Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Ruth:
Vom Ende der Kindheit
Schwarzer September von Sandro Veronesi
Sandro Veronesi ist einer der angesehensten Schriftsteller Italiens, dessen Werk mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet wurde.
Auch in seinem neuesten Roman „Schwarzer September“ beweist er sein Können.
Wir sind im Sommer 1972 im toskanischen Badeort Fiumetto. Hier verbringt der zwölfjährige Gigio mit seiner Familie wie jedes Jahr die Sommerferien.
Sein Vater, ein angesehener Strafverteidiger, kann wegen beruflicher Verpflichtungen nur an den Wochenenden zu Frau und Kinder kommen. Dann aber verbringt er mit seinem Sohn viele Stunden auf dem Meer, denn er ist ein leidenschaftlicher Segler. Die Woche über ist Gigio mit seiner jüngeren Schwester Gilda und seiner schönen Mutter am Strand. Die ist Irin und zieht mit ihren roten Haaren die Blicke der Männer auf sich.
Das beschauliche Einerlei von Gigios Alltag verändert sich durch die Ankunft von Astel , die mit ihrer Mutter die benachbarte Strandkabine bezieht. Eigentlich kennt er das Mädchen schon von früher, doch dieses Jahr sieht er sie mit anderen Augen. Und er verliebt sich in sie. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander, sie hören Musik und Gigio übersetzt für Astel die englischen Songtexte.
Dann aber geschieht etwas Furchtbares, was auf einen Schlag die sommerliche Idylle zerstört. Astels Vater, ein reicher Mann aus Fiumetto, wird ermordet und unter dringendem Tatverdacht steht seine Ehefrau, eine schöne elegante Äthiopierin.
Ich-Erzähler der Geschichte ist Gigio; der Autor wählt aber nicht die kindliche Perspektive. Stattdessen erinnert sich der 60jährige Gigio an jenen Sommer, in dem seine Kindheit so jäh endete. Und er holt weit aus, um die Vergangenheit heraufzubeschwören, beschreibt genau, was für ein Kind er damals war. Ein Kind, das sich behütet und beschützt gefühlt hat von seinen Eltern, ein Junge, der sich für Sport interessierte, sich auf die Olympischen Spiele freute und seltsame Gewohnheiten pflegte. Und er schildert, wie sehr ihn die Begegnung mit der reiferen Astel veränderte.
Veronesi beschreibt in vielen Szenen detailreich jene Wochen, schwelgt im Geruch des Sommers, lässt die Musik der Siebziger erklingen und bekannte Sportler der Zeit aufleben.
Diese Erzählung wird aber immer wieder unterbrochen von düsteren Vorausdeutungen, die die Spannung steigern.
Der Sommer 1972 endete aber auch für die Welt mit einer Tragödie, darauf verweist schon der doppeldeutige Titel des Romans „Schwarzer September“. So nannte sich die palästinensische Terrororganisation, die bei den Olympischen Spielen in München ein Attentat verübten, das 17 Menschenleben kostete.
Veronesi verknüpft hier ein traumatisches historisches Ereignis mit einem privaten. Danach ist die Unbeschwertheit der Kindheit ebenso Vergangenheit wie die Illusion von den „heiteren Spielen“.
Man sollte keinen plotgetriebenen Roman erwarten und sich stattdessen auf den ruhigen und melancholischen Erzählstil einlassen. Veronesi gelingt es, die Atmosphäre der 1970er Jahre einzufangen und seine Figuren nuancenreich zu zeichnen. Jede einzelne bekommt Tiefe, sogar Nebenfiguren wie Onkel Giotti bleiben dem Lesenden im Gedächtnis.
Immer wieder finden sich Sätze, die zum Nachdenken einladen, so z.B. „Wir wissen genau, wann wir etwas zum ersten Mal tun, haben aber keinen blassen Schimmer, wann es das letzte Mal ist.“
Mit einer wunderschönen parabelhaften Geschichte über einen Olivenhain endet der Roman.
Beeindruckendes Debut
Das schönste aller Leben von Betty Boras
Die junge Autorin Betty Boras ließ sich für ihren Debutroman von der eigenen Biographie inspirieren
Wie ihre Protagonistin Vio ist auch sie 1980, nach dem Sturz von Diktator Ceaucescu, als Sechsjährige mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Obwohl die Familie aus dem deutschsprachigen Banat stammt, nimmt sie in ihrer neuen Heimat, einem Ort nahe Stuttgart, eine Außenseiterrolle ein.
