Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Kurzprosa
Etgar Keret ist wohl der bekannteste Autor der kurzen Prosaform aus Israel und einer der originellsten der Welt.
Die dramatische Titelgeschichte hat mich auf Anhieb umgehauen und ist der Grund, warum ich das ganze Buch lesen wollte.
Es geht um einen verwitweten Mann, der mit seinem kleinen Sohn auf der Straße entlanggeht, als sie plötzlich einen selbstmordgefährdeten Mann auf dem Dach sehen, der springen will.
Tu´s nicht schreit der Vater, doch der Mann hört ihn nicht.
Da hilft nichts außer zu ihm hoch zu laufen.
In den kurzen Momenten auf der Straße und den Weg die Treppe hoch, geht ihm seine eigene Tragödie durch den Kopf. Der Unfalltod seiner Frau, bei dem er am Steuer saß, die Traumatisierung seiner Kinder und jetzt diese Situation.
Das ist dermaßen zwingend geschrieben, dass ich mich nicht einen Moment von der Story losreißen konnte.
Weitere Stories haben ähnliche Qualitäten, sind aber meist ruhiger angelegt.
Sehr mochte ich die Geschichte Todd, in der es um die Kraft des geschriebenen Wortes geht. Tabula Rasa ist eine der Geschichte, die mehrteilig ist, also mehrere Kapitel hat.
Ich mag auch die originellen Titel mancher Keret-Geschichten, z.B. „Das vorletzte Mal, als sie mich aus der Kanone schossen“.
So weit erst einmal. Weitere Geschichten hebe ich mir noch auf, denn es empfiehlt sich, die Geschichten nicht alle sofort hintereinander zu lesen, sonst verpufft die Wirkung mit der Zeit und das wäre wirklich schade.
Fazit: Qualitativ hochwertige und originelle Kurzgeschichten!
Erzählungsband
Das russische Mädchen von Wolf Wondratschek
Wolf Wondratscheks Erzählungsband Das russische Mädchen ist 2005 schon einmal unter dem Titel Saint Tropez und andere Erzählungen erschienen. Die Gründe für die Titeländerung sind mir nicht bekannt, stimme aber zu, da ich finde, dass diese Geschichte um das russische Mädchen wichtiger ist als Saint Tropez.
Es geht um einen Chirurgen, der eigentlich schon im Ruhestand ist, auf Drängen eines jungen engagierten Arztes bereit ist das 18jährige Mädchen zu operieren, das an einem Wirbelsäulenschaden und den damit verbundenen, auch sozialen Beeinträchtigungen leidet.
Die Geschichte ist angelegt, dass man als Leser den beobachtenden Emotionen des Chirurgen folgt.
Ich halte einiges von Wondratscheks Kurzprosa, auch wenn ich zu manchen Texten wenig Zugang finde. Wie z.B. der Story mit dem langen Titel “Ein Tier, wahrscheinlich war ich das, bis Gott zwei Menschen daraus machte”.
Die zweite herausragende Geschichte des Bandes ist Der Feuerwehrmann, die einen emotionalen Wandel beschreibt.
Die Ballade von Johnny
Einer von der Straße von Wolf Wondratschek
Wolf Wondratschek schiebt den Lebensweg des 1942 geborenen Protagonisten Gustav Berger nicht auf Elternhaus oder Umstände sondern auf Veranlagung. Unruhig und rebellisch war er schon als Junge. Aber Zeit und Milieu dürften dennoch seinen Weg vom Halbstarken zum Ganoven mit geebnet haben.
Legendär der große Verriss des Buches beim Literarischen Quartett, damals 1991 noch von Marcel Reich-Ranicki persönlich.
Ich kann diesem Urteil nicht zustimmen, da der Roman doch eine ganz schöne Dynamik entwickelt. Gustav „Johnny“ Berger, der Tabakkönig, ist sicher keine sympathische Hauptfigur, aber das getriebene an ihm wird deutlich. Er kann nicht zurückstecken. Und so geht er seinen Weg und er wird ein König der Bordelle, Peepshows und Spielhallen.
Natürlich ist es so, dass Walter Staudinger, dem das Buch auch gewidmet ist, teilweise Vorbild für Gustav Berger ist, aber Wondratscheks Johnny ist weit mehr geworden. Man kann das Buch trotz der biografischen Bezüge komplett als Roman lesen.
