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Rezensionen von Ruth:
Porträt einer modernen jüdischen Familie
Juli, August, September von Olga Grjasnowa
Die 1984 in Baku, Aserbaidschan, geborene Autorin ist eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb. Ihr Debut „ Der Russe ist einer, der Birken liebt“, 2012 erschienen, war ein großer Erfolg und wurde auch von der Kritik gefeiert. Mit elf Jahren, nach dem Zerfall der Sowjetunion, kam sie mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland.
Zur Zeit arbeitet sie als Professorin am Institut für Sprachkunst der Universität Wien. „ Juli, August, September“ ist ihr fünfter Roman.
Lou, die Ich-Erzählerin , lebt mit ihrem zweiten Mann Sergej und ihrer fünfjährigen Tochter Rosa, benannt nach ihrer Großmutter, in Berlin. Sergej ist als gefragter Pianist sehr viel unterwegs und ist er zuhause, muss er üben und ist kaum ansprechbar. Lou fragt sich deshalb zu Recht, ob sie überhaupt noch ein Paar sind.
Beide sind russisch-stämmige Juden, aber der Glaube spielt in ihrem Alltag kaum eine Rolle. Lou überlegt, ob sie ihrer Tochter nicht mehr von ihrer jüdischen Identität vermitteln sollten. Ihr Mann winkt lachend ab: „ Juden haben keine Wurzeln, Juden haben Beine.“
Aber Lou lässt der Gedanke keine Ruhe. Deshalb ist sie auch bereit, zusammen mit Rosa und ihrer Mutter zum 90. Geburtstag von Großtante Maya nach Gran Canaria zu fliegen. Dort will die israelische Verwandtschaft gemeinsam feiern. Die weit verzweigte Familie ist aus Russland nach Israel ausgewandert. Nur Lou und ihre Mutter leben in Deutschland. Während die Familie in Israel mittlerweile ein gut situiertes Leben führen, muss Lous Mutter mit einer kleinen Rente auskommen, „ denn die Arbeitsjahre der Russlanddeutschen in der Sowjetunion wurden angerechnet, die der Juden nicht.“
Dazu ist es in Israel einfacher, seine jüdische Identität zu leben. Das Aufeinandertreffen auf der Kanarischen Insel ist deshalb nicht unbelastet.
Der größte Streitpunkt aber sind die Geschichten von Maya über ihre Kindheit und Jugend in der Sowjetunion. Denn ihre Erinnerung weicht stark ab von den Erzählungen der verstorbenen Großmutter Rosa. „ Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. …Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte.“
Um herauszufinden, was wirklich passiert war, reist Lou deshalb nicht mit Mutter und Tochter nach Deutschland zurück, sondern fliegt nach Israel, um dort Antworten zu finden auf ihre Fragen.
Olga Grjasnowa lässt hier eine Frau zu Wort zu kommen, die sich über vieles im Unklaren ist. Ist ihre Ehe noch zu retten? Wann begann die Entfremdung zwischen ihr und ihrem Mann? War die Fehlgeburt, über die Lou nicht hinwegkommen kann, einer der Gründe dafür oder liegt es an Sergejs beruflicher Krise?
Neben diesen ganz privaten Problemen werden aber auch Fragen nach jüdischer Identität aufgegriffen. „ Wir geben uns so viele Mühe für eine Religion, obwohl wir nicht an Gott glauben, für eine Vergangenheit, an der kaum etwas gut war, für eine Zukunft, die maximal ungewiss ist, und für eine Identität, die wir selbst nicht mehr verstehen.“ so resümiert die Protagonistin.
Daneben erfahren wir vom Aufwachsen einer russisch-stämmigen Jüdin in Deutschland. Auf Lou lastet eine große Hypothek, denn ihr Erfolg muss all die Entbehrungen und die Arbeit ihrer Mutter rechtfertigen. „ Ihre Immigration bedeutete, dass sie ihr Leben gegen meine Zukunft eingetauscht hatte, und ich war ihr diese Zukunft schuldig….Also versuchte ich ihr zu beweisen, dass ihr Opfer nicht umsonst war, sei es durch meine Ausbildung, meine Ehe oder meine Karriere.“
Berührend ist vor allem das grausame Schicksal von Rosa und Maya, das Olga Grjasnowa in einer kurzen Binnenerzählung darstellt. Auch in der Sowjetunion gab es einen Genozid an den Juden.
Wie der Titel schon andeutet, ist der Roman in drei Teile gegliedert, wobei der erste ( Juli ) in Deutschland spielt, der zweite ( August ) auf Gran Canaria und der letzte ( September) in Israel.
Die Ich- Perspektive ermöglicht eine eindrückliche Innensicht der Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin und dadurch kommt man ihr sehr nahe. Glaubhaft und nachvollziehbar werden ihre Probleme und ihre Ängste beschrieben, ebenso die Fragen, die sie umtreiben.
Dazwischen gestreut finden sich hin und wieder kurze Bemerkungen zur aktuellen Situation, sowohl in Deutschland als auch in Israel.
„ Juli, August, September“ ist ein sprachlich überzeugender Roman, der viele Denkanstöße liefert und zugleich ein interessantes Porträt einer modernen jüdischen Familie.
Oscar + Moni = Freunde
Pi mal Daumen von Alina Bronsky
Oscar ist hochbegabt und mit seinen sechzehn Jahren sicherlich der Jüngste an der Uni. Schon in der Grundschule wusste er, dass er später einmal Mathematik studieren würde.
Leicht verspätet kommt Moni zur ersten Vorlesung. Mit ihrem schrillen Outfit - roter Kunstlederrock und eine tief ausgeschnittene Bluse im Leopardenmuster, dazu eine gut gefüllte Ikea-Tasche an der Schulter - wirkt sie wie ein Fremdkörper im Vorlesungsraum.
Außerdem ist sie deutlich älter als die anderen im Saal. Neben Oscar ist ein Platz frei und damit beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft zweier Außenseiter.
