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Rezensionen von Emmmbeee:
Unter den Rädern des Lebens
Menschen neben dem Leben von Ulrich Alexander Boschwitz
Die Kneipe "Der fröhliche Waidmann" ist eine Oase der Gestrandeten, der Verlierer und Obdachlosen, der am Rand der Gesellschaft lebenden Menschen. Sie tragen die Auswirkungen der Elendsjahre nach Ende des ersten Weltkrieges und sind unter die Räder des Lebens geraten. Vielfach geprügelt von der Not, kollidieren sie immer wieder mit den Anforderungen des Alltags.
Um nicht allein zu sein und sich ein wenig abzulenken, suchen sie die billige Geselligkeit. Alkohol ist allgegenwärtig, im Hintergrund lauert stets die Gewalt.
Der Autor skizziert den bisherigen Lebenslauf der tragenden Figuren und gibt Einblick in ihre spezielle Lage. Er greift zwei Tage heraus, die besser als jeder Geschichtsunterricht deutlich machen, wie so viele Arbeitslose und Bettler (in Deutschland und bestimmt auch in weiten Teilen Europas) ums Überleben kämpfen mussten. Er schildert die einzelnen Episoden keineswegs larmoyant, sondern nüchtern und objektiv. Gerade dadurch hatte ich Mitleid mit diesen Menschen.
In fast heiterem, leichtem Ton erzählt Boschwitz von dieser Subkultur, in der sich Trägheit und Explosion nebeneinander bewegen. Ihm selbst werden die geschilderten Situationen nicht gänzlich fremd gewesen zu sein, musste er doch selbst emigrieren. So sind auch weite Teile des Textes den Betrachtungen über die menschliche Psyche gewidmet, besonders nach Niederlagen und in Konfliktsituationen. Daneben gefiel mir besonders die Art, wie die Geräusche der Strasse in Worte gefasst werden, zum Beispiel: "Leise meckerten die Klingeln der Fahrräder." Das dürfte in der Literatur nicht oft vorkommen.
Der Titel allerdings könnte besser gewählt sein, denn neben dem Leben befinden sich die Protagonisten keineswegs. Für sie ist es DAS LEBEN. Es sieht auch heute noch für viele ganz ähnlich aus, denn Leben ist nicht gleich Wohlstand. Nur widmet ihnen – seit Erich Kästner, Irmgard Keun und Hans Fallada – kaum ein Autor mehr als ein paar Worte.
Eine Sprungwillige, die vieles auslöst
Der Sprung von Simone Lappert
Menschen scharen sich sensationslüstern um ein Haus, auf dessen Dach ein Mädchen in grüner Latzhose herumturnt: Manu, die Störgärtnerin. Warum ist sie dort oben? Kann man sie überreden, herunterzusteigen? Oder wird sie doch springen? Man gafft und richtet sich unten auf der Strasse häuslich ein.
So der Rahmen um das Bild, das sich in der Folge vor dem Leser entfaltet.
Insgesamt elf Personen rücken während der zwei Wartetage näher zusammen oder werden sogar im Netz des Geschehens miteinander verknüpft. Elf Leben, auf unterschiedliche Weise in ungünstigen Gleisen festgefahren. Sie alle bekommen einen Einschnitt verpasst, werden neu ausgerichtet und angekurbelt durch einen einzigen Schritt – ins Leere. Denn dass Manu springen wird, erfährt der Leser gleich zu Beginn des Romans. Wie bei einem Krimi, der schon auf der ersten Seite den Täter offenbart, um daraufhin das Warten auf die Tat und deren Hintergründe zu beleuchten.
