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Rezensionen von Emmmbeee:
Wuchtig
Otmars Söhne von Peter Buwalda
Im klapprigen Hotel Mithos auf der Insel Sachalin begegnen sich Ludwig Smit und Isabelle Orthel. Es stellt sich heraus, die sich nicht vollkommen fremd sind. Allmählich entrollt sich die Vergangenheit mit ihren Untiefen, den Zusammenhängen, den Irrtümern und Verhängnissen. Es gibt zwei Väter, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einen biologischen, der sich schon bald verflüchtigt hat, und einen Stiefvater mit zwei eigenen Kindern.
Auch die sind außergewöhnlich.
Was das Lesen nicht gerade erleichtert, sind die übergangslosen Zeit-, Szenen-, Personen- und Ortswechsel. Gerade noch wurden Isabels Gedankengänge erhellt, im nächsten Absatz sind es die von Johan oder Ludwig, der eigentlich Dolf heißt. Viel ist von Beethoven die Rede, dem ein kleiner Junge bis zur Gehörlosigkeit nacheifert. Wenn von der Kette die Rede ist, war mir nicht immer klar, ob es das Lederband mit dem Absinth-Löffel oder die fesselnde Eisenkette um Isabels zarten Hals war.
Buwalda malt Bilder, die an Hieronimus Bosch denken lassen, etwa bei den Horrorzähnen von Timothy Spade. Da ist von sexuellen Exzessen die Rede, absurde Passagen geben Neurosen und Besessenheit bei Kindern die Hand. Und auch die Namensähnlichkeit mit dem ehemaligen US-Präsidenten kommt nicht von ungefähr. Es geht um Fehler und Versäumnisse, Reue und Bemühen. Unerwartete Querverbindungen überraschen immer wieder aufs Neue.
In diesem Buch kommt vieles wuchtig daher, nicht nur sein Umfang. Gewaltig ist der Bogen, welchen Peter Buwalda spannt in dieser breit gefächerten Familiengeschichte, die quasi hinten anfängt, bei Kapitel 111. Der nächste Band der Trilogie wird folgerichtig bei 74 beginnen.
Nicht leicht verdaulich ist auch die Kost, die dem Leser mit dem Inhalt serviert wird. Auch räumlich holt der Autor aus: die Niederlande, Amerika, Nigeria, Japan und Russland sind die (vorläufigen) Schauplätze. Weitere werden bestimmt noch hinzukommen.
Welchem Protagonisten kann ich meine Sympathie schenken? Schwierige Frage. Am ehesten Ludwigs geduldiger Frau Juliette. Eine meisterhafte Sprache, souverän nennt sie auch Heikelstes beim Namen, beschreibt schonungslos das Ungeheuerlichste und Unverständlichste. Doch hat sie in etlichen zähen Passagen auch ihre Schwachpunkte.
Die Umschlaggestaltung ist die einzig mögliche, ein Nonplusultra. Hier haben keinerlei Schnörkel Platz, und sie springt in einer Auslage sofort ins Auge. Ebenso der Titel: Er dürfte nicht länger sein.
Ein Vater zum Gernhaben
Otmars Söhne von Peter Buwalda
Kein Mensch ist vollkommen, auch Josef Helfer nicht. Der völlig mittellose beinamputierte Invalide ohne viel Bildung oder Berufserfahrung hat es geschafft, Leiter eines Kriegsopfer-Erholungsheimes, beinahe Hotelier zu werden. Das hat ihn aufgerichtet und über sich selbst hinauswachsen lassen. In dieser Funktion hat er viel Gutes bewirkt.
Doch gerade diese Funktion und seine Sorge um die kostbare Bibliothek des Heimes stellt ihm ein Bein. Der nachfolgende Sturz und vor allem der Tod seiner Frau, Monika Helfers Mutter, vermag ihn zu brechen.
Josef Helfer scheint mir ein liebevoller Ehemann und Vater zu sein. Doch Monika Helfer verschweigt auch seine Schwächen nicht. Umfassend und objektiv werden die Erinnerungen durch die Befragung von nahen Personen, der Stiefmutter, der Schwestern und anderen Verwandten. Alles in allem ein Teppich, der sich aus vielen Bildern und Blickpunkten zusammensetzt. Ein Vater, von verschiedenen Seiten beleuchtet, aber immer respekt- und liebevoll.
