Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Ryria:
Facetten des Elternseins
Only Margo von Rufi Thorpe
Nachdem sie ungeplant schwanger wird und ihren Job wegen des Babys verliert benötigt Margo schnell einen neuen Weg, an Geld zu gelangen - und entdeckt hierbei OnlyFans. Als Leser verfolgt man ihren Aufstieg auf der Plattform, aber auch ihre familiären Probleme und Konflikte mit den Behörden.
Der Schreibstil hat mir besonders gut gefallen, die ganze Geschichte ist gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an das Spiel mit der Sprache: Die Perspektive wechselt von der ersten in die dritte Person und wieder zurück, je nachdem wie die "heutige" Erzähler-Margo zu ihrem damaligen Ich steht.
Auch der Leser wird auf geschickte Art inkludiert, es fühlt sich an, als ob man die Geschichte einer Freundin erzählt bekommt, während einem gleichzeitig auch vermittelt wird, dass alles nur fiktiv ist.
Das Ergebnis ist eine Mischung aus lustigen Momenten, viel Sarkasmus, emotionalen Momenten und klugen Beobachtungen.
Die Realität einer Single-Mutter, das Verhalten mancher Menschen (im Internet) und die Schwierigkeiten des Lebens mit einem verpönten Beruf werden ungeschönt dargestellt - es ist nicht das, was man hören will, aber es wirkt dafür umso echter.
Auch die Charaktere wirken authentisch, teils mit Klischees, teils mit Tiefgang werden sie zum Leben erweckt. Sie sind alles andere als perfekt, haben komische Angewohnheiten und Macken und regen einen als Leser auch öfters mal auf.
Besonders interessant fand ich die verschiedenen Darstellungen der Eltern, wie sie ihre Liebe zeigen, wo ihre Grenzen liegen, was für sie "gute Eltern" ausmacht und die Kämpfe, die sie bestreiten müssen.
Ein weiteres Highlight für mich waren all die kreativen Ideen, die die Geschichte ergänzen: TikTok-Skripte, Fortnite-Runden, Pokemon-Referenzen und verrückte Erlebnisse. Für jemanden, der sich in dieser "Kultur" jedoch nicht so auskennt, geht vermutlich doch einiges verloren, auch wenn man die Handlung trotzdem gut verstehen sollte.
Allgemein wirkte alles sehr gut recherchiert, Gaming, Anime, Social Media, aber auch seriösere Themen wie Behördenabläufe, Gutachten, Anwaltstaktiken. Ich kenne mich in beiden Bereichen recht gut aus und fand es ziemlich realistisch und überzeugend für einen Unterhaltungsroman geschildert.
Lediglich die dunklen Seiten von OnlyFans hätten meiner Ansicht noch deutlicher beleuchtet werden können, daher empfehle ich nach der Lektüre noch die weitere Befassung mit dem Thema durch Youtube-Reportagen.
Gelungener Einblick in die (fiktive) Kriminalität im viktorianischen London
Der tote Antiquar von Limehouse von Ann Granger
Während Inspector Ross sowohl in einem Mord als auch im Diebstahl eines teuren Schmuckstücks ermitteln muss unterstützt ihn seine Frau durch das Sammeln von allerlei interessanten Informationen.
Ich kannte weder dieses Ehepaar noch die Krimi-Reihe vorher, aber bin trotzdem super in die Geschichte gestartet.
Die Charaktere werden kurz erklärt, vermutlich ohne dass es alte Leser stören würde, und anscheinend bekommen auch wiederkehrende Nebencharaktere einen Gastauftritt, was die Welt direkt noch lebendiger wirken lässt.
Ben Ross war mir auf Anhieb sympathisch, was sich auch im Verlauf der Geschichte nicht geändert hat, ein gelungener Hauptcharakter. Seine Frau Lizzie hatte ich mir anhand des Klappentextes jedoch etwas aktiver vorgestellt, sie hat nicht wirklich mitermittelt, eher zufällig erlangtes Wissen weitergegeben. Hier hätte ich mir mehr Zeit mit ihr gewünscht, sodass auch ihr Charakter besser zur Geltung kommen kann.
Dafür sind mir einige Nebencharaktere wie Zeugen umso mehr im Gedächtnis geblieben, da war wirklich eine gute Mischung dabei, auch wenn manche von ihnen etwas fragwürdig gehandelt haben.
