Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Das Nachkriegsdeutschland im Blickpunkt
Findelmädchen von Lilly Bernstein
Findelmädchen ist ein sehr emotionaler Roman, den man sich als Leser kaum entziehen kann. Und auch nicht will, denn die Geschichte ist packend.
Erzählt wird von der 15jährigen Helga und ihren Bruder Jürgen, die in Kriegszeiten von den Eltern getrennt wurden. Nach Jahren in Frankreich nimmt sie der Vater wieder auf, nachdem er kurz zuvor aus russischer Gefangenschaft entlassen wurde.
Es ist dann durchgehend Helgas Blick auf das Nachkriegsdeutschland 1955. Nur einige bewegende Tagebucheintragungen werden beigemengt. Schauplatz ist Köln.
Noch gibt es viele zerstörte Gebäude, aber auch viel Aufbruchstimmung. Es ist ein realistisches Bild der Zeit, so empfinde ich es wenigstens. Es ist auch durchaus nicht unkritisch.
Verherrend aber sind die Zustände in einem Waisenhaus, geführt von Nonnen. Hier werden Kinder noch mit Zuch und Ordnung erzogen bzw. gequält. Das gilt besonders für die kleine Bärbel, da sie schwarz ist.
Hier macht Helga ein Praktikum und fasst Zuneigung zu dem Mädchen. Aber letztlich ist sie auch hilflos.
Interessanterwesie bekommt Helga später eine Stelle beim WDR, die ihr sehr liegt.
Helga funktioniert als sympathische mitleidende Figur, die man ebenso begleitet. Und einige Überraschungen warten noch im Buch!
Eine Porträtmalerin im Wilden Westen
Susanna von Alex Capus
Alex Capus hat schon in vielen Büchern die Vergangenheit erfahrbar gemacht, da er historische Ereignisse erzählerisch zu schildern weiss.
Das gelingt ihm auch in diesem Roman über die titelgebende Susanna, die im 19.Jahrhundert schon als Kind in die USA auswanderte.Dort wurde sie eine bekannte Persönlichkeit, die i zwischen etwas in Vergessenheit geraten ist.
Gut, das Capus an sie erinnert.
Zunächst widmet sich Alex Capus aber noch der Kindheits und Familiengeschichte Susannas in der Schweiz und schafft dabei zusätzliche lebhafte Figuren wie den Pferdekutscher Anton Morgenthalrt, den Deutschen Karl Valentiny und Susannas Eltern.
Susanna selbst ist eine besonders eigenwillige Figur.
Dann kommt der Amerikateil und auch hier sind Capus Beschreibungen zwingend.
Susanna wird Porträtmaler.
Susanna gehört zu Alex Capus besten Büchern.
Ellis und die Albreys
Some Mistakes Were Made von Kristin Dwyer
Some mistakes were made ist die Geschichte von Ellis, die in instabilen Verhältnissen aufgewachsen ist und den Albreys einer befreundeten Nachbarsfamilie in Indiana.
Ellis ist 10 Jahre alt, als sie sich mit dem gleichaltrigen Easton anfreundet und da ihre Mutter oft abwesend ist und der Vater sogar gelegentlich im Gefängnis, schließt sie sich immer mehr Eastons Familie an.
Die Handlung wechselt dann zwischen der Gegenwart und den Vergangenheitsteilen, in denen sie langsam älter wird.
Fast jedes Jahr ihres Alters wird beschrieben und wird zur Orientierung des Lesers vor den Kapiteln angegeben. Dadurch wird eine Entwicklung gezeigt.
Ellis emotionale Lage wird durch ihre Gedanken deutlich und für den Leser gut nachvollziehbar.
Einerseits ist da die Scham der Armut ihrer Familie und der Zuneigung, die sie zu Easton gefasst hat. Es ist auch eine Frage der Zugehörigkeit.
Der Roman hat neben der sozialkritischen und romantische Komponente auch viel Wortwitz, insbesondere zwischen Ellis und Eastons Brüder, die sich oft frotzeln und kappeln.
Die amerikanische Schriftstellerin Kristin Dwyer hat eine gut lesbaren, geschickten Stil. Dabei ist sie sprachlich ansprechend.
