Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Witzig, wahr und tröstend
Du musst gar nichts von Martin Brunner
In einer Welt voll von Selbstoptimierungsratgebern kann es sehr wohltuend sein, mal ein ganz anderes Buch zu lesen. Ein Buch, das auch keine großen Anforderungen an die Leserinnen und Leser stellt und sehr zugänglich ist. Man muss dabei nämlich gar nichts, nicht einmal viel Zeit am Stück fürs Lesen finden.
Denn das Buch ist äußerst schnell durchgelesen, aber nicht nur das: es besteht ausschließlich aus kurzen Impulsen, die man immer wieder mal zwischendurch schnell zur Hand nehmen kann, um sich verstanden zu fühlen oder auf neue Gedanken zu kommen.
Auf der linken Seite findet sich jeweils nur ein Satz zu etwas, was man nicht müsse, z.B. "Ich muss nicht dankbar sein" oder auch eine Erlaubnis wie z.B. "Ich darf erschöpft sein ohne Ursache", und auf der rechten Seite dann prägnant formuliert ein paar Sätze dazu, die das Thema näher ausführen und zum weiteren Reflektieren anregen, z.B. "Der Gedanke sitzt tief, dass nur Überlastung Ruhe verdient. Dabei ist Erschöpfung kein Unfall und keine Schwäche, sondern ein Signal. Der Körper muss nichts erklären. Die Seele muss sich nicht ausweisen..." (S. 79)
Gerade diese Seiten habe ich in einem Moment der starken Erschöpfung gelesen und mich getröstet und verstanden gefühlt. Es tut gut, bestärkt zu werden, auf den eigenen Körper und das Tempo der eigenen Seele zu hören.
Inhaltlich geht es um ganz verschiedene Themen, ob Partnerschaft und Heirat, Freundschaften, eigene oder die Heilung innerer Kinder, Sport und Ernährung, Berufliches, Persönlichkeit und ganz viel auf sich selbst achten und Abgrenzung gegenüber den Ansprüchen und Forderungen der Welt.
Man muss nicht mit allen Botschaften des Autors übereinstimmen, um aus diesem Buch viel Wertvolles und Bestärkendes mitnehmen zu können. Jedenfalls ist es voll von klugen Inspirationen, die zum Überdenken des eigenen Lebens anregen und Mut machen, aus der Hochleistungsfalle auszusteigen. Ich kann es allen Menschen, die sich manchmal überlastet fühlen von den Ansprüchen des Lebens in der heutigen Zeit, für sich selbst, aber auch als humorvolles und inspirierendes Geschenk sehr empfehlen.
Mensch sein in dieser Zeit
Sommer 24 von Dr. Navid Kermani
Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, gesprochen von Jens Harzer, also nicht vom Autor selbst. Am Anfang musste ich mich an die Stimme und Vorleseweise erst ein bisschen gewöhnen, wirkte sie für mich doch ziemlich melancholisch und ernst. Doch je länger ich zuhörte und mich mit dem Inhalt des Buches befasste, umso passender fand ich diesen Sprecher für genau dieses Buch.
Denn es geht um sehr ernste Themen. Um die Verfassung der Welt im Sommer 2024, und das persönliche Leben und die Freundschaften, Begegnungen, Beziehungen, Herausforderungen und Konflikte des Schriftstellers Navid Kermani, die in diesen Rahmen eingebettet sind. Es ist kein Roman, sondern eher eine persönliche Reflexion, und doch sehr spannend erzählt.
Es geht um eine Zeit, die geprägt ist vom Ukraine-Krieg und vom Überfall auf Israel und dem darauffolgenden Gaza-Krieg, dem Wiedererstarken autoritärer Kräfte in vielen Bereichen der Welt, aber gleichzeitig auch von den Nachwirkungen der Pandemie, von der MeToo-Bewegung, von dem Kampf um Freiheit in Iran, von dem amerikanischen Wahlkampf und von vielem mehr.
