Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Gerichtsdrama
Der Horizont der Nacht von Gianrico Carofiglio
Der Horizont der Nacht von Gianrico Carofiglio ist aus meiner Sicht wirklich ein guter Roman. Es ist ein fast klassisches Anwalts- und Gerichtsdrama.
Eine Frau hat den gewalttätigen Freund ihrer Schwester erschossen und muss sich jetzt vor Gericht verantworten. Icherzähler und Hauptfigur ist ihr Anwalt Avvocato Guerrier.
Er ist 57 Jahre alt und gewissermaßen in einer Lebenskrise. Er sucht häufig einen Psychologen auf und diese Gespräche nehmen einen wichtigen Teil im Buch ein und das psychologische Moment wertet den Roman auf. Gianrico Carofiglios intelligenter Schreibstil ist zugänglich und eindringlich zugleich.
Höhepunkt des Buches ist dann das lange Gerichtsverfahren, das auf mich fast filmisch wirkte.
Grace
Zuflucht von Garry Disher
Garry Disher ist ein wichtiger Thrillerautor aus Australien, der stets durch sein dichten Plots und prägnanten Stil auffiel. So auch hier.
Die Protagonistin Grace ist seine neue, raffinierte wie ambivalente und doch beeindruckende Heldin. Ob sie eine neue Wyatt wird? Verschlossen genug ist sie.
Wie am Anfang der Psyhopath in diesen Buch angelegt ist, wirkt weniger innovativ.
Eine Figur, die sofort funktioniert ist die unsichere Erin, bei der man schnell ahnt, dass sie in Gefahr ist. Grace ist eigentlich mit ihren eigenen Streifzüge beschäftigt, wird dann aber doch in Erins Fall verwickelt. Grace und Erin werden ein gutes Team. Doch auch Grace holt ihre Vergangenheit ein und der Plot nimmt an Dramatik zu.
UN-Job im Irak
fundamentalös von Nussaibah Younis
Fundamentalös ist ein Roman mit brisanten Thema von Relevanz. Die Handlung ist im Irak angelegt.
Ich hatte anfangs so meine Probleme mit der jungen, unerfahrenen Protagonistin, die ihre Rolle der Deradikalisierung nur unzureichend ausfüllen kann.
Vielleicht wäre eine erfahrene, weniger naive Hauptfigur die bessere Wahl gewesen.
Aber dann wäre es ein anderes Buch geworden. Nach einer Weile gewöhnt man sich an Nadia.
Es dauert eine Weile, bis der Plot in Fahrt kommt. Triebfeder für die Handlung ist Sara, die interessanteste Figur im Buch.
Sprachlich hat der Roman wenig zu bieten, ausser einer leichten Ironie und ordentlichen Dialogen. Immerhin schreibt Nussaibah Younis in einem leichten Ton. Auch die Plotgestaltung gelingt der Autorin.
Das Urteil der Eulen
Casino von Cihan Acar
Cihan Acar hat einen deutsch-türkischen Familienroman geschrieben.
Cumali Karagöz ist Geschäftsmann und Familienvater. Ein Mann mit Profil und Durchsetzungsvermögen. Er betreibt Spielhallen, ein etwas anrüchiges Gewerbe für viele. Doch Cumali ist reich dadurch geworden und wohnt in einer Villa.
Der Autor wechselt die Figuren mit jedem Kapitel. So bekommen auch Cumalis Frau Hannah und seine Tochter Zaha, sein Sohn Ediz und andere ihre Abschnitte. Der Roman zeichnet sich durch seine Unverkrampftheit aus. Das ist vielleicht auch der jugendlich wirkenden Art des Autors Cihan Acar geschuldet. Casino ist sein zweiter Roman. Ihm gelingt es, seine Szenen ansprechend zu gestalten.
Auffällig aber, das man die Figuren, insbesondere Cumali, mehr nur von Außen sieht. Das erzeugt Distanz. Zum Teil ist Cumali mir fremd geblieben, bei seinen Kindern war es nicht ganz so.
Der Roman bleibt für mich ein Stück weit gehobenes Mittelmaß, wenn auch mit vielen starken Passagen. Ich kann mir vorstellen, auch Cihan Acars ersten Roman Hawaii noch zu lesen.
Drei Reisen
Die Liebe kommt immer zu spät von Karl-Markus Gauß
Karl-Markus Gauß ist gerade in Bezug auf Reiseberichten ein großer Essayist, da er es vermag, weit auszuholen und den Leser doch an den Text zu binden.
Die erste Reise führt in 2022 nach Slowenien. Aber eigentlich berichtet er hier viel von Persönlichkeiten der Vergangenheit, vor allen von denen mit einem feministischen Ansatz.
Das war interessant, mir vollkommen unbekannt.