Die große Stärke des Buches liegt für mich in den Beschreibungen und der Atmosphäre, man fühlt sich sofort in das damalige London versetzt. Vom Aussehen und der Kleidung der Menschen über gesellschaftliche Zustände bis hin zu Umgebungsbeschreibungen, alles wirkte sehr authentisch. Kleine Details oder Ereignisse runden alles perfekt ab.
Die Handlung selbst ist relativ gemütlich und legt mehr Wert auf Gespräche als auf Action oder viel Spannung, trotzdem kann man als Leser gut miträtseln und sich fragen, ob bzw. wie alles zusammenhängt.
Auch ein paar unerwartete Ereignisse kommen vor, insgesamt kann man sich gut überraschen und ins viktorianische London entführen lassen.
Geschichtsstunde anhand vieler Schicksale
Suche liebevollen Menschen von Julian Borger
Zufällig findet der Autor heraus, dass sein Vater damals durch eine Zeitungsanzeige nach England vermittelt wurde, um der Verfolgung der Juden durch die Nazis zu entkommen.
Während seiner Recherche stößt er auf viele weitere, ähnliche Schicksale und berichtet über all diese Menschen in diesem Buch.
Die Gestaltung ist meiner Meinung nach sehr gelungen, durch viel Bildmaterial wie Fotos der Menschen oder Zeitungsausschnitte hat man direkt besser vor Augen, wie echt das alles ist, dass diese Menschen wirklich mal gelebt haben und nicht nur erfundene Romanfiguren sind.
Auch erzählt der Autor viel von seinem Vater sowie anderen Verwandten, was viele Teile des Buches sehr persönlich wirken lässt.
Die Schicksale der Kinder und ihrer Familien waren alle sehr berührend, teilweise traurig und oft auch erschreckend, wahrlich keine leichte Kost, aber dafür umso wichtiger.
Von den meisten historischen Begebenheiten hatte ich entweder noch nie etwas gehört oder nur sehr oberflächlich, durch das Buch konnte ich so viel dazulernen und in die Geschichte "eintauchen".
Lediglich die Strukturierung hat mir nicht so ganz zugesagt, diese war mir teilweise doch ein wenig zu chaotisch. Mitten im Abschnitt oder Kapitel zieht der Autor manchmal Vergleiche zu anderen Personen und wechselt plötzlich den Fokus, was gerade am Anfang oft verwirrend war, wenn man die ganzen Namen noch nicht auseinanderhalten kann.
Auch werden die Geschichten der Kinder oft mit historischen "Fun Facts" ergänzt, also Hintergrundwissen zu den Städten, Politikern etc. - dies liefert zwar interessanten Kontext, steht aber auch oft kaum in direkter Relevanz zu den einzelnen Schicksalen.
Als Leser sollte man offen für eine solch umfangreiche Geschichtsstunde sein und auch Interesse an der Zeit mitbringen, nicht nur an den Erzählungen über die Kinder.
Ein wirklich wichtiges Sachbuch, gegen das Vergessen und mit Lektionen für unsere heutige Gesellschaft.
Die Bedeutsamkeit der Veränderung
Für immer von Maja Lunde
Die Grundidee des Buches ist wirklich spannend und interessant: Für die Menschheit bleibt die Zeit stehen, keiner stirbt oder wird geboren, Körper verändern sich nicht mehr.
Erzählt wird diese neue Situation für die Menschheit aus der Perspektive von einigen Personen, dazwischen bekommt man durch ihren Nachrichtenkonsum auch immer wieder mal Updates über die Lage in der Welt.
Der Schreibstil passt sich hierbei auch ein wenig den Charakteren an, durch den Aufbau der Texte lässt sich oft auf den Gefühlszustand der Menschen schließen. Die Autorin verwendet beispielsweise oft sehr lange Schachtelsätze, die ein wenig an fließende Gedanken erinnern. Wenn wir aufgewühlt oder beunruhigt sind denken wir schließlich nicht strukturiert, vielmehr springen die Gedanken hin und her und dies wird durch die Sprache hier gut eingefangen und hat mir besonders gefallen.
Dadurch ist es dem Leser zwar möglich, ein wenig in die Psyche der Charaktere einzutauchen, jedoch geschieht dies eher dezent. So kann es zwischendurch vorkommen, dass die Betrachtung ein wenig oberflächlich wirkt.
Schön fand ich, dass die einzelnen Charaktere durch Kleinigkeiten auch wieder miteinander verbunden werden und sich auch mal teilweise begegnen. Im Zentrum hiervon steht Jenny, bei der ich auch am Meisten mitfühlen konnte.
