Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Zukunft und Vergangenheit
Fremdes Licht von Stavaric Michael
Fremdes Licht ist ein ungewöhnliches Buch in zwei Teilen:
1. Winterthur und das Ende der Welt
2. Grönland und die Weiße Stadt
Es teilt sich auf in Zukunft und Vergangenheit, und doch sind die Teile miteinander verbunden.
Sowohl die Dystopie um Eliane Duvel als auch der historische Anteil um die Inuk Uni haben Qualitäten.
Es beinhaltet die Besinnung auf die Kultur der Inuit.
Auffällig am Buch ist das phantastische Cover, das viel verspricht und tatsächlich kreiert der Autor Michael Stavaric Sprachbilder von Eis, bittere Kälte und tiefem Schnee.
Vielleicht sind manche Formulierungen etwas überzogen, doch der Stil dürfte mit der Grund dafür sein, dass das Buch auf die Longlist zum Österreichischen Buchpreis gelandet ist.
Die Brüchigkeit der Welt
Wenn es dunkel wird von Peter Stamm
Peter Stamms neues Erzählungsband kommt mir zunächst zahmer vor als seiner bisherigen Bücher. Die Story „Der erste Schnee“ zum Beispiel hat gute Ansätze, wird dann aber zu harmonisch. Das ist etwas unterkomplex. Da hätte man mehr draus machen können.
Die Titelgeschichte ist erwähnenswert weil es einige gute Formulierungen gibt, doch dann läuft sie irgendwie ins Leere.
Sehr schön aber die Geschichte Mein Blut für Dich.
Langsam kommt man dem Thema auf die Spur.
Es sind bestimmte Momente und Erkenntnisse, die das Leben der Protagonisten der Geschichten beeinflussen und verändern.
Meine favorisierten Geschichten sind Die Frau im grünen Mantel und Sabrina, 2019.
Am Ende spürt man ihn doch, den bekannten Peter Stamm-Ton.
Die Abschottung
Die Stadt am Ende der Welt von Thomas Mullen
Die Stadt am Ende der Welt ist Thomas Mullens Debütroman von 2006, der in den USA ca. 1918 angesiedelt ist und die Stadt Commonwealth in einem Ausnahmezustand zeigt. Aus Angst vor der Spanischen Grippe schottet die Stadt sich ab. Zu den bewaffneten Wächtern der Stadtgrenze gehören die Hauptfiguren Graham, der sogar einen fremden erschießt, der sich nähert und der erst 16jährige Philip, der kurze Zeit später vor der gleichen Problematik steht.
Nur ist es bei ihm so, dass er und der fremde Soldat in Kontakt kommen und daher beide außerhalb der Stadt evakuiert werden. Sie kommen ins Gespräch, aber es sind auch Gegensätze und Konflikte da. Gerade diese Abschnitte sind sehr interessant.
Man fragt sich auch, ob der Soldat ein Deserteur oder ein Spion ist.
Philips Gefühle kann man nachvollziehen. Jeden Morgen prüft er sich besorgt, ob er noch gesund ist.
Für seine Recherchen wurde Thomas Mullen preisgekrönt. Ich glaube auch, dass er es schafft, ein glaubwürdiges Porträt dieser Zeit zu zeichnen. Sprachlich ist der Roman durchwachsen, aber Atmosphäre kann man ihm nicht absprechen. Und als Gesellschaftsroman funktioniert es. Es ist daher ein lesenswertes Buch!
Nachhaltigkeit auf allen Ebenen
Heimat muss man selber machen von Sina Trinkwalder
Die Unternehmerin Sina Trinkwalder hat mit „Wunder muss man selber machen“ schon ein Buch über ihre Unternehmensgründung geschrieben. Wer das nicht gelesen hat, dem fehlt ein wenig war. Das neue Buch beschäftigt sich viel mit dem Erfolg nach 10 Jahren ihrer Firma manoma.
Sie ist eine erfolgreiche Unternehmerin, weil sie Ideen und Mut hat und ihre Einstellung, wie sie führt, konsequent durchzuhalten.
Sina Trinkwalder sagt, Sprache ist etwas wunderbares und sie weiß, damit umzugehen und offenbar auch, mit ihren Leuten wirklich und richtig zu reden. Sie gibt auch Beispiele für z.B. rassistische Sprache.
Sie thematisiert überhaupt viele Werte in diesem Buch: Mut, Ehrlichkeit, Umgang mit Neidgefühle, Zusammenhalt.
Ihre Einstellung finde ich sehr gut. Natürlich ist ihr Beispiel nicht gerade flächendeckend im Mittelstand. Aber wer heute noch nur von oben herab führt, wird auf lange Dauer Probleme haben.
Winterwohlbereit
Der Winter des Bären von Kiran Millwood Hargrave
Der Winter des Bären ist ein schön gestaltetes Buch mit Verzierungen auf jeder Seite.
Es erzählt von einem Unsterblichen, genannt der Bär, der einen ewigen Winter ausgelöst hatte. Im Blickfeld des Lesers sind aber Mila und ihre Schwestern und ihr Bruder Oskar. Die Mutter ist tot, der Vater hat die Familie verlassen und so müssen die Geschwister alleine in der winterlichen Welt zurechtkommen.
Das funktioniert bis eines Tages Oskar verschwindet, vermutlich vom Bär entführt und Mila macht sich zusammen mit ihrer kleinen Schwester Pipa und mit dem Zauberer Rune auf den Weg, ihn zu finden. Der zweite Teil behandelt ihre beschwerliche Reise in den Norden. Das Finale erfolgt in Thule.
Die englische Schriftstellerin Kiran Millwood Hargrave arbeitet dabei die Emotionen ihrer Figuren gut heraus. Sie nutzt vom folkloristischen und mythologischen beeinflusste Mittel.
