Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Die Malerin lebt
Strahlen von Verena Stauffer
Verena Stauffer, die zuletzt mit ihrem Lyrikband Kiki Beach positiv aufgefallen ist, legt jetzt mit Strahlen eine Roman vor.
Es geht um eine bildende Künstlerin, die in einer Schaffenskrise ist. Sie zerstört ihre Arbeiten der letzten Monate und reist nach New York.
Auch privat ist sie unstet, geht von einem Mann zu dem nächsten und alle Beziehungen sind schwierig und gestört, z.
B. mit Kyle, der sich als gewalttätig herausstellt oder mit Eric, der anscheinend mit Zwangsstörungen lebt.
Der Roman lebt von seiner ausdrucksstarken, bildreichen Sprache. Verena Stauffer hat einen hohen Ton, eine aufregende Stimme.
Gut gefallen haben mir auch einige kulturelle Bezüge, wie z.B. Dylan Thomas (Do not go gentle into that good night ).
Spät im Buch kommt ein Element der Wahrnehmung der Realität contra dem Leben als digitales Game hinzu. Das bleibt rätselhaft und wie eine Spielerei, verfängt nicht so richtig und man muss sich fragen, ob die Autorin damit nicht auch ein Stück Bedeutung des gesamten Romans wegschenkt.
Aber es bleibt ein lesenswertes, intensives Buch mit bemerkenswerter sprachlicher Kraft.
Ein Appell
Genau so fängt es an von Eva Umlauf
Eva Umlauf ist eine Holocaust-Überlebende. Sie war als 2jähriges Kind mit ihrer Mutter in Auschwitz. Sie überlebten, aber alle anderen Verwandten waren tot.
Mit psychologisch geschulten Blick schreibt sie über darüber, wie in Deutschland jetzt wieder eine große Akzeptanz für eine rechtsextreme Partei gibt.
Sie warnt Friedrich Merz davor, dass er mit Zustimmung von Rechten Politik zu machen.
Scharf kritisiert sie die Israelkritik in Deutschland, der von der Gesellschaft, aber auch von Medien ausgeht.
Am Ende wendet sie sich mit ihrem Text, einem Appell, an die Jugend.
Es gibt nicht mehr viele Überlebende und Zeitzeugen. Man sollte ihnen zuhören.
Der Mann, der Bücher las
Der Buchhändler von Gaza von Rachid Benzine
Der Roman ist aus dem Französischen von Andreas Jandl übersetzt.
Buchhandlungen wie Cafés bieten zur Zeit in der Literatur gerne warmherzige Healing Fiction. Ob das auch im Gaza funktioniert? Vermutlich nur aus einem Blickwinkel aus der Ferne.
Der Französische Fotograf trifft in Gaza 2014 auf einen Buchhändler Mitte 60, der sich auch in Zeiten der Zerstörung zuversichtlich und den Büchern verpflichtet gibt.
Sein Name ist Nabil al Jaber. Seine Lebensgeschichte wird dann das Zentrale der Handlung, durchaus überzeugend. Seine Mutter war Muslimin, sein Vater Christ. Dadurch nahm er eine Sonderstellung ein. Schon wenige Wochen nach seiner Geburt 1948 mussten seine Eltern mit ihm flüchten. 1967 der 6-.Tage-Krieg, das bedeutete erneut Verluste. 1987 die erste Intifada. Nabil beteiligte sich und musste dafür für Jahre ins Gefängnis.
Alles wird ein wenig zu knapp abgehandelt, obwohl man als Leser vom Erzählten beeindruckt bleibt.
Zitate aus der Literatur durchziehen das Buch: Mahmud Darwisch, Victor Hugo, Primo Levi, Jean Genet, Mohammed Dib und andere.
Das kurz gehaltene Buch ist wirklich nicht schlecht, aber man liest es unter dem Eindruck der Verheerung und Hoffnungslosigkeit in Gaza der letzten zwei Jahre und das schwingt einfach mit und bildet den Epilog.
Bear / Julian / Gordon
Die Namen von Florence Knapp
Florence Knapps Debütroman Die Namen wagt etwas. Es werden 3 mögliche Lebensentwürfe gezeigt.
Als Cora vor der Namensfindung ihres zweiten Kindes steht, kommen auch 3 mögliche Entwicklungen dabei heraus.
