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Rezensionen von Manfred Fürst:

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Wer ist den nun der wirkliche Mörder?

Vor Gericht von Matthias Wittekindt

Matthias Wittekindts Roman "Vor Gericht". Ein alter Kriminalfall für Kriminaldirektor A. D. Stephan Manz, der sich plötzlich genauer an die weit zurückliegenden Ereignisse erinnern kann, als er sie je erlebt hat. Er begreift erst spät, worum es wirklich geht.

Es könnte nicht schöner sein, sein Leben in der Pension.

Bald fünfzig Jahre mit Christine verheiratet, kümmert sich um die Enkelkinder, rudert auf der Elbe mit seinen Mitsiebzigern und plant den nächsten Kajak-Urlaub in Norwegen.

Doch diese Idylle wird jäh gestört durch einen Brief der Staatsanwaltschaft Berlin: Manz soll vor Gericht aussagen. Es geht um eine Mordermittlung aus dem Jahr 1990, also vor fast dreißig Jahren, seinen letzten Fall in Berlin, den er nicht mehr abschließen konnte, weil er nach Dresden versetzt wurde. Wenige Tage vor Weihnachten war damals die 62-jährige Regina Zeisig im Neuköllner Ortsteil Buckow erwürgt worden. Im Kriminalgericht Moabit findet der Prozess mit dem Angeklagten statt. Zu Manz Überraschung sitzt ausgerechnet derjenige auf der Anklagebank, den Vera und er damals als einzigen ausgeschlossen hatten: Milan.

Der Kriminalroman ist in zwei Teile gegliedert: „Recherche“ und „Vor Gericht“. Im ersten arbeitet Manz sich in den alten Fall ein, liest die Akten noch einmal, die ihm ein Freund und ehemaliger Kollegen überlässt. Im zweiten wird es spannender, weil alle wissen wollen: Wer ist den nun der wirkliche Mörder?

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Wer ist den nun der wirkliche Mörder?
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Joseph Haydns mysteriöse Spuren

Das Haydn-Pentagramm von Anria Reicher

Nach vier Jahren Autorinnenarbeit ist das Haydn Pentagramm fertig.
Worum geht's?

Es geht ganz viel um Musik, um Liebe, Romantik, um die junge erfolgreiche Cellistin Estrella Pérez, die im Flugzeug den Literaturnobelpreisträger Manuel Maria Gomez kennenlernt, der ihr einen Umschlag gibt, mit der Bitte, auf diesen gut aufzupassen.

Auf dem Weg vom Flughafen nach Wien kommt Estrella allerdings der Inhalt des Umschlags – offenbar ein Original-Notenblatt Haydns von unschätzbarem Wert – unter seltsamen Umständen abhanden. Und noch während sie in Wien (und später auch in Eisenstadt) mit ihrem Jugendfreund Peter (ja, eine Love-Story gibt es auch) auf die Suche nach dem wertvollen Notenblatt geht, wird Gomez in Mexiko-City in seiner Wohnung ermordet. Geheime alte Notenskizzen, Verschwörungen, die Freimaurer und Morde, blutiges Pentagramm inklusive. Und natürlich geht's um Joseph Haydn, den Komponisten.

Haydn, die Freimaurer, die Illuminaten und die Orphiker – für jeden was dabei.

Estrella, dieses kleine zierliche schreckhafte Mädchen und so schüchtern. Sie lächelte Peter zaghafte an und griff nach seiner Hand. Schließlich hatte er vor drei Jahren seinen Kopf zwischen ihren Beinen. Oh qué dulce. „Bitte Peter, nimm mich in den Arm“ und er war in ihr Bett gestiegen… Am liebsten hätte sie Peter beiseite genommen, um über die vergangene Nacht zu sprechen, aber sie traute sich nicht; oh, wie scheu sie ist.
Die Schilderung der Protagonistin, diese Gratwanderung, sie einerseits als hochbegabte junge Frau, als Musikerin von Weltklasse zu beschreiben, die andererseits aber eine zutiefst unsichere Persönlichkeit ist, die mit ihren eigenen Dämonen, ihren Ticks und ihrer eigenen Vergangenheit zu kämpfen hat.

In Mexiko-City ermittelt Comisario Ramírez mit seinem Team im Mordfall Gomez. Ihn beschleicht das Gefühl, dass dort ein Maulwurf sein Unwesen treibt. Ein Gringo vom CIA macht ihm das Leben schwer. „Überall lugen lose Enden hervor, und er hatte keine Ahnung, wie und wo er weiter machen sollte,“ Comisario Ramírez (S. 192).

