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Rezensionen von Ruth:
Mehr als eine Mutter-Tochter-Geschichte
Halbinsel von Kristine Bilkau
Kristine Bilkau, eine Meisterin der leisen Töne, bleibt auch im neuen Roman ihrem Stil treu.
Annett, die 49jährige Ich- Erzählerin, arbeitet als Bibliothekarin und lebt ansonsten zurückgezogen auf einer kleinen Halbinsel in der Nähe von Husum. Hier hat sie nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes die Tochter Linn allein großgezogen.
Nun ist Linn erwachsen und längst weg von zuhause..
Da bekommt Annett eines Tages den Anruf einer Klinik in Neubrandenburg. Ihre Tochter Linn habe bei ihrem Vortrag einen Schwächeanfall erlitten und liege nun im Krankenhaus. Wie konnte das sein?
Annett war stolz auf ihre kluge und engagierte Tochter. Nach dem Abitur hatte Linn zunächst in Schweden und in den rumänischen Karpaten bei Aufforstungsarbeiten geholfen und nun nach dem Studium Arbeit bei einer Firma gefunden, die sich um Umweltprojekte kümmert.
Die Mutter reist sofort ans Krankenbett der Tochter und holt sie zu sich nach Hause.
Aus den angedachten acht Tagen Erholung wird eine Pause von mehreren Monaten. Und Mutter und Tochter müssen sich wieder aneinander gewöhnen, ihre Beziehung neu sortieren.
Annett ist zunächst besorgt, will helfen und verstehen, doch Linn vermeidet jegliches Gespräch über ihren Zustand. Als die Tochter dann noch ihren Job kündigt und ihre Wohnung in Berlin auflöst, ist Annett ratlos. Wie soll das weitergehen, sie beide unter einem Dach? Die Tochter sollte doch ihr eigenes Leben führen und nicht wieder zurück ins Kinderzimmer ziehen.
Es ist ein langsamer Prozess, in dem sich die beiden Frauen wieder näher kommen und den Kristine Bilkau feinfühlig beschreibt.
Der fragile Zustand der Tochter weckt schmerzhafte Erinnerungen an den Tod des Mannes, der bei einer Joggingtour zusammengebrochen und gestorben ist. Hat Annett danach ihre Tochter erdrückt mit ihrer Fürsorge und ihren Erwartungen? Das wirft ihr Linn zumindest vor. Und Annett muss zugeben, dass sie enttäuscht ist, als die Tochter beim örtlichen Bäcker einen Aushilfsjob annimmt. Und ja es stimmt, sie hat lange versucht, ihr Kind vor der Wirklichkeit zu beschützen. „ Ich hatte Linn die Zukunft als großes Versprechen verkauft.“
Darin werden sich viele Eltern wieder erkennen. Man möchte den Kindern Hoffnung geben, sie bestärken darin, dass die Welt ein guter und gerechter Ort ist. Dabei wissen wir viel zu gut, dass das nicht stimmt. Nein, im Gegenteil! Wir hinterlassen unseren Kindern und Enkelkindern eine Welt voller Probleme, wobei der Klimawandel etwas ist, was sehr konkret die Zukunft unserer Kinder bedroht.
Linn hat sich schon früh für dieses Thema interessiert. Ihr Engagement im Umweltschutz war für sie eine Möglichkeit, dagegen zu halten . Umso größer dann ihre Enttäuschung, als sie feststellt, dass ihr Arbeitgeber Firmen und Institutionen beim „Reinwaschen“ mit CO2 - Zertifikaten hilft. Deshalb möglicherweise der Zusammenbruch, deshalb die Kündigung.
Es ist aber nicht nur die Tochter, die sich neu orientieren muss, auch Annett steht vor der Frage, wie ihr Leben weitergehen soll. Sollte sie irgendwo anders einen Neuanfang wagen? Die stille Auseinandersetzung mit der Tochter führt dazu, dass auch sie vieles in Frage stellt und mit neuer Energie die Dinge anpackt.
Kristine Bilkau beschreibt diesen Prozess sehr ruhig und unaufgeregt. Vieles wird nur angedeutet, steht zwischen den Zeilen. Das lässt genügend Raum für eigene Gedanken und Interpretationen.
Maßgeblich für die Atmosphäre des Romans ist auch sein Schauplatz, die Küstenlandschaft vor der Nordsee, einem beständigen Wandel unterworfen und mit seinen verheerenden Sturmfluten in der Vergangenheit Menetekel für die Zukunft.
Literarische Verweise, die die Themen des Romans illustrieren, finden sich einige im Roman. Da ist z.B. ein ins Meer hinaustrabender Schimmel, der sogleich an Theodor Storms „ Schimmelreiter“ denken lässt. Dann Liliencrons Gedicht über die in der Nordsee versunkene Stadt Rungholt und Ibsens Drama „ Ein Volksfeind“, in dem die Öffentlichkeit genauso wenig die Wahrheit hören will wie heute beim Klimawandel.
Ja, es steckt ungemein viel in diesem schmalen Buch, trotzdem wirkt es nicht überfrachtet. Denn Kristine Bilkau bringt all diese Themen sehr subtil im Text unter.
So ist „ Halbinsel“ das Porträt einer Mutter- Tochter- Beziehung und zugleich ein Roman, der aktuelle Probleme aufgreift und Verständnis weckt für die Ängste und Nöte einer Generation. Völlig zurecht mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Krimi, Familiengeschichte, Gesellschaftsporträt
Der Gott des Waldes von Liz Moore
„ Long Bright River“ von Liz Moore habe ich gerne gelesen und mit dementsprechend hohen Erwartungen bin ich an ihren neuen Roman herangegangen und nicht enttäuscht worden.
Wir sind im Sommer 1975 in den Adirondack Mountains. Hier findet wie jedes Jahr ein Sommercamp für Kinder statt und die gut betuchten Familien Neuenglands schicken alljährlich ihren Nachwuchs hierher.
Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur soll ihnen hier vermittelt werden. So hatte es sich der Gründer des Camps, Peter Van Laar, vorgestellt und das Camp nach seinem Lieblingsphilosophen Emerson benannt. Unter der Aufsicht von Betreuern gibt es jede Menge Spaß und Unternehmungen für die Kinder; der Höhepunkt ist immer ein mehrtägiges Überlebenstraining im Wald.
