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Rezensionen von yellowdog:
Unaufgearbeitete Vergangenheit
Die Dorfchronik von Reinhard Großmann
Der Roman hat ein interessantes Thema. Ein Lehrer schreibt eine Chronik des Dorfes in dem er lebt.
Im Dorf Ebersfall gibt es aber aktuell Konflikte, ob es in einer anderen Gemeinde eingegliedert werden soll und es gibt Streit über ein Grab eines Deserteurs, der im Krieg hingerichtet wurde.
Der Lehrer steht da zwischen den Stühlen.
Eigentlich ist er ein gut gemachter Protagonist der Geschichte, doch wundere ich mich, dass er sich so relativ gelassen verhalten kann, fast distanziert, dabei ist er doch Teil der Gemeinschaft. Doch vielleicht kann er gerade durch diese unabhängige Haltung dem Fall der Vergangenheit besser und objektiver nachforschen.
Ein Nebenplot behandelt das Eheproblem des Lehrers, der von seiner rFrau verlassen wurde, die dann jedoch im Verlaufe der Handlung zurückkehrt. Spannend, ob sie sich wieder zusammenraufen.
Dann gibt es noch den Bruder einer Nachbarin, der nach langer Zeit in Nordwestafrika zurückkehrtt und offenbar ein Geheimnis hat.
Im Großen und Ganzen hat mich dieser Roman deutlich mehr überzeugen können als Reinhard Großmanns letztes Buch „Wir dazwischen“, das eher lahm war.
Durch die Kürze bleibt der leicht überfrachtete Roman aber hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Dennoch kann beeindrucken, dass der 1934 geborene Autor Reinhard Großmann relevante Themen, wie Erinnerungskultur aufgreift und literarisch verdichtet.
Die Abenteurerin
Sehnsucht nach Shanghai von Luo Lingyuan
Von Luo Lingyuan sind schon mehrere Bücher erschienen. Ich habe sie erst jetzt entdeckt und es genossen, ihren Roman Sehnsucht nach Shanghai zu lesen. Das Buch ist eine Romanbiografie und hat Atmosphäre.
1935 ist Shanghai für die Amerikaner und andere Ausländer durchaus ein reizvoller Ort, an dem die höhergestellte reiche Gesellschaft es sich gut gehen lässt.
Auch die Amerikanische Journalistin Emily Hahn fügt sich da zusammen mit ihrer Schwester schnell ein. Sie verliebt sich in den Chinesen Shao Sinmay, der Verleger ist.
Interessant an dem Buch ist, dass es Emily Hahn wirklich gab. Sie lebte von 1905 bis1997, schrieb für das Magazin The New Yorker und war wirklich von 1935 bis 1943 in Shanghai. Mit ihren Biografien und Reportagen über China wurde sie berühmt. Sie war auch z.B. mit Vicky Baum bekannt.
Auch andere Figuren wie Shao Sinmay und den Millionär Sir Victor Saasson gab es wirklich.
Ich glaube, dass Luo Lingyuan dem Leben in dieser Zeit wirklichkeitsnah folgte und damit ein Porträt von einem Teil von Shanghai dieser Zeit schuf.
Shanghai war damals eine Weltstadt, die auch viele jüdische Flüchtlinge aufnahm.
Aber die Lage in China brodelte und 1937 griff die Japanische Armee Shanghai an.
Luo Lingyuan schreibt detailliert und mitreißend über die Ereignisse.
Die Lichtung im Wald
Mama von Jessica Lind
Der Wald als Schauplatz der Handlung ist entscheidend für die bedrohliche Atmosphäre, die sich im Jessica Linds Roman Mama immer mehr und mehr entwickelt.
Das Paar Amira und Josef fahren in die Waldhütte, die zu Josefs Kindheit gehörte. Sein Vater ist im Wald ums Leben gekommen, dennoch hängt Josef an dieser Gegend.
Die Erzählperspektive wird aber von Amira bestimmt.
