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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Ruth:

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Ein Muss für jedes Kinderzimmer

Wieso? Weshalb? Warum? Kernreihe, Band 58 - Unsere Gefühle von Andrea Erne

Meine Enkelkinder besitzen schon eine stattliche Anzahl Bücher aus der bewährten „Wieso? Weshalb? Warum?“- Reihe und es war für mich gar keine Frage, diesen neuen Band hinzuzufügen . Seine eigenen Gefühle benennen und einordnen zu können, ist enorm wichtig für die gesunde Entwicklung von Kindern.

In zahlreichen Alltagssituationen wird aufgezeigt, wie viele unterschiedliche Arten von Gefühlen es gibt und warum sie wichtig und hilfreich sind. Es geht um kindliche Konflikte, um angenehme und weniger angenehme Gefühle; Freude, Wut, Traurigkeit oder Angst. Identifikationsmöglichkeiten bieten die Szenen rund um den kindlichen Alltag, der mit vielen ansprechenden Szenen illustriert wird. So lernen Kinder nicht nur, ihre eigenen Gefühle zu akzeptieren, sondern auch, sie bei anderen wahrzunehmen. Dabei helfen die Bilder, die mit ausdrucksstarker Mimik und Körperhaltung deutlich machen, wie sich die Figur fühlt. Aber nicht nur Kinder kennen Gefühle; dass auch Erwachsene unter ihnen leiden können, wird ebenfalls angesprochen, so z.B. die Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen oder die Depression eines Vaters.
Strategien, wie mit unliebsamen Emotionen umzugehen ist, werden empfohlen , ebenso, wer einem dabei helfen kann.
Auch bei diesem Band laden jede Menge Klappen zum weiteren Entdecken ein. Besonders gelungen ist die integrierte Gefühlsuhr zum Drehen , bei der das Kind seine aktuelle Gefühlslage anzeigen kann.
Dieses Buch ist ein Muss für jedes Kinderzimmer und eignet sich außerdem sehr gut für den Einsatz im Kindergarten. Denn es lädt geradezu ein, um miteinander über seine Gefühle ins Gespräch zu kommen.

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Ein Muss für jedes Kinderzimmer
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„Flirt mit dem Glück“

6 aus 49 von Jacqueline Kornmüller

In bitterer Armut ist sie aufgewachsen, die Großmutter von Jaqueline Kornmüller. Eine solche Armut, von der sie immer sagte, „ so eine Armut, wie ich sie als Kind erlebt habe, gehört verboten.“
Geboren wurde Lina an einem Dreizehnten im Jahr 1911 in einem Dorf in Niederbayern. Aufgewachsen ist sie mit 10 Geschwistern, zu denen noch vier Pflegekinder kamen.

Schon mit dreizehn Jahren tritt sie ihre erste Arbeitsstelle an. Erste Erfahrungen im Hotelgewerbe macht sie in München und von dort führt es sie mit der neu gewonnenen Freundin Maria nach Garmisch. Wieder in ein Hotel, in ein sehr renommiertes. Hier verkehren die Großen der deutschen Filmindustrie, u.a. auch Zarah Leander.
Die Arbeit im Hotel gefällt Lina, doch sie will nicht länger Angestellte sein. Und als sich die Möglichkeit bietet, eine schöne Villa zu pachten, greift sie zu. Gemeinsam mit Freundin Maria betreibt Lina fortan das kleine Hotel „Amalie“. Es folgen harte und arbeitsame Jahre, die aber von Erfolg gekrönt sind. Lina ist mit Leib und Seele Hoteliersfrau, immer bereit, immer gastfreundlich.
Doch Lina vergisst nie ihre Herkunft, die bitteren Jahre der Armut. Das mag mit ein Grund gewesen sein für ihre Leidenschaft für das Lotto- Spiel. Woche für Woche füllt sie den Lottoschein aus, und tatsächlich hat sie einmal einen Sechser. Doch der Gewinn spielt im Buch und in Linas Leben gar keine so große Rolle.
Wichtiger ist vielmehr Linas unerschütterlicher Optimismus und ihr Vertrauen in das Glück. Dabei erwartet sie nichts Weltbewegendes; ihr Glück liegt in den kleinen Dingen.
Nur in der Liebe hat Lina kein Glück. Ein „ Zufallsgast“, von dem sie glaubt, er bliebe ein Leben lang, entpuppt sich als nicht verlässlich. Lina wird weiterhin ihre Tochter allein großziehen. Aber immer treu an ihrer Seite ist Freundin Maria, ein Leben lang.
Die Regisseurin und Autorin Jaqueline Kornmüller erzählt in 49 (!) kurzen Kapiteln vom Leben ihrer Großmutter. Bei ihr ist sie aufgewachsen, sie war ihr „ persönlicher Sechser im Lotto“. Und diese Liebe und Verbundenheit zwischen Großmutter und Enkelin ist in jeder Zeile zu spüren.
Die Autorin erzählt episodenhaft, umkreist das Leben ihrer Großmutter, erzählt aber auch von sich, von ihrer Kindheit in der „ Amalie“, von ihrem Erwachsenwerden.
Dabei wird der historische Hintergrund nicht ausgeklammert. So erfährt der Lesende z.B. von der unrühmlichen Vergangenheit von Garmisch- Partenkirchen, dem Geburtsort der Autorin. Weil Hitler die Winterolympiade wollte, wurden 1935 die verfeindeten Dörfer Garmisch und Partenkirchen zusammengelegt. Der Ort blüht auf, die Touristen kommen in Scharen, die „ Luftdeppen“, wie es im Buch heißt. Und die Nazis haben hier, wie andernorts , das Sagen. Auch davon erzählt Jaqueline Kornmüller in eindrücklichen Szenen. Ihre kritische Haltung zu ihrem Geburtsort zeigt sich u.a. darin, dass sie von ihm nur als „ Bindestrich“ spricht.
Auch sonst pflegt die Autorin einen eigenwilligen Erzählstil, mit vielen kurzen Sätzen und Wiederholungen. Viele Figuren erhalten keinen eigenen Namen sondern heißen „ die Kanaille“, „ der Durchreisende“, „ der Zufallsgast“ oder einfach „ Du“. Und die Mutter der Autorin wird im Buch nur „ Linas Tochter“ genannt. Der Fokus liegt eindeutig auf Lina.
Das aussagekräftige Coverbild, fast nur in Blau gehalten, bis auf die gelbe Schrift, hat die bekannte Illustratorin Kat Menschik gestaltet. Sie fasst sehr anschaulich den Inhalt zusammen. Vor dem Hintergrund einer blühenden Berglandschaft stehen zwei lächelnde Frauen, Hand in Hand, hinter ihnen das Hotel „Amalie“. Und zwischen all dem schweben sechs Lottokugeln.
„6 aus 49“ ist eine liebevolle Hommage an eine starke und beeindruckende Frau, die mit Zuversicht und Selbstvertrauen ihr Leben gemeistert hat.