Mir gefällt, wie genau der Sprache und ihrer Ausdrucksstärke auf den Zahn gefühlt wird. Auch das hat Vati der kleinen Monika mitgegeben. Ebenso die Liebe zu den Büchern und dem geschriebenen Wort.
Monika Helfer gewährt uns Lesern seit der „Bagage“ einen tieferen Blick in ihre Herkunft und ihre Verwandtschaft. Sie berührt auch private Punkte, die ihre eigene Familie betreffen: die verunglückte Tochter Paula, den Ehemann im damaligen Status als Freund, ihre täglichen Spaziergänge. Da auch mein Vater zu den Kriegsopfern gehörte, kenne ich die genannte Erholungsmöglichkeit von anderen Heimen, leider ohne Bibliothek, die auf der Tschengla eine so wichtige, große und verhängnisvolle Rolle gespielt hat.
Ich durfte Monika Helfer schon mehrmals begegnen und habe fast alle Bücher gelesen. Ihren neuesten Roman habe ich als Hörbuch genossen. Doch in gedruckter Form sind mir Helfers Werke lieber. Freilich, Emotionen werden beim Hören deutlicher. Doch dieses Vorlesen war mir durch die auffallende Schnappatmung fast unangenehm. Die hat mich bei diesem Hörbuch zeitweise abgelenkt.
Willhaben unter den Romanen
Aller guten Dinge sind zwei von Mhairi McFarlane
Laurie, 36, ist seit 18 Jahren mit Dan zusammen. Sie wäre einer Ehe und Kindern nicht abgeneigt, doch Dan wollte bisher nicht so recht. Da erfährt sie, dass eine Berufskollegin von Dan schwanger ist und er Laurie deshalb verlässt.
Um aus dem tiefen Schmerz herauszufinden, geht sie auf das Angebot des Firmen-Casanovas ein, eine Fake-Beziehung mit ihm einzugehen.
Dieser Jamie verspricht sich, dadurch seriöser zu wirken und in der Rangleiter aufzusteigen. Laurie indes gewinnt dadurch persönlich an Boden, und ihre Freundin Emily unterstützt sie dabei nach Kräften. Prompt reagiert Dan eifersüchtig. Vielleicht findet er doch noch zurück zu der Frau, die er so stark verletzt hat? Doch dann gerät die geplante Fahrt aus dem Ruder.
In ihren neuen Single-Status bekommt Laurie nach der Mitleidswelle im Büro das Machogehabe, den Rassismus und Sexismus ihrer Arbeitskollegen schmerzhaft zu spüren. Wie weit geht diese Fake-Beziehung eigentlich? Ist sie noch zu stoppen?
Meine Sympathien fokussieren sich nicht nur auf Laurie, sondern sind auch auf ihre engsten Freunde gerichtet, sogar auf Dan und den Womanizer Jamie. Denn beide zeigen durchaus ihre Qualitäten.
Wenn ein neuer Roman von Mhairi McFarlane erscheint, möchte ich ihn lesen. Bisher hat mich noch jeder in seinen Bann schlagen können. Dieser ist süffig zu lesen und laviert mit ordentlich Drive durch ein Auf und Ab der Befindlichkeiten. Mhairi McFarlane spielt auf der kompletten Klaviatur der menschlichen Gefühlswelt. Überraschende Szenen am laufenden Band sorgen dafür, dass man das Buch nicht so schnell aus der Hand legt.
Es geht um Sein und Schein, um Zusammenhalt und Selbstbehauptung, um kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Sexismus. Mir gefällt die Entschlusskraft, mit der Laurie und Emily zu Werke gehen, um den Schmerz zu besiegen. Die einzelnen Charaktere sind plastisch herausgearbeitet, etwa die Giftnudeln am Empfang, denen nichts entgeht und die sich gern in Schadenfreude und Häme suhlen. Den Humor fand ich nicht ausgesprochen britisch.
Es kommt nicht oft vor, dass weiße Autoren farbige Protagonisten wählen. Meist muss erst darauf hingewiesen werden, dass sie nicht dem blassen Stereotyp entsprechen. Dass McFarlane diese à priori-Festlegung durchbrochen hat, gefällt mir besonders. Und auch, dass man bereits am Cover die Werke der Autorin auf den ersten Blick erkennt. Ein Buch, das ich allen empathischen Menschen mitbringen würde.