Einen großen Teil des Buches nimmt der innere Nachruf von Navid Kermani auf seinen verstorbenen Freund Rudolf ein. Rudolf war der in Deutschland lebende Sohn zweier jüdischer Holocaust-Überlebender und hat sich ein Leben lang an diesem Schicksal abgearbeitet. Nach dem 7. Oktober 2023 verhärtete sich seine Position zum Gaza-Krieg, darüber kam es zur Entfremdung der beiden Freunde, und zu einem letzten Treffen am Abend vor Rudolfs Freitod wegen schwerer Erkrankung. Differenziert denkt Navid Kermani über die Freundschaft und das Leben des Freundes nach, über das, was diesen geprägt hat, versucht, sich in diesen einzufühlen und bezieht doch auch eindeutig Stellung in Bezug auf das Leid der Menschen in Gaza.
Sein Werk werde stark von den Geschichten der Menschen geprägt, von dem, was ihm erzählt werde und davon, dass er einfühlsam zuhöre, so führt es der Autor aus. Doch mindestens einmal hat ihn dieses Thema auch in ein großes Dilemma geführt: vor 25 Jahren begegnete er in einer Kneipe der jungen Frau "Julia", die beiden tranken miteinander, nahmen auch Drogen, und sie erzählte ihm von der Vergewaltigung, die sie vor kurzem überlebt hatte - nicht wissend, dass er ein Schriftsteller sei und ihre Geschichte, verfremdet, aber doch ohne ihre Zustimmung, in einem seiner Romane verwenden würde.
Für diese Geschichte bekam der Autor erst einmal viel Lob, denn sie sei so überraschend authentisch erzählt, und das von einem Mann, doch viele Jahre später kam sie auch "Julia" unter, sie fühlte sich erkannt, und, wie sie in einem Brief an ihn schrieb, wie ein zweites Mal vergewaltigt.
Dieser Brief erreicht den Autor aus einer psychiatrischen Klinik, in der sich die Frau zu diesem Zeitpunkt befindet. Der Autor fühlt sich erschüttert und angegriffen, kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie "Julia" seine Geschichte über sie mit einem physischen Übergriff gleichsetzen könne, hat Angst vor Verleumdung und Konsequenzen für seine schriftstellerische Karriere, will wissen, ob ihm diesbezüglich juristisch etwas droht, und sucht "Julia" in der Klinik auf. Diesen Teil habe ich als ambivalent empfunden und aus weiblicher Sicht lange nicht verstehen können, wie diesem sonst durchaus einfühlsamen Mann erst so spät, und nach einem Gespräch mit einer weiteren Frau, dämmert, wie übergriffig sein Verhalten gegenüber einem Vergewaltigungsopfer war. Hier zeigt sich der Autor also nicht nur als Sympathieträger, doch genau das macht ihn mir wiederum sympathisch, denn es ist ehrlich, echt und reflektiert, und im Laufe der Geschichte wird klar, dass er schon ernsthaft verstehen und mitfühlen möchte.
Das macht überhaupt für mich die herausragende Qualität dieses Buches aus: wie sich der Autor darin als ganzer Mensch mit all seinen Facetten zeigt: mit seiner Persönlichkeit, seinen Eitelkeiten und Verwundbarkeiten, auch mit seiner eigenen Geschichte als Sohn persischer Migranten (auch deren Nähe zu Ayatollah Khomeini ist ein Thema, das er beleuchtet und kritisch hinterfragt). Diese Ehrlichkeit, sich so offen als Mensch in der Öffentlichkeit zu zeigen, nötigt mir tiefen Respekt ab, denn das erfordert sicher viel Mut.
Entstanden ist dadurch ein sehr intelligentes, kritisch hinterfragendes und zu vielfältigenden Themen der aktuellen Zeit, von denen ich in dieser Rezension nur ein paar exemplarisch erwähnt habe, zum Nachdenken anregendes Buch, das ich allen an Politik, Geschichte, Psychologie und Zeitgeschehen interessierten Menschen nur wärmstens empfehlen kann, auch in der Hörbuchausgabe des Argon Verlags. Viele der darin geäußerten klugen Gedanken werden mich sicherlich noch länger begleiten.
