Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Stierle Kelten

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Emmmbeee:

voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Verstörende Vorgänge

Lange war mir nicht klar, was es mit dem Titel auf sich hat. War damit ein imaginärer Tanz im Kopf gemeint, unbemerkt von Angehörigen, Ärzten, Pflegepersonal und Mitpatienten? Denn von der Ballnacht ist erst spät die Rede. Im Originaltitel wird sie hingegen gleich angesprochen.
Frauen jeden Alters, die man oft bereits als Kind für irr, gestört, geisteskrank erklärt hat, fristen in der Pariser Salpêtrière ihr unwürdiges Dasein.

Sie werden gedemütigt, vor männlichem Publikum zu Versuchen vorgeführt und missbraucht, in deren Verlauf nicht selten irreparable Schäden angerichtet werden. Und das alles zum Wohl der Wissenschaft (erinnert stark an die Verbrechen der Nazi-Ärzte) und eines nun ungestörten Treibens ihrer Ehemänner und der Gesellschaft. Denn die Frauen haben gewagt, eigenständig zu denken, ihre Rechte einzufordern, ihre aussergewöhnlichen Fähigkeiten nicht geheim halten zu müssen, einfach ein gleichgestellter Mensch sein zu wollen.
So jung sie noch ist, verfügt Victoria Mas bereits über viel Einfühlungsvermögen und Kenntnis der menschlichen Psyche. Es ist eine verstörende Lektüre, besonders wenn man bedenkt, dass die geschilderten Praktiken keineswegs erfunden, sondern noch vor gar nicht so langer Zeit tatsächlich durchgeführt wurden. In unlarmoyantem Stil, mit Spannung und Eindringlichkeit geschrieben, hat mich der Text ungemein gefesselt.
Meine Sympathie gilt vor allem der kämpferischen Eugénie und Louise, die sich dagegen wehren, unschuldig in eine wahre Hölle weggeschlossen worden zu sein. Mir gefiel auch die strickende Thérèse, ein stabiler Fels inmitten des Schlafsaals, die so tragisch endet. Zwiespältig denke ich über Geneviève, die sich um die Freilassung von Patientinnen bemüht, was ihr letztlich zum Schaden gereicht. Ganz schlimm der eitle Arzt Charcot.
Ein wichtiges Buch über ein Thema, von dem viele bis heute die Augen verschliessen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Die Brücken zueinander

Ein Sonntag mit Elena von Fabio Geda

Erstmals versucht sich der verwitwete Vater am Herd für ein Mittagessen mit der Familie der älteren Tochter Sonia. Doch ein Unglücksfall bewirkt, dass er auf den durchaus gelungenen Speisen quasi sitzenbleibt. Bei einem Spaziergang lernt er Elena und deren Sohn Gaston kennen und lädt sie zu sich nach Hause ein.

Währenddessen erfährt der Leser aber auch, was in der abwesenden Familie geschieht. Und wo Alessandro, der jüngste Sohn, gerade steckt.
Erzählt wird die Geschichte aber von der zweiten Tochter, Giulia, die mit dem Vater keinen Kontakt mehr hat. Längst versöhnt, trifft sie nämlich Jahre später an seinem Krankenbett diese Elena, die als Krankenschwester im selben Spital arbeitet, in dem er liegt.
Durch Giulias Augen lernen wir die Mitglieder der Familie kennen, die eine Familie wie viele andere ist. Sie hat mit Konflikten zu kämpfen, die keine aussergewöhnlichen sind. Und doch ist es eine einzigartige Geschichte. Es geht um Enttäuschungen, Elternschaft, um Unverhofftes und auch darum, sich unfähig und ohnmächtig zu fühlen.
Dass der ältere Herr, dessen Namen wir nie erfahren, Brückenbauer war, passt zum Thema des Romans. Denn er muss auch im privaten Bereich Brücken herstellen, damit wieder ein gutes Einvernehmen mit all seinen Kindern herrscht.
Unaufgeregte Schilderungen in einem ruhigen Stil schaffen ein Bild, das dem Wesen des alleingelassenen Seniors entspricht. Auch dass seine Reaktionen leicht verzögert, langsamer als bei den jüngeren Leuten erfolgen, harmoniert mit der geschilderten Atmosphäre. Dennoch ist genug Spannung, ausreichend Drive vorhanden. Und beim Lesen entwickelt sich Anteilnahme mit allen Protagonisten.
Mir gefällt die gepflegte Sprache, die ohne grossen Aufwand hergestellte Gesamtstimmung, die sparsamen Dialoge. Sehr passend finde ich auch die Gestaltung des Covers, das Einsamkeit vermittelt, sensibel gewählt der Sepiaton. Eine sehr schöne, zu Herzen gehende Lektüre, die ich allen Menschen empfehle, die sich Gedanken um das Familienleben machen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Die Brücken zueinander
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Sylt, wo der Gast Kaiser ist

