Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Der Blick der Ethnologin
Menschwerdung eines Affen von Heike Behrend
Menschwerdung eines Affen ist eine großartige Autobiografie, ausdrucksstark und lebendig sowie interessant und spannend.
Beim Titel stutzt man zunächst, doch es ist die 1947 geborene Autorin Heike Behrend selbst, die zunächst den abwertenden Titel Affe erhält, als sie vor Jahrzehnten in Kenia, Ostafrika ankommt, um als Ethnologin zu forschen.
Da warten anfangs einige Fettnäpfchen auf sie. Das betrifft sprachliche Missverständnisse und fehlende Kenntnisse der Sitten und Kultur. Aber sie lernt dazu, nimmt an Ritualen teil und steigt auf der Leiter zur Menschwerdung. Schließlich kann die Fremdheit überwunden werden.
Mir fällt sofort die Sympathie und den Respekt auf, den sie für die Menschen in den kenianischen Tugenbergen hat. Die weiteren Teile des Buches spielen sich überwiegend in Uganda Ende der achtziger Jahre bis 2005 ab, ein bürgerkriegsversehrtes Land, in dem die Forschungs- und Fotoarbeit riskant ist. Heike Behrend forscht im Kriegsgebiet über die Holy Spirit-Bewegung.
Der Verlag Matthes & Seitz hat mit diesem Buch wirklich etwas zu bieten und es ist kein Wunder, dass dieses Buch für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert wurde.
Kampf gegen die Sucht
Beautiful Things von Hunter Biden
Hunter Biden ist der Sohn des US-Amerikanischen Präsidenten Joe Biden.
Im Wahlkampf hatte Donald Trump Hunter öffentlich unfair angegriffen und Joe Biden hatte ihn eloquent verteidigt.
In dieser Autobiografie berichtet Hunter ausführlich über seine Alkohol- und Drogensucht, wahre Exzesse. Er spart hier nichts aus.
Es ist aber auch ein sehr amerikanisches Buch und nahezu unerträglich pathetisch, gerade wenn er sich an seinen verstorbenen Bruder Beau wendet.
Dieses Buch ist für Hunter wahrscheinlich auch Teil seiner Therapie. Ich hatte darauf spekuliert, dass es mehr Bezüge zur US-Politik geben würde, aber das findet leider kaum Raum im Buch.
Man kann für Hunter nur hoffen, dass er jetzt clean bleibt.
brillant
Beautiful Things von Hunter Biden
Ein kurzes Buch, das im Original 2019 im New Yorker veröffentlicht wurde. Und es vermittelt auch das Gefühl einer Erzählung aus diesem Magazin, inklusive der literarischen Kraft und Qualität.
Erzählt wird abwechselnd von M und Q. Das sind die analytisch denkende Margot und der charismatische Quin, die seit langen miteinander befreundet sind und die in der Buch-Branche arbeiten.
Quin ist jetzt von einer MeToo-Aktion betroffen. In einer Petition werfen ihm viele Frauen Übergriffe vor und er steht davor, seinen Job zu verlieren.
Während man in seinen Abschnitten hauptsächlich seine Gedanken und Überlegungen erfährt, wirken Margots Kapiteln wie ein Bericht. Das ist wirklich brillant gemacht und auch sprachlich außerordentlich beeindruckend. Mary Gaitskill versteht es, eine Story zu erzählen.
Dem Geheimnis auf der Spur
Die Schlange im Wolfspelz von Michael Maar
Die Schlange im Wolfspelz von Michael Maar ist ein grandioses Sachbuch über verschiedene Aspekte der Literatur. Betrachtet wird klassische Literatur, aber manchmal auch moderne.
Es ist ein aufregendes Werk, auch eins über das man sich manchmal aufregen kann. Nicht allen provokanten Thesen von Michael Maar stimme ich ohne weiteres zu.