Sie und Josef haben einen Kinderwunsch und bekommen auch ein Baby, Louisa. Und als sie ca. 3 Jahre später zurück in die Hütte kommen, spürt Amira immer mehr eine Bedrohung. Durch einen mysteriösen fremden Wanderer, durch eine wilde Hündin, die im Wald herumstreift und in der Angst um ihr Kind. Als Leser hat man aber auch Angst, dass Amira selbst, von ihren irrationalen Gefühlen bestimmt, sich zu einer Tat hinreißen lässt. Doch der Verlauf der Handlung lässt viel Interpretationsspielraum und mehrere Erklärungsansätze, ohne das alles aufgeklärt wird.
Wie die Autorin die Romanhandlung mit sparsamen Mitteln immer mehr verdichtet und durch psychologische Momente beklemmende Stimmungen entstehen lässt, ist geschickt und wirkungsvoll gemacht. Ein großartiges Debüt.
Lauter Reden
Nichts als Gutes von Stefan Slupetzky
Zuerst war ich ja skeptisch. Wie können Grabreden Literatur sein?
Aber schon mit der ersten Geschichte konnte der österreichische Schriftsteller Stefan Slupetzky mich überzeugen. Er macht natürlich Geschichten aus den Grabreden. Was da alles erzählt wird.
In der ersten Rede ist ausgerechnet ein Grabredner gestorben.
Sein Kollege und Freund hält dann die Rede und es nimmt eine unerwartete Wende.
Wesentlich distanzierter zum Verstorbenen ist die zweite Rede, Mustermann.
Eher verehrend ist die Rede für einen Kommerzialrat.
Genial die Rede auf den ehemaligen Fußballer, der dann als Samenspender zum Schützenkönig wurde.
Zu meinen Lieblingsreden gehören die auf einen Schriftsteller und die von einem Autisten auf seine Tante, bei der er lebte.
Man merkt, die Geschichten sind doch unterschiedlicher als unerwartet, trotz gleichen Sujet. Aber fast immer ist eine nur manchmal verstecktem spöttische Ironie des Autors zu spüren. Zudem gibt er jeder Rede eine Einleitung. Das vereint die Geschichten dann wieder und macht sie zu einem Ganzen.
13 Erzählungen
Die tristen Tage von Coney Island von Stephen Crane
Der 1900 mit nur 28 Jahren verstorbene amerikanische Sxhriftsteller Stephen Crane verfügte über viel Ausdruck. Das beweist er in den Kurzgeschichten, die hier versammelt sind, z.B. schon bei der Titelgeschichte, die den Anfang macht oder bei Das Feuer. Da wird der Ausbruch eines Brandes beschrieben, überwiegend aus Sicht von Schaulustigen.
Überhaupt haben mehrere Geschichten einen Reportagecharakter. Nicht selten ist etwas theatralisches an den Geschichten.Übertreibungen waren für Stephen Crane ein Mittel seiner Ironie.
Sehr gelungen ist auch das Nachwort von Wolfgang Hochbruck, der auch eine der Stories übersetzte.
Ein Dorf im Osten
Vierunddreißigster September von Angelika Klüssendorf
Der Roman Vierunddreißigster September ist relativ kurz, aber Angelika Klüssendorf Schaft es in Kürze eine dichte Atmosphäre aufzubauen, die ein Dorf im Osten nach der Wende zeigt, damit auch einen gewissen Stillstand.
Im Mittelpunkt steht zunächst ein älteres Paar, Walter und Hilde, die schon lange verheiratet sind.
Wie der Klappentext schon andeutet, wird der schwerkranke Walter von seiner Frau getötet. Das ist aber mehr nur ein Aufhänger durch einen rasch wechselnden Blick auf die Dorfbewohner deren Eigenheiten und Beziehungen zueinander zu erzählen. Dabei ist Walter sogar als Toter noch dabei.
Obwohl Angelika Klüssendorf in ihren frühen Romane Das Mädchen und April den Leser näher an die Hauptfigur kommen lässt, überzeugt Vierunddreißigster September stilistisch und wirkt kompakter als z.B. Juli Zehs Unterleuten.
Prosa wie Poesie
Lieben von Tomas Espedal
Der Roman ist überwiegend in der dritten Person erzählt, doch der Protagonist heißt Ich. Ab und zu fällt der Text auch ins Du.