Auf dem weitläufigen Gelände der Van Laars liegt dieses Ferienlager und über diesem thront das feudale Wohnhaus der Familie, ein Chalet namens „ Self-Reliance“, zu Deutsch „ Eigenständigkeit“, „ Selbstvertrauen“.
Wie jedes Jahr verbringt die reiche Bankiersfamilie Van Laar, Nachkommen jenes Gründers, ihre Sommermonate in den Adirondacks Mountains, laden Freunde und Verwandte ein.
In diesem Sommer nimmt auch die dreizehnjährige Tochter der Van Laars am Lagerleben teil. Barbara ist ein aufmüpfiger Teenager, widersetzt sich beständig allen Familienregeln und Mutter Alice ist froh, eine Zeitlang nicht Barbaras Launen ausgesetzt zu sein.
Doch eines Morgens ist Barbaras Koje leer und sie bleibt auch nach längerer Suche nicht auffindbar.
Das reißt alte Wunden auf, denn 14 Jahre zuvor ist schon Barbaras damals achtjähriger Bruder Bear spurlos verschwunden. Und obwohl sich die ganze Gegend an der Suche nach dem Jungen beteiligt hat, fand sich keine Spur von ihm, bis heute nicht.
Kann das ein Zufall sein? Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen? Ist der aus dem Gefängnis geflohene Serienmörder Jacob Sluiter, genannt „ der Schlitzer“, der Täter? Immerhin wird er für zahlreiche Morde in der Gegend verantwortlich gemacht. Aber warum reagiert die Familie seltsam unberührt auf Barbaras Verschwinden? Und was wissen die Kinder aus dem Camp darüber und welche Geheimnisse verbergen die Betreuer?
Es sind viele Fragen, die sich im Verlauf der Lektüre einstellen. Und mit einem sicheren Gespür für Spannung und Timing entwirft die Autorin ihre breit angelegte Geschichte. Dabei wird es auf den beinahe 600 Seiten niemals langweilig. Dafür sorgen auch zahlreiche, gut eingebaute Cliffhänger.
Wir erfahren von der aufwendigen Suchaktion nach dem Mädchen, bei der sich wieder wie damals Menschen aus der ganzen Gegend beteiligen. Und wir verfolgen die Ermittlungen der Polizei, die bald einige Verdächtige aufweisen kann.
Doch Liz Moore belässt es nicht bei den Geschehnissen rund um Barbaras Verschwinden, sondern geht zurück in die Vergangenheit der Familie. In den Sommer 1961, als der Erstgeborene auf mysteriöse Weise in den Wald ging und nie zurückkehrte. Und noch weiter zurück in die Jahre, als sich die Eltern der beiden Kinder kennenlernten.
Dabei nimmt die Autorin die Perspektiven wechselnder Figuren ein. Das ergibt ein vielstimmiges Bild der Geschehnisse und der darin verstrickten Personen.
Der Leser findet sich aber gut zurecht in diesem multiperspektivischen und auf verschiedenen Zeitebenen spielenden Erzählen. Dafür sorgen ein Zeitstrahl und eine Namensangabe über den einzelnen Kapiteln.
Außerdem lässt sich die Autorin Zeit, ihre Geschichte zu entwickeln. Viele der Figuren, auch Nebenfiguren, bekommen eine Biographie, so dass jeder Charakter unverwechselbar und glaubhaft wird.
Dabei beleuchtet sie sehr genau die Unterschiede zwischen den Klassen und den Geschlechtern. Da sind auf der einen Seite die Reichen, die Van Laars und ihre Freunde, die bestimmend und selbstherrlich agieren. Sie haben die Macht und das Geld und die nötigen Beziehungen und scheuen sich nicht, dies für ihre Zwecke einzusetzen. Während die weniger Privilegierten schauen müssen, wo sie bleiben.
Dass die Rolle der Frau in jenen Jahren, in den frühen Sechziger bis weit in die Siebziger Jahre des letzen Jahrhunderts, eine andere war als heute, wird an einigen Beispielen gezeigt. So steht Alice, die Mutter der beiden Kinder, ganz im Schatten ihres dominanten Mannes und Judyta hat als erste State Troopers der USA einen schweren Stand bei ihren männlichen Polizeikollegen. Aber diese schafft es, sich nicht nur aus dem Einfluss ihrer konservativen Familie zu befreien, sondern auch allen zu beweisen, was in ihr steckt.
Einen Roman mit dieser komplexen Struktur sicher über die Ziellinie zu bringen ist nicht leicht. Doch die Autorin hält souverän alle Fäden in der Hand und die Spannung bis zum Schluss.
Aber auch der Schauplatz des Romans trägt zum Lesevergnügen bei. Mit ihrer bildhaften Sprache hat Liz Moore die Atmosphäre dieser urwüchsigen Gegend in den Adirondack Mountains wunderbar eingefangen, ebenso die Stimmung im Camp, zwischen Abenteuer und Lagerfeuer.
So ist „ Der Gott des Waldes“ ein fesselnder Unterhaltungsroman, der zugleich Krimi, Familiengeschichte und Gesellschaftsporträt ist.
Schuldig oder nicht schuldig
Dunkle Momente von Elisa Hoven
Elisa Hoven ist Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin am Sächsischen Verfassungsgericht. Da verwundert es nicht, dass sich ihr Debutroman mit juristischen Fallgeschichten auseinandersetzt; einige davon beruhen auf wahren Begebenheiten.
Die Protagonistin Eva Herbergen ist Strafverteidigerin und beschließt mit Anfang Sechzig ihre Anwaltszulassung zurückzugeben und ihren Dienst zu quittieren.
Wie viele Menschen hat sie in ihrem langen Berufsleben durch deren „ dunkelsten Momente“ begleitet, für sie gekämpft und gestritten vor Gericht? „ Einige von ihnen waren schuldig, andere unschuldig, die meisten beides.“
Aber es sind ihre eigenen „ dunklen Momente“, die sie hinter sich lassen will, Fälle, bei denen sie an sich selbst gezweifelt hat. War ihr Eingreifen angemessen oder hat sie sich womöglich sogar schuldig gemacht?
Im Rückblick sind es ingesamt neun Fälle in ihrer beruflichen Laufbahn, weshalb sie nun ihre Arbeit aufgeben will.