Empfehlenswerter Roman zum Thema Eltern-Werden durch Adoption
Hätt ich ein Kind von Lea Streisand
In "Hätt' ich ein Kind", dem neuen Roman von Lea Streisand, geht es um Kathi, 35 Jahre alt, die seit mehreren Jahren mit David zusammenlebt und sich sehnlichst mit ihm ein Kind wünscht. Doch auf biologischem Weg ist es aussichtslos, die Frauenärztin verkündet ihr die niederschmetternde Diagnose vorzeitiger Wechseljahre und dass es mit ihren eigenen Eizellen nichts mehr werden würde.
Niedergeschlagen begibt sich das Paar auf den langen Weg hin zur Adoption.
Sehr gut gefallen hat mir, dass der steinige und nur manchmal mit Erfolg verbundene Weg der Adoption sehr realistisch dargestellt wird: schon, um als Adoptionswerber in Betracht zu kommen, muss eine aufwendige Prozedur auf sich genommen werden, und darauf folgt erst einmal eine jahrelange Wartezeit in Ungewissheit, ob es jemals klappen könnte mit der Vermittlung eines Adoptivkindes. Denn es gibt nicht viele davon und es werden Eltern für Kinder gesucht, nicht umgekehrt.
In dem Buch begleiten wir das sympathische Paar auf diesem Weg. Toll ist, wie Kathi sich trotz des eigenen Unglücks mit ihrer besten Freundin über deren Schwangerschaft freuen kann und sie liebevoll dabei begleitet. Überhaupt waren es sehr sympathische, freundliche und reflektierte Charaktere, deren Schicksal ich sehr gerne in diesem unterhaltsamen und leicht zu lesenden, gleichzeitig aber realistisch dargestellten Buch miterlebt habe.
Ich kann das Buch allen, die sich eine gute Unterhaltung mit durchaus so einigen tiefsinnigen Gedanken zum Thema Wahlverwandtschaft und Elternschaft wünschen, aber auch allen, die sich für das Thema Adoption interessieren, sehr empfehlen - es hat mein Herz berührt.
Sehr schräge Innenschau einer sonderbaren Frau
Der lebende Beweis von Lola Randl
Dieses Buch lässt mich ratlos zurück. Vielleicht hat es eine Botschaft, aber wenn, dann verstehe ich sie nicht. Eine sonderbare Frau ist mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und ihrer Mutter aus der Großstadt aufs Land gezogen, in ein kleines Dorf im ehemaligen Ostdeutschland. So richtig wollte sie dort nicht hin und eigentlich wollte sie auch nicht mehr mit ihrem Mann zusammen sein, aber sie hat es halt gemacht, und dann haben sie Kinder bekommen:
"Eigentlich waren wir gerade dabei uns zu trennen, entwickelten in dieser Phase der Abkopplung aber ein seltsames Interesse an Häusern auf dem Land und stöberten abends im Bett durch die Angebote.
"
"Spüren sie nicht, dass ich ihnen die Mutter, Partnerin, Tochter nur vorspiele? Ist ihnen egal, dass ich nicht anwesend bin?"
"Liebe Kinder .... Jeder verwildert allein. Seid mir nicht böse. Ich kann euch nicht helfen. Ich treibe selbst ziellos durch den Kosmos. Eure Mutter."
Einen Liebhaber gibt es außerdem in der Nähe. Das ganze Buch ist allein aus der Sicht der Frau geschrieben, andere Sichten lernen wir nicht kennen. Die Frau bleibt dem Dorf und seinen Bewohnern fremd und fühlt sich fremd. Sie macht sonderbare Experimente, zum Beispiel legt sie eine Schere an einen öffentlichen Ort und beobachtet heimlich, ob jemand sie nimmt und was weiter damit geschieht. Dazu recherchiert sie zur Vergangenheit des Dorfes, etwa zu früheren Hexenverfolgungen. Ganz am Anfang findet sie auch ein Gehirn in einer Pfütze auf dem Kirchhügel und nimmt es mit, um es zu konservieren. Dazwischen gibt es banale Alltagsbegebenheiten wie Entlausungsversuche der Kinder in der Schule, die erst am mangelnden Bargeld dafür und dann an den Öffnungszeiten der Apotheke scheitern.