Aber viel ist wirklich originell und Michael Maar ist alles andere als dogmatisch. Michael Maar steigert sich ganz schön rein und zieht den Leser mit in einem Taumel literarischer Fragestellungen über Stil, Metaphern, Bildsprache, Dialoge
Es werden beeindruckend viele, überwiegend deutschsprachige Autoren behandelt: Fontane, Thomas Mann, Canetti, Hemingway, Franz Werfel, Goethe, Grimm, Hebel, Hölderlin, Valery, Heidegger, Heine, Stifter, Storm, Rudolf Borchardt, Anna Seghers, Robert Walser, Kafka, Leo Perutz, Thomas Bernhard, W,G,Sebald, Brigitte Kronauer, Herta Müller, Walter Kappacher, Wolfgang Herrndorf, Botho Strauß, Martin Mosebach, Clemens J.Setz, uva.
Es gibt auch einen Ausflug in die Lyrik.
Ob Maar wirklich dem Geheimnis großer Literatur auf die Spur kommt, kann ich nicht sagen. Aber ich habe viel neues erfahren.
Ein kluges Buch mit viel Humor.
Eine Generation zwischen den Zeiten
Wir dazwischen von Reinhard Großmann
Reinhard Großmann Intention mit Wir dazwischen war es, ein Buch über das Leben einer Generation zu schreiben, die zu jung für den zweiten Weltkrieg war, aber zu alt für die gesellschaftlichen Umbruch der 68ziger-Generation.
Es sind also die Menschen ca. 1934 geboren sind. Betrachtet wird der Zeitpunkt 1984, als viele dieser Generation um die 50 Jahre alt waren.
Der Erzähler ist Englisch- und Geschichtslehrer und befindet sich gerade in einer Ehekrise. Eine weitere Krise ist die schwere Erkrankung des schon erwachsenen Sohnes und der Auszug der Tochter.
Auch die politische Situation dieser Zeit wird betrachtet. Aktuell war damals die Apartheid in Südafrika viel im Gespräch. Ebenso Lech Walesa und die Solidarnosc in Polen. Auch die Aktionen der RAF gab es noch, aber auch die Friedensbewegung. An einen Mauerfall war noch nicht zu denken.
Der Autor bleibt konzentriert am Text. Dann gibt es auch Rückblicke in die Jahre 1945, 1949, 1956
Als biografischer Text funktioniert das Buch, aber ob man dadurch auf eine ganze Generation schließen kann, bezweifle ich. Doch immerhin ist es ein Beitrag dazu und einige prägende Elemente der Zeit werden treffend genannt.
Ela und Timo
Wenn es uns gegeben hätte von Josefine Weiss
Eine unerfüllte Liebesgeschichte, die einst abrupt endete. Doch 8 Jahre später treffen sich Ela und Timo wieder. Die alten Gefühle sind sofort wieder da, aber es ist nicht einfach. Gibt es eine zweite Chance, die Beziehung doch realisieren zu können?
Schließlich versuchen sie es. Dann erfährt Ela von Timos schwerer Herzerkrankung, die tödlich enden kann.
Das klingt wie aus einem Nicolas Sparks-Schmöker, aber hier fehlt glücklicherweise das offensichtliche Kalkül.
Die Realität ist, das Ela nicht damit fertig wird, dass Timo ihr seine Krankheit verschwiegen hat und sie verlässt ihn.
Es wird immer aus Elas Perspektive erzählt und es gibt viele Momente, in denen sie zweifelt, auch an sich selbst. Sie erinnert sich auch an ihre Kindheit, als sie vom Vater verlassen wurde. Das prägte sie.
Die Autorin Josefine Weiss zeigt die Schwierigkeiten einer Liebesbeziehung unter Belastungen. Das hebt ihr Buch aus der Masse heraus.
Ein Erbe in Briefen
In einer Nacht ein ganzes Leben von Olivia Ruiz
Die Französische Sängerin und Schauspielerin Olivia Ruiz nutzt in ihrem Debütroman „In einer Nacht ein ganzes Leben“ einen literarischen Kniff um das Leben einer Frau zu erzählen, die schon als Kind das Exil von Spanien im Bürgerkrieg nach Frankreich erlebte. In Zehn Briefen wird Abuela Ritas ganzes Leben geschildert.
