Kunden em pfehlungen
Rezensionen von clematis:
Gefühl trifft Krimi
Calling Oceans von Josephine Cantrell
Nola hat vor acht Jahren ihre beste Freundin Emma verloren. Immer noch ist ungeklärt, wie es zu deren Verschwinden an der Südküste Irlands gekommen ist – ist sie davongelaufen, verunglückt oder gar ermordet worden? Im Rahmen ihrer Dissertation kehrt Nola an den Ort des Geschehens zurück, trifft auf ihren Jugendschwarm Aidan und gerät selbst in Gefahr.
Ein gelungener Mix aus gefühlvollen und krimiähnlichen Elementen zeichnet diesen spannenden Roman aus. Das Geheimnis um Emma scheint unergründlich, dennoch gräbt Nola in der Vergangenheit und zieht – ihrer Profession als Psychologin geschuldet – Schlüsse aus allen Informationen, welche sie mühevoll zusammenträgt. Irland als Schauplatz passt wunderbar zur Handlung, die raue Küste, die tückischen Wellen spiegeln die vielfältigen Emotionen gut wider, lassen jede einzelne Szene recht bildhaft und lebendig vor dem geistigen Auge des Lesers entstehen. Im Laufe der Kapitel spitzt sich der Sog immer weiter zu, die Auflösung kommt so überraschend wie plausibel.
Mit ihrer melodischen Sprache und ihren ungewöhnlichen Geschichten überzeugt Josephine Cantrell immer wieder, so auch diesmal, weshalb ich Calling Oceans sehr gerne weiterempfehle.
Verfluchtes Dorf
Immerkalt von Roman Klementovic
Grundendorf ist ein verfluchtes Dorf, sind doch schon in den letzten Jahren mehrfach Menschen von hier verschwunden. Auch jetzt werden ein Kleinkind und seine Babysitterin vermisst, weshalb der pensionierte Kriminalpolizist Schulz auf den Plan gerufen wird, um Kollegen Patrick zu unterstützen. Dieser ist nämlich sehr persönlich betroffen.
Fesselnd vom ersten Satz weg, spannend auf der ganzen Länge, überraschend mit seiner Auflösung – so kann man den aktuellen Thriller von Roman Klementovic mit gutem Gewissen beschreiben. Figuren, welche wir unter Umständen schon aus Immerstill und Immerschuld kennen, entwickeln sich nun weiter und sind mit ihren privaten Belangen ebenso interessant wie der komplizierte Fall, in welchem ermittelt wird. Das ungewöhnliche Team der Polizei ist durchaus authentisch, nicht immer sympathisch, jedoch mit den originellen Persönlichkeiten äußerst lebendig. Alleingänge und spontane Entscheidungen liefern nach einigen Sackgassen schlussendlich die zusammenpassenden Puzzleteile, insbesondere die letzte Szene bildet einen würdigen Abschluss für die Immermorde-Reihe.
Wer gut strukturierte Thriller und Krimis sucht, die in einem packenden Stil verfasst sind und wer sich auch durch eine Vielzahl an Personen nicht verwirren lässt, der liegt mit Immerkalt (und seinen Vorgängern) goldrichtig!
Anna und Emilie
Die Walzerkönigin von Sina Beerwald
Anna und Emilie sind Freundinnen, bis sich herausstellt, dass beide den Walzerkönig Johann Strauss lieben, Anna als Ehefrau, Emilie als Mätresse. Aus Freundschaft wird Feindschaft, ein Riss geht durch die Familie des bekannten Komponisten und Kapellmeisters.
Sehr anschaulich verquickt Sina Beerwald historische Fakten und Fiktives zu einem überaus interessanten Roman, bei dem man tiefe Einblicke in das Leben der Familie Strauss bekommt.
Insbesondere die Ehefrau Anna erhält eine wichtige Rolle und ist – insbesondere für die Zeit im 19. Jahrhundert – durchaus modern und fortschrittlich und bietet ihrem Gatten nicht nur einmal die Stirn. Aber auch die Geliebte, Emilie, und Johanns Schwester Ernestine, sowie die Kinder der beiden Frauen, werden sehr detailliert charakterisiert und geben ein lebendiges Bild ab vor der Kulisse des geschichtsträchtigen Wien. Selbstverständlich kommt auch die schwierige Beziehung zwischen Johann Strauss Vater und Sohn nicht zu kurz, sowie bestens recherchierte Details zur Musik der beiden Talente. Abgesehen vom Wort „lecker“, welches man damals in Wien wahrscheinlich nicht verwendet hat, ist auch der Schreibstil sehr ansprechend und setzt das Geschehen schön in Szene.