Auch wenn Oscar überzeugt ist, dass Moni sowieso bald aufgeben wird, nimmt er sich ihrer an und unterstützt sie bei den Übungsaufgaben. Er betrachtet sie als sein„ Wohltätigkeitsprojekt“, dabei hat der Leser längst bemerkt, dass es sich eher umgekehrt verhält. Denn der weltfremde Oscar ist zwar ein mathematischer Überflieger, hat aber erhebliche Defizite im zwischenmenschlichen Bereich. Freunde hatte er noch nie, außer einem gewissen Mr. Brown, der allerdings nur in Oscars Phantasie existiert. „ Ich war es nicht gewohnt, dass fremde Menschen nach dem Erstkontakt weiter mit mir sprachen. Schon meine erste Reaktion war für mein Gegenüber meist so erschöpfend, dass kein weiterer Bedarf bestand.“ So bilanziert er selbst seine Erfahrungen mit anderen.
Schwungvoll und mit Humor lässt Alina Bronsky ihre beiden Protagonisten aufeinandertreffen. Da prallen unterschiedlichste Welten zusammen. Hier der autistische Sohn aus gutem Hause, sogar mit Adelstitel, dem die besorgten Eltern schon immer alle Hindernisse aus dem Weg räumten. Dagegen Moni, eine Frau Anfang Fünfzig, die vieles allein schultern muss. Sie kümmert sich nicht nur um ihren ständig brummeligen Ehemann, sondern außerdem um ihre drei Enkelkinder, weil Tochter Püppi mit der Aufgabe völlig überfordert ist. Und obendrein braucht sie noch diverse Nebenjobs, um über die Runden zu kommen. Wie soll da Zeit bleiben für ein so anspruchsvolles Studium? Doch Moni scheint begabt zu sein, das muss Oscar bald neidvoll feststellen. Und außerdem kennt sie einen der Professoren, ausgerechnet den, der Oscars großes Vorbild und Idol ist.
Moni gibt Oscar viele Fragen auf. Weshalb beginnt Moni in ihrem Alter noch ein Studium und warum versucht sie dies vor ihrer Familie geheimzuhalten? Und vor allem: Woher kennt Moni Professor Johannsen? Er beginnt nachzuforschen.
Erzählt wird das alles aus der Perspektive Oscars, das macht den Roman so besonders. Denn Oscars spezieller Blick auf die Welt sorgt für viele komischen Beobachtungen, Szenen und Dialoge. Anschaulich und witzig zugleich sind auch seine Vergleiche : „ Im Mathestudium mit Schulwissen anzukommen war, als wollte man mit einer Sandkastenschaufel versuchen, einen See auszugraben.“
Moni hat ein großes Herz und sie kümmert sich mit mütterlicher Fürsorge um Oscar. Von ihrer Beziehung profitieren beide. Moni, die bisher von allen unterschätzt wurde, kann zeigen, was in ihr steckt und Oscar lernt den Umgang mit Menschen. „ Es war der Sommer, in dem ich mich dabei ertappte, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben spontan das Pronomen wir aussprach.“.
Und das Ende lässt Raum für Interpretationen.
Alina Bronsky hat ihre Charaktere, wie gewohnt, satirisch überspitzt und sie spielt mit vielen Klischees. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb wachsen die Figuren dem Leser ans Herz.
Auch greift der Roman wichtige Fragen auf, so z. B. warum immer noch der soziale Hintergrund bei der Beurteilung von Intelligenz eine Rolle spielt .Und er zeigt, dass es nie zu spät ist für einen Neuanfang.
„ Pi mal Daumen“ ist ein Roman, der bestens unterhält und man muss kein mathematisches Genie sein, um ihn zu genießen.
Frei erfunden, aber…
Freunderlwirtschaft von Petra Hartlieb
Die österreichische Schriftstellerin und Buchhändlerin Petra Hartlieb hat ihre schriftstellerische Karriere als Krimiautorin begonnen. Gemeinsam mit dem Literaturkritiker Claus-Ulrich Bielefeld hat sie vor Jahren eine dreibändige Krimireihe geschrieben. Nun hat sie mit „ Freunderlwirtschaft“ erneut einen Krimi vorgelegt; für diesen aber ist sie allein verantwortlich.
Hauptkommissarin Alma Oberkofler, frisch von Linz nach Wien versetzt, bekommt es gleich in der ersten Woche mit einem brisanten Mordfall zu tun. Der smarte junge Minister für Tourismus und Landwirtschaft, Max Langwieser, wird tot in seiner Penthouse- Wohnung aufgefunden. Todesursache: ein Sturz auf den gläsernen Designertisch. War es ein Unfall oder hat hier jemand nachgeholfen? Doch wer sollte ein Interesse haben, den beliebten Politiker umzubringen. Der Verdacht fällt bald auf seine Freundin Jessica, die seitdem verschwunden ist. Doch Alma hat hier ihre Zweifel. Bald gibt es einen zweiten Toten, der mit dem ersten Opfer in Beziehung stand.
Die Ermittlungen führen die Polizeibeamtin und ihre Kollegen in allerhöchste Kreise. Langwieser war ein enger Freund von Bundeskanzler Fercher, der einige Ähnlichkeiten zum früheren österreichischen Kanzler Sebastian Kurz aufweist. Bald stellt sich heraus, dass der saubere Landwirtschaftsminister einige dubiose Geschäfte laufen hat. Wirtschaft und Politik gehen hier eine lukrative Verbindung ein. „ Die waren nicht sauber. Denen ging es nicht um das Wohl des Landes, das war höchstens der romantische Beginn ihrer politischen Karriere gewesen. Nun ging es um Geld, Macht und Privilegien , und auch wenn Frauen irgendwie mitspielen durften, war es ein Männerzirkel wie schon seit jeher. Verschlossen, kameradschaftlich und gnadenlos. Wo man hinsah, die Jungs hielten eisern zusammen, einfach weil es ein Prinzip war, aber auch, weil jeder vom jeweils anderen etwas in der Hand hatte, etwas, mit dem man erpressbar war.“
Mit Sachverstand ( die Recherche erforderte hier viel Zeit und Arbeit, wie die Autorin in einem Interview bekennt) und mit bissigem Spott beschreibt Petra Hartlieb die Ermittlungsarbeit . Doch es gibt noch eine zweite Perspektive im Roman, nämlich die von Jessica, der Verlobten des Toten. Hier erfährt der Leser aus erster Hand, wie sich die Beziehung zwischen der jungen Frau und dem Minister entwickelt hat. Beide kennen sich seit ihrer Schulzeit. Und hier begleiten wir Jessica auf ihrer Flucht und erfahren die Gründe dafür. So ist der Leser immer etwas schlauer als die ermittelnde Beamtin.
