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Rezensionen von Eternal-Hope:

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Ein moderner Klassiker der Literatur

Zeit der Mutigen von Dimitré Dinev

An „Zeit der Mutigen“ hat der Autor nach eigenen Angaben 13 Jahre lang geschrieben. Es hat sich gelohnt! Entstanden ist ein monumentales Epos, in der Printausgabe über 1000 Seiten lang, ein ganzes Jahrhundert europäischer Zeitgeschichte umfassend, leichtfüßig erzählt und dabei sorgfältig recherchiert, viel Wissen vermittelnd und dabei auf jeder Seite ein unterhaltsames und mitreißendes Leseerlebnis!

Ich habe noch nie ein so umfangreiches Buch gelesen, bei dem ich mich gleichzeitig so gut unterhalten habe und das von der ersten bis zur letzten Seite mitreißend und spannend war, und dabei gleichzeitig voll von schönen Sprachbildern, profundem Verständnis für die menschlichen Beziehungen und tiefsinnigen Gedanken über das 20.

Jahrhundert in Europa mit all seinen Schrecken, aber auch für das, was Mensch-Sein, (Wahl)-Familie und Verbindung ausmacht.

Abwechselnd werden die miteinander auf vielfältige Weisen verflochtenen Schicksale der Mitglieder dreier Familien erzählt: einer österreichischen, einer bulgarischen und einer Roma-Familie, beginnend mit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bis in 1990er Jahre. Es geht um Täter, Mitläufer und Widerstandskämpfer, Loyale und Verräter, Gedächtnisverlust und Rollentausch, die Frage, was Verwandtschaft ausmacht (Abstammung? Soziale Elternschaft? Eine Wahl?) und ganz viel um hehre Ideale, die sich dann in Schreckensherrschaft und Unterdrückung verwandeln können. Um Ausgrenzung und unverhoffte Freundschaft und Unterstützung. Um Kommunismus vs. Kapitalismus, Westen vs. Osten. Und um vieles mehr.

Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, originell und nicht klischeehaft. Da gibt es eine ausschließlich unter Männern aufgewachsene, sehr toughe Schafhirtin in Bulgarien, einen blonden, blauäugigen Roma und Enkel des Clanchefs, eine Stasimitarbeiterin, die doch auch ihr Herz am rechten Fleck hat, einen österreichischen Wehrmachtssoldaten, der seine Exekution durch die Sowjetarmee überlebt hat und fortan mit Gedächtnisverlust und einer Kugel im Kopf durchs Leben irrt, eine junge Frau, die ihre eigenen Suizid in der Donau überlebt hat und deren Tochter zeitlebens eine besondere Verbindung zu dem Fluss haben wird, und viele mehr. Eine stille und doch eindrucksvolle Protagonistin, die all die Schicksale immer wieder auf ihre Art verbindet und eine bestimmte Mythologie mit sich bringt, ist auch die Donau selbst, an deren Wachau-Ufer die eine österreichische Familie lebt… aber auch das bulgarische Konzentrationslager Belene ist von ihr geprägt.

Dadurch, dass aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, entsteht ein vielfältiges Bild, und mir sind selbst manche der moralisch durchaus zweifelhaften Charaktere auch ans Herz gewachsen bzw. habe ich ihre Antriebe und Motivationen nachvollziehen können.

Das Schreckliche der Kriege, Diktaturen und Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts nimmt einen großen Raum im Buch ein. Insbesondere geht es ausführlich um das bulgarische Lager Belene, in dem jede und jeder aufgrund des kleinsten Vergehens oder auch völlig unschuldig für Jahre landen konnte und in dem viele Menschen grausam ums Leben kamen. Insgesamt befasst sich das Buch, neben den Schrecken der beiden Weltkriege, viel mit der Zeit der kommunistischen Diktatur in Bulgarien samt Bespitzelung, Überwachung und Staatssicherheit: ein wichtiges und mir bisher nicht sehr bekanntes Thema, über das ich in diesem Buch viel gelernt habe. Man merkt, dass der selbst ursprünglich aus diesem Land stammende Autor sich ausführlich und auch, wie er im Nachwort anmerkt, anhand umfangreicher Quellen, mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Auch sprachlich mochte ich das Buch sehr und insbesondere die tiefsinnigen Gedanken über das Mensch-Sein, das Verständnis für ihre Psyche sowie mythologischen Bezüge haben mir ausgezeichnet gefallen:

„In einer nahezu unbekannten Sprache so viel wie möglich über sich zu erfahren, war ein schwieriges Unterfangen. „Wo bin ich?“, fragte er so lange mit Worten und Gesten, bis der andere ihn verstand. „Bei mir“, antwortete dieser. Ja, das verstand er, aber was sollte er mit so einer Antwort anfangen? Wobei dieses „Bei mir“ zwar nicht zurück zu seinem früheren Leben geführt hatte, so doch eindeutig zurück ins Leben. Und überwältigt von dieser Erkenntnis, begann er zu weinen.“ (S. 125 im E-Book)