Möglicherweise verbirgt sich in diesem Buch irgendeine interessante tiefergehende Symbolik, die ich allein ohne Diskussion mit anderen Lesenden aber nicht entschlüsseln könnte. Zurück bleibt für mich das Psychogramm einer zutiefst verstörten (psychotischen?), selbstbezogenen Frau, die keine Verantwortung für ihre Entscheidungen übernimmt, ruhelos durch ihr Leben irrt und die ich nicht wirklich verstehen kann.
Mutterschaft und Mutter-Tochter-Beziehungen im Spiegel des Zeitgeistes
Brüchiges Plastik von Angie Volk
Dieses Buch beginnt stark, mit einem eindringlichen Gedicht zum Thema Mutterschaft, in dem sehr viel Wahrheit steckt: "Mutterschaft macht müde, Mutterschaft macht zornig, weich, angreifbar, unzuverlässig, unpünktlich, ungehalten, Mutterschaft macht wütend. Und niemand will eine wütende Mutter sehen.
" (S. 10)
Doch leider handelt es sich dabei nur um ein Manuskript, das bei dem Verlag, den zwei der Hauptcharaktere betreiben, eingereicht, und von diesem abgelehnt wird. Worum geht es in diesem Buch sonst? Um Eve, die mit Hendrik ein Baby bekommt, Tochter Mia, und gerne eine gleichberechtigtere Aufteilung der Care-Arbeit hätte: doch das klappt nicht, Hendrik ist zu beschäftigt mit den Aufgaben im Verlag, den er gemeinsam mit seiner Kollegin Anthea leitet. Anthea ist kinderlos, Eltern gegenüber nicht sehr aufgeschlossen, und außerdem bisexuell.
Letzteres wird, den Zeitgeist bedienend, auch sonst ein großes Thema in diesem Buch sein: denn Eve bekommt zur Unterstützung Au-Pair-Mädchen Juna aus einem spanisch-sprachigen Land, aber perfekt Deutsch sprechend und auch sonst nicht sehr authentisch wirkend, zur Seite gestellt, und wird mit dieser eine lesbische Affäre beginnen.
Ansonsten gibt es noch die Perspektiven der erwachsenen Mia, die eine Fehlgeburt verarbeiten muss und sich mit dieser Erfahrung von ihrem Partner Tom unverstanden und allein gelassen fühlt. Und die von Gabriele, Eves Mutter, die eine sehr traditionelle Beziehung mit ihrem verstorbenen Mann führte und von ihren beiden Töchtern schon abgelehnt wurde, als diese noch recht kleine Kinder waren. Ja, selbst, als sie mit ihnen schwanger war, hat sie schon wahrgenommen, um was für andersartige Wesen im Vergleich zu ihr es sich bei diesen handeln würde, und danach wurde es nicht besser: "Sowohl Eve als auch Clara wurden in Windeseile zu Töchtern, die ihre Mutter als unnötige Last wahrnahmen, sich von ihr zu lösen versuchten wie Tiere, die sich gegen das Zähmen wehrten." (S. 100)
Ich könnte noch einiges aus dem Inhalt erzählen, aber darum geht es hier nicht. Und ich hätte dieses Buch so gerne gemocht, aber ich finde die Figuren einfach nur klischeehaft, den Zeitgeist bedienend bis unglaubwürdig. Ich war genervt davon, dass auch in diesem Buch wieder an vielen Stellen unbedingt lesbische Liebesbeziehungen und dementsprechende erotische Szenen eingebaut werden mussten ("Eve, die dem Bedürfnis widersteht, mit ihrem Mund Junas Nacken zu berühren, stattdessen ein Messer aus der Schublade holt, sich auf die Unterlippe beißt wie ein Kind, das sich schamhaft ertappt fühlt, viel zu fest", S. 159).
Insgesamt konnte ich auch keinen wirklichen Spannungsbogen finden, der mich gefesselt hätte. Die Kapitel sind aus verschiedenen Frauenperspektiven erzählt, aber auch das hat das Buch für mich nicht retten können.
Ich gebe dem Buch 2,5 Sterne, die ich mit viel Nachsicht für die gute Absicht, Mutter-Tochter-Beziehungen und die Problematik moderner Mutterschaft darzustellen, und insbesondere für das einprägsame Gedicht am Anfang, auf 3 aufrunde.