Zu sehr unterscheidet sich ihr Dialekt, ihre Kleidung und ihre Lebensweise von dem ihrer schwäbischen Nachbarn. Deshalb gilt es für Vio und ihre Eltern sich anzupassen, nie unangenehm aufzufallen. Mutter und Vater arbeiten hart, damit ihre Tochter es einmal besser haben wird. Wie alle Eltern wünschen sie sich für ihr Kind „ das schönste aller Leben“. Und auch Vio gibt alles dafür. Sie ist fleißig, besucht das Gymnasium, studiert sogar. Sie scheint angekommen zu sein. Das Glück ist vollkommen, als sich bald nach ihrer Heirat das erste Kind einstellt. Doch dann der Unfall, von dem ihre kleine Tochter bleibende Narben davonträgt. Und Vio gibt sich die Schuld daran. Das stürzt die junge Mutter in eine tiefe Krise, an der sie beinahe zerbricht.
Die Geschichte von Vio erzählt Betty Boras in zwei Erzählsträngen, die sich langsam annähern. Der eine handelt von Vios Aufwachsen in Deutschland, der andere beschreibt die Situation der jungen Mutter. Hier verwendet die Autorin die Ich-Perspektive, was den Lesenden noch stärker an der Verzweiflung von Vio teilnehmen lässt.
Es gibt aber noch einen weiteren Erzählstrang, der zurück in die Vergangenheit führt. Im Wiener Umfeld lebt im 18. Jahrhundert Theresia. Der wird ihre Schönheit zum Verhängnis. Von den jungen Männern im Dorf begehrt, von den Frauen als uneheliches Kind gebrandmarkt, gerät sie ins Visier der Keuschheitskommission, eine Art Sittenpolizei unter Maria Theresia. Sie wird verurteilt und ins Banat deportiert, wo sie in einem Arbeitslager schuften muss.
Betty Boras verbindet gekonnt die verschiedenen Erzählstränge, verknüpft ihre Themen wie Herkunft, Zugehörigkeit, Mutterschaft und Schönheitsideale über die Generationen hinweg. Dabei findet sie für jeden Erzählstrang eine eigene Stimme, einen eigenen Ton. Feinfühlig beschreibt sie die inneren Konflikte ihrer Figuren, lässt sie an den Umständen wachsen und reifen.
Was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen und in einer fremden Umgebung Fuß zu fassen, kennen wir aus unzähligen Migrationsgeschichten. Doch auch diese hier verdient es, erzählt zu werden. Für die Banater Schwaben gilt zusätzlich, dass sie in beiden Ländern eine Außenseiterrolle spielten. Waren sie in Rumänien die Deutschen, so waren sie in Deutschland „ nicht deutsch genug.“
Warum Vio der Schönheit ihrer Tochter einen so hohen Stellenwert zumisst, lässt sich leicht aus ihrer Biographie erklären.
Immer war das wichtigste Kriterium in ihrer Familie, was andere über sie dachten. Und gerade weil Vio selbst so um Anerkennung kämpfen musste, soll ihr Kind es leichter haben. Schönheit und Makellosigkeit öffnen viele Türen, das weiß Vio. Auch wenn es immer heißt, dass die inneren Werte zählen, so urteilt die Gesellschaft sehr oft doch nach äußeren. Sich von diesem Schönheitsideal frei zu machen, das fällt Vio schwer. Nur langsam und mit Hilfe von außen kann sie darauf vertrauen, dass ihr Kind, trotz Narben im Gesicht, ein gutes Leben haben kann.
Die Banater Erde kommt in einigen Kapiteln ebenfalls zu Wort. „Dreihundert Jahre ist es her, dass ich eure Mutter wurde. Ihr kamt aus vielen Teilen Deutschlands zu mir, aber ihr wurdet alle Schwaben genannt.“ So erfährt der Lesende einiges über die Geschichte dieser Gegend, die einst zur Habsburger Monarchie gehörte, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg auseinandergerissen und zum Großteil Rumänien, aber auch Jugoslawien und Ungarn zugeteilt wurde. Die Bewohner dort hatten es nie leicht. „Die Ersten von euch starben zuhauf, in meinem schleimigen Inneren wuchsen Krankheiten zu Seuchen heran. Die nächste Generation plagte sich mit harter Arbeit, entwässerte und beackerte mich, während ihre Kinder endlich das Ergebnis der Mühen ihrer Ahnen ernten konnten.“
Betty Boras ist mit „Das Schönste aller Leben“ ein beeindruckendes Debut gelungen, das mich von der ersten Seite an gefesselt hat.
Das Buch ist von seiner vielschichtigen Thematik her auch eine ideale Lektüre für Lesekreise.
