt.

Im Anhang findet sich ein ausführliches Glossar mit Informationen zur Aussprache der irischen Wörter sowie weiteren Hintergrundinformationen sowohl zur irischen Kultur als auch zur jüdischen Religion. Dieses habe ich parallel zur Lektüre als sehr hilfreich empfunden. Insgesamt zeigt sich auch dadurch, wie ausführlich sich der Autor mit seinen Themen auseinandergesetzt hat.

Vieles von dem, was ich bisher erwähnt habe, würde also für ein 5-Sterne-Buch sprechen, wenn es nicht einen kleinen Makel gäbe: nicht alles hat sich am Ende so aufgelöst und erklärt, dass es für mich komplett plausibel war. Es bleiben einige offene Fragen in Bezug auf die Geschichte. Dafür einen Stern Abzug für ein sonst sehr gutes, lesenswertes und definitiv empfehlenswertes Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

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Die Frage der Identität zwischen Irland, Frankreich und dem Judentum
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Hat mich nicht so richtig erreicht

Mit anderen Augen von Jane Tara

Dieses Buch klang von der Beschreibung her so spannend: eine Parabel auf das "Unsichtbar-Werden" von Frauen irgendwann in den Wechseljahren, von dem mir schon so oft berichtet worden ist. Wie unangenehm es sei, auf einmal speziell von Männern, aber auch sonst in der Welt, kaum mehr wahrgenommen zu werden, weniger berufliche Chancen zu haben, übergangen zu werden.

Jane Tara treibt diesen Gedanken auf die Spitze: ihre Romanheldin Tilda, Anfang 50, Mutter zweier erwachsen werdender Mädchen, wird tatsächlich unsichtbar: beginnend mit einem Ohr oder einem Finger sind immer mehr Körperteile nicht mehr optisch wahrnehmbar, auch wenn sie sie immer noch spüren und verwenden kann. Sie sucht Rat bei ihrer Gynäkologin, mit der sie gleichzeitig auch eine freundschaftliche Verbindung hat und diese berichtet, dass es tatsächlich schon einige Betroffene gäbe, aber zu dem Thema, wie bei vielen speziell Frauen betreffenden Gesundheitsthemen, wenig geforscht werde, weil wenig Mittel dafür zur Verfügung ständen.

Diese Kurzbeschreibung der ersten Kapitel zeigt schon: hier geht es in vielerlei Hinsicht um starke Gesellschaftskritik und was das angeht, hat mir das Buch auch sehr gut gefallen und vermittelt es wichtig Botschaften und macht diese sichtbar.

Geschrieben ist es auf eine leicht-locker-humorvolle Art, die sich angenehm liest. Dennoch bin ich emotional mit Tilda und auch den anderen Figuren im Roman nicht so richtig warm geworden, sie hatten für mich nicht die charakterliche Tiefe, die ich an Romanfiguren sehr schätze. Auch hat das Buch bei mir keinen Lesesog ausgelöst, sodass ich immer gespannt gewesen wäre, weiterzulesen.

Insgesamt vergebe ich also mittelmäßige drei Sterne für ein Buch mit einer tollen Idee und einer Umsetzung mit Stärken und Schwächen.

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Hat mich nicht so richtig erreicht
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Durch innere Stärke zur Verbundenheit mit anderen Frauen

Das Tränenhaus. Roman von Gabriele Reuter

„Das Tränenhaus“ wurde von Gabriele Reuter, die auch schon für ihr in den letzten Jahren neu aufgelegtes Werk „Aus guter Familie“ bekannt ist und zu ihrer Zeit eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin war, im Jahr 1908 veröffentlicht. Das somit bald 120 Jahre alte Werk liest sich bis heute sehr unterhaltsam und interessant, gibt einen spannenden Einblick in historische Herausforderungen ungeplant schwangerer Frauen und regt zum Nachdenken über Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Klasse an.

Die Hebamme Frau Uffenbacher, „die Uffenbacherin“, betreibt in der schwäbischen Provinz, abgelegen am Land, das „Tränenhaus“, ein Haus für ungewollt schwangere Frauen. In dieses können sie einziehen, bevor die ledige Schwangerschaft und die damit zu dieser Zeit verbundene Schande für alle öffentlich sichtbar wird, später ihr Kind gebären, es zu Pflegeeltern geben und später in ihr bisheriges Leben zurückkehren und so tun, als sei nichts gewesen.

