Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Emmmbeee:
Es kommt meist anders
Die Geschichte von Kat und Easy von Susann Pásztor
Zwei Mädchen, Freundinnen, stürzen sich gemeinsam zu Silvester ins neue Jahr. Sie sind auf das Hier und Jetzt ausgerichtet, und die Liste ihrer Pläne für 1973 strotzt nur so von Optimismus. Und doch kommt es anders, denn die Liebe funkt dazwischen – klar! Bald schon kommt Fripp ins Spiel, in den sich beide mit 16 verlieben und der sich auf beide auch einlässt, mal stärker und mal weniger.
Aus ihnen sind eifersüchtige Rivalinnen geworden, wenn sie es sich auch nicht anmerken lassen wollen. Im Alter von 62 Jahren treffen die Frauen sich nach langer Zeit auf Kreta und finden wieder zueinander. Ihre Wege sind inzwischen sehr verschieden verlaufen.
Da ist auch noch die Bloggerin Mockingbird und Ich-wills-wissen, die Fragen an sie richtet. Sie will ihrem eigenen Verhaltensmuster Männern gegenüber auf den Grund gehen. Bald schon zeichnet sich ab, wer hinter dieser „Spottdrossel“ steckt, die von Eminem besungen wird.
Erzählt werden die beiden Zeitabschnitte aus der Sicht von Kat. Doch während für die Jugendtage in Laustedt die Gegenwart verwendet wird, ist die Zeit auf Kreta in der Vergangenheitsform gehalten. Für mich wäre es umgekehrt logischer gewesen. Die Laustedter Abschnitte sind in der 3. Person, auf Kreta tritt Kat aber in der Ich-Form auf.
So gewinnt der Roman durchaus ein wenig an Farbe und Abwechslung, auch der Drive lässt nichts zu wünschen übrig. Der Schreibstil kommt flott und lebendig rüber. Mehrmals habe ich mich in den jungen Mädchen wiedergefunden, wenn ich auch nicht so weit gegangen bin wie sie.
Von Susann Pasztor habe ich bisher noch nichts gelesen, werde mir aber gern bei Gelegenheit eines ihrer Werke vornehmen. Die Umschlaggestaltung gefällt mir sehr in ihrer Schlichtheit, die Weite und Offenheit vermittelt.
Ein aufgefrischter Bestseller
Die Beichte einer Nacht von Marianne Philips
Szene in der Psychiatrie: Eine Nachtschwester wird zur unfreiwilligen Zuhörerin der Patientin Heleen, die sich endlich alles von der Seele reden will. In armen Verhältnissen aufgewachsen, arbeitet sich das Mädchen allmählich von der ausgenutzten Hilfskraft empor zur höheren Gesellschaft. Ein wahres Stehaufweibchen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das ohne Männer nur schwer möglich.
Auch der Protagonistin haben sie immer wieder weitergeholfen. Und doch geht es hier nicht um ungezügelte Ausschweifungen. Letzten Endes dreht sich alles um die jüngste Schwester Lientje und um Heleens große Liebe, Hannes. Und gerade diese Liebe wird ihr zum Verhängnis.
Auch wenn man heute traurige oder deprimierte Frauen nicht mehr in Anstalten sperrt, so ist der Stoff doch immer noch sehr aktuell. Denn Armut und Kümmernisse aus Liebe wird es immer geben. Ich habe Mitleid mit der Erzählerin empfunden, und meine Sympathie gehört hauptsächlich ihr.
Der Roman ist spannend geschrieben, der Übersetzungs-Schreibstil frisch und sehr gegenwartsnah, der Spannungsbogen hält sich von der ersten bis zur letzten Seite. Verwirrend beim Lesen waren manchmal die Namen: Lientje, Heleens Schwester, und ihr eigener Kosename Leentje. Aber letzten Endes weiß der Leser, wer gemeint ist. Für den Schluss macht man sich seine Vorstellungen, ist dann aber doch überrascht.
