Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Stierle Kelten

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Emmmbeee:

voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Vermeintlich alte Schuld

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Tatjana Alexejewna dachte, sie hätte vor 30 Jahren einen Mann in den Tod geschickt, indem sie ihren eigenen Ehemann aus einer quasi Todesliste löschte. Diese Schuld verfolgte sie in die eigene Verhaftung und ins Straflager hinein. Nun ist sie 90 und alzheimerkrank. Ihre gesamte Familie ist in der Stalinzeit umgekommen.

Es gibt vieles, das sie jahrzehntelang gequält hat und das sie jetzt ihrem neuen Wohnungsnachbarn Alexander erzählt. Denn das Langzeitgedächtnis funktioniert noch gut.
Ich hätte mir gewünscht, etwas mehr vom jungen Mann und seiner Familie zu erfahren. Doch auch so ist dieser Roman ein wichtiges Zeitzeugnis einer Welt, die uns meist wenig bekannt ist, die Russlands in den Nachkriegsjahren, aber auch ein wenig der heutigen Zeit.
Viel Schockierendes wurde bereits von Alexander Solschenizyn aus dem GULAG erzählt. Dieser Bericht ergänzt ihn beinahe nahtlos. Die grosse Tragik des Inhalts besteht darin, dass das Rote Kreuz sich bemüht hat, Nachrichten zu übermitteln und den Gefangenenaustausch voranzutreiben, dass aber Molotow jede Beantwortung der Gesuche verbot. Und dass sich der Staat bis heute bemüht, alle Erinnerungen an die furchtbare Zeit auszulöschen.
Der Text ist zwar zügig geschrieben und durchaus ansprechend mit fremdartig klingender Lyrik durchsetzt. Doch die kursiv gesetzten Stellen verleiten zum Querlesen, besonders die angeführten Briefe und Telegramme. Doch ist es ein sehr nahegehender Roman, von Ruth Altenhofer in ein modernes, lebendiges Deutsch übersetzt. Und das ist nicht unwichtig.
Auf den letzten Seiten ist ein Interview mit Sasha Filipenko wiedergegeben. Er erklärt, wie er seine Recherchen vorangetrieben hat und wie weit seine eigene Grossmutter als Vorbild und Modell gedient hat.
Ein Buch, das all jenen gefallen wird, die sich gern etwas tiefer über die Geschichte Europas begeben.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Vermeintlich alte Schuld
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Vom Mut, positiv zu bleiben

Nach Mattias von Peter Zantingh

Mattias ist tot. Lange weiss man nicht, woran er gestorben ist, aber sein Tod reisst eine schmerzhafte Lücke ins Leben einiger Menschen. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen von acht Personen übertitelt. Wie Satelliten haben sie ihn umkreist, dabei aber nicht immer direkte Kontakte mit ihm gehabt.

Nach und nach erfährt der Leser, dass und wie jeder mit Mattias zu tun hatte.
Doch wird der Tote selbst nur indirekt beleuchtet, vielmehr das Leben dieser am Rand Beteiligten. Dabei tut sich Überraschendes vor uns auf. Aber es ist durchaus kein Trauerbuch. Ein Gedanke durchzieht den Roman: dass es Mut braucht, um weiterhin positiv zu denken. Dabei wirkt der tote Mattias im Nachhinein als Vorbild.
Peter Zantingh hat den Roman spannend gestaltet, farbig und lebendig malt er die einzelnen Gestalten. Von Jenny Ehlers übersetzt, ist das Buch ein Pageturner, der nahe geht. Zwischendurch gibt es philosophische Passagen, und einige Weisheiten werden dem Leser mitgegeben. Wer nur will, kann für sich selbst Mut aus dem Text schöpfen. Ich möchte mehr von Zantingh lesen.
Das Coverbild ist in guter Diogenes-Tradition gestaltet, ansprechend und vielschichtig deutbar.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Vom Mut, positiv zu bleiben
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Wenn Schönheit ein Unglück ist

Die Bagage von Monika Helfer

Die Autorin ist im vorliegenden Roman ihren Wurzeln nachgegangen und schildert hauptsächlich das Leben ihrer Grossmutter im hintersten Teil eines Dorfes im Bregenzerwald. Von hohen Bergen eingegrenzt, schränkt das Tal auch den geistigen Horizont seiner Bewohner ein. So kann die schöne Maria trotz grosser Armut nur auf Neid und Missgunst stossen, denn die Frauen müssen mitansehen, wie ihre Männer der jungen Mutter von vier Kindern nachsteigen.