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„Flirt mit dem Glück“
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Intensive Spurensuche

Rückkehr nach St. Malo von Hélène Gestern

Héléne Gestern, Jahrgang 1971, ist eine französische Schriftstellerin und Literaturdozentin. Nach „ Der Duft des Waldes“ ist dies ihr zweiter auf Deutsch erschienener Roman. Auch hier spielen wieder alte Photographien und Recherchen in Archiven eine wichtige Rolle.
Hauptfigur und Ich- Erzähler Yann de Kérambrun, ein knapp fünfzigjähriger Geschichtsprofessor, kehrt zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters in das Familienanwesen nach Saint-Malo zurück.

Nach der Scheidung von seiner Frau braucht er eine Auszeit; die Ruhe hier an der bretonischen Küste soll ihm den nötigen Abstand geben. Das Haus ruft Erinnerungen an seine Kindheit hervor, an unbeschwerte Sommer am Meer, gemeinsam mit seinem mittlerweile verstorbenen Zwillingsbruder.
Im Büro seines Vaters stößt Yann auf die Archive des Familienunternehmens, auf alte Konten- und Notizbücher seines Urgroßvaters Octave. Dieser, ein visionärer Maschinenbauingenieur, war fasziniert von dem technischen Fortschritt und hatte den Ehrgeiz, sichere und schnelle Schiffe zu bauen. So legte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Grundstein für eine expandierende Reederei, die bis heute im Familienbesitz ist.
Yann selbst wollte als junger Mann nichts mit dem Familienbetrieb zu tun haben, was das Verhältnis zu seinem dominanten Vater zusätzlich belastete.
Je tiefer Yann in die familiäre Vergangenheit eintaucht, desto mehr Fragen stellen sich ihm. Und am Ende kommt er nicht nur einem Familiengeheimnis auf die Spur, sondern kann auch Frieden schließen mit seinem Vater.
Hélène Gestern lässt sich Zeit für ihre Geschichte. Bis ins Detail gehend lässt sie den Lesenden an Yanns Recherchearbeit teilhaben, die über das familieneigene Archiv hinausführt. Dabei bekommt man nicht nur einen intimen Einblick in familiäre Konflikte, sondern auch in betriebliche Abläufe.
Gleichzeitig erleben wir den Heilungsprozess eines Mannes in der Krise. War der Ich- Erzähler bei seiner Ankunft noch erschöpft und verzweifelt, wusste nicht, wie es weitergehen soll, so kann er nach diesem Jahr in St. Malo wieder offen nach vorne schauen. Dazu beigetragen hat sicher auch die Begegnung mit einer Frau.
Aber auch das Meer hat eine wesentliche Rolle für seine Gesundung gespielt. Es fordert ihn heraus, schenkt ihm Kraft und Ruhe. Wie die Autorin das Meer und die Küstenlandschaft beschreibt, ist Nature Writing vom Feinsten. Hier werden alle Sinne des Lesers angesprochen.
Der Originaltitel des Romans lautet „ Cézembre“, wie die kleine Insel im Ärmelkanal, nordwestlich von Saint-Malo, „ diesem Gesteinsbrocken, der je nachdem Paradies oder Hölle gewesen war, Schlachtfeld oder Heiligtum, Festung oder Friedhof.“
Beim Blick aus dem Fenster hat Yann dieses Eiland täglich vor Augen, und für seine Familie, aber auch für die Weltgeschichte, hat Cézembre eine wichtige Rolle gespielt. Lebten früher Einsiedler dort, später Mönche, so wurde im 19. Jahrhundert die Insel zur Festung ausgebaut. Diese Festung war im Zweiten Weltkrieg Teil des Atlantikwalls und auf Cézembre waren deutsche Soldaten stationiert. Nachdem Saint-Malo von den Alliierten eingenommen war, wurde die Insel Ziel intensiver Luftangriffe. Cézembre war eine der am stärksten bombardierten Orte im Zweiten Weltkrieg, weshalb sie danach jahrzehntelang für Besucher gesperrt war.
Kursiv gedruckte Passagen, immer wieder im Text verstreut, erzählen von Menschen, die einst auf der Insel lebten, von Mönchen, Sträflingen und Soldaten. Kursiv gedruckt kommen aber auch Familienmitglieder aus der Vergangenheit zu Wort.
So wechselt die Autorin gekonnt die Zeiten und die Perspektiven, was dem Roman zusätzliche Tiefe gibt.
Hèléne Gestern überzeugt mit literarischer Virtuosität, mit einer wunderschönen Sprache, die die Faszination dieser Region einfängt, mit glaubwürdigen Charakteren und mit einer fesselnden Familiengeschichte.
„ Rückkehr nach St. Malo“ ist allerdings ein Roman, für den man einen langen Atem braucht, nichts für ungeduldige Leser. Doch wer sich auf das ruhige Erzähltempo einlässt und sich von den vielen Details nicht abschrecken lässt, wird belohnt mit einer atmosphärisch dichten Geschichte, die einen immer stärkeren Sog entwickelt.

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Intensive Spurensuche
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Invasive Arten

Schattengrünes Tal von Kristina Hauff

Kristina Hauffs dritter Roman führt uns in ein idyllisches Tal mitten im Schwarzwald. Hier lebt Lisa mit ihrem Mann Simon und der beinahe erwachsenen Tochter. Und hier ist sie auch aufgewachsen, als Kind einer Hoteliersfamilie. Doch das Hotel „ Zum alten Forsthaus“ hat seine besten Tage längst hinter sich.

