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Rezensionen von Bellis-Perennis:
Eine Hommage an wagemutige Frauen
Der Finsternis entgegen von Arne Molfenter; Rüdiger Strempel
Das Autoren-Duo Arne Molfenter und Rüdiger Strempel beschäftigt sich mit einem in Mitteleuropa kaum bekannten und tragischen Kapitel des Zweiten Weltkrieg: Erstmals werden Frauen als Agentinnen und Kämpferinnen von den Briten ausgebildet und u.a. in das besetzte Frankreich gebracht, um gegen das Hitler-Regime im Verborgenen zu kämpfen und mitzuhelfen, den D-Day vorzubereiten.
Bislang ist es Frauen ja nur erlaubt im Sanitätswesen oder anstatt der eingerückten Männer Arbeiten des zivilen Lebens zu übernehmen. In der kämpfenden Truppe waren sie unerwünscht.
Ein Name, der untrennbar mit diesen furchtlosen Frauen verbunden ist, ist Vera Atkins. Vera Mary Rosenberg ist als Tochter eines deutsch-jüdischen Fabrikanten und einer südafrikanisch-britischen Mutter in Galaţi (deutsch: Galatz)im heutigen Rumänien geboren. Ihre Leidenschaft: Lesen von Spionage-Romanen. Anders als viele jüdische Familien erkennen sie die Zeichen der Zeit gerade noch rechtzeitig. Die Brüder emigrieren bereits 1933 nach England. 1939 gelingt es Vera mit dem Rest der Familie über Wien nach Großbritannien zu gelangen. Anfangs staatenlos findet sie recht bald ihren Platz im Kreise der sich konkurrierenden Geheimdienste.
Nachdem ein männliches Agentennetz nach dem anderen von den Nazis aufgespürt und ausgehoben wird, beginnt Atkins Frauen für diese gefährliche Arbeit im Feindesland zu rekrutieren. Von ihren knapp 40 Agentinnen werden 13 nicht mehr zurückkehren. Die meisten davon werden von den Nazis verhaftet, gefoltert und grausam ermordet.
Das Schicksal „ihrer“ Agentinnen lässt Vera Atkins nicht los und so recherchiert sie nach Kriegsende, um den Verbleib der Verschollenen herauszufinden. Sie reist, gegen den Widerstand ihrer eigenen Vorgesetzten, nach Deutschland und stellt Nachforschungen in den diversen KZ an. Sie spricht mit Überlebenden sowie mit einigen der nun inhaftierten Kriegsverbrecher. Es gelingt ihr, den Leidensweg der 13 Frauen zu rekonstruieren. Sie nimmt auch als Zeugin in den diversen Kriegsverbrecherprozessen teil.
Fast 70 Jahre lang waren die Dossiers von Vera Atkins und ihren Frauen unter Verschluss. Das Autoren-Duo hat aus den Akten, die nun in dem National Archivs zugänglich sind, Vera Atkins Biografie und die ihrer Frauen rekonstruiert.
Meine Meinung:
Dem Autoren-Duo ist eine beklemmende und fesselnde Wiedergabe der Lebensgeschichten dieser beeindruckenden Frauen gelungen.
Fernab von jeglichem James-Bond-Klischee, wird der Alltag der Agentinnen dargestellt. Ian Fleming, der Schöpfer von 007 hat hier einige Anleihen für seine Agentenfilme genommen. So ist „Q“, der Erfinder historisch belegt und sein/e „M“ trägt auch Züge von Vera Atkins.
Dieses vor allem in Mitteleuropa wenig bekannte, dunkle Kapitel wird vom Autoren-Duo penibel und ohne Effekthascherei aufgearbeitet. Sachlich fundiert werden die tragischen Schicksale gut lesbar dargeboten. Der historisch politische Hintergrund wird anschaulich dargestellt.
Nicht ausgespart wird auch, dass man in Großbritannien bereist 1939 von KZ und der Ermordung der Juden gewusst hat, aber diese Meldungen nicht ernst genommen hat. Vielleicht wären Millionen Menschen am Leben geblieben, wenn man den Informationen der Agenten mehr Glauben geschenkt hätte.
Fazit:
Das Buch ist eine Hommage an alle jene Frauen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens versucht haben, ihren Beitrag gegen Hitler-Deutschland zu leisten. Eine absolute Leseempfehlung und 5 Sterne.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Top-Krimi aus Frankreich
Chateau Mort von Oetker Alexander
Die hochsommerliche Hitzewelle halt das Aquitaine fest im Griff. Die Freude am alljährliche Marathon de Medoc, an dem viele Läufer bunt kostümiert teilnehmen, findet eine jähes Ende, als zwei Personen zusammenbrechen. Der eine, ein Sous-Prefect kann mit Luc Verlains Hilfe gerade noch einmal ins Leben zurückgeholt werden, für den anderen, den sympathischen Winzer Hubert de Lanegville kommt jede Hilfe zu spät.