Noch dazu zieht Marias Ehemann 1914 in den Krieg, und sie muss sich nun selbst gegen alle Nachstellungen zur Wehr setzen. Zum Glück stehen die Kinder ihr tatkräftig zur Seite. Niemand kann jedoch verhindern, dass selbst der Pfarrer von der Kanzel nur aufgrund von Vermutungen gegen die Frau wettert und das Kreuz an ihrem Haus abmontieren lässt.

Monika Helfer rekonstruiert das Leben ihrer Grossmutter aus den Erzählungen ihrer Tante Kathe. Über die eigene Mutter konnte sie wenig erfahren, weil diese gestorben ist, als die Autorin noch ein Kind war. Doch deren Geschwister zeichnet sie in wenigen Sätzen deutlich genug. Wenn auch mehrmals ein Zeitsprung vollführt und vorgegriffen wird, ist es doch immer klar, warum der Wechsel notwendig war.

Die kräftige, bodenständige Sprache in diesem Roman kommt mir vor wie Vorarlberger Dialekt, wenn man ihn 1:1 in die "Schreibe" überträgt. Die Autorin scheut sich auch nicht, in einem Absatz Ausdrücke mehrmals zu wiederholen, denn genauso wird auf dem Land gesprochen. Auch ganze Sätze werden zur Bekräftigung gebetsmühlenartig repetiert, und das gibt dem Buch eine tiefe Eindringlichkeit. Obwohl Viel- und mitunter Schnellleserin, habe ich den Text langsam erkundet und jedes Wort genossen.

Dieses Buch widmet Helfer ihrer eigenen Bagage. Ich kann mir gut vorstellen, dass in einer Kleinstadt wie Hohenems ein Schriftstellerehepaar mit vier Kindern (besonders in ihren Anfängen als Familie) von kulturfernen Leuten so betrachtet worden ist. Auch wenn der Ehemann einer der erfolgreichsten österreichischen Autoren ist und Monika Helfer sich einen sehr guten Namen erschrieben hat.
Das Coverbild vermittelt den Eindruck einer scheuen Braut, die sich zu schützen versucht. Sehr passend, finde ich.
Den Roman empfehle ich allen, die mehr über das Leben in kleinen Bergdörfern wissen wollen – und vor allem natürlich allen Helfer-Köhlmeier-Fans.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Wenn Schönheit ein Unglück ist
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Die Suche nach dem perfekten Leben

Eine fast perfekte Welt von Agus Milena

Die italienische Autorin Milena Agus schildert in ihrem Roman das Leben und die Bemühungen von Ester, Felicita und Gregorio, dreier Generationen einer Familie auf der Suche nach dem bestmöglichen Leben. Ester will nur noch weg von ihrem Dorf auf Sardinien, hinüber aufs Festland, und nimmt dafür sogar die Hochzeit mit einem ungeliebten Mann in Kauf.