So vieles ist marode und gehörte dringend renoviert; auch erfüllt das Haus längst nicht die Standards, die heutige Touristen erwarten. Nur noch die alt gewordenen Stammgäste verirren sich hierher. Lisa, die neben ihrem Job im örtlichen Tourismusbüro die Buchhaltung des Hotels erledigt, würde gerne neu durchstarten. Doch Vater Carl will das Zepter nicht aus der Hand geben. Außerdem hofft er immer noch darauf, dass Sohn Felix seine Nachfolge antritt.
Eines Tages quartiert sich Daniela, eine einsame Fremde, im Hotel ein. Sie macht einen hilfesuchenden Eindruck und Lisa nimmt sich ihrer an. Dank Lisas guter Vernetzung im Ort findet Daniela bald eine Wohnung und Anschluss im Chor. Und als Carl Hilfe benötigt im Hotel, da bietet sich die Neuangekommene an und macht sich schnell unentbehrlich.
Doch etwas stimmt nicht mit ihr. Was kann man ihr tatsächlich glauben? Nicht alles, was sie erzählt, erweist sich als wahr. Und warum wendet sich plötzlich die beste Freundin von Lisa ab? Weshalb verhält sich Simon auf einmal höchst sonderbar?
Ganz subtil spinnt die fremde Frau ihre Intrigen, spielt die Menschen gegeneinander aus und manipuliert sie.
Lisas bisher scheinbar gefestigte Welt gerät ins Wanken und sie muss alles auf den Prüfstand stellen.
Durch die Geschehnisse werden die Brüche und Risse, die schon zuvor in den Beziehungen bestanden haben, offensichtlich.
Simon steckt mitten in einer Sinnkrise. Es nervt ihn immer mehr, dass Lisa ständig im väterlichen Hotel aushilft und sich kaum für seine Arbeit interessiert. Und in seinem Beruf als Förster macht ihm der Klimawandel zu schaffen.
Aber es ist nicht nur Daniela allein, die die Menschen in ihrem Umfeld manipuliert und für ihre eigenen Interessen benützt. Auch Vater Carl weiß, wen er für seine Zwecke ausbeuten kann. Lisas Pflichtbewusstsein und ihre Hoffnung auf väterliche Anerkennung sorgen dafür, dass sie immer sofort herbeieilt, wenn er sie braucht. Und auch auf die Liebe und Unterstützung seiner Lebensgefährtin Margaret kann er vertrauen. Sie managt das ganze Hotel, trotzdem bekennt er sich in der Öffentlichkeit, als verheirateter Mann, nicht zu ihr.
Spannung und Tiefe bekommt der Roman durch die Vielfalt der Perspektiven. Außer der Hauptfigur Lisa bekommt man auch die Sichtweisen von Simon, Carl und Margaret zu lesen. Nur Daniela wird von außen betrachtet, wobei sich jeder sein eigenes Bild von ihr macht.
Der Roman entwickelt gleich einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Anfänglich irritiert, ist man bald entsetzt, wie perfide die Manipulationen hier ablaufen. Auch wenn man früh ahnt, aus welcher Richtung die Bedrohung kommt, so fragt man sich doch, welchen Plan die Fremde verfolgt.
So wie der Titel schon auf das Bedrohliche verweist, das in eine vermeintliche Idylle eindringt, findet Kristina Hauff ein weiteres starkes Bild, das diesen Eindruck verstärkt. Simon beobachtet in seinem Wald einen Schakal, ein Tier, das normalerweise nicht im Schwarzwald heimisch ist. Durch den Klimawandel dringen verstärkt invasive Arten ein, verdrängen heimische Tiere und Gewächse und verändern so unsere gewohnte Lebenswelt.
Mit Daniela ist eine gewissermaßen „ invasive Art“ ins „ schattengrüne Tal“ eingedrungen und die Bewohner dort müssen ihr gewohntes Leben neu überdenken und sich verändern. Lebenslügen werden aufgedeckt, Geheimnisse kommen ans Licht,
Der Roman überzeugt nicht nur mit psychologischer Spannung, sondern auch mit Atmosphäre. Stimmungsvolle Landschaftsbilder lassen den Schwarzwald in all seinen Schattierungen lebendig werden.
Nach dem für mich enttäuschenden „ In blaukalter Tiefe“ konnte die Autorin hier an das Niveau ihres Erstlings herankommen.
„ Schattengrünes Tal“ ist ein fesselnder Unterhaltungsroman, den ich gerne empfehle.

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Invasive Arten
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Einladung an alle

Einfach Literatur von Klaus Willbrand; Daria Razumovych

Auch ich habe mir mit Interesse auf Instagram die Videos angeschaut, in denen ein freundlicher älterer Herr sehr fundiert die Fragen einer jungen Frau beantwortet hat, Fragen nach literarischen Vorlieben, nach den wichtigsten Büchern des 20. Jahrhunderts, nach über- und unterschätzten Autoren und viele mehr.

