Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Drachenzeit
Steine schmeißen von Sophia Fritz
Der Roman Steine schmeißen erzählt vom Lebensgefühl von Young Adults.
Sprachlich nimmt es Motive von einem Jugendroman und führt es zu einem zeitgenössischen Bild zusammen.
Dabei steht die Gefühlswelt der Icherzählerin Anna im Vordergrund. Sie hat Verluste erlitten, zum Beispiel den Tod des Vaters und das ihr langjähriger Freund Alex sie verlassen hat.
Viel ist sie noch mit ihrem schwulen Freund Jede zusammen, den sie ebenfalls noch aus der Schulzeit kennt.
Dann gibt es noch Samir und Marie.
Zentral steht ein Silvestertag und -abend, an dem die Freunde zusammenkommen. Das ergibt auch viele bildhaft getextete Passagen.
Die Autorin Sophie Fritz ist 24 und offensichtlich nahe dran an den Figuren und kann die Emotionen und Selbstzweifel glaubhaft darstellen.
Vom provokanten Titel und irritierenden Cover bis zum Stil ist der Roman ausdrucksstark.
Paar in der Normandie
Eine redliche Lüge von Husch Josten
Husch Jostens neuer Rpman ist eine Art Gesellschaftsporträt.
Elises Blick auf ein Französisches Paar, für das sie arbeitet, steht ganz im Mittelpunkt
Elise stammt aus Deutschland, hat einen deutschen Vater und eine Französische Mutter. Darum hat sie eine Affinität zu Frankreich und von den charmanten, intellektuellen Margaux und Philippe ist sie fasziniert.
Mit sprachlicher Eleganz erzählt Husch Josten die undramatische Geschichte.
Dennoch hat mich der Roman trotz der stlistischen Brillanz streckenweise auch gelangweilt.
Mit Büchern durch das Leben
Hier geht's lang! von Elke Heidenreich
In Hier geht’s lang berichtet Elke Heidenreich darüber, welche Bücher sie in den verschiedenen Stadien ihres Lebens gelesen hat. Es geht also nach einer Einleitung mit Kinderbüchern los, z.B. die berühmten Elke-Bücher. Und andere Mädchenbücher.
Schon bald wird es aber hochwertige Literatur wie Die Schatzinsel und Enid Blyton, auch Nesthäkchen und Der Trotzkopf.
Die Cover der alten Bücher sind abgebildet, dadurch wird es ein ansprechendes Buch.
Öfter vergleicht Heidenreich Die Plots der Bücher mit ihren Leben, verleiht dem Buch somit etwas autobiografisches, teilweise erwähnt sie auch Merkmale der Zeit. Das ist aber dezent gemacht. Im Vordergrund bleiben die Bücher.
Spätestens ab Heidenreichs Backfischjahren wird ihre Lektüre hauptsächlich aus Literatur bestehen und hier werden in erster Linie große Autorinnen erwähnt: Francoise Sagan, Colette, Carson McCullers, Ruth Klüger, Christa Wolf und natürlich Virginia Woolf. Es wird auch ausgearbeitet, was davon wichtig wird und warum.
Auch Gedichte spielen eine große Rolle für Elke Heidenreich, zum Beispiel Wisława Szymborska,
Es folgen die Kapitel Die Studentin und Die junge Frau, wo sie merkt, dass sich ihr Lesegeschmack ändert. Und ihre Karriere geht los. Sie schreibt fürs Radio und große Zeitungen. In Die besten Jahre ist schon sehr etabliert. Das zieht sich bis zum Heute.
Es ist ein Buch für Leser, die Elke Heidenreich und die Literatur mögen. Es ist außerdem ein verschenktaugliches Buch, daher kann ich es empfehlen.
Prosa wie ein Gedicht
Am laufenden Band von Joseph Ponthus
Dieser autobiografische wie literarische Bericht ist aufgrund von mehreren Aspekten bemerkenswert.
Zum einen zeigt er einen Ablauf in einer Fabrik und was ein Arbeiter dabei empfindet.
Zwar ist der intellektuelle Joseph Ponthus vielleicht nicht gerade der typische Fabrikarbeiter. Andere, die sich nie außerhalb dieser Branche gewesen sind, reflektieren vermutlich anders, aber immerhin.
Und dann bereichern seine Reflektionen das Buch über das eigentliche Thema hinaus.
Zum anderen ist der Stil des Buches außergewöhnlich und wirklich faszinierend. Es hat die Form eines Prosagedichtes, bleibt aber durchgängig gut lesbar.
Leider ist der Autor dieses Jahr gestorben, mit nur 42 Jahren an Krebs. Was er ansonsten literarisch noch erschaffen hätte, wäre überaus interessant gewesen.
Die Sage
Die Nibelungen von Felicitas Hoppe
Ein deutscher Stummfilm ist der Untertitel, dabei ist doch Felicitas Hoppes überbordene Erzählstimme vorherrschend. Die bekannten Teile der Sage werden durch die Aufführung des Stoffes im Heute nacherzählt, doch es ist nicht die Handlung sondern Ton und Stimmung, die Hoppe erzeugt.
Dem entgegen steht, dass Siegfried, Brunhild, Hagen und andere aus meiner Sicht kaum zu eigenständigen, lebendigen Figuren werden und nicht wirklich Profil erlangen.
Das Buch stand auf der Longlist des deutschen Buchpreises. Das ist für mich okay, aber auch, dass es für die Short List nicht reichte.
Die Welt unter Wasser
Florian, der Karpfen von Siegfried Lenz
Einen bisher noch unveröffentlichten Text von Siegfried Lenz zu veröffentlichen ist löblich, aber man musste noch ein paar andere Texte und ein Vorwort sowie ein Nachwort dazunehmen, um gerade so ein Buch daraus zu machen.
