Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Die Wirkung von Callocain
Blautöne von Anne Cathrine Bomann
Blautöne ist ein in Dänemark angesiedelter Roman mit einem interessanten Thema, das geschickt behandelt wird.
Die Autorin Anne Cathrine Bomann nähert sich dem Thema Trauer mit zwei zeitlich versetzten Handlungsebenen. Zum einen Elizabeth ab 2011, deren kleiner Junge gestorben ist und sie wird schlecht damit fertig.
Dann in der Gegenwart bzw. überraschenderweise darüber hinaus geht es an der Uni um zwei Psychologie-Studentinnen, Shadi und Anne sowie ihr Dozent Thorsten, die sich wissenschaftlich mit Trauer in ihren Auswirkungen beschäftigen. Diese Passagen an der Uni sind keineswegs trocken, denn es geht auch um das Privatleben der Beteiligten. Shadi und Anne sind ziemlich unterschiedlich, nähern sich aber mit der Zeit an.
Das Rätsel um die fatale Wirkung eines Medikamentes eint es sie.
Anne Cathrine Bomann ist selbst Psychologin und ihre Darstellungen daher glaubwürdig. Sie erfasst die seelischen Nöte ihrer Figuren gut und geht feinfühlig damit um. Dabei ist auch die Idee von der Pille, die Trauergefühle erstickt spannend, denn es wird gezeigt,m wie gefährlich das sein kann.
Das Buch ist auch sprachlich stark, genau und geschmeidig. Daher ist der Roman, der auch spannende Momente hat, einfach lesenswert.
Das Jahr der Veränderung
Wovon wir leben von Birgit Birnbacher
In Wovon wir leben zeigt die Österreichische Schriftstellerin Birgit Birnbacher ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema. Das Leben eines Menschen kann sich durch einen einzigen Vorfall ändern.
Die Protagonistin war Krankenschwester und gab aufgrund einer Verwechslung einer Patientin die falsche Spritze.
Die Frau überlebte, aber Julia wird entlassen.
Sensibel zeigt die Autorin den emotionalen Zustand einer Frau und die Lebenssituation im ländlichen Raum. Hinzu kommt die Beziehungsgeschichte zwischen Julia und dem Städter Oskar, die aber eher verhalten bleibt. Auch der nicht mehr junge Vater und der Bruder, der in einem Sanatorium lebt, sind Komponenten in Julias Leben.
Für Julia stellt sich die Frage, gehen oder bleiben?
Birgit Birnbacher findet einen Ton, daher funktioniert die Geschichte. Auch viele Beschreibungen sind stilistisch sauber gemacht. Es ist ein interessanter Roman.
Hans, der Starke
Der Inselmann von Dirk Gieselmann
Der Inselmann von Dirk Gieselmann ist ein Leseerlebnis.
Ein Mann und eine Frau sowie ihr 10jähriger Sohn Hans ziehen auf eine abgelegen Insel.
Dieses Buch ist sprachlich stark und ausdrucksvoll. Für mich ist es eine Überraschung, dass jemand heute noch über so eine Sprache verfügt, die wie eine imposante, kraftvolle Mischung aus Siegfried Lenz und Christoph Ransmayr wirkt.
Beispiel: Die Insel ist der Gipfel eines Bergs, der aus dem Wasser ragt, geformt von einem Gletscher im Winter der Welt.
Mich hatte der Autor schon dadurch, dass er seinem Roman ein Zitat von Tomas Tranströmer voranstellte.
Dirk Gieselmann verzichtet auf einen journalistischen Stil und setzt dafür auf Naturbeschreibungen. Die Umgebung und die Kälte sind übermächtig.
Getragen wird der Roman durch die Eindrücke, die auf den Jungen einwirken. Er ist von der Insel fasziniert. Der Blick eines 10jährigen wird hier glaubhaft wie selten gezeigt.
Doch dann wird er für Jahre von der Insel in ein Internat verfrachtet.