Da gibt es den alten Mann, der einen Einbrecher erschießt. Aber ist das tatsächlich Notwehr oder eine völlig überzogene Reaktion? Und wie ist sein späteres Verdrehen der Tatsachen zu beurteilen? Während man noch über diesen Fragen grübelt, nimmt die Geschichte erneut eine überraschende Wendung.
Das ist ein Merkmal, das viele der ansonsten ganz unterschiedlichen Fälle eint: ein Twist, der alles nochmals in einem anderen Licht erscheinen lässt.
In einem weiteren Fall wird ein Mord vertuscht. Im nächsten eine junge Frau vergewaltigt; zehn Männer sind schuldig, elf kommen dafür ins Gefängnis.
Einmal erweist sich ein Verdächtiger als weitaus abgefeimter und manipulativer als gedacht.
Ein anderer Fall wirft die Frage auf, ob wir uns in Deutschland, in einem Land, das Sicherheit und behütete Kindheiten kennt, anmaßen dürfen, über einen Kriegsverbrecher aus Afrika zu urteilen. Vor allem dann, wenn bekannt wird, dass dieser Mensch, der unvergleichlicher Verbrechen beschuldigt wird, selbst als Kindersoldat rekrutiert wurde.
Alle Fälle zwingen den Leser dazu, einen Standpunkt zu beziehen, denn hinter jeder Tat steckt eine komplexe Vorgeschichte. Wie beurteilt man ein Verbrechen? Kann man Verständnis für den Täter aufbringen? Ethische und moralische Fragen treiben den Leser um und nicht selten hadert man mit dem Gerichtsurteil. Hier zeigt das Buch ganz deutlich die Grenzen von Recht und Gerechtigkeit.
Diese Fragen treiben auch die Staatsanwältin Eva Herbergen um. Sie arbeitet mit unkonventionellen Methoden und bewegt sich sehr oft in juristischen Grauzonen. Dabei überschreitet sie gerne auch mal rechtliche Grenzen oder greift zu zweifelhaften Mitteln. Das irritiert den Leser und lässt ihn an der Integrität der Anwältin zweifeln.
Eva Herbergen begründet ihr fragwürdiges Verhalten mit einem Fall aus ihrer Vergangenheit. Dort hatte sie versagt und die Schuldgefühle lassen sie seither nicht mehr los. Was damals konkret geschehen ist, wird erst im neunten und somit letzten Fall geklärt. Auf ihn wird immer wieder verwiesen. Der Fall „ Stefan Heinrich“ ist die „ Mohrrübe“, die dem Leser vor die Nase gehalten wird, die ihn durch das Buch ziehen soll.
Und damit sind wir bei einem Grundproblem des Romans. Es hätte dieser Rahmenhandlung nicht bedurft, es hätte nicht mal eine durchgängige Hauptfigur gebraucht. Diese Anwältin, die sich sehr oft unprofessionell verhält, sich Fakten zurechtbiegt, unrechtmäßig eingreift und sich sogar zum Komplizen machen lässt, wirkt unglaubwürdig.
Auch erzähltechnisch ist dieses Konstrukt nicht gelungen. Alle Geschichten werden nach dem gleichen Schema erzählt. Das langweilt mit der Zeit.
Mich hätte ein Erzählband mit Fallgeschichten, die in keinem fiktiven Zusammenhang stehen, mehr überzeugt. ( Wobei ich auf die Geschichte mit dem Kannibalen gerne verzichtet hätte.)
Trotz diesem Kritikpunkt habe ich das Buch gerne gelesen. Denn jedes Kapitel bot sehr viel Stoff für kontroverse Diskussionen, sowohl das Verbrechen an sich als auch seine Auswirkungen auf Täter und Opfer und die Strategie der Anwältin . ( Deshalb würde sich dieser Episodenroman geradezu für Lesekreise anbieten.)
Außerdem liest sich das Buch leicht und ist unglaublich fesselnd.
Wieder sehr gelungen!
Wieso? Weshalb? Warum? Kernreihe, Band 31 - Experimentieren mit allen Sinnen von Angela Weinhold
Meine Enkelkinder lieben die Bücher aus der bewährten „ Wieso Weshalb Warum?“ - Reihe und auch dieser Band gefällt wieder allen.
Dieses Mal geht es um die Welt der Sinne. Jeweils eine Doppelseite ist einem der fünf Sinne gewidmet. Da geht es zunächst um den theoretischen Hintergrund, immer in Frageform formuliert so z.
B. „ Womit riecht die Nase?“ oder „Woher kommt der Geschmack?“ Und daran schließen sich Spiele oder kleine Experimente an. Dafür braucht es nicht viel, das meiste ist in jedem Haushalt greifbar. So wird z.B. gezeigt, wie leicht sich ein Bechertelefon basteln lässt oder wie man verschiedene Geräusche erzeugen kann. Spielerisch lassen sich Düfte erraten und zuordnen und am Ende kann man den Schnüffelsieger ermitteln und manches mehr.
Außerdem wird darauf eingegangen, was es bedeutet, wenn ein Sinn eingeschränkt ist und was man dann tun kann. Wer z. B. schlecht hört, kann ein Hörgerät benutzen und wer blind ist, muss sich auf seinen Tastsinn und sein Gehör verlassen.
Text und Illustration stehen in einem guten Verhältnis. Die Bilder sind wie gewohnt farbenfroh und realistisch, mit vielen kleinen Details. Und wie immer sorgen Klappen für zusätzlichen Entdeckerspaß.
Auch dieser Band ist wieder rundum gelungen und sehr zu empfehlen. So macht Lernen und Wissensvermittlung Spaß.
Tanz am Abgrund
Der ewige Tanz von Steffen Schroeder
Wer kennt es nicht, das beeindruckende Gemälde von Otto Dix „ Bildnis der Tänzerin Anita Berber“? Ganz in Rot gehalten, sowohl Hintergrund als auch Kleid und Haare, sticht das weiß geschminkte Gesicht der Künstlerin mit schwarz umrahmten Augen und einem kirschroten Mond hervor. Alt und verlebt sieht sie auf dem Bild aus, von der Drogensucht gezeichnet.
Doch so alt wie sie darauf wirkt, wurde Anita Berber nicht. Sie starb schon mit 29 Jahren an den Folgen ihrer Tuberkulose.