Sprachlich besitzt sie eine ansprechende Eleganz, die sich auch in vielen Detailbeschreibungen ausdrückt.
Wirklich ein wundervolles Buch!
Schuldig auf Verdacht
In der Hitze eines Sommers Roman. Kartoniert. von Flint Emma
Es ist 1965 in den USA und das Frauenbild der Gesellschaft vorgeprägt. Daher ist die zweifache Mutter Ruth Malone, die von ihrem Mann getrennt lebt und wechselnde Männerbekanntschaften hat, als Femme Fatal gebrandmarkt.
Als ihre kleinen Kinder verschwinden, gerät sie unter Verdacht. Ihre vierjährige Tochter wird tot aufgefunden, der Junge bleibt verschwunden.
Detective-Sergant Devlin ermittelt gegen sie.
Auch von der Presse wird sie im „Malone-Fall“ vorverurteilt.
Der noch unerfahrene Reporter Pete Wonicke arbeitet für den Herald und er ist der einzige, der an Ruth Unschuld glaubt.
Emma Flint lässt die schwelende Spannung immer mehr glimmen. Ein Touch von Real Crime ist enthalten. Tatsächlich ist der Stoff von einem realen Fall inspiriert.
Die beschriebenen Abläufe bei der Polizei- wie Journallisten-Arbeit sind glaubwürdig geschildert. Das gilt auch für die Gerichtsverhandlung, die das Finale des Romans bildet.
Das ist ein ganz geschickt gemachter Roman, der den Themen Doppelmoral und Vorverurteilung auf die Spur kommt.
Die Gangster von Guam tragen keine Anzüge
Heißes Blut von Un-Su Kim
Der erste Roman von Un-Su Kim, der ins Deutsche übertragen wurde, hieß Die Plotter. Das war ein koreanischer Thriller, der knallhart war. So zynisch, rasant und wild hat es kaum einen vor ihm gegeben. Heißes Blut geht in die gleiche Richtung, ist aber nicht ganz so explosiv und betont das ironisch-spöttische sowie das Schicksalhafte der Figuren noch mehr.
Es ist ganz und gar eine Geschichte im Gangstermilieu, deswegen kann man die Figuren auch nicht verurteilen. Sie sind in das Milieu hineingeboren, schon ihre Väter haben hier gelebt. Und sie haben keine Wahl. Das gilt auch für den Protagonisten Huisu. Und auch seine Freundin Insuk kann sich dem Schicksal als Prostituierte nicht entziehen.
Un-Su Kim nutzt die Ästhetik des Gangsterfilms der neunziger Jahre um seinen Roman entsprechend zu gestalten.
Gehobenes Mittelmaß
Bis wieder einer weint von Eva Sichelschmidt
Bis wieder jemand weint ist eine Familiengeschichte Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland. Natürlich ist es eine erfolgreiche Unternehmerfamilie und es wird über mehrere Generationen erzählt. Von dieser Art gibt es viele Bücher im Unterhaltungsgenre und fast alle sind gleich gemacht. Aber diese Romane landet normalerweise nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Wie konnte das nur passieren?
Eva Sichelschmidt gestaltet ihren Roman im Prinzip nicht anders als andere. Besonders literarisch finde ich ihren Stil leider nicht, obwohl es gut versteckt ein paar bemerkenswerte Motive gibt.
Zu den verhaltenen Figuren konnte ich keine Zugang finden. Weder zu Inga noch zu Wilhelm, eher noch zu der jüngeren Generation.
Vielleicht unterschätze ich den Roman ja auch, aber für mich war er nur gehobenes Mittelmaß.
Das abgemagerte Rhinozeros
Inniger Schiffbruch von Frank Witzel
Ausgehend von einem Traum über das Haus seiner vor 2 Jahren verstorbenen Eltern durchdenkt der Autor Frank Witzel verschiedene Erinnerungen und Reflexionen über die Familie. In den Kindheitserinnerungen entsteht ein Bild der vergangenen Zeit mit all seinen Merkmalen.
Dabei gibt es einige wirklich gute Formulierungen, auch originelle literarische und philosophische Bezüge, z.
B. Proust, Barthes, Thomas Bernhard, Walter Benjamin, Imre Kertész, Adorno.
Hinzu kommen psychotherapeutische Einsprengsel.
Ich habe das mit Interesse gelesen.
Plot, der sich hinschlängelt
Der Chauffeur von Heinrich Steinfest
Der Chauffeur Paul Klee hat 10 Jahre beim Industriellen Martin Rehberg gearbeitet, doch nach einem schweren Unfall wird er entlassen. Klee trifft eine Frau, mit der er eine Beziehung eingeht und ein Hotel aufmacht.Doch es kommt schließlich noch mal alles anders, als Pauls Partnerin Inoue Sander jemand anders trifft und geht.
Paul Klee hingegen macht sich auf der Suche einem verschwundenen Gast, der früher Kommissar war.
Heinrich Steinfests Roman Die Büglerin hatte mir sehr gut gefallen. Der Chauffeur hat ähnliche Qualitäten, reicht aber nicht ganz ran. Dabei gibt es schon so einige wirklich gute Passagen. Steinfest schreibt manchmal ausgezeichnet, aber nicht alle Plotanteile konnten mich voll überzeugen. Das führt für mich dann zu einem alles andere als geradlinigen Handlungsverlauf. Den hatte Steinfest aber auch nie geplant, immer wieder gibt es neue Ideen, die einfließen und Wendungen, die nicht alle hätten sein müssen.
Was aber voll da ist, ist der typische Steinfest-Ton, der einem am Buch bleiben lässt.