Tiefgründige philosophische Kurzgeschichten
Der Fluss der Zeit von Pascal Mercier
Der Schweizer Philosoph, Autor und langjährige Universitätsprofessor Peter Bieri hat unter dem Künstlernamen Pascal Mercier umfangreiche und tiefgründige Romane wie "Nachtzug nach Lissabon", "Perlmanns Schweigen" oder "Das Gewicht der Worte" veröffentlicht. Nach seinem Tod im Jahr 2023 wurden in seinem Nachlass noch einige unveröffentliche Kurzgeschichten gefunden, die der Hanser Verlag nun in diesem Sammelband herausgegeben hat.
Die Geschichten sind jeweils aus der Sicht verschiedener, nicht mehr ganz junger Männer, geschrieben und es geht um Themen wie Erinnerung, Vergänglichkeit, Rückschau auf das eigene Leben, Freundschaften auf Augenhöhe, Abschied nehmen und Wandel.
Sehr berührend wird zum Beispiel geschildert, wie ein Mann nach vielen Jahren von einem Haus, das ein Jahrhundert im Familienbesitz war, Abschied nehmen muss, als er es an ein jüngeres Paar verkauft hat, und wie das Paar genau spürt, wie schwer ihm das fällt:
"Er berührte jeden Schlüssel kurz mit dem Zeigefinger, dabei verrutschte einer, und er schob ihn sachte zurück. "Liebevoll", sagte Anna später darüber, "es lag seine ganze Liebe zu dem Haus in der Bewegung, ich musste schlucken". Prager sah unsere Blicke. "Es sind halt meine Schlüssel", sagte er. "Oder waren es". (S. 10)
In einer weiteren Geschichte geht es um ungleiche Freundschaften und darum, was es mit uns macht, wenn ein Freund dem anderen ein großes Geschenk macht - eine komplette Eigentumswohnung - für das sich der andere nicht in gleichem Ausmaß revanchieren kann. Hier sehen wir, wie an vielen weiteren Stellen, wie der Autor komplexe philosophische und psychologische Gedankengänge geschickt und allgemeinverständlich in seine Geschichten eingebaut hat:
"Er machte eine Pause und wir spürten, dass nun etwas kam, ein Gedanke, den er sich langsam und mühsam erobert hatte: "In der ersten Zeit dachte ich und wachte mit dem Gefühl auf: Das ist die Freiheit. Ich ging in der Wohnung herum und pfiff. Doch in den letzten Wochen habe ich verstanden: Es ist nicht die richtige Art von Freiheit. Ich lege es mir so zurecht: Es gibt die Freiheit von außen: Die Wohnung gehört mir, niemand kann mich verjagen. Und es gibt die Freiheit von innen: Ich muss niemandem dankbar sein. Ich will die eigene Freiheit zurück." (S. 32)
Dann gibt es in einer weiteren Erzählung einen älteren Mann, der auf den entscheidenden Befund wartet, der ihm mitteilen wird, ob er an einer schweren Krankheit leidet oder doch gesund ist. Einen weiteren Mann, der sehr lärmempfindlich ist, mit seinem Stiefsohn einen unerbitterlichen Machtkampf austrägt und es am Ende nicht mehr aushält. Und schließlich ein Mann, der nach 40 Jahre in die Gegend seiner Studentenzeit zurückkehrt und in Erinnerungen schwelgt.
Im Vordergrund stehen also ältere Männer und ihre Lebensthemen. Diese werden vom Autor psychologisch äußerst treffend und sensibel dargestellt, sodass man tief in die Seele der Charaktere hineinblicken kann, sich verbunden fühlt und selbst beginnt, über tiefsinnige Themen des eigenen Lebens nachzudenken.
Dramaturgisch sind die Erzählungen ebenfalls von hoher Qualität, ziehen die Leserinnen und Leser sofort in ihren Bann und sind spannend und berührend erzählt, ohne ein überzähliges Wort.