Schein und Sein
Die Erfindung des Dosenöffners von Tarkan Bagci
Timur Aslan, 20, lebt bei seinem Vater. Er hat noch nicht gefunden, was und wohin er im Leben überhaupt will, beneidet aus der Ferne seine anscheinend erfolgreichen Kollegen und quält sich mit dem einen Artikel herum, der ihm zum Sprung ins versprochene Volontariat einer maßgeblichen Zeitung verhelfen soll.
Genauso wie andere auf die perfekte Welle warten.
Da schneit ihm die als verrückt verschriene Annette Wagner vor die Füße. Sie behauptet, den heute gebräuchlichen Dosenöffner erfunden zu haben. Doch damit er die Wahrheit und damit ihre Geschichte erfährt, muss er sie nach Basel kutschieren. Das ist nur möglich mit dem umhegten, kostbaren Oldtimer seines Vaters. Heimlich, versteht sich.
Die Befürchtungen, die dem Leser sofort kommen, treffen schon mal nicht ein. Doch jede Menge Anderes, Überraschendes geschieht.
Die ersten 70 Seiten zogen sich für mich zäh dahin. Dann nahm die Handlung zusehends an Fahrt auf und riss mich mit. Der Erzählstil offenbart sich als ein leichtfüßiger, die Zeichnung der Situationen scheint mir sehr lebensnah. Ich habe mit Timur gelitten wie mit kaum einem anderen Protagonisten – und ich lese viel. Besonders bewundert habe ich seinen Vater, der stets die Ruhe bewahrt, geduldig ist und seinem Sohn viele Freiheiten lässt, was andere Eltern kaum aufbringen.
Doch Annette schlägt alles. Was diese Greisin aus der Tasche zaubert und darin versteckt, etwa einen Pass mit anderem Namen oder Timurs Handy, verblüffte mich immer wieder. Nicht so gefallen hat mir die Zeichnung der beiden Basler Polizisten. Hier werden zu viele Klischees bedient.
Durch den großen Druck kommt man trotz der anfänglichen Längen gut voran. Das Buch liegt auch gut in der Hand, die Finger ertasten gern den hochglanzunterlegten Teil des Covers, Der Roman wird künftig wohl zu meinen Lieblingsbüchern zählen. Ich werde ihn jedem empfehlen, der glaubt, schon zu jedem Thema etwas gelesen zu haben.
Man möchte mitreisen
Miss Bensons Reise von Rachel Joyce
Mit Rachel Joyce auf Reisen zu gehen, finde ich empfehlenswert. Schon die Pilgerschaft des Harold Fry war ein grandioses Stück Weg im Bereich der Literatur.
Diesmal darf der Leser zwei Frauen nach Neukaledonien begleiten. Zwei sehr unterschiedliche Frauen, was bereits in der Leseprobe viele Überraschungen versprach.
Und diese Überraschungen wurden durchaus gehalten, die ganze Reise entlang bis zum Südpazifik.
Das Duo besteht aus der eher unscheinbar-grauen Hauswirtschaftslehrerin Margery Benson und Enid Pretty, die ihrem Namen alle Ehre macht und auf den ersten Blick in die Schablone „hübsch, aber dumm“ passt. Doch das täuscht, und das muss auch Marge erkennen, welche anfangs keine große Freude mit ihrer sexy Reisegefährtin hat.
Gemeinsam überwinden sie die Hindernisse, die sich ihnen entgegenstellen, nicht zuletzt ihre eigenen Vorurteile. Mit Witz, Mut und Tatkraft kommen sie einander näher, ändern ihre Sichtweisen und finden nicht zuletzt auch zu sich selbst.
Auf knapp 480 Seiten streut Joyce sowohl literarische Bonbons als auch mühselige Strecken, die vom Leser Durchhaltevermögen verlangen. In den langatmigen Partien habe ich eine gewisse Ruhe zwischen all dem Aufregenden gesehen und genossen.
Die Schilderungen sind überaus farbig, der Erzählfluss hat Tempo, der Stil ist flott, gepflegt, die Übersetzung in anspruchsvoller und dennoch leichter Sprache gehalten.
Die Umschlaggestaltung ist sehr gelungen, denn das Coverbild deutet gleich mehrere Themen des Inhalts an, ohne jedoch etwas Wesentliches zu verraten. Alles in allem ein Roman, den ich all meinen Bekannten schenken würde.