Die Burgenländerin Anria Reicher hat ihr Romandebüt im Musik-Kosmos angesiedelt. Über Haydn und die Lücken bzw. Mythen seiner Vita weiß Anria Reicher dank ihres Vaters nämlich bestens Bescheid. Ihr Vater Walter Reicher, war 30 Jahre lang Intendant der Haydn-Festspiele im österreichischen Eisenstadt/Burgenland. Anria Reichers Verbindung zu Haydn begann in frühester Jugend; mit sieben Jahren trat sie als Statistin in einer Haydn-Oper auf. „Geschichten Ende nie, die man alle gar nicht in einem einzigen Buch unterbringen kann.“ Weshalb Anria Reicher auch eine Trilogie plant und bereits am zweiten Teil schreibt.

Das Cover stellt die Wiener Kirche Maria vom Siege, einen neugotischen Backsteinkuppelbau dar. Ursprünglich eine römisch-katholische Pfarrkirche wurde sie 2015 der koptisch-orthodoxen Kirche geschenkt.

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Joseph Haydns mysteriöse Spuren
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Das Leben lebt! Alles ist eins!

Nikotin von Nell Zink

Nell Zink lädt in ihrem Roman in ein besetztes Haus. Eine Realistin blickt auf irre Verhältnisse.

Vorgeschichte. 1985. Im kolumbianischen Cartagena trifft die dreizehnjährige Amalia einen mittelalter (51) Amerikaner (Norm) auf einer Müllkippe. Dort wird sie nie wieder zurückkehren, denn Norm wird Amalia adoptieren.

2005. Penny, Tochter von Amelia und Norm ist 12 Jahre alt, ihr Halbbruder Matt, Müllwagendesigner, 36, drei Jahre älter als seine Stiefmutter Amalia.

Elf Jahre später liegt Norm im Sterben. Nach dem Tod des von Penny geliebten Vaters erfährt sie von einer weiteren Immobilie in seinem Besitz. Nach einem Brand wegen einer vergessenen Zigarette stand es lange Jahre leer. Ein Gebäude in New Jersey mit einem „Monster“; in einem Zimmer stapeln sich Eimer voll mit Exkrementen. Inzwischen hat sich im "Nikotin", so der Name des Hauses ein buntes Grüppchen „netter rauchender Anarchisten“ wohnlich eingerichtet: Sorry aus dem Westjordanland wurde von einem fehlenden Visum daran gehindert, die Revolution in Afghanistan anzuführen, die Malerin Anka verschenkt ihre Bilder und arbeitet mit Aids-Kranken, der gutaussehende Rob bastelt in der Garage an Fahrrädern herum und die Dichterin Jazz trocknet auf dem Dachboden Tabakpflanzen und lebt mit großem Enthusiasmus ihre Sexualität aus. Penny, arbeits- und bald obdachlos ist fasziniert von diesen schrulligen Typen. Sie hat sich auf den ersten Blick in Rob verliebt, doch dieser will keinen Sex mit ihr. Ist er schwul oder impotent? nein einfach nur asexuell.

Doch Sex steht höher im Kurs als Ideologien, auch Matt, der das Haus noch niederreißen wollte, hat in Jazz seine ideale Gespielin gefunden. Nach einer Katastrophe wandelt sich der rohe Matt vom Saulus zum Paulus. Jazz ist geflohen und Matt begibt sich auf die Suche nach ihr.

Die verschiedenen Arten von Liebe spielen eine große Rolle, es geht um komplexe Familienstrukturen, um liebenswerte Außenseiter, Protestbewegungen, um Tod und Abschied, um Glaube und Spiritualität. Ohne Übertreibungen strahlt der Roman eine kompromisslose Direktheit aus, zu verkraften sind extreme Seltsamkeiten.

Der Roman bietet gute Unterhaltung und als Europäer kann man sich an dieser Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft ergötzen und für einen oder eine der Hausbesetzer/-innen Sympathie gewinnen.

"Das Buch ist Jonathan Franzen (er kämpft mit seiner Nikotinsucht) gewidmet." Nell Zink

Das Leben lebt! Alles ist eins!