Als sich herausstellt, dass noch andere Läufer über gesundheitliche Probleme klagen, die vor kurzem an der Labestation von Lucs Freund Richard einen mit Wasser verdünnten Rotwein erhalten haben, muss sich Luc trotz Sommerhitze mit diesem Mordfall beschäftigen.
Alle Ermittlungen deuten auf eine Verstrickung von Richard hin, zumal dessen Weingut kurz vor der Pleite steht und nur durch den Zukauf von Rebflächen, die ausgerechnet Hubert verkaufen wollte, gerettet werden kann.
Bei seinen Recherchen steht ihm Kollegin Anouk wieder zur Seite, die nach ihrem plötzlichen Verschwinden einfach neuerlich auftaucht. Das blöde ist nur, dass Anouk auf Grund der Indizien Richard für den Täter halt. Nun muss sich Luc zwischen Loyalität zu seinem Freund und seinen Gefühlen zu Anouk entscheiden.
Meine Meinung:
Wie wir es von Alexander Oetker schon aus “Retour” gewöhnt sind, sind einfache Lösungen das Seine nicht. So gibt es auch hier eine Menge Spuren, die früher oder später auf den Holzweg und anschließend in eine Sackgasse führen. Mir gefällt es, wie hier Fährten gelegt und wieder verworfen werden. Denn neben Richard ist noch die Tochter des Opfers und ein weiterer Winzer, der an Huberts Weingut interessiert ist, stark verdächtig.
Doch damit nicht genug, hat Luc Verlain die Qual der Wahl zwischen den Frauen: neben Anouk hat auch Cecilia wieder einen starken Auftritt. Auch die schöne Apothekerin spukt in seinem Kopf herum.
Mir hat vor allem das Lokalkolorit und die vielen Details zum Weinbau dieser Gegend gefallen. Die komplizierte Klassifizierung der Weingüteklassen sind elegant und locker in das Geschehen eingebunden, so dass dies niemals belehrend wirkt.
Die mysteriösen Ansichtskarten, die Anouk und Luc aus Spanien erhalten haben und der Einbruch in Lucs Cabane mit dem Diebstahl der Zigaretten und der Haarbürste, lassen auf eine spannende Fortsetzung hoffen.
Fazit:
Ein Top-Krimi aus Frankreich, dem ich gerne eine absolute Leseempfehlung und 5 Sterne gebe.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Der gelungene Abschluss der Hadrada-Trilogie
Chateau Mort von Oetker Alexander
Wie schon der Titel „Die letzte Schlacht“ andeutet, handelt es sich bei diesem Buch um den dritten und letzten Teil der Trilogie um Harald Hadrada (Harald, der Harte).
Der Einstieg ins Jahr 1042 gelingt mühelos und wir begleiten Harald und seine Männer mitten im Machtkampf von Midgard (Konstantinopel).
Das Volk erhebt sich gegen den verhassten neuen Herrscher und erhält Unterstützung von der Kirche und Harald. Dabei dringen die Norweger über die unterirdische Wasserversorgung in den Palast ein. Die Dankbarkeit der wieder inthronisierten Kaiserin Zoe hält nur kurz und Harald flieht mit seinen Männern Richtung Heimat.
In Kiew trifft er wieder auf Eilisif, die er letztlich heiratet. Je näher die beiden Haralds Heimat kommen, desto mehr macht sich Harald Gedanken über den Thron. Doch den hat sein Neffe Magnus inne. Blöderweise scharen sich einige intrigante Jarls rund um den jungen König, darunter Erzfeind Sigurd.
Es kommt zwar zur Aussprache zwischen Harald und Magnus, doch wenig später ist Magnus tot. Ertrunken im Rausch. Ob da jemand nachgeholfen hat?
Meine Meinung:
Ulf Schiewe gelingt es wieder historischen Fakten mit fiktiven Personen und Geschichten anzureichern, wobei er immer recht nah an den Fakten bleibt. Der Autor beschreibt die Kämpfe ohne reißerisches Pathos. Körperstrafen wie Auspeitschen, Blenden und Entmannen sind zu dieser Zeit vor allem im Oströmischen Reich üblich. Hier bemerkt Harald, dass er eine schnelle Hinrichtung statt des dekadenten Quälens von Verurteilten, bevorzugt.
Die Erstürmung des Kaiserpalastes in Konstantinopel durch die Wasserversorgung ist ein genialer Schachzug. Es könnte so gewesen sein. Normalerweise müssen die Soldaten durch die Abwasserkanäle in eine bedrohte Stadt. Dass sie hier durch die Frischwasser haltige Zisterne „dürfen“, gefällt mir.