Heimkehr nach Triest
Alma von Federica Manzon
Die Autorin Federica Manzon, 1981 in Pordenone, einem Ort zwischen Venedig und Triest, geboren, ist Schriftstellerin und Verlegerin. Für ihren fünften Roman „Alma“, der von der Kritik gefeiert wurde, erhielt sie namhafte Preise, u.a. den „Premio Campiello“. Es ist ihr erster Roman, der auf Deutsch veröffentlicht wurde.
„Geografie siegt immer über Geschichte“- dies ist ein zentraler Satz im Roman und Alma, die Protagonistin ist von seinem Wahrheitsgehalt überzeugt. Und so spielt die Stadt Triest, seine geopolitische Lage und seine Geschichte, eine wesentliche Rolle für die Figuren im Roman.
Die 53jährige Alma arbeitet seit Jahren schon als Journalistin in Rom. Nun zwingt sie das Erbe, das ihr Vater ihr hinterlassen hat, zurückzukehren in ihre Heimatstadt Triest. Drei Tage, während des orthodoxen Osterfestes, nimmt sie sich Zeit dafür. Drei Tage, in denen sie nochmals die Orte ihrer Kindheit und Jugend aufsucht, bevor sie sich mit Vili treffen wird. Ausgerechnet Vili, der Mann, den sie nie mehr sehen wollte, ist es, der ihr das Vermächtnis ihres Vaters übergeben soll.
Während Alma die Straßen der Stadt durchstreift, drängen sich ihr die Erinnerungen an früher auf.
Aufgewachsen ist sie in zwei Welten. Da die schöne Wohnung in der Platanenallee, in der ihre Großeltern leben. Hier fühlt sich Alma geborgen. Mit dem Großvater führt sie lange Gespräche, die Großmutter verwöhnt sie mit Sahnetorten und glitzernden Geschenken. Die beiden verkörpern ein Bildungsbürgertum in der alten Tradition des Habsburgerreiches.
Ganz anders in dem Häuschen auf dem Karst, nahe der Grenze. Hier herrscht eine schlampige Unordnung. Die Mutter hat wenig Zeit für ihre Tochter. Sie arbeitet in der „Stadt der Irren“, wo der Psychiater Franco Basaglia eine moderne Form der Psychiatrie geschaffen hat, mit offenen Türen und ohne Gewaltmaßnahmen. Das Verhältnis zur Mutter ist distanziert , das zum Vater sehr viel inniger. Auch wenn dieser oft tagelang über die Grenze verschwindet und wenig erzählt, was er dort macht. Dass er für Tito gearbeitet hat und dessen Reden schrieb, ist alles, was Alma später erfahren wird.
Als Alma elf Jahre alt ist, bringt ihr Vater eines Tages einen Jungen mit nach Hause. Vili ist der Sohn serbischer Intellektueller, die in Ungnade gefallen sind. Vili wird für Alma Bruder, Freund und Geliebter.
Nach Titos Tod ändert sich vieles. Der Vater bleibt von nun an daheim, aus dem Rastlosen wird ein Mann, der sich zurückzieht.
Alma wird Vili bis nach Belgrad folgen, wird die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe erleben, bevor sich ihre Wege für Jahrzehnte trennen.
Im steten Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzählt Federica Manzon ihre Geschichte. Dabei bleibt sie ganz nah bei ihrer Hauptfigur, nimmt deren Perspektive ein, beschreibt deren Entwicklung vom Kind zur reifen Frau. Aber auch die anderen Charaktere bekommen Kontur, obgleich die beiden Männerfiguren, der Vater und Vili, lange schwer zu fassen sind. Erst am Ende werden sich für Alma und damit für den Lesenden die meisten Rätsel auflösen.
Sehr sinnlich und atmosphärisch werden die Kindheits- und Jugenderlebnisse geschildert, beklemmend dagegen die Kriegsszenen. Wenige in den Text eingestreute Schwarz- Weiß- Fotografien verleihen dem Geschriebenen zusätzliche Authentizität.
Allerdings macht es die Autorin dem Lesenden nicht einfach.
Verschwimmende Zeitebenen und manche nebulöse und sperrige Formulierungen erfordern volle Konzentration. Kenntnisse über die jugoslawische Geschichte und über den Balkankrieg sind zwar nicht Voraussetzung, aber hilfreich. Außerdem vermeidet die Autorin Jahreszahlen und oftmals klare Benennungen. Man weiß zwar, wer mit dem Marschall, der Stadt oder der Hauptstadt usw. gemeint ist, doch der Mehrwert dieses Kunstgriffes ist nicht erkennbar.
Ansonsten ist „Alma“ ein lesenswerter Roman, der die Themen Herkunft und Identität, Erinnerung und Geschichte auf facettenreiche Weise beleuchtet.