Klaus Willbrand hieß der Mann, der sich sein ganzes Leben intensiv mit Literatur beschäftigt hat. Er war gelernter Buchhändler und Antiquar und hat über zwanzig Jahre lang ein gut sortiertes Antiquariat in Köln, in der Nähe der Universität, geführt. Anfang 2024 steht er vor der Frage, ob er sein Geschäft, das schon während der Corona-Pandemie in Schieflage geriet, schließen muss. Da hat seine junge Kundin und Freundin Daria Razumovych, eine Germanistin und Social Media-Expertin, die Idee, Videos mit Buchempfehlungen auf TikTok und Instagram hochzuladen. Nicht nur sein Antiquariat erhielt neuen Zulauf, nein, innerhalb kürzester Zeit wurde Willbrand als „ältester Bookfluencer Deutschlands“ bekannt. Er begeisterte über 150.000 Follower mit seiner Leidenschaft für gute Literatur und widerlegte das Vorurteil, das Buch sei ein aussterbendes Medium.
Klaus Willbrand ist im Januar im Alter von 83 Jahren gestorben und posthum erscheint nun sein Vermächtnis. „ Einfach Literatur“ heißt das Buch, das er gemeinsam mit Daria Razumovych geschrieben hat und das kein verbindlicher Kanon sein will, sondern ein „ Literaturverführer“, wie es auf der Rückseite heißt.
Es ist eine Mischung aus Biografie und literarischen Empfehlungen.
Schon sehr früh fand Klaus Willbrand Zugang zu Büchern. Mit fünf Jahren musste er wegen seinem starken Asthma ins Krankenhaus, wo er sich aus Langeweile selbst das Lesen beibrachte. Der Grundstock für eine lebenslange Leidenschaft war gelegt. Sein Weg führte ihn in den Buchhandel, zeitweise auch in die Verlagswelt. Dabei machte er Bekanntschaften mit Schriftstellern wie Heinrich Böll, den er auch als Mensch schätzen lernte oder Rolf Dieter Brinkmann, mit dem ihn bis zu dessen frühen Tod eine enge Freundschaft verband. Mit dem Dichter H.C. Artmann zog er um die Häuser. „ Das hatte wenig mit Literatur zu tun“, bekennt Willbrand freimütig. In seine Erinnerungen flicht er einige Anekdoten ein, die den Lesenden schmunzeln lassen. So hat er z.B. einmal Günter Grass vor den Kopf gestoßen, weil er kein Autogramm von ihm wollte.
Es war kein bürgerliches Leben, das Klaus Willbrand geführt hat. Immer wieder beginnt er etwas völlig Neues. So gönnt er sich auch ein dreijähriges Lesesabbatical. In dieser Zeit unternimmt er nichts, außer lesen. Dabei legt er sich „ eine literarische Basis“ an, von der wir alle nun profitieren dürfen.
Zwischen den unterhaltsamen Geschichten aus seinem Leben folgen Abschnitte über die Literatur, beginnend mit der deutschsprachigen, dann der angloamerikanischen und endend mit der französischsprachigen Literatur. Alle drei Großkapitel schließen mit einer langen Liste der wichtigsten Schriftsteller und Schriftstellerinnen.
Romane aus dem asiatischen und dem afrikanischen Raum sucht man hier allerdings vergebens. Ein kleines Manko, das aber durch die Art, wie Klaus Willbrand Bücher und Autoren vorstellt, ausgeglichen wird. Kurz und prägnant, dabei immer fundiert und respektvoll schreibt er über die einzelnen Werke und deren Schöpfer, greift Besonderheiten heraus, so z.B. die Ironie und die elegante Sprache bei Thomas Mann, die Hellsichtigkeit Kafkas und an Joseph Conrad schätzt er dessen Auseinandersetzung mit anderen Kulturkreisen. Hans Fallada will er nicht als Unterhaltungsschriftsteller abgestempelt sehen. Virginia Woolf gesteht er „ ewige Bedeutung“ zu und an Proust führt für ihn kein Weg vorbei.
Eine Leseliste mit deren bedeutendsten Werken findet sich bei einigen Schriftstellern
Bei vielen der angesprochenen Bücher werden bei mir Leseerinnerungen wach und nicht bei wenigen habe ich Lust bekommen auf eine Zweitlektüre. Andere wiederum stehen schon seit langem auf meiner unendlichen Leseliste und bei manchen wurde erstmals mein Interesse geweckt. So ist das Buch nicht nur für Menschen, die Zugang zu guter Literatur finden möchten, sondern auch für Literaturkenner lesenswert.
„ Einfach Literatur“ ist eine Einladung an alle, die das weite Reich der Literatur für sich entdecken wollen. Denn: „Am Ende des Tages heißt es: lesen, lesen, lesen

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Einladung an alle
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Ein Buch wie eine Rose

Lady Rose von Ruby Ferguson



Immer mal wieder graben Verlage vergessene Schätze aus, sehr zur Freude der Leser. So auch hier. Der Zürcher Kampa Verlag hat mit „ Lady Rose“ einen zauberhaften Roman veröffentlicht, den, laut Klappentext, schon Queen Mum so geliebt hat, dass sie die Autorin zum Tee einlud. Erschienen ist das Buch bereits 1937; die eigentliche Handlung führt uns aber noch weiter in der Zeit zurück.

En englischer Anwalt, seine Frau und sein amerikanischer Freund reisen Anfang der 1930er Jahre durch Schottland. Auf ihrer Fahrt die Küste entlang stoßen sie auf ein herrschaftliches Anwesen. Da das Haus für eventuelle Mieter offensteht, nutzen sie die Gelegenheit zur Besichtigung. Eine alte Hausdame, Mrs. Memmary, führt die Besucher durch das seit Jahrzehnten leerstehende Haus. Hinter den verblassten Tapeten und dem rissigen Putz lässt sich noch die frühere Pracht und Schönheit erahnen. Während die Touristen durch die leeren Räume gehen, erzählt ihnen Mrs. Memmary die Geschichte von Lady Rose, der Herrin von Haus Keepsfield.

Sie wird Mitte des 19. Jahrhunderts als einziges Kind eines reichen schottischen Grafen geboren. Rose ist ein aufgewecktes und liebevolles Mädchen, voller Stolz auf ihre schottische Heimat. Sie wächst inmitten der Natur und mit allen Annehmlichkeiten ihres Standes auf. Einzig die häufige Abwesenheit ihrer Eltern, die ihren Aufgaben am Hof von Queen Victoria nachkommen müssen, macht sie traurig.

Ihre unbeschwerte Kindheit endet, als sie ihre Eltern auf eine standesgemäße Schule in England schicken. Das Internat ähnelt mehr einem Kloster oder einem Gefängnis, doch Rose fügt sich. Sie findet Freundinnen und lernt brav all das, was eine zukünftige Gräfin wissen muss.

Als Rose 18 Jahre alt ist, darf sie endlich ihren Antrittsbesuch bei Queen Victoria machen. Und danach beginnt die Ballsaison in London, wo es v.a. darum geht, einen Mann zu finden. „ Und es gab zwei Möglichkeiten: Entweder war die Familie hocherfreut über eine „ gute Partie“, oder sie wurde ziemlich wortkarg, damit möglichst keiner merkte, dass man eine „ schlechte Partie“ gemacht hatte.“ Rose ist noch ganz das unschuldige, schwärmerische Mädchen, das von einem gut aussehenden jungen Mann träumt und romantische Vorstellungen von der Ehe hat. Doch ihre Eltern haben schon den passenden Kandidaten für sie ausgewählt. „ Er ist nur Baronet, aber ein alter schottischer Titel, und er hat zehntausend Morgen, die praktisch direkt an Keepsfield grenzen.“ Rose, naiv und vertrauensvoll, beugt sich erneut den Wünschen ihrer Eltern.