In diesem Lichtkegel stehen Felix, Maren, Theres, Ernesto und die anderen sieben Hauptpersonen. Sie wissen noch nicht, welche Fäden sie mit dem Mädchen auf dem Dach und ihrer Entscheidung verbinden. Schliesslich Manu selbst: eigentlich eine Lichtgestalt, die bedrohte Pflanzen auf teils kriminelle Art vor dem Untergang rettet, indem sie die Gewächse heimlich ausgräbt und ihnen eine neue Heimat verschafft. Eine Art Lebensretterin also, die aber ihr eigenes beenden wird.
Die Autorin fertigt ein Geflecht aus diesen Leben, wobei manches schon sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt, etwa die Sache mit dem Hut. Sie breitet eine Fülle von unterschiedlichen Schicksalen und Lebensentscheidungen vor uns aus, wobei sie uns konfrontiert mit teils unglaubhaften Situationen, abstossend, erschreckend, auf jeden Fall facettenreich. Die Figuren sind ähnlich wie wir alle, stehen uns deshalb nahe und vermögen es, und zu berühren.
Lappert erweist sich auch diesmal als hervorragende, mitreissende Erzählerin. Federleicht und teils atemlos schildert sie eine schwerwiegende, bedrückende Entscheidung. Dabei kommt der Humor erfreulicherweise nicht zu kurz. Die vielen Personen, in kurzen Kapiteln wie Perlen aneinandergereiht, waren jedoch anfangs recht verwirrend. Ich musste oft zurückblättern, um die Vorgeschichte nachzulesen, wenn diejenige Figur wieder ins Spiel kam.
Fünf Jahre sind vergangen seit Erscheinen ihres Erstlings "Wurfschatten", und nach Auflösung ihres alten Verlags fand sie in Philipp Keel einen neuen Herausgeber. Die Romane von Diogenes sind es meiner Meinung nach allesamt wert, gelesen zu werden. So auch das vorliegende Werk.
Hoffnungslos, aber nicht ernst
Letzte Rettung: Paris von Patrick deWitt
Die dominante Mutter Frances würde im Geld schwimmen, wenn sie damit umgehen könnte. Aber sie verprasst ihre Güter, zusammen mit ihrem Sohn Malcolm. Der ist offenbar zufrieden damit, faul daheim herumzuhängen. Als Frances' Ehemann vor Jahren einem Herzinfarkt erlegen war, ist sie zwar sehr gleichgültig mit dieser Tatsache umgegangen, will aber trotzdem Kater "Kleiner Frank" als Reinkarnation ihres Mannes sehen.
Dass sie ihn lieblos behandelt, scheint ein weiterer Widerspruch. Als nun kein Geld mehr da ist, sieht Frances ihre letzte Rettung im Apartment ihrer Freundin Joan in Paris.
Die Personen sind ziemlich überzeichnet und über weite Strecken keineswegs sympathisch. So wird Malcolm als Kleptomane und bindungsscheues Muttersöhnchen beschrieben, Frances tritt selbstbezogen und exzentrisch auf. Die beiden stolzieren hocherhobenen Hauptes über die Trümmer ihrer Existenz. Ihr Kater "Kleiner Frank" darf gnädigerweise mitmachen. Wobei er manchmal auch eiskalt vor die Tür gesetzt wird. Hauptsache, die schnöde Welt kann mit der linken Hand regiert werden und belangt das seltsame Gespann nicht weiter.
Die Pariser Nachbarin und mit ihr weitere Personen verhalten sich so, wie es im realen Leben kaum vorkommt. DeWitt spielt mit Klischees, und keine seiner Figuren scheint das zu sein, was wir als "normal" bezeichnen. Einzig Malcolms stand by-Verlobte Susan beginnt vernünftig zu handeln. Groteske, aberwitzige Situationen, die das Mutter-Sohn-Duo mit stiff upperlipp absolviert, reihen sich aneinander. Ein aufmerksamer Leser entdeckt viel Amüsantes, zumal sich in Paris so manches ins Gegenteil verkehrt.