Die meisten Mädchen und Frauen, die in diesem Haus landen, sind jung, unsicher und oft auch wenig gebildet, wurden von ihrem Liebhaber im Stich gelassen oder gar von einem Fremden vergewaltigt, ihre Familien schämen sich für sie oder wissen nichts davon. Nun ist ihr Selbstwert am Boden, sie haben die urteilende Sichtweise der Gesellschaft auf sie internalisiert und das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Niedergeschlagen ordnen sie sich der hausführenden Hebamme und den dort geltenden Regeln komplett unter.

Nicht so Cornelie. Sie ist älter als die meisten anderen Bewohnerinnen, schon in ihren 30ern, intelligent, gebildet und selbstbewusst, hat als Schriftstellerin ihr eigenes Einkommen und ist zwar manchmal voll des Zornes auf den Kindesvater, und auch ihre Mutter soll nicht unbedingt zu früh von ihrer Schwangerschaft erfahren, aber insgesamt ist sie innerlich doch weit davon entfernt, sich zu schämen.

Sie freut sich auf ihr Kind und hofft, es werde ein Mädchen werden (wie ungewöhnlich für die damalige Zeit!) und sie will es behalten und selbst aufziehen. Zuerst einmal fühlt sie sich fremd im Haus der Uffenbacherin und auch den anderen Mädchen und Frauen, die so viel weniger gebildet und reflektiert wirken als sie selbst, kaum verbunden:

„Gewiss – das machte Cornelie zur Hauptbedingung, sie durfte in keinerlei Beziehung zu diesen anderen Damen gebracht werden, sie musste ganz einsam für sich leben können.“ (S. 25)

„Auch eine Welt – auch eine Welt – dachte Cornelie, als sie wachend auf ihrem Bette lag. Und sie hatte geglaubt, etwas vom Leben zu wissen – hatte sich vermessen, Urteile zu fällen, Rätsel zu lösen, Vergleiche zu ziehen. In die Einsamkeit hatte sie zu flüchten gemeint und war, wie in alten Märchen, gleichsam in Schlaf und Traum in ein anderes Leben hinabgesunken…“ (S. 28)

Warum sie sich irgendwelchen für sie unsinnigen Regeln unterordnen sollte, etwa, tagsüber nicht in der schönen Landschaft spazieren zu gehen, damit sie keiner sehe, das kann sie nicht verstehen. Und auch sonst bietet sie der Hebamme und auch den geltenden Sitten ihrer Zeit in vielen Bereichen die Stirn, steht mutig und selbstbewusst für sich und ihr Kind ein und ist damit auch den anderen Mädchen und Frauen ein Vorbild, denen sie sich Schritt für Schritt immer mehr annähert, Gemeinsamkeiten erkennt und sich mit ihnen solidarisiert.

Ich habe diesen wieder aufgelegten Klassiker sehr gerne gelesen. Das Buch ist unterhaltsam und humorvoll geschrieben und insbesondere Cornelie, aber auch einige andere porträtierte Mädchen und Frauen, waren mir sehr sympathisch. Es war interessant, einen so genauen Einblick in die schwierige Lage selbst finanziell einigermaßen gut gestellter ungeplant schwangerer Frauen in dieser Zeit zu bekommen.

Um die Sprechweise und soziale Klasse einiger aus ländlichen Regionen stammenden Bewohnerinnen sowie der Hebamme authentisch darzustellen, sind deren Äußerungen in einem Dialekt wiedergegeben, z.B. „I weiß auch nimmer recht, wie’s kumme is“ (S. 92) oder „Dem Annerle war meistens nit recht extra zumut.“ (S. 129). Ich als aus Österreich stammende Leserin hatte hier keinerlei Verständnisprobleme.

Gleichzeitig war vieles in diesem Buch erfrischend modern: Cornelie mit ihren Ansichten, an denen die anderen sich ein Beispiel nehmen. Aber auch die zunehmende Unterstützung, Verbundenheit und Solidarisierung unter den Frauen war ein schönes Beispiel, auch für die heutige Zeit.