Bear
Julian
Gordon
3 Namen, ein Mensch mit verschiedenen Prägungen.
Die Kapitel wechsel zwischen den dreien und dann gibt es immer wieder Zeitsprünge und die verschiedenen Handlungen werden gezeigt.
Nicht nur Bear/Julian/Gordon hat Unterschiede, die ganze Familie ist von verschiedenen Entwicklungen betroffen.
Das Buch hat brutale Szenen häuslicher Gewalt. Das macht es nicht gerade zu einem Feelgood-Roman.
Die Schwester Maia ist noch ein wichtiger Faktor. Sie ist vielleicht die stärkste Figur in dem Buch, während der Bruder in den Kapiteln so unterschiedlich wirkt, das ich ihn nicht als den gleichen Menschen ansehen kann.
Das Buch überzeugte daher nicht vollständig, es bleibt für mich mehr ein Ideenroman.
Ein Zugwind hat sich in mir eingenistet
Zugwind von Iryna Fingerova
Zugwind ist ein bemerkenswertes Buch. Die Autorin hat viel mit der Protagonistin des Buches gemeinsam. Sie sind beide Ärztin, verheiratet mit Kind, stammt aus der Ukraine und Jüdin.
Für mich ist es daher keine reine Fiktion. Beim Lesen spürt man das nicht. Von der Form kann man sagen, es ist ein Roman.
Für dieses Buch funktioniert die Form sehr gut.
Iryna Fingerova gibt ihrer Figur viel Persönlichkeit und Sensibilität mit. Was in der Ukraine passiert beschäftigt sie unaufhörlich, auch weil sie noch Verwandet dort hat, z.B. ihre 90jährige Großmutter.
Mira, die Hausärztin behandelt in ihrer Praxis viele ukrainische Patienten. Eigentlich alle leiden unter dem Krieg und erzählen Mira mehr als nur ihre körperlichen Krankheitsgeschichten. Die vielen Geschichten der Patienten machen ein gutes Stück weit den Roman aus. Aber auch Miras eigene Emotionen und ihr Leben werden ausführlich vorgestellt.
Mich hat das Buch überzeugt. Ein Stück deutsch-ukrainische Literatur, die ich für wichtig halte und die Verständnis fördert.
Frei und selbstbestimmt
Alt genug von Ildikó von Kürthy
Die 58jährige Ildikó von Kürthy hat ein Thema gefunden. Sie schreibt überzeugt, eindringlich und häufig pointiert über den Wert des Alters. Viele Stellen sind mit Elementen der Popkultur unterlegt. Das kennt man von der Autorin und bei ihr funktioniert es.
Überraschend gibt es Passagen in Wacken und bei Germany Next Top Model.
Zum Glück nehmen diese Passagen nicht so viel Raum ein.
Mehr überzeugt haben mich die Rückblicke, ie es gelegentlich gibt und den Mut, sich zu Ängsten zu bekennen. Sie hat gelernt, mit ihren Angststörungen umzugehen.
Alt genug ist kein Roman. Es ist autobiografisch und es gibt sehr viel privates. Man könnte sagen, Chick-Lit wird erwachsen.
An manchen Stellen wirkt das Buch wie ein Essay. Stolz vermittelt sie einen Trotz gegen Einschätzungen gegen das Altern und bleibt selbstbewusst.
Es ist ein interessantes Buch.
Zu zweit im Truck
Wir Königinnen von Anja Gmeinwieser
Wir Königinnen ist ein Roman über die Begegnung zweier Frauen.
Das Buch hat einen besonderen, beeindruckenden Anfang. Die Protagonistin befindet sich völlig alleine in einem Dorf in den Bergen. Das sind leicht beklemmende Szenen.
Was sie umtreibt, ist nicht ganz klar.
Dann begegnet sie einer Truckfahrerin, die Rinder transportiert und sie mitnimmt.
Es gibt eine Sprachbarriere, aber durch Handyübersetzerin kommt es zum Austausch in Englisch. Die Dialoge sind überwiegend in Englisch. Das funktioniert zwar und zieht sich konsequent durch das Buch, es nervt aber auch.