Der Haupttext ist Florian, der Karpfen. Ein Märchen! Ich halte es für Kinder von heute für ungeeignet.
Als Erwachsener Leser hatte ich auch nicht so richtig Zugang, obwohl einige Figuren doch putzig sind. Zum Beispiel der Krebs Hans von Zwickau oder das Brassenmädchen Rosa.
Schließlich gab das wirklich gut gemachte Nachwort einige Erläuterungen,, die auf interessante Themen hinweisen.
Mit Die Fische gibt es dann sogar ein Gedicht, Außerdem eine Festrede
Es dürfte ein Buch für echte Lenz-Fans und für am Maritimen und Tauchen Interessierte sein, aber vielleicht gibt es ja noch mal eine Veröffentlichung von noch unveröffentlichten Lenz-Erzählungen mit mehr Substanz.
Der Debütroman
Deadline von Bov Bjerg
Der Roman erschien erstmals 2008. Es geht um Paula, Übersetzerin, übergewichtig, Ende 30, lebt in ihrer Wahlheimat, den USA.
Sie kehrt kurzzeitig aufgrund dem Grab ihres Vaters und der Krankheit ihrer Mutter nach Deutschland zurück und nimmt ein anderes Lebensgefühl wahr, das zeigt sich durch ein anderes Tempo, denn in den USA muss immer alles schnell gehen.
Immer wieder werden Merkmale der Zeit (im Jahr 2005) genannt. Auch das prägt das Buch.
Wahrnehmung steht im Vordergrund und Bov Bjerg findet die Sprache dafür, dem Ausdruck zu geben. Damit verbunden ist leicht kühle und etwas schwermütige Stimmung.
Bemerkenswert auch das Nachwort von Kanon-Verlag-GründerGunnar Cynybulk, das er aktuell für diese neue Buchausgabe geschrieben hat.
Vergleicht man Deadline mit Bov Bjergs letzten Roman Serpentinen, sieht man, dass er sich weiterentwickelt hat. Aber sein einmaliger Stil ist auch schon in Deadline in ausgeprägter Form vorhanden.
Let love flow like a river
Identitti von Mithu Sanyal
Zuerst wollte ich den Roman nicht lesen, weil ich befürchtete, dass er sich zu plakativ an die Themen des MeToo und Persons of Color hängt.
Doch als der Roman immer mehr Aufmerksamkeit und positive Stimmen bekam und sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, habe ich doch zum Buch gegriffen.
Und tatsächlich ist der Roman gut geschrieben, empathisch in der Figurendarstellung und oft auch witzig.
Die Vorfälle um den Skandal um eine Professorin Saraswati und ihrer kulturellen Aneignung werden von der Studentin Nivedita beobachtet. Als Leser ist man dicht an ihr dran. Sie hat einen deutschen Vater und eine indische Mutter.
Die Sozialen Medien und was sie in Bewegung setzen können, werden in diesem Buch ziemlich genau dargestellt.
Ein rasantes Buch!
Geheimnis auf der Hebrideninsel
Kurz vor dem Vergessen von Alice Zeniter
2 Jahre nach dem Erfolgsroman Die Kunst zu verlieren ist jetzt ein älterer Roman von Alice Zeniter erschienen, der ganz anders konzipiert ist, aber auch ein hohes Niveau hat. Originaltitel ist Juste avant l'oubli, Übersetzerin des Romans ist Yvonne Eglinger.
Das Buch behandelt das Verschwinden eines Schriftstellers und der schwierigen Beziehung eines ungleichen Paares.
Franck ist Krankenpfleger und er ist an einem Zeitpunkt im Leben, in dem er einen Kinderwunsch hat. Seine Freundin Emilie hingegen will ihre Doktorarbeit über einen verschollenen Kriminalschriftsteller machen und befindet sich auf einer Insel namens Mirhalay. Hier hat der Autor Galwin Donnell gelebt und sein Werk erreichte Kultstatus.
Diese Insel ist vermutlich fiktiv, kann aber anderen Hebrideninseln entsprechen.
Es ist auf jeden Fall ein faszinierender Schauplatz und Alice Zeniter nutzt das für bemerkenswerte Beschreibungen.
Beeindruckt hat mich auch, wie Alice Zeniter mit Galvin Donnell einen fiktiven Schriftsteller und sein ganzes Werk so glaubhaft erschafft.
Der Roman funktioniert stilistisch und von den Ideen, aber besonders in der Darstellung einer Beziehung in der Krise.
Johanna brennt
1431 von Sophie Reyer
Sophie Reyer nutzt die Geschichte von Johanna, der Jungfrau von Orleans, um tief in eine Zeit abzutauchen und sich in einen sprachlichen Rausch zu begeben.
1431 ist das Jahr, in dem Jeanne d‘Arc verbrannt wurde.
Der Roman hat einige Rückblenden. So wird beispielsweise Johanna auch als aufgewecktes Kind mit ersten Visionen gezeigt und wie sie später als junge Frau in den Krieg zieht.
Sophie Reyer zeigt Johanna wie sie brennt und wütet.
Der Hauptstrang zeigt sie aber in Gefangenschaft, beobachtet von Nicolas Loyseleur, ihren angeblichen Beichtvater Seine Gedanke über Johanna nehmen auch viel Raum ein..
Schon oft wurde der Stoff verarbeitet, Sophie Reyer fügt ihm keine neuen Akzente zu. Aber sie nutzt ihn, um ein Sprachfest zu feiern.