Petra Hartlieb legt Wert auf eine differenzierte Figurenzeichnung. Alle wichtigen Protagonisten bekommen einen biographischen Hintergrund. Das macht die Figuren authentisch und lebendig. Von Alma erfährt der Leser gleich zu Beginn, dass ein Kindheitstrauma verantwortlich war für ihre Berufswahl. Mentalen Ausgleich findet Alma in der Beziehung zu Antti, einem finnischen Professor, den sie vor drei Jahren auf Sylt kennengelernt hat und der seinen Arbeitsplatz ihr zuliebe nach Österreich verlegt hat. Und eine nette Buchhändlerin darf im Roman auch nicht fehlen. Die ist Wohnungsnachbarin von Alma und hat immer ein offenes Ohr und etwas zum Essen und Trinken für sie.
„ Freunderlwirtschaft“ ist ein unterhaltsamer Krimi, der zwar frei erfunden ist, aber Ähnlichkeiten mit Personen und Vorkommnissen aus der Realität aufweist. Die sympathische Ermittlerin und ihre geradlinige Vorgehensweise lassen auf eine Fortsetzung hoffen.
Ein Frauenleben im Zwanzigsten Jahrhundert
Nur nachts ist es hell von Judith W. Taschler
Wer den Vorgängerroman „ Über Carl reden wir morgen“ gelesen hat, der hat mit viel Vorfreude dieses Buch erwartet. Dort erzählte Judith W. Taschler die Geschichte der Familie Brugger, die in einem kleinen Ort im österreichischen Mühlviertel eine Mühle betreibt. Sie spannt dabei den Bogen über drei Generationen hinweg, vom frühen 19.
Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
„ Nur nachts ist es hell“ schließt unmittelbar daran an. Doch hier geht es vorrangig um das Leben von Elisabeth Brugger, der einzigen Tochter der letzten Bruggerfamilie. Im Vorgängerroman griff Judith W. Taschler zu verschiedenen Perspektiven und schuf so ein vielstimmiges Bild. Hier wird alles aus der Perspektive von Elisabeth erzählt. Man muss den Vorgänger allerdings nicht gelesen haben, um dieses Buch zu verstehen. Die österreichische Autorin baut alle notwendigen Informationen organisch in die Geschichte ein.
Elisabeth war das jüngste Kind und der Liebling ihrer Eltern. Die Zwillingsbrüder Carl und Eugen waren zwölf Jahre älter. Deren dramatisches Schicksal spielt auch in Elisabeths Leben herein. Gustav, der mittlere der Geschwister, der ihr in ihrer Kindheit am nächsten stand, stirbt in den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Elisabeth wird später in dessen Fußstapfen treten und wie er Medizin studieren; eine ungewöhnliche Laufbahn für Frauen zur damaligen Zeit. Doch gegen viele Widerstände, zuerst von den Eltern, dann von Studenten- und Professorenseite aus, setzt sich Elisabeth durch und wird eine anerkannte und beliebte Ärztin. Zunächst aber arbeitet sie während des gesamten Krieges als Krankenschwester an der Front.
Nach Kriegsende heiratet Elisabeth Georg, einen Studienfreund ihres gefallenen Bruders. Georg kommt versehrt aus dem Krieg nach Hause; ihm fehlt der linke Arm. Aber er unterstützt sie in ihrem Wunsch, Medizin zu studieren und bis zum Tod ihres Mannes werden sie gemeinsam eine Arztpraxis in Wien betreiben. Das Paar bekommt zwei Söhne, die glücklicherweise den Zweiten Weltkrieg überleben.
Man spoilert nicht, wenn man das alles verrät, denn das erfährt der Leser schon zu Beginn des Romans. Hier fasst Elisabeth die Eckpunkte ihrer Biographie ganz sachlich zusammen, um sie dann im Verlauf des Buches mit Leben zu füllen.
Das Ganze ist angelegt als langer Monolog, adressiert an die Großnichte Christina. Ihr erzählt sie Anfang der 1970er Jahre ihr Leben, aber auch von den Verhältnissen in ihrer weitverzweigten Familie. Dabei geht sie nicht streng chronologisch vor, sondern springt zwischen den Zeiten hin und her. Oft greift sie vor, dann wieder nimmt sie zurückliegende Erzählfäden auf oder schweift ab. So erschließt sich nach und nach die komplexe Figur der Elisabeth und man kommt ihr erst gegen Ende wirklich nahe.
Ärztin zu sein ist für Elisabeth mehr als ein Job, sie versteht ihn als Berufung. Das Thema Medizin und Medizingeschichte nimmt deshalb auch einen breiten Raum im Roman ein.
Einen noch größeren Einfluss auf Leben und Alltag der Protagonistin haben die historischen Zeitumstände, allen voran die beiden Weltkriege. Judith W. Taschler verknüpft dabei die gut recherchierten geschichtlichen Hintergründe meist sehr gekonnt mit der Romanhandlung. Manches wird aber auch nur aufgelistet, nach dem Motto : Was geschah sonst noch in der Welt? ( Amüsiert zur Kenntnis genommen habe ich, dass die Veröffentlichung des ersten Romans von Franz Werfel „Verdi. Roman der Oper“ im neu gegründeten Zsolnay Verlag Erwähnung findet.)
Lakonisch und gänzlich unsentimental wird uns hier das Leben einer kämpferischen und fortschrittlich denkenden Frau präsentiert, ein Leben mit einigen Höhen und vielen Tiefen.
Der Roman endet mit der Frage, was entscheidend ist für das Leben eines jeden von uns. „ Was macht einen Menschen zu dem, was er ist? Was prägt ihn? Der Kopf und das Temperament. Hör auf dein Temperament….Bis zu einem gewissen Teil prägt einen auch die Familie, aus der man kommt.“ Doch Elisabeth hält nichts davon, die Verantwortung auf andere abzuwälzen. „ Geh davon aus, dass du allein die Verantwortung für dein Handeln trägst, und leb dein Leben danach.“ Diesen klugen Rat erteilt sie ihrer Großnichte. „ Und abgesehen von der Zeit, in die man hineingeboren wird und deren Unwägbarkeiten man sein Leben lang hinterherhechelt, gibt es auch noch Begegnungen mit Menschen, die direkt oder indirekt Einfluss auf uns nehmen.“
Genau all diese Aspekte greift der Roman auf: die eigene Persönlichkeit, das Elternhaus und die Familie, die Zeitumstände und die Menschen, die wichtig werden für das eigene Dasein.
