Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
wann ist zuviel zuviel?
Gym von Verena Keßler
Verena Keßlers neuer Roman ist faszinierend, denn sie lässt den Leser dicht an die Gedanken und Emotionen der Hauptfigur ran und zeigt deren Entwicklung.
Die Protagonistin bewirbt sich in einem Fitnessstudio und wird aufgrund einer kleinen Lüge tatsächlich genommen. Sie hat behauptet, sie wäre eine junge Mutter und diese Lüge muss sie dann dauerhaft aufrechterhalten.
Dennoch macht sie sich gut im Job. Ihr sozial eingestellter Chef Ferhat fördert sie und empfiehlt ihr ein Aufbautraining.
Sie interessiert sich dann auch wirklich fürs Trainieren. Immer mehr steigert sie sich rein und hat Erfolge. Doch irgendwann droht sie die Kontrolle zu verlieren. Es stellt sich die Frage, wann ist zuviel zuviel?
Man erkennt, wie schnell eine positive Entwicklung auch kippen kann.
Das Buch vermag zu fesseln und ich las es nahezu ohne große Unterbrechungen an einem Tag durch.
Die Wüste lebt
Desert Moon von James Anderson
Der Roman wird sehr durch den Ton des Icherzählers geprägt. Ben führt als 1-Mann-Firma einen Lieferdienst in der Wüste Utahs. Er ist ein einfacher, direkter Mann mit einem grimmigen ironischen Humor.
Der Plot konnte mich nicht ganz überzeugen, aber das Setting in der Wüste mit nur wenigen Menschen, die zum Teil kauzig wirken, erzeugt eine eigene stimmungsvolle Atmosphäre.
Familienchronik
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten von Anna Maschik
Dieser Roman mit dem ungewöhnlichen Titel, der sich im Text aber erklärt, ist eine Familienchronik über vier Generationen. Der Blick liegt schwerpunktmäßig auf den Frauen.
Erzählt wird die Geschichte von Alma, der jüngsten in dieser Familie. Der Text beginnt bei den Urgroßeltern und dann über die kommenden Kinder und deren Leben hinweg.
So wird auch mal ein ein ganzes Leben von Geburt bis zum Tod gezeigt. Und die Autorin zeigt, wie sich vieles wiederholt.
Wie die Wiener Autorin Anna Maschik sagt, wollte sie nicht episch schreiben. Daher wirkt einiges fragmentarisch, was aber nicht stört. Die verbliebenen Lücken lassen Spielraum für den Leser. Und der Text wirkt trotz der Form nie sperrig. Der Text wird außerdem durch eine Spur Magie belebt. Diese Magie ist mit der ansprechenden Sprache verknüpft. Ein Stück magischer Realismus der Art eines Gabriel Garcia Marquez, den man in der deutschen Literatur nur selten antrifft. Ein wenig erinnerte mich das Buch an die leider jung verstorbene Helene Adler mit ihren viel bewunderten Büchern.
Es ist zu hoffen, das Anna Maschiks Buch eine ähnlich hohe Anerkennung erhält.
Ein Bellen im Wind
Die Ungezähmten von Gabrielle Filteau-Chiba
Die Ungezähmten ist sowohl ein spannender Roman als auch sprachlich ansprechend. Die Erzählstimme ist dominierend. Als Leser ist man durchgängig bei den Gedanken der Wildhüterin Raphaëlle, die alleine mit ihrer Hündin in den Wäldern lebt und gegen die Wilderer vorgehen will.
Und einer der Wilderer hat es auf sie abgesehen.
Doch Raphaëlle schlägt zurück. Dann ist auch noch eine Lovestory von Raphaelle mit Anouk in die Geschichte integriert.
Der wildromantische Schauplatz Kamouraska, Quebec in Kanada sorgt für viel Atmosphäre. Gabrielle Filteau-Chiba schreibt eindringlich. Als Leser hat man das Gefühl anwesend zu sein.
Wer gerne über Outdoor und wilde Tiere liest, wird in diesem Buch im hohen Maße fündig.
Leben mit Krankheiten und Katze
Junge Frau mit Katze von Daniela Dröscher
Junge Frau mit Katze liest sich wie eine Fortsetzung von Daniela Dröschers wunderbaren, autofiktionalen Roman Lügen über meine Mutter.
Es ist wieder ein gut lesbares Buch, der aus der Sicht der Erzählerin geschildert wird. Sie ist inzwischen Mitte Zwanzig und bereitet sich auf ihre Doktorarbeit vor.
Das ist stressig für sie.
Ela lebt mit ihrem sensiblen Kater Sir Winston und hat mit Leo und deren Kind eine gute Freundschaft.
Ihr Leben wird aber beherrscht von Krankheiten verschiedenster Art, wobei man als Leser nicht genau weiß, ob sie teilweise nicht eingebildet sind.
Es scheint, als wenn die Krankheiten psychologisch mit den Problemen der Familienprobleme der Kindheit bedingt sind.