Nicht die Zielgruppe
Tage des Lichts von Megan Hunter
Beim Rückblick auf das Leben ihrer Protagonistin greift die Autorin sechs Tage heraus, die immer um die Osterzeit herum spielen..
Die Geschichte nimmt ihren Ausgang am Ostersonntag 1938. Die neunzehnjährige Ivy verbringt den Tag mit ihrer Großfamilie auf deren Landsitz Cressingdon, „ dem unchristlichsten Haus in ganz England“.
Man feiert gemeinsam Ostern und erwartet den Besuch von Frances, der Verlobten von Joseph, dem Sohn des Hauses. Doch am Ende des Tages wird nichts mehr sein wie zuvor. Ein tragisches Unglück wird alles verändern.
Der Roman verfolgt nun das Leben von Ivy chronologisch über sechs Jahrzehnte, immer anhand einzelner Schlüsselmomente.
So erleben wir Ivy zunächst als eine junge Frau, die noch nicht weiß, wohin sie die Zukunft führen wird. Schon in ihrer Kindheit haben alle erwartet, dass sie so außergewöhnlich sei wie die anderen Familienmitglieder, allesamt erfolgreiche und berühmte Maler und Schriftsteller. Doch leider erweist Ivy sich als völlig talentlos. Auch steht sie immer im Schatten ihres zwei Jahre älteren Bruders John, dem „Goldjungen“.
Aber dessen Ertrinken nach einem gemeinsamen Bad im Fluss macht aus Ivy eine ewig Suchende. Jenes Licht, das ihr dabei erschien und das sie blind machte für Josephs Verschwinden, steht dafür sinnbildlich. Der Titel des Romans weist schon explizit darauf hin. Ebenso das vorangestellte Zitat aus dem Johannesevangelium: „ Es leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht auslöschen können.“
Obwohl Ivy auf einer spirituellen Suche ist, lässt sie sich erst einmal treiben. Sie heiratet Bear, einen 25 Jahre älteren Freund der Familie, bekommt zwei Töchter mit ihm. Als sie sechs Jahre später, im April 1944 Frances wieder trifft, beginnen die beiden Frauen eine Liebesbeziehung. Frances ist für Ivy die Antwort auf alle Fragen. Die glückliche Zeit endet, weil Frances sich für ihren Mann entscheidet. Auch dann noch, als sich die beiden Frauen Jahre später wieder begegnen, Ivy ist mittlerweile Witwe. Daraufhin sucht Ivy ihr Seelenheil im Kloster und es sollen weitere Jahre vergehen, bis die beiden Frauen zusammenfinden.
Das ist die äußere Handlung und das hört sich zunächst vielversprechend an. Doch leider hat mich der Roman bereits nach dem Auftaktkapitel verloren. Obwohl wir alles aus Ivys Perspektive sehen, blieb mir die Figur völlig fremd, ihr Denken und Handeln nicht nachvollziehbar. Es dreht sich alles um Ivys inneres Befinden, ihr Suchen nach dem Göttlichen. Dabei geht sie völlig egozentrisch durch die Welt. Mit gelebtem Christentum hat das wenig zu tun. Ihr Mann, ihre Kinder, Randfiguren in ihrem Universum. „ Eine Frau mit ihren Sprösslingen zu sein, war keine Kategorie, die für Ivy gemacht zu sein schien.“
Die historischen Umstände werden nur am Rande gestreift, die Zumutungen des Krieges, die gesellschaftlichen Veränderungen in den 1960er Jahren, alles nur Staffage, Kulisse. Dabei hätte gerade das mich interessiert, ein Frauenleben durch ein Jahrhundert hin zu begleiten. Aber dazu hätte ich ein anderes Buch lesen müssen.
Der Autorin geht es um spirituelle Erfahrungen, der Suche nach Transzendenz. Dazu bemüht sie eine Unmenge an Symbolen, wie das schon erwähnte Licht, das beständig beschworen wird, spielt mit dem Mythos von Ostern und manchem mehr.
Auch die sprachliche Umsetzung machte mir zu schaffen. So finden sich im Roman wunderschöne poetische Passagen, voller Atmosphäre und Gefühl. Dem gegenüber stehen völlig verunglückte Bilder und kryptische Aussagen.
Die Struktur des Romans ist wohldurchdacht, die Beschränkung auf einzelne Tage vielversprechend. Trotzdem müssen die Leerstellen dazwischen verständlich gefüllt, Brüche und unerwartete Wendungen plausibel werden. So wird z.B. der Lesende völlig überrascht von Ivys Entschluss ins Kloster zu gehen.
