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Rezensionen von Ruth:

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Persiflage auf den klassischen Spionageroman

Die Reise ans Ende der Geschichte von Kristof Magnusson

Die Neunziger Jahre - eine Zeit der Euphorie: der Eiserne Vorhang war gefallen, die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten war weg, der Kalte Krieg endlich Vergangenheit. Voller Optimismus konnte man in die Zukunft schauen, ohne Angst. Die Welt war im Begriff, eine bessere zu werden. „ Das ist das Ende der Geschichte,“ davon ist der fünfundzwanzigjährige Dichter Jakob Dreiser überzeugt.

Doch nicht jeder mag in die allgemeine Glückseligkeit mit einstimmen, wie z. B. Dieter Germeshausen. Wo bleiben denn dann Leute wie er, die zuvor in dieser Geschichte eine Rolle gespielt haben? Seit 27 Jahren arbeitet er brav für den BND, hat sich jahrelang um Überläufer aus dem Warschauer Pakt gekümmert. Aber da in Pullach niemand so richtig seine Leistung gewürdigt hat, bot er irgendwann der gegnerischen Seite seine Dienste an. Und nun kommt Gorbatschow und aus und vorbei ist es mit seinen beiden Jobs. Aber schon immer ist es so bei ihm gelaufen. Erst hat er sich vergeblich bei der AOK beworben, dann zeigte ihm der BND die kalte Schulter . „ Und als Krönung des Ganzen fing er an, für die Sowjetunion zu spionieren, und kurze Zeit später war die Sowjetunion weg. Sein Leben war ein einziger Rohrkrepierer.“
Aber damit sollte nun Schluss sein. Germeshausen plant den letzten großen Coup, der ihm seinen Ruhestand vergolden soll.
Dafür braucht er Jakob Dreiser. Denn anders als Germeshausen versteht dieser es, die Leute in Gespräche zu verwickeln und für sich einzunehmen. Und im Grunde genommen sind Schriftsteller doch die idealen Spione. Sie sitzen stundenlang in Cafés oder auf Parkbänken, beobachten die Menschen und machen sich Notizen.
Auf dem Sommerfest der Russischen Föderation in Rom begegnen sich die beiden ungleichen Protagonisten, ausgerechnet bei den Russen. „ Wenn man früher versucht hätte, in diesen Garten zu gelangen, wäre man in einem sehr dunklen Keller gelandet. Jetzt wird man bewirtet.“ wundert sich Germeshausen, bevor er Jakob sein Angebot unterbreitet.
Jakob ist zwar überrascht, aber die Neugierde ist größer. Diese neue Aufgabe verspricht doch etwas Abwechslung in seinen langweiligen Alltag zu bringen. Damit sollte er Recht behalten. Denn was nun folgt ist eine unglaubliche Geschichte, die die beiden bis nach Kasachstan führen soll. Es geht um viel Geld, um russische Hubschrauber und die russische Mafia und ein Geschäftstreffen in einer Petersburger Sauna.
Attraktive Frauen dürfen in einem Spionagethriller natürlich nicht fehlen. Dominique ist eine äußerst trinkfreudige Dame, ehemalige Botschaftergattin und die erste Liebe von Germeshausen. Auch für sie plant er diesen Deal.
Francesca ist weitaus mehr als eine einfache Italienischlehrerin, die ihre erwachsenen Schüler verführt. Warum sonst sollte sie Jakob und Dieter nach Kasachstan begleiten?
Eine wichtige Rolle spielen auch noch die Leiterin des Goethe-Instituts in Almaty und die unzugängliche Chefin einer Hubschrauberfabrik.
Kristof Magnusson hat mit „ Die Reise ans Ende der Geschichte“ eine Persiflage auf den klassischen Agentenroman geschrieben. Die Handlung ist gleichermaßen aberwitzig wie spannend. Die Charaktere, wenn auch leicht überzeichnet, wirken echt und lebendig. Da ist der vom Leben enttäuschte, stets pessimistisch gestimmte Doppelagent. Ihm gegenüber steht Jakob, jung, stets gut gelaunt, aber etwas gelangweilt, der nun an der neuen Aufgabe über sich hinauswächst. Und auch die Nebenfiguren sind detailliert und liebevoll herausgearbeitet.
Viele bissige Spitzen auf Milieus und landestypische Eigenheiten sorgen für Heiterkeit. Auch die politische Aufbruchstimmung der Neunziger Jahre kommt gut rüber. Leider zeigt die aktuelle Situation, dass Germeshausen mit seiner negativen Weltsicht richtig lag. „Ich sage Ihnen, woran die Russen sich erinnern werden. Daran, wie sie jetzt gerade vom Westen gedemütigt werden. Die Sowjetunion war eine Weltmacht, jetzt ist alles nur noch Wind of Chance und Tetris, das kann doch nicht gut gehen.“ Und : „ Wir werden die alte Welt noch ganz schön vermissen.“
Eine weitere Stärke des Autors sind seine Dialoge, spritzig und pointiert.
Ich habe mich mit diesem satirischen Spionage- und Gesellschaftsroman bestens amüsiert, auch wenn die Geschichte zum Ende hin ein paar abstruse Drehungen zu viel nimmt.

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Persiflage auf den klassischen Spionageroman
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Portrait einer Ehe im Wandel

Die Liebe, später von Gisa Klönne

Eine lebensbedrohende Herzerkrankung verändert von einem Tag auf den anderen das Leben der sechzigjährigen Kora. Nach OP und Reha steht sie vor der Frage, wie es weitergehen soll mit ihr. Soll sie auf den Ratschlag der Ärzte hören und ihren Job aufgeben? Das wünscht sich jedenfalls ihr Ehemann Anselm, der nun selbst in den Vorruhestand getreten ist.