Doch ihr Mann leidet von Anfang an darunter, dass seine Frau ihm an Status und Reichtum überlegen ist und lässt sie das spüren. Nach außen hin gelten sie als das perfekte Paar. Drei Kinder scheinen das Glück vollkommen zu machen. Doch Rose, die sich so nach Liebe sehnt , spürt, dass in ihrer Ehe das Wesentliche fehlt. „ Zehn Jahre war sie nun schon mit ihm verheiratet, seit zehn Jahren war sie mit ihrem warmen, impulsiven Wesen an seine Kälte gefesselt.“ Einzig im Umgang mit ihren Kindern lebt sie auf, ist sie glücklich.

Aber dann begegnet sie eines Tages auf einer Parkbank in Edinburgh einem jungen Mann und Rose trifft eine Entscheidung, die niemand in ihrer Umgebung billigt.

Es ist eine bittersüße Geschichte, die uns Ruby Ferguson hier erzählt. Bei aller Nostalgie sind doch die kritischen Töne nicht zu überhören. Schon zu Beginn, als Rose noch vermeintlich eine idyllische Kindheit hat, ist die Distanz und der Standesdünkel der Eltern zu spüren. Da ist der Vater, der lieber einen Sohn, einen richtigen Erben gehabt hätte. Aber auch die Mutter ist, bei aller Liebe zu ihrer Tochter, selten für sie da und legt sehr viel Wert auf den äußeren Schein.

Dabei ist Rose eine Figur, die man ins Herz schließen muss. Liebenswürdig, offen, impulsiv, voller Freude und Neugierde auf das Leben. Doch das sind keine Eigenschaften, die bei Frauen erwünscht waren. Zu eng war das Korsett, in das man sie gepresst hat, gerade für Frauen ihres Standes. Ihnen wurde kein eigener Wille zugestanden, keine eigenen Ansichten oder Ideen. Stattdessen wurde erwartet, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse begraben und sich an die strengen Regeln und Konventionen ihrer Zeit halten. Wer sich darüber hinwegsetzte, wurde hart bestraft. Für solche war kein Platz mehr in der Gesellschaft.

Der Roman kommt zunächst leicht daher, ist aber tiefgründig und melancholisch. Wer auf ein Happy-End gehofft hat, wird enttäuscht. Davor warnt sogar ausdrücklich die Autorin. So heißt es : „ Es kommt noch mehr, und es ist gut möglich, dass es Ihnen nicht gefällt. Wollen Sie riskieren, die Wahrheit zu erfahren, und weiterlesen? Wenn Sie es tun, dann tun Sie es auf eigene Verantwortung. Eine Geschichte ist erst auserzählt, wenn alles zur Sprache gekommen ist - aber das ist kein Grund, sie einem Leser, der bei seiner Lektüre empfindlich ist, aufzudrängen.“

„ Lady Rose“ ist ein wunderbarer Roman über eine liebenswerte und starke Frau und über eine Zeit und eine Gesellschaft, bei der die Fassade wichtiger war als tiefe menschliche Gefühle. Ein Buch wie eine Rose, voller Schönheit und Eleganz und voller schmerzhafter Dornen.

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Ein Buch wie eine Rose
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„ Der See stand in ihrem Zuhause“

Das Echo der Sommer von Elin Anna Labba

Die schwedisch-samische Journalistin Elin Anna Labba hat für ihr Sachbuch über die Zwangsumsiedlung der Sami den wichtigsten schwedischen Buchpreis erhalten. Nun legt sie mit „ Das Echo der Sommer“ ihren ersten Roman vor. Auch hier geht es um ein leidvolles Kapitel in der Geschichte ihres Volkes.

Schon seit Jahrzehnten werden samische Dörfer für die Energieversorgung des Landes geflutet.
Der Roman setzt ein im Jahr 1942. Die dreizehnjährige Ingá macht sich wie jedes Jahr gemeinsam mit ihrer Mutter Rávdná und ihrer Tante Ánne von ihrem Winterquartier auf in ihr „ Sommerland“, ein Dorf an einem See in Nordschweden. Doch ihr Dorf ist schon beinahe ganz im See versunken.Die Regierung hat den Staudamm erhöht, weil die Städte im Süden des Landes mehr Strom brauchen. Auch ihre Torfkote steht schon zur Hälfte unter Wasser. Sie versuchen mit dem Boot noch einige Dinge aus ihrem einstigen Zuhause zu retten. Aber das Wasser steigt schnell. Auch das Grab ihres Vaters, das auf einer erhöhten Insel liegt, versinkt in den Fluten.
Es ist nicht das erste Mal, dass Rávdná und Ánne eine neue Kote bauen müssen. Schon früher hat sie der Staudamm gezwungen, weiterzuziehen, weiter oben am Fjäll zu siedeln.
Rávdná ist zornig. Als Witwe hat sie keine Rentierherde, mit der sie umherziehen muss. Sie lebt vom Fischfang und sie will endlich ein festes Zuhause. Doch der schwedische Staat möchte nicht, dass die Samen sesshaft werden. „ Der Staat hält es für das Beste, wenn sie ihr ursprüngliches Leben beibehalten und weiter mit ihren Rentierherden umherziehen. …Die natürlichen Eigenschaften der Lappen sind für die Sesshaftigkeit nicht gemacht.“
Aber Rávdná gibt nicht auf. Trotz fehlender Genehmigung baut sie sich ein kleines Häuschen und als Jahrzehnte später, wir sind dann Ende der 1960er Jahre, die Staumauer wieder erhöht werden soll, schließt sie sich mit anderen zusammen zum gemeinsamen Protest. Aber aller Widerstand nützt nichts. Erneut wird ihr Zuhause von den Fluten verschlungen.
Die Autorin zeigt uns hier drei starke Frauen aus zwei Generationen, die völlig unterschiedlich mit den Schwierigkeiten ihres Lebens umgehen. Während Rávdná sich gegen das Unrecht zur Wehr setzt, verschließt sich ihre Schwester immer mehr, wird immer stiller, bis sie schließlich stirbt, und Inga arrangiert sich notgedrungen mit den neuen Gegebenheiten.
Wir erfahren in diesem Roman sehr viel über die alte Kultur der Samen, ein Leben in und mit der Natur. Allerdings auch darüber, wie viel sich verändert hat. Dorfgemeinschaften werden auseinandergerissen, ihre Lebensgrundlage immer mehr zerstört. Gleichzeitig wird ihr Volk diskriminiert und ausgegrenzt. Das Winterquartier z.B. ist eine erbärmliche Barackensiedlung ohne Strom am Rande der Stadt. Der indigenen Bevölkerung wird, wie überall, ihre Heimat, ihr Lebensraum weggenommen, ohne ihre Einwilligung und ohne Entschädigung.
Auch hier zeigt sich eindrucksvoll, dass für die Gier der Industrienationen nach Wohlstand andere, Ärmere, bezahlen müssen.
Dabei ist der Roman unglaublich poetisch. Gerade die Passagen, in denen der See selbst zu Wort kommt, wirken wie Gedichte. Die vielen eingestreuten samischen Ausdrücke, die sich meist aus dem Kontext erschließen, stören keineswegs, sondern lassen die Geschichte noch authentischer wirken.
„ Das Echo der Sommer“ ist ein Roman, der Einblick bietet in eine faszinierende Kultur, gleichzeitig ein aufrüttelndes und schmerzhaftes Buch.

