Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Stoizismus
Bullauge von Friedrich Ani
Bei Bullauge spielt zwar ein Polizist die Hauptrolle, aber es ist kein Krimi. Der Protagonist Kay Oleander wurde auf einer Demonstration durch einen Flaschenwurf verletzt und verlor ein Auge. Das nimmt ihn mehr mit, als er nach Außen zeigt. Friedrich Ani hat schon oft psychologische Momente herausgearbeitet, bei denen die Protagonisten dennoch ihren Stoizismus bewahrten.
So auch hier.
Und das fasziniert mich am, Buch.
Er trifft dann eine Frau, die ebenfalls versehrt ist und die auf der Demo war. Der Verdacht, das sie die Flasche warf ist da, ohne dass es wirklich begründbar ist.
Die beiden finden einen Draht zueinander und die Dialoge des Romans sind wirklich gut, obwohl letztlich die inneren Gedanken bestimmend sind und das prägt das Buch.
Dann im zweiten teil des Romans nimmt die Handlung an Drive auf, es gibt ein paar Szenen voller Action und Überraschungen.
krass
Die Kuratorin von Norbert Maria Kröll
Der Roman lebt von der krassen Hauptfigur, die auch gänzlich die Perspektive einnimmt. Die Österreichische Kuratorin Regina ist meistens zynisch und rabiat, Das kann manchmal amüsant sein, obwohl ich ihr im wahren Leben nicht gerne begegnen würde. Es gibt aber auch verzweifelte Momente mit Selbstmordphantasien.
Doch Reginas provokantes Auftreten dominiert.
Versehentlich wird Regina schwanger und sie beschließt einem mit ihr befreundeten lesbischen Paar das Baby zu überlassen.
Allmählich merkt sie aber, wie das Ereignis beginnt, auch sie zu verändern.
Es ist Norbert Maria Krölls dritter Roman.
Das Buch wird vom Sujet, von der Sprache, die durch Wortwitz hervorsticht und von einer starken Energie geprägt.
Blick auf türkische Einwanderung
Die Optimistinnen von Gün Tank
Denkt man an Gastarbeiter in den siebziger Jahren in Deutschland, denkr man meistens an Männer. Aber es gab auch Frauen.
Nour kam 1972 aus Istanbul in die Oberpfalz. Dort arbeitet sie in einer Fabrik. Später geht sie nach Berlin und wird einen Deutschen heiraten. Ihre Geschichte wird in zeitlicher Distanz von ihrer Tochter erzählt.
Nour ist engagiert und setzt sich für die Rechte der Arbeiterinnen ein. Sie fordert gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und Bildung.
Ereignisse in der Türkei bewegen Nour aber auch in der Ferne.
Die Optimistinnen ist ein Stück deutsch-türkischer Literatur und ein Werk, das wirklich einen Eindruck vermittelt.
Debütroman
Luftpolster von Lena-Marie Biertimpel
Luftpolster ist ein beeindruckender Debütroman, da die Autorin ein schwieriges Thema sensibel behandelt.
Die Protagonistin des Romans hat 2 Schwester, die eine und die andere, wie sie sagt. Als die eine einen Selbstmordversuch unternimmt und in einer psychiatrischen Klinik landet, merkt auch die Erzählerin, dass sie Probleme hat.
In Rückblenden erfährt man z.B. von ihrer Bulimie.
Sie geht in eine psychiatrische Tagesklinik und beginnt eine Therapie. In Momenten, die sie mit anderen Patienten verbringt und in Rückblenden erfährt man von ihrem Bewusstseinszustand und wie es sich langsam verändert.
Das ist gut und nachvollziehbar beschrieben. Gewundert hatte ich mich ein wenig über die überwiegende Kleinschreibung aller Wörter, aber gestört hat mich das nicht.
Das Buch ist sprachlich interessant und lesenswert.
Thriller mit kanadischem Setting
Blutrodeo von Frauke Buchholz
Blutrodeo ist ein unterhaltsamer Kriminalroman vor reizvoller Kulisse in Kanada.
Das Buch lebt von den 2 Protagonisten, der Polizistin Sam Stern und den Profiler Ted Garner. Zwischen ihnen ist von Beginn eine Spannung, die sich in ironischen Wortgefechten löst. Ted Garner ist eine Figur mit Ausstrahlung.
Es gibt zahlreiche Einschübe mit Kapiteln in die Vergangenheit. Die Art wie diese zeitlich versetzten Kapitel gesetzt werden, erinnert mich latent an die Romane von Karin Slaughter.
Überhaupt ist der Roman für mich am Ende mehr Thriller als Krimi.
Roman mit Power
Das leichte Leben von Thomas Melle
Thomas Melle, der zuletzt durch ein Buch über die Beastie Boys aufgefallen war, hat mit Das leichte Leben wieder einen mächtigen Roman vorgelegt.
Es ist ein Buch über ein Paar, dass versucht, dem langweiligen Ehealltag zu entgehen. Kathrin und Jan. er ein Journalist, der zum Boulevard tangiert, sie eine einst ambitionierte Schriftstellerin, die jetzt Aushilfslehrerin ist.