In den Marschen
Diese ganzen belanglosen Wunder von Leona Stahlmann
Wer den Ingeborg Bachmannwettbewerb dieses Jahr gesehen hat, kennt schon einen Auszug aus dem Roman.
Der 12jährige Junge Zeno lebt mit seiner Mutter, die aber seit 30 Tagen verschwunden ist, in einer Saline in den Marschen. Es ist ein ungewöhmliches Setting im Marschland. Das ermöglicht kraftvolle Naturbeschreibungen, auch wenn das Ökosystem gestört ist und immer mehr Tierarten aussterben.
Im zweiten Teil des Buches gibt es einen erzählperspektischen Wandel und mit Katt gibt es eine neue Erzählstimme.
Kennzeichnend für den Roman ist eine glasklare, harte Sprache mit schillernen Sätzen.
Teilweise ist es überzogen, zu viele Vergleiche, die zu weit hergeholt sind.
Dann gibt es aber auch viele gute Sätze, die zu überraschen vermögen.
Es ist ein ungewöhnlicher Roman. Begrüßenswert, wenn AutorInnen etwas wagen und die Sprache zur eigentlichen Hauptfigur machen.
Kindheit in London, Jugend in Essex
Tonspuren von Lavinia Greenlaw
Die britische Dichterin Lavinia Greenlaw schreibt in diesem Buch von ihren Erinnerungen an ihre Jugend.
Es ist eine Kindheit und Aufwachsen in den sechziger und siebziger Jahren in Londoin, später in Essex.
Leitmotiv dieses autobiografischen Textes sind Tanz und Musik. Daher hat auch der Text gro0e Musikalität.
Lavinia ist schon als Kind sehr aufnahmefähig und phantasiebegabt. Wenn die Autorin es schafft, das auszudrücken, entstehen die stärksten Passagen.
Manche autobiograisch geschilderte Abschnitte sind auch nicht so außergewöhnlich. Dann konnte mich das Buch weniger packen..
Führend ist die Musik dieser Zeit, besonders in den siebzigern. Lavinia Greenlaw verdeutlicht die Wirkung der Songs auf ihr Leben.
Der Originaltitle The Importance of Music to Girls ist vielleicht besser als der etwas banale deutsche.
Reisen mit leichtem Gepäck: 12 Erzählungen
Reisen mit leichtem Gepäck von Tove Jansson
Tove Jannson, die Autorin von Briefe an Klara, ist eine kluge und geschickte Autorin, wie sie in diesem erzählungsband beweist.
Man erfährt in den Geschichten viel von den Menschen.
Schon die erste Geschichte ist großartig und anrührend. Ein 13jähriges Mädchen aus Japan schreibt Briefe und Gedichte an die bewunderte Autorin.
Darin erfährt man von ihren Sehnsüchten und Träumen, sieht aber allmählich auch eine Entwicklung zum Erwachsenwerden.
Tove Jansson braucht nicht viele Wörter, um sehr viel auszudrücken.
Die nachfolgenden Geschichten sind mehr erzählerisch ausgestaltet. Herausheben möchte ich die Titelgeschichte.
Ebenfalls erwähnenswert ist die kurze, aber eindringliche Erzählung Der "ald.
Meine Lieblingserzählung ist Der Lustgarten, mit einem spanischen Bergorf westlich von Alicante als Schauplatz und einer eindrucksvollen Protagonistin.
Tove Janssen ermöglicht ihren Lesern das Gefühl, mit auf Reisen zu gehen.
Elkes Sinnsuche
Die Ewigkeit ist ein guter Ort von Tamar Noort
Die Ewigkeit ist ein guter Ort ist ein Roman im Umfeld von Kirche und Glauben, aber es ist an keiner Stelle Erbauungsliteratur sondern es ist ein ehrlicher Roman um den Weg einer Frau.
Die niederländisch-deutsche Schriftstellerin und Filmemacherin Tamar Noort hat ihren Roman gut verfasst und findet einige ausgezeichnete Formulierungen um den emotionalen Zustand der Hauptfigur darzustellen.
Elke ist in eine Lebenskrise geraten. Sie gerät als angehende Pastorin auch in eine Glaubenskrise, es fallen ihr sogar Worte von Gebeten nicht mehr ein.