Ein Sonntag mit Elena von Fabio Geda

Ein richtig beschauliches Dasein scheint auf Sylt auch im Winter nicht stattzufinden. Doch zur Badesaison überspült ein wahrer Tsunami an Badegästen die Insel. So erfährt der Leser nicht nur die Familiengeschichte der Sechziger- und Siebzigerjahre, sondern auch eine Fülle von Anekdoten, welche die besuchende Prominenz hinterlassen hat.

Alles aus der Sicht und mit dem frühreifen Verständnis eines Kindes. Susanne Matthiessen spart dabei nicht mit schonungslos kritischen Aufdeckungen, auch von Peinlichkeiten.
Es sind skurrile, teils bizarre Geschichten. Auch wird ein Licht auf die damalige High Society geworfen, ebenso auf die Sitten und den Alltag der Einheimischen. Nichts weniger als ein Blick auf das allzu Menschliche. Manchmal zuviel für kindliche Augen, etwa Mord und Selbstmord eines Gästepaares. Mit eingebunden ist die Entführung der Autorin als Baby. Zuerst wird sie von den Eltern nur zum Schlafen in das Bett von Gästen «ausgeliehen», später von denen «in die Ferien mitgenommen», aber in der Folge entführt und von einem ehemals hohen Nazi wiedergefunden. Heute undenkbar!
Wer wie ich noch nie auf Sylt war, erhält einen umfassenden Einblick in den Kosmos und die Entwicklung dieser freizügigen und gewiss einzigartigen Insel. Die Personen sind sehr detailliert gezeichnet, nicht ohne eine ordentliche Portion Humor. Die einzelnen Kapitel sind mit Pelzarten (und einer Lederhose) im Titel überschrieben. Ganz am Schluss fügt Matthiessen eine Auflistung all ihrer Freunde und engsten Weggefährten hinzu.
Titelgemäss zieht sich das Thema Rauchwaren als Leitfaden bis zum Schluss des Romans. Was mich aber ein wenig gestört hat, waren die weitschweifigen Auslassungen über alles, was Pelze betrifft. Zweifellos hat Matthiessen ein immenses Wissen über die Materie ansammeln können und legt es auch ausführlich dar. Doch ob das so viele Leser interessiert? Im Verein mit dem fast vollständigen Fehlen von Dialogen geben diese Lehrgänge dem Roman etwas Sachbuchartiges. Ich hatte Mühe, aufmerksam zu bleiben und nicht ins Querlesen zu verfallen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Die Brücken zueinander
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Am Ende der Hoffnung?

Kostbare Tage von Kent Haruf

Dad Lewis spürt, dass sein Leben zu Ende geht. Frau und Tochter versuchen, ihm den Abschied soweit als möglich zu erleichtern. Der Sohn, im Streit gegangen und seit Jahrzehnten schmerzlich vermisst, erscheint dem Sterbenden nur noch im Delirium. Ein Priester erntet für sein Engagement von der Gemeinde heftige Ablehnung.