Wir erfahren einiges über den erwachsenen Harald, der nach Jahrzehnten des Kampfes manchmal ein wenig müde auf mich wirkt. Eilisif ist eine ehrgeizige Person, die mir persönlich ein wenig unsympathisch ist.
Gut sind die wechselnden Bündnisse mit oder gegen Harald dargestellt, die es den Lesern nicht immer leicht machen, den Überblick zu behalten. Die Darstellung von Haralds Zwiespalts bezüglich der Religionen, hier die alten nordischen Götter und dort das neue Christentum, ist fein herausgestrichen. Letztlich verlässt er sich lieber auf sich selbst und seine Getreuen.
Elegant und gekonnt ist die Bogen vom Ich-Erzähler Harald zum Epilog, der über Haralds Tod im Jahr 1066 berichtet, gespannt.
Fazit:
Ein gelungener Abschluss der Trilogie – spannend und hintergründig erzählt. Gerne gebe ich 5 Sterne.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Eine Anregung Lebensmittel nicht zu verschwenden
Zero Waste Kitchen von Veronika Pichl
Abfallvermeidung, auf Neu-Deutsch “Zero Waste” ist ein, manchmal radikal und sektiererisch anmutender Ansatz Lebensmittel nicht zu vergeuden. Doch, wenn man sich vor Augen hält, wie viele Tonnen Lebensmittel in den Müll geworfen werden, sollte sich jeder Einzelne an der Nase nehmen und vielleicht über eine Restverwertung nachdenken.
Dieses Rezeptbuch soll ein kleiner Anstoß und eine Anleitung sein, aus Apfel- oder Gurkenschalen noch etwas Brauchbares zu machen.
Das eine oder andere wirkt jedoch sehr zeitaufwendig und ist für Berufstätige nur bedingt geeignet.
Apfel-Tee und Ananas-Ingwer-Wasser stellen allerdings keine große Herausforderung an Kochkünst dar. Smoothies sind ohnehin in jedermanns Mund.
Für manches Gericht braucht man allerdings neben dem zu verkochenden Rest, eine Menge anderer Zutaten.
Für die Glücklichen, die einen Garten besitzen, ist es bestimmt leichter, die Rezepte auszuprobieren. Sich vorzustellen, ein mehrere Tage altes welkes Karottenkraut als Salat zu essen – ich weiß nicht, ob da viele mitmachen.
Die Fotos sind toll und ich befürchte, die Speisen niemals so hinzubekommen.
Fazit:
Eine kleine Anregung, Reste guter Lebensmittel anders zu verwenden, als im Mistkübel zu entsorgen. 4 Sterne
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Ein echtes Lesehighlight
Zero Waste Kitchen von Veronika Pichl
„Keine Widerworte: Elisabeth heiratet Ernst!“ an diese Worte ihres Vaters kann sich die nunmehr 95 Jahre alte Elisabeth noch gut erinnern. In Erwartung ihres nahen Todes will sie ihrer Tochter Karoline endlich reinen Wein einschenken. Viele Briefe hat sie begonnen und wieder zerrissen. Diesmal, so hat sie sich fest vorgenommen, wird sie ihr Vorhaben zu Ende führen.
Gesprochen wurden die oben erwähnten Worte im Deutschland von 1934. Auf Befehl des despotischen Vaters muss die noch nicht ganz 19-Jährige, den doppelt so alten Sohn des Firmenchefs, der ihrem invaliden, aber äußerst ehrgeizigen Vater Arbeit gibt, innerhalb weniger Stunden heiraten.
Während die frisch angetraute Ehefrau noch in Deutschland alles zusammenpacken muss, ist Ernst Wilhelm mit Diplomatenpass bereits auf dem Weg nach Japan, um in Tokio seine Position als Botschafter einzunehmen. „So Gott will, sehen wir uns demnächst in Tokio!“ (S. 29)
Elisabeth tritt die mühsame Reise mit der transsibirischen Eisenbahn in Begleitung einer Ordensfrau, Frl. Degenhardt, an. Frl. Degenhardt ist wortkarg. Die beiden Frauen stricken auf der langen Reise Socken für das Waisenhaus der Mission, in dem die Nonne arbeitet.
In Japan angekommen, wartet die nächste Überraschung: Ernst Wilhelm hat ein eigenes Schlafzimmer und rührt seine Gemahlin nicht an. Der geneigte Leser wird sich darob seine Gedanken machen.
Die deutsche Botschaft in Tokio ist ein Mikrokosmos wie auf einem anderen Stern. Doch langsam aber sicher ziehen auch hier die Sitten der NSDAP ein.