Auch gelungen war die die Beantwortung der Fragen, die man sich als Leser von Anfang an stellt. Hier wurden die Antworten geschickt in die Handlung eingebaut, wie z.B. das Schicksal von Unfallopfern während des Stillstandes.
Das Ende war für meinen Geschmack dann jedoch etwas zu plötzlich, aber das ist vermutlich Geschmackssache.
Insgesamt mochte ich diese Art von Gedankenexperiment "Was wäre wenn" sehr gerne und kann es durchaus als Unterhaltungslektüre weiterempfehlen.
Wichtiges Thema mit nicht ganz gelungener Umsetzung
Be My Shelter (Erstauflage exklusiv mit Farbschnitt und Character Card) von Lana Rotaru
Kaira und Cooper könnten nicht unterschiedlicher sein, doch trotzdem sprühen zwischen ihnen die Funken, als der Zufall sie zusammen führt. Zusammen versuchen sie, ihre eigenen Probleme zu überwinden, hier wird sehr auf Mental Health eingegangen.
Die Idee fand ich super, leider hat mir persönlich die Umsetzung nicht immer so zugesagt.
Erzählt wird die Geschichte in kurzen Kapiteln aus der Sicht der beiden Hauptcharaktere, was ich auch grundsätzlich mochte. Die Sprache ist schön einfach, man kommt schnell in einen Lesefluss.
Coopers Perspektive wurde mir nach einer Weile jedoch etwas zu viel, er schwankt permanent zwischen "ich darf mich nicht verlieben" und "ich möchte sie so gerne küssen", was zu einigen Wiederholungen führt und mir so auch nicht immer realistisch erschien. Dafür dass es eine Slow-Burn-Romance sein soll ging mir das auch etwas zu schnell mit der gegenseitigen Anziehung.
Zwischendurch gab es dafür aber auch immer wieder mal echt süße Szenen, hiervon hätte ich mir gerne noch mehr gewünscht.
Einige der Nebencharaktere waren cool drauf und tolle Freunde, andere haben mich teilweise mit ihrem Verhalten schon ein wenig aufgeregt.
Die Idee mit der Challenge, um sich gegenseitig herauszufordern, aus der Komfortzone zu locken und die mentale Gesundheit zu verbessern fand ich super, leider hat dies entgegen meiner Erwartungen nur einen kleinen Teil im Buch eingenommen und war mehr Nebenhandlung. Ein paar mehr Challenges ohne Abhandlung in Nebensätzen wäre aus meiner Sicht hier noch besser gewesen.
Insgesamt macht das Buch auf wichtige Themen aufmerksam und kann dazu anraten, besser auf sich Acht zu geben. Auch die Liebesgeschichte ist ganz süß, hat aber durchaus noch Luft nach oben.
Eine Frau schlägt sich durch
Not your Darling von Katherine Blake
Nur mit ihren Träumen und ein wenig gestohlenem Geld im Gepäck erreicht Loretta 1950 Hollywood. Ihr Ziel: Maskenbildnerin für all die berühmten Stars werden und sich dort ein neues Leben aufbauen.
Während sie zu Beginn des Buches erstmal einen aufgeweckten und frechen Eindruck macht, kommen in der neuen Stadt dann doch auch ihre naiven Seiten zum Vorschein.
Dies hat auf mich ziemlich authentisch gewirkt, Hollywood ist halt doch anders als die Kleinstadt in England.
Je länger sie jedoch dort lebt, desto besser passt sie sich an das Leben an und beweist Hartnäckigkeit und Stärke, was mir gut gefallen hat. Manchmal hat sie mich auch an Midge aus The Marvelous Mrs. Maisel erinnert, sie trickst sich durch, aber nimmt dabei auch öfters mal keine Rücksicht auf ihre Mitmenschen - also kein komplett "guter" Charakter.
Auch zu den Nebencharakteren hatte ich zu Beginn so gar keine Bindung, diese hat sich dann auch erst mit der Zeit aufgebaut.
Ähnlich wie Loretta sich erst in Hollywood einleben musste, muss sich auch der Leser erstmal ein wenig in das Buch hineinfinden.
Dann liest es sich jedoch super flüssig und schnell, die Sprache ist locker und leicht gehalten, die Kapitel sind schön kurz und auf den Punkt. Anstatt sich ewig in Situationen aufzuhalten, gibt es auch mal kleinere Zeitsprünge, die die Entwicklung verdeutlichen.
An manchen Stellen gingen mir die Szenen allerdings zu schnell, besonders die Entwicklung in manchen Dialogen fand ich teils komisch.