Kaleidoskop des Lebens
Bären füttern verboten von Rachel Elliott
Als Sidney Smith nach langer Zeit nach St. Ives zurückkehrt, ist sie nicht nur 47 Jahre alt geworden, sondern bewegt sich auch als Freerunnerin durch die Gegend. Dabei begegnet sie einer Reihe von originellen Menschen, allesamt ungewöhnliche Exemplare. Doch was ist schon normal? Wer entscheidet, was sinnvoll ist und was nicht?
In St.
Ives an der See herrscht ein raues Klima, und die Menschen gehören nicht zur leichtfertigen Sorte. Im Hintergrund tut sich einiges, das nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Es ist nichts wahnsinnig Weltbewegendes, Großes, aber hinterher hat sich jedes Mal etwas geändert.
Der Roman liest sich wie ein Kaleidoskop des Lebens, der Menschentypen, der Liebe. Mir scheint, als habe sich die Autorin an die Tastatur gesetzt, einem roten Faden folgend, aber offen für spontane Einfälle. Manchmal wird auch einem Tier, etwa den Gedanken eines Hundes, das Wort verliehen.
Im Lauf der Handlung erfolgen so viele Sprünge zwischen den Personen und den Zeitebenen, dass es mir schwerfiel, ein längeres Stück dran zu bleiben. Immer wieder musste ich weiter vorne nachzuschauen, wer das jetzt wieder ist, besonders im ersten Teil. Im zweiten wurde allmählich alles klarer.
Sehr lebendig und farbig sind die Personen geschildert. Der seltsame Buchhändler etwa ist sehr gut skizziert, um nur ein Beispiel herauszugreifen. Die Protagonistin Sydney Smith ist Zeichnerin, und manche Szenen des Romans kommen mir wie Zeichnungen vor, die der Leser zu einem Ganzen ordnen soll. Das jedoch fiel mir über weite Strecken schwer.
Daneben ist das Buch in einer sehr lebensnahen Sprache, einem süffiger Schreibstil, in einer temporeichen Handlung geschrieben. Das Buch entließ mich nachdenklich.
Raub in drei Spielarten
Bären füttern verboten von Rachel Elliott
Im vorliegenden Roman geht es um mehrere Themen rund um die Verfolgung der Juden ab den Dreissigerjahren bis hin zu den Forschungen ihrer Nachkommen in der Gegenwart. Als besonders tragisch empfand ich den erzwungenen Verzicht der jungen Senta auf ihre Tochter Evelyn. Damit verknüpft ist ihr späteres Scheitern im Bemühen um Annäherung und um die Sicherung der Zukunft ihres Kindes.
Ein zweites grosses Thema ist der unrechtmässige Besitzanspruch der Nazis, speziell in der Kunsthandlung der Familie Goldberg, die eine der Hauptrollen spielt. Es geht aber auch um den regelrechten Raub der kleinen Evelyn, als Sentas kinderlose Schwägerin Trude ihre Lage ausnützt und sich die Kleine unter den Nagel reisst, jede spätere Annäherung hintertreibend.
Doch auch die jüngste Generation in der Person der Studentin Hannah fällt einer Spielart des Diebstahls zum Opfer: Ihre Dissertationsbemühungen werden vom ihrem Doktorvater plagiiert. Sie ist gefangen in grosser Unsicherheit, was ihre Zukunft betrifft, auch in amouröser Hinsicht. Doch ist sie dem Familienerbe auf der Spur: Sie möchte das verschwundene Vermeer-Bild wiederfinden.
Vier Frauen sind die Säulen dieser Story, wobei eine weitere fast zur Gänze ausgespart wurde: Hannahs Mutter. Über sie erfahren wir nur wenig.
Auch die Herren spielen keine allzu grosse Rolle. Die beiden „Hauptmänner“ hingegen sind in ihrer Charakteristik markant gezeichnet. Auf der einen Seite Hannahs Doktorvater, der ihre Zuneigung schamlos ausnutzt und seine Lorbeeren auf ihrer Arbeit aufbaut.
Der andere ist Jörg Sudmann, ein Wichtigtuer, von sich eingenommen bis zum Gehtnichtmehr. Er versucht krampfhaft und penetrant, eine Art deutsche Wiedergutmachung zu betreiben und gibt sich unglaubwürdig als Israel-Fan. Er will aber auch als der grosse Helfer und Förderer in Hannahs Leben dringen.
