Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Zwischen Nostalgie und Kenshō
Die unmögliche Rückkehr von Amélie Nothomb
Eigentlich hätte ich diesmal wieder Fiktion von Amélie Nothomb erwartet, denn sie wechselt meistens zwischen Romanen und autobiografisch geprägten Büchern.
Die unmögliche Rückkehr schließt an den Büchern an, in denen es um Japan geht. Hier hat Nothomb die ersten 5 Jahre ihres Lebens verbracht, denn ihr Vater war Konsul.
Dass sie dann das Land verlassen musste, macht ihr bis heute zu schaffen und eine Liebe zu Japan ist noch da.
Zusammen mit einer Freundin fliegt sie 2023 nach Kyoto, später reisen sie auch nach Tokio. Amelie schwelgt in ihren nostalgischen Erinnerungen, oft mit Wehmut, aber vor allen auch mit Ironie. Überhaupt hat das Buch viel Witz.
Mir haben bisher alle ihre Japan-Bücher gefallen. Auch dieses ist sehr unterhaltsam und die Japanbeschreibungen sind so gut, dass man als Leser glaubt, die Autorin auf ihrer Reise zu begleiten.
Nadims Leben und die Frauen seines Lebens
Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami
Der große deutsch-syrische Geschichtenerzähler Rafik Schami wird 80 Jahre alt und hat einen neuen Roman. Mit Nadim Suri hat er eine Hauptfigur, die einige Merkmale seiner selbst trägt, z.B. dass er aus Syrien nach Deutschland gekommen ist und schreibt. Nadim erzählt von seinem Leben und vor allen von den Frauen seines Lebens.
Das sind einige und sie haben unterschiedliche Schickale. Sie werden aber eher distanziert geschildert, so dass sie mir als Figuren fremd bleiben.
Nadim ist ein Erzähler, der oft und gerne abschweift.
Es fehlt die Lebendigkeit früherer Texte von Rafik Schami. Ein Merkmal eines Alterswerk, aber immerhin hat er alles gegeben und viel in den Roman gesteckt. Es gibt die gewohnte Detailfülle, auch den Wortwitz. Es ist somit immer noch ein guter Roman.
Eine Sache der Wahrnehmung
Links-grüne Meinungsmacht von Julia Ruhs
Der Buchtitel hat mich erstaunt, da ja eigentlich die Rechten in den letzten Jahren auf dem Vormarsch sind und ihre Meinungsmacht inzwischen vielfach übernommen wurde. Aber Julia Ruhs hat insbesondere die öffentliche-rechtlichen und etablierten Medien und Zeitungen ins Auge gefasst. Ich nehme das nicht so wahr, wie Julia Ruhs, aber sie schöpft ihre Erfahrungen aus Gesprächen und Rückmeldung an sie sowie aus den Reaktionen aus ihren Veröffentlichungen.
Hat sie anfangs auch Shitstorms ertragen müssen durch ihre konservativ-liberalen Stellungsnahmen, bekommt sie später viel Beifall.
Ich denke, Julia Ruhs vermittelt mit ihrem Buch ein verzerrtes Weltbild. Andererseits war es wirklich interessant zu lesen, wie sie zu ihrer Wahrnehmung kommt.
Im Treppenhaus gefunden
Eine Liebe ohne Sommer von Timothy Paul
Eine Liebe ohne Sommer ist ein nachdenklich stimmender Roman mit humorvollen und traurigen Momenten. Man weiß natürlich von Anfang an, was passiert und stellt sich auf das Kommende schon seelisch ein.
Es ist die Geschichte eines Paares, Rosa und Niklas, die eine viel zu kurz Zeit miteinander hatten.
Sie treffen sich im Hausflur und sofort stellte sich etwas Besonderes zwischen ihnen ein.
Auffällig, dass die Erzählperspektive ausschließlich bei der Ich-Erzählerin lag. Passagen aus der Sicht von Niklas fehlten mir. Rosa ist sympathisch, aber nicht ohne Selbstzweifeln.
Der Wortwitz im Buch funktionierte bei den Dialogen sehr gut. Zwischen Rosa und Niklas kommt es oft zum dialogischen Schlagabtausch voller Ironie.
Ob aus der Grundidee genug gemacht wird, weiß ich nicht. Ich neige eher dazu, dass es schließlich zerredet wird. Dazu trägt auch bei, dass der Roman zu lang, manchmal sogar langatmig ist. Das gilt vor allen für Teil 2.
Ein schlechter Roman ist es auch nicht. Eher so Mittel. Die guten Ansätze bleiben!
Regime Change in Europa
Wer sind wir? von Joschka Fischer
Der politisch nicht mehr aktive Joschka Fischer ist doch noch sehr präsent. Erst letztes Jahr hat er mit einem eindrucksvollen und komplexen Werk überzeugt.
Jetzt ein Buch über deutsche Identität. Doch diesmal enttäuscht er, denn eigentlich erzählt er hauptsächlich die Geschichte Deutschlands, z.
B. ab Stunde Null nach. Offenbar definiert Fischer Deutschlands Identität aus dem Wiederaufbau nach 45. Westdeutschland war in dem Sinne verwestlicht, im positiven Sinne.
Er spricht viel von Europa und der Abkehr der USA.
Wenn ich richtig interpretiere, liegt Deutschlands Identitätssuche ein gutes Stück weit bei dem Versuch einer deutschen Führung in Europa, sozusagen ein Regime Change in Europa.
