Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Beschreibungswut
Phlox von Jochen Schmidt
Jochen Schmidt ist in Phlox im positiven wie im negativen beschreibungswütig. Mit langen Sätzen und wenig Absätze beschreibt er eine Rückkehr zum Platz der Kindheit und Erinnerungen werden in Gang gesetzt.
Richard Sparka reist mit seiner Familie, also Klara und den Kindern Karl und Ricarda nach Schmogrow im Oderbruch, wo Richard als Kind oft seine Sommerferien verbracht hat.
Mich beeindruckt, wie Jochen Schmidt eine Gleichzeitigkeit in Szene setzt, zum Beispiel denkt Richard während er fährt daran, wie er als Kind die selbe Strecke auf der Rückbank verbracht hat.
Es entsteht auch ein Bild der Zeit in der DDR wieder, selbst die Zeit davor fließt ein.
Als moralische Instanz galt Richard das inzwischen verstorbene Ehepaar Tatziet, die in Schmogrow lebten.
Der Text ist zum Teil auch verklärend. Ob man sich aber daran stören muss, weiß ich nicht, denn Jochen Schmidt ist nicht naiv und hat eine eigene Art von Humor. Dadurch entsteht Sympathie für den Autor.
Doch was soll man sagen zu diesem Übermaß an Beschreibungen und Betrachtungen? Die Detailverliebtheit ist außerordentlich! Ist wirklich alles wert ausführlich erzählt zu werden?
Für mich persönlich war das Übermaß dann irgendwann doch erreicht.
Anleitung zurück ins Leben
Neubeginn im kleinen Strickladen in den Highlands von Susanne Oswald
Susanne Oswald setzt ihre Strickladen-Reihe fort.
Von den Vorgängerromanen kenne ich keinen, aber auch „Neubeginn im kleinen Strickladen in den Highlands“ bietet noch einen guten Einstieg.
Der lange Romantitel ist ja eigentlich eher abschreckend, denn mit Stricken habe ich nichts am Hut (aber es gibt ja noch die Whisky-Distellerie nebenan).
Mich lockte dann doch auch der Schauplatz Loch Lomond in den schottischen Highlands.
Schon das Cover lädt einen ein in diesen Unterhaltungsroman zum Wohlfühlen. Im Großen und Ganzen ist es ein unspektakulärer Roman.
Im Mittelpunkt steht Amely und ihre Hündin Molly. Amely hat einen Verlust erlitten. Ihr emotionaler Zustand der Trauerbewältigung ist Hauptthema des Buches.
Amely ist mit Maighread und Chloe befreundet. Beide sind Protagonistinnen der früheren Teile der Reihe. Dann gibt es noch den Whisky-Destillerie-Betreiber Peter, der eine weitere Hauptfigur ist. Peter und Amely verstehen sich gut.
Dank Peter und ihren anderen Freundinnen des Strickladens wird sich Amely wieder gut fühlen.
Der Roman ist praktisch eine Anleitung zurück ins Leben.
Geschichten mit Themen, die universell gültig sind
Miss Kim weiß Bescheid von Nam-joo Cho
In Cho Nam-Joos Geschichten geht es vorwiegend um Frauen. Es ist bewundernswert, dass die Autori n dabei viele Altersgruppen berücksichtigt. So ist die Protagonistin der ersten Geschichte um die Achtzig und erlebt das Sterben ihrer Schwester mit. Als Leser ist man dicht bei ihren Gedanken und Emotionen.
In der letzten Story geht es um eine Schülerin und die Schwierigkeit, in Zeiten von Corona eine Beziehung zu führen.
Zwischen diesen Eckpunkten befinden sich unterschiedliche Geschichten mit diversen Themen. Erwähnenswert ist die Titelstory, Miss Kim weiß Bescheid, die in die Arbeitswelt führt.
Cho Nam Joo findet ihre gesellschaftsrelevanten Themen in verschiedenen Bereichen.
So ist eine Story (Lieber Hyunnam) im Uni-Milieu angesiedelt und es ist die Geschichte einer Trennung wie auch der Emanzipation. Es hat die Form eines Briefes und ist ziemlich treffend gemacht.
"Große Mädchen" thematisiert Gewalt und Belästigung und zeigt, wie schwierig es ist, damit umzugehen.