Mit „ Nur nachts ist es hell“ ist Judith W. Taschler wieder ein unterhaltsamer Roman gelungen, der zwar nicht ganz an seinen Vorgänger heranreicht, aber sich zu lesen lohnt.
Ein Weckruf
Das Lied des Propheten von Paul Lynch
Das Unheil kommt in Gestalt zweier Männer. Sie stehen eines Abends vor der Tür des Hauses der Familie Stark in Dublin. Die beiden sind Zivilbeamte der neu gegründeten Geheimpolizei und sie wollen Larry Stark sprechen. Der ist als stellvertretender Generalsekretär der Lehrergewerkschaft ins Visier der neuen Regierung geraten.
Doch Larry will sich nicht einschüchtern lassen und bereitet mit anderen Mitstreitern eine Großkundgebung gegen die neuesten Restriktionen der Regierung vor. Von dieser Demonstration wird Larry nie mehr heimkommen. Er wird wie Tausende mit ihm verhaftet und verschleppt. Sein weiteres Schicksal bleibt im Dunkeln.
Und Eilish, seine Frau, wird mit den vier Kindern, zwischen 16 und einem halben Jahr alt, alleine zurechtkommen müssen.
Wir sind in Irland, das sich innerhalb kürzester Zeit in eine Diktatur verwandelt hat. Eine nationalistische Partei, die National Alliance Party
( NAP) hat die Wahl gewonnen. Sie regiert mit Notverordnungen, verfolgt Andersdenkende und besetzt Schaltstellen der Macht mit ihren eigenen Leuten. Bürgerrechte werden außer Kraft gesetzt. Das bewährte Instrumentarium aller Diktaturen wird aufgefahren.
Wie es dazu kommen konnte, welche Ziele die neue Regierung verfolgt, wird nicht näher erläutert. Darum geht es dem Autor offensichtlich nicht.
Nein, er setzt in dieses Szenarium eine ganz gewöhnliche Frau, jemanden wie Du und ich, und zeigt ganz konkret, wie deren Leben unter den veränderten Bedingungen weitergeht.
Eilish mag anfangs nicht glauben, dass ihr Mann verhaftet wurde. Sie hält es für einen Irrtum, pocht auf ihre Rechte, bis sie begreift, dass das alte Recht nicht mehr gilt. Sie kämpft auf der einen Seite für die Freilassung ihres Mannes und versucht gleichzeitig die Familie zusammenzuhalten. Um die Kinder nicht zu beunruhigen, greift sie zu Lügen und Ausflüchten. Doch lange lässt sich der Schein der Normalität nicht aufrechterhalten. Die Lage spitzt sich dramatisch zu. Die Familie wird schikaniert und steht unter Beobachtung. Eilish verliert ihren Job. Die Schulen werden geschlossen, Lebensmittel werden rationiert. Der älteste Sohn Mark soll zur Armee eingezogen werden. Doch der geht in den Untergrund und schließt sich den Rebellen an.
Eilishs Schwester in Kanada dringt schon früh auf eine Ausreise. „ …die Geschichte ist eine stumme Liste derer, die nicht wussten, wann sie gehen müssen.“ Doch Eilish kann nicht einfach weggehen. Zu viele Verpflichtungen halten sie zurück. Die Kinder brauchen ihre gewohnte Umgebung, außerdem trägt sie die Verantwortung für ihren zusehends dementer werden Vater, den sie nicht allein lassen kann. Und dann ist ist da immer noch die Hoffnung auf die Rückkehr ihres Mannes.
Als Leser leidet man mit Eilish, aus deren Perspektive wir die Entwicklung verfolgen. Wir hadern mit ihrem Zögern und ihren Entscheidungen und fragen uns gleichzeitig, wie wir in einer vergleichbaren Situation handeln würden.
Es muss noch einiges passieren, bis Eilish sich durchringen kann, das Land zu verlassen. Doch auf legalem Weg ist das nicht mehr möglich, die Grenzen sind dicht. Der Roman endet am Meer, dort, wo aktuell so viele aufbrechen in eine bessere Zukunft.
Dass der Autor das Geschehen ganz konkret in Irland verortet, nicht in einem weit entfernten Land oder in einer fernen Zukunft, macht die Geschichte so beklemmend. Damit macht Lynch deutlich, dass so eine Entwicklung jederzeit und überall passieren kann. Und wie wichtig es ist, die Zeichen der Zeit frühzeitig zu erkennen und richtig zu deuten. Im Grunde beschreibt Lynch nichts Neues. Beispiele aus der Geschichte und der Gegenwart gibt es zu Genüge. Aber es ist notwendig, sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen. Demokratie ist nicht selbstverständlich und für sie muss beständig eingetreten werden. Ein Weckruf an uns alle, damit wir uns nicht denselben Vorwurf machen müssen wie Eilish: „ Dein ganzes Leben lang hast du geschlafen, wir alle haben geschlafen, und jetzt beginnt das große Erwachen.“
Das Buch ist keine leichte Lektüre. Es erfordert die volle Konzentration und sein Stil und die verengte Perspektive erlauben keine Distanz. Lynch unterteilt es zwar in einzelne Kapitel, doch dazwischen gibt es keine Absätze. Die starke Rhythmisierung der Sätze und das durchgehende Präsens ergeben eine Dringlichkeit, der man sich als Leser nicht entziehen kann. Dialoge werden nicht durch Anführungszeichen kenntlich gemacht; wer spricht, oder ob es sich um Gedanken oder Gespräche handelt, wird oft nur durch den Kontext deutlich.
Was den Roman neben seiner Thematik aber so besonders macht, ist seine lyrische Sprache. Lynch findet ausdrucksstarke Bilder, die das Grauen fühlbar machen. Die Bedrohung rückt so dem Leser ganz nahe. Dabei arbeitet er mit Leitmotiven und einer starken Symbolik.