Einige Passagen des Buches sind also schon gelungen, doch ob sich darin die Frage nach der Identität erschöpft, wage ich zu bezweifeln.
Folgen kann man der im Nachwort angebotenen Antwort, dass Europa sich jetzt selbst kümmern muss, da auf die USA nicht mehr gezählt werden kann. Jetzt oder nie!
Vielleicht gelingt Joschka Fischer die Debatte über das Thema, wenn er mit diesem Buch und seinem wichtigen Thema auf Lesereise geht.
Ein Ort für die Verlorenen
Mit einem Fuß im Paradies von Ron Rash
Mit einem Fuß im Paradies von Ron Rash ist ein raffiniert komponierter Südstaatenroman. Ein Mann namens Holland Winchester ist verschwunden, vermutlich ermordet.
Die Handlung wird von verschiedenen Personen erzählt, die mit dem Verschwinden von Holland zu tun haben. Das ist zuerst der Sheriff, dann die Frau, die mit Holland eine Affäre hat, dann ihr Ehemann und schließlich der Sohn sowie der Stellvertreter des Sheriffs.
Aus den ganzen Abschnitten ergibt sich langsam ein Gesamtbild. Es ist leicht filmisch gestaltet.
Es gibt zwar einen Mord, aber für mich ist es nicht wirklich ein Kriminalroman. Vielmehr ist es ein Gesellschaftsporträt der Menschen, die in South Carolina leben.
Das ist schon sehr gut gemacht, obwohl ich lange Passagen auch mit Gleichmut las. Es ist ein kühles Südstaatendrama.
Gibt es Hoffnung?
Der Schlüssel würde noch passen von Irina Scherbakowa
Irina Scherbakowa ist eine große Persönlichkeit. Ihr Wirken in der Organisation Memorial galt der Aufklärung. Folgen waren Repressionen, Verbot und Flucht.
Es gelingt ihr in diesem Buch, einen Einblick ins Moskau der neunziger Jahre zu geben. Es ist die kurze Zeit der Perestroika. Dann die Nuller-Jahre.
Gelegentlich gibt es auch Blicke in die Geschichte Russlands. Es gibt auch einen (schmalen) Bildteil.
Schließlich der Krieg und Scherbakowa verlässt mit ihrem Mann Russland.
Irina Scherbakowa vermeidet Sentimentalität, setzt auf Analyse.
Im Epilog dann die Frage: Gibt es Hoffnung?
Es ist mächtiges Sachbuch von Relevanz, dass dieses Jahr für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert ist.
Die Kamillenwiese
Was vom Sommer blieb von Mary Wesley
Mary Wesleys Roman zeichnet sich durch einen lebhaften Stil und einer bildhaften Sprache aus. Die Handlung zeigt eine Reihe von Leuten zu einer bestimmten Zeit in Cornwall, während des Krieges und die Zeit danach. Es wird so ein Gesellschaftsporträt mit den Stimmungen dieser Zeit. Das erzeugt viel Atmosphäre.
Im Mittelpunkt stehen die anfangs 19jährige Calypso, die später Hector heiraten wird, Oliver, der verletzt aus dem Krieg zurückkehrt, die junge Sophie , die in Oliver verliebt ist und die Geschwister Polly und Walter. Und noch ein paar. Das ist schon nahezu eine Überfrachtung an Figuren, deswegen sind nur ein paar wirklich gut herausgearbeitet.
Doch Calypso, Oliver und Sophie werden länger in Erinnerung bleiben.
Was vom Sommer blieb ist wohl der berühmteste Roman der Britin Mary Wesley. Er wurde auch als TV-Serie verfilmt.
Männerfreundschaft
Unter Freunden von Hal Ebbott
Das Romandebüt eines vielversprechenden US-Amerikanischen Autors.
Es beginnt ziemlich ruhig und langsam.
Der Roman zeigt zwei lange befreundete Männer und ihre Familien.
Das etwas passieren wird, ist schon von Anfang an klar und daraus zieht sich die Spannung.
Wirken die Familien anfangs perfekt, spürt man schließlich die dysfunktionalität.
Die Gefühlslage wird dargestellt.
Es gibt aber auch Grenzen und man die zwei Hauptfiguren nicht richtig verstehen. Das psychologische Moment verfängt sich nicht ganz.
Trotzdem ist es ein interesanter Roman.
Konzentriertes und dichtes Politiksachbuch
Die Zerstörung des Nahen Ostens von Rainer Hermann
Die Zerstörung des Nahen Ostens
Trump, Netanjahu, die Hamas und die neue Ordnung des Schreckens
Wegen dem drastische Titel plus Untertitel habe ich zuerst gezögert, dann aber doch sehr gerne dieses Politsachbuch gelesen. Es ist ein von Anfang an konzentriertes und dichtes Werk mit sehr vielen Fakten.
Man muss dranbleiben, kann aber auch schnell darin versinken.
Nahostexperte Rainer Hermann schreibt über einige Länder der Region. Im Vordergrund rückt dann natürlich Israel und Palästina und er Gazakrieg.
Auch über Iran schreibt er viel. Gerade diese Passagen hatten mich sehr interessiert. Das Buch endet Dezember 2025, die ganz aktuelle Lage zur Zeit ist also nicht beschrieben Auch dann der späte Teil über Syrien ist interessant.
Ich denke, dass Buch ist gut geeignet für den politisch interessierten Laien, auch wenn es einen auch ein wenig fordert. Aber das ist gut so.











