Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Emmmbeee:
Sehnsucht nach dem Fall
All das zu verlieren von Leïla Slimani
Um das Leben, das Adèle führt, würden viele Frauen sie beneiden: ein verlässlicher Mann, Wohlstand, eine seriöse Umgebung, ein interessanter Beruf, dem sie trotz Kind nachgehen kann. Und doch fehlt ihr das Entscheidende, etwas, das sie erfüllt. So versucht sie, diese innere Leere mit vielen Seitensprüngen, teils abenteuerlichster Art, zu übertünchen.
Dabei ist ihr sehr wohl bewusst, was sie an der Sicherheit ihrer Ehe hat. Sie liebt ihren Mann Richard und kehrt jeden Abend nach Hause zurück, nur um aufs Neue vom allzu ruhigen Fahrwasser ihrer Ehe auszubrechen.
Dabei geht es ihr nicht um den eigenen Orgasmus, sondern um Situationen, in denen sie sich ausgeliefert fühlen und passiv bleiben darf. Sie sucht den Schwindel, das Vulgäre, will schwach sein dürfen, hat aber gleichzeitig Angst vor dem Fall und Sehnsucht nach dem nächsten.
Zitat: "Sie ist euphorisch, wie Betrüger es sind, die man noch nicht entlarvt hat. Voller Dankbarkeit, geliebt zu werden, und starr vor Angst bei der Vorstellung, all das zu verlieren."
Auf den letzten 50 Seiten ist die Situation aus Richards Sicht dargestellt. Das ist ein kleiner Bruch, der aber einen positiven Kontrast herstellt. Slimani beschreibt eine der vielen Facetten, aus denen Menschen bestehen können. In kurzen Kapiteln führt sie straff durch die Handlung, hin und wieder ist ein klärender Rückblick eingestreut. Der Roman ist in einem ruhigen, unaufgeregten Stil gehalten und entwickelt von der ersten Seite an einen starken Sog. Plastisch, farbig, lebendig schildert die Autorin, was alles in einem Menschen vorgehen kann. In Adèles Getriebenheit wird sich der eine oder andere Leser erkennen, denn mit ihrem Problem steht sie nicht allein. Im Grund ist sie sehr zu bedauern, aber die Lesersympathien werden wohl eher auf Richards Seite sein.
Ein Buch für alle, die sich nicht scheuen, einen Blick in die ungeahnten Tiefen der menschlichen Psyche zu wagen.
Terror mit Herz
Der Zopf meiner Großmutter von Alina Bronsky
Max und seine Grosseltern wohnen als russische Auswanderer in einem deutschen Flüchtlingsheim. Doch der Bub darf keine unbeschwerte Kindheit haben, zu sehr will ihn die Grossmutter vor Keimen und anderen schädlichen Einflüssen bewahren. Dabei ist es eher ihr ungezügeltes Temperament, das Max gefährlich werden könnte.
Sie nennt ihn Krüppel und stellt ihn vor anderen Leuten als debil hin. Auch der Grossvater wird von ihr ständig heruntergemacht. Aus praktischen Gründen lässt sie es ihm dennoch durchgehen, dass er sich in Nina verliebt und diese mit dem gemeinsamen Baby und einer älteren Tochter in ihrer engen Wohnung einzieht. Und als ihre Tatkraft gefordert ist, lässt die Grossmutter buchstäblich alte Zöpfe hinter sich und krempelt die Ärmel hoch.
Alina Bronsky (ein Pseudonym) führt linear und zügig durch die Handlung, gewohnt farbig, plastisch, süffig. Kein Wort zu viel, und doch ist alles deutlich gesagt. Einmal mehr schreibt sie über eine charakterstarke Frau, streitbar, diktatorisch, aber mit einem grossen Herzen. Der Roman wartet auf mit der liebevollen Charakterisierung der Personen, der spitzzüngigen Strenge der Grossmutter, der sehnsüchtigen Verliebtheit des Grossvaters sowie dem Objekt seiner Liebe, der Klavierlehrerin Nina und ihrer älteren Tochter. Zwischen allen Fronten der kleine Max, verwirrt vom Chaos der seltsamen Beziehungen, dem Leben in Deutschland und der Existenz seines bislang unbekannten Vaters. Ihm gehört vor allem meine Sympathie, weil er geduldig die grossmütterlichen Torturen erträgt und es dennoch wagt, sich ihr todesmutig zu widersetzen. Der trotz allem Wahnsinn versöhnliche Ton rundet den Roman zu einem verdaulichen Stoff ab.