Er freut sich auf die gemeinsame Zeit mit seiner Frau, hat schon ganz konkrete Pläne. Endlich kann er sich nämlich den lang gehegten Traum von einem Naturteich im eigenen Garten erfüllen. Doch Kora sieht sich nicht abends am Steg sitzen. Sie ist noch lange nicht bereit für den Ruhestand, dafür bedeutet ihr der Beruf zu viel: erst Hauptstadtjournalistin, dann Moderatorin einer erfolgreichen Radiosendung. Und nun will man sie aufs Altenteil abschieben. Alles in ihr sträubt sich dagegen.
Auch die plötzlich ständige Nähe zu Anselm ist ungewohnt. Seit zwanzig Jahren führen die beiden eine glückliche Wochenendehe, Anselm in Berlin im Verkehrsministerium, sie in Köln beim Radio. Die gemeinsame Zeit war knapp bemessen, dafür aber schön.
Wie wird es nun sein, wenn sie täglich aufeinander hocken?
Kora braucht Abstand, um Antworten auf diese Fragen zu finden.
Sie flüchtet geradezu aus dem gemeinsamen Haus und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Dazu trifft sie Menschen von früher und besucht Orte ihrer Kindheit und Jugend.
Dabei erfährt der Lesende viel aus Koras Leben; Erlebnisse und Erfahrungen, die sie geprägt haben und die noch immer in ihr arbeiten. So wie der frühe Tod ihrer Mutter, aber auch eine traumatisch endende Liebesbeziehung.
Zugleich braucht ein Wanderkollege die Hilfe Koras. Seine junge Frau ist spurlos verschwunden. Ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen oder war es ein Unfall? Oder ist sie etwa aus einem Leben geflüchtet, das nicht mehr zu ihr passt?
Gerade diese Frage beschäftigt Kora sehr, sind es doch Überlegungen, die sie teilt. Aber kann man einfach ein altes Leben hinter sich lassen? Und was macht das mit den Zurückgelassenen? „Das verlassene Leben lässt sich nicht auslöschen, es bliebe auch in der Ferne auf immer Bezugspunkt.“
Der Roman stellt viele Fragen. Fragen, die viele Lesende beschäftigen mögen und auf die jeder selbst eine Antwort finden muss.
Die Autorin findet für ihr Paar eine realistische Lösung. Doch der Weg dorthin ist nicht einfach, auch das zeigt Gisa Klönne.
Völlig frei von Kitsch und Sentimentalitäten beschreibt die Autorin den Selbstfindungsprozess einer älteren Frau und was das mit ihrer Ehe und mit ihrem Mann macht. Geschildert wird das aus Koras Perspektive, so dass man als Lesender sehr nah in ihrer Gedanken- und Gefühlswelt ist, ihre Zweifel und Zerrissenheit nachfühlt.
Originell sind dabei die immer wieder eingeschobenen Listen von jeweils fünf Dingen oder Kennzeichen, wie z.B. „Fünf Nachteile einer langjährigen Liebe“ oder „Fünf Dinge, die Kora gerne früher gewusst hätte“. Auch das verrät einiges über die Figuren.
Sehr gut gelingen der Autorin die Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen. Neben der Gegenwart und den Ausflügen in die Vergangenheit gibt es einzelne Kapitel, die einfühlsam und nachvollziehbar Koras Krankenhaus - und Reha-Zeit beschreiben.
„Die Liebe, später“ ist ein spannend zu lesendes und authentisch wirkendes Porträt einer Ehe, die sich im Wandel befindet. Dabei verhandelt der Roman existenzielle Fragen und Probleme, die jeder aus eigener Erfahrung kennt. Wie geht man mit Veränderungen um? Wie viel Mut braucht es für Neuanfänge? Wie gelingt die Balance zwischen Nähe und Distanz?
Durch die flüssig zu lesende und realistische Darstellung und die vielen nachdenkenswerten Themen eignet sich der Roman sehr gut für Diskussionen in einem Lesekreis. Gleichermaßen lebensklug wie unterhaltsam.

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Portrait einer Ehe im Wandel
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Wissensvermittlung in Verbindung mit Lesenlernen

Wieso? Weshalb? Warum? Erstleser, Band 17 - Im Wald von Sandra Noa

Seit 2021 gibt es in der bewährten Reihe „Wieso Weshalb Warum?“ Bücher, die sich speziell an Erstleser richten. Hier wird Sachwissen mit Lesetraining verbunden, Zielgruppe sind Kinder ab der zweiten Lesestufe.
„Im Wald“ ist bereits der 17. Band und auch dieser kann wieder voll überzeugen.

Kurze Kapitel in großer Fibelschrift gehalten vermitteln auf kind - und sachgerechte Art Wesentliches zum Thema Wald. Da werden unterschiedliche Waldarten porträtiert, die Bedeutung des Waldes im Hinblick auf Fauna und Flora vermittelt, die Funktionsweise von Bäumen erklärt usw. Ausführlich wird dargelegt, wie im Wald alles miteinander zusammenhängt, wie Bäume miteinander kommunizieren und wie sich der Wald im Jahresverlauf verändert. Natürlich muss heutzutage auch der Klimaschutz thematisiert werden. Bäume bzw. ein gesunder Wald spielen in diesem Bereich eine wesentliche Rolle. Und Kinder können aktiv zum Schutz der Wälder beitragen.
Zahlreiche bunte Illustrationen und Photos ergänzen den Text.
Zusätzliche Elemente wie Kreuzworträtsel, Lückentexte, Silbenrätsel und ein Lesequiz dienen dem Lesetraining. Sticker und ein Leselotto sorgen für zusätzlichen Spaß.
So ist dieses Buch ein gelungenes Beispiel für Wissensvermittlung und spielerisches Lesenlernen. Meine Enkelkinder werden ihre Freude haben an dem Buch.

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Wissensvermittlung in Verbindung mit Lesenlernen
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Was bedeutet Heimat

Die Riesinnen von Hannah Häffner

Die Riesinnen, das sind die Riessberger- Frauen, Liese, Cora und Eva, drei Generationen einer Familie. Aus der Dorfgemeinschaft herausragen tun sie nicht nur wegen ihrer Größe und ihrem auffallenden Aussehen, sondern auch durch ihre Art. Eigenwillig, stark und unbequem stellen sie sich gegen Erwartungen von außen.