Dafür konnte mich die Geschichte immer wieder auch mal überraschen und es gab einige unerwartete Wendungen.
Die Mischung aus den Sonnen- und Schattenseiten Hollywoods war für mich das Highlight des Romans: Einerseits all die lieben Menschen, die Loretta auf ihrem Weg unterstützen, andererseits die schlechten Personen, die sämtlichen Anstand und Moral für ihr eigenes Vergnügen und ihren Erfolg über Bord werfen.
Die Atmosphäre war meiner Meinung nach gut getroffen, ich hatte viel Spaß dabei, Lorettas Weg in Hollywood zu verfolgen.
Wichtiges Buch über die dunklen Seiten des Internets
Was wir nicht kommen sahen von Katharina Seck
Das Internet verbindet mittlerweile Menschen aus der ganzen Welt miteinander, man findet Freunde, die tausende Kilometer entfernt wohnen. Problematisch wird es nur, wenn die Anonymität dazu ausgenutzt wird, seine eigenen dunklen Seiten dort auszuleben.
"Was wir nicht kommen sahen" beschäftigt sich auf eindrückliche und zutiefst berührende Art mit eben diesen Schattenseiten und den Konsequenzen, die daraus entstehen können.
Ada ist gerade einmal 18 Jahre alt, aber schon eine recht erfolgreiche Streamerin auf Twitch. Dies lockt nur leider zahlreiche Menschen an, die ihre eigenen Missstände im Leben dadurch kompensieren wollen, indem sie anderen das Leben zur Hölle machen. Der Leser begleitet einerseits Ada auf ihrer Reise in die Abgründe unserer (Internet-)Gesellschaft, andererseits ihre Mutter Jenny auf ihrer Suche nach Antworten nach Adas Suizid. Es entsteht ein geschicktes Spiel mit verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen: Für Ada entwickelt sich das Grauen in diesem Moment, für Jenny ist all dies schon Vergangenheit, die sie nicht mitbekommen hat. Ebenso gibt es immer wieder Kapitel aus der Sicht der "Anonymität", also den Menschen, die sich hinter den Nutzernamen verbergen, die oft ohne Hemmungen Hasskommentare etc. verbreiten. Dies ist teilweise unangenehm zu lesen, aber doch auch sehr wichtig: Warum werden Menschen zu Tätern? Vielleicht kennt man als Leser ja auch solche Personen und kann so möglicherweise auch helfen oder Schlimmeres verhindern.
Generell hat mir der Schreibstil auch sehr gut gefallen, die Gefühle wirken extrem authentisch und viele Beschreibungen und Metaphern sind einfach sehr passend. Vor allem die Charakterisierung von Ada finde ich sehr gelungen, sie ist eine Streamerin/Gamerin frei von diesen Vorurteilen, die man so oft liest. Auch Jennys Erfahrungen als Mutter und die ihres Mannes haben echt auf mich gewirkt, man konnte ihre Verzweiflung, Trauer und Besessenheit wirklich gut spüren.
Die geschilderten Arten des Cybermobbings sowie die Arten von "Menschen im Internet" fand ich auch überzeugend, wenn man viel online unterwegs ist wird man zwangsläufig selbst damit konfrontiert.
Auch wenn man von Beginn an weiß, wie Adas Schicksal aussieht, so war es doch auch spannend herauszufinden, was sie an diesen Punkt geführt hat. Bei Nebencharakteren fragt man sich, was sie verschweigen mögen, bei Adas Erlebnissen fürchtet man sich vor dem nächsten Angriff.
Insgesamt halte ich dieses Buch für echt wichtig: Ich bezweifle zwar, dass die Leser*innen hiervon selber Mobber sind und durch die Lektüre geläutert werden, aber es spendet Betroffenen ein wenig Hoffnung (niemand ist alleine!) und informiert vor allem Eltern nochmal mehr über mögliche Gefahren und das, was wirklich so abgeht.
Hexenjagd und Frauenpower
Nightbirds, Band 1 - Der Kuss der Nachtigall von Kate J. Armstrong
Bei diesem Buch muss ich zunächst auch auf die Gestaltung eingehen, die wirklich wunderschön ist: Leichte Goldprägung, passender Farbschnitt und detailreiche Verzierungen und kleine Bilder im Text.
Besonders toll finde ich auch die farbigen Karten, vorne von der Stadt Simta, hinten von der Republik Eudea - so konnte man beim Lesen immer direkt nachgucken, wo die Charaktere herkommen oder wo die Handlung gerade spielt.