Enttäuscht kehrt sie nach Jahren wieder auf die Insel zurück. Ihre Tochter Felicita hält es aber auch nicht im Dorf. Sie zieht in die Hafenstadt Cagliari, wo sie aus Abfällen Modeschmuck herstellt und ihren Sohn grosszieht. Der scheint bereits als Ungeborener unschlüssig, ob er überhaupt auf diese Welt kommen möchte. Von seinem adligen Vater hat er die Liebe zur Musik, besonders zum Jazz, geerbt und will in Amerika leben. Wo er auch bald enttäuscht wird.
So tun sich für den Leser eine Menge Widersprüche auf. Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Leben, Streben nach dem Vollkommenen, Perfekten. Ein aussichtsloses Unterfangen, wie wir alle wissen. Die mittlere Generation, verkörpert durch Felicita, scheint die einzig zufriedene zu sein. Nicht umsonst hat die Autorin ihr diesen Namen verliehen: "Glück".
"Wie schafft man es bloss, an einem solchen Ort zu leben?" ist der Grundtenor dieser Geschichte voller skurriler Begebenheiten und stiller Weisheiten. Es geht wohl nur durch Zufriedenheit mit dem Gegebenen und wenn es sein muss, auch ohne Liebe. Denn die Liebe scheint ebenfalls nur Felicita auszuströmen, ohne jedoch wiedergeliebt zu werden. Höchstens von ihrem Sohn Gregorio.
Seit ich selbst dort war, weiss ich, dass Sardinien ein steiniges, hartes Land zum Leben ist. Aber Mailand und New York sind es, im übertragenen Sinn, nicht weniger. Mir gefällt die geradlinige, schlichte Sprache, plastisch und schnörkellos. Sehr farbig sind die Personen gezeichnet, nachvollziehbar ihr Verhalten. Nur was eigentlich Gregorios Vater will, hat sich mir nicht erschlossen. Er dümpelt etwas im Trüben, und seine Beweggründe hätten für meinen Geschmack etwas deutlicher gezeichnet werden können.
Am gestrigen Sonntag hab ich das Buch von Anfang bis Ende gelesen. Die süffige, plastische Sprache, die kurzen Kapiteln, die schnörkellose und sehr farbige Zeichnung der Personen, die Handlung mit ihrem Drive haben mich sehr angesprochen. Ich möchte gern mehr von dieser Autorin lesen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Die Suche nach dem perfekten Leben
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Ein Buch zum Geniessen

Sweet Sorrow von Agus Milena

Der Teenager Charlie Lewis begegnet eines Sommers der jungen Fran Fisher. Er verliebt sich Hals über Kopf in sie und gerät dadurch eher widerwillig in eine Hobby-Theatergruppe. Dass ausgerechnet "Romeo und Julia" gespielt wird, ist quasi bereits eine Schlussfolgerung im Handlungskonzept.
Charlie hat durch die Trennung seiner Eltern bereits einiges zu verdauen und möchte eigentlich nur ein wenig Geld verdienen und den Sommer geniessen.

Doch die erste Liebe wirft ihn aus den Schienen. Jahre später, kurz vor seiner Hochzeit, wird er mit der Frage konfrontiert, ob es nicht richtiger wäre, seine Braut zu verabschieden, um mit Fran sein Lebensglück nicht zu verpassen.

Charlie ist schon deshalb eine sympathische Person, weil seine Überlegungen und Handlungen gut nachvollziehbar sind. Die Trennung der Eltern ist auch eine weit verbreitete Tatsache. Man kann ebenfalls Fran gut verstehen, denn so oder ähnlich läuft es meistens ab. Und auch, dass Liebende sich Jahre später wieder begegnen und vor Entscheidungen stehen, kommt häufig vor.

Einfühlsam herausgearbeitet sind die mehrfachen Situationen des Zweifelns, auch in den Rückblicken. Da gelingen Nicholls starke Szenen und überraschende Wendungen. Etwas gestört hat mich aber die Langatmigkeit, besonders bei der Beschreibung der Theaterproben. Das ist vielleicht, weil Nicholls selbst Schauspieler ist und ihm an der Vermittlung der Darstellung auf der Bühne besonders viel liegt. Viele der schier endlos scheinenden Passagen liessen sich bestimmt stark reduzieren. Die Handlung gewinnt dadurch an Tempo und Verve. Andrerseits: Nicholls Sprache ist bilderreich, zart und schön. Ein Genuss. Trotz der 500 Seiten habe ich bis zum Schluss durchgehalten. Als ehemalige Radiomoderatorin schätze ich ausserdem sehr, dass die Handlung von Musik begleitet wird und so ein Plus an Farbe, Zeitgeist und Leben erhält.

Allein von der Optik und vom Titel her hätte ich das Buch nicht zu meiner Lektüre gewählt. Aber sweet im Sinn von süsslich ist der Stoff keineswegs gearbeitet. Und der Name des Autors bürgt für Qualität.

Meine Empfehlung: Der Roman ist nicht für jeden Leser und eignet sich nicht zum blossen Verschlingen. Es ist vielmehr ein Buch für gewisse Zeiten, und vor allem: für GENUG Lesezeit.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Ein Buch zum Geniessen
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Erst belogen, dann ermordet

Drei von Dror Mishani

Drei Frauen in Israel fühlen sich nacheinander zum liebenswerten, einfühlsamen Rechtsanwalt Gil hingezogen: Orna, alleinerziehend, leidet unter der Trennung von ihrem Mann, der längst anderweitig liiert ist. Da versucht sie, per Onlineplattform ihrer Einsamkeit zu entfliehen. Die Lettin Emilia hat mit Hingabe Gils Vater gepflegt, fühlt sich nach dessen Tod verloren im fremden Land und hätte ein Zusatzeinkommen bitter nötig, beispielsweise als Putzkraft für seinen Sohn.