Das macht sie zu Außenseitern in dem kleinen fiktiven Schwarzwalddorf Wittenmoos.
Es beginnt in den 1960er Jahren mit Liese. Die heiratet Bernhard, den Metzgersohn, der einmal die elterliche Metzgerei erben soll. Es ist keine Liebesheirat, das wird Liese bald bewusst. Still lebt das Paar nebeneinander her und heimlich träumt Liese vom Weggehen. Doch dafür fehlt ihr der Mut. Und als Liese ein Kind bekommt, da kennt sie ihren Platz. Tochter Cora ist ihr ganzes Glück, ihre Erfüllung. Für sie würde sie alles tun. Aber sie kann nicht verhindern, dass Bernhard seine Enttäuschung, nicht den gewünschten Stammhalter bekommen zu haben, das Mädchen gewaltsam spüren lässt. Da kommt bei Liese auch keine Trauer auf, als Bernhard bei einem Unfall ums Leben kommt.
Und sie fordert nun das, was ihr und ihrer Tochter zusteht: die Metzgerei. „Auch wenn sie dafür jemand sein muss, der sie noch nie war. Sie weiß nicht, ob sie das kann. Aber vielleicht muss sie es einfach herausfinden.“
Zielstrebig und mit unerbittlicher Willenskraft erobert sie sich eine Postion, die ihr niemand zugetraut hat. Das hat seinen Preis. Liese schuftet bis zum Umfallen, sie versagt sich vieles, auch Liebe und Freundschaften, wird hart und streng.
Doch als Cora nach dem Abitur weg will, steht sie ihrer Tochter nicht im Weg. Auch wenn sie sich vielleicht etwas anders gewünscht hätte .
„Wenn du gehen willst, dann geh, Kind. …Du kannst immer zurückkommen. Aber zwingen tu ich dich nicht.“
Cora will raus aus der dörflichen Enge, verständlich, denn von klein auf ist sie eine Außenseiterin. Das bekommt sie von allen Seiten schmerzhaft zu spüren. Aber Cora lässt sich nicht unterkriegen. Und nun lockt sie die weite Welt. Konkrete Pläne hat Cora nicht, nur weg.
Aber bald wird sie heimkommen, mit einem Baby im Bauch.
Dieses Kind wird keine Außenseiterin mehr sein im Dorf, obwohl sie wie Mutter und Großmutter die anderen mit ihrer Größe überragt, „aber sie zieht den Kopf nicht ein, und nicht einer sagt ein böses Wort.“
Eva soll den Absprung schaffen, raus aus dem Dorf, das wünschen sich Liese und Cora. Aber dort, in der großen Stadt, spürt Eva bald, dass sie hier nicht hergehört. Sie war und ist ein „Waldkind“. Und so zieht es sie zurück in den Schwarzwald.
Hannah Häffner hat mit ihren „Riesinnen“ wahrlich große Frauenfiguren geschaffen, Figuren, die in Erinnerung bleiben, einem ans Herz wachsen. Alle Drei sind auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt, kämpfen dafür, treffen falsche und richtige Entscheidungen, sind zielbewusst und wandlungsfähig. Gerade in letzterem liegt ihre Kraft. Sie lassen sich nicht zerbrechen von widrigen Umständen ( „Manche Dinge bringen dich nur um, wenn du sie lässt.“) und vor allem sind sie sich gegenseitig Halt und Stütze. Sie haben nicht immer Verständnis füreinander, aber die Liebe zueinander bleibt.
Zentrales Thema im Roman ist die Frage nach den eigenen Wurzeln und dem, was Heimat ist. Enge oder Halt?
Dabei fallen viele kluge nachdenkenswerte Sätze: „ Zu Hause ist schließlich etwas anderes als daheim. Zu Hause kann sich ändern, daheim bleibt.“ Oder : „Was ist falsch an Wurzeln? Sie halten dich, das ist es, das ist ihr Fehler und das einzig Sinnvolle, was sie tun.“
Während Liese und Cora sich lange gefangen fühlen in der dörflichen Enge, beweist Eva, dass man nicht weggehen muss, um sich selbst zu finden.
Der Schwarzwald ist dabei die heimliche Hauptfigur. In unzähligen Variationen wird er beschrieben, immer realistisch, nie kitschig. Dafür findet die Autorin viele Bilder und lässt ihn mal wunderschön, dann wieder düster und geheimnisvoll erscheinen. Für alle drei Frauen ist der Wald Rückzugsort und Kraftquelle zugleich.
Die gesellschaftlichen Veränderungen machen auch vor dem Dorf nicht Halt, obwohl sich dort die Dinge nur langsam ändern. Auch das beschreibt der Roman.
Erzählt wird das alles in einer außergewöhnlichen Sprache, bilderreich, voller Poesie und in einer beeindruckenden Klarheit. Das alles entwickelt eine Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Der Erzählstil ist ruhig und sachlich, für jede Figur findet die Autorin einen eigenen Ton. Mit großer Beobachtungsgabe fühlt sie sich ein in deren Gefühlswelt.
So ist Hannah Häffner mit „Die Riesinnen“ ein großartiger Roman gelungen, den ich unbedingt empfehlen kann. Für mich jetzt schon ein Highlight im neuen Bücherjahr!

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Was bedeutet Heimat
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Mit Otto in Finnland

OTTO fährt los - Weihnachten in Finnland von Madlen Ottenschläger

Nun gibt es schon das vierte Abenteuer mit Otto, dem ganz besonderen Campingbus. Er kann nicht nur reden, sondern hat auch Gefühle und er kümmert sich liebevoll und fürsorglich um die wechselnden Familien, die mit ihm verreisen.
Dieses Mal geht es zur Weihnachtszeit nach Finnland. Mit an Bord ist Familie Ritter, bestehend aus Anton und seinen Eltern Rike und Jakob.