Elisabeths Leben gerät dann aus den Fugen als Alexander, ein Freund von Ernst Wilhelm, in ihr Leben tritt. Anfangs spöttisch “Zwerg” gerufen, wächst Elisabeth über sich hinaus, als auch der Ferne Osten vom Kriegsgeschehen der Zweiten Weltkrieg erfasst wird.
Dann wird Alexander der Spionage für Russland bezichtigt, verhaftet und zum Tode verurteilt.
Meine Meinung:
Ich habe das Buch in einer Nacht ausgelesen, weil ich von dieser Geschichte so fasziniert war. Die Entwicklung der quasi “verkauften” Tochter zu einer beeindruckenden Frau, die im fernen Japan ihren Mann steht, ist grandiose geschildert.
Elisabeth ist an der neuen, fremden und manchmal Furcht einflösenden Umgebung interessiert. Unbedarft wie sie ist, hat sie keine Vorurteile undbegegnet den Japanern auf Augenhöhe. Sie ist empathisch und kann dem hohlen Geschwätz der anderen Frauen, deren Männer in der Botschaft arbeiten nichts abgewinnen.
Sehr interessant finde ich die Hinweise auf die damals aktuelle politische Lage. Sie ist völlig unaufgeregt in die Handlung eingewoben und macht einen großen Teil der Dynamik und Spannung aus. Es ist ja bekannt, wie der Wahnsinn des 1.000-jährigen Reiches geendet hat. Dennoch sind die Einblicke sehr aufschlussreich zu lessen.
Wir Leser können uns zwar denken, wie es um die Verhältnisse zwischen Elisabeth – Alexander – Ernst bestellt ist. Das letzte große Geheimnis wird am Ende doch noch gelüftet.
Die Charaktere sind allesamt sehr gut gelungen. Elisabeth macht naturgemäß die größte Wandlung durch. Deswegen kann sie ihre Mutter nicht verstehen, die nach dem Tod von Elisabeths Vater, einen ebenso despotischen Mann heiratet und mit ihm nach Palästina geht.
Für Alexander hat der deutsche Spion Richard Sorge ein wenig Pate gestanden. Ein Grund, mich mit dieser schillernden Person in naher Zukunft weiter auseinander zu setzen.
Das mag ich an diesem Roman, dass er Anregungen gibt, sich mit dem einen oder anderen Aspekt näher zu beschäftigen. Z.B. Röhm-Putsch, von Schleicher-Affäre oder eben Richard Sorge.
Fazit:
„Demnächst in Tokio“ ist ein echtes Lesehighlight: spannend, gefühlvoll, lehrreich, fesselnd und zum Nachdenken anregend. Mehr kann man von einem Buch kaum erwarten, daher verdient es 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Eine interessante Biografie
Königin der Wüste von Janet Wallach
Die meisten Menschen in unseren Breiten haben von Gertrude Bell noch nie etwas gehört. In Großbritannien ist ihr Name natürlich wohl bekannt, ist sie ja eine Tochter der britischen Upper Class.
Wer war sie nun, diese Frau die den überwiegenden Teil ihres Lebens im Nahen Osten verbrachte, die von Freunden und Feinden ehrfurchtsvoll “Khattun” oder “Effendi” genannt wurde?
Geboren 1868 als Tochter von des reichen Industriellen Thomas Hugh Bell und seiner Frau Mary Shield, erlebt sie den Tod ihrer Mutter mit nur drei Jahren, die kurz nach der Geburt des Sohnes Maurice stirbt.
Längere Zeit bleibt der Witwer unverheiratet und scheint dadurch eine enge Bindung zu seiner Tochter zu haben. Als Hugh 1876 die Schriftstellerin Florence Ollife heiratet, weiß noch niemand, dass die Stiefmutter eine enge Vertaute von Gertrude sein wird, mit der sie bi sans Lebensende steten Briefkontakt haben wird.
Gertrude ist außergewöhnlich wissbegierig und intelligent und darf in Oxford studieren. Sie absolviert die Universität. Der Doktortitel wird ihr, wie allen Studentinnen verweigert. Um ihr den letzten gesellschaftlichen Schliff zu geen, verbringt sie einige Zeit an der Britischen Botschaft in Bukarest.
Aufgrund ihres scharfen Verstandes findet sich kein Ehemann und eigentlich will sie ja auch gar nicht heiraten. Um sich von ihrer gesellschaftlichen Randposition abzulenken, reist sie mit ihrer Stieftante nach Teheran. Dort verliebt sie sich in Henry Cadogan, einem notorischen Spieler, der von der Familie als Ehemann abgelehnt wird. Gertrude beugt sich dem Willen des Vaters. Sie schreibt ihren ersten Reisebericht, lernt Farsi und übersetzt die Gedichte des persischen Dichters Hafiz die bis heute als die gelungendste Übersetzung gilt.