Dieser Erzählband beweist, dass es sich beim Autor um einen herausragenden Schriftsteller handelt. Ich empfehle ihn, neben allen bisherigen Fans seiner Bücher, auch allen, die noch nichts von diesem Autor gelesen haben: das kleine, kurze Büchlein ist ein sehr guter Einstieg in sein Werk, um beurteilen zu können, ob man mehr von ihm lesen möchte. Ich werde das jedenfalls tun.
Niederschwellige und persönliche Einführung in das Thema
Ganz normal medial von Vanessa Spaleck
Für Vanessa Spaleck sind Jenseitskontakte etwas ganz Normales. Schon seit ihrer Kindheit verfügt sie nach eigenen Angaben über mediale Fähigkeiten, die sie aber außerdem durch Ausbildungen in diesem Bereich, etwa am Arthur Findley College in Großbritannien, ausgebaut und professionalisiert hat.
Ein seriöser Zugang ist ihr wichtig, genauso wie das Aufräumen mit Vorurteilen und Mythen und das Differenzieren dessen, was in diesem Bereich denn wahrgenommen werden kann.
So unterscheidet die Autorin etwa zwischen sensitiven und medialen Fähigkeiten: während erstere sich auf eine energetische Wahrnehmung im Bereich des Materiellen hier auf der Erde bezieht, etwa auf andere Menschen oder auf Gegenstände oder Orte, geht es bei zweiteren um Kontakte mit Verstorbenen aus der eigenen Ahnenlinie, Bekannten und Freunden oder den eigenen Geistführern oder -helfern.
Wer selbst seine Fähigkeiten in diesem Bereich entwickeln möchte, für den gibt es fundierte Anleitungen für geführte Meditationen, die entweder im Buch selbst gelesen werden können - oder man nützt den angegebenen QR-Code, um Zugang zu einer gesprochenen Audio-Meditation zu bekommen. Im Grunde geht es als Basis darum, erst einmal die eigene Energie gut kennen und wahrnehmen zu lernen, um diese dann bewusst erhöhen zu können, um sich auf Ebenen zu begeben, in denen medialer Kontakt nach Angaben der Autorin möglich ist.
Wenn man sich für den Zugang, den die Autorin beschreibt, öffnet, kann das Buch außerdem Ängste vor dem Sterben nehmen, da sie aus ihren Erfahrungen mit Jenseitskontakten die Zeit danach als eine friedliche Reflexionsphase beschreibt.
Insgesamt ist "Ganz normal medial" ein herzlich und persönlich geschriebenes und gleichzeitig fundiertes, gut verständliches und ansprechendes Buch, das ich jenen, die sich für diesen Bereich interessieren, auf jeden Fall empfehlen kann.
Zuerst die anderen beiden Bände lesen
Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani
Von Leila Slimani habe ich schon mehrere Bücher mit Begeisterung gelesen, etwa "Dann schlaf auch du" oder "Sex und Lügen" und ich schätze die Autorin für ihre Erzählkunst und ihr Vermitteln zwischen den Kulturen sehr.
So habe ich mich auch sehr auf "Trag das Feuer weiter" gefreut.
Dieses Buch hat mich aber nicht so packen können wie ihre anderen Werke, für mich sind die Figuren zu blass geblieben und es hat lange gedauert, bis sich eine für mich interessante Handlung entwickeln konnte.
Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich in diesem Fall leider die beiden Vorgängerwerke "Das Land der anderen" und "Schaut, wie wir tanzen" noch nicht gelesen habe, da ich dachte, dieses Buch wäre auch als eigenständiges Werk lesbar.
Das ist es wohl grundsätzlich auch so. Wenn ich mir aber die begeisterten Bewertungen derer ansehe, die alle drei Bücher gelesen habe, dann schließe ich daraus, dass die Lektüre dieses Buches sehr davon profitiert, die Vorgängerbände zu kennen. Vermutlich wirken die Figuren dann ganz anders lebendig, weil das Gelesene sofort an viel Vorwissen in Bezug auf diese vielschichtige Familiengeschichte anschließen kann.
Meine Empfehlung ist also: lest zuerst die anderen beiden Werke der Trilogie, bevor ihr euch mit diesem hier beschäftigt.