Und da ist noch Ella, ausgepowerte Mutter von drei Kindern. Sie lernt Gil in einem Café kennen, wenn auch mit anderen Absichten. Alle drei führt er in eine kleine Mietwohnung, zwei von ihnen tötet er und kann lange Zeit unentdeckt bleiben.
Warum Gil die Frauen ermordet, hat sich mir nie erschlossen. Ihr Tod hat ihm keinen Nutzen gebracht, ausser den, dass seine Frau von seinen Seitensprüngen erfahren könnte. War es die Freude am Schwindeln, dass er die Frauen derart in seine Lügengeschichten eingesponnen und damit erobert hat? Irgendwie nicht ganz logisch.
Der Roman hat pro Frau einen eigenen Abschnitt, wobei das letzte Drittel stilistisch etwas anders ausgefallen ist. Die Besonderheit besteht darin, dass teilweise die Form der Zukunft für diesen Teil des Textes verwendet wurde, was aber auf mich etwas unbeholfen und keineswegs flüssig wirkte. Darin habe ich mich nicht so gut zurechtgefunden und das Konzept nicht gleich durchschaut. Gegen Ende erfährt man den Grund dafür dann schon, aber bis dahin hat es bei mir keinen grossen Anklang gefunden.
Einen besonderen Vorzug habe ich im Text nicht gefunden, wenngleich der Roman durchaus Spannung und Tempo aufweist und in einer schönen Sprache übersetzt ist. Es ist Dror Mishani auch zweifellos gelungen, die Psyche der Frauen und Gils Manipulationen glaubhaft darzustellen. Gil selbst bleibt aber weitgehend ein nebulöser Charakter. Das ist schade, denn der Leser will wissen, welches die wahren Gründe für die Morde sind. Vielleicht erschliesst sich uns das in der angekündigten Verfilmung. Ich hoffe es.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Erst belogen, dann ermordet
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Mens sana in corpore sano

Laufen von Isabel Bogdan

Eine Musikerin läuft um ihr Seelenleben. Sie muss den Verlust ihres Lebensmenschen (seinen Namen erfährt der Leser erst ganz am Schluss) verschmerzen, seine kaum trauernden, aber sehr besitzergreifenden Eltern ertragen, sich mit dem reduzierten Dasein arrangieren, das sie jetzt in neuer Weise stark fordert.

Anfangs zaghaft, rasch aufgeben wollend, treibt sie sich selbst an, Meter um Meter, immer mit dem Atem-Mantra vor Augen: ein ein aus aus aus aus. Denn so beginnt die erste Seite: "Ich kann nicht mehr."
Sie waren nicht verheiratet, doch der Begriff "Witwe" und die Achtung vor der Hinterbliebenen könnten hilfreich zum Trost beitragen. So aber nehmen die Eltern des Verstorbenen all seinen Besitz an sich, auch wenn sie nichts damit anfangen können. Ein würdeloses Schachern um Mein und Sein nimmt allzu viel Raum ein.
Wut, Trauer, Resignation, Zorn, Liebe, die Zuneigung zur Musik, Selbstvorwürfe, Dankbarkeit ihrer Freundin Rike gegenüber, Humor-Anklänge, manchmal Freude, wenn auch als Verrat empfunden: Die ganze Palette der Gefühle zieht in Erinnerungsfetzen an ihr vorbei, teils noch frisch, teils in liebendem Gedenken.
Denn der Geist nimmt während des Laufens seine eigenen Wege. Daneben vermitteln die Augen der Läuferin, was vornezu an ihnen vorbeizieht. Die Trauer ufert aus, be- und verarbeitet das Geschehene. Das muss wohl so sein, um die Frau wieder zu sich selbst zu führen. Die Seele gesundet durch die Anstrengungen des Körpers: "Mens sana in corpore sano."
Ein durchgehend innerer Monolog, ohne jeden Dialog, ohne wörtliche Rede mag manchem eintönig, weitschweifig, gar zeitraubend erscheinen. Hier wird dieses Langatmige im doppelten Sinn zum Kompliment. Die namenlose Läuferin hat sich in mein Herz gelaufen. Wie der Tote hiess, erfährt der Leser ganz am Schluss.
Es ist die meisterhaft schöne Sprache, die wohl auch die Übersetzerqualität der Autorin ausmacht; fesselnd und pointiert bis ins letzte Wort; sehr passend die wohldurchdachte Gestaltung des Coverbildes und der Kapitelanfänge, angenehm die Haptik des Umschlagpapiers. Ausserdem zeigt dieses Werk aufs neue, dass Isabel Bogdan in mehreren Sparten der Literatur zu bestehen weiss. Ich bin auch diesmal von ihr begeistert. Frau Bogdan, bitte mehr!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Mens sana in corpore sano
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Stern