Eine Liebe, nein, zwei Lieben gehen zu Ende. Das Mädchen Alice hingegen findet Frauen, die sich kümmern und seine eher triste Jugend ein wenig verschönern.
In Rückblenden beleuchtet Kent Haruf das Leben des alten Ehepaares Lewis und seiner Kinder. Er schreibt über Menschen, gescheitert und am Ende ihrer Hoffnungen, dennoch getragen von einer kleinen Gruppe. Wieder führt er uns nach Holt, wo der Leser bereits die eine oder andere erwähnte Person kennt. Der Autor erzählt in ruhigem Ton vom Leben der Menschen, die am Rand der Gesellschaft in sehr bescheidenen Verhältnissen, aber meist zufrieden, ihr Dasein fristen. Der Roman bietet einen hohen Wiedererkennungswert. Diesen Teil von Amerika muss der Autor wohl gut gekannt haben.
Was ich bei diesem Buch von Haruf aber vermisse, ist die unklare Skizzierung des Aussehens der Personen. Man kann sich ein Bild davon machen, was sie denken und empfinden, aber nicht, wie sie äusserlich sind. Und das ist doch ein wesentlicher Bestandteil beim Lesen. So fehlt insgesamt die Farbe, das Bildliche. Vielleicht erscheint mir Holt deshalb als ein grauer, staubiger Ort, an dem ich nicht wohnen möchte. Der Schluss scheint mir etwas abrupt, das Schlusskapitel nicht abgerundet. Lediglich langanhaltende Blizzards und nächtliche Stürme werden angekündigt. Insgesamt wenig Hoffnung am Ende.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Am Ende der Hoffnung?
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Süsse Verführung

Kann Gelato Sünde sein? von Tessa Hennig

Die Bevölkerung eines kalabrischen Dorfes soll mittels besonders gesunder Ernährung länger leben. Das möchte der Bürgermeister so, um der Landflucht vorzubeugen. Sport, regelmässige Checks beim Arzt, zuckerfreies Essen. Bei Strafandrohnung, wenn man dagegen verstösst. Doch nun kommt Emilia und möchte eine Bäckerei/Konditorei eröffnen.

Sie will mit ihren Eistorten neues Leben und neue Essensfreude ins Dorf bringen. Sie wiederum findet nicht das vor, was sie erwartet, als sie ihre studierende Tochter Julia besucht. Denn die hat das Studium aufgegeben und arbeitet stattdessen in einer Pension, die sie mit ihrem italienischen Lover eröffnet hat.
Natürlich lösen sich alle Missverständnisse auf, der ehrgeizige Bürgermeister wird besiegt, das Café kann seinen Neustart aufnehmen, die Tochter darf ihren Weg gehen und der Ort ist auch zufrieden. Friede, Freude, Gelato.
Tessa Henning spricht in ihrem neuesten Roman verschiedene Themen an: das Wiederaufleben im Alter, das Unvorhergesehene im Leben, Langlebigkeit durch entsprechende Ernährung, Neuanfang und natürlich die Italianità sind nur einige davon. Wer für Italien schwärmt, kommt voll auf seine Kosten.
Der Roman liest sich süffig und rasch. Er ist durch authentische Spracheinstreuungen stark italo-durchwirkt und verführerisch in vielfachem Sinn. Ein sehr farbiger und lebendiger Sprachstil, wie gewohnt bei Tessa Henning, macht den Mund wässrig auf italienische Süssigkeiten, auf das Land, die Sonne, die Menschen im Süden. Eine leichte Lektüre für entspannte Nachmittage zu Hause, ob mit oder ohne Sonne.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Süsse Verführung
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Dorfleben und Liebeswirrungen

Wie uns die Liebe fand von Stihlé Claire

Madame Nan und ihre vier Töchter schmeissen mit vereinten Kräften einen Dorfladen im Elsass. Im Ort kennt jeder jeden, und alle Belange werden gemeinsam durchgehechelt. Als es bei einigen Personen mit der Liebe nicht klappen will, wird nachgeholfen. Mit Voodoo, sprich Liebesbomben, welche innerhalb der Familie hergestellt werden.

