Kunden em pfehlungen
Rezensionen von clematis:
Wenn Alte sterben
Gnadenopfer von Viveca Sten
Wenn sehr alte Menschen sterben, ist das wohl nichts Ungewöhnliches, oder doch? Irgendwie hat Hanna Ahlander ein komisches Gefühl, als sie erfährt, dass bereits zwei Personen, welche vom selben privaten Pflegedienst betreut worden sind, recht plötzlich und unerwartet aus dem Leben geschieden sind.
Was, wenn der diagnostizierte Tod doch nicht so natürlich war, wie am Totenschein angegeben?
Kein Motiv, keine Anzeichen von Mord, dennoch lässt Hanna der Gedanke nicht los, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Dummerweise kann sie sich diesmal nicht mit ihrem engsten Kollegen Daniel besprechen, denn der geht ihr schon geraume Zeit aus dem Weg. Eine interessante Mischung aus privaten Querelen, Hochzeitsvorbereitungen und Nachforschungen im Bereich der Altenpflege nimmt ihren Lauf. Im Vergleich zu den bisherigen vier Bänden der Åre -Morde geht es beim vorliegenden fünften Fall eher ruhig zu, dennoch ist die Handlung abwechslungsreich und streift eine breit gefächerte Themenvielfalt. Kurze Kapitel, häufige Szenen- und Perspektivwechsel sorgen für Kurzweil, wer allerdings die Reihe nicht kennt, könnte sich bei den persönlichen Episoden schnell ermüdet fühlen da ja die bekannten Zusammenhänge nur knapp dargestellt werden. Mir gefallen die Einblicke ins Private allerdings sehr gut, bekommt doch die Reihe dadurch einen unverwechselbaren Anstrich.
Ohne waghalsige Alleingänge, dafür mit einem Blick auf unsere Gesellschaftspolitik – und am Ende noch eine – zuvor kurz angedeutete – Neuigkeit – wir dürfen gespannt sein auf die Fortsetzung! Mir hat´s wieder gut gefallen in Åre, ich „komme“ wieder!
Die Irre
Seltsame Sally Diamond von Liz Nugent
Eine erwachsene Frau, zweiundvierzig, zurückgezogen, sozial defizitär, seltsam, gar irre – so beschreiben ihre Nachbarn Sally Diamond. Was sie nicht wissen: warum ist sie so geworden? Was steckt hinter diesem sonderbaren Verhalten?
Auf beeindruckende Weise erzählt Liz Nugent die Geschichte von Sally und stellt eindrücklich dar, wie prägend Bezugspersonen und Kindheit sind, wie schwierig es ist, sich aus frühzeitigen Fesseln zu befreien.
Tatsächlich hat sie ihren toten Vater mit dem Müll entsorgt, genau so, wie er es zuvor angeregt hat. Dass sie auch diese Äußerung wortwörtlich nehmen würde, hat nicht einmal er vorausgesehen. Gut eingeflochten in Sallys Leben werden Rückblenden und Sichtweisen einer anderen Person, wodurch der Roman besonders stimmig wirkt und, fast noch wichtiger, auch beim Leser Verständnis aufkommen lässt für vieles, was man kaum für möglich hält. Sehr gut gelungen ist der Blick in Sallys Gemütslage und Gedankenwelt, aber auch die Figur namens Peter wird ausgesprochen detailliert dargestellt, sodass man auch seine verqueren Handlungen nachvollziehen kann. Grausamkeiten bleiben nicht aus, schicksalhafte Tragödien pflastern die Wege der Hauptfiguren, schlussendlich bleibt es jedem selbst überlassen, sich einem Trauma zu stellen oder weiter in den Fängen des Bösen zu verweilen.
Der flüssige Text, die wechselnden Schauplätze und die unterschiedlichen Sichtweisen fügen sich zu einem großartigen Roman zusammen, der teilweise starke Nerven erfordert, aber auch tiefe psychologische Zusammenhänge offenbart. Absolut lesenswert!
Auf der Jagd
Die Schlucht von Linus Geschke
Der heiß ersehnte dritte Teil, der krönende Abschluss der Donkerbloem-Trilogie ist da! Und selbstverständlich enttäuscht uns Linus Geschke nicht, ganz im Gegenteil, spitzt sich die Lage zu, wollen doch Kathinka und Wout Kathinkas Schwester rächen. Auf der Jagd nach Sühne ist nicht immer alles so, wie es scheint.
Jäger oder Gejagter? Das kann leicht verschwimmen, je nach Sichtweise.