Gegen Ende lässt der Autor den titelgebenden biblischen Propheten zu Wort kommen: „ …und der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon,…, dass die Welt immer wieder aufs Neue an einem Ort endet, aber nicht an einem anderen, und dass das Ende der Welt immer ein lokales Ereignis ist, es kommt in dein Land und besucht deine Stadt und klopft an die Tür deines Hauses, und wird für andere nur eine ferne Warnung, ein kurzer Bericht in den Nachrichten, ein Echo von Ereignissen, das in die Folklore eingegangen ist,…“
Der irische Autor wurde 2023 für diesen Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Völlig zu Recht, wie ich finde. „ Das Lied des Propheten“ ist ein schmerzhaftes Buch, aber ein wichtiges, ein notwendiges; ein Buch, das nicht nur thematisch überzeugt, sondern v.a. durch seine literarische Umsetzung.
Auf der Suche
Seinetwegen von Zora Del Buono
Zora del Buono war gerade mal acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Der 33jährige Mann, aus dem Süden Italiens stammend, war ein beliebter Oberarzt am Kantonsspital Zürich.
Zora lebt von nun gemeinsam mit ihrer Mutter; diese wird nie wieder heiraten. Den Vater, den sie eigentlich nicht gekannt hat, vermisst sie nicht.
Doch eine Leerstelle bleibt und v.a. spürt sie den Verlust, den ihre Mutter erlitten hat.
In der Grundschule ist sie das einzige Kind ohne Vater, zu jener Zeit, Anfang der 1970er Jahre, eine Seltenheit ( anders als in Deutschland kurz nach Kriegsende, anders auch als heute, wie die Autorin anmerkt).
In den Ferien geht es zur Großmutter nach Italien. Denjenigen, die wie ich Zora del Buonos letztes Buch gelesen haben, ist diese Matriarchin vertraut. In „ Die Marschallin“ beschreibt die Autorin ausführlich das Leben dieser Frau. Aus Slowenien stammend, führt sie später gemeinsam mit ihrem Mann, einem Radiologe, ein großbürgerliches Leben. Das hindert die glühende Kommunistin aber nicht daran, sich politisch zu engagieren und im Widerstand gegen Mussolini tätig zu werden.
Mittlerweile ist Zora del Buono eine Frau Anfang Sechzig und die Mutter lebt dement in einem Heim. Nun scheint die Zeit gekommen, um Verdrängtes hervorzuholen und sich intensiv mit ihrem Vater und dem Unfall zu beschäftigen. Dabei interessiert sie, wie das Leben des jungen Mannes verlaufen ist, der durch ein gefährliches Überholvermögen schuld war am Tod des Vaters. Lebt er überhaupt noch? Sie beschließt, ihn zu suchen , den „ Töter“.
So nennt sie ihn, denn „ Unfallverursacher“ klingt ihr zu technisch, verharmlost auch das Ganze und Mörder wäre falsch.
Doch die Suche nach ihm gestaltet sich schwierig. Anfangs kennt sie nur seine Initialen, E.T., erst ganz spät wird sie seinen ganzen Namen erfahren. Für ihre Recherche bemüht sie Briefe und Dokumente, fährt durch ihre alte Heimat in der Schweiz, besucht dort Archive und trifft auf Menschen, die Ernst Traxler noch persönlich gekannt hatten. Dabei wandelt sich ihr Bild von ihm. Er scheint ein ruhiger und „ leutseliger“ Mensch gewesen zu sein, der sich seiner Schuld bewusst war, deshalb jahrelang auch nicht mehr Auto fuhr.
Die chronologisch erzählte Recherchearbeit wird dabei immer wieder unterbrochen durch Reflexionen und Erinnerungen der Autorin. So fragt sie sich, was diese Vaterlosigkeit wohl für Auswirkungen auf ihr Ich gehabt haben könnte, legt dazu eine „ Liste der eigenen Deformationen“an. Sicher rührt ihr „ stilles Wundern über intakte Familien“ daher, möglicherweise auch ihr „ Fremdheitsgefühl“ in einer Zweierbeziehung. Dem steht eine Liste mit den Vorzügen und Merkmalen ihres Vaters gegenüber. Einige wenige private Photos aus dem Familienalbum erlauben einen persönlichen Blick in das Familienleben der Autorin.
Aber Zora del Buono geht in ihrem Buch über das Private hinaus. Sie zitiert Statistiken über Verkehrsunfälle ( Anzahl, Ursachen etc.), listet prominente Opfer des Straßenverkehrs auf ( von Albert Camus bis Lady Di ) , verfolgt die Geschichte des VW Käfers ( das Unfallauto) und überlegt, ob eine Nackenstütze wohl ihrem Vater das Leben gerettet hätte.
Dazwischen gesetzt sind immer wiederkehrende „ Kaffeehausgespräche“, in denen die Autorin mit Freunden Fragestellungen diskutiert, die ihre Recherche bei ihr auslösen.
Diese Collage - Technik sorgt dafür, dass keinerlei Sentimentalität aufkommt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist „ Seinetwegen“ ein Buch, das lange nachhallt.
Beim Lesen wird einem auch bewusst, wie schnell sich ein Leben ändern kann und dass es jeden von uns treffen kann. „ Keiner, der im Straßenverkehr stirbt, hat morgens das Haus mit dem Wissen verlassen, dass dies sein letzter Tag sein wird ( und keiner denkt, dass er heute einen Menschen töten wird).“
Das Buch endet versöhnlich. Zora del Buono ist nicht nur ihrem Vater näher gekommen, sondern auch Ernst Traxler. Von ihrem anfänglichen Groll auf ihn, dem Unbekannten, bleibt am Ende die Gewissheit, dass auch sein Leben durch den Unfall beeinträchtigt wurde.
Eine beeindruckende Verarbeitung und ein in seiner Struktur ungewöhnliches Buch.
Faszinierende Frau und Künstlerin
Artemisia Gentileschi und Der Zorn der Frauen von Gabriela Jaskulla
Unberührt bleibt kein Betrachter beim berühmtesten Gemälde von Artemisia Gentileschi „ Judith enthauptet Holofernes“ ( 1620 ). Dieses biblische Motiv war weit verbreitet, aber niemand hatte die Mordtat bisher so drastisch und brutal dargestellt. Kühl und entschlossen packt Judith mit der einen Hand den Kopf des Mannes, mit der anderen führt sie zielsicher das Schwert.