Wie die Autorin in ihrer Nachbemerkung schreibt, ließ sie sich von der legendären Bloomsbury Group um Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell inspirieren. Die Gruppe war bekannt für ihre Ablehnung viktorianischer Moralbegriffe, ihre pazifistische Gesinnung und ihren offenen Umgang mit Sexualität. Diese Gruppe ist Vorbild für Ivys Großfamilie. Und Ivy selbst basiert lose auf Vanessa Bells Tochter Angelica, die einen wesentlich älteren Freund der Familie und ehemaligen Liebhaber ihres Vaters heiratete. Das aber nur am Rande.
Fazit: Für Leser, die sich im Esoterischen zuhause fühlen, mag die Lektüre von „Tage des Lichts“ ein Gewinn sein. Ich bin nicht die richtige Zielgruppe.
Unterhaltsam und informativ zugleich
Guinness World Records Fußball Edition von Guinness World Records Ltd.
Dieses Buch, das jeden Fußballfan, ob jung oder alt, begeistern dürfte, wurde von von einem „ fußballverrückten“ Expertenteam zusammengestellt und ist nicht nur hochaktuell, sondern auch vollgepackt mit einer Unmenge an Fakten, Statistiken und Geschichten, illustriert durch eine Vielzahl ausdrucksstarker Photos.
Aufgelistet und genau beschrieben sind die 100 größten Fußballrekorde: Da erfährt man nicht nur, wie alt der jüngste Torschütze war ( vierzehn Jahre) oder wann das früheste Tor bei einem Champions League Spiel fiel ( nach 10,12 Sekunden) und bei welchem FIFA WM- Turnier die meisten Eigentore geschossen wurde ( Weltmeisterschaft 2018). Sondern z.B. auch, wie viel der teuerste Transfer gekostet hat ( 222 Millionen) oder welches Nationalteam in Serie am längsten ungeschlagen blieb ( Italien war 37 Spiele drei Jahre in Folge ungeschlagen). Dass Harry Kane nur 43 Spiele brauchte, um 50 Bundesligatore zu erzielen, erfährt man ebenso wie dass Juventus 36-mal italienischer Meister wurde. Wer der Rekordmeister in Deutschland ist, wissen sogar Leute, die von Fußball wenig Ahnung haben dürften. Den Platz 1 nimmt Pelé ein, der drei WM-Titel gewonnen hat
Sehr lesenswert sind die zwischengeschalteten Features, in denen man z.B. eine Reise unternimmt zu den größten und berühmtesten Fußballstadien, oder die berühmtesten Trainer und Schiedsrichter kennenlernt.
Mehrere Seiten nimmt die FIFA WM- Geschichte ein, die im Jahr 1930 ihren Anfang nahm.
Der Frauenfußball gehört selbstverständlich auch dazu. Frauen werden bei den Rekorden genauso aufgelistet wie die Männer.
In der „Verlängerung“ erfährt man einiges über den Freestyle-Fußballspaß und lustige Fun-Fats aus dem Fußballbereich. Ein Quiz zum Abschluss darf auch nicht fehlen.
So ist dieses Buch eine riesige Fundgrube für alle Freunde des Fußballs, unterhaltsam und informativ zugleich.
Uneingeschränkt zu empfehlen!
Wieso? Weshalb? Warum? Band 60 - Alles über Wasser von Andrea Erne
Auch der neueste und 60. Band der bewährten „Wieso Weshalb Warum“ - Reihe für die Altersstufe der 4- bis 7Jährigen kann wieder voll überzeugen. Dieser Band widmet sich dem komplexen Thema Wasser. Dabei geht es um die besonderen Eigenschaften dieses Elementes und seine Bedeutung für Mensch, Tier und Pflanze.
Es fragt genauer nach, wozu wir das Wasser brauchen, nicht nur der Einzelne, sondern auch die Wirtschaft usw. Anschaulich wird gezeigt, wie das Trinkwasser in die Haushalte kommt und wohin unser Abwasser fließt.
Je eine Doppelseite wird dem Lebensbereich Fluss und dem des Meeres gewidmet. Der Klimawandel muss hier selbstverständlich auch angesprochen werden. Zeigt er sich doch zu oft in zu viel oder zu wenig Wasser. Überschwemmungen und Dürren sind sichtbare Zeichen dafür. Dass auch Kinder etwas für Klima tun können bleibt nicht unerwähnt. Das ist wichtig, nimmt es ihnen doch das Gefühl von Ohnmacht und fördert stattdessen ein nachhaltiges Verantwortungsgefühl..
Die Texte sind leicht verständlich, ohne oberflächlich zu sein. Die bewährten Klappen vermitteln auf spielerische Art zusätzliches Wissen und erleichtern das Verständnis für Zusammenhänge. Genau wie die detaillierten Bilder, die den Text illustrieren und ergänzen.