Das ernste Thema wird aber mit Wortwitz abgemildert.
Auch Elas Mutter hat wieder eine Rolle, wenn auch kleiner als im anderen Buch.
Dröschers Art zu schreiben, ermöglicht Anteilnahme am Leben ihrer Figuren.
Moderner Klassiker
Europäische Erziehung von Romain Gary
Europäische Erziehung ist der erste Roman von Romain Gary, noch im Krieg geschrieben. Die Handlung ist 1942 angelegt. Der 14jährige Januk wird von seinem Vater im Wald versteckt während in Stalingrad die Schlacht tobt. Nach dem Tod des Vaters flüchtet Januk zu den Partisanen und wird dort eine Rolle einnehmen.
Er wird schnell vom Kind zum Mann.
Man merkt dem Buch an, wann er entstanden ist, da ein Roman, der z.B. von einem heutigen Autor in diese zeit gelegt ist, niemals so authentisch sein kann.
Romain Gary zeigt die ganze Härte dieser Zeit.
Gleichzeitig hat das Buch doch auch eine Frische, die vermutlich auch von der neuen Übersetzung gespeist wird.
Unterhaltungsroman mit Krimielementen
Die Bibliothek meines Großvaters von Masateru Konishi
Der Großvater der Lehrerin Kaede ist an Demenz erkrankt, dennoch ist er noch ein scharfsinniger Mann. Ihr Verhältnis zueinander ist liebevoll und eng. Sie teilen auch die Liebe zu Büchern, zum Beispiel den klassischen Kriminalromanen, wie z.B. Cornell Woolrich, Conan Doyle oder Dickson Carr. Das wird wichtig für da Buch, denn Kaede und ihr Großvater sprechen intensiv über rätselhafte Kriminalfälle.
Die Dialoge zwischen den beiden sind brillant und machen einen Großteil des Buches aus. Manchmal gibt es aber auch fast poetische Beschreibungen.
Für japanische Romane ist es typisch, dass die Erzählerin zurückhaltend und nachdenklich ist. Das trifft auf Kaede sehr zu.
Der Krimianteil könnte das Buch für Cozy-Fans interessant machen, aber es ist auch ein Roman mit gefühlvollen Momenten. So ist es in erster Linie ein guter Unterhaltungsroman.
Sozialstudie aus Japan
Das gelbe Haus von Mieko Kawakami
Das gelbe Haus ist eine Art Sozialstudie aus Japan.
Die Protagonistin erfährt von der Verhaftung einer Frau, bei der sie vor 20 Jahren mal gelebt hat. Das löst bei ihr Erinnerungen an diese Zeit aus.
Die Starautorin Mieko Kawakami zeigt ihre Figur Fuyoko mit viel Einfühlungsvermögen.
Doch weitgehend bleibt es in den Beschreibungen auch sachlich.
Gerdae die Dialoge kommen mir zu trocken vor. Es ist ein ruhiges Buch.
Mieko Kawakami konnte mich mit ihren bisherigen Büchern begeistern. Das gelbe Haus ist auch kein schlechtes Buch, doch mir blieben Figuren und Handlung zu distanziert.
Bernadette, die Kleine, die so stark wie ein Bär ist
Bernadette ändert ihr Leben von Barbara Handke
Bernadette ist geschieden, aber ein mütterlicher Typ. Als dann ihre 14jährige Tochter zu ihren Exmann zieht, gerät sie in eine Krise. Wohin jetzt mit ihrer Fürsorglichkeit? Da ist sie froh, dass es ihr unerwartet beruflich möglich wird, für 4 Wochen nach Madrid zu reisen.
Hier trifft sie auf den Fotografen Tom, der aktuell auch familiäre Probleme und eine Trennung hat.
Die Autorin gewährt Tom auch Passagen für sich selbst, während sonst überwiegend Bernadette im Mittelpunkt steht.
Barbara Handke schafft es, dem Leser Zugang zu Gedanken und Emotionen ihrer Figuren, besonders Bernadette, zu ermöglichen.
Bernadette kann in den Wochen in Madrid nachdenken und über ihre Entscheidungen für den Lebensweg reflektieren.
Ich halte den Roman besonders auch auf der Sprachebene für sehr gelungen.
Es ist ein sympathischer Roman, der elementare alltägliche Probleme ernst nimmt.
Vielzahl von Themen
Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich von Kaska Bryla
Die österreichisch-polnische Schriftstellerin Kaśka Bryla bringt in ihrem Buch verschiedene Aspekte zusammen. Zum einen ist es offenbar ein autofiktinaler Text. Es ist ein Corona-Text, ein Vater-Buch, ein Trauerbuch. Es wird über die polnische Geschichte erzählt. Und es ist ein Buch darüber, wie die Erzählerin sich zärtlich um eine am Flügel verletzte Babykrähe kümmert.
Immer wieder geht es fast fließend ineinander.
Durch die Vielzahl dieser Themen wird es in der Summe zu einem einzigartigen und dichten Text.