Zuerst besucht die Familie den „Tuomaan Markkinat“, den ältesten Weihnachtsmarkt von Helsinki und genießt leckere „Piparkakut“ ,Pfefferkuchen. Nicht fehlen darf natürlich ein Saunagang mit anschließendem Sprung in den eisigen See. Wie gut, dass Otto danach allen mit seiner Standheizung einheizt. Statt einem Schneemann werden Iglus und ein Schnee-Otto gebaut. Nordlichter tauchen auf und im Dorf vom Weihnachtsmann kann Anton seinen Wunschzettel abgeben. Ein Höhepunkt der Reise ist der Besuch bei einer samischen Familie mit ihren Rentieren. Und dass gegenseitige Hilfe sich lohnt, erfährt Anton auch noch.
Wie schon in den Vorgängerbüchern wird hier eine liebevolle Reisegeschichte erzählt, verpackt mit vielen Informationen zu Land und Leuten. Das sind neben landestypischen Gebräuchen auch alte Mythen und Legenden. Die vielen Ausdrücke in der Landessprache sind eine Herausforderung für den Vorlesenden, tragen aber zur Authentizität bei. Die Erzählung wechselt von Episode zu Episode, wie bei einer tatsächlichen Reise. Der Text ist kindgerecht und kann mit manchen kreativen Wortschöpfungen punkten.
Leider ist dieses Mal die Karte mit der Reiseroute sehr schematisch ausgefallen.
Das Buch überzeugt aber vor allem mit seinen Illustrationen. Farbenfrohe Bilder mit vielen kleinen Details zum Entdecken erzeugen eine winterlich-weihnachtliche Stimmung.
So ist dieser neue Band besonders geeignet für die Vorweihnachtszeit

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Mit Otto in Finnland
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Lesenswerter Klassiker

Norden und Süden von Elizabeth Gaskell



Elizabeth Gaskell (1810 -1865) gilt in ihrer Heimat als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des viktorianischen Zeitalters, in Deutschland dagegen ist sie eher weniger bekannt. Deshalb ist es zu begrüßen, dass der Reclam Verlag in seiner Reihe „ Reclams Klassikerinnen“ ihren Roman „Norden und Süden“ neu übersetzt und herausgegeben hat.

Ursprünglich ist der Roman in zwanzig Fortsetzungen in der von Charles Dickens herausgegebenen Zeitschrift „Household Words“ erschienen. Eine überarbeitete Buchausgabe folgte 1855.
Viele von Elizabeth Gaskells eigenen Erfahrungen sind in den Roman eingeflossen; darauf wird auch im informativen Nachwort hingewiesen.
Wir sind in England Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung löst die alte Agrarwirtschaft und damit die alten herrschende Klassen ab.
Margaret Hale, eine Pfarrerstochter aus der südenglischen Provinz, freut sich nach Jahren bei der Londoner Verwandtschaft auf ihre Rückkehr ins Elternhaus. Doch als ihr Vater aus Gewissensgründen seine Stelle als Landpfarrer aufgibt, zieht die Familie nach Milton, eine aufstrebende Industriestadt im Norden Englands, die Manchester, dem Wohnort Gaskells, nachempfunden ist.
Für Margaret und ihre Mutter ist die neue Umgebung ein Schock: Schmutz und Lärm und ein gesellschaftlich rauer Ton stoßen sie ab. Welch ein Unterschied zur ländlichen Idylle, die sie verlassen mussten.
Margaret blickt voller Standesdünkel auf die neureichen Emporkömmlinge in Milton herab. Ihre Vorurteile sieht sie bestätigt, als sie den 30jährigen Fabrikbesitzer Thornton kennenlernt. Die beiden liefern sich erbitterte Wortgefechte. Dabei ahnt der Lesende schon früh, dass sich hier eine Liebesgeschichte anbahnt. Bis es aber so weit ist, müssen noch einige Hürden überwunden werden. Vorbehalte, Vorurteile und Missverständnisse stehen ihrer Liebe im Weg.
Margaret lernt in Milton aber auch die Schattenseiten des neu entstehenden Kapitalismus kennen. Durch die Begegnung mit der gleichaltrigen Bessy wird sie mit den Lebensbedingungen der Arbeiterschaft konfrontiert. Die junge Frau ist todkrank, sie leidet an einer Staublunge, als Folge ihrer Arbeit in der örtlichen Baumwollfabrik. Margaret versucht die Familie zu unterstützen, so gut sie kann. Und Bessys Vater Mr. Higgins kämpft als Gewerkschaftsführer für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Höhepunkt des Romans ist ein Streik der Arbeiter. Und als Thornton irische Streikbrecher in die Stadt holt, kommt es zu einem Aufstand ins Thorntons Fabrik.
Margaret Gaskell hat mit „Norden und Süden“ einen vielschichtigen Roman geschaffen.
Zum einen erzählt sie eine unterhaltsame Liebesgeschichte, mit all den Verwirrungen, Eifersüchteleien und Fehlinterpretationen, wie sie typisch sind für Romane dieser Zeit.
Zum anderen liefert das Buch v.a. ein Gesellschaftsportrait des aufkommenden Industriezeitalters. Dabei zeichnet die Autorin ein sehr realistisches Bild von den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft. Sie zeigt die Spannungen auf zwischen Fabrikbesitzern und Arbeitern und ihre Sympathie gilt letzteren. Dabei propagiert sie nicht den Klassenkampf, sondern hofft auf eine Einigung durch den Dialog.
Nicht zuletzt haben wir es hier mit einem Entwicklungsroman zu tun, nicht nur in Bezug auf die Hauptfigur.
Margaret ist zwar von Anfang an eine intelligente und eigensinnige Persönlichkeit. Doch sie emanzipiert sich zunehmend im Verlauf der Geschichte, ist bereit, ihre vorgefertigten Meinungen zu hinterfragen und zu revidieren. Früh muss sie Verantwortung übernehmen, zahlreiche Schicksalsschläge lassen sie reifen. Aus dem ruhigen und mittellosen Mädchen wird eine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Eine Erbschaft lässt sie sogar finanziell unabhängig werden.
Und Thornton, der zu Beginn noch davon überzeugt ist, dass es jeder nach oben schaffen kann, wenn er nur fleißig und zielstrebig genug ist, wird eines Besseren belehrt.
Auch wenn wir heute nicht mehr jede Gefühlsregung und jede Verhaltensweise der Protagonisten nachvollziehen können, so hat Margaret Gaskell ihre Figuren doch psychologisch stimmig entwickelt. Sie lässt ihnen ihre Fehler und Macken, gibt ihnen aber die Chance zur Weiterentwicklung. Auch die Nebenfiguren werden realistisch und nuancenreich gezeichnet. Gerade im Kontrast zueinander entwickeln sie Profil.
Der Roman lebt auch von seinen Gegensätzen:
Norden und Süden stehen sich gegenüber, verkörpert in den beiden Hauptfiguren Margaret und Thornton. Der Süden steht für die alte Gesellschaftsordnung, der Norden für die aufkommende.
Es gibt den Konflikt zwischen Arbeiterschaft und Fabrikbesitzer, personifiziert in Higgins und Thornton.
Die Autorin will die Gegensätze miteinander versöhnen, hofft auf eine Annäherung durch gegenseitiges Kennenlernen. Dass Gaskell keine radikalen Forderungen stellt, sondern in ihrem Buch für Versöhnung und Dialog eintritt, ist sicherlich ihrem christlichen Weltbild geschuldet.
Wir lesen den Roman als Produkt seiner Zeit und da war Elizabeth Gaskell ihrer Zeit in manchem voraus. Sie hat auf die Schattenseiten der Industrialisierung hingewiesen und Lösungen angeboten, auch wenn uns die zu idealistisch anmuten.
„Norden und Süden“ ist ein Klassiker, der sich auch heute noch zu lesen lohnt.