Texte und Zeichnungen
milk and honey - milch und honig von Rupi Kaur
Die 1992 geborene indisch-kanadische Dichterin Rupi Kaur hat mit Mich und Honig ein erfolgreiches Gedichtband geschrieben. Es hat 4 Teile
- der schmerz
- die Liebe
- das zerbrechen
- das heilen
Am Anfang steht die nicht einfache Kindheit, dann die große Liebe, aber auch das Zerbrechen der Beziehung.
Es wird ein langer Abschied, bis am Ende eine Frau steht, die im reinen mit sich selbst ist und alle Seiten der Weiblichkeit feiert.
Auffällig am Buch ist, das Rupi Kaur ihren Illustrationen ebenso viel Raum einräumt wie den Texten. Es ist durchzogen von aussagekräftigen Zeichnungen.
obskure Geschichten
Geschichten mit Marianne von Xaver Bayer
Es sind obskure Geschichten, die der Icherzähler zum Besten gibt. Alle sind verknüpft durch die Hauptfiguren.
Gleich zu Beginn ein Knalleffekt. Während auf der Straße Chaos herrscht, es wird geschossen und Kämpfe zwischen Terroristen und Polizisten toben, sitzen der Icherzähler und seine Freundin Marianne gelassen beim Abendessen.
Die Grenzen zwischen Realität und Phantasie verschwimmen.
Der Kontrast zwischen Gewalt und Frieden in dieser Szene hat seine irritierende Wirkung, der man sich nur schwer entziehen kann.
In den Folgegeschichten geht es ruhiger, aber weiterhin ungewöhnlich zu. Der Effekt verpufft aber langsam.
Manche Passagen, in denen Marianne sich austobt, sind vulgär. Ich persönlich habe viel Distanz zu Xaver Bayers Weltsicht, aber das ist natürlich kein literarisches Kriterium.
Was bleibt ist immerhin bemerkenswerter Wortwitz und Einfallsreichtum.
Setze keinen Punkt an die Stelle, an die Gott ein Komma gesetzt hat von Ryu Shiva
Der koreanische Autor Shiva Ryu ist, glaube ich, eine Neuentdeckung im deutschsprachigen Raum.
Etwas anmaßend wird das Buch im Untertitel Weisheitsgeschichten genannt.
Das Thema Weisheit zu erlangen ist aber sicher zentral in diesen buddhistisch inspirierten Geschichten und manche gefallen mir ganz gut.
Nennen möchte ich z.B. schon den Prolog vom Gott Shiva, der auf einem tibetischen Gipfel lebt und seiner Frau einzigartige Geschichten erzählt und dabei belauscht wird.
Einige Geschichten haben offenbar autobiografische Bezüge. Die Studenten-Szenen sind interessante Stellen im Buch. Gelegentlich werden auch andere Schriftsteller, überwiegend westliche genannt, wie Paul Coelho, Mark Twain, Haruki Murakami, Patrick Modiano, Charles Bukowski, Hesse, Borges und andere.
Viele der folgenden Geschichten von Menschen, die in eine Krise geraten und eine Lösung finden müssen. Und manchmal kann die Lösung aus einfachen Mitteln bestehen. z.B. Häng die Sache nicht so hoch. Auch mit Mantras kann man sich selbst von positiven Dingen überzeugen.
Es gibt auch ein paar schöne Gleichnisse. Manches lernt der Autor auf seinen Reisen in Indien kennen.
Es gibt Kapitel, die sich wie Essays lesen, so etwa „Ein einziger wahrer Satz“ über Ernest Hemingway in Paris. Für mich ein Höhepunkt im Buch.
Ein weiterer Höhepunkt die Geschichte des Dichters über seine Vater.
Es gibt auch Abschnitte, mit denen ich weniger anfangen konnte, z.B. die Jung und Freud-Bezüge oder der Frage Wer bin ich.
Das Buch ist ziemlich abwechslungsreich.
Hannah Arendt und Mary McCarthy
Im Vertrauen von Hannah Arendt; Mary McCarthy
Das Buch beginnt mit einer bemerkenswerten Einleitung, die einerseits das Verhältnis zwischen Hannah Arendt und May McCarthy zeigt anderseits z.B. auch Arendts Wirken mit ihren Büchern in Amerika.
Der Briefwechsel ist umfangreich und nahezu komplett.
Auffällig ist, dass es mehr Briefe von Mary McCarthy als von Hannah Arendt gibt.