Ihre Stelle als Seelsorgerin kann sie nicht mehr ausfüllen, mit ihrem Freund Jan versteht sie sich auch nicht mehr so gut und ob sie als Nachfolgerin ihres Herzkranken Vaters,,der Pastor ist, taugt, weiß sie nicht.
Diese Orientierungslosigkeit verdeutlicht die Autorin anhand zahlreichen Szenen, die Elke immer mehr zweifeln lassen.
Als Leser versucht man Elke und ihre Situation zu verstehen. Da ist zum Beispiel die Leerstelle in der Familie. Ihr Bruder ertrank vor langer Zeit.
Da der Roman Elkes Sinnsuche als Prozess zeigt, wird ein Verstehen auch möglich und das Buch konnte mich wirklich überzeugen.
autobiografisch geprägte Literatur
Eine Feder auf dem Atem Gottes von Sigrid Nunez
Die US-amerikanische Autorin Sigrid Nunez hat schon viele bemerkenswerte Bücher geschrieben (z.B. Der Freund, Sempre Susan).
Daher bin ich froh, dass nun auch ihr erstes Buch von 1995 in Deutsch neu aufgelegt wurde. Es ist ein sehr autobiografisches Buch.
Darin erzählt Nunez von ihrer Herkunft, von ihren Eltern.
Ihr Vater war in Panama geboren und Chinese, ihre Mutter war Deutsche.
Zusammen gingen sie in die USA. Doch die Herkunft prägt die Familie und ihr Leben in den USA.
Das erste, relativ kurze Kapitel ist dem Vater gewidmet. Es ist ein Porträt mit Lücken, da der Vater ein schweigsamer, zurückhaltender Mensch war.
Der zweite Teil gehört der Mutter und aufgrund deren charakterlichen Veranlagung wird das Buch wesentlich lebhafter.
Immer hat die Mutter eine Sehnsucht nach Deutschland behalten.
Beide Elternporträts halte ich für überaus ehrlich und von außerordentlich starker Wirkung.
Dann beschreibt Nunez ihre eigene Kindheit. Da die beiden ersten Teile so stark waren, verblasst dieser Abschnitt im Vergleich ein wenig.
Im vierten, wieder interessanteren Teil geht es um Vadim, einen russischen Mann, in den Sigrid sich verliebt hat.
Mit ihm wird eine weitere Immigrationsgeschichte geschrieben.
Eine Feder auf dem Atem Gottes ist zwar autobiografisch, aber es ist auch ganz klar Literatur und ich bin froh, es gelesen zu haben.
Geschichten des Alltags
Kummer aller Art von Mariana Leky
Kummer aller Art besteht aus einer ganzen Reihe kurzer Geschichten, die nur thematisch miteinander verlinkt sind. Erzählt wird von psychologischen Themen, wie Ängste, Schlaflosigkeit, Liebeskummer etc.
In der Regel ist aber ein humorvoller, ein leicht ironischer Erzählton vorherrschend, die die Geschichten auch amüsant machen.
Einige Figuren tauchen öfter auf, wie z..B. die Erzählerin, der Nachbar Herr Pohl und seine Zwergpinschermischling Lori, der Cafébesitzer Achim, Onkel Ulrich und noch ein paar.
Da alle Geschichten, die ursprünglich als Kolumnen erschienen waren, eine ähnliche Machart haben, empfiehlt sich eine häppchenweise Lektüre.
Das Buch ist vielleicht ein wenig harmlos, aber es hat mich gut unterhalten und am Ende merke ich, dass ich die liebgewonnen Figuren vermisse.
aufwühlend
Aline von Charles Ferdinand Ramuz
Ein Klassiker der französsischsprachigen Schweizer Literatur, der sich modern liest und auf ganz starke Art Emotionen erzeugt.
Die jungen Aline und Julien erleben eine aufwühlende Liebesgeschichte, doch die Liebe hat nur bei einer von ihnen Bestand.
Als Leser bleibt man nicht unberührt. Im Gegenteil war ich unerwartet berührt von der Geschichte.
Es ist C.F.Ramuz erster Roman, der gleich ein großer Erfolg wurde und den Schriftsteller den Weg ebnete.
Zu Recht gilt er als ganz großer Autor!
Das Buch schließt mit einem bemerkenswerten Nachwort von Daniel Maggnetti











