Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Triest 1920 - 1946
Bambino von Marco Balzano
Der Icherzähler Mattia war noch ein Kind in Triest, als seine vermeintliche Mutter ihm sagt, das er nicht ihr Kind ist.
Orientierungslos und ohne klare Identität gerät er mit 20 zu den Schwarzhemden. Dort wird er Bambino genannt und findet Zugehörigkeit und bleibt doch ein Außenseiter.
Aufgrund seiner Gewalttätigkeit steigt er in der Gruppe auf.
Mattia ist wahrlich kein Sympathieträger, doch der Autor gestaltet die Figur so, das man nah an ihr dran ist. Umso härter wirken seine Taten, z,B. die Denunziationen in der Zeit der deutschen Besatzung.
Dann folgt 1945 der Einmarsch der jugoslawischen Partisanen. Der Roman zeigt den historischen Wandel in dichter Form.
Kennzeichnend für den Roman ist die fast sinnliche Wahrnehmung der Stadt Triest, aber auch die Schrecken der Zeit. Immer wieder wird Mattias moralischer Kompass geprüft und immer wieder versagt er.
Marco Balzano hat hier sein vielleicht härtestes Buch geschrieben. Man fühlt sich nach dem Lesen wie benommen.
Die Recherche
Heim holen von Katherina Braschel
Ein Roman mit einem relevanten Thema, sehr reserviert geschrieben.
Die ca. 30jährige Lina, deren Großeltern nach Österreich vertriebene Donauschwaben waren, beginnt über diese Wurzeln zu recherchieren und nachzudenken.
Für ihre Mutter ist Lina Recherche nicht einfach zu verkraften, denn sie wusste vieles nicht.
Schließlich reist Lina sogar nach Serbien zu dem ehemaligen Haus des Großvaters.
Katherina Braschel gestaltet ihr Buch sorgfältig und man spürt die Emotionalität ihrer Protagonistin, aber schade, dass so verhalten erzählt wird.
Daressalam
Heim holen von Katherina Braschel
In seinem neuen Roman schreibt Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah gewohnt souverän und gelassen. Er erzählt eine Familiengeschichte in Tansania. Während die ersten Passagen in Sansibar angesiedelt sind, wird schließlich Daressalam Handlungsort.
Im Mittelpunkt stehen drei Menschen, die alle ihre eigenen, wechselnden Kapitel haben und deren Leben fest miteinander verbunden sind.
Karim, Badar, Fauzia.
Durch Gurnahs einfühlsame Figurenführung lernt man die drei gut kennen.
Auch Nebenfiguren gibt der Autor Profil.
Das Hörbuch wird von Richard Barenberg gut gelesen. Seine warme Baritonstimme ist absolut passend. Kein Wunder, dass er dafür als bester Interpret für den deutschen Hörbuchpreis nominiert ist.
Mit knapp 9 Stunden Spieldauer hat das Hörbuch eine angenehme Länge.
Roman aus Kriegszeiten
Dämmerung von Kjell Westö
Dämmerung ist ein bemerkenswertes Buch, das in Finnland Anfang der vierziger Jahre handelt. Dass Kjell Westö hier mehr als nur Unterhaltung abliefert, liegt an der Sprache und den Figuren, die gegen den Strich gebürstet sind. Die Schauspielerin Molly und der Kriegsreporter Henry wirken echt. Ihre Beziehung steht im Mittelpunkt des Buches.
Sind sind in einer beklemmenden und belastenden Zeit, denn es ist Krieg.
Die Perspektiven wechseln zwischen Molly und Henry in langen Abschnitten.
Eine Anspannung durchzieht den Roman. Nicht umsonst ist der Untertitel Roman aus Kriegszeiten.
Im Nachwort sind noch einige Fakten dazu.
Natürlich liest man das Buch wegen den gegenwärtigen Kriegen auch mit Betroffenheit. In der Nachschrift schreibt der Autor, dass er das Buch halb fertig hatte, als 2022 der Angriffskrieg in der Ukraine startet und dass dem Buch eine weitere düstere Kontur gab.
Abschließend möchte ich das großartige Cover erwähnen, dass im unteren Abschnitt sehr detailliert ist und im oberen farblich dem Titel Dämmerung gerecht wird.
Ein Weckruf, den man nicht überhören darf
Der amerikanische Weckruf von Cathryn Clüver Ashbrook
Die deutsch-amerikanische Politikwissenschaftlern Cathryn Clüver Ashbrook ist mir mit ihren klugen Aussagen schon oft aufgefallen, in Gesprächen im Radio oder bei Politiktalkschows im Fernsehen.
Sie ist fähig, Aussagen über den gesellschaftlichen Zustand der USA zu geben. Sie hat profunde Kenntnisse und kann gezielt zusammenfassen und Schlüsse ziehen.
Sie schreibt auch über die erschreckenden Konsequenzen.
Und im letzten Kapitel schreibt sie, wie wichtig es für Deutschland ist, den amerikanischen Weckruf nicht ungehört zu lassen, damit nicht auch hier ein gesellschaftlicher Zusammenbruch folgt.
Das Buch ist nicht umsonst in der Debattenreihe Auf den Punkt. Es kommt genau auf den Punkt!
Die Geschichte der Schwestern
Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani
Trag das Feuer weiter, Leila Slimanis dritter Teil ihrer marokkanischen Familiensaga liest sich herrlich.
Die dritte Generation ist in Form von Mia und Ines da. Sie sind die die Töchter von Aicha und Mehdi. Auch Amine und Mathilde, jetzt die Großeltern sind noch dabei.
