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Rezensionen von Emmmbeee:

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Kleines Dorf, dünnes Buch, alles gesagt

Die dritte Hälfte eines Lebens von Anna Herzig

In diesem Roman findet sich vermutlich jeder ehrliche Leser, denn jeder von uns schaut im Lauf seines Lebens weg, wenn es zu handeln gilt. Die beschriebenen Charaktere finden sich auch in jeder Gemeinde, die Ausgrenzung, das Triezen, das Ausnutzen auch.
Im Buch spielen sich furchtbare Szenen ab, die besonders weh tun, wenn man dran denkt, dass in unmittelbarer Nachbarschaft Ähnliches stattfinden kann.

Andersartigkeit wird von jeher verurteilt und bestraft, und die Andersartigen hatten es immer schon schwerer als die, welche mit dem Strom schwimmen und ihre weiße Weste ins Fenster hängen. Man senkt die Augen und hält die Hände still. Hinterher sagt man: Ich hätte ja geholfen, wenn ich etwas gewusst hätte.
Anna Herzig hat geschrieben, was zu schreiben ist, kein Wort mehr, keines weniger. Mit kräftigem Stift skizzierte sie urwüchsige, teils knorrige Charaktere, leuchtet gnadenlos in jeden Winkel. Auf wenigen Seiten ist alles gesagt.
Selten las ich einen Roman in schnörkelloserem Stil. Die Handlung fließt rasch dahin, Spannung besteht von Anfang an. Gerade die andersartigen Personen besitzen meine Sympathie, auch jene, welche an ihr scheitern.
Ein Buch, das aufrüttelt und dem Leser die Augen für seine eigene Intoleranz öffnen kann. Denn fehlerlos ist keiner von uns. Ich hoffe, dass wir von Anna Herzig noch viel lesen dürfen.

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Durch die Tage dümpeln

Der letzte Sommer in der Stadt von Gianfranco Calligarich

Der Ich-Erzähler Leo Gazzarra kann als verkrachte Existenz betrachtet werden, der sich durch die Sommertage treiben lässt und in der römischen Bohéme verkehrt. Er verliert seine Arbeitsstelle und wurschtelt sich mit dem Schreiben von Transkriptionen beim Corriere dello Sport grad so knapp durch. Er hängt mit seinem abgebrannten Freund rum, trinkt und bringts bei seiner jeweiligen Freundin nicht.

Nur schwer habe ich in diesen Roman hineingefunden und konnte bis kurz vor dem Ende auch nicht verstehen, warum das ein Kultbuch gewesen sein sollte. Es passiert scheinbar nichts. Nun gut, während des Sommers geschieht für die Einheimischen nie besonders viel. Dennoch, ich begann über weite Strecken querzulesen, aber nur, bis es Herbst und schließlich Winter wurde. Der Schluss überraschte mich dann sehr und mir wurde klar, warum der Roman zum Thema bei Diplomarbeiten wurde.
Die langen Absätze erleichtern das Lesen nicht gerade. Auch wird vieles in Wiederholungen und leicht abgeänderten Aussagen der Protagonisten durchgekaut. Dadurch ist in mir immer wieder die Langeweile hochgekommen, denn einen Spannungsbogen spürte ich nicht wirklich. Doch das Stimmungsbild der Gesellschaft, die man schon fast Halbwelt nennen könnte, wird in farbigen Bildern deutlich wiedergegeben, und das habe ich genossen. Einzelne Szenen, wie der Abschied vom Vater am Mailänder Bahnhof oder Leos versuchte Rückkehr kurz vor Weihnachten sind mir zu Herzen gegangen.
Der Schreibstil entspricht in seiner Trägheit der Augusthitze. Leo selbst wurde mir nie richtig sympathisch. Völlig antriebslos, schlaff, Alkohol bis zum Exzess, erfolglos, mit einem Wort: ein Loser.
Die schweren Gelbtöne des Covers vermitteln die drückende Augusthitze in Rom, und der Staub, der über allem liegt, verschleiert die Türme und Hügel. Dass der Mann auf dem Bild so korrekt gekleidet ist, scheint nicht ganz zur Figur zu passen. Doch für die Zeit, in der Gianfranco Calligarich das Buch geschrieben hat, passt es.