Die Magd im Hintergrund hilft ihrer Herrin bei dieser blutigen Tat.
Wer war diese Malerin, die mit kräftigen Farben und dramatischen
Hell - Dunkel- Kontrasten arbeitete und bevorzugt starke Frauen in den Mittelpunkt ihres Schaffens setzte ?
Geboren wurde sie 1593 als Tochter des bekannten Malers Orazio Gentileschi in Rom. Ihre Mutter starb, als Artemisia 11 Jahre alt war. Es war selbstverständlich, dass sie danach die Rolle der Hausfrau übernehmen und für ihren Vater und ihre Brüder sorgen musste. Allerdings erkannte ihr Vater auch früh ihr malerisches Talent und unterrichtete sie gemeinsam mit den Söhnen. Da die Tochter am begabtesten schien, holte er den Malerkollegen Agostino Tassi ins Haus als zusätzlichen Lehrmeister. Der allerdings nutzte seine Position aus und vergewaltigte die junge Frau.
Ungewöhnlich war dann allerdings, dass der Vater einen Prozess anstrengte gegen den Vergewaltiger seiner Tochter. Doch damit erwies er Artemisia keinen Dienst. Tassi wurde zwar verurteilt, doch ohne wesentliche Folgen für ihn. Dafür aber war das Verfahren nicht nur äußerst demütigend für die junge Frau ( mit gynäkologischen Untersuchungen und Folter beim Kreuzverhör), auch ihre Ehre war zerstört.
Mit einer überstürzten Heirat und dem Umzug nach Florenz sollte der gute Ruf der jungen Frau wiederhergestellt werden.
In Florenz begann dann ihre Entwicklung zu einer großen Künstlerin. In relativ kurzer Zeit verschaffte sie sich einen Namen. Sie fand reiche und einflussreiche Gönner, die ihre Kunst zu schätzen wussten. Auch öffentliche Aufträge ließen nicht auf sich warten. Als erste Frau wurde ihr die Ehre zuteil, an der „Accademia delle arti del disegno“ aufgenommen zu werden.
Florenz blieb nicht die einzige Station für die Malerin. Es folgten Aufenthalte in Rom, Venedig, Neapel, London. Immer wieder flieht sie vor Schuldnern, muss an neuer Stätte ihren Platz in der dortigen Gesellschaft finden, muss Kontakte knüpfen, um an Aufträge zu kommen, muss neue Werkstätten aufbauen. Trotz ihres Ruhmes war ihr Stand als weibliche Malerin nicht leicht.
Auch privat war ihr wenig Ruhe gegönnt. Die Ehe war ein Fehlgriff, sie hatte Liebhaber, bekam Kinder, von denen einige früh starben, hatte Freunde, aber auch viele Neider.
Nach ihrem Tod ( das genaue Todesjahr ist nicht bekannt, vermutlich so um 1652/53 ) geriet die Künstlerin in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahren, im Zuge der Frauenbewegung, wurde sie neu entdeckt.
Aus den wenig gesicherten Fakten über das Leben der Artemisia Gentileschi machte Gabriela Jaskulla eine mitreißende Künstlerbiographie. Sie beschreibt Artemisia als eine starke, selbstbewusste, aber auch zornige Frau. Eine Malerin, die sich behaupten muss in einer von Männern dominierten Welt. In ihren Bildern begehrt sie auf gegen die Gewalt von Männern, die sie selbst erfahren musste. „ Sie teilte mit ihren Figuren die weibliche Erfahrung der Gewalt“, so heißt es im Buch.
Sehr detailliert und anschaulich beschreibt Gabriele Jaskulla, die studierte Kunsthistorikerin, zahlreiche Bilder von Artemisia Gentileschi. Dabei geht sie auf Eigenheiten und Besonderes im Stil dieser Barockmalerin ein, benennt die Unterschiede zu Malerkollegen und gibt Hinweise zur Deutung.
Doch neben der spannenden Künstlerbiographie erhält der Leser noch ein lebenspralles Sittengemälde des 17. Jahrhunderts. Wir erfahren von den Unterschieden im gesellschaftlichen Leben der verschiedenen Städten. Dazwischen gibt es Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten, wie z.B. Galileo Galilei, Caravaggio und Velasquez. Wir sind am Hofe der Medici, sind dabei, als die Pest nach Venedig kommt und in Neapel der Vesuv ausbricht.
Im Nachwort lässt uns die Autorin an ihrer Arbeit teilhaben, zeigt, wo sie Leerstellen gefüllt hat und wie sie dabei vorging. Hier begründet sie auch, warum sie den ansonsten chronologisch erzählten Text durch kurze „ Cuts“ unterbrochen hat. Dabei lässt sie ein Filmteam die Geschichte der Artemisia im Heute spiegeln. So schaffe sie einerseits Distanz und mache gleichzeitig bewusst, dass es sich hierbei um Fiktion handle.
Gabriele Jaskulla hat mir mit dieser Romanbiographie eine faszinierende Frau und Künstlerin nahegebracht. Deren Gemälde habe ich schon zuvor bewundert, doch nun verstehe ich sie besser. Daneben lässt die Autorin eine Zeit lebendig werden, die uns heute so fern liegt.
Fesselnd, unterhaltsam und lehrreich!
Fluchtgeschichte eines Kindes
Solito von Javier Zamora
Javier Zamora, ein heute in den USA lebender Lyriker, erzählt in seinem ersten Roman die Migrationsgeschichte eines 9jährigen Jungen. Es ist seine eigene Geschichte.
1999 macht er sich auf eine wochenlange Reise quer durch Mittelamerika, von San Salvador über Guatemala und Mexiko bis in die USA, dorthin, wo seine Eltern leben.
Der Vater floh vor dem Bürgerkrieg im Land, da war sein Sohn etwas mehr als ein Jahr alt. Die Mutter folgte ihrem Mann vier Jahre später. Der Junge wächst bei seinen Großeltern und seinen Tanten auf. Es ist eine arme, aber behütete Kindheit und Javier hat sich zu einem klugen, etwas schüchternen Jungen entwickelt.