So ist auch dieser Band wieder uneingeschränkt zu empfehlen und sollte in keinem Kinderzimmer fehlen. Auch Kindergärten und Schulen profitieren, wenn „ Alles über Wasser“ in die Bibliothek übernommen wird.
Rundum gelungen!
Wieso? Weshalb? Warum? junior, Band 81 - Der Kran von Andrea Erne
Meine Enkelkinder lieben die „Wieso Weshalb Warum?“-Reihe und haben auch schon eine große Anzahl dieser Bücher in ihren Bücherregalen.
Der vorliegende Band aus der Junior- Reihe über den „Kran“ ist ideal für den 3jährigen Enkel, der schon immer an jeder Baustelle fasziniert stehen blieb.
Aber auch Größere werden noch Neues erfahren. So z.B. wie ein solches Riesengerät überhaupt zu einer Baustelle kommt. Oder welche Einsatzmöglichkeiten es für Kräne aller Art gibt, wie die Spezialkräne heißen und wie sie aufgebaut sind.
Eine Doppelseite wird dem aufregenden Beruf des Kranführers gewidmet . Besonders spannend ist es, wenn die Feuerwehr bei einer Rettungsaktion einen Kran benötigt.
Das alles und noch manches mehr wird anhand verschiedener lebensechter Szenen vermittelt. Die Texte sind wie immer leicht verständlich und liefern trotzdem die wichtigsten Informationen. Natürlich dürfen die gewohnten Klappen nicht fehlen, die die Vorgänge nachvollziehbar machen. Ein kleine Suchaufgabe am Ende rundet das Ganze ab.
So ist auch dieser Band wieder rundum gelungen und allen kleinen Entdeckern zu empfehlen.
Lädt zum Gespräch
Vom kleinen Spatz, der eine große Amsel werden wollte von Werner Holzwarth
„Wie alle Spatzen, wenn sie noch ganz jung sind, träumte auch der kleine Spatz davon, einmal eine große Amsel zu werden.“ So beginnt das neue Bilderbuch von Werner Holzwarth und Margarita Sada. Aber der kleine Spatz ist nicht allein mit seinem großen Traum. So wie er möchten auch die Amsel, die Taube , die Möwe und noch einige mehr ein anderer und größerer Vogel sein.
Doch die deprimierende, gleichwohl realistische Antwort der Eltern fällt immer gleich aus: Du bleibst, was Du bist. Einzig größer wirst Du werden. Doch davon lassen sich die Vogelkinder nicht desillusionieren. Mal trotzig, mal selbstbewusst, mal siegessicher reagieren sie auf die Reaktion der Eltern.
Dieses Bilderbuch will Mut machen, an seinen Träumen und Wünschen festzuhalten , mögen sie auch noch so hoch gegriffen sein. Auch wenn die Wirklichkeit und die Erfahrung dagegen sprechen, so ist im Spiel, in der Phantasie vieles möglich.
Gleichzeitig lädt das Buch dazu ein über die Wünsche und Vorstellungen der Kinder ins Gespräch zu kommen. Und auch die Frage aufzugreifen, warum hier jeder Vogel ein anderer sein möchte.
Der Text arbeitet mit vielen Wiederholungen, etwas, das kleinere Kinder lieben. Auffallend ist, dass die Antwort der Eltern jeweils beinahe identisch ist, während die Reaktionen der Vogelkinder variieren.
Besonders gelungen sind die in kräftigen warmen Farben gehaltenen Illustrationen, die viele liebenswerte Details aufweisen . So liest z.B. die Graugans das vorliegende Bilderbuch. Viele Szenen spiegeln auch den kindlichen Alltag wieder. Es lohnt sich auch die Vorsatz- und Nachsatzseite genauer anzuschauen, die einen Überblick über die Vogelinsel bieten, mal am Tag, mal zur Nacht.
Dass das Ende etwas abrupt kommt und relativ kurz abgehandelt wird, ist mein einziger Kritikpunkt.
So ist „ Vom kleinen Spatz, der eine große Amsel werden wollte“ ein liebenswertes Bilderbuch, das zum gemeinsamen genauen Betrachten und zum Gespräch einlädt.
Auch wenn es nicht die Klasse und Originalität von Holzwarths erfolgreichstem Bilderbuch , dem „ kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ aufweist
Persiflage auf den klassischen Spionageroman
Die Reise ans Ende der Geschichte von Kristof Magnusson
Die Neunziger Jahre - eine Zeit der Euphorie: der Eiserne Vorhang war gefallen, die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten war weg, der Kalte Krieg endlich Vergangenheit. Voller Optimismus konnte man in die Zukunft schauen, ohne Angst. Die Welt war im Begriff, eine bessere zu werden. „ Das ist das Ende der Geschichte,“ davon ist der fünfundzwanzigjährige Dichter Jakob Dreiser überzeugt.