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Das Leben lebt! Alles ist eins!
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Eine düstere, traurige und brutale Reise für den Helden

Verschollen in Palma von Mons Kallentoft

Der schwedische Autor Mons Kallentoft lebt seit mehr als fünf Jahren in Palma de Mallorca. Nun wählte er auch seine neue Heimat Mallorca als Kulisse für Verbrechen: Das 16-jährige schwedische Mädchen Emme verschwindet während eines Partytrips in Magaluf. Vater Tim Blanck verlässt Schweden und zieht nach Palma, um Emme zu suchen.

Drei Jahre später ist die Ehe mit Rebecka zerbrochen. In Schweden war er Polizist. Auf Palma finanziert er sein Leben und seine Suche nach Emme als Ermittler bei einer Versicherungsgesellschaft, als Mann fürs Grobe. In Palma gerät in einen Strudel aus Gier, Korruption und Gewalt.

Vorweg, Mons Kallentoft hält fest, dass „Verschollen in Palma“ eine reine Fiktion sei und alle Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen rein zufällig seien. Muss er natürlich. Aber darum geht es im Grunde nicht. Es geht um Vater Tim Blanck, der verbissen nach seiner Tochter Emme sucht und das seit drei Jahren. Hofft er sie zu finden, festgehalten in einem Geheimbordell oder irgendwo eingebuddelte Gebeine? Nein, das einzige was Vater Tim Blanck will ist, seinen Frieden finden und zurückzukehren nach Schweden.

Tim Blanck, als Gehetzter wird von Kallentoft stilistisch gekonnt umgesetzt. Mit einem Stakkato an Sätzen, mitten drin wechseln Ort, Zeit und Erzähler. Rückerinnerung an seine Zeit in Schweden, an Rebecka und an EMME. Tims innerer Monolog mit Emme: „Ich stecke fest, im meiner Sehnsucht nach dir.“ Vorsicht ist angeraten, die jeweilige Textstelle richtig zu deuten, eine Herausforderung, kein lineares Erzählen, eher ein eruptives.

Ruhig am Angang bis sich ein Krimi - mit dem Mord an einem Callboy, den Blanck beschattet - entwickelt und die Spannung mit dazu.

Keine sonnige Urlausinsel mehr, sondern die düsteren Schattenseiten Palmas.

Und Klett&Cotta hat bereits Tim Blanck#2 „Das dunkle Herz von Palma“ im Angebot.

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Eine düstere, traurige und brutale Reise für den Helden
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Bruno, der Solipsist

Anatomie eines Spielers von Jonathan Lethem

Jonathan Lethems neuer, an unglaublichen und emotional eindringlichen Szenen reicher Roman „Anatomie eines Spielers“. Ein literarischer Hochgenuss, ein Lesevergnügen der besonderen Art. Bei Tropen zu Recht in der Kategorie „Literarischer Krimi“.
Wortschöpfungen, noch nie in dieser Form gelesen, heben diesen Roman auf oberstes Niveau.

Höchste Anerkennung für Ulrich Blumenbachs Übersetzung.
Und erst die Geschichte:

Alexander Bruno, noch keine 50, ein selbstsicherer, vielbeschäftigter Berufs-Backgammon-Spieler möchte in Berlin Wolf-Dirk-Köhler, einen Superreichen, der unbedingt die Spielerlegende Bruno herausfordern will, abzocken. Nach einem Desaster in Singapur, sollen die angelaufenen Schulden abgedeckt werden. Doch da war er da: Der Fleck in seinem Auge: „Er war da, wenn er aufwachte. Wahrscheinlich auch, wenn er schlief. Der Fleck.“ Hatte Bruno den Fleck nur für das „heraufziehende Gespenst seiner Unaufmerksamkeit“ gehalten?

Nach anfänglichen Spielglück musste er feststellen, dass der, den er nur für einen Abzuzockenden gehalten hatte, „ganz schön viel von einem Zocker hatte“. Auf der Wannsee-Fähre hatte Bruno ein deutsches Mädchen namens Madchen! kennenglernt. Köhlers Serviermädchen in auffälliger Halbkörperledermaskierung lässt Bruno „verstohlene Blicke auf das kosmische Mysterium zwischen den Beinen der maskierten Frau“ riskieren. Madchen? Bruno denkt nach über „das Rätsel seiner veränderten Beziehung zum Glück.“ Er kollabiert und muss in die Charité eingeliefert werden, wo hinter dem Auge ein Tumor festgestellt wird, der auf Grund seiner Lage und Größe als inoperabel eingeschätzt wird: Ein Meningeom, ein Tumor des Zentralnervensystems, das hinter seinen Augen wuchert und Ursache für die Sehstörung ist. Er lasse sich resezieren, also chirurgisch entfernen, aber nur von einem Spezialisten in San Francisco, von Dr. med. Noah R. Behringer.
San Franzisco war eine futuristische Karikatur einer verschnarchten Schnuckelstadt (S. 149)