„Ein ganz klares Bild von ihm hatte sie nie in ihrem Kopf aufbewahrt, da sie es als reine Platzverschwendung empfand. Trotzdem wusste sie genau, welche Gefühle seine Präsenz im Raum in ihr geweckt hatte. Deswegen wusste sie genau, dass dieser Mann, der wie aus dem Nichts erschienen war, nicht Helmut war. Seine Augen hatten vielleicht die gleiche Farbe, aber ein Blick hinein hatte gereicht, um ein ganz anderes Licht, eine ganz andere Welt in ihnen zu entdecken.“ (S. 270 im E-Book)

„Sie verschaffte ihrer Tochter immer neue und neue Aufgaben, kümmerte sich darum, dass sie nicht lange Zeit allein mit ihren Gedanken blieb. Vierzig Tage nach der Geburt war jede Wöchnerin sehr gefährdet, denn sie befand sich zwischen der Welt der Ahnen und der Welt der Lebenden, zwischen Leben und Tod, zwischen Gott und Teufel. Ihre Seele hatte Zugang zu allen Welten.“ (S. 700 im E-Book)

Insgesamt ist es trotz all der dunklen Themen kein hoffnungsloses Buch: dafür sorgen die liebevoll gezeichneten Charaktere, die raschen Perspektivwechsel und die vielen fast humorvollen Situationen unwahrscheinlichen Glücks, in denen unsere Helden und Heldinnen doch noch einmal davonkommen und sich aus einer scheinbar ausweglosen Situation retten können, auch wenn ihnen bei weitem nicht alles Unheil erspart bleibt.

So bleibt mir nach mehreren Wochen intensiver Lesezeit ein tiefgreifendes emotionales Erlebnis zurück, das noch lange nachwirken wird. Für mich ist dieses Buch schon jetzt ein moderner Klassiker der Literatur, der sich auf unterhaltsame Weise mit vielen grundlegenden Themen des Mensch-Seins und europäischer Zeitgeschichte auseinandersetzt. Es gehört zu den wenigen Büchern, die ich jedenfalls noch ein weiteres Mal lesen möchte. Ich kann das Buch einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen!

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Ein moderner Klassiker der Literatur
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Interessanter Genremix als Abschiedswerk

Abschied(e) von Julian Barnes

Der renommierte, mit einem Booker Prize ausgezeichnete, Schriftsteller Julian Barnes muss sich und anderen im reifen Alter von knapp 80 Jahren nichts mehr beweisen. Er kann einfach ein Buch ganz nach seinem Geschmack schreiben, das kein durchgängiger Roman sein muss, auch kein Memoir und keine Kurzgeschichtensammlung, sondern einfach ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, und insgesamt ganz viel Abschied, insbesondere von seinen treuen Leserinnen und Lesern.

Man beachte: bei diesem Buch steht auch auf dem Cover nicht das Wörtchen "Roman", wie auf so vielen anderen Büchern. Und es ist tatsächlich auch keiner. Das Buch beginnt mit recht philosophischen Gedanken des Autors zum Thema Erinnerungen, autobiografische Erinnerungen, spezifisch sogenannte IAMs, Involuntary Autobiographical Memories, im Englischen erinnert die Abkürzung an unsere Identität.

Von welchen Erinnerungen werden Menschen plötzlich eingeholt, an was erinnern sie sich bewusst und was bleibt im Verborgenen? Was bedeutet das für die Geschichte(n), die sie erzählen? Und was wäre, wenn wir uns an absolut alle Momente unseres Lebens erinnern könnten? Barnes denkt über Menschen nach, die nach Verletzungen so ein Gedächtnis haben, über Synästhetiker und über das, was berichtenswert ist oder nicht. Durchaus interessante Gedanken, allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wann denn nun tatsächlich eine Erzählung losgeht.

Eine solche kündigt Barnes an und diese folgt dann auch, im Grunde sogar mehrere: einen großen Teil in der Mitte des Buches nimmt seine autobiografische Erfahrung mit seiner Krebserkrankung ein: Barnes leidet an einem Krebs, der nach Angaben der Ärztinnen und Ärzte nicht heilbar, aber beherrschbar ist, und so erwartet er, zwar nicht an ihm, aber mit ihm zu sterben, irgendwann in der unbekannten Zukunft. Eingebettet ist diese Erzählung in seine nicht vorhandene Spiritualität und seine Erwartung, dass es nach dem Tode nichts geben würde, mit der er scheinbar recht gelassen umzugehen scheint.

Nach dieser persönlichen Geschichte erzählt Barnes eine von guten Freunden von ihm, einem Mann und einer Frau, die als junge Menschen ein Paar waren, sich dann aus den Augen verloren haben und Jahrzehnte später kurz wieder zusammen gekommen sind. Es geht um die Geschichte dieser Menschen, die mittlerweile verstorben sind und denen er zu Lebzeiten versprochen hat, nicht über sie zu schreiben (wenn dieses Element denn nicht auch fiktiv ist). Aber es geht auch um das Thema, ob sich etwas Altes wieder aufwärmen und vielleicht sogar erneuern lässt, und auch um Geschichten mit Anfang und Ende, denen die Mitte fehlt.

Auf den letzten Seiten wird es wieder persönlich und hier nimmt sich Barnes ausführlich Zeit für einen persönlichen Abschied von seinen Fans.