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Wieder ein Geniestreich

Zum Paradies von Hanya Yanagihara

Das Monumentalwerk „Zum Paradies“ besteht aus drei Büchern, übertitelt mit Washington Square, Lipo-wao-nahele und Zone Acht. Das Geschehen ist jeweils um ein Jahrhundert versetzt. Es sind drei Welten, die sich um gemeinsame Themen drehen: ungewöhnliche Liebesbeziehungen, die Erwartungen der eigenen Familie, Rassismus und nicht zuletzt die Hoffnung auf eine bessere Welt und den Weg dorthin.

Drum lautet der Titel auch ZUM und nicht IM Paradies. Es geht auch um Homosexualität, die bereits im 19. Jahrhundert in wenigen Kreisen zur Normalität gehört und die doch nicht so frei gelebt werden kann, wie es scheint.
Wie schon in „Ein wenig Leben“ spielen auch in diesem Roman wieder schwere Verletzungen in der Kindheit die Hauptrolle, natürlich, denn die wirken sich immer aus, in jedem Leben.
Der dritte Teil ist naturgemäß besonders erschreckend für den Leser. Denn was sich durch Covid allmählich abzeichnet, nämlich weitere Pandemien und durch ihre Bekämpfung womöglich notwendig werdende strenge, ja autoritäre Regierungen, wird in Situationen dargestellt, vor denen wir derzeit lieber noch die Augen verschließen.
Hanya Yanagihara hat mit scharfem Pinselstrich drei miteinander verbundene Schicksalsgruppen gezeichnet, wie sie in unser aller Umfeld zweifellos vorkommen. Die gesellschaftlichen Gegensätze sind groß, auch die Hoffnungen und Enttäuschungen, das Herrschafts- und Klassendenken. Jeder Protagonist kämpft um die Erfüllung seiner Bedürfnisse, für seine Liebe, die persönliche Freiheit, für seine Stellung in der Gesellschaft.
Hanya Yanagihara ist wieder ein Geniestreich gelungen. Schon „Ein wenig Leben“ hat mich überwältigt. Auch in ihrem neuen Werk besticht sie durch eine Fülle von Einzelheiten, immer wieder überraschende Wendungen, das fulminante Geschehen, ihre bilderreiche Sprache, nicht zuletzt durch die kunstvolle Verknüpfung der drei Teile miteinander. Das sehr umfangreiche Werk verlangt ein reiches Maß an Durchhaltevermögen, doch Yanagihara schreibt so mitreißend, dass ich den Roman jeden Abend erst dann beiseitelegen konnte, wenn mir schon fast die Augen zufielen.
Man muss die Konfrontationen mit den geschilderten Schicksalen aushalten, wie schon im letzten Roman, dessen Handlung ich teilweise kaum ertragen konnte. „Zum Paradies“ ist also nichts für Leser, welche seichte Liebesromane mit vorprogrammiertem Happy End oder eine heile Welt bevorzugen. „Zum Paradies“ führt ein steiniger Pfad, der im Nirgendwo endet.

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Zögerlicher Archivar im Schneckenhaus

Das Archiv der Gefühle von Peter Stamm

Als die Sängerin Fabienne noch Franziska und ein Schulmädchen war, begann die Freundschaft (oder war es damals bereits Liebe?) zwischen ihr und dem Erzähler, dessen Namen nie genannt wird. Die beiden treffen sich nur sporadisch, ein gemeinsames Glück bleibt ihnen verwehrt. Und doch hat sie ihn so stark an sich gebunden, dass er sich auf keine andere Frau richtig einlassen konnte und auch keine Wünsche ein trautes Heim betreffend hegte.