Mit Keith Stolarsky, ein ehemaliger Schulkollege und durch Immobilienspekulation zu Reichtum gelangt, tritt ein Mensch in Brunos Leben, der ihn fortan beeinflusst, demütigt, aber auch finanziell unterstützt. Intellektuell fühlt sich Bruno seinem „Freund“ überlegen, doch dieser ungeschlachte Typ „sitzt am längeren Hebel“. Stolarsky – ein ins Tageslicht befördertes Nachtlebewesen (S. 122), der Brunos Operation samt Flug nach San Francisco bezahlt – nach dem Hochschieben der Sichtblenden flutete Skalpell scharfes kalifornisches Tageslicht herein (S. 121), ist nicht auf Dauer ein Wohltäter, er zeigt bald seine andere Seite und lässt seinen alten Schulfreund, der ohnehin schon durch medizinische Verbände gezeichnet ist, noch zusätzlich in einer Halloween-Kostümierung mit Schlinge um den Hals in einem seiner Fastfood-Betriebe die Kosten abarbeiten.

Die Zeilen im emotional gravierendsten Kapitel des Buches sind die schmerzhaft-intensiven Schilderungen rund um die monströse 14stündigen Operation von Brunos als inoperabel geltendem Tumor. Der Leser steht körperlich fast unmittelbar im Operationssaal und scheint damit Zeuge der unvorstellbaren medizinischen Spitzenleistung geworden zu sein. Frappierend, wie Lethem mit unvermeidlicher Unausweichlichkeit diese Authentizität in Worte zu fassen im Stande ist. Jonathan Lethem läuft zur Hochform auf auch mit Noah R. Behringer, der exzentrische Figur des langhaarigen, in Sandalen und mit Rucksack und Bart ins Spital kommenden Ausnahmeneurochirurgen, der bei Jimi-Hendrix-Musik mit großem, im Schichtbetrieb arbeitendem Team auch Alexander Bruno erfolgreich operiert, was bedeutet, dass er zuerst sein gesamtes Gesicht abnimmt und es dann wie ein Lätzchen in die Schale auf seiner Brust legt!

„Nur der weiße Leinenkittel verriet, dass er (Noah) überhaupt irgendeine Zutrittsberechtigung zu diesem medizinischen Gebäude hatte, und der Kittel konnte er bei jedem Gartenflohmarkt oder in einem Halloween-Laden abgestaubt haben.“ (S. 150)

„Wenn sein Arzt verrückt, aber fantastisch war, war das vielleicht genau das, was sein fantastisch verrückter Zustand (Brunos) erforderte.“ (S. 151)

„Stellen Sie sich Ihr Gesicht als Tür vor. Wir werden sie ganz sanft aufmachen. Un dann heben wir sie aus den Scharnieren und legen sie beiseite, als ganze und unbeschädigt. Viel besser, als an der Tür selbst herumzubohren und -zusägen, finden Sie nicht auch?“ (Noah zu Bruno, S. 152)

Nach erfolgreicher Operation kehrt Bruno nicht gleich in sein früheres Metier zurück, bevor er als „Mumie“ auch an Pokerspieltischen sitzt und sich im Romanfinale noch eine bizarr-ironische Backgammonpartie mit dem anarchistischen Sliderbrater liefert, bei der die dabei verkohlenden Bratlinge als Spielsteine benutzt werden.

Jonathan Lethem 1964 in New York geboren und lebt derzeit in Kalifornien. Seit seinem Roman „Der wilde Detektiv“ bin ich ein Fan von Lethem.

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Bruno, der Solipsist
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Abreas Gruber läuft zur Hochform auf

Todesschmerz von Andreas Gruber

Andreas Grubers nächster Superthriller der Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder Reihe, Nummer 6. Maarten S. Sneijder, Profilier mit unerreichter 97% Aufklärungsquote. Sabine Nemez, seine ehemalige Studentin und sein Eichkätzchen, liebste und allerbeste Mitarbeiterin, aber immer noch per Sie.

Der Einstieg – wie üblich bei Gruber – ein bestialischer Mord eines pathogenen Mörders an Ylva.

Norwegen? Und was verbindet den Mörder mit dem deutschen BKA?