Der Roman „Die Beichte einer Nacht“ war vor rund 90 Jahren bereits ein großer Erfolg auf dem Büchermarkt. Er verspricht, in der neuen deutschen Übersetzung durch Eva Schweikart wieder ein Bestseller zu werden. Judith Belinfante ist die Enkelin der Autorin. Ihr Nachwort erklärt manche Passagen und führt Parallelen zum interessanten Leben von Marianne Philips auf. Es gibt fantastische niederländische Gegenwartsautoren, doch solche der Vergangenheit kennt man leider fast keine.
Auch das geht vorbei
Hard Land von Benedict Wells
Der junge Sam hat den Schulabschluss noch zwei Jahre vor sich, doch bei seinem Job in einem halb zerfallenen Kino begegnet er drei jungen Menschen, die sich darauf freuen, aus dem Kaff Grady in Missouri zu kommen, zum Studium ausschwärmen zu dürfen und die Welt zu sehen. Mit ihnen erlebt er einige Premieren, die zwar schön sind, ihm aber auch zu schaffen machen, vor allem das erste Mal verliebt zu sein.
Sams Mutter ist todkrank, das weiß er zwar, doch er verdrängt es.
„Hard Land“ ist der Titel eines Gedichtbandes von William J. Morris. Darin geht es um einen Jungen, der einen See überquert und als Mann wiederkommt. Im übertragenen Sinn trifft es natürlich auch auf Sam zu, der an den Geschehnissen dieses Sommers wachsen wird. Eine Aussage kristallisiert sich aus der Lektüre: Ob gut oder schlecht: Auch das geht vorbei.
Die Themen Mobbing, Rassismus, Perspektivenlosigkeit, Ängste ziehen sich durch das Buch. Es ist aber auch geprägt durch Filme und Musik. Es ist der Zusammenhalt, die bewährte Freundschaft, die den Jugendlichen einen Halt bietet. Mir gefällt, dass Benedict Wells über den Afro-Amerikaner Hightower schreibt, ohne eigens zu erwähnen, dass er schwarz ist. Wie es eigentlich sein sollte, meiner Meinung nach. In fast allen Romanen wird als selbstverständlich angenommen, dass die Protagonisten weiß sind. Auch das ist Rassismus.
Die Atmosphäre im Ort Grady wird sehr anschaulich beschrieben. Wells ist ein großer Erzähler, der seinen Geschichten Spannung und Drive verleiht. Seit langem war es das erste Buch, das ich an keiner Stelle quergelesen habe. Beginnt der Roman mit einem markanten ersten Satz, so endet er hoffnungsvoll. Alle Möglichkeiten bleiben offen.
Ein dicht gewobener Stoff, der alle Voraussetzungen erfüllt, ein Bestseller zu werden.
Die Kraft des Zusammenhalts
Drei Kameradinnen von Shida Bazyar
Mit ihrem Roman „Drei Kameradinnen“ legt Shida Bazyar den Finger auf einen Punkt in der Gesellschaft, den es wohl immer gegeben hat und den es noch lange geben wird: den Rassismus, gepaart mit Sexismus. Das Ausgrenzen aufgrund einer anderen Herkunft ist wohl ein Thema, das so alt wie die Menschheit ist.
Und doch hat es gerade in den vergangenen Jahrzehnten an Aktualität zugelegt.
Ich habe schon viele Romane gelesen, die von Migration, Flucht und Verfolgung berichten. Und doch wundert es mich, dass es nicht noch mehr sind. Denn was nicht erst seit der NS-Zeit in Europa passiert, treibt ungeheuerliche Blüten. Vermutlich kann bis heute immer noch nicht alles erzählt werden, denn wir würden es gar nicht ertragen.
Eindringlich und nahe gehend gibt Shida Bazyar Einblicke in den Alltag von drei Frauen, die zwar eine sehr gute Schulbildung genossen haben und perfekt deutsch sprechen, denen aber trotzdem vieles verwehrt bleibt: gute Arbeitsstellen, Respekt, Perspektiven. Lauter Dinge, die für die Einheimischen selbstverständlich sind.