Die nächsten Jahre verbringt sie als Archäologin in Mesopotamien. Sie reist oft allein und wird, rothaarig und grünäugig, wie sie ist, von den Scheichs als exotisch angesehen. Immer wieder gerät sie in brenzlige Situationen, meistert sie aber mit Geschick und auch ein wenig Chuzpe.
Diese, hier geflochtenen politischen Beziehungen werden ihr später sehr nützlich sein.
Sie trifft auf Männer wie T. E. Lawrence, der als Lawrence von Arabien bekannt wird, der sie nicht leiden kann und ihre Erkenntnisse als die seinen ausgibt. Dennoch werdensie gemeinsam den Aufstand der Araber gegen die Türken organisieren.
Während des Ersten Weltkriegs sammelt sie als Geheimdienstmitarbeiterin Zahlen, Daten, Fakten und erhält im Oktober 1917 die Auszeichnung “Commander of the British Empire”.
Mit dem britischen Zivilkommissar von Mesopotamien A. T. Wilson verbindet Gertrude Bell eine lebenslange Feindschaft, die in zahrleichen Briefen an ihre Eltern dokumentiert ist.
Sie erreicht, dass Feisal König des Irak wird. Der wird später schreiben: "Wir meinen, daß Araber und Juden von der Rasse her Vettern sind und von Mächten, die stärker waren als sie selbst, auf die gleiche Weise unterdrückt wurden'" (S. 339).
Gertrude Bell wird nicht mehr nach England zurückkehren. Sie stirbt 1926 im Alter von 58 Jahren unter nicht ganz geklärten Umständen. Auf ihrem Nachtkästchen wird ein leere Rolle Schlaftabletten gefunden. Ob sie versehentlich oder absichtlich eine Überdosis eingenommen hat, ist nicht erwiesen.
Was bleibt von Gertrude Bell?
Obwohl sie emanszipiert erscheint, ist sie gegen das Frauenwahlrecht und Emmiline Pankhursts Suffragetten. Gertrude lässt sich auch immer Kleider aus London nach Mesopotamien schicken, die der aktuellen Mode entsprechen. Das finde ich sehr spannend, dass sie in Mieder und Reifrock bei Temperaturen um die 40° durch die Wüste reist
Die erwähnte Zusammenarbeit mit T. E. Lawrence, der sie stets verachtet, aber Nutzen aus ihrem Wissen gezogen hat.
Sie empörte sich über die Balfour-Deklaration, weil sie den Konflikt zwischen Arabern und Juden vorhersieht.
Sie gilt gemeinsam mit Sir Percy Cox als die eigentliche Gründerin des Irak und bestimmte die Landesgrenzen. Denn sie kennt die Wüste und ihre Bewohner am besten, noch besser als Lawrence. Er dokumentiert eher kriegswichtige Fakten als demografische oder ethnische Zugehörigkeiten. Der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, der die arabische Welt bis heute in Atem halt, ist bereits damals evident. Grund ist die unterschiedliche Lebensweise der religiösen Ahänger: Schiiten, eher ungebildete Nomaden, Sunniten gebildete Städter.
Sie erreicht unter Aufbietung aller Kräfte, dass Feisal zum König des Iraks gewählt wird (96% Zustimmung). Sie wird ihn, den “Ausländer”, mit den Gepflogenheiten seines neuen Königreiches bekannt machen, ihm einen Hofstaat einrichten und ihn politisch beraten. Feisal wird bei einem Empfang des Oberrabiners den (bislang unbekannten) Patriotismus über Glaubensfragen stellen:
"Es gibt nur ein Land, das sich Irak nennt, und alle seine Bürger sind Iraker. Ich bitte meine Landsleute, die Iraker, nur Iraker zu sein, denn wir gehören alle zu einer Rasse, zum Stamm der Sem [Semiten]. Wir alle gehören dieser edlen Rasse an, und es gibt keinen Unterschied zwischen Moslems, Christen und Juden'" (S. 461).
Sie wird ehrenamtlich Leiterin des archäologischen Museums in Bagdad sein, dessen Gründung sie vorangetrieben hat.
Doch bei allen politischen Erfolgen darf nicht vergessen warden, dass Gertrude Bell durch ihre Tätigkeit den Grundstein für die Gewalt im Nahen Osten, die uns heute beschäftigt und tausende Tote fordert, gelegt hat.
Fazit:
Ein detailliertes, sehr gut recherchiertes Buch, das durch viele Fotos und Auszüge aus dem regen Briefwechsel der Gertrude Bell eine ausgezeichnete Dokumentation der damaligen Verhältnisse, die bis heute Kriege verursachen, bildet.