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„ Der See stand in ihrem Zuhause“
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Landleben 2.0

Hier draußen von Martina Behm



Schauplatz des Debutromans von Martina Behm ist ein fiktives 200 Seelen- Dorf in Schleswig- Holstein. Hierher sind vor drei Jahren Ingo und seine Frau Lara mit ihren beiden Kindern gezogen. Sie haben eine Hypothek aufgenommen und sich ein altes Bauernhaus mit einem großen Garten gekauft. Vor allem Lara will weg vom Trubel und der Anonymität der Großstadt.

Auch für die Kinder wäre doch ein Aufwachsen inmitten der Natur viel idyllischer. Aber das Ehepaar ist längst nicht so glücklich wie erhofft. Ingo fühlt sich erschöpft von der ständigen Pendelei nach Hamburg, wo sein Start- Up- Unternehmen seine ganze Energie frisst. Und Lara ist einsam, denn so richtigen Anschluss an die Dorfgemeinschaft hat sie nicht gefunden.
Da fährt nachts auf seinem Heimweg Ingo eine weiße Hirschkuh an. Das verletzte Tier muss getötet werden. Doch was hat es mit dem alten Aberglauben auf sich, dass derjenige, der eine weiße Hirschkuh tötet, binnen eines Jahres selber sterben muss?
Diese Frage beschäftigt nicht nur Ingo und seine Frau, sondern auch andere Dorfbewohner. Auch wenn niemand der alten Weissagung Glauben schenkt, so kommen doch viele ins Grübeln und beginnen ihren Lebensentwurf zu hinterfragen. Was würde man ändern, wenn man nur noch ein Jahr zu leben hätte?
Der Leser begleitet nun mehr als ein Dutzend Figuren ein ganzes Jahr lang.
Wie geht es mit Ingo und Lara weiter? Ihre Ehe kriselt schon eine ganze Weile. Lara fühlt sich allein gelassen mit der Erziehung der Kinder, der Hausarbeit und dem großen Grundstück. Schließlich bräuchte sie mehr Zeit für ihren Job als freiberufliche Grafikdesignerin. Und Ingo zieht sich emotional immer mehr zurück, will nicht reden über seine zunehmende Unlust im eigenen Betrieb. Seine beginnende Freundschaft zum Förster Uwe sorgt für eine weitere Entfremdung zwischen den Eheleuten.
Aber nicht nur die Probleme der Zugezogenen beleuchtet die Autorin. Aus wechselnden Perspektiven erfahren wir von den Schwierigkeiten, mit denen Landwirte heute zu kämpfen haben. Vieles hat sich verändert. Wenn man finanziell über die Runden kommen will, sind Zugeständnisse zu machen. Mit einem idyllischen Bauernleben hat das alles nichts mehr zu tun. Uwe z.B. hätte gerne den Umstieg zur ökologischen Landwirtschaft geschafft, doch seine Bank gab ihm nicht den nötigen Kredit dafür. Nun hat er einen riesigen Mastbetrieb für Schweine. Erholung und Ausgleich findet der alleinlebende Eigenbrötler nur auf seinen Touren im Wald.
Oder Sönke mit seinem Geflügelmastbetrieb, der keine Rechnungen mehr liest und auf einen Burnout zusteuert.
Oder Enno, der seinen Frust darüber, dass keiner der Söhne den Hof übernehmen will, an seiner Frau Tove auslässt.
Gerade auch an den Frauen macht Marita Behm die Entwicklung auf dem Dorf deutlich. Es sind unterschiedliche Frauengenerationen mit unterschiedlichen Rollenverständnissen.
Tove z.B. lässt sich lange von ihrem Mann Enno schikanieren , nicht nur, weil eine Scheudung nicht zu ihrem Bild einer Landfrau passt, sondern auch, weil sie finanziell von ihrem Mann abhängig ist.
Maggie ist aus Liebe zu Sönke aufs Dorf gezogen, hat ihren Traum von der Hotelfachfrau in New York aufgegeben und versucht nun, die perfekte Landfrau zu sein. Bis sie merkt, wie viel Kraft es sie kostet, diesem Image zu entsprechen.
Mit ihrer Tochter Marieke wächst eine andere Frauengenerationen heran, eine, die selbst die Richtung vorgibt und sich nicht mit der traditionellen Rolle der Landfrau begnügt.
Armin und Jutta sind die letzten, die aus einer Gruppe von Aussteigern übergeblieben sind. Eine Kommune haben sie hier gegründet, schon vor Jahrzehnten. Mit viel Idealismus und Illusionen den Traum vom freien und autarken Landleben geträumt. Nun teilen sich nur noch die Zwei die alte Schmiede, die Platz für viele Menschen böte. Jutta gibt Kurse im Schlachten von Hühnern und Armin renoviert leerstehende Häuser und Möbel. Die beiden verbindet Freundschaft oder doch ein bisschen mehr?
Marita Behm schaut genau hin, auch hinter die Fassaden. Sie lässt uns immer tiefer in das Beziehungsgeflecht der einzelnen Figuren bzw. Paaren hineinblicken. Dabei erzählt sie von Eheproblemen, finanziellen Nöten, althergebrachten Zwängen, geplatzten Träumen und manchem mehr.
So entsteht ein lebendiges Bild vom Leben auf dem Land, zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen Landlust und harter Arbeit. Romantisiert wird hier nichts, es ist keineswegs eine Idylle, aber auch keine Hölle, in der sich tiefe Abgründe auftun. Nein, alles wirkt äußerst realistisch und glaubhaft.
Auch die Figuren sind wie aus dem Leben gegriffen und ihre Beweggründe und Gefühle werden überzeugend vermittelt. Tiefe bekommt der Roman auch durch Rückblicke in die Vergangenheit einzelner Personen.
Das alles ist so packend geschildert, dass auf den beinahe 500 Seiten nie Langeweile aufkommt, sondern ein stetes Interesse, wie es wohl weitergehen mag. Auch das Ende hat mich überzeugt. Kein Happy- End, aber manches hat sich zum Positiven entwickelt.
Martina Behm hat mit ihrem Debut Unterhaltungsliteratur vom Feinsten geschaffen und man darf gespannt sein auf weitere Romane von ihr.