Vom Krankenbett aus im Berliner Bethanien-Krankenhaus lässt der Autor Steffen Schroeder seine sterbende Protagonistin auf ihr Leben zurückblicken.
Geboren wird Anita 1899 in Leipzig und aufgewachsen ist sie bei ihrer Großmutter, dem einzigen Menschen, „ von dem sie bedingungslose Liebe erfahren hatte“. Die Eltern trennen sich, als Anita drei Jahre alt ist, haben keine Zeit und wenig Interesse an ihrem Kind. Beide leben nur für ihre Kunst. Die Mutter ist eine angesagte Chansonsängerin in Berlin und der Vater feiert europaweit Erfolge als Violinvirtuose.
Anita zieht es auch früh zur Bühne, dem Tanz gilt ihre Leidenschaft. „ Aber tanzen, dachte sie, tanzen konnte man alles.“
Sie nimmt Unterricht an einer Tanzschule, findet aber bald zu ihrem eigenen Stil. Damit wird sie zum angesagten Star an den Bühnen von Berlin und Wien; ja sogar im Nahen Osten gibt sie Gastspiele.
Ihr Tanz ist eine wilde Mischung aus Akrobatik, Hemmungslosigkeit und Emotionen. Obwohl ihre Tänze immer erotisch aufgeladen sind, möchte sie nicht als reine „ Nackttänzerin“ wahrgenommen werden.
Anita Berber ist eine der ganz Großen im Berlin der Weimarer Zeit. Sie spielt in unzähligen Stummfilmen mit und wird zur Mode- Ikone für viele. Sie ist die Erste, die mit Smoking und Monokel auftritt und Männer wie Frauen liegen ihr zu Füßen.
Ihr exzessiver Lebensstil und ihr provokantes Verhalten sorgen für Aufsehen und jede Menge Skandale. Sie trinkt jeden Tag eine Flasche Cognac, später kommen härtere Drogen wie Morphium und Kokain dazu. Sie ist dreimal verheiratet und hat unzählige Affären mit Männer und Frauen.
Doch als sie im Krankenhaus ihrem Ende entgegensieht, finden nur wenige den Weg zu ihr.
Neben einer spannenden Künstlerbiographie ist „ Der letzte Tanz“ auch das Gesellschaftsportrait einer Zeit im Umbruch. Alte Moralvorstellungen werden über Bord geworfen, man lebt, als wäre jeder Tag der letzte.
Gleichzeitig bekommt man einen Einblick in die Künstlerszene der Weimarer Republik. So hat Anita Berber mit zahlreichen Künstlern ihrer Zeit zusammengearbeitet, hatte Kontakt zu ihnen. Manche sind uns auch heute noch ein Begriff, so wie Marlene Dietrich und Fritz Lang. Andere dagegen wie der jüdische Conferencier Fritz Grünbaum sind in Vergessenheit geraten.
( Kleine Randbemerkung, die zeigen soll, wie sich manchmal Querverbindungen zwischen verschiedenen Büchern ergeben: Beim Namen Charlotte Berend-Corinth hätte ich bis vor kurzem nur an den Maler Lovis Corinth gedacht. Dass diese Charlotte, mit der Anita eine kurze, aber heftige Affäre hatte, die Schwester der ehemaligen Bestsellerautorin Alice Berend war, weiß ich erst seit der Lektüre von „ Frau Hempels Tochter“. )
Steffen Schroeder wechselt zwischen den Tagen im Krankenhaus und Rückblicke in die Vergangenheit . Plastisch und voller Detailfreude lässt er uns am aufregenden und selbstzerstörerischen Leben von Anita Berber teilhaben. So bewahrt er eine schillernde Künstlerin, die wie kaum eine das Lebensgefühl einer Epoche vertritt, vor dem Vergessen.
Obwohl mich der neue Roman von Steffen Schroeder emotional weniger berührt hat als sein letzter, habe ich ihn doch gerne gelesen. So ging es in „ Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor“ um den inneren Konflikt des Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Max Planck, der ein Treuebekenntnis zum Führer ablegen soll, während sein Sohn Erwin auf die Hinrichtung durch die Nazis wartet. Zwar ist Anita Berber auch eine tragische Figur, nicht nur durch ihr frühes Ende. Und vieles, was sie tat, war ein Schrei nach Liebe und Anerkennung.
Das Buchcover zitiert Otto Dix‘ Gemälde, allerdings blickt uns hier eine schöne junge Frau entgegen, ein Photo der 19jährigen Anita Berber.
Finsterburg
Ginsterburg von Arno Frank
Arno Frank hat mit seinem dritten Roman den ganz großen Wurf gewagt. Ging es in seinem ersten Buch um seine Kindheit mit einem kriminellen Vater, der, um der Polizei zu entkommen, mit der ganzen Familie durch halb Europa flüchtet, so spielt sein zweiter Roman „ Seemann vom Siebener“ an einem Sommertag in einem Freibad.
Zwei ganz unterschiedliche Romane, aber beide sehr erfolgreich.
„ Ginsterburg“ - wieder etwas völlig anderes, nämlich ein historischer Roman. Auf über 400 Seiten entfaltet der Autor ein breit angelegtes Panorama vom Alltagsleben während der Nazi- Zeit.
Ginsterburg ist eine fiktive Kleinstadt, wie es viele gab in Deutschland. Im Fünf- Jahres- Rhythmus, von 1935 bis 1945, verfolgen wir die Lebenswege verschiedener Menschen.
Da ist die verwitwete Buchhändlerin Merle mit ihrem zu Beginn dreizehnjährigen Sohn Lothar, der Redakteur Eugen und seine oberflächliche Ehefrau Ursel. Dann der Blumenhändler Gürckel, der erst zum Bürgermeister und dann zum Kreisleiter aufsteigt, sowie seine Zwillingssöhne Knut und Bruno, eifrige und brutale Hitlerjungen. Zu den Hauptfiguren gesellt sich ein großes Arsenal an nicht weniger interessanten Nebenfiguren, so die regimetreue Nachbarin Grasberger mit ihrem behinderten Sohn Fritz, Smolka, ein ehemaliger Kommunist und der Papierfabrikant Jungheinrich und einige mehr.