Er sieht Gott als den großen Archivar, das Universum als ein unendliches Archiv. Als an seinem Arbeitsplatz ein sperriges Archivgestell entsorgt werden soll, erwirbt er es, obwohl in seinem Keller kaum Platz dafür ist. Hier dokumentiert er all seine Erinnerungen an Franziska, legt Listen an, eine regelrechte Akte. Ein in den Keller verbannter Liebesschatz. Eine archivierte Zögerlichkeit.
Seine eigenen Gefühle sieht er distanziert, wie durch ein schützendes Panzerglas. Mehr und mehr in sein Schneckenhaus verkrochen, wird er zum wortkargen, antriebslosen Einsiedler. Vor allem kann er sich kaum entscheiden, wenn er es sollte, egal, in welchem Zusammenhang. Sich selbst bezeichnet er durchaus treffend als „der Dabeiseiende“.
Das sehr nüchterne Coverbild zeigt eine Frau, die im Gehen begriffen ist. Eben noch da – und schon fort. So sehr ich die Sprache und den Erzählfluss in Peter Stamms Romanen mag, so sehr habe ich die Übersetzungen der französischen Textstellen vermisst. Wenigstens im Anhang wären sie kein Luxus gewesen.
Was das Lesen dieses Romans ebenfalls etwas mühsam machte, war die sparsam eingesetzte wörtliche Rede, noch dazu ohne Anführungszeichen. Auch die Fantasien oder Träume waren für mich manchmal erst im Nachhinein zu erkennen. Peter Stamm will es seinen Lesern nicht zu leicht machen. Empfohlen für alle Leser, die sich darauf einlassen wollen.

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Zwei Frauen, zwei Epochen

Wellenflug von Constanze Neumann

Marie sind ihrer Schwiegermutter nie begegnet, weil sie keine standesgemäße Frau für Annas Sohn Heinrich ist. Zudem stammt sie aus ärmlichen Verhältnissen. Heinrich kann mit dem Geld seiner reichen Familie nicht umgehen, er spielt und hat viele Frauen. Als er verarmt und von den Seinen verstoßen wird, hält Marie als einzige zu ihrem Mann.

Nach dem ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise breitet sich der Nationalismus in Deutschland aus. Als Heinrichs jüdische Verwandtschaft flieht, bleibt Marie an seiner Seite und gibt ihm Halt.
Constanze Neumann versteht es, ein Bild der jeweiligen Zeiten, Orte und Milieus herzustellen, sodass die verschiedenen Handlungsweisen verständlich werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass es genauso hätte sein können und dass es ähnliche Schicksale durchaus gegeben hat. Der Schreibstil ist flüssig und elegant, Neumann hält die Spannung bis zum Schluss.
Es gibt einige sympathische Figuren, vor allem Susanne und Marie, die nicht in den Konventionen verhaftet bleiben, sondern zu helfen und zu vermitteln versuchen.
Der Titel „Wellenflug“ scheint mir jedoch gesucht. Auf Seite 260 wird er in den Text eingebaut, wo Neumann das Karussell auf dem Rummelplatz als Vergleich zum Leben heranzieht. Das scheint mir ein bisschen wenig Bezug zu sein.
Das Foto auf dem Cover ist passend zur damaligen Zeit, allerdings wirkt es leblos und eher langweilig. Da hätte ich mir etwas Farbigeres gewünscht.
Insgesamt ein interessantes Zeitbild über mehrere Jahrzehnte, verkörpert durch zwei Frauen unterschiedlicher Herkunft.

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Menschen in Ost und West

Wellenflug von Constanze Neumann

Birgit ist noch vor der Wende von der DDR zu einem Freund nach Westdeutschland geflohen. Sie hat jedoch ihr neugeborenes Kind zurückgelassen, denn von ihm wusste Kaspar nichts. Zudem wäre die Flucht noch schwieriger geworden.
Keinesfalls wollte sie es dem Kindsvater übergeben, der sie im Stich gelassen hatte und nun mit seiner unfruchtbaren Frau das Baby aufziehen möchte.