Es ist eine Methode, um eine gewisse Distanz aufrecht zu erhalten, gleichteitig wird es sehr intensiv.
Streckenweis liest es sich auch wie ein Essay, aber es ist sehr literarisch, also eine Mischung, die beim Leser etwas aufbrechen kann.
Dafür muss man sicher etwas konzentrieren, aber es lohnt sich.
Es wird von alltäglichen Dingen erzählt, aber auch von Lieben und dem Verlust des Gefühls und sehr viel über den Tod. Dem Sterben drängt Ich hin, doch gleichzeitig liebt er das Leben und alles was damit zusammenhängt.
Der Norweger Tomas Espedal ist ein interessanter Schriftsteller.
Die Übersetzung von Lieben erfolgte durch Hinrich Schmidt-Henkel.
Eine winterliche Reise zu den Erinnerungen
Reise durch ein fremdes Land von David Park
Der nordirische Schriftsteller David Park weiß, wie man Atmosphäre aufbaut.
Es wird ein winterlicher Roman, wie man ihn selten liest, obwohl es eigentlich viele Bücher mit winterlichen Setting gibt. Aber David Parks Text ist etwas besonderes.
Ein Mann fährt mit seinem Wagen durch die Winterlandschaft Großbritanniens.
Es ist eine lange Fahrt auf vereisten Straßen. Tom will zu Weihnachten seinen Sohn Luke, der studiert, abholen. Dem Sohn geht es nicht gut, er hat Grippe, was seine Mutter sehr besorgt. Tom ist daher öfter mit seiner Familie am telefonieren.
Aber es gehen ihm auch viele Gedanken durch den Kopf. Dazu gehören auch düstere, wie die an seinen ältesten Sohn Daniel, mit dem es viele Probleme gab.
Durch diesen Mix an Erinnerungen, den Telefonaten und gegenwärtigen Ereignissen auf der Fahrt erschafft der Autor ein Gesamtbild der des emotionalen Zustands des Mannes. Das ist sehr geschickt gemacht und für mich wird gerade dadurch ein wirklich lesenswerter Roman.
Ein Kreis in einem Kreis in einem Kreis
Der perfekte Kreis von Benjamin Myers
Benjamin Meryers hatte mit Offene See einen sehr erfolgreichen Roman.
Der perfekte Kreis liest sich ruhiger, geschlossener.
Die Handlung ist in England 1989 angesiedelt.
Zwei Männer, die sehr unterschiedlich sind, und dennoch Freunde.
Redbone und Calvert. Durch ihre vielen Gespräche lernt man sie ein wenig kennen, aber ganz einfach zu begreifen sind sie auch nicht.
Sie haben ihre eigenen Vorstellungen vom Leben.
Wieder sehr dicht und wirklich gut gemacht sind die Landschaftsbeschreibungen, z.B. das trockene, ausgedörrte Land, der aqumarin wolkenlosen Himmel, der leuchtende Raps und die weitläufigen Felder.
Auch in den fast zärtlichen Dialogen gbt es poetische Momente.
sorgfältig gemacht
Blaue Frau von Antje Rávik Strubel
Das Cover von Blaue Frau ist originellerweise rot und passt dennoch gut zum Buch, das auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2021 steht.
Ich habe mich für die Hörbuchversion entschieden, vor allen weil die Autorin Antje Rávik Strubel den Text selber einliest. So sorgfältig, wie sie schreibt spricht sie auch.
Dabei ragen die Dialoge heraus, besonders die zwischen dem zeitweiligen Liebespaar Adina und Leonides.
Leonides neigt aber dazu, manchmal gestelzt zu sprechen. Adina ist eher zurückhaltend.
Es gibt zahlreiche detailreiche Beschreibungen.
Der komplexe Roman ist anspruchsvoll und mit 12 Stunden Laufzeit ist das Hörbuch streckenweise auch eine Herausforderung, auch wegen den vielen Rückblenden. Überwiegend hat es mir aber gut gefallen.