Mit hat dieser an die Realität angenäherte Roman sehr gut gefallen, die Erzählersicht wechselt gekonnt mit Tagebucheinträgen ab, wodurch die einzelnen Blickwinkel ausgewogen dargestellt werden. Empfehlung!
Mode mit Mord
Signora Commissaria und die Insel der Träume von Alexander Oetker
Der Sohn eines Modezaren wird bei einer Verkehrskontrolle tot im Kofferraum einer jungen Frau entdeckt. Erst gehen die Ermittlungen ins Leere, dann tun sich neue Spuren auf aufgrund eines Erpressungsversuches. Schlussendlich bringt Commissaria Giulia Ferrari Licht ins Dunkel, obwohl sie anfangs gar nicht in Florenz verweilt.
Dieser vierte Band der Toskana-Krimireihe besticht durch seinen unverwechselbaren Lokalkolorit, punktgenaue Charakterzeichnungen und die ganz persönliche Geschichte von Giulia Ferrari. Alles ausgewogen komponiert, gewürzt mit einigen wenigen theaterartigen Dialogen und regionaltypischen Rezepten ergibt dieses wunderbare Flair, das man über etliche Lesestunden hinweg genießen kann, denn Alexander Oetker versteht es wie kein anderer, solch eine Stimmung einzufangen. Die pfiffige Handlung lädt einerseits ein in eine sündteure Modewelt, andererseits auf eine abgeschiedene Insel und macht auch vor der Mafia nicht Halt.
Neugierig geworden? Dann nichts wie auf in die Toskana, wo Giulia Ferrari alle Hände voll zu tun hat! Toller Lesespaß ist garantiert, egal, ob Alexander Oetker einen unterhaltsamen Roman oder einen aufregenden Krimi verfasst.
Eine Erfolgsgeschichte
Die Dirndlkönigin von München von Kathrin Schnee
Ludwiga Preis genießt eine strenge Erziehung und muss im Krieg einiges ertragen, aber mit Ehemann Otto an ihrer Seite gelingt fast alles. Aus der Not heraus beginnt sie, Taschen und Kleider zu nähen und entdeckt noch weitere kreative Seiten an sich.
Bildreich und gefühlvoll, ohne je zu pathetisch zu werden, erzählt Kathrin Schnee von ihrer Großmutter Ludwiga Preis, beginnt mit deren Geburt und lässt neunzig Jahre wie im Nu verstreichen.
Aufgrund der ganz persönlichen Nähe zwischen Autorin und Hauptfigur wird diese Geschichte so authentisch, lebendig und berührend, man spürt mit jeder Zeile Ludwigas Kampfgeist und ihren Willen, voranzukommen, auch wenn das Schicksal unbarmherzig zuschlägt. Wesentliche Wegbegleiter lernen wir ebenso kennen, insbesondere Tante Bleschke spielt neben ihrer Mutter Charlotte eine wichtige Rolle, aber auch der Schwiegervater unterstützt sie in schweren Zeiten. Einem Stehaufmännchen gleich lässt sich Ludwiga nicht unterkriegen, ganz im Gegenteil, sie nimmt jegliche Herausforderung an, auch wenn es ihr sehr schwer fällt. Neben dem großartigen Portrait einer selbstständigen Frau bekommen wir auch eine Menge an interessanten zeitgeschichtlichen Details zu lesen, sodass dieser Roman rundum stimmig und spannend ist.
Wer wissen will, wie das Dirndl in München zur Erfolgsgeschichte wird, der sollte dieses Buch unbedingt lesen!
Lehrerin mit Prinzipien
Föhrer Morgen von Hanna Paulsen
Celine wird von ihrem Kollegen und Partner für eine Jüngere verlassen. Aus Mangel an Stellen für Deutsch- und Kunstlehrer in Hamburg lässt sie sich kurzerhand auf die Insel Föhr versetzen. Doch dort trifft sie auf einen ehemaligen Schüler, der ihr einst seine Liebe gestanden hat. Ihren Prinzipien gemäß hält sie den jungen Mann auch drei Jahre später noch auf Distanz.
Die schöne Insel Föhr, lebendige Beschreibungen und etliche bekannte Figuren aus früheren Erzählungen lassen auch diesen Roman von Hanna Paulsen zu einem vergnüglichen Leseurlaub auf Föhr werden. Stimmungsvoll und lebendig erzählt die Schriftstellerin von zerbrochenen Partnerschaften, neuen Wegen und unumstößlichen Prinzipien, von wahren Freundschaften und heimlichen Liebesbekundungen. Aufgestaute Schuldgefühle und süße Friesentorten leiten über zu frisch gedeckten Reetdächern, das Ende schürt die Neugierde auf eine baldige Fortsetzung.