Mit ihnen haben wir einen exemplarischen Querschnitt, an denen Arno Frank zeigen kann, wie sich die Gesellschaft wandelt. Manche sind von Beginn an begeisterte Anhänger, andere lassen sich korrumpieren, machen Karriere, viele bleiben stumme Mitläufer.
Hatte man zu Beginn noch Sympathien für manche Figuren, so legte sich das mit dem Verlauf der Lektüre. Merle, als ehemalige Sozialistin und Ehefrau eines Kommunisten enttäuscht genauso wie der ehemals kritische Zeitungsschreiber Eugen. Hoffte der noch in der Weimarer Zeit auf eine Anstellung bei der linken „Weltbühne“ von Carl Ossietzky, so lässt ihn der angebotene Posten als Chef des „ Ginsterburger Anzeigers“ bald verstummen. Merle und Eugen flüchten stattdessen in eine heimliche Affäre.
Der sensible Lothar, der anfangs noch unfähig ist, einen Fisch zu töten ( „ Das lernst du schon noch!“ tröstet ihn Freundin Gesine), wird geködert mit seinem Traum vom Fliegen. Er wird später zu einem hochdekorierten Kampfflieger aufsteigen. Lothar sowie Eugen sind die interessantesten Charaktere im Roman, komplex und ambivalent, nicht leicht zu fassen.
Beim Fabrikanten Jungheinrich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er von seinem Prinzip, nicht an Waffen verdienen zu wollen, abrückt.
Nein, es sind keine Helden, die Arno Frank hier porträtiert, sondern ganz normale Menschen, die in die Fänge eines verbrecherischen Systems geraten.
Die meisten Figuren sind fiktiv, bis auf wenige Ausnahmen. So hat der Kampfpilot Lothar Sieber ein historisches Vorbild gleichen Namens.
Das Thema Judenverfolgung kommt nur am Rande vor, so wie es damals von den Menschen wahrgenommen wurde. Jüdische Mitbürger verschwinden beinahe unbemerkt, ein jüdischer Zeitungsverleger stürzt sich in den Tod und der jüdische Ehemann einer Protagonistin wird zum Verhör abgeholt und nie mehr gesehen.
Dass die Protagonisten am Ende auf eine Katastrophe zusteuern, ahnt jeder Leser. Das deutet sehr offensichtlich das passende Cover an. Eine Wolke apokalyptischen Ausmaßes braut sich über einer vermeintlich idyllischen Kleinstadt zusammen. Auch das dem Roman vorangestellte Motto weist darauf hin. Arno Frank zitiert hier einen Vers aus Schillers „ Die Kraniche des Ibykus“. In diesem Gedicht symbolisieren die Kraniche, ein durchgängiges Motiv im Roman, die göttliche Gerechtigkeit, wonach irgendwann die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. „ Und finster plötzlich wird der Himmel / Und über dem Theater hin / Sieht man in schwärzlichem Gewimmel / Ein Kranichheer vorüberziehn.“ Das Kranichheer verweist für mich auf die anrückenden Bombengeschwader der Engländer, die Vergeltung üben für die gnadenlose Zerstörung ihrer eigenen Städte und gleichzeitig mit dazu beitragen, einen erbarmungslosen Krieg zu beenden.
„ Die Hölle wartet auf jene, die es verdient haben. …Der Krieg aber wartet nicht. Er macht keinen Unterschied zwischen den Schuldigen und den Unschuldigen.“
Arno Frank beweist mit seinem dritten Roman, dass er ganz unterschiedliche Bücher schreiben kann. Er hat nach eigenem Bekunden intensiv recherchiert, präsentiert sein Wissen aber nie aufdringlich und belehrend. Es zeigt sich stattdessen in der stimmigen Atmosphäre und wirkt sich in der Figurenzeichnung nieder.
Manches Ungeheuerliche wird in Andeutungen und Nebensätze gepackt, die der heutige Leser mit seinem Wissen über die NS-Zeit zu deuten weiß. Bei dem SS-Arzt Hansemann genügt die Bemerkung, er habe schon immer „ einen Hang zu …abwegigen Experimenten“ gehabt, um zu verstehen, wo man ihn einordnen muss. Die gängige Geisteshaltung kann man auch in der Wortwahl herauslesen. So wirkt
z. B. der Begriff „ Ballastexistenz“ für einen geistig eingeschränkten Jungen für uns heute erschreckend menschenverachtend.
Die Einteilung in Fünf-Jahresschritten ist klug gewählt. Dadurch werden die Veränderungen, sowohl politisch wie auch die der Figuren, offensichtlich. 1935 hatte sich das System bereits etabliert, 1940 befand sich das Land im Siegestaumel der schnellen Eroberungen, 1945 ist das bittere Ende und der Zusammenbruch in Sicht.
Auch sonst überzeugt die literarische Umsetzung. Die Erzählstränge sind geschickt miteinander verwebt und durch die multiperspektivische Erzählweise entsteht ein äußerst lebendiges Bild jener Zeit. Dazu tragen ebenso die verschiedenen Textsorten wie Briefe, Protokolle, amtliche Verordnungen usw. bei. Sprachlich bewegt sich der Roman auf hohem Niveau, elegant, bilderstark, metaphernreich und voller Symbolik, dazu kommen unvergessliche Szenen.
Der Roman beantwortet selbst die Frage, weshalb man noch ein weiteres Buch über diese Zeit schreiben und lesen sollte, wo doch schon so viel dazu geschrieben wurde. Um uns die Augen zu öffnen für die Gegenwart, denn die Mechanismen sind immer dieselben. Obwohl „ Ginsterburg“ als historischer Roman einzuordnen ist, so ist er doch angesichts der politischen Entwicklung brandaktuell. Zeigt er doch, wie schnell sich Menschen einem autokratischen System unterwerfen. Nicht alle sofort, nicht alle ganz freiwillig, doch die meisten lernen bald, sich anzupassen, wegzuschauen, sich selbst zu belügen. Bei der Lektüre wird auch jeder auf sich selbst zurückgeworfen und beginnt sich zu fragen, wie man wohl in einer ähnlichen Situation gehandelt hätte. Das Buch sollte Eingang finden in den schulischen Kanon.
Arno Frank hat mit „ Ginsterburg“ einen herausragenden Roman geschrieben, der unbedingt auf die Nominiertenliste für den Deutschen Buchpreis gehört.