Meisterlich erzählen, mit wenigen Worten eine beklemmende Atmosphäre erschaffen, Gut und Böse ineinander driften lassen, das versteht Linus Geschke aufs vorzüglichste. Seine Figuren wecken Neugierde, selbst wenn sie nicht besonders sympathisch sind, seine Schauplätze sorgen für Gänsehaut, nicht nur einmal hält man den Atem an beim Lesen und schweifen die Augen schon weiter in die nächsten Zeilen, welche nur weiteres Unheil verheißen. Die knappen Kapitel, die häufigen Szenenwechsel befeuern das Tempo und die Frage, wer am Ende die Trophäe in Händen hält. Kann es überhaupt einen Sieger geben, nach allem, was bereits bisher passiert ist? Und welcher Preis ist dafür zu zahlen?
Eine überaus spannende Geschichte geht auf ein fulminantes Finale zu, nicht nur Ultravox‘ Song „Vienna“ untermalt das Geschehen blendend. Diese großartige Trilogie bietet wieder einmal das nicht zu lösende Dilemma: man will wissen, wie alles endet, aber gleichzeitig will man noch gar nicht zum Ende kommen. Wer durchdachte Thriller liebt, muss Camp Donkerbloem besuchen!
Schottland über hundert Jahre
Das Erbe der Gouvernante von Karin Lindberg
Im schottischen Hochland blüht die Liebe, einmal 1919, das andere Mal zur heutigen Zeit, und zeitlos, wie die Liebe ist, sind beide Geschichten – jene von Fiona und jene von Lea – überaus spannend zu lesen, besonders, wenn sie so einfühlsam erzählt werden, wie es Karin Lindberg vermag.
Die Tischlerin Lea wählt ein Work & Travel – Arrangement in den entlegenen Trossachs, wo ein B&B renoviert werden soll.
Dort findet sie nicht nur alte Klaviernoten, sondern auch einen wortkargen Einheimischen. Diese liebenswürdigen Episoden wechseln immer wieder ab mit Fionas Schicksal, welches die junge Gouvernante ebenfalls in die Highlands verschlägt, allerdings bereits gut hundert Jahre zuvor. Auf spannende Weise verquickt die geschätzte Autorin die beiden Zeitebenen zu einem überaus stimmigen Roman, der durch seine Authentizität und durch seine detailliert gezeichneten Charaktere punkten kann. Wie aufregend es in einem abgeschiedenen Herrenhaus zugehen kann, weshalb sich junge Menschen überhaupt entschließen, dort eine gewisse Zeit ihres Lebens verbringen zu wollen, das erzählt Lindberg so lebendig, dass man sich selbst perfekt ins Geschehen hineinversetzen kann.
Zwei romantische Geschichten, vier Menschen mit schmerzhafter Vergangenheit und schlummernde Geheimnisse – das ist der Stoff, aus dem dieser ruhige und doch gleichzeitig so aufregende Roman gewoben ist. Es darf mitgefiebert und gehofft werden, die Dramatik währt nicht zu kurz, Herzklopfen gibt es möglicherweise nicht nur im Buch. Ein absolut empfehlenswerter Roman aus der Vielzahl von Karin Lindbergs Bänden, mir hat er jedenfalls bewegende Lesestunden beschert!
Blumenbotschaften
Morgen blüht die Wilde Malve von Patricia Koelle
Johanna versteht sich mit Wildblumen oft besser als mit Menschen, reist auf Anraten ihres Großvaters von der Nord- an die Ostsee, wo möglicherweise weitere Nachfahren von Kapitän Fiete Flömer leben. Und tatsächlich trifft sie in Ahrenshoop auf Cousinen und Cousins und entdeckt obendrein noch ein altes Herbarium, welches sie weit in die Vergangenheit schweifen lässt.
Auf besonders ruhige und anschauliche Art verknüpft Patricia Koelle spannende Informationen rund um Blumen und deren Botschaften mit der Geschichte einer jungen Frau, die erst ihren Weg finden muss. Interessante Begegnungen mit empathischen Menschen bereichern Johannas Entwicklung, welche wir vor dieser schönen Naturkulisse begleiten dürfen. Angenehm legt sich eine friedvolle Stimmung über die Zeilen, zeigen das Einlassen auf die Pflanzenwelt und das Hören auf die innere Stimme den rechten Weg. Inspiriert von den Taten ihrer Vorfahren spürt unsere junge Hauptfigur, was für sie wirklich wichtig ist, sodass sie sich endlich auch persönlich und beruflich entfalten kann. Verdeutlicht werden ihre Möglichkeiten noch durch Abstecher in die Vergangenheit, als Frauen ausschließlich für Kirche, Küche und Kinder zuständig gewesen sind. Von den gut vorstellbaren Figuren sticht neben Johanna und Remy natürlich Großvater Wolf Himmel besonders hervor, ist es doch er, der die Ahnensuche angestoßen hat.