Herzklopfen bis zur letzten Seite

Missing Boy - Thriller (Crimson-Lake-Serie 3) von Candice Fox

Es ist der Alptraum aller Eltern: Aus einem Hotelzimmer verschwindet der achtjährige Ritchie, ohne dass die Kameras irgendeine Aufzeichnung seiner Person hergeben und es keinerlei Anhaltspunkte für seinen Aufenthalt gibt. Es ist, als hätte er sich spurlos verflüchtigt. Das Ehepaar Farrow, besonders die Mutter, hält von der örtlichen Polizei nicht sehr viel und beauftragt private Detektive.

Und damit ist das Ermittlerpaar Ted Conkaffey und Amanda Pharrell erneut vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Dabei hat Ted genug zu tun mit seiner eigenen kleinen Tochter, die ihn gerade jetzt an seinem kleinen nordaustralischen Wohnort Crimson Lake besuchen wird und die durch diesen neuen Fall gefährdet sein könnte. Hinzu kommt, dass die eigene Vergangenheit das Duo immer wieder einholt, und zwar aus bisher unvermuteten Ecken. Es scheint, dass illegale Wege im Lauf der Handlung wenig zielführend sind, und zumindest Amanda gerät stark in Versuchung.

Ohne dass man die vorgängigen Bände kennen muss, kann der Leser nahtlos an sie anschliessen. Nicht ohne dezenten Humor vermittelt Candice Fox die menschliche, teils fehlerhafte und durchaus charmante Seite ihrer Hauptprotagonisten. Mir gefällt auch, wie die Autorin den ihr eigenen Erzähldrive aufbauen kann, ohne sich von einem reisserischen Ton verführen zu lassen.

Manchmal nahm ich beim Lesen an, dass die weitere Handlung vorhersehbar sei, aber das war ein Trugschluss, denn immer dann nahm die Story eine überraschende Wendung. Auch für Vielleser wie mich ergaben sich im Text immer wieder originelle Sachverhalte. Das schätze ich an Candice Fox sehr.
Weil auch diesmal neue Personen aufgetaucht sind, frage ich mich, ob sie in weiteren Folgebänden wieder vorkommen werden, was ich besonders von den sympathischen Figuren hoffe.
Viele Thriller-Fans rühmen die skandinavische Literatur als die allein Seligmachende. Doch die australische wird von Fox mehr als nur würdig vertreten und braucht sich nicht hinter ihnen zu verstecken.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Herzklopfen bis zur letzten Seite
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Randnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Das Leben ist großartig - von einfach war nie die Rede von Gaby Köster; Till Hoheneder

Gaby Kösters zweites Buch nach dem Schlaganfall ist laut, schrill und humorvoll wie sie selbst, wie man sie von der Bühne kennt und schätzt. Insofern hat Till Hoheneder gut mit ihr zusammengearbeitet und ihr Wesen authentisch auf Papier gebannt. Nachdem ich die Verfilmung ihres ersten Werkes gesehen habe, ist es eine stimmige Fortsetzung davon.