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Lesenswerter Klassiker
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Was für ein Debut!

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten von Anna Maschik


Was für ein Debut, das die junge österreichische Autorin Anna Maschik, Jahrgang 1995, hier vorgelegt hat. So ungewöhnlich und originell wie der Titel ist der gesamte Text.
Der titelgebende erste Satz legt den Ton und das Setting des Romans fest, führt er doch in eine archaisch anmutende Welt.
Es beginnt mit einer illegalen Hausschlachtung während des Zweiten Weltkriegs auf einem Bauernhof in Norddeutschland.

Wer hier ganz allein ein Schaf schlachtet ist Henrike, die Urgroßmutter von Ich- Erzählerin Alma. Ehemann Georg und Sohn Benedikt sind an der Front, aber wenn sie heimkehren will die Bäuerin Fleisch und Würste für sie bereithalten. Ein Schwein heimlich töten wäre zu gefährlich, denn „Schweine verraten dich mit ihrem entsetzlichen Geschrei, die Schafe aber sterben still.“
Dass Tod und Geburt eng beieinanderliegen, nicht nur in diesem Roman, macht die Autorin gleich mit dem nächsten Abschnitt deutlich. „Wir betreten die Geschichte durch die Innereien eines Schafes und wie auch ich die Welt betreten habe: durch einen Schnitt im Unterleib. Die Nabelschnur hat sich dreimal um meinen Hals gewunden wie ein Strick, und so schneidet die Hebamme, ihr Name ist Anna, meiner Mutter einen lachenden Mund in den Bauch, holt mich heraus und näht ihr das Lachen zu einem schiefen Lächeln zu. Ich möchte mich vorstellen: ich bin Alma und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau…“
Alma fungiert als allwissende Erzählerin und sie geht weit zurück in der Genealogie ihrer Familie.
Henrike, die Urgroßmutter, kommt mit dem neuen Jahrhundert zur Welt. Sie ist die Älteste von fünf Geschwistern und sie ist dreizehn, als die Mutter stirbt. Nun muss sie sich um den Haushalt und die jüngeren Brüder kümmern. Der Vater fällt im Ersten Weltkrieg und Henrike braucht einen Mann für die viele Arbeit auf dem Hof. Das erste Kind, Sohn Benedikt, „ ein verwunschenes Kind“, kommt schlafend zur Welt und wird erst als junger Mann aufwachen. Tochter Hilde hält nichts auf dem Hof. Sie wird schwanger von einem österreichischen Soldaten und folgt diesem nach dem Krieg in seine Heimat. Dort kommt als drittes Kind Miriam zur Welt, die Mutter von Alma.
Anna Maschik braucht nicht viele Seiten für ihre vier Generationen umspannende Familiengeschichte. Das gelingt ihr, indem sie sich auf wenige prägende Ausschnitte beschränkt. Vieles steht zwischen den Zeilen.
Und vieles wiederholt sich. Das Schweigen zwischen den Figuren, die Bevorzugung einzelner Kinder, die Liebe zur Natur.
Anna Maschik macht ihre Geschichte vorrangig an den Frauenfiguren fest. Jede hat Schwierigkeiten mit ihrer Rolle als Mutter und jede möchte es anders, besser machen. Trotzdem, oder gerade vielleicht deshalb, verfallen sie in die gleichen Muster.
Die einzelnen Episoden werden durch Listen ergänzt, so z.B. eine knappe Aufzählung der Mahlzeiten, die die Großmutter kocht, aber auch solche:
„Dinge, die hängen:
Das Schaf am Haken
Die Schinken in der Räucherkammer
Der Urgroßvater am Balken
Die Puppen an der Deckenlampe
Das Kind an der Nabelschnur“
Eine weitere Besonderheit des Romans sind die magischen Elemente, die sich neben den realistischen Beschreibungen des Alltäglichen, zuhauf finden lassen. So wird das Gemüse im Garten blass angesichts des Todes, ein Kind verschläft viele Jahre seines Lebens, ein anderes erscheint dem Bruder als ein Stück Holz, Menschen werden zu Pflanzen usw.
Und zwei alterslose Figuren durchziehen den ganzen Roman, sind nicht gebunden an Ort und Zeit. Das ist zum einen Anna, die Hebamme des Dorfes, die bei jeder Geburt den Müttern zur Seite steht, aber auch bei unerwünschten Kindern Abhilfe weiß. Und am Ende eines Lebens erscheint Nora, die Leichenfrau, die unter ihrem schwarzen Kleid bunte Farben trägt. Tröstlich auch die Vorstellung, dass auf die Verstorbenen schon ihre Vorfahren warten, die vorangegangen sind.
Obwohl ich ansonsten kein Freund von surrealen Texten bin, so fügen sich hier die phantastischen Elemente hervorragend in das Gesamtkonzept des Romans.
Anna Maschik hat mich mit ihrem Debut mehr als überzeugt. Ihr Gefühl für Rhythmus und Magie, ihre poetische Sprache und ihre eigenwillige Erzählform wirken lange nach.