Dass die drei Freundinnen, denn Hani, Saya und die Erzählerin Kasih sind mehr als nur Kameradinnen, sich nicht alles gefallen lassen wollen, ist nur folgerichtig. Und dass irgendwann ein Brand entzündet wird, im realen wie im übertragenen Sinn, ebenso. In ihrem Charakter sind die drei verschieden, teils zögerlich, teils fordernd. Drum waren meine Sympathien auch nicht gleichmäßig verteilt. Dennoch mochte ich sie alle.
Der Erzählstil ist sehr farbig, lebendig, mitreißend. Über einige Strecken schienen die Gedankengänge mir ein wenig langatmig, sodass ich zeitweise quergelesen habe. Doch Schritt für Schritt steigt die Spannung, bis zum explosiven Höhepunkt.
Ich finde, „Drei Kameradinnen“ ist ein mehr als nur aktuelles, sondern ein notwendiges Buch, das hoffentlich die Augen öffnet für die unterschwellige und offensichtliche Arroganz, mit welcher viele Einheimischen, nicht nur in Europa, behaftet sind. Vielleicht muss man selbst längere Zeit im Ausland gelebt haben, um das Aufbegehren der drei Frauen in seiner Gänze zu verstehen.
Es plätschert dahin
Sommer der Träumer von Polly Samson
Sommer 1960: In England leidet Erica unter der Tyrannei ihres verwitweten Vaters. Sobald sich eine Möglichkeit ergibt, flieht sie regelrecht mit Bruder und Liebhaber nach Griechenland. Auf der Insel Hydra wird sie von einer Freundin ihrer verstorbenen Mutter empfangen und in die Künstlerkolonie eingeführt, zu der auch Leonard Cohen und Marianne Ihlen gehören.
Die Leseprobe hat mich neugierig gemacht, doch der Roman letztendlich enttäuscht. Nicht nur die vielen langatmigen Sequenzen und die vielen teils völlig unwichtigen Personen. Der erwartete Spannungsbogen hat sich als schlaff erwiesen. Viele Seiten lang habe ich quergelesen. Die Erzählerin kam passiv rüber, teils weinerlich. Sie hat keine Sympathien in mir geweckt. Charmain, George oder Jens schon gar nicht. Das geschwisterliche Verhältnis ist etwas einseitig dargestellt, mit Bobby als Bösewicht, der sich anfangs doch so gut um Erica gekümmert hat
Das Griechenland-Feeling ist durchaus gelungen, und die Recherchen zu Leonard und Marianne wurden einwandfrei durchgeführt. Doch die Übersetzung fand ich an etlichen Stellen schlecht: Wer sagt denn Schuhriemen zu einem Schuhband? Beim finalen Durchlesen müsste Bernhard Robben auch bemerkt haben, dass jeder Apostroph zu einem Komma geriet. Von einem, dem literarische Größen wie Highsmith, Steinbeck, Burnside und Philip Roth zum Übertragen geben werden, habe ich mehr Sorgfalt erwartet.
Ein Roman, der keine großen Ansprüche erfüllt, aber für den Strand bestimmt geeignet ist.
Wuchtig
Otmars Söhne von Peter Buwalda
Im klapprigen Hotel Mithos auf der Insel Sachalin begegnen sich Ludwig Smit und Isabelle Orthel. Es stellt sich heraus, die sich nicht vollkommen fremd sind. Allmählich entrollt sich die Vergangenheit mit ihren Untiefen, den Zusammenhängen, den Irrtümern und Verhängnissen. Es gibt zwei Väter, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einen biologischen, der sich schon bald verflüchtigt hat, und einen Stiefvater mit zwei eigenen Kindern.
Auch die sind außergewöhnlich.
Was das Lesen nicht gerade erleichtert, sind die übergangslosen Zeit-, Szenen-, Personen- und Ortswechsel. Gerade noch wurden Isabels Gedankengänge erhellt, im nächsten Absatz sind es die von Johan oder Ludwig, der eigentlich Dolf heißt. Viel ist von Beethoven die Rede, dem ein kleiner Junge bis zur Gehörlosigkeit nacheifert. Wenn von der Kette die Rede ist, war mir nicht immer klar, ob es das Lederband mit dem Absinth-Löffel oder die fesselnde Eisenkette um Isabels zarten Hals war.