Doch ihre Freundin und Geburtshelferin Paula brachte es nicht über sich, das Baby auf die Stufen eines Waisenhauses zu legen.
Birgit kommt mit dem Verlust ihres Kindes und der Ungewissheit über seinen Verbleib nicht zurecht, wird zur Alkoholikerin und stirbt, bevor sie die Suche starten kann. Ihr Mann Kaspar findet ihre Aufzeichnungen, forscht nach der Tochter und findet im Osten Deutschlands ein rechtsextremes Milieu vor, das ihn abstößt. Dennoch will er seiner Stieftochter ihr Erbe zukommen lassen.
Beim Lesen habe ich erschrocken mitverfolgt, wie verkehrt alles läuft, auf welche Vorurteile und Feindschaften ein Mann stößt, der verantwortungsbewusst handeln will, vor allem gegenüber Stieftochter Svenja. Sie und die gemeinsame Tochter Sigrun stehen unter der Fuchtel des gewaltbereiten, völkisch-faschistisch ausgerichteten Ehemannes Björn. Mit Freude las ich jedoch, was der Stief-Großvater seiner intelligenten und begabten Enkelin geben, welche Welt er ihr eröffnen kann. Doch im dritten Teil erfolgt eine unerwartete Kehrtwende, vieles läuft noch einmal in die falsche Richtung, in eine andere Welt, letztlich in einen anderen Erdteil.
Bernhard Schlink ist Jurist, und selbstverständlich kann er diesbezüglich in einem weiten Themenfeld schürfen. In den drei Teilen des Romans geht um Recht und Unterdrückung, um die völkische Gemeinschaft und um Vorurteile, um rechtsextreme Strömungen, Rassismus und Habgier. Meine Sympathien sind bei keiner Person ungeteilt. Birgit war Alkoholikerin und allzu unschlüssig, Kaspar scheint mir bei aller liebenden Fürsorge reichlich schwach. Svenja unterwirft sich zu sehr ihrem Mann Björn, Enkelin Sigrun schwankt zwischen den Welten. Doch Paula als Bindeglied ist die selbstlose Vermittlerin, der starke Angelpunkt, die vieles zum Guten lenkt.
Ein mitreißender Roman, spannend von A bis Z. Der Stil ist voller Leben, angefüllt mit Bildern, die Handlung hat einen flotten Drive. Viele Themen kommen zur Sprache, tiefgründig geht Schlink den Problemen und Missverständnissen nach. Mit wieviel Freude und Hoffnung hat man die deutsche Wiedervereinigung gefeiert, und wie schwierig ist sie teils noch heute. Seit längerem wieder der erste Roman, bei dem ich gleich hineingefunden und kein einziges Mal quergelesen habe.

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Schwärzeste Vergangenheit

Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte

Martin, der Junge mit dem Hahn, scheint im Dorf der Elendeste, der Schwächste, der Hilfloseste zu sein. Er wird getriezt und geschlagen, muss ständig hungern und frieren, ist jedoch das sanfteste und hilfsbereiteste Kind, das man sich denken kann. Als er sieht, wie seine kleine Cousine von einem der schwadronierenden Reiter geraubt wird, ruht er nicht eher, als bis er hinter das Geheimnis der entführten Kinder kommt, sie findet und schließlich befreit.