Dann auch die extravagante Selma, die die Rolle der bewunderten Tante von Mia und Ines einnimmt.
Alle Figuren haben Klasse, zum Teil wirken sie auch leicht überzeichnet.
Es ist großartig, dass die Autorin die Abschnitte gerecht auf die Figuren verteilt, auch wenn Mia und Ines jetzt die zentralen Charaktere sind.
Mia, die den Anfang als Schriftstellerin in Paris innehat, wird besonders intensiv dargestellt. Sie ist als Jugendliche im Rabat der Achtziger Jahre burschikos, sucht nach ihrer Identität.
Leila Slimani schreibt ausgewogen, detailreich, aber nichts Überflüssiges. Das ist beeindruckend.
Die Tränen des Jägersoldaten
Oxen. Interregnum von Jens Henrik Jensen
Jens Henrik Jensens Oxen ist eine erfolgreiche Reihe, daher gibt es hier mit Oxen. Interregnum schon den siebten Band. Als Neueinsteiger in die Serie habe ich mich etwas schwer getan. Die Handlung ist zwar einigermaßen eigenständig, aber natürlich hat die Figurenentwicklung schon in den früheren Teilen stattgefunden und ist im Prinzip abgeschlossen, Das Trauma von Oxen ist jedenfalls nicht mehr spürbar.
Seine Gelassenheit und seinen inneren Frieden spürt man zum Beispiel im Gesprächen mit seinem Sohn Magnus schon in den frühen Kapiteln. Als Magnus überfallen und schwer verletzt wird, ist Oxen schwer getroffen.
Während mich die Handlung rund um den Sohn überzeugte, blieb mein Interesse an die Spionageanteil gering. Eine Spur Langeweile ist nicht ganz zu vermeiden.
Es ist insgesamt ein überraschend ruhiger Plot.
Literarisch geht es ziemlich gleichförmig zu, aber durchaus passend für skandinavische Thriller.
Meine Empfehlung aufgrund meiner doch sehr verhaltenen Leseerfahrung ist, nicht unbedingt mit diesem Teil zu starten.
5 Erzählungen aus dem Nachlaß
Der Fluss der Zeit von Pascal Mercier
Diese 5 Erzählungen aus dem Nachlaß von Pascal Mercier sind wirklich ein Geschenk. Es sind sorgsam erstellte Erzählungen, sehr sensibel gemacht. Es gibt Einblicke in die Gefühlslage von Menschen in besonderen Situatinen, sei es ein alter Mann, der aus seinem Haus ausziehen muss, wo er sein Leben lang gewohnt hat, oder die Sorge eines Mannes, der auf den Befund einer möglicherweise schweren Erkrankungen wartet.
Auch die Geschichte um den Pianisten, der von seinen Freunden eine Wohnung geschenkt bekommt, ist sehr fein ausgearbeitet. Es ist ein Glück für ihn, aber jetzt gibt es auch das Problem der Verpflichtung zur Dankbarkeit, die die Beziehung zu den Freunden belastet.
Entscheidend ist oft auch die Erzählperspektive, die immer gut und geschickt gewählt ist.
Die Erzählungen passen zueinander. Man hat das Gefühl, sie wären aus einem Guß.
Die WG mit Alex
Lass uns noch bleiben von Saskia Luka
Lass uns noch bleiben von Saskia Luka ist ein Roman, dessen Handlung in Berlin angesiedelt ist und Themen wie Beziehungen, Freundschaft und Einsamkeit in einer Großstadt beinhaltet.
Die verschlossene Anna wurde gerade wortlos von ihrer Freundin Venka verlassen und ihre Stimmungslage ist nicht gut. Sie hat einen Pflanzenladen und eine latente Freundschaft mit dem Antiquar Henning, der auch sehr zurückhaltend ist.
Annas Leben ändert sich erst, als Alex in ihre Wohnung mit einzieht. Alex ist locker und offen. Ganz langsam öffnet Anna sich. Schließlich machen sie sich zusammen auf die Reise, um Venka aufzusuchen und eine Erklärung zu verlangen. Das verläuft zunächst enttäuschend.
Der Roman hat viele gute Ansätze, droht aber immer wieder zu verflachen. Letztlich vergibt die Autorin auch ein paar Chancen, mehr aus der Geschichte zu machen. Es bleibt aber ein lesenswerter Roman.
Nach dem Krieg
Die weiße Nacht von Anne Stern
Anne Stern ist die Königin des historisch angehauchten Kriminalromans der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und ihr neuer Roman ist 1946 in Berlin angesiedelt. Da sie eine erfahrene Autorin des Genres ist, gelingt ihr sofort eine dichte, beklemmende Atmosphäre, denn in Berlin ist es nach dem Krieg sehr hart.
Viele hungern. Die Detailbeschreibungen von Berlin in dieser Zeit legen nahe, dass Anne Stern wieder genau recherchiert hat.
Die Autorin wählt zwei „Typen“ als Hauptfiguren aus. Der versehrte Kriminalkommissar König und die toughe Fotografin Lou. Beide sind von der Nazizeit persönlich unbelastet, dennoch leidtragende. Es wäre auch interessant gewesen, Hauptfiguren zu wählen, die Schuld auf sich geladen haben und damit fertig werden müssen, aber Anne Stern hat es anders geplant und sonst wäre es auch ein ganz anderes Buch geworden. Die Schuldfrage ist dennoch in den Plot integriert. Der Kriminalfall beginnt verhalten, entwickelt sich aber. Es überzeugte auch, wie die Protagonisten agieren und eine gewisse Spannung kann Anne Stern generieren.