Besonders spannend fand ich, dass auch das in der heutigen Zeit so aktuelle, aber damals ungewöhnliche Thema der Vereinbarkeit eines anspruchsvollen Berufs mit den körperlichen und psychischen Veränderungen, die mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett einhergehen, am Beispiel von Cornelie und ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, mit der sie sich und ihr Kind auch finanziell versorgen kann, schon in diesem Buch Raum bekommt. Hier spürt man auch, dass mit Gabriele Reuter eine Frau schreibt, die weiß, wovon sie spricht: auch sie hat im Alter von 38 Jahren ledig eine Tochter bekommen und diese als Alleinerzieherin groß gezogen.

Bemerkenswert auch, wie viel Kraft Cornelie letztendlich aus der transformativen Erfahrung des Mutter-Werdens auch für ihre schriftstellerisch-schöpferische Tätigkeit ziehen kann und mit welchem Selbstbewusstsein sie als Mutter und Autorin in die Welt geht:

„Ihr Denken war reicher, ihre Erfahrungen tiefer, ihr Empfinden voller und reiner geworden in diesen Monaten der Erwartung, sie empfand es mit dem tiefen Glück, mit dem jeder starke Mensch sich wachsen fühlt. Nun legte das Bewusstsein der gewonnenen Kraft ihr eine Verpflichtung auf, der sie sich nicht mehr zu entziehen dachte. Nicht in die Einsamkeit galt es zu fliehen. Nein – dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. Zeugnis musste sie ablegen für sich und für die anderen, denen sie sich durch unzerreißbare Bande verbunden fühlte. Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbsterwählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte.“ (S. 171)

Insgesamt kann ich das Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen: natürlich allen Frauen, insbesondere jenen, die sich für die Themen Schwangerschaft und Mutterschaft interessieren oder selbst davon betroffen sind.

Aber auch für Männer könnte diese spezifisch weibliche Thematik sehr interessant und vielleicht auch in manchen Bereichen augenöffnend sein, auch noch für die heutige Zeit, in der sich die Bedingungen ungeplant Schwangerer zwar in vielen Bereichen sehr verbessert haben und in unserer Weltengegend damit keine solche Schande mehr verbunden ist, aber dennoch nach wie vor Frauen die Hauptlast ungewollter Schwangerschaft tragen und viele Alleinerziehende (mehrheitlich Frauen) mit ihren Kindern unter der Armutsgrenze leben.

Danke, Gabriele Reuter, für dieses überzeugende Plädoyer für weibliche Kraft und Solidarität und für dieses Aufzeigen der unglaublichen Stärke, die eine selbstbestimmte Frau auch angesichts herausfordernder Umstände in sich tragen kann und sich von niemandem nehmen lassen muss. Danke an den Reclam Verlag dafür, dieses tolle Werk neu aufgelegt zu haben! Von dieser großartigen Autorin möchte und werde ich sicher noch mehr lesen.

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Sehr empfehlenswert

Der Baum der Symptome von Emil Sabanovic

Dr. Emil Sabanovic arbeitet als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt psychosomatische und psychosoziale Medizin in der Schweiz. Mit diesem fachlichen Hintergrund hat er mit dem "Baum der Symptome" ein lehrreiches, unterhaltsam zu lesendes und sehr gut verständliches, ganzheitliches Werk verfasst, in dem er die Komplexität der Hintergründe psychiatrischer und psychosomatischer Symptome mit der Metapher des Baumes anschaulich erklärt.

Das Buch richtet sich an einschlägig vorgebildete Personen aus dem medizinischen, pflegerischen und psychotherapeutischen Bereich. Für diese ist es sprachlich sehr gut anschlussfähig und verständlich.

Ich selbst bin als Klinische Psychologin in Österreich beratend, therapeutisch und in der Lehre tätig und habe das Buch vor diesem Hintergrund gelesen. Besonders gut gefallen hat mir die ganzheitliche Perspektive, die biologische, psychologische und soziale Faktoren mit einbezieht und auch eine Offenheit gegenüber verschiedenen Therapieschulen und -ansätzen zeigt. Zuerst geht es um biologische Grundlagen und die Auswirkungen eines daueraktivierten Nervensystems, das nicht mehr gelernt hat, zur Ruhe zu kommen, und welche Auswirkungen das auf Psyche und Körper der Betroffenen haben kann. Darauf aufbauend stellt der Autor verschiedene interessante körperbezogene Ansätze zur Diagnostik (etwa zur objektiven Messung einer stärkeren Sensibilisierung im Bereich der Schmerzwahrnehmung) und Therapie in diesem Bereich dar. In weiteren Kapiteln geht es um die Kombination von Verhaltenstherapie mit Medikation, Schematherapie, die Stuhltechnik und vieles mehr. Sehr interessant sind auch die vielen Fallbeispiele, die das Gelesene anschaulich, interessant und praktisch anwendbar machen. Am Ende jedes Kapitels finden sich außerdem Anregungen, das Gelernte in Bezug auf die eigene Praxis zu reflektieren.