Und siehe da – es wirkt!
Die Autorin Claire Stihlé führt ihre Leser durch verschiedene Zeitebenen im Leben ihrer Hauptprotagonistin: in die Jugend, die ersten Jahre der Mutterschaft und das hohe Alter, aus dem sie zurückblickt auf die Vergangenheit. In der Ich-Form geschrieben, wird der Leser immer wieder direkt angesprochen: «Das kann ich Ihnen sagen!»
In diesem Roman geht es um Zusammengehörigkeit, Familiensinn, ums Essen und um die Liebe. Und weil nicht alles so ganz der Wirklichkeit entsprechen kann, erhält das Buch etwas Märchenartiges. Nicht ganz glaubhaft ist für mich auch die Schilderung, wie Madame Nan sich in Monsieur Boberschram verliebt haben soll. Keine grossen Fragen des Lebens werden behandelt. Es ist eher das fröhliches Plätschern eines Wiesenbaches als ein Tauchgang in die Tiefen des Meeres. Sympathisch geschildert ist die ganze Familie, samt künftigen Schwiegersöhnen. Der Spannungsbogen ist mässig, die Sprache locker-leicht. Ein nettes Buch, ja. Ich empfehle es allen, die einfach ein wenig abschalten wollen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Dorfleben und Liebeswirrungen
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Zeitlose Wanderlust

Die Kunst des stilvollen Wanderns von Stephen Graham

Wenn einem in Zeiten der unfreiwilligen Isolation durch die Corona-Pandemie ein Buch wie dieses in die Hände fällt und sowieso, wenn man mit 70 nicht mehr wanderfit ist: dann, ja dann ist dieses schmale Bändchen ein kleiner Schatz. Denn so können wir mit Freude, wenn auch nur in Gedanken, die eigenen Wandererfahrungen aus der Versenkung holen und mit Stephen Graham erneut in die Ferne schweifen.

So jedenfalls habe ich es empfunden.
Dem Lesenden öffnet sich ein wahres Füllhorn: etwa Anregungen zu den Pausen, dem Trocknen der Kleider nach einem Regenguss, sogar bei Ebbe im Geldtäschchen bis hin zum Wanderlied. Kurz: ein umfassender und wertvoller Begleiter und Ratgeber durch alle Situationen unterwegs.
Ganz speziell finde ich die beiden Kapitel über die Sinnbilder des Wanderns und die Kunst des Müssiggangs. Wie Blumen in die einzelnen Kapitel gestreut sind poetische Stellen, auflockernd und sehr charmant. Auch die philosophischen Passagen sind erfrischend und bereichernd. Mir sagen die klare Sprache, der unkomplizierte Schreibstil, die farbigen Schilderungen ebenfalls sehr zu.
Das Werk mag zwar fast 100 Jahre alt sein, aber der Trend von heute geht durchaus mit ihm konform: sich wieder auf die ursprünglichen Werte besinnen, geerdet sein, ganz besonders das verstärkte Streben zur Nachhaltigkeit. Beim Lesen habe ich öfters an den Jakobsweg gedacht, der ähnliche Anforderungen stellt wie die, von denen der Autor berichtet. Manche Stellen gehen konform mit eigenen Reisetagebuchaufzeichnungen, bei denen ich (und mit mir bestimmt schon viele andere Leser) auf mich allein gestellt war.
Das kleine Format mit unempfindlichem Hardcover und Lesebändchen ist sehr geeignet für das Mitführen im Rucksack.
Ich wage zu behaupten, dass nicht wenige Menschen sich nach der Lektüre auf die ursprüngliche Art der Fortbewegung zurückbesinnen. Gemeint ist, sich vermehrt auf die Socken machen, um zu Fuss das Land zu durchstreifen. Die zahlreichen Tipps und Anregungen mögen zwar teils veraltet sein. Aber sie bilden die Grundlage zur sinnvollsten Ausrüstung.
Und nicht zuletzt: Ist nicht das Leben an sich eine Wanderung, zu der man das richtige Rüstzeug braucht? Im übertragenen Sinn finden wir auch hierzu die eine oder andere Anleitung.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Zeitlose Wanderlust
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Gemeinsame Reise wider Willen

Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki

Eigentlich hat Hans die Reise auf das Dach der Welt angetreten, um mit sich allein zu sein und sich seiner Vergangenheit in aller Ruhe zu stellen. Doch dabei kommt ihm der unverschämte Tscharli in die Quere. Auf einem Berg wie dem Kilimandscharo lässt sich so einer Person nur schlecht ausweichen. Wenn noch dazu die Urgewalten der Natur ausbrechen, erst recht nicht.

Denn dann muss man zusammenrücken und auf engstem Raum gemeinsam Schutz suchen. Sehr hinderlich sind dabei die anfangs gehegten Vorurteile. Der Weg wird zum Ziel.
Die beiden müssen wohl oder übel ihre Reise gemeinsam weitersetzen. Eine Reise, die aberwitzig, urkomisch, zu Herzen gehend, temporeich und nicht ohne Tragik verläuft. In kurzer Zeit geschieht sehr viel, und ebenso viel Vergangenheit wird offengelegt. Durchwirkt mit bayrischem Sprech und absurden Situationen, gestaltet sich der Roman zu einem Pageturner.
Erheiternd fand ich die Beschreibung mancher Tätigkeiten, beeindruckend die Schilderung der Landschaften und Charaktere. Wenn Nord- und Süddeutsche aufeinandertreffen, sind unterhaltsame Situationen ohnehin zu erwarten. Besonders, wenn sie leicht überzeichnet sind.
Matthias Politycki führt uns nicht nur in geografische Krater, sondern auch in die Untiefen der Seele und der Vergangenheit. Dabei kann der Autor sprachlich aus dem Vollen schöpfen. Nicht umsonst wird er als grosser Stilist und vielseitigster Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur bezeichnet. Dass er für diesen Roman "um ein Haar in Afrika gestorben wäre", wie es im Klappentext heisst, verleiht dem Werk einen zusätzlichen Touch.
Das Cover liess mich gleich an Hemingway denken, noch bevor ich wusste, worum es ging. Der Golddruck verleiht dem Bild zusätzlich etwas Kostbares. Auf den Umschlagdeckel-Innenseiten sind die Routen aufgezeichnet sowie Landkarten von Tansania und Sansibar. Sehr anschaulich und lebendig, farbig und rasant: Das ist meine Meinung zu diesem Buch. Ich würde es jedem Leser empfehlen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Gemeinsame Reise wider Willen
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Sich dem Verlieren entgegenstellen

Dankbarkeiten von Delphine Vigan

Die bisher selbständige, unabhängige Michka muss sich den geistigen Gebrechlichkeiten des Alters stellen. Dass sie so vieles zu verlieren scheint, bereitet ihr tiefe Ängste. Vor allem sind es Wörter, die ihr abhandenkommen. Das Leben im Seniorenheim mit all seinen Neuerungen fordert sie zusätzlich.