Ich habe den Inhalt dieses Buches so ausführlich beschrieben, weil es eben aus für mich sehr unterschiedlichen Inhalten, Schreibweisen und Genres zusammengesetzt ist, die durch übergreifende Themen wie Identität, Rückblick und Abschied verbunden sind.

Für mich war dieses Buch das erste von diesem Autor und ich habe mir durchaus einige interessante Impulse zum weiteren Nachdenken mitnehmen können. Insgesamt habe ich mich aber nur zum Teil als Zielgruppe dieses Werks gefühlt und hatte den Eindruck, dass es sich überwiegend an erfahrene Barnes-Leserinnen und -Leser wendet und für diese noch einmal ein persönlicher Abschied sein soll, denn wenn man seiner Ankündigung glaubt, wird es das letzte Buch des Autors gewesen sein.

Wer sich für dieses Buch näher interessiert, dem empfehle ich, für die Kaufentscheidung nicht nur in die ersten Seiten, sondern an verschiedenen Stellen hineinzulesen, da es sich, wie gesagt, um ein Buch handelt, das aus ganz unterschiedlichen Elementen zusammengesetzt ist.

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Ein stilles Buch über Heimat und Fremd-Sein

Menschen wie wir von Thi Thanh Thao Tran

In ihrem autofiktionalen Roman "Menschen wie wir" erzählt die Autorin von dem Leben ihrer Familie zwischen Vietnam und Deutschland. Zuerst ist der Vater für 7 Jahre als Gastarbeiter in die DDR gezogen und war in dieser Zeit nur einmal für einen Monat zu Besuch bei Frau und Kind in Vietnam.

Später konnten dann die Autorin und ihre Mutter auch nach Europa ziehen, in das mittlerweile wiedervereinigte Deutschland.

In vielen kleinen Szenen geht es um Kindheitserinnerungen in Vietnam, Ankommen und Aufwachsen in Deutschland, Fremd-Sein und woanders heimisch werden - auch im Unterschied zur später schon in Deutschland geborenen Schwester, die wiederum ein anderes Verhältnis zu den beiden Ländern hat. Das alles in verschiedenen Zeitperioden, die sich von 1988 über 2002 und 2011 bis zum Herbst 2020 erstrecken. Es findet sich so einiges Interessantes in dem Buch, zum Beispiel auch Songtexte vietnamesischer Volkslieder, in denen es ebenfalls um die Liebe zur Heimat geht, und viel über kulturelle Unterschiede und Zuschreibungen.

Wenn man noch nicht viel über Vietnam und die vietnamesische Kultur weiß, lässt sich ein erstes Gefühl dafür in diesem Buch bekommen. Gefehlt hat mir aber ein bisschen ein durchgängiger roter Faden und Spannungsbogen, zwar waren viele einzelne erzählte Details durchaus interessant, aber so richtig einen Sog zum Weiterlesen hat das Buch bei mir nicht ausgelöst.

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Über die Risse hinter der scheinbar heilen Fassade

Alle glücklich von Kira Mohn

Nach ihrem Vorgängerbuch "Die Nacht der Bärin", das auf eindrückliche Art die Dynamik häuslicher Gewalt thematisierte, behandelt die Autorin Kira Mohn nun auch in diesem Werk wieder wichtige Themen der Gegenwart. Es geht um eine scheinbar heile Familie, die gut situiert ist und auf den ersten Blick alles hat: Vater Alexander hat es in einer Klinik zum Chefarzt gebracht.

Zwar schafft er es nur selten rechtzeitig zum gemeinsamen Abendessen nach Hause und auch die Wochenenden sind oft voll Arbeit, doch liebt er seinen Job und ist stolz darauf, für seine Familie so einen Wohlstand geschaffen zu haben. Mutter Nina hat ursprünglich auch Medizin studiert, doch als sich nach Schreibaby Ben dann auch noch Töchterchen Emilia ankündigte, schaffte sie es nicht mehr, das Studium erfolgreich zu beenden, sodass sie heute Teilzeit als Ordinationsassistentin in einer Arztpraxis arbeitet. Die mittlerweile 16-jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten Freund Julian, ihr 19-jähriger Bruder Ben studiert unambitioniert vor sich hin und macht beim Computerspielen die Nacht zum Tag. Und wenn man genauer hinschaut, zeigen sich so einige Risse in der Fassade der so heil wirkenden Familie. Ist irgendeines der vier Familienmitglieder wirklich glücklich? Und womit hängen ihre Schwierigkeiten zusammen?

In unterhaltsamer und zugänglicher Sprache lässt uns die Autorin die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive aller vier Familienmitglieder erleben. Dabei entwickeln sich alle vier Handlungsstränge immer mehr in Richtung Eskalation. Das Buch regt durchaus zum Nachdenken über aktuelle gesellschaftspolitische Themen und deren Schattenseiten an. Es geht unter anderem um mangelnde Wertschätzung von Care-Arbeit, um beruflichen Aufstieg und seinen Preis im Familienleben, um den drastischen Einschnitt, wenn aus einem Paar eine Familie wird, um Frauen, die sich bemühen, ihre Söhne progressiv zu erziehen, in einer Welt, in der auch bei der Partnerwahl nach wie vor oft anderes geschätzt wird und es die nicht so einfühlsamen, aber "cool" wirkenden jungen Männer bei den jungen Frauen oft leichter haben, und um vieles mehr. Wie in so vielen momentan neu erscheinenden Romanen gibt es auch hier wieder eine lesbische Liebesbeziehung, das scheint derzeit Programm zu sein. Das Ende kam für mich etwas abrupt, da hätte ich mir durchaus gewünscht, dass so einiges noch weiter auserzählt worden wäre.