Ein Versuch, ihren Sohn mit falschen Papieren in einen Flieger zu setzen, schlug fehl und als Illegale hatten die Eltern keine Möglichkeit, ihn auf legale Weise zu sich zu holen. Nun ist endlich genug Geld gespart, um einen Schleuser, einen sog. „Koyoten“, zu bezahlen. Der Großvater begleitet seinen Enkel noch auf der ersten Etappe und übergibt ihn dann Don Dago, der schon die Mutter erfolgreich außer Land geschleust hatte.
Es beginnt eine abenteuerliche und lebensgefährliche Odysee für die siebenköpfige Gruppe um Javier. In Bussen und Lastwagen, auf einem Boot und zu Fuß, Tausende von Kilometer unterwegs. Dazwischen immer in Verstecken und Verschlägen, tagelang wartend auf neue Anweisungen oder Transportmöglichkeiten. Dazu kommt die ständige Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden. Zweimal scheitert ihr Fluchtversuch, erst beim dritten Mal schaffen sie es über die Grenze.
Das alles beschreibt Javier Zamora detail- und bilderreich auf beinahe 500 Seiten. Auch wenn ich anfangs gehadert habe mit der kleinteiligen Schilderung dieser Flucht, so vermittelt der Autor damit doch sehr authentisch, wie eine solche ganz konkret abläuft und wie es sich anfühlt. Lange Phasen des Wartens und der Langeweile werden unterbrochen durch Phasen der Anspannung und der Gefahr. Das wirkt nicht nur sehr realistisch, sondern macht die Lektüre auch so bedrückend.
Die Hitze, der Durst, die körperliche Anstrengung und Erschöpfung , das alles wird erlebbar gemacht. Bei der lebensgefährlichen Bootsfahrt z.B. spürt der Leser das bedrohliche Schaukeln der Wellen, riecht den permanenten Gestank von Benzin und Kotze, hört das unablässige Lärmen des Motors und fühlt die brennende Sonne und die Kälte der Nacht. Und er hält den Atem an bei jeder Polizeikontrolle, oder wenn Scheinwerfer die Wüste erhellen oder Hubschrauber über den Flüchtenden kreisen. So wird dem Leser ganz eindringlich und nachfühlbar vor Augen geführt, was Menschen auf sich nehmen für ein Leben mit einer Zukunftsperspektive. Denn dort, woher sie kommen, haben sie keine. Deshalb bezahlen sie viel Geld und riskieren ihr Leben.
Javier Zamora hat sich bei seinem Buch für die Kinderperspektive entschieden. Er schreibt konsequent aus der Sicht seines 9jährigen Ichs, nicht aus der Rückschau und mit dem Wissen des Erwachsenen. So wird einem immer wieder bewusst, dass es ein Kind ist, dem dies alles widerfährt.
Die kindliche Perspektive mag den Leser manchmal nerven, wenn Javier alles aufführt, was er sieht und was er fühlt, Wichtiges und Unwichtiges. Oder sie kann den Leser unbefriedigt zurücklassen, weil wichtige Informationen fehlen ( Warum musste der Vater das Land verlassen?) oder weil viele der begleitenden Figuren blass bleiben. Aber ein Kind beobachtet alles um sich herum, durchschaut aber nur Weniges.
Eine sprachliche Besonderheit sind die zahlreichen spanischen Brocken, mit denen der Text durchsetzt ist. Im Anhang findet sich dazu ein Glossar, das leider nicht alphabetisch geordnet ist und vieles garnicht aufführt. Das Nachschlagen hemmte auf Dauer so meinen Lesefluss, dass ich mich dagegen entschied. Damit fühlte ich mich in einer ähnlichen Situation wie viele Migranten, die auch nicht jedes Wort verstehen.
Javier war das, was bei uns im Amtsdeutsch als „ unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ gilt. Und man denkt unwillkürlich, dass Kinder solche Erfahrungen nicht machen sollten. Oft fühlt er sich einsam, sehnt sich nach Zuwendung. „ … solo, solito, solito de verdad“ ( allein, ganz allein, mutterseelenallein).
Zu seinem Glück nimmt sich eine Frau und ein junger Mann seiner an. Die bilden zusammen mit der etwas älteren Tochter der Frau eine Art Ersatzfamilie für ihn. Sie kümmern sich, teilen das Essen und den Schlafplatz mit ihm, tragen ihn durch die Wüste, als er nicht mehr kann.
Und am Ende, als er in den USA angekommen ist, freut sich Javier zwar auf seine Eltern, doch der Abschied von seiner Zweitfamilie fällt ihm schwer. Er wird sie nicht nur vermissen, nein, sie fehlen ihm auch als Zeugen für das Erlebte, denn niemand sonst in seiner neuen Umgebung wird verstehen oder nachempfinden können, was diese Zeit ihm bedeutet.
Der Autor hat sie nie mehr getroffen, aber er widmet ihnen sein Buch : „ Für Patricia, Carla, Chino & alle Immigranten, die ich auf dem Weg in die USA kennenlernte und nie wiedersah. Ohne euch wäre ich nicht hier“
Javier Zamora hat seine traumatische Flucht jahrelang in sich verschlossen, bis er sie mit therapeutischer Hilfe verarbeitet hat. Das Ergebnis liegt uns nun als Buch vor.
Nach der Lektüre betrachtet man das sog. „ Flüchtlingsproblem“ nochmals mit anderen Augen. Es wäre zu wünschen, dass möglichst viele dieses „ Memoir“ lesen . Es ist keine einfache Lektüre, aber eine, die lange nachhallt.
Interessiert wäre ich an einer Fortsetzung, denn das hier ist eine reine Fluchtgeschichte, die das Danach ausspart.
Unverständlich bleibt, warum der Verlag dem Buch keine Karte mit dem Fluchtweg vorangestellt hat.
Wichtiges Thema - kindgerecht umgesetzt
Wieso? Weshalb? Warum? Band 44 - Wie leben wir miteinander? von Patricia Mennen
Der neueste Band aus der bewährten „ Wieso Weshalb Warum?“ -Reihe ist wieder einmal ganz besonders gut gelungen. Er umfasst 16 Seiten, ist großformatig wie alle Bände für die größeren Kinder ( 4-7 Jahre), hat Spiralbindung und ist aus stabiler Pappe. Zahlreiche Illustrationen veranschaulichen und ergänzen die kurzen und kindgerechten Texte.