Patrick deWitt serviert alles in einem Ton grösstmöglicher Gelassenheit, was auch immer geschehen mag: englischer Humor im Roman eines Kanadiers (dessen Fotos ihn durchaus britisch aussehen lassen) mit niederländischem Namen bei Schauplätzen in New York und Paris.
Die ungewohnte Sprache könnte schon verwirren mit oft seltsamen Ausdrücken (Sie machte ein Gesicht wie Schulterzucken; schmutziges Feuer; Malcolms Knochen brannten vor Müdigkeit) und mit zwischendurch scheinbar sinnlosen Aussagen. Vielleicht liegt es am Übersetzer Andreas Reimann, dessen Translationspraxis laut Internet sich erst auf zwei Bücher beläuft. Insgesamt ein origineller Sprachstil, aber eben: Die Geschmäcker sind verschieden.
Der Titel ist trügerisch, denn er weckt Hoffnungen, aber Rettung gibt es wohl keine. Das Coverbild hingegen könnte treffender nicht sein. Ich kann mir kein anderes vorstellen.
Enttäuschend
Letzte Rettung: Paris von Patrick deWitt
Paul plätschert über die fünf Liebesgeschichten in seinem Leben wie über Stromschnellen, die ihn aber nie weit tragen, sodass er bald wieder in ruhigeres Fahrwasser gerät. Schnell entflammt er für eine Person und fackelt nicht lange, sofern diese eindeutige Zustimmung zeigt. Doch bei keinem geliebten Menschen kann er lange bleiben.
Dabei wäre er offen für vieles, aber der oder die jeweils Andere beendet die Liaison bald. Paul weiss auch nicht so recht, was oder wen er denn nun eigentlich begehrt: Frau oder Mann? Aber welche Frau? Welchen Mann? Er riskiert keinen Blick in sein eigenes Inneres, in dem er sich allerdings auch nicht zu Hause fühlt.
Seine Kontaktbedürfnisse sind zwar gross, doch er will vor Verletzungen sicher sein, letztlich sicher vor der ernsthaften, fordernden Liebe. Die er aber immer wieder sucht, seit seiner ersten Verliebtheit mit Zwölf. Er spürt viele Male, dass tiefe Zuneigung zu jemandem in ihm aufblüht, aber wie er damit umgehen soll, bleibt ihm ein Rätsel. Und so scheitert er wieder und wieder in dem, was ihm das Wichtigste im Leben scheint. Gefühle, die als die grössten gelten, rieseln Paul wie Sand durch die Finger. Das, was er Liebe nennt, hinterlässt bei ihm lediglich vertrocknete Krater.
Der Text ist der innere Monolog eines Mannes, der viel Zeit und Ruhe zum Nachdenken hat. Der Vergleich mit einem Endoskop drängt sich auf, das sowohl die Magen-Darm-Beschaffenheit als auch alles Unverdaute durchcheckt, um eine Diagnose erstellen zu können, warum jemand sich krank fühlt.
Besonders literarisch finde ich die Sprache nicht, auch die Spannung lässt in meinen Augen sehr zu wünschen übrig. Ich habe lange zum Lesen gebraucht, weil der Text mich nicht fesseln konnte. Besonders der Beginn scheint mir unnötig in die Länge gezogen. Vielleicht wäre dem Roman geholfen, wenn der Erzähler sich an jemand Bestimmten gewendet hätte, nicht so ins Leere hinein geschildert.
Mehrmals habe ich mich dabei ertappt, dass ich quergelesen habe. Über weite Strecken sind die Absätze zu lang, und es gibt zu wenig auflockernde Dialoge. Alles in allem recht farb- und spannungslos. Die paar pseudophilosophischen Sprüche über die Liebe (etwa "kalt erwischt") hätte fast jeder von uns genauso formulieren können. Schade um die Lesezeit!