Insgesamt ist es ein leicht lesbares, unterhaltsames und gleichzeitig zum Nachdenken anregendes Buch, das ich insbesondere einer modernen, progressiv eingestellten Leserschaft empfehlen kann.

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Über die Risse hinter der scheinbar heilen Fassade
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Eine feinsinnige Seelenerkundung einer Frau Anfang 60 an einem Wendepunkt

Die Liebe, später von Gisa Klönne

Es ist ein besonderes Glück, mit einem Werk der Literatur tief und authentisch in Lebenswelten, Alter und Lebensphasen abtauchen zu können, die man selbst noch nicht kennt, die jedoch so tiefsinnig und sensibel geschildert werden, dass man sich den betreffenden Personen ganz nah fühlt, als wäre man in ihnen drinnen, in ihrem Kopf und in ihren Herzen.

Ich selbst bin zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension erst 40 Jahre alt, doch interessiere ich mich für das Erleben und die Weisheit von Menschen in allen Lebensphasen.

Hier nun erzählt eine Autorin, die selbst Anfang 60 ist, von Kora. Kora, die bis vor kurzem so ein aktives Leben als Journalistin lebte, glücklich seit Jahrzehnten verheiratet mit Anselm, kinderlos, und bisher sehr beschäftigt mit ihrem Berufsleben. Für die Rente gab es gemeinsame Träume, doch die schienen eine noch nicht ganz so nahe Zukunft zu betreffen: bis Kora durch eine lebensbedrohliche Herzerkrankung samt Operation und Reha, beruflich gefolgt von einem Aufhebungsvertrag, genötigt wird, sich mit dem Thema eventueller vorzeitiger Ruhestand zu befassen. Das setzt eine ganze Kaskade an großen Lebensfragen in Gange: wie hat sie ihr Leben bisher gelebt? Wie blickt sie darauf zurück, wie ordnet sie bisherige Entscheidungen, Beziehungen, Beziehungsenden und Lebenswendungen im Nachhinein ein? Worüber ist sie glücklich, was bedauert sie? Und wie steht es eigentlich mit ihrer Beziehung mit Anselm, der - ein paar Jahre älter als sie - nun schon im Ruhestand ist und am liebsten den gemeinsamen Ruhestand genießen möchte? Was verbindet die beiden noch, und ist es genug, sie über die nächsten Jahrzehnte in Richtung höheres Alter miteinander zu tragen?

Es gibt zwei große Erzählstränge: einer, der von verschiedenen Episoden jener Kora handelt, die sich nach Operation und Rehabilitation tapfer zurück ins Leben und in die Funktionsfähigkeit gekämpft hat, und sich fragt, wie es nun weitergeht, mit ihrem Leben, ihrer privaten und beruflichen Zukunft, mit ihrer Beziehung mit Anselm. Und ein weiterer, "Orionzeit" genannt, in dem es speziell um Kora direkt in der Zeit der Herzoperation und unmittelbar danach geht.

Sprachlich ist das Buch äußerst sensibel und feinsinnig verfasst, mit einer tiefgreifenden Weisheit. Nicht nur fühlt man sich Kora sehr nahe, sondern es lädt auch dazu ein, über die großen existenziellen Fragen des Lebens, aber auch über die scheinbar kleineren Fragen unseres Alltags, unserer Begegnungen mit anderen Menschen, mit Freundinnen und Freunden, Kollegen und Kolleginnen, und unsere Partnerschaften nachzudenken. Darüber, was Nähe und Intimität ausmacht, und wo Lügen und Verschweigen beginnen, dazu beizutragen, Menschen voneinander zu entfernen. Ob und was sich wieder reparieren lässt in Beziehungen. Über natürliche Zyklen von mal mehr Nähe, mal mehr Distanz, über das Sich-Miteinander-Einrichten in einem gemeinsamen Leben in einer bestimmten Lebensphase und über das, was sich neu justieren und anpassen muss, wenn sich etwas Grundlegendes ändert. Die Autorin hat ein meisterhaftes Verständnisses für die menschliche Psyche und ihre Tiefen und schafft es, diese großartig und vielfältig in Worte zu fassen.

Insgesamt geht dieses fantastische Buch über gute Unterhaltung weit hinaus, weil es so tiefgreifende Lebensfragen stellt, die für Menschen jeglichen Alters, aber insbesondere für alle, die sich schon bereit für eine tiefere Reflexion des bisherigen und vielleicht noch kommenden Lebens fühlen, existenziell sind. Außerdem fördert es Empathie mit Menschen gegen Ende ihrer beruflichen Laufbahn und am Beginn ihres Ruhestandes und für solche nach lebensbedrohlichen Ereignissen.