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Was für ein Debut!
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Freundschaft in schweren Zeiten

Lebensbande von Mechtild Borrmann

Wenn von Mechtild Borrmann ein neuer Roman erscheint, greife ich immer sofort zu. Denn bisher bin ich noch nie enttäuscht worden, verbindet sie doch äußerst gekonnt zeitgeschichtliche Ereignisse mit dem Schicksal ihrer Protagonisten. Dafür hat sie schon zahlreiche Preise erhalten. Ihrem Schreiben geht auch immer eine intensive Recherchearbeit voraus, das lässt ihre Geschichten lebensecht und stimmig wirken.

Ihrem neuesten Roman „Lebensbande“ ist ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ralph Waldo Emerson vorangestellt: „Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“ Um die Freundschaft dreier Frauen in schweren Zeiten geht es im Buch.
Lene, eine junge Frau aus einem Dorf nahe der niederländischen Grenze, verliebt sich Anfang der 1930er Jahre in den Holländer Joop. Ihre Eltern sind strikt gegen diese Verbindung und tun alles, um sie zu unterbinden. Mehr oder weniger ungewollt schlittert Lene dann in eine Ehe mit einem gewalttätigen Mann. Bei der Geburt ihres ersten Kindes kommt es zu Komplikationen mit Folgen für den Sohn. Leo stottert und hat leichte Lernverzögerungen, nichts Schlimmes eigentlich. Doch in Nazi-Deutschland ist das Urteil „Schwachsinn“ schnell gefällt. Lene wird die elterliche Fürsorge entzogen und ihr Sohn kommt im Winter 1940 als „Reichsausschusskind“ in die Kinderabteilung der Heil - und Pflegeanstalt Bonn.
Hier arbeitet die Krankenschwester Nora, eine Cousine von Lene. Diese kümmert sich nun fürsorglich um Leo. Als dem Jungen die Verlegung in eine andere Einrichtung droht, die Schlimmes ahnen lässt, riskiert sie ihr Leben, um ihn zu retten.
Lieselotte, eine glühende Anhängerin der Nazi- Ideologie, begegnet Nora im Zug zu ihrem Arbeitseinsatz in Danzig. Trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauung freunden sich die beiden Frauen an. Diese Freundschaft ist ihr Halt in den folgenden Jahren. Denn kurz vor Kriegsende werden sie als Arbeitskräfte in den russischen Gulag verschleppt; wie 900.000 andere sind sie Teil der Reparationsleistungen, die Stalin zugesichert wurden. Sie ertragen unvorstellbaren Hunger, Kälte und erbarmungslosen Arbeitseinsatz. Als Adenauer sechs Jahre nach Kriegsende beginnt, die deutschen Kriegsgefangenen zurückzukaufen, bewährt sich die Freundschaft auf dramatische Weise.
Mechtild Borrmann entwickelt ihre Geschichte auf zwei Ebenen. Während man den Lebensweg von Lene von 1931 an verfolgen kann, setzt ein zweiter Erzählstrang im Herbst 1991 an.
In einem kleinen Ort an der Ostsee in der ehemaligen DDR wird eine ältere Witwe durch einen Brief an ihre lang verdrängte Vergangenheit und damit an ihre Lebenslüge erinnert. Schreibend versucht sie nun, ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten.
Im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit entfaltet sich hier deutsche Geschichte über sechs Jahrzehnte. Dabei werden die Zeitumstände am Schicksal der Figuren festgemacht. Es sind Erfahrungen, die viele Frauen in diesen Zeiten durchlitten haben, schmerzhafte, grausame, leidvolle. Aber auch solche, die von Liebe, Freundschaft, Mut und Fürsorge geprägt sind. Als Lesender fühlt man mit, ist ganz nah bei den Figuren, gerade weil die Autorin das alles ohne Pathos beschreibt.
Mechtild Borrmann gelingt es erneut, präzise und voller Empathie die Lebenswege verschiedener Charaktere in Zeiten von Terror und Krieg nachzuzeichnen, mit einer authentischen Geschichte, die berührt und fesselt.

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Freundschaft in schweren Zeiten
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Der Titel ist Programm

No Way Home von T.C. Boyle

Als seine Mutter starb, hatte er Dienst.“. Terry, 31, ein junger Assistenzarzt kurz vor dem Examen wird völlig unvorbereitet mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert. Normalerweise ist er es, der die Angehörigen vom Tod eines Menschen unterrichtet. Doch nun ist er persönlich gefordert. Er muss sich in Boulder City, einer Kleinstadt mitten in der Wüste von Nevada, um die Beerdigung und den Nachlass seiner Mutter kümmern.