All diese Themen behandelt die Autorin universell. Daher ist dieses Buch auch Lesern zu empfehlen, die sich nicht spezifisch für Südkorea interessieren.
Obwohl die Geschichten unterschiedlich sind, hat das Buch eine gute Geschlossenheit.
Bemerkenswert
Florian Illies über Gottfried Benn von Florian Illies
Florian Illies hat schon einige Male über den Dichter Gottfried Benn geschrieben und diesmal sogar ein eigenes Buch, das von Volker Weidermann herausgegeben wurde.
Zwar blieb mir die Lyrik Gottfried Benns immer überwiegend verschlossen, doch als literarische und historische Persönlichkeit seiner Zeit ist er interessant und Illies trägt alle wesentlichen Aspekte zusammen, aber auch die Erkenntnis, dass man Benn außerhalb seiner Gedichte kaum Nahe kommen kann.
Mich interessierte am Buch auch Florian Illies Leidenschaft für diesen Dichter. Seine Gefühle kann man für sich selbst auch auf andere Schriftsteller übertragen, die einem etwas bedeuten. Das ist eine Qualität des kurzen, aber bemerkenswerten Buches, die ich schätze und ich mag das Format.
ein reichhaltiger, epischer Roman
Lektionen von Ian McEwan
Der neue Roman des Superstars der britischen Literatur ist umfangreich und zeichnet das Leben eines Engländers nach, der 1948 geboren wurde, in Libyen aufwuchs, dann in ein englisches Internat kommt. Dort hat er als 13jähriger eine unerlaubte, verstörende Beziehung zu seiner Klavierlehrerin und später, 1987, wird er alleinerziehender Vater, nachdem seine Frau ihn verlassen hat.
Die einzelnen Lebensepisoden von Roland Baines sind so geschildert, dass man als alles nachvollziehen kann. Es bleibt aber überwiegend undramatisch.
Zweifellos hat dieses geschilderte Leben auch viel mit dem Autor selbst zu tun, denn einige Eckdaten decken sich. Dadurch wird es natürlich nicht autobiographisch, denn Roland wird kein erfolgreicher Schriftsteller. Seine Ex-Frau Alissa hingegen schon.
Immer wieder werden bestimmte Aspekte der Zeitgeschichte ins Spiel gebracht: Kubakrise, die weiße Rose, Tschernobyl etc.
So wird es auch ein Buch über die letzten Hundert Jahre Europas.
Da das Buch lang ist, nimmt sich Ian McEwan die Zeit manche Nebengeschichten ausführlich zu erzählen. Zum Beispiel die über seine deutsche Schwiegermutter oder manchmal auch nur Rolands Lektüre des Buches Jugend von Joseph Conrad, dessen Plot man dadurch komplett erfährt.
Manche dieser Abschnitte konnten mich sehr interessieren, andere aber auch nicht. Ein Stück weit ist der Roman verplaudert, aber dieses Lesegefühl gibt sich mit der Zeit und man bleibt doch durch all die Jahre gespannt an der Seite von Roland.
Der Klang der Koto
Die rätselhaften Honjin-Morde von Seishi Yokomizo
Ich bin immer auf der Suche nach neuen Büchern aus dem asiatischen Raum. Der 1902 geborenen Japaner Seishi Yokomizo, von dem ich vorher noch nicht gehört hatte, gehört aber eher zu den Klassikern der Kriminalliteratur. Die Handlung spielt sich 1937 ab.
Das Cover ist zwar bluttriefend, aber ansonsten ist das Buch eher Cozy.
Die bewährte Usrula Gräfe hat die Übersetzung übernommen.
Schon die Erzählweise ist klassisch und absolut prägend. Ein Kriminalautor erzählt den Fall der rätselhaften Honjin-Morde, bei dem ein Brautpaar getötet wurde. Dabei ist der Raum von innen verschlossen und es ist unklar, wie der Mörder herausgekommen sein sollte. Es ist also ein Locked Room Murder Mystery.
Es gefällt mir gut, wie der Erzähler Bezug auf internationale Kriminalliteratur nimmt.
Die teilweise detaillierten Beschreibungen sind überhaupt gut, zum Beispiel die lange Episode der Hochzeit und die der Ermittlung.