Besonders gefallen wird dieses Buch jenen, die die Zeit und Ruhe haben, sich tief auf psychische Prozesse einzulassen. Das Buch lebt auch von seiner Tiefe und seinem ruhigen Tempo. Ich habe dieses tiefgründige Buch sehr geliebt und es wird mich gedanklich und emotional sicher noch lange begleiten.

Sehr empfehlenswert ist auch die Hörbuchversion, die sehr feinfühlig und authentisch vorgetragen wird, von einer Sprecherin mit einer angenehmen Stimme und einer passenden Modulation je nach Person und Stimmung, sodass sie einen auch akustisch tief in Koras Psyche, Erleben und Begegnungen mitnimmt.

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Wunderschön gestaltet, aber nicht sehr packend

Kleopatra von Saara El-Arifi

Im Vorwort geht die Autorin darauf ein, dass über die mysteriöse Kleopatra als historische Figur leider nur sehr wenig überliefert ist, weshalb fast alles in diesem historischen Roman der Fantasie der Autorin entspringen musste. Das ist ihr also nicht anzulasten.

Die Autorin hat sich auch Mühe gegeben, eine Atmosphäre des alten Ägyptens entstehen zu lassen: mit dem Nil, dem Meer, Pyramiden, dem Sonnengott Re und dem Glauben an übernatürliche Fähigkeiten, die einem von den Göttern gegeben wurden.

Die Geschichte ist in der Ich-Form erzählt, wir erleben sie durch die Augen von Kleopatra: zuerst Tochter des Königs und dann, nach dessen Tod, sehr bald Pharaonin. Nicht leicht hatte sie es, und schon bald nach ihrer Thronbesteigung werden Gerüchte über sie verbreitet und ihr nach dem Leben getrachtet. Es kommen einige Grausamkeiten, Morde und Intrigen vor, genauso wie Romantik.

Positiv kann ich anmerken, dass es sich um ein wunderschön gestaltetes Buch handelt, noch einmal mehr in der Farbschnitt-Ausgabe, und es viel Freude macht, dieses Buch in die Hand zu nehmen oder auf dem Schreibtisch liegen zu sehen.

Dennoch hat mich insgesamt das Buch vom Schreibstil her eher kalt gelassen. Die Figuren waren mir zu flach gestaltet, als dass ich wirklich mit ihnen mitgefühlt und mitgefiebert hätte. Sprachlich empfand ich es als sehr simpel, auch für einen historischen Roman, von dem man meist genregemäß nicht die Tiefgründigkeit gehobener Literatur erwarten kann, wie mir schon klar ist.

Insgesamt eignet es sich wohl für eine eher jüngere und tendenziell weibliche Leserschaft, die gerne leichtfüßig unterhalten werden möchte, historische Romane ohne viel Wirklichkeitsbezug, dafür mit romantischen Aspekten, schätzt, und insbesondere auf die optisch sehr schöne Gestaltung Wert legt. Mich hat das Buch leider nicht gepackt.

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Wunderschön gestaltet, aber nicht sehr packend
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Alltagstaugliche, gesunde Rezepte mit Appetit machenden Fotos

Keine Zeit? Kein Problem! von Matthias Riedl; Bettina Matthaei

Dieses Buch ist wie alle Bücher aus dem GU-Verlag optisch sehr ansprechend und liebevoll gestaltet. Es richtet sich an eine Zielgruppe von Menschen, die sich gerne gesünder ernähren möchten und bereit sind, dafür zumindest ein bisschen zu kochen, aber im Alltag wenig Zeit für aufwendige Gerichte finden.

Zuerst gibt es eine kurze Einführung in die Basics einer gesunden und abwechslungsreichen Ernährung in der heutigen Zeit. Darauf folgt ein umfangreicher Rezeptteil.

Es finden sich sowohl Suppen, Salate als auch vegetarische Hauptspeisen, Fleisch- und Fischgerichte darin. Am Ende gibt es noch ein paar Frühstücks- und Snacksideen. Jedes Rezept ist ansprechend und mit einem eigenen Foto dargestellt, sodass man schon beim Durchblättern Lust darauf bekommt, die Rezepte bald auszuprobieren. Inhaltlich handelt es sich gemäß dem Konzept des Buches um relativ einfache, schnell zu kochende Rezepte mit Zutaten, die es in jedem Supermarkt gibt.

Mir gefällt an dem Buch besonders gut, dass die Rezepte sowohl gesund wirken als auch wirklich appetitanregend präsentiert sind und so gezeigt wird, dass gesunde Ernährung und Genuss keine Gegensätze sein müssen. Dazu finden sich an vielen Stellen noch viele kleine Tipps, um den Umstieg zu erleichtern, z.B. wird Pastaliebhabern empfohlen, mal zur Abwechslung und um die Speisen etwas gesünder zu machen zu Vollkorn- oder Dinkelpasta oder auch zu solcher aus Hülsenfrüchten zu greifen.

Für Menschen, die sich einfach für einen schnellen, unkomplizierten Einstieg in eine alltagstaugliche, gesündere Ernährungsweise interessieren, ist es auf jeden Fall ein empfehlenswertes Werk.