33 Sprachnachrichten von Frauen aus dem journalistisch-künstlerischen Milieu
Frauenprobleme von Lina Muzur
Lina Muzur ist Journalistin, Autorin und Verlagsleiterin von Hanser Berlin. Für dieses Buch hat sie Frauen aus ihrem Umfeld gebeten, Sprachnachrichten in der Länge von etwa 15 Minuten aufzunehmen, in denen sie von ihren Leben und ihren Herausforderungen erzählen. Es handelt sich dabei um Frauen etwa zwischen Mitte 30 und Mitte 50, alle gut ausgebildet und in anspruchsvollen Berufen im journalistischen, literarischen und künstlerischen Umfeld.
Somit ist es sicher kein repräsentativer Schnitt der Frauen dieser Generation in der deutschen Bevölkerung. Dafür handelt es sich um sehr reflektierte Frauen, die sich schon viele Gedanken über ihre Lebensumstände gemacht haben und sich verbal sehr gut ausdrücken können. Manche der Frauen haben Kinder, andere nicht. Alle eint aber die Zerrissenheit und ein Stück weit Überforderung von all den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, in einer Zeit der wachsenden Unsicherheit und der multiplen Krisen.
Es geht beispielsweise darum, was sich in uns ändert, wenn wir uns der Mitte des Lebens nähern oder diese überschreiten:
"Meistens finde ich es gut, dass dieses Nicht-mehr-dreißig-Sein, Nicht-mehr-so-emotionsgetrieben-Sein, Nicht-mehr-so-leichtsinnig-Sein, Nicht-mehr-so-impulsiv-Handeln, wie ich das immer gemacht habe, dass das zurückgegangen ist. Und manchmal sehne ich mich doch danach, mal wieder so richtig intensiv fühlen zu können in irgendeiner Art, vielleicht auch mal wieder zu weinen. Vielleicht auch mal wieder verliebt zu sein. Andererseits kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass mir das passiert." (S. 55)
Ein ganz großes Thema in vielen der Sprachnachrichten ist die schwierige bis fast unmögliche Vereinbarkeit von Familie und einem anspruchsvollen Beruf, die speziell dieser Frauengeneration vermittelte Illusion, man könne alles schaffen, wenn man sich nur genug anstrenge, und die Dauerbelastung und starke Erschöpfung, die damit einhergeht, wie viele Zitate zeigen, von denen ich hier drei exemplarisch ausgewählt habe:
"Aber es ist natürlich auch der Preis der Erschöpfung. Wenn sich jeden Tag Care- und Erwerbsarbeit die Klinke in die Hand geben, wenn der Tag nur funktioniert, wenn wirklich alles klappt, wie es geplant ist, das widerspricht dem Leben von kleinen Kindern. Planung ist der absolute Tod mit kleinen Kindern. Und ich glaube, dass das eine Wirklichkeit ist, die viele leben, darüber spricht man mutmaßlich nicht so viel. Aber es ist kaum zu schaffen nervlich, diese Dauerbelastung ohne Pausen mit kleinen Kindern..." (S. 60)
"Irgendjemand meinte, das Leben sei so ein bisschen wie ein Herd mit vier Flammen. Eine Flamme stände für die Familie, eine für die Karriere, eine für Freundschaft und eine für Gesundheit. Und dass man niemals alle vier Flammen am Laufen halten könne, sondern dass immer eine entweder ganz aus oder auf Sparflamme laufen würde." (S. 91)
"All das kann mir heute zwar keiner mehr nehmen, aber das meiste davon habe ich nur gemacht, weil ich dem Ruf meiner Eltern oder den Vätern der BRD gefolgt bin, die mir gesagt haben, man muss Leistung erbringen. Was ja auch ein Paradox ist. Weil auf der anderen Seite sollst du Kinder haben und eine Familie und eine möglichst gute Ehefrau sein, die ganz viel Care-Arbeit leistet." (S. 141)
Dabei ist auch Thema, dass nach wie vor oft an Frauen ganz andere Erwartungen gestellt werden als an Männer und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sie damit noch einmal schwieriger ist, wie sich an diesem Zitat zeigt, bei dem eine Frau im beruflichen Kontext dafür angegriffen wird, schwanger zu sein, obwohl sie doch eine verantwortungsvolle Rolle habe:
"Er schaute mich ganz erstaunt an und meinte: "Wie ist das passiert?" Was er damit vermutlich meinte, ist: Wie kannst du es wagen, als Direktorin einer Institution, für die man Verantwortung trägt, auch noch Mutter sein zu wollen?" (S. 91)
Neben diesen Themen geht es auch ein bisschen um Migration, Integration und Heimat-Finden. Lina selbst hat Wurzeln in Bosnien-Herzegowina, die sie in diesem Buch nicht thematisiert, die aber implizit von manchen ihrer Gesprächspartnerinnen angesprochen werden. Außerdem hat sie ein international geprägtes Umfeld, in dem sich einige Frauen finden, die aus anderen Ländern nach Deutschland gezogen sind. Manche der Sprachnachrichten waren ursprünglich sogar auf Englisch und wurden für dieses Buch übersetzt.