Nachdem bereits in "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche" von einer ungewöhnlichen, dort jedoch bösartigen Grossmutter die Rede ist, wäre es schon interessant zu wissen, welches Verhältnis die Autorin zu ihrer eigenen Oma hat (oder hatte). Es wird wohl ein schwieriges gewesen sein. Wer bisher noch nichts von Bronsky gelesen hat, dem sei ihr neues Werk empfohlen. Wer sie bereits kennt, liest es sowieso.
Rückkehr nach 46 Jahren
Bella Ciao von Raffaella Romagnolo
Der zweite Weltkrieg ist vorbei, und Giulia Masca kehrt als erfolgreiche, reiche Frau nach 46 Jahren in Amerika zurück in ihre Heimat. Seinerzeit hat sie Hals über Kopf Italien den Rücken gekehrt, nachdem sie erfahren hat, dass ihr Verlobter ausgerechnet zum Liebhaber ihrer besten Freundin geworden ist.
Schwanger war sie damals ausserdem. Mit sehr gemischten Gefühlen tritt sie nun ihrer Vergangenheit entgegen und erfährt schrittweise, was in den schwierigsten Jahren Europas den Menschen geschehen ist, die ihr nahegestanden haben. Zwei Weltkriege sind vorübergezogen und haben elementare Schäden in Italien angerichtet, nicht nur materieller Art. Sie hingegen ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten trotz aller Vorurteile gegenüber Einwanderern die Leiter emporgestiegen. Die USA waren ja auch kein Kriegsschauplatz. Nun kehrt sie mit Limousine und Chauffeur nach Borgo di Dentro zurück. Eine Story, die fast an Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" erinnert.
Der Roman wird mit Spannung und Sog in einem unaufgeregten Ton und einer angenehmen Sprache erzählt, was auch der Übersetzungsleistung der bewährten Übersetzerin Maja Pflug geschuldet ist. Farbig, plastisch und lebendig führt die Autorin durch die drei Teile des Buches und geizt dabei nicht mit präzisen Beschreibungen, die manchmal bis ins Kleinste gehen. Man ist so richtig mit dabei. Dass die Handlung mit zeitlichen Bezügen durchsetzt ist, versteht sich von selbst, geht ja gar nicht anders.
Doch lange Absätze und nur wenige Dialoge machen das Lesen anstrengend, vor allem, da es viel Durchhaltewillen braucht, um überhaupt in den Stoff hineinzufinden. Hilfreich sind die verschiedenen Personentafeln, welche die Hunde gleich mit einschliessen. Trotzdem wäre es notwendig gewesen, wenn diverse Personen anschaulicher eingeführt worden wären.
Viele Zeitsprünge können zudem verwirrend wirken, wenn man sich nicht in kurzer Zeit durch das Buch liest (immerhin sind es über 500 Seiten). Die Sympathien sind nicht immer auf Seiten der Hauptprotagonistin, schon gar nicht, wenn sie Ausdrücke aus der untersten Schublade benutzt. Auch scheint mir der Schreibstil ein anderer, wenn Romagnolo die Geschehnisse in New York schildert.
Das bekannte Partisanenlied, das für den Titel verwendet wurde, und das Gemälde auf dem Cover wurden klug und sinnreich ausgesucht. Ein Roman, der nicht allen gefallen, aber bestimmt viele Interessierte finden wird.
Von der Glückssuche und dem Scheitern
Die Liebe im Ernstfall,6 Audio-CD von Daniela Krien
In diesem Roman wird von den fünf Frauen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinda und ihrer Geschichte erzählt. Die ist aber durchaus nicht gefällig-rosarot, sondern eher auf der Schattenseite des Lebens angesiedelt. Sie alle sind miteinander verbunden, was sich erst nach und nach herausstellt. Da wird nichts beschönigt, und beim Lesen fühlt man sich manchmal recht unbehaglich, vielleicht weil man sich in den Frauen ab und zu selbst erkennt.
In den fünf Teilen des Buches werden sie nacheinander beleuchtet, ihre Stärken, Schwächen, Entscheidungen. Es geht um ihre Partner und Kinder, um Verlust und Verdruss, Trauer und Lebenskampf, um ein tapferes "Trotz allem" - und zwischendurch auch um kleine Freuden. Ein wichtiges Thema ist der Fall der Berliner Mauer, und was er mit sich gebracht hat: eine neue Freiheit mit ihren Tücken. Es geht aber auch um Kultur, um Musik und Literatur.
In einem erfrischenden, lebendig-farbigen Stil geschrieben, mit Tempo durchgezogen, öffnet der Roman den Blick auf andere Arten, das Leben zu gestalten, sich durchzusetzen, sich selbst nicht zu verlieren. Aber eben: Jeder muss seinen eigenen Weg finden, und er ist halt oft recht dornig.
Das Coverbild zeigt sehr passend eine Frau kurz vor einem vielleicht waghalsigen Sprung. Aber ist das nicht ein Sinnbild für jeden Lebensweg?
