Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Sprachlich stark und mit einem poetischen Ton
Matrix von Lauren Groff
Die amerikanische Schriftstellerin Lauren Groff ist eine Autorin, die nicht in erste Linie historische Romane schreibt, obwohl die Handlung von Matrix im 12.Jahrhundert angesiedelt ist. Doch die Autorin will mehr zeigen als nur eine historische Kulisse. Es geht um Entwicklung und Selbstbestimmung.
Es gibt einen Bezug zu Eleonore von Aquitanien, aber Protagonistin ist Marie de France, die offenbar auch eine historische Persönlichkeit ist.
Viel ist von ihr anscheinend nicht bekannt. Lauren Groff macht aus ihr eine beeindruckende und außergewöhnliche Figur!
Es wird ein längerer Zeitraum betrachtet. Das verleiht dem Buch eine entsprechende Dimension.
Lauren Groff ist stark bei Detailbeschreibungen insbesondere auch dabei, wie alles auf Marie wirkt, zum Beispiel der Eintritt ins Kloster. Ihre Emotionen werden nachvollziehbar. Und man lernt eine Klostergemeinschaft gut kennen, die Marie als Äbtissin weiterentwickeln wird.
Lauren Groffs sprachliche Mittel sind wirkungsvoll.
Wenn sie z.B. schreibt
„Eine daumendicke Schicht aus feinem, glänzendem Eis überzieht die Welt. Der Wind weht eisige Messerklingen herein.“
dann spürt man diese Eiseskälte.
Insgesamt kann man bei Matrix von einem überzeugenden Roman sprechen, wie er einen nicht oft begegnet.
Fünf Bahnen
Die Freischwimmerin von Preethi Nair
Der Roman Die Freischwimmerin ist ein gutes und unterhaltendes Stück Literatur, das den Originaltitel Sari hat.
Das Buch wird sehr durch seine Erzählart geprägt. Die 59jährige Protagonistin ist Icherzählerin und hat einen Hang zur Ironie und Selbstironie, den ich sehr schätze.
Sie steht kurz vor ihren 40 Hochzeitstag und lässt gedanklich Passagen ihres Lebens entstehen.
Dazu gehört Kindheit, ihre erste Liebe Deep, der eine arrangierte Hochzeit mit einem anderen Mädchen eingehen musste, der Weg nach London, die eigene schwierige Ehe.
Es ist eine britisch-indische Literatur. Die Autorin ist in London aufgewachsen und schreibt auch auf Englisch.
Es handelt sich um ein ruhiges Buch, das zwischen Drama und Humor gut ausbalanciert und ausgewogen ist.
Leichter Roman mit schweren Themen
Das Apfelblütenfest,2 Audio-CD, 2 MP3 von Carsten Sebastian Henn
Das Apfelblütenfest ist ein leichter Roman mit schweren Themen. Manchmal ist das genau das richtige für entspannte Unterhaltung.
Das Hörbuch geht 10 Stunden. Das ist eine gute Länge, nicht zu lang, nicht zu kurz, obwohl ich in Mitte dann doch etwwas ungeduldig wurde. Aber das gab sich.
Das Buch lebt von seinen Figuren: Jules, der Calvados produzent und Lilou, die seine Haushälterin wird.
Bevor es zu flach wird, kommen auch harte Themen ins Spiel. Jules muss mit einer schweren Erkrankung zurechtkommen und Lilou wird von einem skrupellosen Mann bedrängt, was sogar in einen sie belastenden Prozess mündet.
Die vielleicht schönste Beziehung des Buches ist die tiefe Freundschaft zwischen Jules und dem alten Claude.
Richard Barenbergs Stimme passt zum Text, seine Sprechweise ist ebenfalls angenehm zu hören. Bisher hatte ich noch kein Hörbuch mit ihm gehört. Aber für die Zukunft werde auf ihn achten und hätte nichts dagegen, wieder ein Hörbuch mit ihm als Sprecher zu hören.
eher enttäuschend
Unsre verschwundenen Herzen von Celeste Ng
Celeste Ng hat mit Was ich euch nicht erzählte und Kleine Feuer überall zwei sehr starke Romane geschrieben und bei dem neuen Buch Unsrer verschwundenen Herzen habe ich blind zugegriffen. Überraschenderweise war das ein Fehler. Zwar ist der Ansatz zu zeigen,m was ein nationalistisch-patriotisches Gesetz in einer Gesellschaft anrichten kann, sehr ehrenwert, aber es wird dadurch auch zu einem Thesenroman.
Der kleine Jonah, oft auch Bird genannt, wächst in dieser Umwelt auf. Sein Vater ist Linguist, seine asiatischstämmige Mutter hat die Familie verlassen.