Buwalda malt Bilder, die an Hieronimus Bosch denken lassen, etwa bei den Horrorzähnen von Timothy Spade. Da ist von sexuellen Exzessen die Rede, absurde Passagen geben Neurosen und Besessenheit bei Kindern die Hand. Und auch die Namensähnlichkeit mit dem ehemaligen US-Präsidenten kommt nicht von ungefähr. Es geht um Fehler und Versäumnisse, Reue und Bemühen. Unerwartete Querverbindungen überraschen immer wieder aufs Neue.
In diesem Buch kommt vieles wuchtig daher, nicht nur sein Umfang. Gewaltig ist der Bogen, welchen Peter Buwalda spannt in dieser breit gefächerten Familiengeschichte, die quasi hinten anfängt, bei Kapitel 111. Der nächste Band der Trilogie wird folgerichtig bei 74 beginnen.
Nicht leicht verdaulich ist auch die Kost, die dem Leser mit dem Inhalt serviert wird. Auch räumlich holt der Autor aus: die Niederlande, Amerika, Nigeria, Japan und Russland sind die (vorläufigen) Schauplätze. Weitere werden bestimmt noch hinzukommen.
Welchem Protagonisten kann ich meine Sympathie schenken? Schwierige Frage. Am ehesten Ludwigs geduldiger Frau Juliette. Eine meisterhafte Sprache, souverän nennt sie auch Heikelstes beim Namen, beschreibt schonungslos das Ungeheuerlichste und Unverständlichste. Doch hat sie in etlichen zähen Passagen auch ihre Schwachpunkte.
Die Umschlaggestaltung ist die einzig mögliche, ein Nonplusultra. Hier haben keinerlei Schnörkel Platz, und sie springt in einer Auslage sofort ins Auge. Ebenso der Titel: Er dürfte nicht länger sein.
Ein Vater zum Gernhaben
Vati von Monika Helfer
Kein Mensch ist vollkommen, auch Josef Helfer nicht. Der völlig mittellose beinamputierte Invalide ohne viel Bildung oder Berufserfahrung hat es geschafft, Leiter eines Kriegsopfer-Erholungsheimes, beinahe Hotelier zu werden. Das hat ihn aufgerichtet und über sich selbst hinauswachsen lassen. In dieser Funktion hat er viel Gutes bewirkt.
Doch gerade diese Funktion und seine Sorge um die kostbare Bibliothek des Heimes stellt ihm ein Bein. Der nachfolgende Sturz und vor allem der Tod seiner Frau, Monika Helfers Mutter, vermag ihn zu brechen.
Josef Helfer scheint mir ein liebevoller Ehemann und Vater zu sein. Doch Monika Helfer verschweigt auch seine Schwächen nicht. Umfassend und objektiv werden die Erinnerungen durch die Befragung von nahen Personen, der Stiefmutter, der Schwestern und anderen Verwandten. Alles in allem ein Teppich, der sich aus vielen Bildern und Blickpunkten zusammensetzt. Ein Vater, von verschiedenen Seiten beleuchtet, aber immer respekt- und liebevoll.
Mir gefällt, wie genau der Sprache und ihrer Ausdrucksstärke auf den Zahn gefühlt wird. Auch das hat Vati der kleinen Monika mitgegeben. Ebenso die Liebe zu den Büchern und dem geschriebenen Wort.
Monika Helfer gewährt uns Lesern seit der „Bagage“ einen tieferen Blick in ihre Herkunft und ihre Verwandtschaft. Sie berührt auch private Punkte, die ihre eigene Familie betreffen: die verunglückte Tochter Paula, den Ehemann im damaligen Status als Freund, ihre täglichen Spaziergänge. Da auch mein Vater zu den Kriegsopfern gehörte, kenne ich die genannte Erholungsmöglichkeit von anderen Heimen, leider ohne Bibliothek, die auf der Tschengla eine so wichtige, große und verhängnisvolle Rolle gespielt hat.