Einzigartig
Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong
Der Sohn einer in Amerika gestrandeten Vietnamesin schreibt seiner Mutter einen langen Brief, im Wissen, dass sie nicht lesen kann. Es geht um jeden wichtigen Zeitpunkt in ihrem und seinem Leben. Die Frau ist (und bleibt) durch die Kriegsereignisse schwerst geschädigt, kämpft sich im ehemaligen Feindesland mühsam durch, und das ohne Sprachkenntnisse.
Gewalt in vielen Facetten durchzieht den Text, neben wenigen Momenten tiefster Liebe und neben leisen Tönen, die unversehens in Schmerzensschreie umschlagen.
Der Junge ist seit seinem jüngsten Kindesalter der Dolmetscher für eine Frau, in deren Sprache es kaum einen Ausdruck für Liebe gibt; ein Übersetzer zwischen ihr und dem Alltag, zwischen ihr und Amerika. Er selbst wechselt fliessend zwischen den Sprachen, trägt aber sein Englisch lediglich wie eine Maske. Zur Stärke verurteilt, lastet auf seinen schmalen Schultern das Gewicht einer allzu niederdrückenden Welt: Amerika, ein schönes Land, je nachdem, wohin du blickst und vor allem: je nachdem, wer du bist.
Dieser Brief wirkt wie ein Exorzismus, allerdings nur für den Sohn. Die Mutter kann sich nicht von ihren Traumata befreien. Und da er weiss, dass seine Ma Analphabetin ist, kann er schonungs- und bedenkenlos berichten und damit seine eigenen Lasten abwerfen. Vuong liefert eine Ansammlung von Situationen, die meisten geprägt und verursacht durch das fremd Sein. Kein Wort ist zu viel, und jedes einzelne trifft.
"Little dog" ist nur einer der vielen Namen des Jungen, aber der einzige, den der Leser erfährt, vielleicht deshalb, weil der Roman zumeist in der Ich-Form erzählt ist. Doch der Autor wählt zwischendurch auch die 3. Person. Dieser Umstand und dass es fortwährend Zeitsprünge gibt, macht das Leseverständnis mühsam. Man muss auch schon tief ins Buch gedrungen sein, um die einzelnen Personen klar zu erkennen, etwa, wer Lan ist.
Man merkt, dass Ocean Vuong auf der Lyrik aufbaut, in der er sich bereits einen Namen gemacht hat. Die Sprache ist ausserordentlich poetisch und zart wie das Reh auf dem Coverbild, voller Metaphern, literarisch hochwertig. Genial finde ich seine Art, wie er stockendes Berichten formal ausdrückt, das ist mir so noch nirgends begegnet. Und immer wieder durchziehen Monarchfalter den Text, als Sinnbild für Migration, unstetes Leben, Verletzlichkeit, Heimatlosigkeit.
Es steht zwar nirgends explizit, dass der Text autobiografisch ist, dennoch kann es fast nicht anders sein, wenn man sich mit der Vita des Autors befasst. Dass man hierzulande nur wenige vietnamesische Autoren kennt, mag unter anderem daran liegen, dass die Welt sich eher dafür interessiert, was Siegermächte zu sagen haben und nicht die Kriegsverlierer in fernen Teilen der Welt. Ich bin aber davon überzeugt, dass mit diesem Roman von Ocean Vuong das Augenmerk zukünftig vermehrt nach Südostasien gelenkt wird. Ein einzigartiges Buch, ein hervorragender Debutroman!
Diese Story lässt keinen kalt
Auf Erden sind wir kurz grandios von Ocean Vuong
Mia Hayes, Nickname Rabbit, stirbt an Krebs. Ein grosser Verlust vor allem für ihre Tochter Juliet. Für Mutter und Bruder, der nun die Vaterrolle übernimmt, bestehen nun schwierigere Lebens- und Rollenverhältnisse. Der Vater tut sich mit der Trauer besonders schwer. Rabbits Schwester Grace befürchtet, ebenfalls zu erkranken und muss eine drastische Entscheidung treffen.