Insgesamt ist es ein außergewöhnlich zugänglich und gut geschriebenes, sehr interessantes Buch, das auch für in diesem Bereich tätige Menschen noch einige neue Impulse beinhaltet und das ich nicht nur Ärztinnen und Ärzten, sondern auch Therapeutinnen und Therapeuten, Pflegepersonal und anderen im Gesundheits- und Sozialbereich tätigen Menschen, die sich für ganzheitliche Behandlungsmethoden im psychiatrischen und psychosomatischen Bereich interessieren, sehr empfehlen kann.

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Sehr empfehlenswert
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Für Menschen, die schöne Bücher mögen

Eine Seite noch von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth hat schon mehrere persönliche Bücher verfasst, zum Beispiel "Das große Los", in dem sie ihre Reisen beschrieb, nachdem sie bei Günther Jauch eine halbe Million Euro gewonnen hatte. Wer ihre bisherigen, im persönlichen Stil verfassten Bücher mag, und das Lesen liebt, der wird wahrscheinlich auch dieses Buch mögen.

Es handelt sich um ein äußerst hochwertig und schon in der Umschlaggestaltung wunderschön und ansprechend gestaltetes Buch mit dicken Seiten, das sich bestens als Geschenk für Menschen eignet, die Bücher lieben und immer auf der Suche nach neuer Inspiration sind.

Die Autorin nimmt uns mit auf ihre Lesereise zwischen Mai und Oktober eines Jahres. Dabei stellt sie uns nicht nur viele interessante Bücher vor, die sie selbst gelesen hat, sondern es geht auch um unseren Umgang mit Büchern, um verschiedene Leseorte, Arten, Bücher zu sortieren, Lesen in verschiedenen Phasen unseres Lebens, um Buchclubs und Buchbesprechungen, den Besuch einer Thomas-Mann-Tagung und vieles mehr.

Kurzweilig und unterhaltsam werden wir angeregt, über so unterschiedliche Bücher wie Senecas "Von der Kürze des Lebens", Jane Austens "Stolz und Vorurteil" oder auch Rebecca Yarros' "Fourth Wing" nachzudenken. Am Ende jedes Kapitels/Lesemonats findet sich eine Liste der von der Autorin in diesem Monat gelesenen Bücher.

Auch viel beschäftigte Menschen werden mit diesem Buch ihre Freude haben: die kurzweilig geschriebenen, übersichtlichen Kapitel machen es leicht, immer wieder mal zwischendurch einen Blick hineinzuwerfen, ohne zu viel Lesezeit am Stück zu brauchen. So eignet es sich auch bestens als Büchlein, das man eingesteckt hat, um immer wieder mal eine kurze Wartezeit zu überbrücken. Ganz am Ende findet sich dann noch eine Liste weiterer Bücher über das Lesen, für alle, die diesen Themenbereich vertiefen möchten.

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Für Menschen, die schöne Bücher mögen
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Eine Frau in den mittleren Jahren kreist in der Natur um sich selbst

Zugvögel wie wir von Julia Dibbern

Julia Dibbern ist eine Autorin der leisen Töne. Wie auch schon in ihrem letzten Buch "Unter Wasser ist es still" braucht es auch in ihrem aktuellen Werk "Zugvögel wie wir" nicht sehr viel Dramatik, um das Buch zu tragen. Stattdessen lebt es von viel Atmosphäre und kleinen, ruhigen Momenten, Begegnungen zwischen Menschen und in der Natur.