Ich durfte Monika Helfer schon mehrmals begegnen und habe fast alle Bücher gelesen. Ihren neuesten Roman habe ich als Hörbuch genossen. Doch in gedruckter Form sind mir Helfers Werke lieber. Freilich, Emotionen werden beim Hören deutlicher. Doch dieses Vorlesen war mir durch die auffallende Schnappatmung fast unangenehm. Die hat mich bei diesem Hörbuch zeitweise abgelenkt.
Willhaben unter den Romanen
Aller guten Dinge sind zwei von Mhairi McFarlane
Laurie, 36, ist seit 18 Jahren mit Dan zusammen. Sie wäre einer Ehe und Kindern nicht abgeneigt, doch Dan wollte bisher nicht so recht. Da erfährt sie, dass eine Berufskollegin von Dan schwanger ist und er Laurie deshalb verlässt.
Um aus dem tiefen Schmerz herauszufinden, geht sie auf das Angebot des Firmen-Casanovas ein, eine Fake-Beziehung mit ihm einzugehen.
Dieser Jamie verspricht sich, dadurch seriöser zu wirken und in der Rangleiter aufzusteigen. Laurie indes gewinnt dadurch persönlich an Boden, und ihre Freundin Emily unterstützt sie dabei nach Kräften. Prompt reagiert Dan eifersüchtig. Vielleicht findet er doch noch zurück zu der Frau, die er so stark verletzt hat? Doch dann gerät die geplante Fahrt aus dem Ruder.
In ihren neuen Single-Status bekommt Laurie nach der Mitleidswelle im Büro das Machogehabe, den Rassismus und Sexismus ihrer Arbeitskollegen schmerzhaft zu spüren. Wie weit geht diese Fake-Beziehung eigentlich? Ist sie noch zu stoppen?
Meine Sympathien fokussieren sich nicht nur auf Laurie, sondern sind auch auf ihre engsten Freunde gerichtet, sogar auf Dan und den Womanizer Jamie. Denn beide zeigen durchaus ihre Qualitäten.
Wenn ein neuer Roman von Mhairi McFarlane erscheint, möchte ich ihn lesen. Bisher hat mich noch jeder in seinen Bann schlagen können. Dieser ist süffig zu lesen und laviert mit ordentlich Drive durch ein Auf und Ab der Befindlichkeiten. Mhairi McFarlane spielt auf der kompletten Klaviatur der menschlichen Gefühlswelt. Überraschende Szenen am laufenden Band sorgen dafür, dass man das Buch nicht so schnell aus der Hand legt.
Es geht um Sein und Schein, um Zusammenhalt und Selbstbehauptung, um kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Sexismus. Mir gefällt die Entschlusskraft, mit der Laurie und Emily zu Werke gehen, um den Schmerz zu besiegen. Die einzelnen Charaktere sind plastisch herausgearbeitet, etwa die Giftnudeln am Empfang, denen nichts entgeht und die sich gern in Schadenfreude und Häme suhlen. Den Humor fand ich nicht ausgesprochen britisch.
Es kommt nicht oft vor, dass weiße Autoren farbige Protagonisten wählen. Meist muss erst darauf hingewiesen werden, dass sie nicht dem blassen Stereotyp entsprechen. Dass McFarlane diese à priori-Festlegung durchbrochen hat, gefällt mir besonders. Und auch, dass man bereits am Cover die Werke der Autorin auf den ersten Blick erkennt. Ein Buch, das ich allen empathischen Menschen mitbringen würde.
Schein und Sein
Die Erfindung des Dosenöffners von Tarkan Bagci
Timur Aslan, 20, lebt bei seinem Vater. Er hat noch nicht gefunden, was und wohin er im Leben überhaupt will, beneidet aus der Ferne seine anscheinend erfolgreichen Kollegen und quält sich mit dem einen Artikel herum, der ihm zum Sprung ins versprochene Volontariat einer maßgeblichen Zeitung verhelfen soll.