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Eine ganz normale außergewöhnliche junge Frau

Finding My Way. Ein Memoir von Malala Yousafzai

Malala Yousafzai ist mittlerweile 28 Jahre alt, fast doppelt so alt als damals, als ihr die Taliban in den Kopf schossen, weil sie sich schon als Kind und Jugendliche, unterstützt von ihrem Vater, mutig für das Recht pakistanischer und afghanischer Mädchen auf Bildung einsetzte.

In diesem Memoir spricht sie in ihren eigenen Worten über die Zeit danach.

Mit dem Mordanschlag auf sie änderte sich ihr Leben komplett: sie überlebte nur knapp, wurde mit ihrer Familie nach Birmingham in Großbritannien ausgeflogen und musste über die Jahre viele Operationen über sich ergehen lassen, um ihre Gesichtsfunktionen einigermaßen wiederherzustellen. Bis heute kann sie kaum einen Schritt machen, ohne Leibwächter hinter sich zu haben, denn die Taliban haben die Drohung, sie zu ermorden, schon mehrmals wiederholt. Gleichzeitig öffneten sich ein neues Leben und neue Perspektiven für sie als Botschafterin für Mädchenbildung und Friedensnobelpreisträgerin.

Offen und persönlich erzählt Malala in diesem Buch von ihren Hoffnungen und Träumen, von ihren Erfolgen und Rückschlägen, und von dem großen Spagat, den es erfordert, einerseits eine weltberühmte Bildungsbotschafterin und Friedensnobelpreisträgerin zu sein, ständig in dieser Mission um die Welt zu fliegen, dabei Geld für ihre Familie und Verwandtschaft zu verdienen und gleichzeitig zu versuchen, eine ganz normale junge Frau zu sein, zur High School zu gehen und dann in Oxford zu studieren, Freundschaften zu knüpfen, tanzen zu gehen, und sich vor einem nach wie vor kulturell sehr konservativen Hintergrund zu verlieben, mit einer tiefgehenden Skepsis gegenüber der Institution Ehe und allem, was damit einhergehen kann.

Wir begleiten Malala durch eine einsame Zeit im britischen Schulsystem, erst einmal ohne Freundinnen. Wir erleben ihre Schwierigkeiten damit, in diesem neuen Schulsystem und auch auf der Uni, wo Verständnis viel wichtiger ist als in Pakistan, wo es nur um Auswendiglernen, ging, zurechtzukommen, selbständig ihre Defizite zu beheben und überhaupt neben all ihren anderen Aufgaben genug Zeit für akademische Belange zu finden.

In Malalas Herkunftskultur ist das Konzept, auf die eigene psychische Gesundheit zu achten, ein noch nicht sehr verbreitetes und so dauert es einige Zeit, bis ihr bewusst wird, dass sie unter Panikattacken und einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, doch dann nimmt sie mutig Psychotherapie in Anspruch. Eine von ihr gegründete Mädchenschule im ländlichen Pakistan wird auch eine der ersten sein, in der es zusätzlich das Angebot einer psychosozialen Beratung gibt, die von den Mädchen begeistert angenommen wird.

Doch es gibt auch herbe Rückschläge: wie bekannt ist, haben die Taliban Afghanistan nach dem Rückzug der amerikanischen Truppen wieder für sich eingenommen und seitdem werden Mädchen und Frauen dort wieder stark unterdrückt und aus dem Berufsleben, der Öffentlichkeit und von Bildung ausgeschlossen. Sehr traurig für die Welt und auch für Malala und ihren Einsatz für Mädchenbildung!

Sie erzählt auch, wie sehr diese Entwicklungen sie getroffen haben und wie desillusionierend es für sie war, wie wenig es auf der Welt um Information und wie viel es um Macht zu gehen scheint und wie viel Online-Hass sie immer wieder für ihre Auftritte erntet, doch ist sie entschlossen, ihren tapferen Kampf für eine bessere Welt weiterzuführen.

Das Buch ist in eher einfacher Sprache verfasst, doch gerade das macht es sehr authentisch und für viele Menschen überall auf der Welt zugänglich. Es braucht keine akademische Bildung, um Malalas Geschichte zu verstehen und sich von ihr berührt zu fühlen. Besonders berührt hat mich, wie diese mutige junge Frau gleichzeitig in so vielen anderen Bereichen einfach ein ganz normales Mädchen und eine ganz normale heranwachsende Frau ist: eine, die Freude am Leben hat, mit Freundinnen lacht, gerne tanzt und sich verliebt. Auch ihre Familie lernen wir ein bisschen kennen, genauso wie ihre tiefe Liebe zur Heimat, die sie nach einigen Jahren unter strengen Auflagen und gut geschützt kurz wieder besuchen kann.

Insgesamt ist es ein sehr berührendes Werk, das ich einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen kann.