Wilde Malven und viele andere Botschafter aus der Welt der Blumen bekommen hier eine Stimme. Wer die Natur und ihre geflüsterten Nachrichten liebt, der wird auch dieses Buch zu schätzen wissen.
Corby Ledbetter
Solange der Fluss wartet von Wally Lamb
Corby Ledbetter kümmert sich ums Haus und die zweijährigen Zwillingskinder, nachdem er seinen Job in der Künstlerbranche verloren hat. Seine Suche nach einer neuen Anstellung verläuft ergebnislos und deprimierend. Durch einen folgenschweren Fehler droht die junge Familie endgültig zu zerbrechen.
Einen überwältigenden Roman präsentiert Schriftsteller Wally Lamb mit „Solange der Fluss wartet“ und schafft es mit seiner eloquenten und authentischen Erzählweise spielend auf meine persönliche Bestenliste. Der eindringlich geschilderte erste Teil des Buches weckt große Erwartungen, welche bis zum Ende hin nicht nur erfüllt, sondern sogar noch übertroffen werden. Lebensnah wird Corbys Alltag beschrieben, unglaublich kurzweilig erstreckt sich die Zeit bis hin zum Drama. Und auch danach geht es bestens recherchiert und realitätsnah weiter, nämlich bei der Gerichtsverhandlung und im ewig gleichen Trott des Gefängnislebens, das so ewig gleich gar nicht ist. Einzelne Tage werden herausgegriffen, das Dilemma des Gerechtigkeit suchenden Ledbetter auf erschreckend bildhafte Art und Weise zu Papier gebracht. Wie übersteht man als Neuling im Knast die ersten Stunden, Tage und Wochen? Wem kann man vertrauen? Kann man überhaupt jemandem unter den Mithäftlingen oder unter den Wärtern vertrauen? Kapitel mit nicht immer leicht zu lesender Kost folgen, die Brutalität muss gar nicht stets in Worte gefasst werden, oft reicht aus, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Wer meint, das war es dann, der wird völlig überrumpelt davon, wie dieser großartige Roman tatsächlich endet – trotz meiner eher nüchternen Haltung habe ich die letzten Seiten mit Tränen in den Augen umgeblättert.
Unausgesprochene Gedanken, welche nie in Worte gefasst werden, können so unendlich viel Leid nach sich ziehen. Der Stellenwert von Reue und Vergebung wird oft gering geschätzt, vielleicht sollten wir nach diesem emotional so bewegenden Roman wieder einmal darüber nachdenken.
Ich wiederhole mich, wenn ich „Solange der Fluss wartet“ als absolut lesenswert einstufe, aber nichts anderes kann man zu diesem Buch abschließend sagen. Fünf verdiente Sterne für ein Werk, das leider sehr nahe an ein realistisches Szenario herankommt.
Lotse oder Musiker?
Hinaus in den Wind von Trude Teige
In der Familie von Kristiane wird die Lotsennummer von Generation zu Generation weitergegeben oder, wie im Fall von Kristiane selbst, ein Lotse geheiratet. Ihr Sohn möchte allerdings lieber Musiker werden und so begibt sich Kristiane zum Nachdenken ans Meer, wo sie etwas Erschütterndes entdeckt.
Dieser Roman setzt dort fort, wo „Der Gesang der See“ endet, womit ich ein chronologisches Lesen empfehle.
Kristiane hat schon einiges aushalten müssen in ihrem Leben und wird nun neuerlich auf die Probe gestellt. Einerseits als weise Frau geachtet, andererseits als Dorfhexe gemieden, hat sie es nicht leicht unter den Fischern an der norwegischen Küste. Auch in der Familie gibt es Unstimmigkeiten, insbesondere zwischen ihr und ihrem Sohn Anders. Obwohl sie selbst unkonventionelle Wege beschreitet, soll der Bursche sich in sein Los fügen und der Tradition nach Lotse werden. Das Schicksal würfelt neu und zwingt allen einen anderen Blickwinkel auf.
Voller Ruhe und Kraft steckt auch dieser zweite Band rund um die zielstrebige Kristiane, die lebendigen Bilder der rauen Landschaft spiegeln die harten Zeiten am Meer ausgezeichnet wider. Tradition oder Bruch mit Vertrautem? Anpassung oder Aufbegehren gegen das Althergebrachte? Viele grundsätzliche Überlegungen lässt Trude Teige einfließen in ihre bewegende Geschichte.
Eine gelungene Fortsetzung, welche ich gerne – nach Band 1 – empfehle.