Einen Stern ziehe ich ab, weil mir die weitreichenden Folgen, die Gertrude Bells Wirken im Nahen Osten hat(te), nicht ausreichend erläutert wird.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Hat mich nicht wirklich überzeugt
Brandenburger Gold von Carla M. Heinze
Vorliegender Krimi ist der dritte um die pensionierte Fallanalytikerin Enne von Lilienthal und ihrem Sohn Maik, seines Zeichen KHK in Potsdam.
Auf der Potsdamer Pirschheide werden die Überreste eines Mannes aufgefunden, der augenscheinlich von einem Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg zerfetzt wurde.
Die Überraschung ist groß, als man bei der Leiche eine frische Schussverletzung entdeckt. Hier in der Pirschheide halten sich die Gerüchte über sagenumwobenen Nazi-Schätze hartnäckig. Ist der Mann ein Schatzsucher?
Unmittelbar nach diesem Leichenfund gibt es die nächsten Toten: Der Besitzer eines riesigen Schweinemastbetriebes und dessen Schwager. Dass der Betrieb abbrennt, kann auch kein Zufall sein. Vor allem, weil das Bombenopfer ein militanter Tierschützer gewesen sein soll. Fall gelöst? Mitnichten!
Drei weitere Tote machen Maik von Lilienthal das Leben schwer. Maik und sein Team gehen jeder Spur nach und finden eine Gemeinsamkeit, die siebzig Jahre in die Vergangenheit zurückreicht.
Meine Meinung:
Ich mag Krimis, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben. Diesen Erzählstrang finde ich auch sehr spannend. Doch ist er mir, die ich doch immer wieder gerne die Psyche von Tätern und Opfer kennen lernen möchte, vor allem zum Schluss ein wenig zu kurz geraten. Vor allem, dass die unbeteiligte Ruth nun den Tatsachen ins Auge sehen muss, dass in ihrer Familie nichts mehr so ist, wie vorher. Das ist mir persönlich ein wenig zu schnell gegangen. Ruth muss der Schock ihres Lebens erleiden, als sie bei der Testamentseröffnung eines wildfremden Mordopfers erfährt, dass die Menschen, die sie für ihre Eltern gehalten hat, dies gar nicht sind. Hier ist mir – wie den Untersuchungsrichtern gerne in den Mund gelegt – die Suppe zu dünn. Der Satz: „Eine jüdische Organisation findet sich schon, der Ruth das geerbte Vermögen spenden kann“ wirkt auf mich oberflächlich.
Die Morde rund um die Schweinemastanstalt hätte ich hier nicht so gebraucht. Die hätte ich zugunsten der Geschichte rund um Ruths Herkunft gerne weggelassen gehabt. Vor allem, weil diese Mordfälle dann plötzlich in der Versenkung verschwinden. Die Brandstiftung, die in Richtung des Bombenopfers deutet, wäre für mich noch einleuchtend gewesen. So sind mir diese Toten einfach zu viel.
Dass Enne in Lebensgefahr gerät, wirkt auf mich ein wenig zu konstruiert. Ein Glas mit verdorbenen Pilzen aus dem eigenen Haushalt? Und ein verdächtiger Diabetiker, der dann einen Hypo hat und nicht helfen kann? Diese Szenen habe ich jetzt nicht ganz verstanden. Sie bringen meiner Ansicht nach die ursächliche Handlung nicht weiter.
Die Erzählweise und der Sprachstil gefallen mir grundsätzlich recht gut. Hin und wieder verliert sich die Autorin auf Nebenschauplätzen, die dann detailliert beschrieben werden. Diese betrifft vor allem die Beziehungen innerhalb des Ermittlerteams und z. B. den Pathologen, der zwischendurch ein seltsames Verhalten an den Tag legt. Beinahe hätte ich an eine Verstrickung in eines der Verbrechen gedacht. Dabei hat der Arme gesundheitliche Probleme, die ihm große Angst eingejagt haben.
Angenehm finde ich die Wahl der Schrift und deren Größe.
Fazit:
Mit ein wenig mehr Augenmerk auf den Handlungsstrang der Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg und deren Folge(n), wären dem Krimi 4 oder sogar 5 Sterne sicher gewesen, so kann ich leider nur drei vergeben.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Ein Mann, der polarisiert
Yellow Bar Mitzvah von Sun Diego
Voraus schicken möchte ich, dass die Musikrichtung des Rap nicht die meine ist. Dennoch war ich gespannt, über diesen jungen Mann zu lesen, der eine große Nummer in dieser Szene ist. Vor allem, der einschlägige Titel, der seine jüdische Herkunft hervorhebt, hat mich zu diesem Buch greifen lassen.