Ein wenig bekanntes Thema
Die erste halbe Stunde im Paradies von Janine Adomeit
Janine Adomeit greift in ihrem zweiten Roman ein Thema auf, das kaum in der öffentlichen Wahrnehmung ist. Wir reden und lesen zwar viel über die Pflegebedürftigkeit von älteren Menschen. In unserer alternden Gesellschaft wird das ein immer größeres Problem. Dass es aber beinahe 480.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland gibt, die Verantwortung tragen für pflegebedürftige Familienmitglieder, dürfte wenig bekannt sein.
Die Ich- Erzählerin Anne, eine Frau Anfang Dreißig, arbeitet als Pharmareferentin und sie ist sehr erfolgreich in ihrem Beruf. Ihr Schwerpunkt ist die Schmerztherapie und mit einem Vortrag über die Vorzüge von Fentanylpflastern in der Palliativmedizin hofft sie auf einen Karrieresprung. Da erhält sie bei einer Tagung ihres Unternehmens einen Anruf von ihrem Bruder Kai. Er bittet sie darum, ihn aus einer Suchtklinik abzuholen. Seit Jahren hatten die Geschwister keinen Kontakt zueinander; trotzdem macht sich Anne, widerwillig zwar, auf den Weg. Dieses Zusammentreffen löst bei ihr schmerzhafte Erinnerungen an ihre Kindheit aus.
Sie waren lange Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft: die achtjährige Anne, der sechs Jahre ältere Bruder und ihre Mutter, eine begabte Sängerin. Bis eines Tages bei der Mutter MS diagnostiziert wird. Anfangs versucht sie noch mit Optimismus der Krankheit entgegenzutreten. Mit ein bisschen Unterstützung der Kinder werden sie es gemeinsam schaffen. „ Wir kriegen das hin. Das Wichtigste ist, dass wir zusammenhalten.“
Und es funktioniert tatsächlich eine ganze Weile gut. Die Kinder kümmern sich, besorgen Rezepte, stehen Wache vor dem Badezimmer, falls die Mutter das Gleichgewicht verliert, übernehmen die Hausarbeit und vieles mehr. Doch der Zustand der Mutter verschlechtert sich und die Heranwachsenden sind zunehmend von der Aufgabe überfordert.
Bis eines Tages bei dem 17jährigen Sohn die eigenen Bedürfnisse Priorität haben und er die Schwester im Stich lässt. Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern; die ganze Familie wird auseinandergerissen.
Die Autorin entwickelt ihren Roman auf zwei Erzählebenen, die sie kunstvoll miteinander verzahnt. Die eine ist in der Gegenwart angesiedelt, die zweite spielt in der Kindheit von Anne.
Gerade die Rückblicke in die Vergangenheit berühren stark. Janine Adomeit schildert den Krankheitsverlauf der Mutter in eindringlichen Szenen. Sind es zu Beginn nur motorische Einschränkungen, so wird es später für die Mutter immer peinlicher, ihre Kinder um Hilfe zu bitten. Scham und Schuldgefühle belasten sie. Trotzdem weigert sie sich , professionelle Hilfe anzufordern. Zu groß ist ihre Angst, dass ihr das jüngste Kind weggenommen wird, wenn Ärzte oder Behörden über die tatsächliche Situation Bescheid wüssten. Deshalb sollten auch die Kinder alles tun, um Normalität vorzutäuschen.
Die stecken in einem Loyalitätskonflikt, den sie sich selbst nicht eingestehen dürfen. Natürlich möchten sie alles tun für ihre kranke Mutter. Der Zusammenhalt und die gegenseitige Liebe tragen über vieles hinweg. Und es macht sie auch stolz, was sie gemeinsam schaffen.
Doch ein unbeschwertes Leben gibt es für sie nicht. Das Geld ist knapp, die Familie lebt sehr isoliert und die Aussichtslosigkeit dieser Krankheit lastet auf allen. Außerdem bleiben ihre eigenen Bedürfnisse auf der Strecke. „ Meine Gefühle waren angesichts ihrer Krankheit und ihrer Einschränkungen klein und unwichtig.“
Das Kind Anne lernt früh, Gefühle zu unterdrücken und die erwachsene Anne beherrscht das noch immer. Sie ist eine Frau, die kein Privatleben kennt, sich jegliche Beziehung vom Leibe hält. Sie hat sich einen Panzer zugelegt, der sie vor Schmerz bewahren soll.
Der Titel des Romans bezieht sich auf Annes Vorstellung von Glück: „ Aber die erste halbe Stunde im Paradies -die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann- , diese erste halbe Stunde stelle ich mir vor wie Glück.“ Doch ein Leben ohne Beziehungen und damit ohne Schmerz, gibt es nicht.
Aber nicht nur Anne trägt schwer an ihrer Vergangenheit. Auch bei Kai hat sie gravierende Spuren hinterlassen. Aus ihm ist nicht der erfolgreiche Musiker geworden, obwohl er so talentiert war. Stattdessen ist er abgedriftet in die Sucht. Erst hat er sich mit Alkohol betäubt, später kamen andere Drogen ins Spiel, mittlerweile ist er von Schmerzmitteln abhängig.
Das Ende lässt hoffen auf eine Aussöhnung. Beide konnten erstmals über ihre Sicht der Dinge reden, Missverständnisse ausräumen und Verständnis füreinander aufbringen.
Der Roman liest sich leicht, trotz des ernsten Themas. Janine Adomeit schreibt nüchtern und klar und trotzdem eindringlich. Obwohl wir die Geschichte nur aus Annes Perspektive kennen, so kommen einem auch die anderen Figuren nahe. Dabei hat man nicht immer Verständnis für deren Handeln.
„ Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist ein lesenswerter Roman, der glaubhaft und einfühlsam ein wichtiges Thema behandelt.
Zwischen den Fronten
Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelman
Wer Dimitrij Kapitelmans bisherige Bücher kennt, ist schon bestens vertraut mit seiner Familie. Der Autor ist, wie sein literarisches Ich, 1986 als Sohn einer moldawischen Mutter und eines ukrainisch-jüdischen Vaters in Kiew geboren und im Alter von acht Jahren als „ jüdischer Kontingentflüchtling“ nach Deutschland gekommen.