Eine Aufgabe, die ihn überfordert. Hilfe bekommt er von Bethany, einer jungen, attraktiven Frau, die er in einem Café kennenlernt. Nach einer gemeinsamen Nacht bietet sie ihm an, sie könne sich, während er in L.A. seiner Arbeit nachgeht, um das Haus seiner Mutter und deren Hund Daisy kümmern. Ihr Angebot ist keineswegs uneigennützig, denn Bethany ist nach ihrem Auszug aus der Wohnung ihres Ex-Freundes Jesse ohne Bleibe.
Gegen Terrys Willen quartiert sich Bethany im Haus der verstorbenen Mutter ein und feiert dort sogar während seiner Abwesenheit wilde Partys mit ihren Freunden. Doch als Terry anreist, um sie rauszuschmeißen, landen sie wieder im Bett.
Richtig Probleme gibt es dann, als Jesse auftaucht und auf seinen alten Rechten beharrt. Er ist keineswegs gewillt, seinen Anspruch auf Bethany aufzugeben. „ Sie ist Gift. Das weißt du noch nicht, aber du wirst es bald rausfinden.“ warnt er Terry.
Aber die Warnung kommt zu spät. Terry ist Bethany verfallen und der Kampf zwischen den beiden ungleichen Männern beginnt. Ein Streit um eine Frau, der bald immer drastischere Formen annimmt.
T.C.Boyle beschreibt hier eine Dreiecksgeschichte, bei der es weniger um Liebe als vielmehr um Obsessionen, Abhängigkeiten und Besitzansprüche geht.
Für keine der drei Figuren kann der Lesende Sympathien entwickeln. Terry ist zwar ein Arzt, der sich fürsorglich um seine Patienten kümmert, doch ansonsten wirkt er höchst unreif und unreflektiert. Man fragt sich, warum er sich auf diese unheilvolle Liaison einlässt. Schließlich ist offensichtlich, dass er und Bethany nicht zusammenpassen. Trotzdem trifft er eine fatale Entscheidung nach der anderen. Als Leser kann man nur den Kopf schütteln.
Obwohl Terry und Jesse auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Typen sind , so eint sie doch ihr Anspruch auf Bethany. Beide sehen in ihr das Objekt ihrer Begierden, weniger eine eigenständige Frau.
Jesse ist ein Macho wie aus dem Bilderbuch. Er akzeptiert keine Zurückweisung, nimmt sich, notfalls mit Gewalt, was ihm vermeintlich zusteht. Aber auch ihn zeichnet Boyle nicht eindimensional. Er ist nicht nur Trinker und Biker, sondern auch Lehrer und versucht sich in der Schriftstellerei. Inwiefern diese unterschiedlichen Rollen zusammenpassen und glaubwürdig sind, muss jeder Lesende selbst entscheiden.
Und Bethany ist eine Frau, die sich einerseits treiben lässt, gerne Party macht und sich mit Alkohol und Drogen zudröhnt, aber trotzdem Sicherheit sucht. Von Jesse kommt sie nicht los, mit ihm ist das Leben aufregender als mit dem Langweiler Terry. Der verspricht dafür finanzielle Sicherheit als zukünftiger Arzt und ein höheres gesellschaftliches Ansehen. Ihr größtes Pfund ist ihr Aussehen, das weiß sie und das setzt sie ganz gezielt auch ein.
Während man Bethany manipulatives Verhalten vorwerfen muss, so kann man Jesse und Terry toxische Männlichkeit attestieren, dem einen mehr, dem anderen weniger.
Von wirklicher Liebe zwischen den Figuren ist wenig zu spüren, auch wenn sie diese behaupten.
Der einzig wirkliche Sympathieträger ist Daisy, die Hündin. Auch wenn sie nach einem gewalttätigen Zusammenstoß mit Jesse nur noch ein Auge hat, so ist sie doch weniger blind als die anderen Figuren.
Boyle erzählt diese Dreiecksgeschichte chronologisch, aber aus wechselnden Perspektiven. Das hat seinen besonderen Reiz, denn so zeigen sich oftmals verschiedene Versionen der Geschichte und neue Facetten in den Charakteren.
Nicht nur Jesse und Terry sind Gegenspieler, auch der Kontrast zwischen Stadt und Land wird anschaulich herausgearbeitet. Ist Terry als Arzt in der Notaufnahme seiner Klinik mit den Gestrandeten, den Obdachlosen und Armen in der Multikulti-Stadt L.A. konfrontiert, so trifft er in Boulder City auf die Tristesse einer heruntergekommenen Kleinstadt, wo sich die Menschen mit billigem Fast Food, Alkohol, Drogen und Sex betäuben.
Der Titel des Romans ist Programm. Keiner hier hat ein Zuhause, jeder sucht es, im wörtlichen und übertragenen Sinn. Es ist kein Zufall, dass Boyle den einen Handlungsort in der Wüste ansiedelt, auch dies ein unwirtlicher Ort.
„No Way Home“ ist kein typischer Boyle. Behandelte er in seinen meisten Romanen doch politische und ökologische Themen, so kommen diese hier nur am Rande vor.
Da lässt er den Möchtegern-Schriftsteller Jesse an einem Roman schreiben, der vom Bau des Hoover-Damms und seinen Folgen für Mensch und Umwelt erzählt. Hier am Lake Mead zeigt sich der Klimawandel ganz massiv. Seit Jahren sinkt der Wasserspiegel und legt tote Tiere und menschliche Skelette bloß.
Möglicherweise lässt sich „No Way Home“ als Parabel lesen, wie Menschen sich von zerstörerischen Kräften manipulieren und instrumentalisieren lassen, obwohl offensichtlich ist, wie sehr diese ihnen schaden.
Auf jeden Fall zeichnet der Roman das Bild einer Gesellschaft, die nur auf sich bezogen ist und Beziehungen nach dem Nutzprinzip eingeht.
„No Way Home“ ist sicher nicht Boyles bestes Buch. Trotzdem habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Es liest sich süffig, bleibt spannend und auch sprachlich konnte es mich überzeugen. Ihm gelingen großartige Bilder ( „ Und dann stürzte der Nachmittag krachend in den Abend.“), atmosphärische Beschreibungen von Landschaft und Milieu, und entlarvende Dialoge.
Das Ende mag manchen enttäuschen, für mich ist es stimmig.