Auch die beliebten Klappen, die Szenen weiterführen oder zusätzliches Wissen vermitteln, fehlen nicht.
Hier geht es um das wichtige Thema des friedlichen Zusammenlebens. Schon das Cover zeigt, dass Wert gelegt wird auf Diversität. Kinder aller Hautfarben und auch mit kleinen oder größeren körperlichen Einschränkungen spielen gemeinsam.
Und diese Vielfalt wird durch das ganze Buch hin durchgehalten und zeigt so den Kindern, dass wir alle, trotz unserer Unterschiede, eine große Gemeinschaft sind. Zahlreiche Situationen des alltäglichen Lebens werden aufgegriffen. Dabei geht es um Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten, über Regeln des Zusammenlebens, sei es daheim, in der Kita oder Schule oder im öffentlichen Raum. Grundbedürfnisse eines Jeden werden benannt, Rechte von Kindern angesprochen und an Beispielen erläutert
Auch schwere Themen wie Krieg und Flucht werden behandelt. Zu Recht, denn Kinder bekommen mit, was aktuell passiert und die Geschehnisse machen ihnen Angst. Deshalb ist es wichtig, mit ihnen darüber zu sprechen. Das gelingt mit Hilfe dieses Buches sehr gut. Ausgehend von Streitigkeiten zwischen Kindern wird auf Ursachen und Folgen eines Krieges eingegangen. Eine Folge von Krieg sind die zahlreichen Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Für deren Schicksal Verständnis und Empathie zu entwickeln ist enorm wichtig, denn viele Kinder werden in ihrem Umfeld auf Flüchtlingskinder treffen.. Auch hierbei ist der Band hilfreich.
Positiv endet das Buch, nämlich mit Vorschlägen, was jeder Einzelne tun kann für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben. Deshalb sollte dieser Band in keinem Kinderzimmer, in keiner Kita und in keiner Grundschule fehlen. Denn gerade heute, wo der Ton immer rauer, das friedliche Miteinander im Kleinen und im Großen von allen Seiten bedroht wird, ist die Botschaft des Buches so elementar.
Kleinere Kinder werden noch nicht alles verstehen. Da liegt es am Vorleser, was er auswählt. Wichtig ist aber auf jeden Fall, dass man über den Inhalt ins Gespräch kommt.
Zwei Reisen -eine äußere und eine innere
Das Pfauengemälde von Maria Bidian
Wie viele Debütantinnen ließ sich Maria Bidian, 1988 in Mainz geboren, für ihren ersten Roman von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren. Wie ihre Protagonistin Ana hat auch die Autorin einen rumänischen Vater und eine deutsche Mutter und eine große Familie in Rumänien.
Als Ana zwei Jahre nach dem Tod ihres geliebten Vaters Nicu erfährt, dass die Familie den Prozess um ihren enteigneten Besitz endlich gewonnen hat, fährt sie nach Rumänien.
Dabei ist sie weniger an dem großen Haus interessiert, das sie endlich zurückerhalten, sondern viel mehr an dem legendären Pfauengemälde, das ihrem Vater so viel bedeutet hat. Damit möchte sie auch ihr schlechtes Gewissen beruhigen. Denn Ana fühlt sich schuldig, ihren Vater nicht bei seiner letzten Reise begleitet zu haben. Jener Reise, von der er nicht zurückkam. Und sie hofft, dass sie ihren Schmerz und ihre Trauer hinter sich lassen kann, wenn sie mit dem Bild nach Deutschland zurückkehrt.
Doch das Procedere erweist sich schwieriger als gedacht, denn die Mühlen der rumänischen Bürokratie mahlen langsam. Ana nützt die Zeit, um ihre weitverzweigte Familie zu besuchen. Sie reist zu Onkeln und Tanten, trifft Cousins und Cousinen. Dadurch bekommt der Leser ein anschauliches Bild vom Rumänien der Gegenwart, von den Unterschieden zwischen Stadt und Land, von verlassenenen Dörfern, weil ihre Bewohner nach 1989 ins Ausland gezogen sind. Andere Ortschaften schmücken sich für Touristen, die Arbeit und Geld ins Land bringen sollen. Viele Gespräche drehen sich auch um die aktuelle politische Situation. Die Rumänen sehen ihre Zukunft zwar in der EU, gleichzeitig aber setzen sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinander. Ana besucht einmal eine Bar, die Cocktails anbietet, die nach Daten rumänischer Geschichte benannt sind. So z.B. bezieht sich das Getränk namens „1784“ auf den Aufstand rumänischer Bauern gegen den ungarischen Adel. Sinnigerweise nennt sich die Bar
„ Déjà-vu“, „ weil es wichtig ist, seine Geschichte zu kennen, alles wiederholt sich.“
Gleichzeitig weckt diese Reise Erinnerungen an die Sommer ihrer Kindheit, denn jedes Jahr verbrachte sie die Ferien hier mit ihren Eltern.
Dabei erfährt der Leser nach und nach von Nicos tragischem Schicksal. Unter der Diktatur wurde er als Widerstandskämpfer verfolgt und inhaftiert. Ihm gelang danach die Flucht nach Deutschland. Dort wollte er allen erzählen, was in Rumänien wirklich passiert, musste aber bald feststellen, dass sich niemand dafür interessiert.
Die Autorin erzählt von den zwei Reisen ihrer Protagonistin, einer äußeren durch das Land und einer inneren durch ihre Erinnerung und die Vergangenheit ihrer Familie. Ana muss dabei lernen, dass Trauer nicht verschwindet, aber der Schmerz weniger wird. Am Ende kann sie mit vielem abschließen, „ aber zu Ende war es nicht“.
Maria Bidian erzählt in einer bildhaften und schönen Sprache; der ruhige und melancholische Grundton passt zur Geschichte. Sehr gut gefallen haben mir auch die in den Text eingebetteten Parabeln und Märchen, die lebensklug und amüsant sind.
Es war allerdings nicht immer leicht, den Überblick über die vielen Figuren zu behalten. Hier wäre ein Stammbaum hilfreich gewesen.
„ Das Pfauengemälde“ ist ein Familienroman, das uns Rumänien, seine Bewohner und seine Geschichte näherbringt. Ein Debut, das große Erwartungen weckt.