Zum Glück kümmern sich zwei junge Leute liebevoll um sie und helfen ihr, einen letzten grossen Wunsch zu erfüllen. Denn Dankbarkeit zu übermitteln, gerade jenen Menschen, die ihr einmal entscheidend geholfen haben, ist Michkas tiefstes Bedürfnis.
Dankbarkeit ist ein problematisches Thema, mit dem wohl schon jeder konfrontiert worden ist. Besonders dann, wenn man dankbar sein MUSS. Hier aber will ein alter Mensch seine Dankbarkeit ausdrücken DÜRFEN.
Immer wieder taucht Delphine de Vigan in die Untiefen der Menschen, in ihre Schwierigkeiten mit dem sozialen Leben, mit sich selbst. Die Leben und Schicksale verschiedener Personen werden vor dem Leser aufgerollt, zarte Fäden werden gesponnen, Sympathien sanft gefördert. Dass abwechselnd aus der Sicht der beiden jungen Helfer Marie und Jerome erzählt wird, hat mir sehr gefallen. Dankbarkeit und Verlust, beide Themen gehen sehr nahe und berühren vor allem Senioren wie mich, bei denen auch schon so manches zu verschwinden scheint… Der Roman zeigt auch deutlich, wie wichtig Anteilnahme ist, allen Menschen gegenüber.
Vigans Übersetzerin Doris Heinemann versteht es, die gepflegte, bilderreiche Sprache der Autorin ins Deutsche zu übertragen und dabei die Spannung zu erhalten, was ja hauptsächlich zum Erfolg eines fremdsprachigen Buches beiträgt. Angenehm finde ich das Lesebändchen, treffend das eine Wort als Buchtitel. Ein positives Zeichen setzt die fröhliche Fotografie auf dem Titelbild.
Danke, Madame Vigan, für Ihr neuestes Werk!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Sich dem Verlieren entgegenstellen
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Nirgends mehr daheim

Der Empfänger von Ulla Lenze

Josef Klein wird 1949 aus amerikanischer Haft in seine Heimat Deutschland abgeschoben. Er kommt in ein notleidendes Land zu seinem Bruder Carl und dessen Frau Edith. Da er über den Grund seines Gefängnisaufenthaltes nicht offen sein kann, schwelt bald ein tiefes Misstrauen zwischen den Brüdern. Schliesslich standen sie in den vergangenen Jahren auf jeweils feindlichen Seiten.

Vorurteile prägen den Alltag. Wie so oft, sieht sich jeder auf der Seite der moralisch Besseren. Auf der Seite derer, die das einzig Richtige getan haben. Und so ist Josef auch in seiner Heimat nicht willkommen. Er wandert Jahre später wiederum aus, wieder über den grossen Teich.
Doch vor 25 Jahren träumten sie noch von einer Zukunft in den Vereinigten Staaten. Carl wurde durch einen Unfall am Auswandern gehindert und musste im Rheinland zurückbleiben. Josef schaffte es und fand Arbeit in einer New Yorker Druckerei. Er wurde zu Joe, zum Amateurfunker (der Buchtitel ist ein Hinweis), geriet in rassistische und Nazi-Gruppierungen. Doch ehe er so richtig in der Neuen Welt angekommen war, brach der 2. Weltkrieg aus, und alles änderte sich grundlegend. Denn ein Funker wird gerade in Kriegszeiten schnell der Spionage verdächtigt.
Ulla Lenze hat die Handlung am Leben ihres Onkels ausgerichtet. Mit Spannung und Farbe schildert sie eine Menge Stories rund um die Leitgeschichte. Immer wieder legt sie das Innere und die Überlegungen der Personen offen. Hilfreich, wenn nicht notwendig sind die zeitlichen Hinweise zu Beginn der einzelnen Abschnitte. Denn die Rückblicke sind nicht leicht durchschaubar.
Als Leser kann man sich dem Thema nicht entziehen. Es geht sehr nahe, gerade wenn man selbst zu den Emigranten gehört. Mich hat auch der Schreibstil sehr angesprochen. Lenze hat es verstanden, mit Leben und Drive ein interessantes Schicksal zu zeichnen. Sie hat auch den Familiennamen Klein gut gewählt, denn es ist die Geschichte des kleinen Mannes, der in turbulenten Zeiten ungewollt zwischen sämtliche Stühle gerät.
Das heutige Geschehen in Amerika zeigt, wie aktuell der Roman ist. Denn nationalistisch gesinnte Politiker sind dort nach wie vor tätig, offener denn je. Die Unterteilung des Coverbildes samt den verschwommenen Stellen geht auf die Zerrissenheit des Heimkehrers Josef sehr deutlich ein. Ich empfehle das Buch allen geschichtlich Interessierten.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Nirgends mehr daheim