Gelesen werden die Briefe nach ihrem Tod von der Enkelin in einer einzigen Nacht. Diese Erzählmethode funktioniert, hätten für meinen Geschmack aber literarisch anspruchsvoller sein können. Eigentlich kenne ich diese Erzählform hauptsächlich aus Frauen-Unterhaltungsromanen und das hatte ich hier nicht so erwartet, da der Stoff angeblich vom Leben der Familie der Autorin beeinflusst sein sollte. Das heißt aber nicht, dass mir der Roman nicht gefallen hätte, aber man muss seine Erwartungshaltung anpassen.
Am Ende sind die Briefe bzw. das Leben Ritas sind das Erbe für ihre Enkelin, die sich von dem gelesenen getröstet und gestärkt fühlt.
Der Duft der Roseninsel
Die Roseninsel von Anna Reitner
Die junge Berliner Ärztin Liv entflieht ihrem Überdruss für 4 Wochen auf eine bayrischen Roseninsel. Dort ist niemand außer einer Villa und die Rosenstöcke. Sie findet durch Zufall in einem Versteck ein Tagebuch und so wird eine zweite Geschichte in Gang gesetzt, die 1889 von Magdalena erzählt, die isoliert auf eben dieser Roseninsel leben musste.
Sie ist die uneheliche Tochter des bayrischen Königs.
Während mir Liv streckenweise ein wenig überspannt vorkommt, kann man mit Magdalena in ihrer Lagre sofort mitfühlen.
Die beiden Handlungsebenen wechseln sich ab und die Geschichte verdichtet sich immer mehr.
Der Schwachpunkt des Buches sind für mich die lauen Liebesgeschichten.
Dafür finde ich den Schluß des Magdalena-Parts sehr gelungen.
Anna Reitner verwendet einen einschmeichelnden, einfachen Schreibstil, um die Leser in ihre Geschichte zu ziehen. Mit dem Starnberger See in Bayern hat sie einen reizvollen Schauplatz gewählt und es entstehen einige gute Bilder im Kopf des Lesers und man glaubt die Rosen riechen zu können.
Die Erhaltung von Ki
Genki von Nicolas Chauvat
Mir hat von Nicolas Chauvat schon sein Buch „Zen-Lehren der Teemeister“ ganz gut gefallen und auch Genki halte ich für lesenswert. Es enthält die zehn goldenen Regeln aus Japan.
Genki, Arigatou, Jiyu, Mitate, Shinken, Gambaru, Kawakiri, Muda, Baka, Omotenashi
Interessant, diese Begriffe aus dem Japanischen kennen zu lernen.
Such die Form überzeugt. Die Begriffe werden vorgestellt und anhand treffenden Zitaten und Beispielen erläutert. Man kann daraus seine Schlüsse ziehen.
Ein Buch, dass positives vermittelt und behutsam sinnvolle Ratschläge gibt.
Ein Stanserhorn-Roman
Paris von Blanca Imboden
Natürlich ist dieser Roman von Blanca Imboden in erster Linie Frauenunterhaltung, aber ich habe das Buch dennoch gerne gelesen und das liegt in erster Linie an der sympathischen Hauptfigur Judith Flury, deren Gedanken den Plot bestimmen.
Sie ist Bähnlerin bei einer Seilbahn in der Schweiz. Diese Szenen haben mir besonders viel Spaß gemacht.
Judith träumt auch schon seit langer Zeit von einem Besuch in Paris und lernt fleißig Französisch. Aber es dauert lange, bis sie tatsächlich Paris erreicht. Es bleibt in erster Linie ein Stanserhorn-Roman.
Man muss es nicht bereuen, diesen Roman gelesen zu haben. Er wirkt entspannend und ist manchmal amüsant, manchmal auch nachdenklich.