Ohne irgendeine Zeitangabe scheint die Geschichte im Mittelalter angesiedelt, aber im tiefsten und schwärzesten. Grauenhafte Zustände, tragische Schicksale, Hoffnungslosigkeit und Krankheit, Gewalt und Willkür, Schmutz und Gestank beherrschen den Romanstoff. Als einziges Licht leuchtet dieser rechtlose, schwache Junge, der dennoch so willensstark, gescheit und empathisch handelt. Ihm gilt meine Sympathie, aber auch jedem Menschen, der ihm hilfreich zur Seite steht.
Mit ihrem Debutroman legt Stefanie vor Schulte gleich ein bilderreiches Werk vor. Das Engagement ihrer Agentin hat sich gelohnt, und der Diogenes Verlag wurde ein weiteres Mal zur Startrampe für eine Autorin, auf deren künftige Werke ich mich jetzt schon freue.
Denn sie scheint die geborene Erzählerin zu sein. Kein Wort zu viel, jedes klar und farbig, bewegend die packenden, berührenden Bilder. Die Handlung ist temporeich und spannend, der Stil elegant und flüssig, sodass die 31 Kapitel rasch gelesen sind.
Das Coverbild von Pablo Picasso passt ausgezeichnet zum Inhalt. Kleinformatig gehalten, wird es vom üblichen weißen Diogenes-Hintergrund der Aufmerksamkeit des Betrachters entgegengehoben. Bücher dieses Verlages fallen auf jedem Büchertisch auf.
Ich wünsche mir mehr von der Autorin, aber auch mehr solcher gehaltvollen Debutromane und empfehle das Buch – eigentlich allen Lesern.

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Migrantin für ihre Familie

Wenn ich wiederkomme von Marco Balzano

Eine Situation, die uns geläufig geworden ist: Eine rumänische Familie ohne Perspektiven, die Kinder sollen es einmal besser haben und studieren können. Der arbeitslose Vater verheißt großspurig, dass er das verfallene Häuschen zu einem Palast zurechtrenovieren werde, wenn er nur etwas Geld hätte.

Die Mutter sieht als einzig lohnendes Einkommen eine Pflegetätigkeit in Italien und emigriert. Dass mit den nun fließenden Einkünften auch diverse Probleme entstehen, die der Familie bald über den Kopf wachsen, liegt auf der Hand.
Aus der Sicht des zurückbleibenden Sohnes Manuel, von Mutter Daniela und Tochter Angelica schildert Marco Balzano in drei Kapiteln die Auswirkungen der elterlichen Bemühungen um die Zukunft ihrer Kinder. Während Vater Philip bald mit dem Geld das Weite sucht, bleibt die Sorge um Manuel an Tochter Angelica und der Großmutter hängen. Daniela sendet ihren Lohn nach Hause, doch Dank erntet sie dafür nicht.
Es ist berührend, wie die Mutter ihrem Sohn im Koma von der harten Arbeit in Italien erzählt. Ihr gehört meine Sympathie. Die Kinder sind halt Kinder und können noch nicht gerecht urteilen. Tochter Angelica setzt sich jedoch selbstlos für ihren Bruder ein. Der Vater hingegen spielt eine jämmerliche Rolle: Erst ist er gegen eine Auswanderung seiner Frau, dann lässt er seine Kinder vollends im Stich.
Wir im sogenannten Westen nehmen gern die Dienste dieser Pflege-Migrantinnen in Anspruch und wissen doch so wenig über die Hintergründe. Aus den Erfahrungen von Freunden kann ich mir vorstellen, dass der Sachverhalt authentisch geschildert worden ist.
Unaufgeregt, aber eindrücklich erzählt Balzano vom erdrückenden Schicksal und der Not dieser Familie. Seine Sprache ist sehr plastisch, farbig, lebendig, die Spannung ist rasch aufgebaut und wird gehalten bis zum Schluss. Der Roman geht zu Herzen.
Das Coverbild zeigt eine Frau, die aus dem Dunkel in eine hellere Welt schaut: sinnvoll ausgewählt. Ich lege das Buch all jenen ans Herz, die um die schweren Entscheidungen dieser tapferen Frauen wissen, vielleicht schon ihre Dienste in Anspruch genommen haben. Aber auch allen anderen, die offen sich für die Problematik von Emigration und Familie.