In Leipzig hat seine Familie in den Neunziger Jahren einen Laden für russische Spezialitäten aufgemacht, ein sog. „Magasin“. Hierher kommen jahrelang die immer gleichen Stammgäste, die sich mit Krimsekt und Kaviar, getrocknetem Fisch und kitschigen russischen Postkarten eindecken. Papa ist der Geschäftsführer des Ladens, Mama sitzt rauchend im Hinterzimmer und erledigt den Papierkram und Sohn Dima arbeitet von klein auf mit. Und er begleitet Mama und Papa bei ihren Handelsreisen nach Kiew. Geht es bei Papa dabei vor allem um günstige Geschäfte, so nützt Mama den Besuch dort, um ihrem Sohn zu zeigen, wie „ unglaublich lebenswert Kyjiw“ ist. Doch Corona bedeutet , wie für viele kleine Geschäfte, das Aus für das Magasin. Der Laden wird geschlossen und geräumt. Aber vor der Übergabe der Geschäftsräume muss noch das damals angeklebte Linoleum entfernt werden, nicht so einfach. Hat doch Onkel Jakob billigsten russischen Leim verwendet. „Das ist sowjetisch-russischer Leim, der löst sich nicht. Was er einmal hatte, lässt er nicht mehr los.“
Von diesen Jahren, vom Ankommen in Deutschland bis in die Gegenwart, erzählt Dimitrj Kapitelman auf seine gewohnt ironisch- humorvolle Art die Geschichte seiner Familie. Doch dieses Mal schleicht sich immer wieder ein ernster, melancholischer Ton ein. Der Grund dafür ist der Krieg in der Ukraine und die Mutter des Autors.
War sein erster Roman „ Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ ein Vater-Buch, so ist dieser Roman eine schmerzhaft-bittere Hommage an die Mutter. Denn diese „ russisch fernsehvölkische Mutter“ glaubt Putins Parolen. Sie schaut ununterbrochen russisches Staatsfernsehen, hält das Massaker von Butscha für Fake und glaubt, dass in der Ukraine die Nazis herrschen. Der Sohn leidet unter der Kälte und der Ignoranz seiner Mutter, die er trotz allem immer noch liebt. Und um sie vom Gegenteil zu überzeugen, reist er mitten im Krieg in die Ukraine.
Davon erzählt der zweite, wesentlich ernstere Teil des Romans. Der Ich- Erzähler trifft in Kiew ehemalige Freunde, erlebt deren Alltag. Er sieht, wie die Menschen dort trotz der täglichen Bedrohung versuchen, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten. Auch er legt sich eine App auf seinem Handy zu, die nicht nur vor dem nächsten Raketenbeschuss warnt, sondern zusätzlich auf den nächstgelegenen Bunker hinweist. Allgegenwärtig sind die Mobilisierungskampagnen, die mehr und jüngere Männer zum Militärdienst aufrufen. Gemeinsam mit einem Freund fährt der Autor nach Butscha und Borodjanka und macht sich selbst ein Bild von der russischen Zerstörungswut.
Doch wird er damit seine Mama überzeugen können? Als er selbst bei einem Luftangriff im Bunker in Kiew sitzt , schreibt ihm seine Mama , es bestehe keine richtige Gefahr, denn „ Russland beschießt ja ausschließlich militärische Ziele.“ Der Ich- Erzähler beschließt daraufhin, seiner Mutter nicht den heiß begehrten ukrainischen Speck mitzubringen. „ Kein Bekenntnis zum Existenzrecht der Ukraine, kein ukrainisches Salo.“
Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur zu einem tiefen Riss in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn geführt. Auch die Liebe zur russischen Sprache ist davon betroffen. Dimitrij Kapitelman fühlt sich als Ukrainer, doch seine Muttersprache ist Russisch. Eine Sprache, die in Kiew nicht mehr gern gehört wird, ist sie doch die Sprache des Aggressors. Seine Freunde lernen ukrainisch. Doch was bedeutet das für ihn? Er wird sich noch viel fremder fühlen in seiner früheren Heimat.
Dieses Buch sei das schwerste Buch für ihn gewesen, gesteht der Autor in einem Interview. Das verwundert mich nicht. Denn die Realität des Krieges ist auch für ihn äußerst schmerzhaft. Und der Graben innerhalb der Familie scheint nicht überbrückbar zu sein.
Es findet sich auch in diesem Roman der vertraute ironische Erzählton. Kapitelman spielt mit der Sprache, findet originelle Wortschöpfungen, baut surreale Elemente ein, wie z.B. sprechende Fische und stellt philosophische Betrachtungen zur Sprache selbst an. So findet er z.B. über dreißig Synonyme für Hartherzigkeit. Auch ist der Titel doppeldeutig. So meint er zwar vordergründig die Waren, die im „ Magasin“ angeboten wurden, lässt aber auch an „ Spezialoperation“ denken, der russischen Bezeichnung für den Ukrainekrieg.
„ Russische Spezialitäten“ ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Ukrainekrieg, die für jeden lesenswert ist.
Voller Witz und Lebensklugheit
Frau Hempels Tochter. Roman von Alice Berend
Alice Berend, 1875 geboren, war einst eine gefeierte Bestsellerautorin. Ihre zahlreichen Romane, die meist im kleinbürgerlichen Milieu Berlins angesiedelt sind, erreichten hohe Auflagen. Man sah sie in der Tradition Fontanes und lobte ihre ironisch-humoristische Schreibweise. Doch mit dem Machtantritt der Nazis war es mit ihrer Karriere vorbei.
Ihre Bücher wurden 1933 auf die „ Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Sie selbst ging 1935 ins Exil, da sie, obwohl christlich getauft, nach den Rassegesetzen als Jüdin galt. 1938 starb Alice Berend krank und verarmt in Florenz. Ihre Romane sind heute weitgehend vergessen. Umso erfreulicher, dass nun in der Reihe
„ Reclams Klassikerinnen“ der 1913 erschienene Roman „ Frau Hempels Tochter“ in einer neuen, schön aufgemachten Ausgabe erscheint. ( Einziger Kritikpunkt daran ist das Cover, das so garnicht zur Protagonistin passt.)