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Wohin Populismus und Schwarz-Weiß-Denken führen können

Some People Need Killing von Patricia Evangelista

Rodrigo Duterte war von 2016 bis 2022 Präsident der Philippinen. Davor war er viele Jahrzehnte - offiziell mit Unterbrechungen - Bürgermeister der Millionenstadt Davao City. In diesem Buch widmet sich die engagierte und mutige philippinische Journalistin Patricia Evangelista der Aufarbeitung dieser Zeit, in der der Präsident einen erbarmungslosen Kampf gegen Drogen, Drogendealer und Drogensüchtige anordnete, im Rahmen dessen viele Menschen, denen zu Recht oder zu Unrecht unterstellt wurde, damit etwas zu tun zu haben, von Polizisten auf der Straße oder in ihrem Zuhause ermordet wurden, ohne jegliches Gerichtsverfahren.

In dem Buch erzählt die Journalistin ein bisschen von ihrem persönlichen Werdegang, doch den Hauptteil nehmen naturgemäß die Geschichten der Ermordeten und ihrer Familien ein. Oft war sie schon kurz nach den Morden am Tatort, um mit den Hinterbliebenen zu sprechen. In einem Fall gibt es auch ein Video von der Ermordung.

Dargestellt wird auch, wie es überhaupt dazu kam, dass Duterte so lange Bürgermeister und schließlich Präsident werden konnte, auf demokratischem Wege. Es gab einen regelrechten Hype um ihn und er hatten Massen an Unterstützerinnen und Unterstützern, die stolz auf diese Tatsache waren und versuchten, möglichst viele andere zu überzeugen, ebenfalls für ihn zu stimmen, sodass er schließlich die Präsidentschaftswahl mit überwältigender Mehrheit gewann. Denn die Versprechen des Populisten waren verführerisch: er würde wieder für Recht und Ordnung auf den Straßen sorgen, er werde die Kriminalität und die Kriminellen vernichten und dafür sorgen, dass alle Frauen und Mädchen auch nachts wieder unbesorgt auf den Straßen der Großstadt spazieren könnten. Die Drogensüchtigen warne er, von ihrem Übel abzuschwören, dann würde ihnen nichts geschehen, ansonsten werde er sie erbarmungslos verfolgen. Er setze sich für ein friedliches Land ein, frei von Kriminalität.

Mit diesem Narrativ konnte er viele Bürger und Bürgerinnen überzeugen, dass er sich für das Gute einsetzen und die Bösen bekämpfen würde. Sie selbst würde es schon nicht treffen, sie würden ja zu den Guten gehören.

Schlussendlich kam es aber zu einer erbarmungslosen Verfolgung von Menschen. Es reichte, dass Nachbarn jemanden als mit dem Drogenmilieu verbunden meldeten, um auf eine der Todeslisten zu kommen. Polizisten nutzten ihre Macht schamlos aus, da Duterte ihnen in jedem Fall Straffreiheit zugesichert hatte: beispielsweise entführten sie Menschen, um hohe Lösegelder zu erpressen, andernfalls würden diese ermordet werden. Menschen wurden vor den Augen ihrer Kinder ermordet, und gelegentlich wurden sogar Kinder und öfters auch Jugendliche erschossen. Alles ohne Beweise, ohne Gerichtsverfahren, einfach so, weil es sich angeblich um Menschen aus dem Drogenmilieu handeln würde.

Dabei zeigt die Journalistin auch die perfide Logik auf, mit der Duterte die angeordneten Ermordungen meist unbewaffneter Menschen, die oft in einem verletzlichen Moment zwischen Frau und Kindern in ihrem Zuhause überrascht wurden, gerechtfertigt wurde: er ordnete an, die Polizeiberichte alle nach dem folgenden Muster zu schreiben: die Polizisten hätten versucht, den Täter festzunehmen, dieser habe sie als Polizisten erkannt und eine Waffe gezückt, daraufhin wäre ihnen nichts anderes übrig geblieben, als ihn in Notwehr zu erschießen. Auffällig ist, dass es bei all diesen Berichten so gut wie keine verletzten Polizisten gibt, was die Unglaubwürdigkeit dieser Argumentation unterstreicht.

In der Denk- und Sprechlogik von Duterte würde es aber dabei keine Unschuldigen treffen, denn in dem von ihm vermittelten Schwarz-Weiß-Denken kommen keine solchen vor:

"Deine Pflicht ist es, den Süchtigen festzunehmen, und wenn er sich widersetzt, ist es deine Pflicht, ihn zu überwältigen. Wenn er die Hand in die Tasche steckt, musst du zur Waffe greifen. Wenn der Süchtige eine tödliche Waffe hat - und natürlich hat er die, denn der Kriminelle ist ein Süchtiger, und alle Süchtigen sind bewaffnet - dann ist es deine Pflicht, ihn zu erschießen.
Ist es Mord?
Ist es Totschlag?
Trägst du Verantwortung für die Tötung?" (S. 153)

Erschreckend, dass jemand mit solchen Argumenten so lange weite Teile der Bevölkerung hinter sich hatte. Doch wie Beispiele aus vielen anderen Regionen der Welt zeigen, ist das keine Besonderheit der Philippinen.

In einem späteren Teil des Buches beschäftigt sich die Journalistin mit dem Gesinnungswandel einiger ehemaliger Duterte-Anhängerinnen und -anhänger: nach einigen Jahren der Ermordungen waren einiger von diesen desillusioniert: hatte es doch auch Menschen in ihrem Umfeld getroffen, von denen sie es nicht gedacht hatten, an denen ihnen etwas lag oder die sie für unschuldig hielten. Der Hype um den angeblichen Kämpfer gegen das Böse ist abgeflaut. Seit 2025 muss sich Duterte vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten. Das verhinderte aber nicht, dass er trotz der Abwesenheit von den Philippinen im Mai wieder zum Bürgermeister von Davao City gewählt wurde.