Genauso wie andere auf die perfekte Welle warten.
Da schneit ihm die als verrückt verschriene Annette Wagner vor die Füße. Sie behauptet, den heute gebräuchlichen Dosenöffner erfunden zu haben. Doch damit er die Wahrheit und damit ihre Geschichte erfährt, muss er sie nach Basel kutschieren. Das ist nur möglich mit dem umhegten, kostbaren Oldtimer seines Vaters. Heimlich, versteht sich.
Die Befürchtungen, die dem Leser sofort kommen, treffen schon mal nicht ein. Doch jede Menge Anderes, Überraschendes geschieht.
Die ersten 70 Seiten zogen sich für mich zäh dahin. Dann nahm die Handlung zusehends an Fahrt auf und riss mich mit. Der Erzählstil offenbart sich als ein leichtfüßiger, die Zeichnung der Situationen scheint mir sehr lebensnah. Ich habe mit Timur gelitten wie mit kaum einem anderen Protagonisten – und ich lese viel. Besonders bewundert habe ich seinen Vater, der stets die Ruhe bewahrt, geduldig ist und seinem Sohn viele Freiheiten lässt, was andere Eltern kaum aufbringen.
Doch Annette schlägt alles. Was diese Greisin aus der Tasche zaubert und darin versteckt, etwa einen Pass mit anderem Namen oder Timurs Handy, verblüffte mich immer wieder. Nicht so gefallen hat mir die Zeichnung der beiden Basler Polizisten. Hier werden zu viele Klischees bedient.
Durch den großen Druck kommt man trotz der anfänglichen Längen gut voran. Das Buch liegt auch gut in der Hand, die Finger ertasten gern den hochglanzunterlegten Teil des Covers, Der Roman wird künftig wohl zu meinen Lieblingsbüchern zählen. Ich werde ihn jedem empfehlen, der glaubt, schon zu jedem Thema etwas gelesen zu haben.
Man möchte mitreisen
Miss Bensons Reise von Rachel Joyce
Mit Rachel Joyce auf Reisen zu gehen, finde ich empfehlenswert. Schon die Pilgerschaft des Harold Fry war ein grandioses Stück Weg im Bereich der Literatur.
Diesmal darf der Leser zwei Frauen nach Neukaledonien begleiten. Zwei sehr unterschiedliche Frauen, was bereits in der Leseprobe viele Überraschungen versprach.
Und diese Überraschungen wurden durchaus gehalten, die ganze Reise entlang bis zum Südpazifik.
Das Duo besteht aus der eher unscheinbar-grauen Hauswirtschaftslehrerin Margery Benson und Enid Pretty, die ihrem Namen alle Ehre macht und auf den ersten Blick in die Schablone „hübsch, aber dumm“ passt. Doch das täuscht, und das muss auch Marge erkennen, welche anfangs keine große Freude mit ihrer sexy Reisegefährtin hat.
Gemeinsam überwinden sie die Hindernisse, die sich ihnen entgegenstellen, nicht zuletzt ihre eigenen Vorurteile. Mit Witz, Mut und Tatkraft kommen sie einander näher, ändern ihre Sichtweisen und finden nicht zuletzt auch zu sich selbst.
Auf knapp 480 Seiten streut Joyce sowohl literarische Bonbons als auch mühselige Strecken, die vom Leser Durchhaltevermögen verlangen. In den langatmigen Partien habe ich eine gewisse Ruhe zwischen all dem Aufregenden gesehen und genossen.
Die Schilderungen sind überaus farbig, der Erzählfluss hat Tempo, der Stil ist flott, gepflegt, die Übersetzung in anspruchsvoller und dennoch leichter Sprache gehalten.
Die Umschlaggestaltung ist sehr gelungen, denn das Coverbild deutet gleich mehrere Themen des Inhalts an, ohne jedoch etwas Wesentliches zu verraten. Alles in allem ein Roman, den ich all meinen Bekannten schenken würde.