Im Zentrum des Buches steht Eva, eine Frau in den mittleren Jahren. Ihre Ehe ist vorbei, ihren Job ist sie los und die erwachsene Tochter hat sich seit langem von ihr entfremdet. Sehnsuchtsvoll und ein bisschen neidisch blickt Eva auf das zumindest nach außen hin so glücklich und erfüllt scheinende Leben ihrer Kindheitsfreundin Luise und wünscht sich so sehr, mit ihrem eigenen Leben glücklich sein zu können: "Eines Tages werde ich nicht mehr vergleichen. Ich werde mir nicht ein Leben wie Luises Leben wünschen, keinen Mann wie Peter und keine Familie, in der alle miteinander sprechen, singen und musizieren. Ich werde einfach mit meinem freundlichen kleinen Leben zufrieden sein." (S. 12)

Um diese Suche nach einer ruhigen Zufriedenheit mit ihrem "freundlichen kleinen Leben" geht es in dem Buch. Eva besucht Luise in Schweden, dabei bemerkt sie einen jungen Kranich, der verletzt ist, und holt Hilfe. Als das junge Kranichmädchen wieder gesund ist, mit einem Sender versehen zurück in die Freiheit entlassen wird und gemeinsam mit seinen Eltern von Schweden aus Richtung Süden bis nach Frankreich fliegt, beschließt Eva aus einer Laune heraus, dem Weg des Vogels auf einem geliehenen alten Fahrrad zu folgen.

Das ist ungewöhnlich für sie, die sonst gewohnt war, keine außergewöhnlichen Risiken einzugehen und die noch nie in der Natur übernachtet hatte. Sie wird sich auf dieser Reise einige neue Fähigkeiten aneignen müssen, Ängste und Einschränkungen überwinden und dabei viel Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken. Dabei kommt es auch zu einigen netten Begegnungen mit anderen Menschen, einige davon recht jung, im Alter ihrer Tochter.

Das Buch ist überwiegend aus der Sicht von Eva geschrieben. Eingestreut sind ab und zu kleine Kapitel aus der Sicht von Sophie, Evas Tochter. Sophie hat eine nahe Beziehung zu ihrer Oma, Evas Mutter, doch fühlt sich von ihrer eigenen Mutter seit langem unverstanden und ungesehen. Im Laufe des Buches erfährt man etwas mehr über den Auslöser der Entfremdung der beiden.

Damit komme ich auch schon zu den Stärken und Schwächen dieses Buches. Ich habe sehr gerne von Evas Reise mit dem Fahrrad auf den Spuren des Kranichmädchens gelesen. Diese Teile sind sehr atmosphärisch geschrieben, man begleitet Eva innerlich durch die Natur und auf ihrer Reise. Diese Stellen zu lesen hat etwas Entschleunigendes, Beruhigendes und Entspannendes.

Was hingegen die psychologische Tiefe und insbesondere die Mutter-Tochter-Beziehung angeht, hätte ich mir von diesem Buch mehr erwartet. Eva erlebt zwar, auf körperlicher Ebene über sich hinauszugehen und sie hat viel Zeit zum Nachdenken, doch eine echte Persönlichkeitsentwicklung oder Reflexion eigener Anteile der Entfremdung der Tochter habe ich bei ihr kaum wahrgenommen.

Zwar hat sie Sehnsucht nach der Tochter, vermisst diese und überlegt immer wieder, wie sie die richtigen Worte finden könnte, um diese zu erreichen, doch insgesamt bleibt sie in meiner Wahrnehmung eine sehr selbstzentrierte, um sich kreisende und wenig empathische Persönlichkeit.

Das ist nicht unbedingt dem Buch anzulasten, denn solche Menschen gibt es und tatsächlich ist es gerade beim Phänomen der von ihren erwachsenen Kindern verlassenen Eltern oft so, dass es sich hierbei um wenig reflektierte Eltern handelt, die nicht in der Lage sind, eigene Anteile an der Situation einzugestehen. Insofern ist Eva in dieser Hinsicht sehr authentisch dargestellt, als Leserin hätte ich ein bisschen mehr Einsicht und Persönlichkeitsentwicklung ihrerseits dennoch schön gefunden.

Insgesamt ist es ein ruhiges und naturnahes Buch, das ich insbesondere jenen, die gerne Beschreibungen von Abenteuern in der Natur lesen und keine besonderen Erwartungen an Figurenentwicklung stellen, durchaus empfehlen kann.

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Eine Frau in den mittleren Jahren kreist in der Natur um sich selbst