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Landleben 2.0
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Hinter den Türen

Das Haus der Türen von Tan Twan Eng

Der malaysische Autor Tan Twan Eng, dessen drei Romane allesamt für den Booker Prize nominiert waren, hat mich schon mit seinem zweiten Roman „ Der Garten der Abendnebel“ überzeugt.
Und William Somerset Maughams Erzählungen und Romane habe ich vor vielen Jahren verschlungen. Zwei Gründe, die mich zu diesem Buch greifen ließen.

Der britische Schriftsteller William Somerset Maugham zählt mit seinen Theaterstücken, Erzählungen und Romanen zu den berühmtesten und erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. In diesem Roman wird er nun selbst zum Protagonisten.
Als er im Jahr 1921 mit seinem Sekretär und Geliebten Gerald Haxton auf der malaiischen Insel Penang ankommt, befindet er sich in einer tiefen Krise. Eine Fehlinvestition hat ihn sein ganzes Vermögen gekostet und seine Frau in London droht mit Scheidung. Diese Probleme wirken sich auf seine Kreativität aus. Er hofft auf ein paar entspannte Tage im Hause seiner Gastgeber, den Hamlyns. Robert ist ein alter Freund aus Londoner Tagen, der hier als Anwalt arbeitet und mit der wesentlich jüngeren Lesley verheiratet ist. Die ist anfangs wenig angetan von dem homosexuellen Paar, bedauert Maughams Ehefrau, die sie in einer Scheinehe gefangen wähnt. Und der Schriftsteller sieht in ihr nur eine „ von vielen unglücklich verheirateten Frauen in den Tropen“, die unzufrieden ist von ihrem oberflächlichen und gelangweilten Alltag. Doch langsam vergessen beide ihre Vorurteile und Lesley findet in Willie, wie ihn seine Freunde nennen, einen aufmerksamen Zuhörer. Wohl mit dem Hintergedanken, Stoff für sein Schreiben zu finden. Viele Abende sitzen sie gemeinsam auf der Terrasse und Lesley geht in ihren Erzählungen zurück in das für sie bedeutsame Jahr 1910, in jenes Jahr, als Dr. Sun Yat-Sen in Penang für seine politische Bewegung Geld und Unterstützer sucht und ihre Freundin Ethel Proudlock wegen Mordes vor Gericht steht.
Lesley ist nicht nur fasziniert von dem chinesischen Revolutionär, der den Kaiser stürzen und aus China eine Republik machen will. Sie arbeitet mit in dieser Bewegung, ungewöhnlich für eine weiße Frau aus ihrer Klasse. Dabei lernt sie einen Mitstreiter Sun Yat-Sens kennen und lieben. Beide treffen sich heimlich in jenem titelgebenden „ Haus der Türen“, hier fühlt sie sich lebendig und begehrenswert, anders als in ihrer unglücklichen Ehe.
Zur gleichen Zeit verfolgt sie den Prozess gegen ihre Freundin, der vorgeworfen wird, einen zudringlichen Vergewaltiger erschossen zu haben.
Dieser Mordfall ist historisch verbürgt und Maugham wird ihn in seiner Erzählung „ Der Brief“ literarisch verewigen.
Tan Twan Eng greift also in seinem Roman auf historische Figuren und Fakten zurück und verknüpft diese gekonnt mit einer fiktiven Geschichte. Dabei wechseln die Erzählstimmen, einmal ist es Lesley, die zu Wort kommt, dann wieder„ Willie“.
Zu den beiden Zeitebenen kommt mit der Rahmenhandlung, die im Jahr 1947 angesiedelt ist, eine dritte hinzu. Dass der Leser dabei trotzdem nicht den Überblick verliert, ist der Erzählkunst des Autors zu verdanken. Souverän verknüpft er die verschiedenen Zeit - und Handlungsebenen.
Es sind im Grunde drei Geschichten, die er uns hier erzählt. Zum einen die des Schriftstellers in einer Schaffenskrise, dann die Lebens- und Liebesgeschichte einer Frau und dazu ein packendes Gerichtsdrama. Das alles vor dem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund Malaysias.
Bildgewaltig und ungeheuer lebendig erzählt der Autor von der kolonialen Vergangenheit seiner Heimat, von den Spannungen zwischen den Kulturen. Hier die weiße Oberschicht mit ihrem gesellschaftlichen Leben, mit ihren Regeln und Gesetzen, ihren Privilegien und ihrer Doppelmoral. Daneben die einheimische Bevölkerung, die sich wiederum aus verschiedenen Ethnien und Klassen zusammensetzt. Landschaft und Vegetation werden in stimmungsvollen Bildern heraufbeschworen .
Der Erzählton ist ruhig und melancholisch, das Tempo langsam. Es geht dem Autor weniger um Effekte, als um die subtile Beschreibung von Menschen und ihren Motiven. Jeder hat hier seine Geheimnisse, die es zu verbergen gilt. Spannung kommt erst im letzten Drittel auf, was ich aber keineswegs als Manko empfunden habe. Dafür ist die Sprache zu schön und die Geschichten und das Setting zu faszinierend. William Somerset Maugham hätte seine Freude an dem Roman gehabt.
Ich empfehle nach der Lektüre zu Maughams Erzählung „ Der Brief“ zu greifen.