Es gibt den PACT, Preserving American Culture and Traditions Act.
So etwas wie PACT ist in unserer heutigen Welt eine reale Bedrohung und nicht nur Dystopie.
Übersetzt wurde der Roman aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit und ich vermute darin eine gute Arbeit.
Mich hat das Buch erzählerisch nicht überzeugt. Das hatte ich nicht erwartet, da es halt diesmal kein US-amerikanischer Gesellschaftsroman. Man sollte also seiner Erwartungshaltung anpassen.
Kammerspiel auf dem Meeresgrund
Gespräche auf dem Meeresgrund von Root Leeb
Die Schriftstellerin und Künstlerin Root Leeb hat mit Gespräche auf dem Meeresgrund ein ungewöhnliches Buch mit philosophischen Ansatz geschrieben, dass ich mir trotz des Schauplatzes gut auf einer Bühne vorstellen, mit 3 Schauspielern. Ein wenig wirken die 3 Hauptfiguren so. Der eine, der andere und dir dritte, werden sie zunächst genannt, erst später erfährt man auch Namen.
Es sind drei sehr unterschiedliche Figuren, in den Dialogen kommen sie nicht auf einen Konsens. Ihre Gemeinsamkeit sind eigentlich nur, dass sie offenbar Ertrunkene sind. In ihrem früheren Leben haben sie unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
Zwischendurch zieht Poseidon mit mächtigen Rauschen vorüber. Root Leeb nutzt gerne große Metaphern. Außerdem streut sie ein paar Illustrationen ein.
Ich fand es nicht einfach, zu den Figuren und ihren Themen richtig Zugang zu finden. Man spürt aber die Entschlossenheit der 3, ihren jeweiligen Standpunkt durch Diskussion zu verdeutlichen. Dennoch, das ganze hat etwas künstliches und die wichtigen Themen nehmen schließlich nicht wirklich Gestalt an.
Die Entscheidung
Sanfte Einführung ins Chaos von Marta Orriols
Schon Marta Orriols erster Roman war wundervoll und Sanfte Einführung ins Chaos hat ähnliche Qualitäten. Es geht um die Beziehung eines jungen Paares um die dreißig in Spanien, Marta und Daniel.
Da die Protagonistin den gleichen Vornamen wie die Autorin trägt, liegen autobiografische Einflüsse nahe.
Andererseits ist Marta Fotografin. Dani hingegen schreibt Drehbücher für das Fernsehen.
Ein entscheidender Moment stellt ihre Beziehung auf die Probe. Marta wird schwanger und sie will das Kind nicht bekommen.
Dani hingegen ist für das Kind. Marta Orriols geht unter die Oberfläche und zeigt, wie diese Frage das Paar beschäftigt, wie das auch ihr ganzes Leben in Barcelona, ihre beruflichen Situationen und ihre Beziehung in Frage stellt. Sie machen es sich nicht leicht mit der Entscheidung.
Das Buch ist nachvollziehbar gemacht. Eine Qualität die diese Autorin in hohem Maße besitzt.
Alice und Adrian und das Interview
Catching up with the Carters - In your words von Fam Schaper
Hadrian hat genug vom Reality Star-Dasein und läuft von zu Hause weg. Eigentlich normal, wenn man 5 ist, aber Hadrian ist erwachsen.
Jetzt ist er einer der von der Yellow Press meistgesuchten Promis.
Die Journalistin Alice gehört dazu und kommt in Kontakt mit Hadrian, allerdings nur über Text-Messages und sie hält ihn für jemand anders.
Schnell verstehen sie sich gut und das Spiel der Täuschung wird ernst.
Dieser Plot in nicht unoriginell, obwohl etwas weit hergeholt. Aber es geht schließlich um Romance und soll unterhalten.
Interessant ist dass beide Protagonisten an Wendepunkten in ihrem Leben stehen. Hadrian will dem Rampenlicht entfliehen und selbstbestimmt leben und Alice möchte eine ernsthaftere Journalistin werden. Und beide leiden sie unter Problemen mit ihrer Familie. Das verbinden die beiden.
In der Mitte des Buches endet die Täuschung und der Plot verliert Leichtigkeit und an Charme. Das ändert sich schließlich wieder, als es endlich wirklich zum Interview kommt.
Die Handlung ist okay, aber ein paar Zufälle sind doch zu sehr konstruiert. Stören muss man sich daran nicht.
Fam Schaper konnte mit ihrer Reihe anscheinend einen Riesenerfolg gelandet und das sei ihr gegönnt.