Ort und Zeit werden nicht direkt benannt, aber vermutlich sind es die sechziger Jahre. Das kann man aus Sprache und dem Verhalten der Figuren schließen.
Mit 176 Seiten ist der Roman nicht umfangreich, aber er ist doch prall gefüllt mit sinnlichen, eindrucksvollen Beschreibungen.
Ich denke, dass Buch ist nicht für jeden das Richtige, aber es gibt eine relevante Leserschaft, die ausgehungert nach so einer wuchtigen, melancholischen Sprache ist.
Familiengeschichte über 3 Generationen
Saubere Zeiten von Andreas Wunn
Der Protagonist und Erzähler Jakob Auber hat seine Mutter schon früh verloren. Die Erinnerungen an sie und ihrem Tod in seiner Kindheit prägen die ersten Passagen des Buches, das ich als Hörbuch (erschienen bei Aufbau audio) gehört habe.
Dann in der Gegenwart liegt auch sein Vater im sterben.
Zurück im Elternhaus wird er wieder von Erinnerungen geflutet, auch an die seines Großvaters, der im Nachkriegsdeutschland mit einer Drogerie erfolgreich war, ein Waschmittel zu entwickeln.
Auber mach Sauber wird zum geflügelten Wort, vergleichbar mit Rei in der Tube.
Die Geschichte seiner Familie lässt Jakob nicht los. Er beginnt weiter nachzuforschen, zum Beispiel anhand der Tagebücher und Tonbänder.
Einige Passagen stellen dadurch auch Jakobs Vater Hans in den Vordergrund, später auch den Großvater und zeigt den Werdegang.
Diese Erzählform hat auch seine Fallstricke, funktioniert aber.
Andreas Wunn hat mit Saubere Zeiten ein mehr als ordentliches, weitgehend undramatisches Romandebüt vorgelegt.
Sachbuch eines Historikers
Zeiten der Auflehnung von Aram Mattioli
Zeiten der Auflehnung ist ein interessantes und umfangreiches Sachbuch mit gesellschaftlichen wie politischen Aspekten. Es will eine Geschichte des indigenen Widerstandes in den USA über eine Zeitraum 1911 bis 1992 zeigen.
Darin wird auch auf den Roman Der Nachtwächter von Louise Erdrich über ihren Großvater angespielt.
Da ging es um den Protest gegen das Terminationsgesetz in den fünfziger Jahren. Dieser Roman hatte mich auch zu diesem Buch gelockt.
Es bietet viel, aber leider ist es kein erzählendes Sachbuch. Zwar werden viele Persönlichkeiten der Zeit erwähnt, aber nie so richtig vorgestellt. Streckenweise liest es sich wie ein Lehrbuch, also nicht unbedingt ein Lesevergnügen.
Aber vielleicht darf man da auch nicht zu viel erwarten. Der Autor Aram Mattioli ist in erster Linie Historiker. In seinem Vorwort erläutert e, was ihn zu dem Buch angestoßen hat. Ich halte ihn für einen motivierten Autor.
Schade, dass das Buch 1992 abbricht. Mich hätte die heutige Situation auch noch interessiert.
Erfahrungen und Analyse
Schwarz und Frau von Tsitsi Dangarembga
Schwarz und Frau. Gedanken zur postkolonialen Gesellschaft.
Ein kluges Buch der Preisträgerin des Friedenspreis des deutschen Buchhandels, bei dem sie aus eigenen Erfahrungen in Afrika schöpft und das mit analytischen Überlegungen verknüpft.
Tsitsi Dangarembga ist eine beeindruckende Frau und Autorin.
Mein Interesse wächst, auch einmal einen ihrer Romane zu lesen.
Im Taumel durch die Stadt
Sunset City von Melissa Ginsburg
Sunset City ist ein atmosphärisch dichter Kriminalroman und ein Gesellschaftsporträt vom Leben in der Großstadt Houston.
Charlotte erfährt vom Tod ihrer unsteten Freundin Danielle. Danielle wurde ermordet. Das wirft Charlotte aus der Bahn. Hinzu kommt, dass sie gerade von ihrem Freund verlassen wurde.