Mehr drin im Buch war ich der zweiten Reise nach Bosnien. Dieser Text ist durchdrungen vom Werk und Wesen des Schriftstellers Dzevad Karahasan, der als Stimme Bosniens galt und der 2023 starb. Ich habe sein Tagebuch der Übersiedlung besonders bewundert. Gauß war mit Karahasan gut befreundet und konnte viel berichten. Daher war diese mittlere Reise für mich der Höhepunkt, wobei Gauß einige gute Beschreibungen der Umgebung hinzufügt. Gauß schreibt insgesamt so detailliert und genau, das es wirklich beeindruckend ist. Nur den letzten Teil des Buches empfand ich als etwas zu ausschweifend, aber das mindert nicht den guten Gesamteindruck.
Porträts in knapper Form
Mischka von Barbara Honigmann
Mit Mischka setzt Barbara Honigmann ihre Reihe von Büchern über Familie und Bekannte fort. Sie schreibt in ihren gewohnten sachlichen Stil. Es ist mehr Porträt als Erzählung. Doch die Emotionen sind da, nur nicht so offensichtlich im Vordergrund.
Mischka war für die 19490 geborene Barbara Honigmann eine mütterliche Freundin aus Russland, deren Leben von Gefangenschaft und Verbannung geprägt er, aber auch von ihrer Stärke.
Honigmann zeigt ihr Leben in knapper, aber eindringlicher Form.
Es ist ein Leben, dass von den Repressionen der Sowjetunion erzählt. Damit wird es auf gewisse Art auch zu einem sehr zeitgenössischen Text.
Es folgen im Buch noch 2 weitere Porträts, aber Mischka ist das wichtigste.
Barbara Honigmann ist nicht umsonst eine vielfach preisgekrönte Autorin.
Ungewöhnlich und sprunghaft
Cold Case von Alexandre Labruffe
Cold case ist ein ungewöhnliches Buch. Es ist sprunghaft, sowohl in den Zeiten, in denen es immer wieder hin und zurück geht als auch vom inhaltlichen. Auch die Struktur ist wechselhaft. Assoziativ wirkend werden immer wieder Titel aus der Literatur oder Film genannt.
Immer wieder unerwartete Szenen, viele abgedrehte Ideen, nichts irgendwie richtig ausgeführt.
Doch ich bewundere den Mut des Autors, gegen den Strom und die Konventionen zu schreiben.
Kleine, feinfühlige Geschichten
Du, hier von Julia Wolf
Kleine, feinfühlige Geschichten um Frauen in verschiedenen Rollen. Man erfährt von ihren Gedanken und Emotionen. Das ist ganz gut gemacht, aber nicht jede Story ist überwältigend.
Es geht viel um den Status von Beziehungen und der Überlegung, ob Veränderungen notwendig sind. Weibliche Leser werden sich vielleicht in manchen Situationen wiedererkennen, die männlichen Figuren sind hingegen leider überwiegend flach und eindimensional angelegt.
Auffällig die Erzählung „Ein schönes Paar“, da diese aus 10 Kapiteln besteht und so eine Beziehung über einen etwas längeren Zeitpunkt auch mehr in die Tiefe zeigt. Zu meinen favorisierten Stories gehören ansonsten die erste und die Titelgeschichte.
3 Episoden
What about the bodies von Ken Jaworowski
Das Buch nimmt seine Dramatik daraus, dass aus 3 Ebenen heraus erzählt wird. Carla, Reed, Liz. Sie haben gemeinsam, dass sie jeweils ein konkretes, gefährliches Problem haben und das sie in Pennsylvania leben.
Mir haben die Handlungsteile unterschiedlich gut gefallen. Am Besten fand ich den um Carla und ihren Sohn Billy, der in seiner Angst eine an einer Überdosis gestorbene Kommillitonin im Garten vergraben hat.
Jetzt versuchen Mutter und Sohn die Leiche loszuwerden.
Reed ist ein junger Mann, der Autismus hat und dessen Mutter gerade gestorben ist. Wegen seinem Zustand lässt er sich schwer kontrollieren. Dieser Handlungsstrang steigert sich immer mehr und es gibt ein paar Passagen, die wirklich hängen bleiben.
Auch die Musikerin Liz hat Probleme, da sie verschuldet ist.
Die Episoden sind locker miteinander verbunden.
Ein gut zu lesendes Buch, das für mich mehr Drama als Kriminalroman ist.
Hohe Berge
Das Joch von Vicki Baum
Das Joch ist ein Text aus dem Jahr 1922 und hat einen Ton, der heutzutage wie aus der Welt gefallen wirkt.
Es erinnert an den jungen Thomas Mann und natürlich an Menschen im Hotel, Vicki Baums berühmtesten Werk.
Obwohl Das Joch so kurz ist, handelt es viel innere und äußere Dramatik ab. Eine junge Frau, reich verheiratet und der selbstbewusste Florentin.
Es wird eine kurze, aber intensive Begegnung.
Etwas schwierig sind die melodramatischen Dialoge.
Es gibt auch aufregende Passagen beim Bergsteigen. Die Welt der hohen Berge prägt den Text mit.