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Hinter den Türen
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Geschichtsschreibung von unten

Schwebende Lasten von Annett Gröschner

Warum es dieser Roman nicht auf die Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Umso mehr hoffe ich, ihn auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis zu finden.
Schon auf der ersten Seite wird uns die komplette Biographie der Hanna Krause im Schnelldurchlauf präsentiert, um sie dann auf den kommenden beinahe dreihundert Seiten mit Leben zu füllen.

Geboren noch im Kaiserreich 1913, hat sie zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, zwei Demokratien und zwei Weltkriege erlebt und überlebt, dabei viel Schlimmes durchgemacht, aber nie gejammert oder resigniert, sondern sich in das Unvermeidliche gefügt und alles getan, um ihre Familie durchzubringen und zusammenzuhalten.
In ärmliche Verhältnisse hineingeboren, wird sie früh elternlos. Ihre wesentlich ältere Stiefschwester wird sie bei sich aufnehmen. Dafür muss Hanna schon als Kind im schwesterlichen Blumengeschäft mitarbeiten. Und dabei wird der Grundstock gelegt für ihre beständige Leidenschaft für die Blumen. Sie sind ihr Trost und Freude bis an ihr Lebensende. „ …dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung.“
In Berlin lernt sie Karl kennen, beide heiraten und ziehen zurück nach Magdeburg. Hier im Knattergebirge, dem Armenviertel der Stadt, eröffnen sie einen kleinen Blumenladen und Hanna ist sehr erfindungsreich, um ihre Sträuße an den Mann zu bringen. Aber auf Karl kann sie nicht bauen. Er vertrinkt und verspielt das bisschen Geld, das sie einnehmen, ist nicht immer treu und wird schon vor Kriegsbeginn durch einen Arbeitsunfall zum Invaliden.
Die Kriegszeiten dann stellen die immer größer werdende Familie vor große Herausforderungen. Wie die Autorin diese Zeit beschreibt, gehört mit zum Eindringlichsten des Romans. Bei der Bombardierung Magdeburgs wird Hanna mit ihren Kindern in einer Kirche verschüttet und ihr ältester Sohn kommt im Feuersturm um. Nur vier ihrer sechs Kinder überleben den Krieg.
Im neuen Staat wird aus der Blumenbinderin Hanna eine Kranführerin, kein typischer Frauenberuf. Doch auch in der DDR fehlen Männer und die Arbeit wird gut bezahlt. Hanna fühlt sich wohl da oben, endlich einmal ein „ Raum für sich allein“. Zwanzig Jahre wird sie diese Arbeit machen, ihre Kinder großziehen und als ihr Mann tot ist und ihre Töchter aus dem Haus sind, kann sie ein selbstbestimmtes Leben führen und nochmals ihrer Liebe zur Blumenbinderei nachgehen.
Was Annett Gröschner hier erzählt ist ein Frauenschicksal, das exemplarisch steht für viele. Hanna ist eine Frau aus dem Volke, eine aus dem Heer der zahllosen Arbeiterinnen, die vergessen werden bei der Geschichtsschreibung, die aber den Laden am Laufen halten. Sie ist keine Heldin, nur eine Frau, die versucht in all den Umbrüchen „ anständig zu bleiben“.
Doch die Autorin beschreibt nicht nur eine private Geschichte; der gesellschaftspolitische Hintergrund spielt immer mit, er bestimmt das Leben der Figuren. Das alles wird wunderbar miteinander verwoben.
Zusammengehalten wird das Ganze durch ein Stilleben eines holländischen Meisters. In einer Schlüsselszene des Romans betritt eines Tages im Jahr 1938 ein mysteriöser Herr Hannas Blumenladen und er hat einen ungewöhnlichen Auftrag. Sie solle einen Strauß binden, der dem auf einer Postkarte entspricht: „Ambrosius Bosschaert ( 1573-1621), Vaas met bloemen“, steht auf deren Rückseite. Die Schwierigkeit für Hanna besteht darin, dass die Blumen zu völlig unterschiedlichen Zeiten blühen. Nach einem großzügigen Vorschuss setzt Hanna alles daran, den Auftrag zu erfüllen. Der Kunde wird nicht wiederkommen, aber Hanna bekommt dafür eine Ahnung von einer Welt außerhalb ihres gewohnten Umfelds, einer Welt der Schönheit und der Kunst . Dieses Stilleben gibt dem Roman seine Struktur, ist doch jedem Kapitel die Beschreibung einer Blume aus dem Gemälde vorangestellt.
Der Roman liest sich leicht, schon allein durch die chronologische Erzählweise und die Konstanz in der Perspektive. Alles wird aus Hannas Sicht erzählt, so bleiben wir immer ganz dicht bei ihr. Die Sprache ist nüchtern und lakonisch, ohne jegliche Sentimentalität, dafür mit einem ganz eigenen Witz. Die Autorin vermeidet es zu psychologisieren. Was in Hanna vorgeht, wird nicht ausbuchstabiert, doch wir ahnen, wie es in ihr aussieht. Es geht selten um ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte, dafür ist sie zu sehr gefangen in einem Netz aus Verpflichtungen und Fürsorge. Mag sie auch manchmal hart erscheinen, hart gegenüber sich selbst und anderen, so tut sie doch alles, um die Ihren zu schützen und zu versorgen.
Annett Gröschner erzählt dieses Frauenleben ungeheuer lebendig und plastisch, mit einem Gespür für ausdrucksstarke Szenen und Episoden.
Der poetische Titel entstammt aus der Sprache des Arbeitsschutzes und bezieht sich auf Objekte, die beispielsweise von Kränen gehoben werden. Gleichzeitig verweist das poetische Paradoxon, auf all das, was Hanna in ihrem Leben aufgebürdet wurde.
Der Roman ist außerdem eine Liebeserklärung an Magdeburg, die Geburtsstadt der Autorin.
Und wer wissen möchte, wie der Alltag für viele in den beiden Diktaturen aussah, ist nach der Lektüre schlauer. Gerade Westdeutsche erfahren hier viel Unbekanntes, abseits der üblichen Klischees, über den Alltag in der DDR.
„ Schwebende Lasten“ ist ein großartiger Roman über eine beeindruckende, starke Frau und über das vergangene Jahrhundert. Lesen? Unbedingt!

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