Der Roman führt in ein großes Mietshaus im Berlin der Jahrhundertwende. Frau Hempel ist als Portiersfrau die gute Seele des Hauses. Gemeinsam mit ihrem Mann, der als Schuster etwas dazu verdient, und der hübschen sechzehnjährigen Tochter bewohnen sie die düstere und feuchte Erdgeschosswohnung. Der Titel mag vielleicht irritieren, „ Frau Hempels Tochter“, denn im Zentrum des Romans steht weniger Töchterchen Laura, sondern vielmehr die Mutter. Aber er passt insofern, da die hauptsächliche Triebfeder von Frau Hempel der soziale Aufstieg der Tochter ist. Sie soll es einmal besser haben und nicht als Dienstbote arbeiten müssen. Dafür rackert sich Frau Hempel seit Jahren ab, nimmt zusätzliche Aufgaben und Pflichten auf sich, um noch mehr Groschen auf dem Sparbuch anzuhäufen.
Und als sich die Chance bietet, greift sie zu. Frau Hempel wagt mit ihrem sauer Ersparten den Weg in die Selbständigkeit. Sie erwirbt eine Badeanstalt mit dazu gehörendem See und Gelände, und alle helfen mit. Laura zieht mit ihrem hübschen Gesicht an der Kasse zusätzliche Besucher an und für Herr Hempel finden sich genug schief getretene Schuhe, die er reparieren kann. Auch zwei Verehrer für das Fräulein Tochter stellen sich ein. Ein wackerer Schutzmann bietet finanzielle Sicherheit, aber Laura hat schon längst ihr Herz an einen jungen Grafen verloren. Der ist zwar arm und ein Muttersöhnchen, doch er erwidert ihre Liebe.
Hat man als Leser noch Bedenken, ob sich Frau Hempel hier nicht übernommen hat und ob es für Laura doch nur zu einer Vernunftehe reicht, so nimmt das Schicksal nochmals eine überraschende Wendung.
Was diesen Roman zu etwas Besonderem macht, ist der Humor der Autorin. Sie beschreibt ihre Charaktere zwar liebevoll, doch mit einer gewissen ironischen Distanz. So z.B. wenn sie meint „ Wir wissen immer, was wir tun wollen, aber nie, was wir tun.“ Oder auch „ Man plant viel, aber was man tut, hat man niemals gewollt.“ Dabei erweist sie sich als gute Menschenkennerin . Auch wenn sie ab und an manches Klischee bedient, sind die Figuren trotzdem glaubhaft und authentisch. Allen voran Frau Hempel, eine Frau aus dem Volke, patent und voller Energie. Sie nimmt die Dinge, wie sie sind, jammert und hadert nicht, sondern versucht das Beste daraus zu machen.
Ganz nebenbei finden sich kluge Sentenzen, die voller Witz Lebensweisheiten auf den Punkt bringen. „ Ein langes Zusammenleben schmiedet viele brauchbare Waffen für den täglichen Lebenskampf.“ Oder: „ Wir täuschen uns selbst leichter als andere.“ und am Ende heißt es: „ Denn man erkennt den Baum erst an seinen Früchten, wie den Menschen an seinen Taten.“
Der Roman beschreibt auch sehr anschaulich das Milieu, in dem sich Dienstboten, Handwerker, Hausbesitzer und verarmte Adelige bewegen. So bekommen wir Einblick in deren Wohnverhältnisse, den Arbeitsalltag, lesen von Standesdünkel und Klassenunterschieden. Sozialkritik übt Alice Berend dezent, so, indem sie den unbedingten Aufstiegswillen der „ kleinen Leute“ zeigt oder sich lächerlich macht über die sog. „ besseren Kreise“.
„ Frau Hempels Tochter“ ist eine unterhaltsame Milieustudie, die mit Witz und Lebensklugheit überzeugt und beim Lesen sehr viel Vergnügen bereitet. Die Autorin gönnt ihren Figuren ein positives Ende. Das mag wenig realistisch sein, erfreut aber den Lesenden. Denn hier wird Eigenverantwortung, Fleiß und Zuvertrauen belohnt. Ein Buch, das bestens unterhält und zugleich das Sittengemälde einer vergangenen Zeit liefert.
Lesenswert ist auch das Nachwort von Margret Greiner, das den Roman zeitlich und literarisch einordnet und das Wesentliche aus der wechselvollen Biographie der Autorin zusammenfasst.
Informative und unterhaltsame Vorlesegeschichten
Wieso? Weshalb? Warum? Meine Vorlesegeschichten, Band 2 - Was passiert in Wald und Wiese? von Anna Pooch
Die bewährte Sachbuchreihe „ Wieso Weshalb Warum?“ hat sich vergrößert. Unter dem Label „ Meine Vorlesegeschichten“ gibt es schon drei Bände, die Wissen in kleine Geschichten verpacken. Wir, meine Enkelin ( 4) und ich haben gemeinsam das Buch „Was passiert in Wald und Wiese?“ gelesen .
In insgesamt 15 mehrseitigen, in sich abgeschlossenen Geschichten wird das Thema Natur von allen Seiten beleuchtet. Gleich zu Beginn werden die Protagonisten vorgestellt, insgesamt vier Familien mit zusammen fünf Kinder. Dabei fällt sogleich die Diversität der Figuren auf. Es finden sich verschiedene Hautfarben und Nationalitäten und die unterschiedlichsten Familienkonstellationen. Auch werden klassische Rollenklischees vermieden.
In einer Erzählung erfahren wir, wie klug und einfallsreich Krähen sind ( der Favorit bei meiner Enkelin). In einer anderen lernen wir, worin sich Wespen und Bienen unterscheiden und den richtigen Umgang mit diesen nützlichen Insekten. Ein Besuch auf dem Bauernhof , bei dem es um verschiedene Getreidesorten geht, endet mit gemütlichem Stockbrotessen . Und als die frisch geernteten Himbeeren nach einiger Zeit matschig geworden sind, werden sie nicht weggeworfen, sondern zu leckerer Marmelade verarbeitet. Schon an diesen Beispielen wird deutlich, dass es hier nicht um reines Faktenwissen geht, sondern um den richtigen Umgang mit der Natur, um Respekt und Nachhaltigkeit.
Auch die farbenfrohen Illustrationen überzeugen .
Ein ideales Vorlesebuch , das die kindliche Erfahrungswelt widerspiegelt und gleichzeitig Sachwissen vermittelt.