Im BKA Wiesbaden wird verdeckt nach einem Maulwurf in den eigenen Reihen ermittelt. Sneijder und Marc Krüger, der neue Freund von Sabine Nemez vermuten, dass der Verräter ein hochrangiger Beamter sein muss. Der Mord an der deutschen Botschafterin von Katharina Thun und ihrem Sicherheitschef ist die Gelegenheit, Sneijder und sein gesamtes Team nach Oslo zur Aufklärung abzuschieben. Sneijder hegt sofort den Verdacht, dass man ihre weitere Untersuchung boykottieren möchte und sie deshalb nach Norwegen schickt. Mit von der Partie die BND-Agentin Cora Petersen, weil sie Norwegisch spricht. BKA und BND, nicht nach Sneijders Geschmack.

Der Egomane Sneijder, das Alphatier hat mit seiner Truppe trotz der Behinderungen durch die norwegische Polizei rasche Erfolge, vermutet einen Serienkiller, der in den Fall involviert zu sein scheint, und nimmt den ungekrönten Verbrecherkönig Südnorwegens Haakon Jørgensen und den harmlos scheinenden Anwalt und Bruder Alexander ins Visier.

Langsam dämmert es Sneijder, dass die Suche nach dem Maulwurf und die Morde in der deutschen Botschaft zusammenhängen. Sneijder und seine Kollegen sind tödlichen Anschlägen ausgesetzt, die sein Team reduzieren. „Diese ganze Situation war völlig anders als jede Ermittlung, die sie bisher gemeinsam in Deutschland oder dem benachbarten Ausland durchgeführt hatten. Keine der örtlichen Behörden war mehr zu irgendeiner Kooperation verpflichtet – oder gar dazu, sich von ihnen herumkommandieren zu lassen. Stattdessen waren ihnen die Hände gebunden, und sie mussten tatenlos zusehen, wie ein Mitglied ihres Teams nach dem anderen aus dem Verkehr gezogen wurde.“ (S. 474)

Showdown auf einem Schmugglerkahn von Haakon Jørgensen an der russischen Küste vor Kaliningrad.
Eine Seefahrt, die ist lustig,
Eine Seefahrt, die ist schön,
Denn da kann man fremde Länder
Und noch manches andre sehn.
Hol-la-hi, hol-la-ho,

Und weil Andreas Gruber für 2022 Maarten S. Sneijder Nummer 7 fest vorgesehen hat, endet das Buch mit einem Cliffhanger.

Gruber hat seinen neuesten Thriller mit fast 600 Seiten gekonnt und routiniert durchkonstruiert. Vom Grundkonzept ist „Todesschmerz“ ein Politthriller, ohne ein aktuelles Politikum zu thematisieren, aber trotzdem werden überaus spannungsreich abhandelt: allgemeingültige Fragen nach Loyalität, Solidarität, Korruption und Verrat.

An seinem Helden? Maarten S. Sneijder hat Gruber einen Narren gefressen; mir geht der schrullige Kotzbrocken Sneijder langsam auf die Nerven, für mich ist zu wenig Sabine Nemez dabei. Genau so wenig kann ich mit der deutschen Filmfigur Sneijder anfangen, sympathischer ist mir allemal Tommy Lee Jones als das Alphatier Chief Deputy Marshal Samuel Gerard in „Auf der Flucht 1993/Auf der Jagd 1998.

Und dass Sneijder mit einem pensionierten norwegischen Ermittler im Oslfjod mit seiner über 300 km langen Küste und über 300 m Tiefe alte Leichen herausfischt, das gehört zu den Mysterien dieses Thrillers.

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Sympathische Hausbesetzer

Nikotin von Nell Zink

Nell Zink lädt in ihrem Roman in ein besetztes Haus. Eine Realistin blickt auf irre Verhältnisse.

Vorgeschichte. 1985. Im kolumbianischen Cartagena trifft die dreizehnjährige Amalia einen mittelalter (51) Amerikaner (Norm) auf einer Müllkippe. Dort wird sie nie wieder zurückkehren, denn Norm wird Amalia adoptieren.

2005. Penny, Tochter von Amelia und Norm ist 12 Jahre alt, ihr Halbbruder Matt, Müllwagendesigner, 36, drei Jahre älter als seine Stiefmutter Amalia.