Gelesen habe ich nun eine Biografie eines Mannes, der 1989 in der heutigen Ukraine geboren wurde, dessen jüdische Mutter und Großmutter nach Deutschland geflüchtet sind. Dort haben sie, wie viele Flüchtlinge enttäuscht zur Kenntnis nehmen müssen, dass hier doch nicht Milch und Honig fließen. Zu Beginn ihres Aufenthaltes werden sie von einer jüdischen Institution an die nächste weitergereicht, bis sie in Osnabrück so etwas wie eine neue, wenn auch bescheidene Heimat in einem heruntergekommenen Stadtteil finden.
Dimitri Chpakov, so sein bürgerlicher Name, erzählt in sieben Kapiteln (zuzüglich Prolog und Epilog), die alle hebräischen Ursprungs sind. Sei es, dass die Buchstaben des hebräischen Alphabets oder Begriffe aus der jüdischen Mythologie sind. Das ist sehr passend.
In seinem Leben lässt Dimitri wenig aus: Abbruch der Schule, Einbrüche, Betrügereien, Verhaftung und Verurteilung als Sechzehnjähriger zu 400 Stunden Sozialarbeit.
Dann entdeckt er die Musik, das Rappen für sich. Mit wenig Geld für eine Studioausrüstung arbeitet er sich nach oben. Nicht immer mit legalen Mitteln. Er umgibt sich mit vermeintlichen Freunden, die ihn, kaum dass sich ein wenig Erfolg einstellt, um seine Einkünfte erleichtern (wollen).
Erst als er Vater wird, beginnt er sich zu besinnen und sich von seiner parasitären Umgebung zu trennen.
Neid und Missgunst begleiten ihn jedoch weiter, bis die Steuerfahndung vor der Türe steht.
Meine Meinung:
Auf Grund des jüdischen Titels, der das Fest des Erwachsenwerdens eines jungen Judens bedeutet und der hebräischen Kapitelüberschriften, habe ich mir mehr Informationen über die Religion und ihre Bräuche erwartet. Doch Dimitris Herkunft spielt nur eine untergeordnete Rolle. Das finde ich sehr schade. Allerdings ist er der erste jüdische Rapper, der sich zu seiner Religion bekennt und deshalb angefeindet wird.
Das Buch selbst ist in sich stimmig, auch wenn ich persönlich die Sprache ziemlich furchtbar finde. Diese vielen Schimpfwörter, die abgehackten Sätze, verballhornte Wörter und das Misch-Masch aus deutsch-englisch waren für mich häufig eine Herausforderung. Doch scheint es die Sprache dieser Gruppierung zu sein. Hochdeutsch sprechend kann ich mir Dimitri und seine „Brüder“, wie er beinahe jeden nennt, nicht vorstellen. Einiges an Verhalten, wie eben diese Verbrüderung mit beinahe jedem, scheint aus der afro-amerikanischen Szene zu kommen, in der sich Farbige aller Herren Länder als „Brüder“ bezeichnen.
Kaum eine Person wird mit ihrem Klarnamen genannt. Fast alle haben Nicknames, oft sogar mehrere.
Der Einblick in die für mich völlig neue und andere Welt, hat meinen Horizont ein bisschen erweitert. Interessant sind die technischen Details wie so ein Musikstück bzw. Videoclip entsteht. Darüber habe ich mir bislang keine Gedanken gemacht.
Dennoch habe ich meine (persönlichen) Probleme mit dieser Art Musik bzw. Lebensstil. Manches klingt wie ein Hilferuf von Randgruppen. Häufig werden Tabus gebrochen und das oft hart an oder über der Grenze des guten Geschmacks.
Die Drogenprobleme und die Kriminalität in diesem Milieu haben mich nicht überrascht.
Die Geschichte wird durch eine Menge Fotos ergänzt, die auch die Polizeiakten über Dimitri zeigen. Hier habe ich ein bisschen den Eindruck, dass er trotz allem ein bisschen stolz auf diese „Karriere“ ist.
Fazit:
Die bisherige Lebensgeschichte eines Musikers, der polarisiert, wie kaum einer zuvor. Das Buch ist in seiner Gesamtheit stimmig, daher gebe ich 4 Sterne.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Ein Physik-Thriller
Der Schlüssel des Salomon von Dos Santos J. R.
Dieses Buch ist der Nachfolger zu „ Das Einstein-Enigma“, kann aber problemlos ohne den ersten Band gelesen werden.
Der Wissenschaftler Tomás Noronha gerät wieder einmal mit der CIA aneinander. Er soll nämlich deren Boss, Frank Bellamy, im Forschungszentrum CERN ermordet haben. Es beginnt ein Katz und Maus-Spiel, in das auch Maria Flor, Leiterin der Seniorenresidenz in der Noronhas Mutter untergebracht ist, verwickelt wird.