Orientierungslos geht Charlotte der Spur ihrer Freundin nach, sucht deren Freunde auf und taucht wie diese ab in einen Taumel von Alkohol, Drogen und Sex.
Es wird in erster Person aus Sicht von Charlotte erzählt, dadurch ist man dicht bei der Figur.
Es handelt sich nicht um einen stringenten Krimi mit Ermittlungen, obwohl es auch einen Detective gibt, der ermittelt. Doch man ist immer bei Charlotte und ihr Weg ist vom Zufall geprägt.Es ist nicht der raffinierteste Kriminalroman, aber die Noir-Motive funktionieren. Melissa Ginsburg Stil sagt mir sehr zu.
Der Roman schafft es, mich als Leser zu packen und ich habe ihn nahezu am Stück durchgelesen.
Brünn, Graz und Davos
Malvenflug von Ursula Wiegele
Brünn, Graz und Davos
Der Roman ist genau geschrieben, wirkt etwas statisch.
Es ist eine Familiengeschichte in zwei Teilen. Zunächst in Zeiten des Krieges, verteilt auf Brünn, Graz und Davos. Im zweiten Teil wird die Nachkriegszeit betrachtet.
Im Mittelpunkt stehen Emma, ihr geschiedener Mann Pavel, die Kinder, die jüngsten unter ihnen sind die Zwillinge Lotte und Fritz.
Dann noch Helga, die älteste Tochter.
Die Kapitel sind kurz, manchmal zu kurz. Dann wird man schon wieder an den nächsten Schauplatz gespült. Mit ein Grund, warum man den Figuren nicht zu nahe kommt. Manche hätten auch einfach noch weiterentwickelt werden, bleiben aber leider zu schematisch.
Hilfreich ist das Personenverzeichnis am Anfang des Buches. Jedoch ist es auch kein gutes Zeichen, wenn ein Roman ein solches überhaupt benötigt.
Ursula Wiegele hat durchaus einen ordentlichen Roman geschrieben, der aber passagenweise zu trocken geraten ist. Das gilt aber nicht für das gesamte Buch. Immer wieder gibt es durchaus emotionale Szenen.
Vielleicht bietet sich Malvenflug für einen zweiten Lesegang an.
Der 18 November
Über die Berechnung des Rauminhalts I von Solvej Balle
Und täglich grüßt das Murmeltier ist ein unterhaltsamer, aber kitschiger Hollywoodfilm.
Die dänische Schriftstellerin Solvej Balle setzt die Idee des immer wiederkehrenden Tages literarisch auf ernste Art um und zeigt, wie das realistisch wirken kann. Es ist ein dröges Leben.
Leider fand ich die Sprache nicht so ansprechend wie erwartet und das Buch bleibt auch thematisch für mich hinter den Erwartungen zurück.
Es ist ein ruhiges Buch. Für ungeduldige Leser nicht das richtige!
außergewöhnlicher Monolog
Anderes kenne ich nicht von Elisa Levi
Anderes kenne ich nicht, beim Trabanten-Verlag erschienen, ist ein Beispiel für innovative spanische Literatur, die vor allen durch eine melodiöse Sprache funktioniert.
Das Buch wurde aus dem Spanischen von Kirsten Brandt übersetzt.
Es ist ein langer Monolog, den die Erzählerin Lea hält. Es ist in einem kleinen Dorf und ihr einziger Zuhörer ist ein fremder Mann, dessen Hund weggelaufen ist und der als Zuhörer herhalten muss.
Durch Leas Erzählung gewinnt man einen Eindruck vom Leben in dem kleinen Dorf. Es gibt nur wenige junge Leute hier und die Möglichkeiten für sie sind begrenzt. Die Sehnsucht ist aber da.
Trotz einer gewissen Tristesse ist es ein stimmungsvoller Text.
Großartig, mit Elisa Levi eine neue, leidenschaftliche Stimme aus Spanien entdecken zu können.