Elf Jahre später liegt Norm im Sterben. Nach dem Tod des von Penny geliebten Vaters erfährt sie von einer weiteren Immobilie in seinem Besitz. Nach einem Brand wegen einer vergessenen Zigarette stand es lange Jahre leer. Ein Gebäude in New Jersey mit einem „Monster“; in einem Zimmer stapeln sich Eimer voll mit Exkrementen. Inzwischen hat sich im "Nikotin", so der Name des Hauses ein buntes Grüppchen „netter rauchender Anarchisten“ wohnlich eingerichtet: Sorry aus dem Westjordanland wurde von einem fehlenden Visum daran gehindert, die Revolution in Afghanistan anzuführen, die Malerin Anka verschenkt ihre Bilder und arbeitet mit Aids-Kranken, der gutaussehende Rob bastelt in der Garage an Fahrrädern herum und die Dichterin Jazz trocknet auf dem Dachboden Tabakpflanzen und lebt mit großem Enthusiasmus ihre Sexualität aus. Penny, arbeits- und bald obdachlos ist fasziniert von diesen schrulligen Typen. Sie hat sich auf den ersten Blick in Rob verliebt, doch dieser will keinen Sex mit ihr. Ist er schwul oder impotent? nein einfach nur asexuell.

Doch Sex steht höher im Kurs als Ideologien, auch Matt, der das Haus noch niederreißen wollte, hat in Jazz seine ideale Gespielin gefunden. Nach einer Katastrophe wandelt sich der rohe Matt vom Saulus zum Paulus. Jazz ist geflohen und Matt begibt sich auf die Suche nach ihr.

Die verschiedenen Arten von Liebe spielen eine große Rolle, es geht um komplexe Familienstrukturen, um liebenswerte Außenseiter, Protestbewegungen, um Tod und Abschied, um Glaube und Spiritualität. Ohne Übertreibungen strahlt der Roman eine kompromisslose Direktheit aus, zu verkraften sind extreme Seltsamkeiten.

Der Roman bietet gute Unterhaltung und als Europäer kann man sich an dieser Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft ergötzen und für einen oder eine der Hausbesetzer/-innen Sympathie gewinnen.

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Sympathische Hausbesetzer
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Nicht für jedermann/frau, nur für echte Thrillerfans

Der Dämon von Vermont von Vincent Hauuy

Klett&Cotta mit seinen Lektoren haben sich wieder einmal bei DER DÄMON VON VERMONT mit der Titelgebung selbst übertroffen. Sie konnten dem Originaltitel „Le tricycle rouge“ nichts abgewinnen. DAS ROTE DREIRAD wäre viel zu simpel und nicht verkaufsfördernd gewesen.

Ex-Top-Profiler Noah Wallace ist nur noch ein Schatten seiner selbst, seit seine Frau Maggie vor 5 Jahren entführt wurde und bei einem Unfall im Auto verbrannte - zusammen mit einem Serienkiller, genannt der "Dämon von Vermont".

Noah, seelisch und körperlich ein Wrack, leidet unter Amnesie und geht am Stock. Mit dem Job als Berater der Vermont State Police ist nichts mehr, dafür arbeitet er als Sachbearbeiter in einer Versicherungsanstalt mit Rachel, seiner Aphrodite Kallipygos.

Da scheint der totgeglaubte Serienkiller zurückzukehren. Jenseits der Grenze im kanadischen Québec werden drei theatralisch aufgebahrte Leichen entdeckt – mit beiliegender maschingeschriebener Nachricht an Noah. Deshalb werden sein ehemaliger Kollege und Freund Steve Raymond, der für die Major Crime Unit der Vermont State Police arbeitet und Wallace nach Kanada zum Tatort des Verbrechens geholt. Für die Sureté du Québec bearbeitet Inspecteur Bernard Tremblay.

Noah analysiert den Mörder: „Er ging methodisch und akribisch vor, ergötzt sich an der Angst seiner Opfer und hegte einen abgrundtiefen Hass gegen die Kirche. Außerdem ist die Auswahl seiner Opfer bezeichnend: keine jungen Frauen, wie es bei einem psychopathischen Serienmörder häufig der Fall ist. Es handelt sich um einen Einzeltäter und seine Taten sind die Folge eines Traumas, das er in seiner Kindheit erlebte. Um ihm auf die Spur zu kommen, muss man ihn verstehen, ihn entschlüsseln.“ Noah steht regungslos da, hat die Augen geschlossen, hält den Atem an und vernetzt sich mit dem Tatort, um die Schwingungen, den Rhythmus, die einzelnen Töne zu erfassen. Diese Verankerung ist notwendig, um seinen Sinneswahrnehmungen mittels seiner Vorstellungskraft konkrete Formen zu geben.