Der Privatdetektiv Kosuke Kindaichi kommt erst relativ spät ins Spiel, so in der Mitte des Buches. Er bringt noch einmal Leben in das Buch.
Für mich waren die japanischen Begriffe und Motive interessanter als der eigentliche Mordfall, der mich im letzten Romandrittel wirklich nicht mehr fesseln konnte.
Bewusstsein schaffen
Nehmt uns endlich ernst! von Ananda Klaar
Das Buch hat einen provokanten Titel und noch mehr der Untertitel, aber man sollte den Inhalt dennoch ernst nehmen, denn Ananada Klaar zeigt deutlich die Gefühlslage junger Leute.
Klaar legt teilweise schon sehr deutlich den Finger zielgerichtet in die Wunde, zum Beispiel im Bereich Bildung. Deutlich werden auch die schweren Einschränkungen einer ganzen Generation durch die Pandemie sowie die Härten, die Kinder durchmachen, deren Eltern Hartz4 beziehen.
Es gibt viel Ungerechtigkeiten und die Themen der jungen müssen mehr berücksichtigt werden.
Gesellschaftsporträt
Er ist keiner von uns von Florence Aubenas
Die Autorin Florence Aubenas baut mit ihren Beschreibungen des malerischen Jura viel Atmosphäre auf, aber am meisten wird das Buch durch seine berichtshafte Form geprägt. Man merkt, dass Florence Aubenas Journalistin ist.
Jura ist im Osten Frankreichs gelegen, zwischen Burgund und der Schweiz und wirkt ein wenig isoliert, das gilt verstärkt für das Dorf, in dem 2008 ein Mord passiert und der Schauspieler Gerald Thomassin dafür beschuldigt wird.
Mordopfer ist die schwangere Postangestellte Catherine Burgod, die Teil der „Bande von der Post“ war. So nannten sich eine Reihe von sympathischen Frauen, die lange schon miteinander befreundet sind.
Man sollte den Roman auf keinen Fall als Krimi abtun, auch ist es keine rein journalistische Arbeit. Der Mix zusammen mit den poetischen Beschreibungen der Umgebung und der Menschen ergeben ein Porträt einer Gesellschaft.
Über die Autorin der Glasglocke
Jeder sollte zwei Leben haben. Sylvia Plath von Simone Frieling
Simone Frielings Biografie über die amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath ist interessant und auch ohne große Vorkenntnisse lesbar, wobei Leser, die Plath Werk gut kennen, sicher auch einiges mehr erkennen.
Das Buch hat Atmosphäre wie die Texte von Sylvia Plath, die neben Lyrik der einzige Roman Die Glasglocke ist.
Es gibt auch viel über Ted Hughes, den untreuen Ehemann von Sylvia Plath, der selbst Dichter war. Es war eine schwierige Beziehung. Das wird im Buch sehr gut herausgearbeitet.
Auch das gelegentlich Stimmen zwischengeschaltet sind, z.B. Susan Sontag, Ulla Hahn oder Ingeborg Bachmann ist effektvoll und passend.
Familiendrama in Norwegen
Das Haus über dem Fjord von Kristin Valla
Das Haus über dem Fjord ist ein eher unspektakuläres Buch. Keineswegs sollte man hier einen Krimi erwarten, dafür hat Kristin Valla literarische Qualitäten und die Spurensuche der Protagonistin Elin hat mehr einen journalistischen Ansatz.
Elin hat im einem Dorf in Nordnorwegen als 10jährige ihren Vater und die Brüder verloren.
20 Jahre später kehren die Erinnerungen an diesen Verlust zurück, als sie zurückkehrt um das Elternhaus zu verkaufen. Sie trifft auch ihren Jugendfreund Ola wieder.
Norwegische Literatur habe ich noch nicht so viel gelesen. Der Schauplatz prägt auch das Buch.
Wegen der Ausgangsposition wird relativ verhalten erzählt. Manchmal herrscht Tristesse vor.
Elin ist dem Familiengeheimnis auf der Spur.
Es ist nicht unbedingt das spannendste Buch, aber es gibt einige gute Formulierungen.
Man muss es nicht bereuen, dieses Buch gelesen zu haben.