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Der Titel ist Programm
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Fabelhafter Schmäh

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels von Vea Kaiser

Die österreichische Autorin Vea Kaiser schaffte 2012 mit ihrem Debut den Durchbruch. Der Roman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ war nicht nur ein Bestseller, sondern erreichte auch Platz 1 der ORF-Bestenliste. Zwei ebenfalls erfolgreiche und mit Preisen ausgezeichnete Bücher folgten und nun liegt, nach sechs Jahren, ihr neuester Roman vor.

Der Titel „ Fabula Rasa“ - dieses Wortspiel, das einen radikalen Neuanfang mit dem Fabulieren, dem Geschichten erzählen, in Verbindung bringt - ist gut gewählt.
Inspiriert wurde die Autorin von dem realen Fall einer Buchhalterin im Hotel Sacher, die über einen längeren Zeitraum hinweg 4 Mio. Euro veruntreut hatte, aus Mutterliebe, wie sie gestand. Für Vea Kaiser, selbst frisch Mutter geworden, war diese Begründung nachvollziehbar und damit hatte sie einen neuen Romanstoff gefunden.
Wir sind im Wien der ausgehenden 1980er Jahre. Angelika Moser, so heißt ihre Protagonistin, hat keinen leichten Start ins Leben. Aufgewachsen ist sie in einem Gemeindebau, als Tochter der Hausbesorgerin, der Vater ist unbekannt. Doch Angie lässt sich nicht unterkriegen. Obwohl sie gerne mit ihrer besten Freundin das wilde Nachtleben Wiens genießt, so erledigt sie doch tagsüber ihre Arbeit als Buchhalterin im legendären Grand- Hotel Frohner zur vollsten Zufriedenheit ihres Chefs. Dieser hat so viel Vertrauen in sie und ihre buchhalterischen Fähigkeiten, dass er sie bittet, ein bisschen mit den Zahlen zu tricksen. Angelika merkt schnell, wie einfach das ist, denn die falschen Abrechnungen werden unkontrolliert durchgewunken.
Und als sie dann selbst in finanziellen Schwierigkeiten steckt, beginnt sie Gelder auf ihr Privatkonto zu überweisen. Immer in der Hoffnung, das „geborgte“ Geld zurückzugeben, sobald sie dazu in der Lage ist. Allerdings wird ihre finanzielle Situation über Jahre hinweg nicht besser.
Zunächst wird Angelika ungewollt schwanger. Mit Freddy, einem abgerockten Sänger, kann man zwar gut nächtelang um die Häuser ziehen, und der Sex mit ihm ist auch mehr als befriedigend, doch für die Rolle als verantwortungsvoller Vater ist er eher weniger geeignet. Angelika ist deshalb auf sich allein gestellt mit der Erziehung ihres Sohnes.
Und auch ihre zusehends dement werdende Mutter kostet nicht nur Nerven, sondern ihre Unterbringung in einem guten Pflegeheim auch sehr viel Geld.
Die Jahre vergehen, die Summen, die Angelika unterschlägt, werden immer größer. Der Sohn macht Dummheiten, die beglichen werden müssen und Angelika selbst hat Gefallen gefunden an dem schönen Leben. Doch im Hintergrund lauert immer die Angst, irgendwann aufzufliegen.
Vea Kaiser erzählt von einer sympathischen Betrügerin, für die der Lesende Verständnis entwickelt. Denn eigentlich ist die Protagonistin ein anständiger Mensch. Doch Wohlstand und Privilegien sind nicht gerecht verteilt auf der Welt. Während Angelika als alleinstehende Mutter selbst schauen muss, wo sie bleibt, gibt es andere, die mit dem silbernen Löffel im Mund geboren werden. Da darf ein Wochenende schon mal so viel kosten, wie ein Zimmermädchen im Jahr verdient, die Summe lässt sich ja als Spesen von der Steuer absetzen.
Vea Kaiser hält der sog. „besseren Gesellschaft“, die im Frohner absteigt oder sich beim Wiener Opernball feiern lässt, den Spiegel vor.
Und auch die Männer kommen bei ihr nicht gut weg. Angelika hat kein Glück mit ihnen. Sie sind entweder langweilig oder Hallodris. Sogar ihr Sohn, für den sie alles tut ( vielleicht zu viel des Guten), ist eine Enttäuschung.
Das alles wird flott erzählt, mit sehr viel Humor und Wiener Schmäh. Für alle Piefkes gibt es im Anhang dazu ein „sehr kleines Wienerisch-Wörterbuch“.
Vea Kaiser gelingen lebendige Milieuschilderungen, sei es im noblen Grand-Hotel, in den diversen Bars und Nachtklubs oder im Gemeindebau mit seinen skurrilen Bewohnern. Sehr gut fängt sie auch die Situation von alleinerziehenden Müttern ein, mit ihrer ständigen Überlastung, dem permanenten schlechten Gewissen und der Liebe zum Kind.
Authenzität verleiht die Rahmenhandlung dem Roman. Hier besucht insgesamt elfmal eine Schriftstellerin namens Vea Kaiser die Betrügerin Angelika Moser im Gefängnis und lässt sich deren Geschichte erzählen.
Ein paar Längen muss ich zwar dem umfangreichen Roman attestieren, trotzdem habe ich mich bei der Lektüre gut unterhalten gefühlt. Gerade der bitterböse Blick auf die Wiener Klassengesellschaft hat mir gut gefallen.
„ Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ ist ein amüsanter Roman über eine Frau, die mit unkonventionellen Mitteln ihr Leben in die Hand nimmt und sich nicht zum Opfer machen lässt.

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Fabelhafter Schmäh