Im Team von Inspecteur Bernard Tremblay noch seine Nichte Clémence, das kanadische Profiler Pendant zu Noah, kachektisch, klappendürr, aber nicht ohne Charme. Tremblay hält nicht viel von übersinnlichen Erfahrungen, er ist pedantischer Analyst, ein Puzzlefreund, der aktuell mit 32tausend Teilen New York! zusammensetzt. Mit der Stoppuhr werden die Arbeiten am Puzzle akribisch dokumentiert. Für jeden Kanadier eine Herausforderung, für ihn eine besondere. Was hat das mit dem Fall zu tun? Eben dieser besteht aus weit mehr Teilen, eine noch größere Herausforderung.

Unabhängig von den Mordfällen recherchiert die junge Journalistin und Bloggerin Sophie Lavallée im Fall des 1977 verschwundenen Reporters und Privatdetektivs Edgar Trout. Die Aufforderung dazu findet sie im Darknet. Eine Schnitzeljagd beginnt. Ihre Nachforschungen gefallen einigen Leuten nicht und bevor es für sie tödlich endet ergreift sie die Flucht.

Die komplexe Geschichte wird geschickt und spannend erzählt, sowie mit außergewöhnlichen Figuren besetzt und deren diffizile Ausbreitung ihrer Charaktereigenschaften. Allen voran Noah, mit seiner endlosen Liste persönlicher Probleme, einem Tumor in seinem Hirn, seinen übersinnlichen Fähigkeiten und seinem Gedächtnisverlust, der acht Jahre seiner Jugend ausgelöscht hat.

Hauuy sorgt für einiges an Verwirrung mit einer Menge ausgestreuter Puzzleteile, die Spannung zieht stetig an, das Rätsel wird nach und nach in einem hochdramatischen Finale aufgeklärt.

Hauuy entwirft ein wüstes Komplott irrer Wissenschaftler und Politiker, um einerseits eine Art ‚Killermaschine‘ zu erschaffen, während andererseits niederste Triebe befriedigt werden sollen. Ob ihm auf diesen Spuren alle Leser folgen wollen bleibt ungewiss.

Debüt-Autor Vincent Hauuy hat einen sehr spannenden und niveauvollen Thriller verfasst. Keine Banalitäten, keine Oberflächlichkeit, nur eine kleine Prise Humor, das tut gut. Ein aufreibendes Grundthema, nicht für jedermann, doch für den Leser, der ihm folgt ein Hochgenuss. Dazu ein Hauptprotagonist Noah, eine der schillerndsten Persönlichkeiten im Thriller und überhaupt mit unzähligen Fassetten, dazu zwei weibliche Akteure, Sophie und Clémence, zuerst getrennt voneinander agierend, dann im Finale furioso Seite an Seite. Für mich ein Thriller Highlight des Jahres. Ein Pageturner und ein wahrer Bestseller.

Noah Wallace 2 wartet bereits (auf die Übersetzung).

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Nicht für jedermann/frau, nur für echte Thrillerfans
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Der Papa wird's schon richten…

Daddy von Emma Cline

In „Daddy“, mit zehn Kurzgeschichten/Storys, stehen selbstredend Väter im Mittelpunkt. Von ihren erfolglosen Kindern enttäuschte Väter, brutale Väter, Väter, die ihre übergriffign Söhne rauspauken nach dem Motto: Der Papa wird's schon richten. Was freilich nicht gerichtet werden kann, ist die Beziehung zwischen den beiden.

Eine Verkäuferin, die darauf wartet, dass ihre Schauspielausbildung Früchte trägt und mehr aus Langeweile denn Geldnot auf abgelegenen Parkplätzen ihre getragene Unterwäsche verkauft und dabei in eine gefährliche Situation gerät. Eine ebenfalls gelangweilte Hausfrau Mitte 30, die sich online zuerst als naive blonde High-School-Cheerleaderin ausgibt und dann als geiler Mann – und sowohl in der einen wie in der anderen Rolle postet sie Fotos von sich selbst in neckischen Posen. Ein Mann, der irgendetwas angerichtet hat, was genau, wird nicht verraten, aber er hat seinen Job verloren, seine ganze Existenz ist ins Rutschen geraten, und jetzt wird er panisch, weil ihm eine Kontaktlinse hinters Auge gerutscht ist. Emma Clines Figuren sind kaputt.