Warmherzige Worte sowie komplizierte Beziehungsmuster, das Hin und Her zwischen vernünftigen Prinzipien und einem wilden Herzen sorgen für reichlich Abwechslung auf den viel zu schnell gelesenen 240 Seiten. Mir hat’s wie immer sehr gut gefallen! Empfehlung für Freunde der Nordfriesischen Inseln und knisternder Romantik.
Winterwald
Silberküste von Alexander Oetker
Im verschneiten Winterwald findet ein Spaziergänger die Leiche der hiesigen Gemeindekrankenschwester. Schnell stellt sich heraus, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um Mord handeln muss. Kurz vor Weihnachten, im kältesten Dezember, den Luc Verlain kennt, ist er rätselhaften Todesfällen unter den Bewohnern der Silberküste auf der Spur.
Mit viel Atmosphäre, typischen Gerichten und der passenden Portion an Privatem entführt uns Alexander Oetker wieder einmal in den Südwesten Frankreichs, nach Aquitanien, und beschert uns wunderbare Stunden mit seinen charismatischen Ermittlern. Neben der aktuellen Krimihandlung gibt es noch Vergangenes aufzulösen, weshalb Kenntnisse der Vorgängerbände hilfreich, aber nicht zwingend nötig sind. Die bildhaften Beschreibungen des Schriftstellers sind legendär, der Humor kommt ebenfalls nicht zu kurz, denn zur Lösung des Problems werden umstrittene Wege beschritten. Klirrende Kälte und tief verschneite Felder erschweren einen raschen Abschluss, ob sich alles noch vor dem Weihnachtsfest ausgehen wird?
Spannende Szenen und lieb gewonnene Figuren lassen auch diesen Fall zu einem wahren Lesevergnügen werden! Hier passt einfach alles perfekt zusammen, wird von Alexander Oetker bestens in Worte gegossen, weshalb ich auf noch viele Begegnungen mit Luc Verlain, sein Team und seine Familie hoffe.
Das Testament
Eine zu viel von Samantha Hayes
Nach dem Tod ihres Ehemannes Ray plant Connie ein großes Familientreffen in einem Ferienhaus mitten in den schottischen Highlands. Ihre drei Töchter samt Familien sollen über das Testament in Kenntnis gesetzt werden. Aber statt einer friedlichen Zusammenkunft kommt es zu Misstrauen und Zwistigkeiten.
Aus unterschiedlichen Perspektiven wird das Geschehen betrachtet, im zweiten großen Teil blendet Samantha Hayes 40 Jahre zurück, um wesentliche Informationen in die Handlung einzubetten. Wieder zurück in der Gegenwart, geht es Schlag auf Schlag mit Wendungen, derer es dann fast zu viele sind, leider leidet darunter auch die Glaubwürdigkeit. Die Konflikte innerhalb der Familie werden anschaulich dargelegt, die Spannung wird Schritt für Schritt aufgebaut, sodass das gesamte Ausmaß des Dramas am Ende ans Licht kommt. Aufgrund der recht unnahbaren Figuren hat mich der Roman dennoch nicht so gefesselt wie vom Klappentext erwartet.
Ein Familienschauspiel im abgelegenen Bergland, das durchaus noch aufregender hätte sein können, aber dennoch für solide Unterhaltung sorgt.
Freiheit
Sommer im Seehaus von Eva Grübl
Katharina erkrankt mit 66 Jahren an Demenz, es ist Manuel, ihr Enkelsohn, der die Veränderungen als Erster bemerkt. Ihre drei Töchter haben kaum Kontakt zueinander und müssen nun überlegen, wie sie mit der fortschreitenden Krankheit ihrer Mutter umgehen sollen. Ein Treffen im Ferienhaus am Wolfgangsee, wo die Familie glückliche Tage erlebt hat, bringt ungeahnte Tatsachen aus der Vergangenheit ans Licht.
Nicht nur die Demenz beraubt Katharina ihrer gewohnten Freiheit, auch in jungen Jahren ist Freiheit ein ganz großes Thema.