Tochter Juliet erfährt zudem Freud und Leid der ersten Liebe.
Jeder ist in seiner eigenen Trauer gefangen, auch Rabbits beste Freundin. Doch nach und nach können sie sich öffnen und an den neu gestellten Aufgaben wachsen. Sie bewältigen die Schwierigkeiten inmitten des altgewohnten Chaos und gewinnen trotz ihrer schonungslosen Aufrichtigkeit an Charme. Ganz im Sinn von Rabbit entfacht ihr Tod die Lebensfreude neu.
Aus der Sicht der einzelnen Trauernden erfährt der Leser, wie jeder mit Rabbits Tod umgeht und wie er sich durch ihn verändert. Immer aber scheint die Verstorbene auf die Hinterbliebenen einzuwirken und ihnen in irgendeiner Weise zu helfen.
Sind die humorvollen Aspekte beim ersten Band hauptsächlich von Rabbit ausgegangen, so verringert er sich nach ihrem Ableben, logisch. Mir gefällt aber, dass er sich lediglich subtil gewandelt hat und den Text weiterhin belebt.
Wer auch "Die letzten Tage von Rabbit Hayes" gelesen hat, dem ist die Familie ohnehin bereits ans Herz gewachsen. Dieser zweite Teil ist dem ersten absolut ebenbürtig. Eine gepflegte, schöne Sprache, spannend, farbig und plastisch, kurz: ein Lesegenuss. Im Text zur Autorin heisst es, dass der Roman vieles aus Anna McPartlins eigener Geschichte enthält. Ich wünsche mir weitere Bücher der irischen Autorin. Nina Petri liest den Text sehr einfühlsam, wobei sie die gesamte Bandbreite ihrer Stimme einsetzt, um jedem der einzelnen Personen ihre individuelle Stimme zu verleihen.
Kinderglück auf Light Trees
Bell und Harry von Jane Gardam
Es ist sehr zu bedauern, dass die Bücher von Jane Gardam erst so spät ins Deutsche übersetzt worden sind. 38 Jahre mussten vergehen, bis auch wir in den Genuss von "Bell und Harry" (und ihren anderen ganz besonderen Büchern) gekommen sind.
Es ist die Geschichte einer Kindheit auf dem Land, irgendwo in Grossbritannien.
Die Londoner Familie Bateman hat ein heruntergekommenes Bauernhaus in der Einöde gepachtet und wird anfangs mit etwas Distanz von ihren Wirten, dem Ehepaar Teesdale, betrachtet. Eines Nachts, als der kleine Bell pflichtbewusst das Weidegatter kontrolliert, wird er vom schlaflosen Harry beobachtet. Eine innige Bubenfreundschaft beginnt, die regelmässig zu Ferienzeiten ihre Fortsetzung findet. Einerseits führen die beiden teils waghalsige Unternehmungen durch, andrerseits haben sie selbst als Erwachsene das Staunen über Naturschönheiten nicht verlernt. Sie zweifeln auch nach Jahren keineswegs an der Existenz von Geistern und Feen – aber das tut der Schornsteinfeger Kendal auch nicht.
Jane Gardam hat einen Blumenstrauss gebunden aus beinah märchenhaften Geschichten, kleinen Weisheiten, kostbaren Kindererlebnissen und Bubenseligkeit, garniert mit anschaulich dargebotenen Naturschilderungen. Schon, wie sie die Kristallwelten der Eiszapfen beschreibt, ist ein einziger Genuss.
Die einfache Sprache (hervorragend übersetzt von Isabel Bogdan) mit kurzen Sätzen wirkt fast so, als sei der Roman für Kinder geschrieben. Doch die immer wieder eingestreuten Humorbeilagen benötigen die Denkweise von Erwachsenen. Ich habe immer wieder hell aufgelacht und empfehle das schmale Bändchen auch all jenen, die sich nicht oft an ein umfangreicheres Werk wagen.