Zwei Erzählstränge, die unabhängig voneinander beginnen, nähern sich allmählich bis zum überraschenden Ende. Manche Kapitalanfänge sind verwirrend, weil inzwischen Zeitsprünge stattgefunden haben und erst im Nachhinein erläutert werden. In meinen Augen findet das manchmal lückenhaft statt. So erfährt der Leser nie, warum Julius einen Gips trägt. Mich hat jedoch der lebendige Erzählstrom mitgerissen, ich war richtig mit dabei, egal wo die Schauplätze liegen.
Auch wenn über die Zeit ab den Dreissigerjahren schon viel geschrieben worden ist, beleuchtet Alena Schröders Roman eine weitere Facette. Ich empfehle ihn allen Menschen, die mehr über die dunkelste Zeit Deutschlands erfahren möchten, und allen, die sich um Menschen bemühen.
Haifutter
Bären füttern verboten von Rachel Elliott
Der Ich-Erzähler Kalmann Odinsson ist zwar Mitte 30, aber geistig im Kindesalter geblieben. Seinen Sheriffstern und den Cowboyhut hütet er wie den eigenen Augapfel. Aus einer Stelle geht hervor, dass er mit dem Down-Syndrom behaftet ist. Und doch hat er in manchem den Erwachsenen einiges voraus.
Als der Hotelier und Dorfkönig von Raufarhöfn, Robert McKenzie, verschwindet und Kalmann im Schnee eine Stelle mit viel Blut sieht, lastet mit einem Mal viel Wissen auf seinen Schultern.
Da sein dementer Grossvater im Altersheim wohnt und Kalmann seine Mutter nicht oft sieht, hat er keine richtige Ansprechperson. Da ist nur Noi im Internet. Aber von dem kennt er nicht einmal das Gesicht, und online ist er auch bald nicht mehr.
Die Polizistin Birna kommt ins Dorf und forscht nach dem Verschwundenen. Sie spürt, dass Kalmann mehr weiss, als er sagen will. Mit viel Geduld erfährt sie schliesslich, was notwendig ist. Im Höhepunkt der Story wird Kalmann zum Helden des Dorfen, büsst allerdings dabei fast sein Leben ein.
Joachim B. Schmidt hat mit Umsicht die Gestalt des Kalmann gezeichnet. Ein sogenannter Dorftrottel mit ganz eigener Logik, der dennoch manchen Bewohnern einiges voraushat. Vor allem kann er ein Geheimnis bewahren, wenn er auch schwer daran trägt. Dass ihm die Sympathien gehören, ist gleich zu Beginn klar. Doch Schmidt hat auch ein liebevolles Bild eines grösstenteils entvölkerten Teils von Island entworfen, dessen Bewohner andere Prioritäten und eine etwas andere Sicht auf die Welt haben. Unerwiderte Liebe ist ein weiteres Thema, auch auf den Kinohelden Forrest Gump wird angespielt.
Es geht also um einen Todesfall, bei dem man bis kurz vor Romanende nicht weiss, wodurch er eingetreten ist. Doch das Überleben eines Menschen, der anders ist, spielt eine grössere Rolle. Bis zuletzt habe ich mich gefragt, wovon er eigentlich lebt, da er ja einen eigenen Haushalt führt. Vom Gammelhai-Verkauf sicher nicht. Auch habe ich erwartet, dass auf den zweiten Todesfall genauer eingegangen wird.
Alles in allem ein liebenswerter Roman mit interessantem Hintergrund.
Deprimierende Geschichte
Das lügenhafte Leben der Erwachsenen von Elena Ferrante
Giovanna ist 13 und lebt behütet in einer kultivierten Mittelschichtswelt, hoch oben auf den Anhöhen über Neapel. Als sie hört, wie ihr Vater sie hässlich nennt, da sie offenbar immer mehr nach ihrer Tante Vittoria kommt, ist sie tief erschüttert. Fand ihr Papa sie bisher etwa nicht hübsch, ja schön? Und wer ist diese Vittoria überhaupt, die man so sorgfältig vor ihr verbirgt? Sie spürt der offensichtlich vulgären Herkunft ihres Vaters nach und gerät in Abgründe, die sie verstören.