Da es sich bei der Auswahl der Befragten um Frauen handelt, die sich in sozialen Milieus bewegen, die meinem (und vermutlich dem vieler Leserinnen solcher Bücher) recht ähnlich sind, habe ich mich mit vielen der Aussagen sehr identifizieren können und mich verstanden und gesehen gefühlt. Dennoch ist mir klar, dass, wie eingangs erwähnt, es sich bei so einem Buch um kein komplettes oder repräsentatives weibliches Generationenporträt handeln kann: dafür stammen die interviewten Frauen zu sehr aus derselben sozialen Blase. Das ist eine kleine Einschränkung in der Bewertung eines sonst sehr lesenswerten und interessanten Buches, das ich insbesondere Frauen in einem ähnlichen Alter, die sich mit dem beschriebenen Sozialmilieu identifizieren können, zur Bestärkung und Erweiterung der eigenen Perspektive sehr empfehlen kann.
Interessanter humoristischer Ausflug eines Comedians in die Manosphere
Alpha-Boys von Aurel Mertz
Aurel Mertz ist mit starken Frauen aufgewachsen und hat von klein auf die Power von Mama, Schwester, Oma erlebt, genauso wie einen progressiv eingestellten Vater. So hat er im Erwachsenenalter mit Erstaunen das Erstarken sehr konservativer, längst überwunden geglaubter Männlichkeitsideale in vielen Gesellschaften bemerkt.
Mir ist der Autor sehr sympathisch und man merkt ihm an, dass er sich - vielleicht auch aufgrund eigener Marginalisierungs- und Diskriminierungserfahrungen als PoC mit einem ghanaischen Großvater - selbst schon viel Perspektiven jenseits derer weißer, mächtiger Männer auseinandergesetzt hat.
Neugierig und humorvoll begibt er sich in diesem Buch auf die Spuren der sogenannten "Manosphere", beschäftigt sich mit Donald Trump genauso wie mit der Incel- und Red-Pill-Bewegung, mit Pick-Up-Artists, dem konservativen kanadischen Psychologen und Influencer Donald Peterson oder einem Männlichkeitsmentor, der im balinesischen Dschungel ein Camp für angehende Alphamänner veranstaltet.
Authentisch und humorvoll analysiert der Autor, was in diesen Bereichen der Gesellschaft los ist, welche Männlichkeitsideale dort vertreten werden und was die Auseinandersetzung damit mit ihm selbst als Mann mit progressiven, linken Einstellungen macht.
Wer sich noch nicht viel mit diesen Trends beschäftigt hat, bekommt durch dieses Buch interessante Impulse, wo man näher hinschauen könnte, um diese kontroverse Zeitgeistbewegung besser zu verstehen. Ansonsten ist es aber auch einfach eine unterhaltsame Lektüre bzw. in der Audioversion ein vom Autor selbst humorvoll vorgetragenes unterhaltsames Hörbuch, das ich empfehlen kann.
Im Nachwort erwähnt er übrigens, dass er das auf dem Cover sichtbare Tierschutzkätzchen gemeinsam mit einem zweiten Kätzchen adoptiert hat: ein weiterer Sympathiepunkt für den tierlieben Autor, Sprecher und Comedian.











