Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Eine Einordnung
Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen von Christien Brinkgreve
Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen von Christien Brinkgreve ist ein ruhiges Buch, dass eine Frau nach dem Tod ihres Mannes zeigt. Man ist dicht an ihren Gedanken.
Immer wieder sind Erinnerungen an ihre lange gemeinsame Zeit eingebunden. Vom ersten Kennenlernen, heiraten, Kinder bis zur Erkrankung und Pflege des Mannes.
Auch ein Jahr nach dem Tod hat die Erzählerin noch nicht mit dem Ereignis abgeschlossen.
Sprachlich bin ich nicht überzeugt, aber Stimmungen werden erzeugt. Es ist ein soziologischre Ansatz zum Thema Verlust und Verarbeitung.
Eine ganz gewöhnliche Familie mit ganz gewöhnlichen kleinen Schwächen
Kleine Schwächen von Megan Nolan
Kleine Schwächen von Megan Nolan ist ein Sozialdrama der besonders intensiven Art. Betrachtet wird eine irisch-stämmige Familie, die in London lebt.
Ein dreijähriges Mädchen ist tot. Des Mordes verdächtigt wird die 10jährige Schülerin Lucy. Ihre Mutter ist die labile Carmel, deren Bruder Richie ist Alkoholiker, dann gibt es noch deren Eltern John und Rose.
Ein Reporter, der den Fall für seine Zeitung ausschlachten will, spricht mit einigen der Familienmitglieder. Hinzu kommen viele Rückblicke, mit denen man die Situation erfasst, in der die Familie lebt. Das Buch ist psychologisch scharfsinnig, in der Gesamtheit wuchtig. Obwohl relativ kurz, enthält es eine Menge. Beeindruckend, aber auch beklemmend!
Adrian Reiter
Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Dieser Roman zeigt das vergangene Jahrhundert anhand eines Mannes, der 1901 geboren wurde. Adrian Reiter, ein Mann, der nicht agiert, sondern beobachtet. Mehrere Begegnungen prägen sein Leben. Es sind Menschen, die vom Krieg zerrüttet und beschädigt sind. Das gilt für den ersten wie für den zweiten Weltkrieg.
Das Buch ist teilweise bedrückend und ich habe lange gebraucht hineinzukommen. Dabei erzählt Norbert Gstrein von Anfang an präzise und mit Intensität.
Aber der Protagonist ist so zurückhaltend und passiv. Erst im dritten und letzten Teil des Buches habe ich das Gefühl endlich angekommen zu sein, als Adrian beginnt sich zu öffnen.
Das Buch ist nicht einfach, aber von Bedeutung, da es zeigt, wie Krieg das Leben der Menschen nachhaltig beeinflusst.
Ein Buch von Relevanz
Sommer 24 von Navid Kermani
Navid Kermanis neues Buch ist eine Art privates erzählendes Essay, dass die Zeit Sommer 2024 beleuchtet. Im Mittelpunkt der Freitod eines Freundes, die Flüchtlingspolitik mit all seiner Unmenschlichkeit und die Arbeit an einer Rede über Thomas Mann. Fast hat es etwas tagebuchartiges, auch erstaunlich emotional.
Und es geht nicht nur um 2024. Auch Allgemeingültiges wird thematisiert.
Ein Reiz des Buches ist, die ganzen Themen zusammen zu bekommen, da die Zusammenhänge nicht so offensichtlich sind.
Ein hartes Buch, aber nicht ohne Komik
7 Arten, eine Katze zu töten von Matías Néspolo
Dieser Roman aus Argentinien hat eine ganz andere Ausstrahlung als Kriminalromane aus den USA oder England.
Es zeigt Lebensumstände in Buenos Aires Elendsvierteln, die geprägt sind von Kriminalität.
Für mich ist es fast mehr eine Milieustudie.
Das Buch wird von der schnoddrigen Erzählstimme von Gringo, wie er genannt wird, bestimmt.
Am Anfang wirkte es in den Dialogen fast wie aus einem Coming-of-age-Roman, aber die Beschreibungen sind gut gemacht.
Es ist ein hartes Buch, hat aber auch komische Seiten.
Ein Nachwort von Peter Henning schließt das Buch!
Ruth und Lea
Gelb, auch ein schöner Gedanke von Nefeli Kavouras
Einen Auszug aus diesem Buch hat Nefeli Kavouras schon beim Bachmannpreis-Wettbewerb gelesen. Jetzt ist der Text ein wenig erweitert, doch inhaltlich und vom Stil ist er gleich geblieben.
Es geht um eine Mutter-Tochterbeziehung und vom Sterben des Vaters.