Dies hat den Einstieg in diese neue fantasievolle Welt sehr erleichtert.
Ebenfalls dazu beigetragen haben die kleinen Textauszüge zwischen den Kapiteln: Briefe, Lieder, Rezepte, Tagebucheinträge und vieles mehr haben die Welt direkt um einiges lebendiger und authentischer wirken lassen. Hierzu gehören auch Mini-Kapitel aus der Sicht von Nebencharakteren, die mir gut gefallen haben.
Davon abgesehen wird die Geschichte jedoch aus den Perspektiven der Nightbirds erzählt, drei Frauen, die mit ihrem Kuss magische Kräfte weitergeben können und dadurch u.a. ins Visier der Kirche geraten.
Diese Art des Erzählstils fand ich gut gewählt, da man so jede der Frauen gut kennenlernen konnte und keine zum Nebencharakter verkommt. Sie alle sind auch recht unterschiedlich, sodass es schnell leicht fällt, sie auseinanderzuhalten.
Ihre Entwicklung im Laufe der Geschichte zu verfolgen fand ich spannend, auch war es schön zu sehen, wie ihre Freundschaft sich entwickelt.
Ebenso gelungen fand ich die Nebencharaktere, von denen es auch eine Vielzahl gab. Hier ist es bunter Mix vorhanden und viele bekommen auch ihre eigene Hintergrundgeschichte und wichtige Rollen in der Geschichte.
Die Welt wurde schön gestaltet, eine Vielzahl von kleinen Details macht sie lebendig. In anderen Regionen der Republik gibt es einen anderen Volksglauben, andere Traditionen, Redensarten, Sprachen - genau wie jedes Viertel der Stadt Simta eine ganz eigene Atmosphäre hat.
Insgesamt hat mir die Welt und die Charaktere hier sehr gut gefallen, jedoch hat die Spannung zwischendurch ab und zu etwas nachgelassen, sodass ich nicht immer das Bedürfnis hatte, unbedingt weiterlesen zu müssen, daher ein Stern Abzug. Trotzdem kann ich es nur empfehlen und bin gespannt auf Band 2.
Auf der Insel des Schicksals
Dynasty of Hunters, Band 1 - Von dir verraten von P. J. Ried
Laelias Zukunft erscheint traumhaft und relativ gesichert: Nach der erfolgreichen Teilnahme bei den Jagdspielen erwartet sie die Hochzeit mit ihrem langjährigen Freund und der Thron ihres Fürstentums. Blöd nur, dass sie aus unerklärlichen Gründen plötzlich auf der Seite der Gejagten landet und sich alle Pläne in Luft auflösen.
Das Setting erinnert auf den ersten Blick natürlich an die Tribute von Panem: Jugendliche treten in einer Art Arena (hier einsame Insel) gegeneinander an, die Teilnahme wird durch Lose geregelt, in der Wildnis erwarten sie gefährliche Tiere und irgendwer ist mit dem ganzen System nicht mehr so wirklich einverstanden.
Darüber hinaus entwickelt sich die Geschichte aber schnell zu etwas ganz eigenem. Die Adeligen sind französisch angehaucht und benehmen sich größtenteils auch so wie diejenigen, die sich bei uns dann damals in der französischen Revolution "verantworten" mussten. Der Haken hier ist jedoch, dass jedes Adelshaus über eine andere Art von magischer Kraft verfügt. Dieses ganze System fand ich toll ausgearbeitet, verschiedene Farben, Blumen und Kräfte verleihen den Adligen eine zusätzliche angeborene Identität und Zugehörigkeit, die im Laufe der Geschichte auch auf die Probe gestellt wird.
Die Handlung wird aus der Perspektive von Laelia erzählt und als Leser ist man genauso ratlos wie sie. So fragt man sich von Anfang an, was bei der Auslosung schief gelaufen ist, doch statt Antworten kommen nur immer mehr Fragen hinzu, was gut Spannung aufbaut - nichts läuft wie geplant, nichts ist so, wie es scheint.
Der Schreibstil ist hierbei angenehm zu lesen, zeitweise konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen, aber auch die Kapitellänge erschien mir genau richtig.
Zu meinen Highlights zählten die Beschreibungen, sowohl der Landschaft, der Gesellschaft als auch der Charaktere. Diese kann man sich gut vorstellen, aber auch an Details zu ihren Hintergrundgeschichten wird nicht gespart. Statt einfacher Nebencharaktere erkundet der Leser die Insel zusammen mit authentischen Personen voller Sorgen, Ängsten, Stärken und Hoffnungen.