Kurzgeschichten sind weit anspruchsvoller als Romane. Viel zu kurz, um viel zu erklären. Der Leser ist gefordert. Diese literarische Form ist offen. Bei vielen dieser Väter-Geschichten lässt Emma Cline sie auch zu, diese Offenheit: Es ist vor Weihnachten, die schon flügge gewordenen Kinder kommen über die Feiertage nach Hause, nisten sich wieder ein, Zeit für John, sich zu erinnern, etwa an die Disney-Filme, die sie damals als Familie gemeinsam geschaut haben, und immer war da ein Dad, dem die Töchter fröhlich um den Hals fielen. Zeit auch, sich zu ärgern: Über Chloe, die ihn ungerührt ihres Zimmers verweist, dabei ist er doch nur gekommen, um ein bisschen zu reden. Über Sasha, die während des Tischgebets aufs Handy starrt. „Der Drang, sich das Ding zu schnappen, es zu zerschmettern. Aber am besten nicht wütend werden, sonst würde Linda auf ihn wütend werden, sie würden alle wütend werden. Wie leicht man alles verderben konnte.“

Die Männer bei Emma Cline sind oft bedrohlich. Da küsst ein Vater die eigene Tochter und deren Freundin zur Guten Nacht auf den Mund. Cline beschreibt hier weniger den Vater als die Folgen für die Mädchen, 13 und elf Jahre alt, die auf die sexualisierte Atmosphäre im Haus auf ihre Weise reagieren. Sie blödeln, klauen Unterwäsche, blättern den „Playboy“ durch und fragen sich, ob das Mädchen, das von Roman Polanski missbraucht wurde, schon Brüste hatte und ihre Periode. „Wir waren neidisch, stellten uns einen Freund vor, der einen so sehr begehrte, dass er gegen das Gesetz verstieß.“ „Das Kindermädchen“ ist die stärkste Geschichte des Bandes, zwingend, drängend, dicht.
Illusionslos.

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Vom Stil besser als Bernhard A.

Die Nacht – Wirst du morgen noch leben? von Beck Jan

Nach „Das Spiel“ hat der Innsbrucker Autor Joe Fischler mit „Die Nacht“ nun seinen zweiten Thriller unter dem Pseudonym Jan Beck veröffentlicht.

Eine technisch ausgefeilte, perfide und teuflische Mordmaschine, wie sonst nur aus skandinavischen Thrillern bekannt, die nach dem Dominoprinzip abläuft und fünf Todeskandidaten, eingepfercht in Glaszylindern, von denen jeden Tag einer vollautomatisch hingerichtet werden sollte – außer man erfüllte irgendwelche Aufgaben.

Genau wie der Maskenmann sagt: „Die Erlebniskette läuft von selbst, und sie läuft immer weiter. Das Schicksal der Fünf ist bereits besiegelt. Man könnte sagen: Sie leben noch, sind aber schon tot. Nacht für Nacht wird einer von ihnen sterben – es sei denn, es gelingt irgendwem da draußen, eine meiner Aufgaben zu erfüllen…“

Inga Björk, schwedische Europol-Ermittlerin und Christian Brand, geschasster österreichischer Polizist sind auf der Suche nach dem „Nachtmann“. Björk, eine Super-Recognizerin mit einer geradezu übernatürlichen Fähigkeit beim Identifizieren von Gesichtern, mit einer wilden Vergangenheit als Tattoo-Model und Brand, ehemals Mitglied einer Spezialeinheit mit einem flinken Finger am Abzug. Ein Team, das Feuer mit Feuer bekämpft.

„Die Nacht“ bietet ein strukturiertes Verbrechen mit verschieden Hintergründen und Perspektiven mit einer Vielzahl von Geschichten und Charakteren.

Der Leser muss viel Geduld aufbringen, denn die Klärung der Zusammenhänge wird weit nach hinten geschoben.

Joe Fischler mag es, seine Leser zu fesseln und es sei auch intellektuell spannend, ein Rätsel zu stricken. Er schickt seine Leser auf eine Schnitzeljagd, bei der sie auch viele falsche Fährten verfolgen. Um sich von seinen früheren Heimatromanen zu emanzipieren nennt er sich er sich Joe Fischler nun Jan, die ultimative Kurzform seines echten Namens Johannes.

Zu Beginn des nächsten Jahres erscheint der dritte Teil, es geht nach Paris, Lissabon, Bologna und Skandinavien.

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