Doch nicht jeder mag in die allgemeine Glückseligkeit mit einstimmen, wie z. B. Dieter Germeshausen. Wo bleiben denn dann Leute wie er, die zuvor in dieser Geschichte eine Rolle gespielt haben? Seit 27 Jahren arbeitet er brav für den BND, hat sich jahrelang um Überläufer aus dem Warschauer Pakt gekümmert. Aber da in Pullach niemand so richtig seine Leistung gewürdigt hat, bot er irgendwann der gegnerischen Seite seine Dienste an. Und nun kommt Gorbatschow und aus und vorbei ist es mit seinen beiden Jobs. Aber schon immer ist es so bei ihm gelaufen. Erst hat er sich vergeblich bei der AOK beworben, dann zeigte ihm der BND die kalte Schulter . „ Und als Krönung des Ganzen fing er an, für die Sowjetunion zu spionieren, und kurze Zeit später war die Sowjetunion weg. Sein Leben war ein einziger Rohrkrepierer.“
Aber damit sollte nun Schluss sein. Germeshausen plant den letzten großen Coup, der ihm seinen Ruhestand vergolden soll.
Dafür braucht er Jakob Dreiser. Denn anders als Germeshausen versteht dieser es, die Leute in Gespräche zu verwickeln und für sich einzunehmen. Und im Grunde genommen sind Schriftsteller doch die idealen Spione. Sie sitzen stundenlang in Cafés oder auf Parkbänken, beobachten die Menschen und machen sich Notizen.
Auf dem Sommerfest der Russischen Föderation in Rom begegnen sich die beiden ungleichen Protagonisten, ausgerechnet bei den Russen. „ Wenn man früher versucht hätte, in diesen Garten zu gelangen, wäre man in einem sehr dunklen Keller gelandet. Jetzt wird man bewirtet.“ wundert sich Germeshausen, bevor er Jakob sein Angebot unterbreitet.
Jakob ist zwar überrascht, aber die Neugierde ist größer. Diese neue Aufgabe verspricht doch etwas Abwechslung in seinen langweiligen Alltag zu bringen. Damit sollte er Recht behalten. Denn was nun folgt ist eine unglaubliche Geschichte, die die beiden bis nach Kasachstan führen soll. Es geht um viel Geld, um russische Hubschrauber und die russische Mafia und ein Geschäftstreffen in einer Petersburger Sauna.
Attraktive Frauen dürfen in einem Spionagethriller natürlich nicht fehlen. Dominique ist eine äußerst trinkfreudige Dame, ehemalige Botschaftergattin und die erste Liebe von Germeshausen. Auch für sie plant er diesen Deal.
Francesca ist weitaus mehr als eine einfache Italienischlehrerin, die ihre erwachsenen Schüler verführt. Warum sonst sollte sie Jakob und Dieter nach Kasachstan begleiten?
Eine wichtige Rolle spielen auch noch die Leiterin des Goethe-Instituts in Almaty und die unzugängliche Chefin einer Hubschrauberfabrik.
Kristof Magnusson hat mit „ Die Reise ans Ende der Geschichte“ eine Persiflage auf den klassischen Agentenroman geschrieben. Die Handlung ist gleichermaßen aberwitzig wie spannend. Die Charaktere, wenn auch leicht überzeichnet, wirken echt und lebendig. Da ist der vom Leben enttäuschte, stets pessimistisch gestimmte Doppelagent. Ihm gegenüber steht Jakob, jung, stets gut gelaunt, aber etwas gelangweilt, der nun an der neuen Aufgabe über sich hinauswächst. Und auch die Nebenfiguren sind detailliert und liebevoll herausgearbeitet.
Viele bissige Spitzen auf Milieus und landestypische Eigenheiten sorgen für Heiterkeit. Auch die politische Aufbruchstimmung der Neunziger Jahre kommt gut rüber. Leider zeigt die aktuelle Situation, dass Germeshausen mit seiner negativen Weltsicht richtig lag. „Ich sage Ihnen, woran die Russen sich erinnern werden. Daran, wie sie jetzt gerade vom Westen gedemütigt werden. Die Sowjetunion war eine Weltmacht, jetzt ist alles nur noch Wind of Chance und Tetris, das kann doch nicht gut gehen.“ Und : „ Wir werden die alte Welt noch ganz schön vermissen.“
Eine weitere Stärke des Autors sind seine Dialoge, spritzig und pointiert.
Ich habe mich mit diesem satirischen Spionage- und Gesellschaftsroman bestens amüsiert, auch wenn die Geschichte zum Ende hin ein paar abstruse Drehungen zu viel nimmt.