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Gemeinsam geht vieles besser

Wir für uns von Barbara Kunrath

Zwei Frauen sind von heute auf morgen auf sich allein gestellt. Kathi verliert ihren Mann an den Tod, und Josie ihren heimlich Geliebten wegen ihrer Schwangerschaft. Bengt ist nämlich verheiratet, bereits Vater und will von einem weiteren Kind nichts wissen. Doch Josie will seinem Rat, abzutreiben, nicht folgen, auch wenn das Baby möglicherweise wie ihre Schwester mit Handicap geboren wird.

Die beiden Frauen treffen aufeinander und merken bald, dass sie einander gut tun und gemeinsam viel bewegen könnten. Doch noch gibt es viel zu überwinden, vor allem Vorurteile, die eigenen und die der anderen. Es geht in diesem Roman um Verantwortung, Entscheidungen, Toleranz, Ehrlichkeit und um das Größte: die Liebe.
In meinen Augen ist Barbara Kunrath eine hervorragende Erzählerin. Sie setzt das Thema glaubhaft und lebensnah um. Leichtfüßig berichtet sie von schwierigen Situationen, von Sprachlosigkeit und ihrer Überwindung, von Müttern und ihren Kindern, vom Leben, von Ängsten und Schicksalsschlägen. Und wie wir über uns hinauswachsen können, wenn wir es nur wollen.
Das schlicht gehaltene Cover ist beileibe kein Eyecatcher, doch mir gefällt es, weil es die Ruhe ausstrahlt, die letztlich angestrebt wird. Die sympathischste Person ist zweifellos Josie, doch auch Kathi kann ich gut verstehen und mit ihr fühlen. Nicht alle Männer sind so deutlich gezeichnet wie Bengt. Vor allem habe ich mehr erwartet über den ehemaligen Freund von Kathis Sohn Max, der Interesse an Josie zeigt.
Das Buch würde ich allen Menschen empfehlen, die Menschen und ihre Schwierigkeiten zu verstehen suchen.

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Gemeinsam geht vieles besser
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Zäher Panzer

Der Panzer des Hummers von Caroline Albertine Minor

Nachdem die Eltern Charlotte und Troels Gabel gestorben sind, hat es ihre drei Kinder Niels, Sidsel und Ea in verschiedene Teile der Welt verschlagen. Jeder geht seinen eigenen Weg, mehr oder minder erfolgreich, sie sind einander nur in lockerem Kontakt verbunden. Doch können sie sich nicht mehr länger aus dem Weg gehen, da sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden.

Die Schwierigkeiten beginnen…
Wenn ich ein neues Diogenes-Buch sehe, tritt ein gewisser Will-haben-Effekt bei mir ein, und ich freue mich aufs Lesen. Bei „Der Panzer des Hummers“ wurde ich aber rasch enttäuscht.
Zu Beginn versucht die verstorbene Mutter, aus dem Jenseits mit ihren Kindern zu kommunizieren. Dies verdeutlichen die kursiv gesetzten Kapitel. Dann wird aus der jeweiligen Sicht ihrer Kinder und anderer Personen aus deren Leben erzählt. Besonders sympathisch war mir keiner von ihnen.
Es gibt einige kluge Passagen, sogar philosophische Stellen. Dank des unbedingt notwendigen Personenregisters gewann ich zwar bald eine Übersicht, doch – nun ja, das Geschehen langweilte mich über weite Strecken. Und nachdem ich knapp drei Viertel des Romans mühsam hinter mich gebracht hatte, mochte ich nicht mehr weiterlesen.
Den Schreibstil finde ich eher farblos, der Spannungsbogen erinnert mich an eine Slackline, auf der die drei Lebenskünstler wacklig balancieren. Lange Absätze erschweren die Konzentration, das Hin und Her der Personen wirkt anfangs auch verwirrend. Wenn man ständig zum Personenregister zurückblättern muss, kann einem das schon abturnen.
Immerhin ist es der erste Roman von Caroline Albertine Minor, sie wird bestimmt an weiteren Werken wachsen. Ich empfehle dieses Buch Menschen mit einem ähnlichen Lesegeschmack wie ich und Einschlafschwierigkeiten. Tut mir leid.

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