Cassie Ravens Familiengeheimnis
Wer mit den Toten spricht von A. K. Turner
Wer mit den Toten spricht ist der zweite Band um Cassie Raven, die begabte Assistentin der Rechtsmedizin. Sie ist wirklich eine besondere Figur, tough, aber sensibel und mitfühlend. Es macht Spaß, sie durch den Roman zu begleiten.
Diesmal forscht sie über den Mord ihrer Mutter, für den ihr Vater ins Gefängnis ging.
Das ist Jahre her, aber war der Vater wirklich der Täter?
DS Phyllida Flyte ist natürlich auch wieder mit dabei, aber sie nimmt nicht so viel Raum ein wie Cassie. Dennoch ist auch sie ein interessanter Charakter.
A.K.Turner hat eine ruhigen, dialogbetonten Stil und sie lässt ihren Figuren Raum für ihre Gedanken. Diese Form kommt meinem Lesegeschmack sehr entgegen. Manche Leser könnten eventuell Action vermissen.
Dafür hat der Roman viel Atmosphäre und an manchen Stellen mehr als nur ein Thriller.
DS Phyllida Flyte ist natürlich auch wieder mit dabei, aber sie nimmt nicht so viel Raum ein wie Cassie. Dennoch ist auch sie ein interessanter Charakter.
A.K.Turners zweiter Raven&Flyter-Roman ist genauso gut wie der erste.
subtil und sensibel
ich föhne mir meine wimpern von Sirka Elspaß
Normalerweise begegne ich der Gedankenwelt jüngeren Leuten unter 30 nur selten, da diese Generation so introvertiert ist. Die 1995 geborene Lyrikerin Sirka Elspaß gehört dazu und findet in ihrem bei Suhrkamp erschienen Buch „Ich föhne mir die Wimpern“ einige originelle Sprachbilder.
Das gilt besonders für den langen ersten Teil „gedankengänge machen die tollsten moves“ .
Sofort fallen mir Gedichte auf, die auf Essstörungen anspielen. Schon im ersten Teil war die Erzählerin im Krankenhaus und hat überlebt. Ob sie wie angekündigt wirklich den Weg in den nächsten Dönerladen ansteuert, darf man bezweifeln. In weiteren Gedichten wird das Thema berührt.
Es gibt aber auch viele humorvolle Einschläge, z.B. „auf der rolltreppe fahren die handgriffe immer etwas schneller als man selbst.“ oder „und woher weiß die schmerztablette wo es schmerzt“.
Was mich auch anspricht ist „ich kenne viele Wörter und keines davon passt“. Ein bekanntes Gefühl.
Themen wie gendern werden angerissen, ohne plakativ zu werden.
Teil 2 und 3 sind dann Mutter-Texte. Für mich auf Anhieb nicht zu verstehen. Vielleicht werde ich mich ihnen später noch einmal widmen.
Der dritte Teil, der vielleicht der makelloseste im Buch ist, heißt „es gibt blumen die kommen einfach so zwischen den steinen hervor“. Da sind viele sensible und subtile Momente enthalten.
Ich schätze die Lakonie der Autorin, obwohl ich zu einigen Texten keinen Zugang hatte.
Ikonen der Literatur
Ingeborg Bachmann und Max Frisch - Die Poesie der Liebe von Bettina Storks
Über die beiden Literatur-Ikonen Ingeborg Bachmann und Max Frisch ist schon viel geschrieben worden. Bettina Storks hat diesen Roman geschrieben, der ihre Beziehung in den Mittelpunkt stellt.
Aufgrund des Buchtitels befürchtete ich Verkitschung, doch Bettina Storks ist immerhin auch Literaturwissenschaftlerin und stellt den Charakter der Figuren wohl treffend dar.
Das Buch ist aber Teil der Reihe Berühmte Paare - große Geschichten, und damit ist auch die Zielgruppe klar.
Es beginnt 1958. Auch das literarische Werk der beiden fließt mit ein.
Ingeborg Bachmann hat zu dem Zeitpunkt gerade ihr Hörspiel Der gute Gott von Manhattan herausgebracht und arbeitet an Erzählungen, Max Frisch beginnt mit ersten Ideen zu seinem Roman Mein Name sein Gantenbein.
Als Leser bekommt man Lust, sich auch wieder mit den Bücher der beiden zu beschäftigen.
Die Schauplätze der Handlung spielen auch eine große Rolle, vor allen Italien, den Sehnsuchtsort von Ingeborg Bachmann.
Mein Kritikpunkt an Bettina Storks Buch ist aber ihre flache Sprache, die nicht viel literarisches hat und so dem Sujet nicht gerecht wird.
Storks Stärken hingegen sind die Details.