Und Mary McCarthy ist für meinen Geschmack zu geschwätzig. Die Arendt-Briefe gefallen mir besser. Ich bin überrascht, wie interessiert und sensibel ihre Briefe sind.
Die Freundschaft zwischen den beiden Frauen halte ich tatsächlich für glaubhaft. Allerdings gibt es wenig philosophisch relevantes. Von der schriftstellerischen Arbeit beider Autorinnen erfährt man aber schon etwas.
Literatur spielt eine Rolle, so tauschen sie sich z.B. über Günter Grass Blechtrommel aus und über den überraschende Literaturnobelpreis an John Steinbeck. Auch Solschenizyn, Rolf Hochhuth, Susan Sontag, Saul Bellow uva. werden erwähnt.
Nebenbei kann man in manchen Passagen auch Entwicklung der Welt erkennen, z.B. der Vietnamkrieg und Watergate.
Das Buch ist aufgeteilt in Zeitabschnitte und es gibt auch zahlreiche informative Fußnoten.
vom sterben
Mutter von Melitta Breznik
Melitta Breznik ist Schriftstellerin und Ärztin, arbeitete in der Psychiatrie und hat mit „Mutter. Chronik eines Abschieds“ ein Buch über ihre 90jährige Mutter geschrieben. Bei der alten Frau wird Krebs ohne Heilungschancen festgestellt. Die Autorin schildert detailliert die letzten Monate, die ihre Mutter zu Hause verbringt.
Die Mutter ist noch geistig klar und eigenständig, aber durch die Krankheit bedarf sie Pflege und das und die Sterbebegleitung leistet Melitta Breznik.
Die Mutter ist eine würdevolle Persönlichkeit, manchmal stur.
Es kommen die Erinnerungen an die Vergangenheit und die manchmal nicht einfache Beziehung zwischen ihnen. Auch Melitta Brezniks Vater, der schon lange verstorben ist, wird mal erwähnt. Über ihn hat die Autorin auch schon geschrieben.
Wie Melitta Breznik ihre Erfahrungen mit dieser Situation beschreibt ist überaus respektvoll und spricht mich auch aufgrund der literarischen Qualitäten sehr an.
Das Buch ist nominiert für den Österreichischen Buchpreis 2020 und ich halte das Buch trotz des Themas für chancenreich.
Fünfter Teil
Hamster im hinteren Stromgebiet von Joachim Meyerhoff
Im fünften Teil seiner erfolgreichen autobiografischen Buchreihe „Alle Toten fliegen hoch“ schreibt der Schauspieler Joachim Meyerhoff von seiner plötzlichen Erkrankung, ein Schlaganfall und dem darauffolgenden Klinikaufenthalt und seiner allmählichen Rekonvaleszenz.
Mich beeindruckt die Detailgenauigkeit seiner Beschreibungen.
Selbst in seiner Situation der Erkrankung beobachtet er genau. In vielen erkennt er auch das komische. Überhaupt ist der Humor von Joachim Meyerhoff großartig. Hinzu kommt die spürbare Zuneigung, die er für die Menschen empfindet, insbesondere natürlich für seine 3 Kinder, die immer wieder eine große Rolle im Buch spielen.
Vergleicht man „Hamster im hinteren Stromgebiet“ mit Meyerhoffs erstem Buch Amerika, sieht man deutlich, wie er sich als Schriftsteller weiterentwickelt hat.
glimmt nur
Das Palais muss brennen Roman. Gebunden. von Spannagel Mercedes
Der Roman ist locker, angenehm verspielt und wirklich amüsant.
Von bitterbösen Sprachwitz, wie angepriesen, würde ich aber nicht gerade sprechen. Einige Dialoge sind zwar toll ironisch, aber insgesamt bleibt der Eindruck des zu harmlosen. Manches wirkt auch zu gewollt.
Mercedes Spannagel Hauptfigur Luise lässt einfach alles auf sich nur zukommen.
Sie agiert meiner Einschätzung nicht wirklich, außer ein paar Aktionen und sich einen Mops namens Marx zu kaufen. Naja.
Die Vorschusslorbeeren für das Debüt waren einfach zu dick aufgetragen. Das schürte eine nicht zu erreichende Erwartungshaltung.
Ich würde das Buch irgendwo im mittleren Bereich bewerten. Kann man lesen, aber das Palais brennt nicht, es glimmt nur ein wenig.