Berührende und einfühlsame Worte wählt Schriftstellerin Eva Grübl, um die Demenzerkrankung von Katharina den Lesern anschaulich und ohne Effekthascherei näherzubringen. In den ersten Kapiteln lernen wir die wesentlichen Figuren kennen, erfahren, wie Katharina ihre Vergesslichkeit einerseits dem Alter zuschreibt, andererseits mit Kalendereinträgen und Merkzetteln geschickt vor anderen verbirgt. Aber nicht nur die sympathische Großmutter leidet unter Problemen, auch ihre Töchter kämpfen mit kleineren Alltagssorgen und schwerwiegenderen Problemen, wodurch der siebzehnjährige Manuel früh erwachsen werden und Verantwortung übernehmen muss. Je weiter wir in diese taktvoll erzählte Geschichte eintauchen, umso mehr tun sich verblüffende Neuigkeiten auf, die Stück für Stück verstehen lassen, warum jede einzelne Person zu der geworden ist, die sie ist, warum die Familie im Laufe der Zeit so auseinandergedriftet ist. Der Wechsel zwischen den Zeiten, die Szenen in der DDR, die Authentizität aufgrund eingehender Recherche, die Puzzlesteine sind ausgewogen ausgelegt und verleihen dem eher ruhigen Roman eine ganz besondere Spannung.
Natürlich bleiben gegen das Ende hin einige Fragen offen, welche nun meine Neugier wecken, wie es beim „Wiedersehen im Seehaus“ wohl weitergehen wird. Absolute Leseempfehlung, wenn man sich für Demenz, Familiengeheimnisse und das Leben in der DDR in den 1970er/1980er-Jahren interessiert!
Novemberjagd
Der Totengräber und der Orden des Teufels von Oliver Pötzsch
„Der November war der perfekte Monat für die Jagd, …“ [kindle, Pos. 2557] und tatsächlich ereignen sich im November 1896 bizarre Mordfälle, welche von Inspektor Leopold von Herzfeldt aufgeklärt werden sollen. Die Hauptstadt der Monarchie ist in Aufruhr, denn Zeitungsmeldungen zufolge geht es um satanische Messen und Tote mit durchtrennter Kehle und herausgeschnittenen Zungen und Herzen.
Wer, wenn nicht das illustre Dreigespann Inspektor Leopold von Herzfeldt, seine Verlobte, Reporterin Julia Wolf und August Rothmayer, seines Zeichens Totengräber am legendären Wiener Zentralfriedhof, kann hier für Klarheit im Herbstnebel sorgen?
Die Atmosphäre in der königlich und kaiserlichen Monarchie ist auf grandiose Weise eingefangen, die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie nie. Hervorragend sind die einzelnen Figuren herausgearbeitet, egal, ob „Haupt-“ oder „Neben-“Rolle, jeder Auftritt ist meisterlich in Szene gesetzt und so realistisch, als hätte sich das alles tatsächlich vor Pötzschs Augen abgespielt, um nur noch von ihm niedergeschrieben zu werden. Als besondere Raffinesse begegnen wir sogar dem Psychoanalytiker Sigmund Freud. Von den Schauplätzen her verschlägt es uns diesmal in die noble Wieden und nach Favoriten, wo sich zwischen Ziegelböhm und Sandlern angeblich der Teufel umtreibt, ja, sogar nach Pressburg führt die Reise, welche 1896 eine der wichtigsten Städte in Ungarn war. Eine Reihe von historisch interessanten Details verpackt der brillant formulierende Schriftsteller wie zufällig ins Geschehen, die zunehmende Ausländerfeindlichkeit, der Judenhass, die in Österreich verbotenen Freimaurer, Satanismus, Anarchie und vieles mehr begründen die besondere Stimmung, welche noch verstärkt wird durch den tristen November mit „leisem Regen und Nebel, der in Schwaden an den schäbigen Mietskasernen vorbeizieht“ [kindle, Pos. 2557]. Ob die dargestellten Lebensumstände auf Parallelen zur heutigen Zeit hinweisen wollen? Die damaligen Krisenherde sind jedenfalls augenscheinlich, die politische Stimmung sogar - oder vielmehr gerade - in Kreisen der Polizei aufgeheizt und offen antisemitisch. Wie passen da die Logen der Freimaurer ins Bild? Große Geheimnisse, Teufel mit Pferdefüßen und allerlei Persönliches rund um Leopold und Julia bieten fulminante Unterhaltung bei diesem fünften Fall für Herzfeldt.
Die herausragende Atmosphäre des ausklingenden 19. Jahrhunderts, die Brisanz der Bluttaten, die logische Handlungsabfolge und nicht zuletzt die gekonnte schriftstellerische Umsetzung ist auch diesmal mehr als überzeugend. Ohne Übertreibung ist „Der Totengräber und der Orden des Teufels“ der beste Krimi, den ich bislang in diesem Jahr gelesen habe. Dafür kann es nur eine Leseempfehlung geben, für höchsten Genuss selbstverständlich nach den vier Vorgängerbänden!