Ruth pflegt ihren todkranken Mann Georg, die jugendliche Tochter Lea muss mit der Situation zu Recht kommen, aber der lange Sterbeprozess beeinflusst das normale Leben.
Doch Mitte des Buches gibt es einen erstaunlichen Wandel.
Die Erzählperspektiven wechseln zwischen Ruth und Lea ab. Das funktioniert gut. Nur auf einer Seite komt auch Georg zu Wort.
Die Autorin hat einen Ton gefunden und ein lesenswertes Buch geschaffen.
Eine Begegnung und eine Wiederbegegnung
Wer bist du? von Kat Menschik; Monika Helfer
Monika Helfers Bücher sind meistens ziemlich kurz. In diesem Fall würde ich eher von Erzählung sprechen. Eine Erzählung, die von Kat Menschiks hellen, farbigen Illustrationen ergänzt ist. Eine gelungene Kollaboration, schon die zweite zwischen der Autorin und der Künstlerin.
Monika Helfer hat oft autobiografisch über ihre Familie geschrieben (Die Bagage, Vati, Löwenherz).
In dieser Erzählung gibt sie aber vorgeblich das wieder, was ihr eine Frau erzählt hat. Es ist die Geschichte einer Begegnung und einer Wiederbegegnung viele Jahre später. Es ist eine rätselhafte Geschichte, die offensichtliche Lücken hat, da die Erzählerin nicht ganz glaubhaft ist.
Monika Helfer hat das geschickt gemacht. So denkt man noch lange an diese Geschichte.
Ankommen in Maine
Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross
Eine Familie zieht von New York nach Maine. Da gibt es einen Vorfall, der alles ändert. Die 18jährige Schülerin Hazel wird von ihrem Direktor angemacht. Sie sagt nein und entzieht sich. Doch das spricht sich rum und spaltet die Gesellschaft. Viele glauben Hazel nicht und ein Shitstorm steigert sich bis zu antisemitischen Ausmaßen.
Der Roman zeigt sehr gut, wie die Entwicklung ihren Lauf nimmt und was das bei allen Familienmitgliedern auslöst. Doch Hazel geht schließlich selbst an die Öffentlichkeit und behauptet sich.
Ironischerweise kommt Hazels Vater selbst in eine MeToo-mäßige Klemme, als er als Professor vor seiner Klasse über Bill Cosby spricht.
Mich erinnert der Stoff des Buches latent an den Film After the Hunt.
Hazel sagt nein geht dann aber doch seinen eigenen Weg.
Das Buch ist zwar nicht so komplex wie eins von Elizabeth Strout, aber ein richtiger Maine-Roman ist es dann doch noch geworden.
Chih von den Singenden Hügeln
The Empress of Salt and Fortune (Die Chroniken von Chih) von Nghi Vo
Die preisgekrönte Novelle ist im alten China angesiedelt und zeichnet sich durch Sprachwitz und einer ausgeklügelten Erzählweise aus. Es wird der Geschichte einer Kaiserin nachgespürt. Dabei sind die Figuen originell angelegt. Der Kleriker Chih und sein frecher sprechender Wiedehopf Fast Brillant treffen auf eine alte Frau namens Kaninchen, die die Dienerin der Kaiserin war und deren Geschichte wiedergibt.
Die Novelle ist raffiniert gemacht und weitere Teile werden erscheinen, denn es wurde eine Reihe daraus gemacht.
Die Parabel von Al Pacino
Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider
Einige Bücher habe ich schon von Abbas Khider gelesen und Der letzte Sommer der Tauben gehört zu seinen besten.
Wichtig ist die Wahl der Hauptfigur. Der 14jährige Noah ist kein Kind mehr, auch noch nicht erwachsen, dabei aber ein guter Beobachter.
Noah hat ein besonders gutes Verhältnis zu seinem Onkel Ali, ein humorvoller Mann, der die Freiheit liebt.
Beide teilen sie auch die Liebe zu den Tauben, die sie züchten.
Jetzt aber ändert sich alles im Land, als ein Kalifat errichtet wird und alles, was bisher gut und erfreulich war, wird jetzt verboten.
Noahs Vater, der Kleidungsgeschäft hat, darf keine modischen Sachen mehr verkaufen. Das Café vom Onkel muss schließen. Alkohol, Tanz und Kartenspiele sind verboten. Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und müssen sich verhüllen.
Onkel Ali wird schließlich als Oppositioneller verdächtigt und muss verschwinden. Auch Noah gerät in Gefahr.
Der Roman schildert viele düster Begebenheiten, ist aber aufgrund des lebendigen Tonfalls von Abbas Khider nicht hoffnungslos.
Ein großartiger Roman!