Ihre Lebensläufe sind nicht so geworden, wie einst gedacht.
Und dann gibt es noch den jungen Keanu, Freund der Tochter.
Es ist ein provokantes Buch geworden. Nicht unbedingt ein Vergnügen den Eskapaden der Beteiligten zu folgen. Beim ersten Lesegang war ich teilweise abgestoßen. Erst beim zweiten lesen merkte ich, wie gut Thomas Melle die Handlung komponiert hat.
Es werden einige gesellschaftsrelevante heiße Themen angepackt, z.B. auch lange zurückliegender Missbrauch von Jungen in einem Internat.
Melles Schreibe hat Niveau. So einige Passagen haben große Visualität und sind gut in Szene gesetzt. Auch das Ende ist in aller Konsequenz gut gelungen. Was den Roman außerdem in hohem Maße ausmacht, ist seine Energie.
Sieben Stimmen
Rombo von Esther Kinsky
Rombo von Esther Kinsky ist ein fein und genau geschriebenes Buch über zwei Erdbeben im Jahr 1978 in Italien.
Kinsky entwickelt eine sprachliche Poetik, die sich in einem prägenden Sound entlädt. Einerseits lässt sie sieben Figuren wie Zeitzeugen zu Wort kommen, andererseits bindet sie dazwischen Passagen ein, die die ländliche Umgebung, die Fauna und Flora betrachten.
Aber auch die Stimmen der berichtenden Menschen, die zum Zeitpunkt der Beben überwiegend noch Kinder waren, werden melodiös und zu einem eigenständigen Motiv.
Mit der Zeit wiederholt sich aber viel und das Buch ist auch viel zu lang. Das nahm dem Buch für mich ein wenig an Stärke, doch als Leseerlebnis bleibt es bestehen. Was auch bleibt, ist die Bewunderung für die sprachliche Eleganz der Autorin.
Entwicklungsroman der etwas anderen Art
Anleitung ein anderer zu werden von Édouard Louis
Edouard Louis schreibt immer autofiktional. Sein Leben ist sein Thema.
Eddy will ein anderer werden, um dem bisherigen Leben zu entkommen.
Es ist die Flucht vor der Armut und der Scham, die ihn in seiner Kindheit und Jugend in einem nordfranzösischen Dorf prägten.
Ein paar Jahre lebte er mir Elena zusammen, die ihn mit Büchern, anspruchsvollen Filmen und Kultur vertraut macht.
Gegenüber Elena öffnet und outet er sich schließlich sogar.
Eddy nennt sich jetzt Edouard. Schließlich geht er nach Paris, doch Geld hat er nicht. Deshalb prostituiert er sich sogar.
Durch das Lesen und Schreiben findet er zu sich, das treibt ihn an und das gibt ihm Hoffnung auf ein besseres, abgesichertes Leben.
Edouard Louis schreibt ehrlich, schmerzhaft ehrlich. Das gibt dem Buch etwas gnadenloses. Die Härte macht die Radikalität des Buches aus.
Am Ende aber stehen die Abschnitte von Edouard Louis über seine Bücher. Das gibt der Anleitung dann doch noch etwas versöhnliches.
Die Floristin und die Soldatin
Die Kriegerin von Helene Bukowski
Sensibel erzählte Geschichte über zwei Frauen, die sich seit der gemeinsamer Bundeswehrzeit kennen und auch Jahre später freundschaftlich miteinander verbunden blieben.
Beide scheinen aber auch ihre Schwierigkeiten zu haben. Das zeigt sich besonders bei Lisbeth, deren Perspektive der Roman folgt.
Sie bricht aus ihrem bisherigen Leben aus und wird Floristin auf einem Kreuzschiff. Die Kriegerin hingegen zieht in gefährliche Einsätze in fernen Ländern.
Die Handlung lebt auch davon, dass man sich fragt, was mit ihnen los ist. Das hält den Leser bei der Stange.
Helene Bukowski schreibt konzentriert, der Text bleibt dennoch gut lesbar.
Es überzeugt auch, das zeitlich nicht linear erzählt wird. So wird erst im zweiten Teil geschildert, wie Lisbeth und die Kriegerin sich kennenlernten.
Es ist ein ergreifender, dicht erzählter Roman.
Von Schnee und Büchern
Der betrunkene Berg von Heinrich Steinfest
Der betrunkene Berg ist in bewährtem Heinrich Steinfest-Tonfall geschrieben. Das Setting mit einer Buchhandlung in den Bergen ist Originell und das mal eine Buchhändlerin die Hauptfigur ist, erscheint mir angemessen.
Katharina rettet einen Mann, der anscheinend sein Gedächtnis verloren hat vor dem Erfrieren.
Sie nennt ihn Robert und die beiden lassen sich emotional aufeinander ein.
Als dritte stösst dann die Lawinenspezialistin Linda zu ihnen.
Und schliesslich kehren die Erinnerungen zurück.
Steinfest baut noch einige originelle Ideen ein. Das macht seine Prosa aus.
Bewundernswert auch, wie effektvoll er gegen Ende dramatische Szenen inszeniert.
Fazit: Steinfest at its Best!