Portrait einer Ehe im Wandel
Die Liebe, später von Gisa Klönne
Eine lebensbedrohende Herzerkrankung verändert von einem Tag auf den anderen das Leben der sechzigjährigen Kora. Nach OP und Reha steht sie vor der Frage, wie es weitergehen soll mit ihr. Soll sie auf den Ratschlag der Ärzte hören und ihren Job aufgeben? Das wünscht sich jedenfalls ihr Ehemann Anselm, der nun selbst in den Vorruhestand getreten ist.
Er freut sich auf die gemeinsame Zeit mit seiner Frau, hat schon ganz konkrete Pläne. Endlich kann er sich nämlich den lang gehegten Traum von einem Naturteich im eigenen Garten erfüllen. Doch Kora sieht sich nicht abends am Steg sitzen. Sie ist noch lange nicht bereit für den Ruhestand, dafür bedeutet ihr der Beruf zu viel: erst Hauptstadtjournalistin, dann Moderatorin einer erfolgreichen Radiosendung. Und nun will man sie aufs Altenteil abschieben. Alles in ihr sträubt sich dagegen.
Auch die plötzlich ständige Nähe zu Anselm ist ungewohnt. Seit zwanzig Jahren führen die beiden eine glückliche Wochenendehe, Anselm in Berlin im Verkehrsministerium, sie in Köln beim Radio. Die gemeinsame Zeit war knapp bemessen, dafür aber schön.
Wie wird es nun sein, wenn sie täglich aufeinander hocken?
Kora braucht Abstand, um Antworten auf diese Fragen zu finden.
Sie flüchtet geradezu aus dem gemeinsamen Haus und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Dazu trifft sie Menschen von früher und besucht Orte ihrer Kindheit und Jugend.
Dabei erfährt der Lesende viel aus Koras Leben; Erlebnisse und Erfahrungen, die sie geprägt haben und die noch immer in ihr arbeiten. So wie der frühe Tod ihrer Mutter, aber auch eine traumatisch endende Liebesbeziehung.
Zugleich braucht ein Wanderkollege die Hilfe Koras. Seine junge Frau ist spurlos verschwunden. Ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen oder war es ein Unfall? Oder ist sie etwa aus einem Leben geflüchtet, das nicht mehr zu ihr passt?
Gerade diese Frage beschäftigt Kora sehr, sind es doch Überlegungen, die sie teilt. Aber kann man einfach ein altes Leben hinter sich lassen? Und was macht das mit den Zurückgelassenen? „Das verlassene Leben lässt sich nicht auslöschen, es bliebe auch in der Ferne auf immer Bezugspunkt.“
Der Roman stellt viele Fragen. Fragen, die viele Lesende beschäftigen mögen und auf die jeder selbst eine Antwort finden muss.
Die Autorin findet für ihr Paar eine realistische Lösung. Doch der Weg dorthin ist nicht einfach, auch das zeigt Gisa Klönne.
Völlig frei von Kitsch und Sentimentalitäten beschreibt die Autorin den Selbstfindungsprozess einer älteren Frau und was das mit ihrer Ehe und mit ihrem Mann macht. Geschildert wird das aus Koras Perspektive, so dass man als Lesender sehr nah in ihrer Gedanken- und Gefühlswelt ist, ihre Zweifel und Zerrissenheit nachfühlt.
Originell sind dabei die immer wieder eingeschobenen Listen von jeweils fünf Dingen oder Kennzeichen, wie z.B. „Fünf Nachteile einer langjährigen Liebe“ oder „Fünf Dinge, die Kora gerne früher gewusst hätte“. Auch das verrät einiges über die Figuren.
Sehr gut gelingen der Autorin die Wechsel zwischen den verschiedenen Erzählebenen. Neben der Gegenwart und den Ausflügen in die Vergangenheit gibt es einzelne Kapitel, die einfühlsam und nachvollziehbar Koras Krankenhaus - und Reha-Zeit beschreiben.
„Die Liebe, später“ ist ein spannend zu lesendes und authentisch wirkendes Porträt einer Ehe, die sich im Wandel befindet. Dabei verhandelt der Roman existenzielle Fragen und Probleme, die jeder aus eigener Erfahrung kennt. Wie geht man mit Veränderungen um? Wie viel Mut braucht es für Neuanfänge? Wie gelingt die Balance zwischen Nähe und Distanz?
Durch die flüssig zu lesende und realistische Darstellung und die vielen nachdenkenswerten Themen eignet sich der Roman sehr gut für Diskussionen in einem Lesekreis. Gleichermaßen lebensklug wie unterhaltsam.