Das Buch zieht die Spannung aus der Beziehung, aber auch Gegenüberstellung der zwei Protagonistinnen. Während die Icherzählerin ganz von ihrer inneren Krise gefangen ist, sind es bei der toughen LKW-Fahrerin Anna reale Probleme. Der Job ist ihr stolz, aber er ist auch hart und schwierig.
Der Plot ist nicht unbedingt neu. Es entschädigt aber, dass die Autorin viel Stimmungen und Atmosphäre erzeugt.
Die Bar hieß Tangerinn
Tangerinn von Emanuela Anechoum
Das Buch der italienischen Schriftstellerin Emanuela Anechoum lebt von der Erzählstimme der Protagonistin Mina und ihrer Situation. Sie lebt zur Zeit eigentlich in London, kehrt aber nach dem Tod des Vaters nach Kalabrien zurück. Ihr Vater Omar stammt aus Marokko, daher ist die Suche nach ihrer Identität ein großes Thema.
Zurück blieben ihre Schwester und die labile Mutter, um die man sich kümmern muss, genau wie um die Migrantenbar Tangerinn ihres Vaters. Dabei war es ihr so wichtig, dem Leben in Kalabrien zu entkommen.
Man kann Minas Situation gut verstehen, obwohl sie keine einfache Hauptfigur ist. Immer wieder geht sie innerlich ins Gespräch mit dem verstorbenen Vater. Erst spät im Buch, im vierten Teil, hat Omar auch einen Auftritt, als ein Freund Mina von früheren gemeinsamen Zeiten erzählt.
Mina muss sich entscheiden: Will sie bleiben oder wieder gehen? Mit dieser richtungsweisenden Entscheidung schließt das Buch.
Gerechtigkeitsarbeit
Gerechtigkeit von Bernhard Schlink
Gerechtigkeit ist wichtig. Daher ist ein Essay darüber sehr zu begrüßen. Bernhard Schlink ist seit langen ein erfahrener und erfolgreicher Prosa-Autor, der weiß zu erzählen.
Daher war ich doch überrascht, wie trocken das Essay über manche Strecken ist. Es ist mehr ein Text eines Juristen, der Schlink ja auch ist.
Im Vorwort betont Schlink einen philosophischen Ansatz. Tatsächlich geht er auf Aristoteles zurück. Und dann vor allen auf den US-amerikanischen Philosophen John Krawalls und seiner Theory of Justice.
Gerechtigkeit hat mit Gleichheit und Gleichbehandlung zu tun.
Interessant ist Schlinks Aussage, das es keine Formel für Gerechtigkeit gibt, sehr wohl aber Strukturen für die Suche nach Gerechtigkeit.
Obwohl der Text relativ schwerbekömmlich ist, zweifle ich an Schlinks gut überlegten Ergebnissen (Wahlen, Demokratie, Rechtsstaat, soziale Gerechtigkeit) nicht.
Schließlich spricht Schlink auch noch über Generationsgerechtigkeit. Und am Schluss geht es um den Preis der Gerechtigkeit.
Es ist ein umfassendes, prägnantes Essay. Für mich ist es 3,5 von 5 Sterne wert.
Über was nie gesprochen wurde
Ich möchte zurückgehen in der Zeit von Judith Hermann
Das neue Buch der Kultautorin Judith Hermanns ist schwer einzuordnen, aber das kennt man von ihr schon, zum Beispiel durch „Wir hätten uns alles gesagt“.
Das autobiografische Element ist prägend. Ausgangspunkt ist die Beschäftigung mit dem Großvater, der vor ihrer Geburt gestorben ist. Im Krieg war er bei der Waffen-SS und in Polen.
Viel kann Judith Hermann, die schließlich selbst nach Polen reist, nicht recherchieren.
Ihre Unterhaltungen mit ihrer 80jährigen Mutter über den Großvater sind wenig ergiebig, lösen Spannungen aus und am Ende hat die Mutter eine vorübergehende Amnesie.
Es geht aber nicht nur um den Großvater. Judith Hermann reist schließlich auch nach Italien, wo ihre Schwester lebt.
Die geöffnete Tür auf dem Cover täuscht. Es bleiben mehr Fragezeichen als Erkenntnisse hängen und vielleicht muss man sich mehr als einmal mit diesem Buch beschäftigen. Dass das Buch sprachlich gut gestaltet ist, merkt man aber sofort.