Ich habe den Text als Hörbuch genossen, was den Nachteil hatte, dass ich nicht zurückblättern konnte, wenn ich die Personen manchmal nur schwer auseinanderhalten konnte. Mit Verve gelesen von Bibiana Beglau, Maren Eggert, Nina Kunzendorf, Jeannette Hain und Anna Schudt, hat jede Figur ihre charakteristische Stimme erhalten. Mir hat der Roman sehr gefallen.
Nichts zu verlieren, aber vieles zu gewinnen
Eine eigene Zukunft von María Dueñas
Als der Ehemann und Vater von einem herabfallenden Gepäckstück im Hafen erschlagen wird, wissen seine Frau Remedios und die drei Töchter nicht ein noch aus. Sie sind erst vor kurzem in die USA eingewandert und sprechen kaum Englisch, kennen sich mit der Führung des schlecht gehenden Restaurants nicht aus, sitzen auf Schulden und würden am liebsten die Abfindung der Reederei annehmen und nach Spanien zurückkehren.
Doch dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten, und eine resolute Nonne trägt zur allgemeinen Unsicherheit noch zusätzlich bei.
Schlag auf Schlag prasseln die Ereignisse auf die jungen Mädchen Victoria, Mona und Luz ein. Allmählich lösen sie sich von der strengen Herrschaft ihrer Mutter und wagen Schritte, von denen sie bisher nicht einmal geträumt haben. In der Arena ihres Schicksals stellen sich die Arenas- Frauen wagemutig einem neuen Leben, in dem es nur noch aufwärts gehen kann.
Eine etwas andere Auswanderergeschichte, die der Leser mit Spannung mitverfolgt. Von Kapitel zu Kapitel treten überraschende Wendungen ein, was die Spannung immer wieder steigert. Die einzelnen Personen sind plastisch gezeichnet. Von der Übersetzerin in eine süffig farbige Sprache übertragen, ist der Roman ein wahres Lesevergnügen. Die Geschichte berührt, der Text hat Tempo, einen guten Aufbau und ist in einem angenehmen Stil geschrieben. Was will man mehr?
Requiem für Tat'ka, in Dankbarkeit
Fünf Tage im Mai von Elisabeth R. Hager
Requiem für Tat'ka, in Dankbarkeit
Man ist versucht, die Beschreibung des vorliegenden Romans mit "Alles neu macht der Mai" zu beginnen, denn jeweils fünf Tage im Mai, verteilt über mehrere Jahre, verändern nachhaltig das Leben von Illy. Angefangen mit der verunglückten Erstkommunion über markante Stationen der ersten Liebe bis hin zum seelischen Neubeginn nach dem Tod des geliebten Urgrossvaters muss und darf sie sich in ihrem jungen Leben neu orientieren.
Dieser Urgrossvater Korbinian, von ihr zärtlich Tat'ka genannt, war von jeher die aufrechte, starke Säule der Familie und ganz besonders in ihrem eigenen Leben. Ein knorriger Tiroler Fassbinder, unbeugsam und lebensklug, stirbt kurz vor seinem 100. Geburtstag. Doch zuvor gibt er seiner Urenkelin aus seinem reichen Erfahrungsschatz mit, was sie braucht, um den eigenen Schmerz bezwingen zu können. "Das Glück is a Vogerl, gar liab, aber scheu. Es lasst si schwer fangen, aber fortg'flogn is glei."
In "Fünf Tage im Mai" geht es um Entscheidung und Verantwortung, um Verlust und Schuld über Generationen hinaus, aber vor allem um eins: um bedingungslose Liebe. Es ist ein Requiem, wie es nur von einer Seelenverwandten angestimmt werden kann, mit einem dankbaren, leuchtenden Lächeln. Man schliesst Illy und ihren Tat'ka sofort ins Herz und ist tief betroffen, wenn das Unglück sie trifft. Mit dem hoffnungsvollen letzten Satz aber schliesst man lächelnd das Buch.
Geschrieben in einer frischen, sehr farbigen Sprache, die zusätzlich durch Dialektteile in der wörtlichen Rede belebt wird, ist das Werk ein reines Lesevergnügen. Mich erinnert es ein wenig an Vea Kaisers "Blasmusikpop". Mit Tempo führt Elisabeth R. Hager durch die einzelnen Maitage und die Zeit dazwischen. Gut gefallen hat mir die zarte Holzstruktur der Buchdeckel, ein Hinweis auf Tat'ka, einen der letzten Fassbinder Tirols.
Alles in allem: einfach hervorragend! Ich hoffe, noch viele Werke von dieser jungen Autorin lesen zu können.