Die dunkle Seite Amerikas
Die Nickel Boys von Colson Whitehead
Im neuen Buch von Colson Whitehead handelt es sich im Grunde um einzelne Geschichten aus dem Dasein des farbigen Jungen Elwood. In Armut aufgewachsen und sehr intelligent, will er nicht mehr als dieselben Chancen wie die Weissen, einfach dazugehören und nicht immer im Abseits stehen. Schon früh war der Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King sein Vorbild.
Nun hat er sich einen Collegeplatz für Schwarze erkämpft und befindet sich per Anhalter auf dem Weg dorthin. Er kann nicht ahnen, dass das Auto gestohlen ist. Im Amerika des scharfen Rassismus wird er verhaftet und nur Tage später in eine Besserungsanstalt gesperrt, ausgebeutet und schwer misshandelt.
Doch er versucht zu verzeihen, glaubt er doch auch nach den schlimmsten Schikanen noch an Güte und verzweifelt darüber, dass diese in seinem Umfeld nicht möglich ist. Unaufhaltsam und systematisch wird der Junge in der Nickel Academy zerstört. Und das Schlimmste: Jeden Tag muss Elwood in diesem grauenhaften Loch erwachen und weiss, dass stündlich weitere Katastrophen über ihn hereinbrechen können. Um es in dieser Hölle überhaupt auszuhalten, muss jeder das letzte Gute in sich abtöten.
3 Teile: Elwoods Leben vor, in und nach der Nickel Academy. Das ganze Ausmass der Zerstörung seiner Persönlichkeit wird im letzten Drittel deutlich.
Es sind Schilderungen wie aus einem KZ. Die Brutalitäten, denen die Jungen ausgesetzt sind, werden vom Autor aber keineswegs larmoyant oder anschuldigend, sondern mit Distanz geschildert. Hier sind die Menschen das Problem, und nichts lässt sich verbessern. Man darf nicht zart besaitet sein, wenn man den Roman liest, denn sein Inhalt ist nur schwer verdaulich. In einer klaren, präzisen Sprache, deren Leichtigkeit den schwierigen Inhalt leichter verdaulich macht führt uns Whitehead durch das dunkle Kapitel der Sechzigerjahre Amerikas. Wesentlich gebessert hat sich die Rassendiskriminierung in Amerika ja bis heute nicht, wenn immer noch die Cops drauflosballern dürfen, wenn sie beim geringsten Verdacht einen Schwarzen vor der Gewehrmündung haben. Drum: ein sehr notwendiges Buch!
Kinderwunsch und seine Folgen
Das wilde Leben der Cheri Matzner von Tracy Barone
Miriam und Cici: zwei Frauen, die zur selben Zeit entbinden. Doch die Minderjährige sieht sich als Mutter überfordert und verschwindet gleich nach der Geburt. Währenddessen verliert die italienische Ehefrau des fürsorglichen Solomon ihr Wunschkind und wird auch zukünftig keines mehr bekommen können.
Sol ist verzweifelt und entschliesst sich zu einem barmherzigen Schritt, um Cici aus ihrer Depression zu befreien. Durch die Adoption des mutterlosen Töchterchens von Miriam muss sie nun doch nicht ohne Baby bleiben, und Cheri hat liebevolle Eltern erhalten. Das Kind wächst behütet auf, ist trotzdem tief unglücklich und fühlt sich nirgends zugehörig, bis sein rebellisches Wesen sich endlich entfalten kann und das Mädchen zu einer Frau wird, deren Entwicklung mehr als nur überraschend verläuft.