Auch die "Überlebenstricks" auf der Insel fand ich spannend zu lesen - ich hoffe zwar nie auf einer einsamen Insel zu stranden, aber immerhin hätte ich dann schon ein paar Ideen.
Zuletzt hervorheben möchte ich Laelia selber: Meiner Meinung ist sie ein absolut gelungener Hauptcharakter. Anstatt stur bei ihren Ansichten zu bleiben hinterfragt sie das, was ihr falsch vorkommt und entwickelt sich charakterlich im Verlauf der Handlung weiter.
Geschichtsstunde mit Schwächen
Die Mitford Schwestern von Marie Benedict
Vor knapp 100 Jahren waren die Mitford Schwestern so etwas wie die It-Girls der heutigen Zeit, allen voran Diana. Mir waren sie bisher noch nicht bekannt, daher fand ich es interessant, sie durch diesen Roman kennenzulernen.
Erzählt wird ihre Geschichte aus den drei Perspektiven der Schwestern Nancy, Diana und Unity - hier wird jeweils der gleiche Tag oder grobe Zeitabschnitt aus jeder Perspektive dargestellt.
Dies war zunächst zwar etwas ungewohnt, jedoch habe ich mich schnell damit angefreundet, vor allem weil es kaum inhaltliche Wiederholungen gab. Auch eröffnete dies die Möglichkeit, kleine und größere Zeitsprünge auszuführen, sodass man die wichtigsten Erlebnisse und Tage präsentiert bekommen hat, anstatt sich ewig "im Alltag" aufzuhalten.
Die kurzen Kapitel haben hierzu gut gepasst und für ein flüssiges Leseerlebnis gesorgt.
Ebenso interessant fand ich die geschichtlichen Hintergründe: Die beschriebenen historischen Ereignisse sind teilweise wirklich so passiert, vieles davon war mir auch noch gar nicht bekannt, beispielsweise die Ausbreitung des Nationalsozialismus in Großbritannien. Bei den Schwestern selber scheint sich die Autorin jedoch auch einige künstlerische Freiheiten erlaubt zu haben.
Ein wenig schade war ebenso, dass im Nachwort zwar viel weiterführende Literatur zu der Familie benannt wird, jedoch keine kurze Zusammenfassung im Sinne von "so ging es weiter" gegeben wird. Anstatt jetzt noch drei weitere Bücher zu lesen, musste Google weiterhelfen für all meine offenen Fragen.
Zu den Schwestern selbst: Wirklich warm bin ich mit keiner von ihnen geworden, wobei dies vermutlich auch eher nicht so ein Buch ist, bei dem man mit den Protagonisten mitfiebert. Nancy wird im Klappentext als eine starke Frau dargestellt, die sich zum Wohle des Landes gegen ihre Familie stellt, im Roman kommt dies aber viel zu kurz. Vielmehr ist sie die ganze Zeit mit nichtsnutzigen Männern und ihrem Kinderwunsch beschäftigt als mit dem Widerstand.
Bei Diana das Gleiche, zwar scheint immer wieder mal durch, dass sie eine kluge Strategin ist, aber dann dreht sich ihr Universum doch wieder nur um den fürchterlichen Mosley.
Und Unity ist schlussendlich einfach nur ein absolutes Hitler-Fangirl.
Mir war das Ganze dann doch einen Ticken zu sehr auf die Männer fixiert, über die sich diese "starken Frauen" zu definieren scheinen.
Auch fehlt mir ein wenig das Gleichgewicht im Buch: 2 der 3 Perspektiven sind faschistisch, nur eine ist quasi die Stimme der Vernunft. Wüsste man es nicht besser, könnte man fast meinen, die Schilderungen über Hitler etc. wären irgendwie positiv - Hitler als perfekter Gentleman beispielsweise.
Dies passt zwar zu den Charakteren, aber eine weitere kritische Schwesternperspektive hätte ich als Ausgleich besser gefunden, z.B. die der Schwester Decca, die öfters erwähnt wird und sehr interessant erscheint, dann jedoch viel zu kurz kommt.
Die Idee des Romans insgesamt war gut und ich habe auch einiges aus diesem Buch mitgenommen, jedoch fand ich die Darstellung doch ein wenig zu problematisch und habe mein Erlebnis dann lieber durch externe Quellen ergänzt.