Das Buch liest sich durchaus spannend, wobei ich die Erklärungen diverser physikalischer Phänomene fast interessanter als die Handlung finde. Denn der Ablauf ist ähnlich Werken wie jenen Dan Browns doch eher bekannt.
Für bemerkenswert halte ich, dass Tomás, obwohl auf der Flucht vor der CIA, Zeit und Muße hat, mit Maria Flor über Einstein, Schrödinger und anderen Größen der Physik zu diskutieren. Das erscheint mir jetzt ein wenig weit hergeholt. An seiner Stelle hätte ich geschaut, so viel Distanz wie möglich zwischen die CIA und mich zu bringen.
Die CIA kommt nicht besonders gut weg. Obwohl der Auslandsgeheimdient eine staatliche Einrichtung ist, kochen hier einige hochrangige Personen ihr eigenes Süppchen, das mit den eigentlichen Zielen und Aufgaben der Behörde wenig gemein hat. Es sieht so aus, als ob da einer mit Hilfe des „Quantenauges“ nach der „Weltherrschaft“ greifen will. Dem wird der gute Tomás die Suppe ordentlich versalzen.
Ein interessantes Thema, wenn auch eine Spur zu lang erörtert, ist auch die Nahtoderfahrung von Noronhas Mutter und die Zweifel des Naturwissenschaftlers an den Theorien. Er will Beweise.
Das Cover ähnelt dem des „Das Einstein-Enigma“, sodass hier ein hoher Wiedererkennungswert vorhanden ist.
Fazit:
Mehr Physik als Thriller, doch gerade das hat mir hier gut gefallen. Die Theorien rund um physikalische Phänomene werden auch für Laien gut verständlich präsentiert. Von mir erhält das Buch vier Sterne.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Ein tolles Geschenk für Liebhaber von Landkarten
Von Inseln, die keiner je fand von Malachy Tallack
Autor Malachy Tallack nimmt uns mit auf eine faszinierende Reise zu 24 Inseln, die eine Eintragung auf Seekarten geschafft haben, ohne zu existieren. Und nicht nur das! Einige dieser Phantominseln haben sogar Jahrhunderte auf Pergament und Papier und in den Köpfen der Menschen überdauert.
Wie es zu solchen Fantasien kommt?
Von echten Irrtümern, falsch klassifizierten Wetterphänomenen, falsch abgezeichneten Karteninhalten und Wunschdenken bis hin zu bewussten Falschmeldungen ist hier alles vertreten.
Wer hat noch nie von Atlantis oder dem Königreich von Thule gehört? Mythen, Sagen und Vorstellungen vom Paradies mischen sich mit Halbwahrheiten.
Der Autor fasst jeweils vier Inseln zu einem Kapitel zusammen, u.a. „Inseln des Lebens und des Todes“, „Versunkene Länder“, „Trügerische Inseln“ oder „Widerrufene Entdeckungen“.
Manches, wie der Mythos Atlantis geistert seit mehr als 2.000 Jahre durch die Köpfe der Menschheit. Ganz faszinierend ist, dass man sogar im Zeitalter der Satelliten-Vermessung dem Phantom „Sandy Island“ nachjagte: Dort, wo laut Koordinaten die Inseln sein sollten, fand das Forschungsschiff nur Wasser, allerdings rund 1.400 m tief. „Sandy-Island“ wird 2012 aus den Kartenwerken entfernt.
Manchmal sucht eine Schiffsbesatzung nach einem Archipel („Davies Land“) und findet eine andere Insel, die Osterinsel nämlich (1721, Niederländische Westindien-Kompagnie).
Auch das wechselhafte Schicksal der Los Jardines-Inseln regt zum Schmunzeln an. Über 400 Jahre waren sie in unterschiedlicher Größe auf den Seekarten verzeichnet. Jedes Mal, wenn sie nicht entdeckt werden konnten, änderten sie ihre Größe, ihre Anzahl und ihre Lage.
Dieses Buch ist eines der vielen, die sich mit nicht existenten Inseln oder Ländern beschäftigen. Dennoch ist dieses Werk in seiner Präsentation einzigartig: Es wird mit wunderschönen Zeichnungen von echten Tieren und Pflanzen sowie von Fabelwesen aus der Zeichenfeder von Katie Scott bereichert.
Die anspruchsvolle Verarbeitung wird um eine Weltkarte mit allen genannten Inseln ergänzt. Das Buch verspricht einen kurzweiligen Lesegenuss und ist ein tolles Geschenk, nicht nur für Kartenliebhaber.