Besonders die weiblichen Figuren haben sehr unterschiedliche Erwartungen an das Leben. Doch was wird schlussendlich daraus? Eine weitere grosse Frage durchzieht das Buch: Wo bin ich zu Hause, wo gehöre ich eigentlich hin? Doch das nun in gute Bahnen gelenkte Leben der Familie verläuft keineswegs glatt, und meine Sympathien für die einzelnen Figuren haben beim Lesen mehrfach gewechselt. Und was den Kinderwunsch betrifft, so ist das Thema nach den ersten Kapiteln keineswegs abgeschlossen. Die Zeitebenen liegen teils viele Jahre auseinander. Und "wild", naja, wild ist Cheris Leben eigentlich nicht, eher turbulent.
Tracy Barone hat in ihrem Erstlingsroman bereits viele Register gezogen, um bei den Lesern gut angekommen. Ein durchgehender Spannungsbogen, eine süffige, erfrischende Sprache, dazu der passende Schreibstil und viele verblüffende Wendungen könnten den Roman zu einem Bestseller machen. Das Coverbild ist den Gemälden von Roy Lichtenstein nachempfunden, was gut zum Inhalt passt.
Ich finde, es ist eine atemlos geschilderte Familiengeschichte, die nach einer Fortsetzung ruft. Empfehlenswert für alle, die immer neue Stories lesen wollen.
Gehaltvollere Lektüre als erwartet
Marina, Marina von Landau Grit
In diesem Roman wird das Leben und Lieben mehrerer Familien an der ligurischen Küste miteinander verwoben. Es gibt mehr oder weniger geheime Herzenswirrungen noch und noch. Da sind Träume und Pläne, welche das Schicksal und nicht zuletzt auch die Liebe immer wieder umstossen.
Alle möglichen Variationen zum Thema Liebe werden behandelt, mit den Augen einzelner Bewohner gesehen.
Im Zentrum bewegt sich die Figur der Marina, weshalb der Titel durchaus passend gewählt ist. Immer wieder sind Rückblicke eingestreut, die das frühere Geschehen erhellen. Aber etliche Erklärungen, welche gegen Ende des Romans nachgereicht werden, scheinen mir fast an den Haaren herbeigezogen.
Die einzelnen Geschichten innerhalb des Romans greifen wie Teile eines Puzzles ineinander. Sehr interessant, wie die einzelnen Personen auf überraschende Wendungen reagieren. Die Sympathien werden dadurch manchmal umverteilt. Die meisten Personen erhalten sie schon deshalb, weil das, was sie umtreibt und handeln lässt, im alltäglichen Leben tief verankert ist.
Die Spannung gestaltet sich sehr unterschiedlich, mal eher zäh, dann schwingt sie sich wieder zum Drama auf. An manchen Stellen hätte dem Erzählfluss etwas mehr Schub gutgetan. Ansonsten: ein Schreibstil wie sprudelnde Limo, dennoch nicht unbedingt light, sondern teils mit recht viel Tiefgang.
Die vierzehn Kapitel werden jeweils von einem bekannten Schlagertitel eröffnet, dazu Infos zum Sänger oder zum Lied. Eine originelle Idee, hat doch jedes Lied einen besonderen Bezug zum folgenden Abschnitt.
Für meinen Geschmack wurden übertrieben viele italienische Vokabeln verwendet, das wirkt unnatürlich und aufgesetzt. Das sehr ausführliche Glossar (20 Seiten) mit Übersetzungen und Begriffserklärungen ist denn auch notwendig. Bei den vielen Personen geht es ebenfalls nicht ohne ein Personenregister der beteiligten Familien.
Das ansprechende Cover, eine verblasste Fotografie aus den Sechzigern über ein aktuelles Bild von heute gelegt, weist wohl auf die Vergangenheit und die mit ihr verschmolzene Gegenwart hin.
Drei beigefügte Rezepte (Fleisch, Sugo und Sorbet) laden zum Nachkochen ein. Die Fotos im Buchdeckel untermauern das Italien-Klischee. Informativer ist die Landkarte im rückwärtigen Umschlag, an der man sich geografisch orientieren kann.
Hübsch ist der Ortsname: Amato bedeutet "der zu liebende (Ort)".