Köster schildert, wie sie nach der schweren Krankheit wieder auf die Beine gekommen ist, mit der Darstellerin ihrer Person, Anna Schudt, einen Emmy entgegennehmen durfte, sogar wieder auf Tour ging und daneben bis heute all die Hindernisse überwindet, die sich Menschen nach einem Schlaganfall eben stellen.
Bestimmt ist die Lektüre eine Hilfe für all jene, die sich in ähnlicher Lage befinden, genauso wie jene Bücher, die es zu dieser Causa von anderen Autoren bereits gibt. Nur: Wenn die Sprache durchgehend auf lustig wirken sollendes Kölsch und young urban people macht, wenn einem Fäkalausdrücke am Laufband ins Gesicht springen, dann nervt das nach ein paar Seiten. Ab und zu eingestreut hätte auch genügt und mehr Wirkung entfaltet.
In der Mitte des Buches gibt es etliche Fotos rund um die Autorin. Fünf davon hätten auch gereicht, nämlich 1, 2, 7, 14 und 15. Ich kann mir nicht helfen, aber mein Eindruck ist, dass halt eben die Seiten gefüllt werden mussten.
Obwohl ich eine gewissenhafte Leserin bin, habe ich rasch begonnen, quer zu lesen und ganze Seiten zu überspringen. Mit viel zu vielen Worten wird wenig gesagt. Auf mich wirkt alles so übertrieben, auch dass zwischen den Kapiteln Loblieder auf Frau Köster eingestreut sind, grad so, als sei es ein Nachruf auf eine soeben Verstorbene. Denn gar so einzigartig ist der Fall nicht, und viele Kranke müssen mit bedeutend schwierigeren Bedingungen fertigwerden.
Es tut mir leid, aber ich bin enttäuscht von "Das Leben ist grossartig – von einfach war nie die Rede".

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
voll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternvoll ausgefüllter grüner Sternnicht ausgefüllter Stern mit grünen Rand

Bewegende Dokumentation eines dunklen Kapitels europäischer Geschichte

Wann wird diese Hölle enden? von Gaby Köster; Till Hoheneder

Mit diesem Sachbuch liegt uns ein authentisches Zeitzeugnis in Tagebuchform vor, wie wir es von Anne Frank kennen. Vor der Zeit im Warschauer Ghetto und sogar während des Aufenthalts darin bemühen sich die Menschen, den gewohnten Alltag so gut als möglich aufrechtzuerhalten. Anfangs klingen die Aufzeichnungen der jungen Mary Berg (Mirjam Wattenberg) optimistisch und mutig, doch später durchsetzt von Angst, wenn die Repressalien zunehmen und die Realität immer deutlicher wird: Es gibt kein Entkommen aus der Nazihölle.

FAST kein Entkommen. Denn ihre Mutter ist Amerikanerin, und so gehören die Wattenbergs zur privilegierten Schicht, beneidet von den andern Juden. Immerhin wird ihnen von der Familie Schutz gewährt, etwa wenn die braunen Horden die Ghetto-Unterschlüpfe (die meist elenden Löcher können wohl kaum als Wohnungen bezeichnet werden) stürmen. Ein Stück Papier mit der amerikanischen Flagge, an die Wohnungstür geheftet, bezeichnet die Autorin den Familientalisman.
Berg berichtet vom Grauen, von Verzweiflung und Verrat, aber auch von Tapferkeit und gegenseitiger Unterstützung. Russische Bomben, Hunger, mangelnde medizinische Versorgung und Epidemien, tägliche Gewalt, der schwierige Umgang mit der jüdischen Polizei, Internierungslager und schliesslich die Flucht per Schiff sind weitere Themen, sehr packend und nahe gehend geschildert.
Der Schreibstil ist der eines jungen Mädchens der gehobenen Klasse, heiter, leicht, durchaus farbig. Sehr anschaulich, aber doch mit einer gewissen Distanziertheit (geschuldet dem zeitlichen Abstand bei der Überarbeitung in Amerika?) und ohne jede Larmoyanz wird selbst über die grössten Schrecken berichtet.
Aus dem Warschauer Ghetto hat bisher erst Marcel Reich-Ranicky berichtet, dem es ähnlich wie Mary Berg und zur selben Zeit gelungen ist, zu fliehen. Es ist ein wichtiges Stück europäischer Geschichte. Und wenn wir uns davon abwenden und sagen, vergessen wir doch endlich das alles, dann leisten wir Vorschub. Wem? Jenen Rassisten, die bereits wieder gewaltig auf dem Vormarsch sind. Die Greuel des "tausendjährigen Reiches" dürfen sich nicht wiederholen!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Emmmbeee
Bewegende Dokumentation eines dunklen Kapitels europäischer Geschichte