Als sie zudem bemerkt, dass ihre Mutter den Zärtlichkeiten anderer Männer aufgeschlossen ist, verliert Giovanna das kindlich-naive Vertrauen zu einer Welt, in der sie sich bisher geborgen und sicher gefühlt hat. Was sollte sie noch glauben, wem vertrauen? Durch das gewaltige und alles überziehende Lügennetz der Erwachsenen sieht Giovanna eine Welt, die ihr nicht allzu lebens- und liebenswert erscheint. Widersprüche noch und noch tun sich auf, sie scheint keinem mehr trauen zu können. Es sind die Neunzigerjahre, Giovanna steht auf der Schwelle zum Frau-Sein, und gerade jetzt würde sie Halt benötigen.
Obwohl die einzelnen Episoden gewohnt unterhaltsam und kurzweilig zu lesen sind, dringt doch wieder der melancholisch- gedämpfte Ferrante-Ton durch. Es scheint keine richtig glücklichen Frauen zu geben, nur solche, die sich vormachen, glücklich zu sein. Oder solche, die resignieren und auf ausgeleierten Gleisen fahren.
In sieben Abschnitte geteilt, begleitet der Leser Giovanna durch die schwierigen Jahre der Pubertät, in denen sie mit Widersprüchen, Gegensätzen, dem körperlichen Unbehagen zu kämpfen hat und zurechtkommen muss.
Unbehagen hat auch mich während des Lesens nie verlassen. Die Sprache war sicher authentisch, lebendig, bildhaft. Die Autorin malt kontrastreiche Szenenbilder, vermag die Spannung bis zum Schluss mit Drive zu halten. Dennoch verleidet mir diese immerwährende Traurigkeit die Lust am Lesen der Ferrante-Bücher. Schon die zuletzt erschienenen Romane haben mich ziemlich hinuntergezogen.
Suche nach dem Vater
Ada Roman. 12.10.2020. Hardback. von Berkel Christian
Das Kind Ada fühlt sich erst allmählich heimisch, als sie nach Jahren in Argentinien mit ihrer Mutter Sala zurückkehrt nach Deutschland. Wir schreiben das Jahr 1954. Die Jüdin konnte bis nach dem Krieg untertauchen, floh dann aber mit ihrer kleinen Tochter nach Südamerika.
In Buenos Aires hat es Hannes gegeben, dem Ada sich herzlich verbunden gefühlt hat.
Nun ist da aber ihr Vater Otto. Als Kriegsheimkehrer hatte er seine Frau Sala nicht mehr vorgefunden und deshalb eine andere geheiratet. Da sie jedoch mit dem gemeinsamen Kind Ada wieder in Berlin ist, lässt er sich scheiden. Er heiratet Sala erneut, und die Familie ist wieder vollständig. Doch ist er Adas Erzeuger? Welche Rolle spielt dann Hannes? Alles ist recht verwirrend, auch für den Leser.
Wie ein roter Faden zieht sich Adas Suche nach ihrem Vater, nach Wahrheit und Klarheit durch das Werk. Auf mehreren Zeitebenen führt uns die Erzählerin Ada durch ihr Leben. Wir folgen ihr zum Mauerbau, in die Geschehnisse von 1968 und sogar zum Festival nach Woodstock, bis hin zum Frühling 1993.
Meine Sympathie gehört der Titelheldin, auch wenn mir ihre illegalen Handlungen ganz und gar nicht gefallen. Doch auch Ottos tolerante Haltung imponiert mir, als Sala für ein paar letzte Wochen des Abschieds zurück nach Buenos Aires fährt, zu Hannes.
Es geht in diesem Roman um die Liebe zu zwei Männern, um die Suche nach der eigenen Identität, um Schweigen und Vertuschen. Wieder ist es ein Stück Familiengeschichte, eingebettet in drei Teile: Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Markante historische Ereignisse stützen die Handlung und prägen auch das Mädchen Ada.
Nachdem ich von Berkels «Apfelbaum» begeistert war, habe ich mir ebensolche Lesefreuden auch von «Ada» erwartet, und ich wurde nicht enttäuscht. Ich bin erstaunt, wie gut er sich in eine Frau hineinversetzen kann. Besonders farbige Szenen malt Christian Berkel, wenn er die Situation in Woodstock schildert, oder wie Jugendliche eine vietnamesische Dschunke kapern. Auch der Ausflug in die Pariser Welt der Mode und der Kunst war ein Highlight.
Es sind kurze Kapitel mit Titeln, was in Romanen nicht oft vorkommt. Spannungsbogen
Berkel ist ein souveräner Erzähler, der es versteht, über das ganze Buch verteilt aktuelle Themen anzuschneiden. Ich freue mich schon auf sein nächstes Werk.