Brutales Wochenende
Happy Weekend – Die perfekte Auszeit. Euer schlimmster Albtraum. von Arno Strobel
Der Wochenendausflug fängt nicht gut an – als Katja und Marcel an einer Raststätte halten, stiehlt jemand das Gepäck aus dem Kofferraum. Anstatt die Polizei einzuschalten, folgen die jungen Leute dem GPS-Tracker, den Katja kurz zuvor im Koffer angebracht hat. Der geplante Kurzurlaub entwickelt sich zu einem Horrortrip.
Kurze Kapitel, klar und schnörkellos formulierte Sätze, so präsentiert sich dieser neue Psychothriller von Arno Strobel. Der Einstieg mit Katja und Marcel ist gut gelungen, wodurch meine Neugierde weiter angefacht worden ist. Nach geraumer Zeit allerdings kommt es zu einem Schauplatzwechsel, von dem weg die Geschichte ziemlich abstrus und nicht besonders glaubwürdig klingt. Die brutalen Szenen passen durchaus zu diesem Thriller, reichen aber nicht aus, um den Spannungsbogen auf hohem Niveau zu halten. Da wäre vielleicht mehr vom Ambiente der Kulisse hilfreich gewesen, vielleicht mehr Persönliches von den zahlreichen Figuren? Zum Glück laufen am Ende doch noch die Fäden zusammen, schließt sich der Kreis.
Ein turbulenter Handlungsverlauf, der kurzweilig durchs Geschehen führt, teils wenig logische Entscheidungen der einzelnen Figuren – so kann man „Happy Weekend“ ganz gut zusammenfassen.
Gefühl trifft Krimi
Calling Oceans von Josephine Cantrell
Nola hat vor acht Jahren ihre beste Freundin Emma verloren. Immer noch ist ungeklärt, wie es zu deren Verschwinden an der Südküste Irlands gekommen ist – ist sie davongelaufen, verunglückt oder gar ermordet worden? Im Rahmen ihrer Dissertation kehrt Nola an den Ort des Geschehens zurück, trifft auf ihren Jugendschwarm Aidan und gerät selbst in Gefahr.
Ein gelungener Mix aus gefühlvollen und krimiähnlichen Elementen zeichnet diesen spannenden Roman aus. Das Geheimnis um Emma scheint unergründlich, dennoch gräbt Nola in der Vergangenheit und zieht – ihrer Profession als Psychologin geschuldet – Schlüsse aus allen Informationen, welche sie mühevoll zusammenträgt. Irland als Schauplatz passt wunderbar zur Handlung, die raue Küste, die tückischen Wellen spiegeln die vielfältigen Emotionen gut wider, lassen jede einzelne Szene recht bildhaft und lebendig vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen. Im Laufe der Kapitel spitzt sich der Sog immer weiter zu, die Auflösung kommt so überraschend wie plausibel.
Mit ihrer melodischen Sprache und ihren ungewöhnlichen Geschichten überzeugt Josephine Cantrell immer wieder, so auch diesmal, weshalb ich Calling Oceans sehr gerne weiterempfehle.
Verfluchtes Dorf
Immerkalt von Roman Klementovic
Grundendorf ist ein verfluchtes Dorf, sind doch schon in den letzten Jahren mehrfach Menschen von hier verschwunden. Auch jetzt werden ein Kleinkind und seine Babysitterin vermisst, weshalb der pensionierte Kriminalpolizist Schulz auf den Plan gerufen wird, um Kollegen Patrick zu unterstützen. Dieser ist nämlich sehr persönlich betroffen.
Fesselnd vom ersten Satz weg, spannend auf der ganzen Länge, überraschend mit seiner Auflösung – so kann man den aktuellen Thriller von Roman Klementovic mit gutem Gewissen beschreiben. Figuren, welche wir unter Umständen schon aus Immerstill und Immerschuld kennen, entwickeln sich nun weiter und sind mit ihren privaten Belangen ebenso interessant wie der komplizierte Fall, in welchem ermittelt wird. Das ungewöhnliche Team der Polizei ist durchaus authentisch, nicht immer sympathisch, jedoch mit den originellen Persönlichkeiten äußerst lebendig. Alleingänge und spontane Entscheidungen liefern nach einigen Sackgassen schlussendlich die zusammenpassenden Puzzleteile, insbesondere die letzte Szene bildet einen würdigen Abschluss für die Immermorde-Reihe.
Wer gut strukturierte Thriller und Krimis sucht, die in einem packenden Stil verfasst sind und wer sich auch durch eine Vielzahl an Personen nicht verwirren lässt, der liegt mit Immerkalt (und seinen Vorgängern) goldrichtig!