Im Anhang legt die mutige Journalistin offen, dass sie alles dafür getan hat, alle Seiten miteinzubeziehen und auch Duterte selbst zu einer Stellungnahme aufgefordert hatte. Die Beantwortung ihrer Fragen wurde von seinem Büro aber abgelehnt.

Danke an die Journalistin Patricia Evangelista für ihren mutigen Einsatz für die Wahrheit, unter Risiko ihres Lebens, da schon einige kritische Journalistinnen und Journalisten auf den Philippinen ermordet wurden und auch sie immer wieder Drohungen erhält.

Es ist ein empfehlenswertes, umfangreiches und gut recherchiertes Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, das aber sehr empfehlenswert ist - nicht nur für alle, die sich für die Philippinen interessieren, sondern auch als Warnung für alle Menschen, was passieren kann, wenn radikale Populisten in Machtpositionen gewählt werden.

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Wohin Populismus und Schwarz-Weiß-Denken führen können
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Eine MeToo-Geschichte aus mehreren Perspektiven der betroffenen Familie

Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross

Hazel ist gerade 18 geworden und für ihr letztes Highschool-Jahr gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Wolf aus New York ins fiktive Riverburg im ländlichen Maine gezogen. Schon am ersten Tag an der neuen Schule lässt der Direktor, der wohl schon während des Sommers im Schwimmbad ein Auge auf sie geworfen hatte, sie ausrufen und zu sich bestellen, um sie darüber zu informieren, dass er sich jedes Schuljahr eine Schülerin für Sex aussuche, und dieses Jahr die Wahl auf sie falle.

Im Gegenzug könne sie sich Fürsprache bei der Aufnahme in ihre Wunsch-Colleges erhoffen.

Doch nun passiert etwas, mit dem der Direktor nicht gerechnet hat und das ihm offenbar in den Jahren davor noch nie passiert ist: Hazel sagt nein. Mutig und selbstbewusst gibt sie sich für so etwas nicht her, und aufgewühlt stürmt sie aus seinem Büro und erzählt später auch ihrer Familie davon. Das setzt, erst einmal gegen Hazels Willen, eine Kaskade an weiteren Aktionen in Gang, die Sache wird öffentlich, manche glauben Hazel, viele stehen aber auch auf Seiten des beliebten und bekannten Direktors und zweifeln die Schilderung der jungen Frau aus der unbekannten, neu zugezogenen Familie an, es kommt zu einer Untersuchung, aber auch zu anonymen Drohungen gegen Hazel und ihre Familie. So zeigen sich Auswirkungen dieses Vorfalls auf Hazels ganze Familie und auch auf viele andere Bewohner und Bewohnerinnen des Ortes. Und was ist eigentlich mit den bisher schweigenden jungen Frauen, mit denen der Direktor das die Jahre davor gemacht hat?

Erzählt wird die Geschichte aus den wechselnden Perspektiven von Hazels Familienmitgliedern: abwechselnd begleiten wir Hazel selbst, den etwa 11-jährigen neurodivergenten, sehr sensiblen und schlauen Wolf, den Vater Gus, der seine Position als neuer College-Dozent sichern will, und die Mutter Claire, die nun endlich als Künstlerin erfolgreich werden möchte. Dahinter steht auch die Frage nach städtischer vs. ländlicher Umgebung und ob es ein Fehler war, aus dem liberalen, städtischen New York nur wegen der beruflichen Chancen des Vaters ins ländliche Maine zu ziehen, insbesondere als jüdische Familie, die dort stärker auffällt und auch in diese Richtung Anfeindungen ertragen muss.

Auch die Auswirkungen auf die Familie des Täters werden thematisiert, wobei wir hier die Perspektive von dessen Frau und Tochter kennen lernen, aber, abgesehen von kurzen Erwähnungen von Opfer-Täter-Umkehr-Versuchen in diversen Medien, nicht die des Täters (diese fehlt dem Buch auch nicht, meiner Meinung nach). So wird noch einmal deutlicher, wie viele Leben von sexuellen Übergriffen solcher Männer, die ihre Machtpositionen derart schamlos ausnutzen möchten, beeinträchtigt werden können.

Insgesamt ist es ein unterhaltsam geschriebenes und interessantes Buch, das sich schnell und leicht liest und insbesondere durch die verschiedenen Perspektiven an Vielfalt und Tiefe gewinnt. Ab der Mitte gibt es aber einen Handlungsstrang, der auf mich aus europäischer Perspektive etwas übertrieben wirkt und stark vom eigentlichen Thema ablenkt. Auch werden nicht alle Handlungsstränge zu einem befriedigenden Abschluss gebracht und einiges blieb für mich am Ende offen bzw. wurde in einem zu sanften und damit unrealistischen Licht gezeichnet. Dafür ein Punkt Abzug für ein ansonsten sehr lesenswertes und empfehlenswertes Buch.

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